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Horst Friedrichs

Krimi Doppelband 40: Brisante Lieferung / Trevellian und das Washington-Komplott

Krimi Doppelband 40: Brisante Lieferung / Trevellian und das Washington-Komplott

Horst Friedrichs

Dieses Buch enthält folgende Krimis:


Horst Friedrichs: Brisante Lieferung

Horst Friedrichs: Trevellian und das Washington-Komplott



In Washington soll in Kürze der Kongress für Innere Sicherheit stattfinden, wo alles, was Rang und Namen in der Politik hat, versammelt sein würde. Der Präsident der Vereinigten Staaten. Elliot Payne, Leiter der Abteilung Terrorismusbekämpfung im FBI-Hauptquartier, befürchtet einen Terroranschlag der Al-Qaida. Die Special Agents Trevellian und Tucker vom New Yorker FBI-Büro sollen Paynes Ehefrau Corinna vor einer möglichen Geiselnahme schützen, damit ihr Mann nicht erpressbar ist. Die G-Men können Schlimmeres verhindern, als man tatsächlich versucht, die Frau des Assistant Directors zu entführen – aber kurz darauf verschwindet Corinna Payne plötzlich spurlos ...



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author /COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

Www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Brisante Lieferung

Krimi von Horst Friedrichs


Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.


Eine halbe Million – soviel hat eine Bande von Ganoven erbeutet. Doch einiges ist schief gegangen, einer der Gangster hat sich mit dem Geