Cover

Das Buch

Seien wir ehrlich: Haben wir nicht alle das Gefühl, »besser« sein zu müssen? Was wir haben und wer wir sind, scheint nie gut genug. Und so jagen wir ständig einem Phantom nach, das uns vollkommene Erfüllung verspricht ...

Mit Charme, erfrischender Klarheit und einfachen Übungen und Meditationen zeigt Mark Van Buren, wie wir erkunden, wer wir wirklich sind – und wie wir uns selbst aus ganzem Herzen lieben und akzeptieren können. So führt er uns zu der befreienden Erkenntnis: Wir müssen uns nicht verbiegen und endlos mühen, um perfekt zu sein. Alles, was wir zum wahren Glücklichsein brauchen, ist bereits in uns und wartet darauf, entdeckt zu werden. Jederzeit!

Der Autor

Mark Van Buren ist Achtsamkeits-, Yoga- und Meditationslehrer. Er hat intensiv mit Kindern und Erwachsenen mit Autismus und anderen besonderen Bedürfnissen gearbeitet. Unter dem Bandnamen »Seeking the Seeker« veröffentlichte er zwei erfolgreiche Alben, die von seinen inneren Meditationsreisen beeinflusst sind. Van Buren leitet Workshops und Retreats, ist gefragter Vortragsredner an US-amerikanischen Colleges und führt das Live Free Yoga Studio in River Edge, New Jersey.

http://www.authormarkvanburen.com/

Mark Van Buren

DU MUSST NICHT

PERFEKT SEIN,

NUR

GLÜCKLICH

Aus dem Amerikanischen übertragen von

Karin Weingart

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »A Fool’s Guide To Actual Happiness« bei Wisdom Publications, USA.

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Copyright © 2018 by Mark Van Buren

Originally published in 2018 by Wisdom Publications, USA

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by Lotos Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle Rechte sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München, unter Verwendung von Motiven von © banashree das /shutterstock und © hellokisdottir / gettyimages

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-24530-6
V001

www.Integral-Lotos-Ansata.de

www.facebook.com/Integral.Lotos.Ansata

Meiner Frau Michelle

sowie meinen wunderbaren Kindern

Mason Alexander und Madelyn Rose gewidmet

Inhalt

Vorwort

Einführung

Teil I: Konzepte und Überzeugungen

1. Selbsthilfe oder Selbsthass?

2. Ist das Glück wirklich ein warmes Hündchen wie bei den Peanuts?

3. Der gegenwärtige Augenblick

4. Die drei Daseinsmerkmale

5. Durch Leiden zu größerem Mitgefühl

6. Karma

7. Die zwei Aspekte des Geistes

Teil II: Anwendungen und Übungen

8. Achtsamkeit

9. Meditation

10. Sag einfach Ja

11. Shenpa

12. Die zwei Flügel der Meditationspraxis

13. Mitgefühl

14. Vergebung

Teil III: Wenn eins zum anderen kommt

15. Inspiration

16. Immer tiefer

17. Vorsicht, Falle!

18. Deine Gefühle zählen

19. Du bist nicht allein

20. Das Leben als Weg zum Erwachen

21. Angstfreiheit

22. Humor

23. Ehrlichkeit und Sanftmut

24. Die zwei Seiten der Medaille

25. Klarheit, nicht Perfektion

Nachwort

Dank

Bibliografie und Leseempfehlungen

Über den Autor

Vorwort

Glücklich sein wollen alle, aber nur ganz wenige wissen, wie es geht.

Sharon Salzberg

Wir alle wollen echt glücklich sein. Glücklich und zufrieden. Aber was heißt das eigentlich? Wo finden wir dieses »Glück«? Wenn’s recht ist, will ich dir da jetzt mal ein Geheimnis verraten: Echtes Glück ist jetzt. Zu irgendeiner anderen Zeit geht gar nichts. Suchst du es jenseits des gegenwärtigen Moments, bekommst du es nie zu fassen. Genauer gesagt, ist das echte Glück, ist die wahre Zufriedenheit sogar dein natürlicher Daseinszustand. Dein Geburtsrecht. Und es stellt sich nicht aufgrund irgendwelcher geistiger Verrenkungen ein, die du dir einfallen lässt, sondern einfach dadurch, dass du alles loslässt, was dich davon abhält. Wie ja auch die Sonne sogar noch hinter den dicksten Wolken scheint.

Echtes Glück und wahre Zufriedenheit sind nicht im Besitz irgendeiner Religion. Zugang dazu haben wir alle, ob wir uns nun konfessionell gebunden fühlen oder nicht. Und ja, genau: auch du! Und es ist so simpel und normal und im Grunde selbstverständlich, dass man es meistens schlicht übersieht: wie der Salzwasserfisch, der das Meer sucht, oder der arme Tropf, der auf einem dicken Sack Geld hockt. In unserem natürlichen Daseinszustand zu ruhen können wir lernen. Einfach indem wir alles, was uns der gegenwärtige Augenblick gerade bringt, bewusst wahrnehmen – inklusive Warzen und allem Möglichen. Und gelegentlich kriegst du dabei sogar einen Schimmer von innerer Stille – etwa beim Anblick eines atemberaubenden Sonnenuntergangs oder wenn dir etwas so Beängstigendes zustößt, dass es dir den Teppich unter den Füßen wegzieht und dir gar keine Wahl bleibt, als dich dem direkten Erleben hinzugeben. In solchen Augenblicken stößt du auf eine innere Ruhe, einen Frieden jenseits der Umstände, die du gerade erlebst – echtes Glück, wahre Zufriedenheit! Ganz so, als wärst du, wie es der Lyriker T.S. Eliot ausdrückte, am Ruhepunkt der sich drehenden Welt. Und von dort aus betrachtest du diese vorbeirasende Welt als einen sich ständig verändernden Fluss.

Mir persönlich hat der Buddhismus zu dieser Erkenntnis verholfen. Eines aber möchte ich von Anfang an klarstellen: Ich bin weder Meditationsmeister, buddhistischer Lehrer noch offizieller Vertreter einer bestimmten Traditionslinie. Sondern einfach ein Typ, der enorm von den buddhistischen Lehren profitiert hat. Außerdem liebe ich es, andere an nützlichen Erkenntnissen teilhaben zu lassen, die ich gewonnen habe. Manche sagen sogar, ich könnte ganz gut erklären. Und um auch das noch hinzuzufügen: Gelegentlich stelle ich mich reichlich blöd an. Hier ein Beispiel.

Während eines Retreats noch ziemlich am Anfang meiner Praxis hatte Chan-Meister Guo Ru in einem Teaching über das Loslassen jeglicher Anhaftung gesprochen – ein Thema, das für den Buddhismus von entscheidender Bedeutung ist. Und ich Depp meinte doch tatsächlich, beweisen zu können, dass ich total frei war von Anhaftungen aller Art. Brillanter hätte meine Idee nicht sein können. So tiefschürfend war sie. Richtig großartig. Ich würde eine Demonstration hinlegen, die keinen noch so geringen Zweifel daran ließe, dass ich sein Starschüler war. Alles würde ich auslöschen: nicht nur die Anhaftung an mich selbst, sondern auch an das, was die Leute von mir dachten. Wie ich das anstellen wollte, fragst du? Indem ich mir bei meinem persönlichen Gespräch mit dem Meister am Nachmittag einen Becher Wasser über den Kopf kippte. Weil doch nichts so gut löscht wie Wasser. Kapiert?

Als es dann so weit war, stellte sich heraus, dass mein persönliches Gespräch so persönlich gar nicht war. Jedenfalls fand es keineswegs unter vier Augen statt, wie ich eigentlich gedacht hatte. Nein, außer Guo Ru waren noch sein Übersetzer, ein Mönch und eine sehr ernst dreinblickende Nonne da. Doch ich ließ mich von den Zuschauern nicht aus der Ruhe bringen. Und ich hörte auch nicht auf den Assistenten des Meisters, der mir vor der Tür sagte, das Wasser dürfe ich aber nicht mit in den Raum nehmen. Und da stand ich dann also: mit dem Becher in der Hand vor diesem Furcht einflößenden Trupp höchst ernsthafter Buddhisten. Statt mich nun jedoch auf mein Kissen zu hocken, blieb ich stehen und sagte: »Mein ganzes Leben lang habe ich mich darum geschert, was die anderen wohl von mir halten. Aber damit soll jetzt Schluss sein!« Nach diesem Statement hob ich den Arm, goss mir den Becher lauwarmes Wasser über den Kopf und verkündete: »Ich wäre jetzt also so weit!« Ich warf mich vor dem Meister und den Zuschauern nieder. Und blieb erst mal liegen. Mit dem Gesicht nach unten.

Nach einem kurzen Moment der Genugtuung beschloss ich, mich aus meiner Niederwerfung wieder hochzuschrauben und den Meister anzuschauen, von dem ich mir absolut sicher war, dass er tief beeindruckt sein und mich anstrahlen würde. War er aber nicht. Und tat er auch nicht. Noch nicht einmal amüsiert hatte ich ihn (geschweige denn sonst jemanden aus dem Publikum). Also beendete ich meine Performance mit der Frage, ob ich mir vielleicht ein Handtuch ausborgen dürfe.

In seiner ganzen Großherzigkeit erklärte Guo Ru daraufhin, dass das Loslassen nichts äußerlich Sichtbares sei, sondern eher ein inneres Loslassen hinein in die wahre Natur des Selbst; und das lasse sich durch keine wie auch immer geartete Show unter Beweis stellen.

Und obwohl das alles ausgesprochen dämlich von mir war – gar kein Zweifel! –, hatte es bei aller Peinlichkeit doch auch etwas Befreiendes an sich. Denn mir wurde dabei bewusst, dass ich keine Angst davor gehabt hatte, wie ein Depp dazustehen. Ich fand es ausnahmsweise mal vollkommen in Ordnung, einfach nur der Dödel zu sein, der ich nun einmal bin.

Shunryu Suzuki hat das Beschreiten des Pfades einmal als einen »einzigen kontinuierlichen Fehler« bezeichnet – was auf mich mit Sicherheit zutrifft. Aber es hatte auch einen unglaublich tief greifenden Einfluss auf mein Leben. Weil es mir etwas vermittelt hat, das ich nur als echtes Glück, als wahre Zufriedenheit bezeichnen kann.

Ich bin jetzt schon eine ganze Weile auf dem buddhistischen Pfad unterwegs (circa zehn Jahre) – und obwohl das im kosmischen Gefüge nicht gerade lang ist, nehme ich den Pfad ernst (wenn auch mit einer Prise Humor) –, und bin zuversichtlich, dass dieses Buch und die Praktiken, um die es sich dreht, etwas Substanzielles zu bieten haben. Ich betrachte mich in Sachen Praxis zwar immer noch als eine Art Depp, glaube aber dennoch, dass dir einiges von dem, was ich im Laufe der Zeit gelernt habe, auf deinem spirituellen Weg hilfreich sein kann. Brichst du gerade erst auf, dann bin ich dir vielleicht ein paar Schritte voraus, sodass ich dich vor einigen der Fallen, in die ich am Anfang getappt bin, warnen und dir auch einige meiner Erkenntnisse vermitteln kann. Solltest du schon etwas länger auf dem Pfad unterwegs sein, darf ich vielleicht ein Stückchen neben dir hergehen und dir dabei womöglich eine frische, neue Perspektive auf die alten Lehren vermitteln.

Also, was meinst du? Wollen wir los?

Einführung

Sobald wir glücklicher werden wollen, hören wir auf, glücklich zu sein.

Walter Savage Landor

Im Anschluss an den Vortrag eines buddhistischen Lehrers ließ uns eine Zuhörerin an ihren Erfahrungen teilhaben: Egal, wie häufig und intensiv sie meditiere und wie bewusst sie ihren Tag auch erlebe, sagte sie, sei sie doch immer noch ihr altes beschissenes Selbst. Dieses brutal ehrliche – wiewohl humoristisch verpackte – Eingeständnis ließ mich aufhorchen. Endlich war da mal jemand, dem es genauso ging wie mir! Ich kannte diese Frau nicht, war ihr nie begegnet; aber zu hören, dass sich noch jemand so abstrampelte wie ich, stellte für mich eine unglaubliche Erleichterung dar. Auch bei ihr schien es so zu sein, dass sie bei allen Anstrengungen, die sie unternahm, nicht die von ihr erwarteten Fortschritte machte. Seither bin ich, nach einer Menge Reflexion und Selbststudium, zu der Erkenntnis gelangt, dass es für mich einfach nur darum geht, mein eigenes beschissenes Selbst zu sein. Mehr noch: Ich habe erkannt, dass auch mein Pfad darin besteht, genau und total ich selbst zu sein – ganz ich selbst mit all meinen Neurosen, meinem Leiden, meiner ganzen Befähigung, zu lieben und Freude zu empfinden. Kein Kämpfen mehr, kein Weglaufen vor dem, der ich tatsächlich bin, Schluss mit den Versuchen, jemand anders zu sein.

Nach vielen Jahren der Schulung, Ausbildung und, ja, auch heftiger Zusammenstöße mit meinen eigenen hohen Erwartungen, habe ich schlussendlich kapiert, dass ich gar nicht so erbittert versuchen muss, mit mir und meinem Leben Frieden zu schließen. Das war auch der Auslöser dafür, dieses Buch zu schreiben: Ich wollte die Leserinnen und Leser auf meine Reise mitnehmen und hoffe, dass auch du die Chance bekommst, dich von allem zu befreien, was dich fesselt.

Du musst kein perfekter Mensch werden – und niemanden vergöttern. Die einzigen Vorbilder, zu denen du aufschauen solltest, sind die Leute, die bereit sind, sich ernsthaft und aufgeschlossen mit sich selbst und ihrem Leben auseinanderzusetzen. Mit der Zeit wirst du merken, dass du dich in dem Maße, in dem du aufhörst, dich unter allen Umständen verbessern zu wollen, ganz von allein veränderst.

Die in diesem Buch dargestellten Gedanken und Praktiken haben mir zu großer Gelassenheit verholfen, und ich könnte wetten, dass sie genau dasselbe auch mit dir machen. Denn ich bin davon überzeugt, dass auch du lernen kannst, dich weniger anzustrengen und dafür einfach zu sein und dich allmählich in ein erfüllteres Dasein hineinzuleben, in dem du keinen Widerstand mehr leistest gegenüber Schmerz und Ungewissheit, sondern auch solche Dinge als Chance zu weiterer Befreiung siehst. Aber was noch viel wichtiger ist: Ich hoffe, dass du aufhören kannst, dich abzuquälen, und zu akzeptieren lernst, dass dein »beschissenes, dämliches Selbst« – auf seiner tiefsten Ebene – schon längst gut genug ist. Aber so was von genug!

Teil I

Konzepte und Überzeugungen

1

Selbsthilfe oder Selbsthass?

»Besser« ist der Feind des Guten.

Neulich in einem Glückskeks

Aktuell sind Tausende von Selbsthilfebüchern auf dem Markt: Bücher, die dir dabei helfen sollen, ein »besserer Mensch« zu werden, damit du endlich glücklich sein kannst; Bücher, die dir sagen, dass du, wenn du immer weiter an dir arbeitest, es irgendwann geschafft hast; die dir versichern, dass du in nur drei einfachen Schritten gesund, reich und sorgenfrei werden und bis an dein Lebensende bleiben kannst. Dies ist keines dieser Bücher. Ich verspreche dir keine endgültige Lösung all deiner Probleme. Und gebe auch nicht vor, dass die Lektüre allein dich oder dein Leben auf magische Weise »verbessern« könnte. Weder ich noch irgendjemand anders vermag die unvermeidlichen Schmerzen und Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, denen wir alle über kurz oder lang begegnen. Aber ich hoffe doch, dass ich dir in Gestalt der Konzepte, Methoden und Übungen, die ich selbst in mein Leben integriert habe, einen realistischen Entwicklungsplan für echtes Glück und wahre Zufriedenheit an die Hand geben kann. Mit den aufgezeigten Möglichkeiten, den zehntausend Freuden und Sorgen deines Lebens hellwach und entspannt entgegenzutreten, verbinde ich die feste Überzeugung, dass auch du das Potenzial besitzt, inmitten all deiner Unzulänglichkeiten tiefen inneren Frieden zu finden.

Ich möchte dir zeigen, dass du alles, womit du es zu tun bekommst, als Pfad zur Erkenntnis einer Weisheit nutzen kannst, die du schon längst in dir hast. Und wie dir alles, was sich in deinem Leben ergibt, dazu dienen kann, Liebe und Mitgefühl für dich selbst und alle Lebewesen zu kultivieren. Aber was noch wichtiger ist: Ich möchte, dass du die Last ablegst und aufhörst, mit aller Kraft eine idealisierte Version deiner selbst werden zu wollen und stattdessen anfängst, jeden einzelnen, einzigartigen Moment deines einzigartigen Daseins intensiv zu erfahren. Wie wir alle wirst auch du dich manchmal wahnsinnig toll fühlen und bei anderer Gelegenheit ausgesprochen mies. Aber ein intensives Leben und echte innere Ruhe kannst du nur bei voller Präsenz erleben; mit großem Gleichmut und Akzeptanz der Dinge, wie sie in dem Moment eben sind. Jetzt mal ehrlich: Wenn du nicht bewusst und geistesgegenwärtig bei dem bist, was in deinem Leben gerade geschieht – lebst du dann überhaupt?

Versteh mich bitte nicht falsch: Ich sage nicht, dass es falsch ist, wenn du an dir arbeitest. Gar nicht. Es gehört definitiv mit dazu. Falsch ist nur, dass hinter dem Wunsch, sich zu »verbessern« in aller Regel eine subtile Form von Aggression gegen dich selbst steht. Genauso ist es mit dem Glauben, mit dir würde irgendetwas nicht stimmen: Auch dahinter verbirgt sich gegen die eigene Person gerichtete Aggression. In beiden Fällen haben wir es mit Selbsthass und -ablehnung zu tun, die sich oft clever als etwas Positives tarnen. Und solange wir diese Tarnung nicht durchschauen, verringern wir unsere Chancen auf Zufriedenheit und Selbstakzeptanz. Der Selbsthass, der tief in unserer Kultur verankert ist, hat sich auch in viele großartige Methoden und Praktiken eingeschlichen, die eigentlich der Befreiung dienen sollten, wie Achtsamkeit und Meditation zum Beispiel. Wenn wir am Anfang dieser inneren Prozesse stehen, pervertieren wir sie nur allzu oft, indem wir sie zu neuer Munition umschmelzen, die wir gegen uns richten. Die Übungen, die eigentlich dazu gedacht sind, auf heilsame Weise mit unseren Gedanken und Emotionen zu arbeiten, scheinen so den gegenteiligen Effekt zu haben: Weil uns zu viele Gedanken im Kopf umherspuken, werden wir sauer auf und ungeduldig mit uns oder wir hadern mit unserem emotionalen Ballast, der einfach nicht auf magische Art und Weise verschwinden will. Passiert auch mir! Ich kämpfe immer noch damit, wenn ich die Idee, »besser« sein zu wollen, als ich es bin, allzu nahe an mich heranlasse. Mit den Jahren aber habe ich gelernt, diese Hirngespinste zu durchschauen. Ich habe gemerkt, wie viel Leiden sie erzeugen, wenn ich an ihnen festhalte, und praktikable Möglichkeiten gefunden, sie endlich gehen zu lassen.

Das Bestreben, ein »besserer« Mensch zu werden, wächst sich leicht zu ungesundem Perfektionismus aus und führt zur Vermeidung negativer Emotionen, Gedanken und Situationen, indem so getan wird, als wäre alles ganz okay. Aus dieser Vermeidungshaltung wiederum entsteht ein Haufen Dualitäten, wie etwa richtig und falsch, gut und schlecht, »ich sollte dies« und »sollte nicht das«, woraus strikte Regeln und Vorschriften erwachsen, die einem ständig ein schlechtes Gewissen vermitteln, weil man dem eigenen »idealen« beziehungsweise »besseren« Selbst nicht gerecht wird. Auf die Idee, reparaturbedürftig, weil nicht gut genug zu sein, sind wir alle schon reingefallen. In zig Situationen und unter den unterschiedlichsten Umständen.

Zum Beispiel indem uns eingeredet wurde, dass alle Welt besser wäre als wir. Von Eltern, die uns so und so haben wollen; von Lehrern, die uns durchfallen lassen, wenn wir ihren scherenschnittartigen Vorstellungen von Schulbildung nicht entsprechen; von religiösen Wortführern, die uns für geborene Sünder halten; von Zeitschriften, die uns zeigen, dass wir nicht sexy genug sind; von Promis, die uns vor Augen führen, dass wir nicht genügend Geld besitzen; und von der Werbewirtschaft, die uns einreden will, dass wir nie genug Kram und Zeugs haben. So werden wir pausenlos mit der Botschaft bombardiert, dass das, was wir sind und haben, einfach nicht reicht. Aber ich sag dir: Es ist höchste Zeit, dass du aufhörst, dir solchen Quatsch noch länger anzuhören. Und erst recht ihn zu glauben. Nichts an dir muss repariert werden, und du brauchst definitiv nicht noch mehr Kram und Zeugs, um glücklich und zufrieden zu werden. Denn alles, was du in diesem Moment brauchst, um dich in deiner Haut und deinem Leben wohlfühlen zu können, hast du bereits.

Ein anderes Problem an dieser Idee der Selbstoptimierung besteht in der Überbetonung der Zukunft. Mit anderen Worten: Dieser »bessere« Mensch, der du einst werden möchtest, ist jetzt noch gar nicht da, sondern er entsteht bestenfalls irgendwann in der Zukunft, nachdem du dich von all dem Mist, den du an dir nicht magst, sowie aus dem Leben, das du gegenwärtig führst, verabschiedet hast. Aber dann kommt das Kleingedruckte: Diese gedachte Zeit an dem gedachten Ort, in der alles perfekt und genau so ist, »wie es sein soll«, wird nie existieren, nie greifbar sein. Ja, mehr noch: Dieses ewige Sehnen nach deinem »zukünftigen Ich« beraubt dich auch der tieferen Freude und Zufriedenheit, die daraus entstehen, dass du dich kopfüber in das raue, wunderschöne Desaster stürzt, das du so verzweifelt zu ändern versuchst. Und könnte es nicht vielleicht sein, dass genau dieser Wunsch, etwas anderes zu werden, als du bist, das ganze Leiden überhaupt erst hervorbringt, dem du so gern entkommen würdest?

Tatsache ist, dass sowohl Glück und Zufriedenheit als auch das Leiden bedingt sind. Bedingtes Glück entsteht auf der Basis bestimmter Ursachen und Bedingungen, hält ein Weilchen an und endet dann wieder – immer. Genauso geht es mit dem Leiden: Es entsteht auf der Basis bestimmter Ursachen und Bedingungen, hält eine Weile an und endet. Man kann weder das Glück länger festhalten noch dem Leiden für immer entkommen. Denn es liegt nun mal in der Natur der Dinge, dass alles auseinanderfällt. Und selbst für den Fall, dass es dir irgendwann gelingen sollte, alles zusammenzukriegen: Das Leben wird sich unweigerlich wieder verändern und deine zeitweilige Perfektion ins Reich der Erinnerungen verbannen. Diese Aussage mag dir pessimistisch vorkommen. Aber sobald du sie in dein Herz lässt, wirst du sie eher wie eine frische Brise Realismus empfinden. In Wirklichkeit ist sie eine richtig gute Nachricht.

Natürlich kannst du bis ans Ende deiner Tage versuchen, eine perfekte Fantasieperson zu werden. Ich würde es dir aber nicht empfehlen. Verschwende dein Leben lieber nicht auf das Bestreben, dich zu einer unerreichbaren Version deiner selbst mausern zu wollen. Perfekt wirst du nie sein. Und genau das ist perfekt so. Der Weg zur Vollkommenheit kann nur in Erschöpfung und Enttäuschung enden, derweil dein Leben an dir vorbeizieht. Der friedlichere und praktischere Ansatz besteht darin, von Moment zu Moment einfach du selbst zu sein, zu akzeptieren, dass das Menschsein eine chaotische Angelegenheit ist, bei der man sich durchaus auch mal die Hände schmutzig macht – sozusagen. Der ständige Versuch, irgendwann einmal jemand anders zu werden, macht nicht glücklich, denn Fakt ist: Es wird nie dazu kommen. Warum zeigst du dich also nicht gleich so, wie du bist? Genau hier. Genau jetzt. Erlaub dir, die Idee loszulassen, du seiest nicht gut genug, und mach dir klar, dass eben darin der Weg zu echter Freiheit liegt.

2

Ist das Glück wirklich ein warmes Hündchen wie bei den Peanuts?

Mein Leben hat keinerlei Sinn, keine Richtung, kein Ziel, keine Bedeutung, und trotzdem bin ich glücklich. Irgendwas mach ich wohl richtig. Aber ich hab keine Idee, was es sein könnte.

Charles M. Schulz

Wir versuchen doch alle nur, glücklich und zufrieden zu sein: Ob wir in der Schule nach guten Noten streben, Urlaube planen, Liebe und Zuneigung suchen – was auch immer. Dafür tun wir alles; als Individuen, Gesellschaften und sogar als Spezies. Das Streben nach Vergnügen und Sicherheit bei gleichzeitiger Vermeidung von Unannehmlichkeiten und Ungewissheit scheint der logische Weg ins Glück zu sein. Nur dass es den leider nicht gibt. Funktioniert so einfach nicht. Guck dir doch dein Leben mal an, ganz ehrlich: Hat dir dieser Ansatz je bleibende Erfüllung oder Seelenfrieden beschert? Denn wenn es wirklich so einfach wäre: Hätten wir dann nicht alle das Lebensglück längst gefunden? Und wären die Hersteller von Psychopharmaka nicht schon seit Langem pleite, weil niemand mehr Medikamente gegen Angst und Depressionen brauchen würde? Das ist eindeutig nicht der Fall.

Also … Aber was ist das eigentlich: Glück? Die meisten verstehen darunter das Streben nach angenehmen Gefühlen und positiven Gegebenheiten. Aber wie du es auch beschreibst, eines trifft immer zu: Glück ist allenfalls flüchtig, vorübergehend und hinterlässt den ewigen Wunsch nach mehr. Sobald das »Warm puppy«-Gefühl (»warmes Hündchen«, nach den Peanuts von Charles M. Schulz) anfängt nachzulassen, will man mehr davon. Was den Leuten nicht klar ist: Dieses Streben nach Glück ist von Grund auf daneben, weil es uns in einem ständigen Leidenszyklus gefangen hält: Du willst das Glück, jagst ihm nach, findest es, bekommst Angst, es wieder zu verlieren, verlierst es tatsächlich und versuchst danach verzweifelt, es wiederzufinden. Kommt dir das bekannt vor? Wenn nicht, guck noch mal genauer hin. Solange wir dem Glück ständig hinterherjagen, bekommen wir es nie zu fassen.

Für Albert Einstein bestand Wahnsinn bekanntermaßen darin, »immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten«. Dem Glück nachzulaufen – genau das haben wir schon unser ganzes Leben lang getan, wenn nicht länger. Was ist für dich dabei herausgekommen? Nicht so viel, oder? Glaubst du nicht, dass es an der Zeit wäre, mal etwas anderes auszuprobieren?

ist

Das ist das echte Glück. Und die gute Nachricht: Du kannst es jetzt sofort haben.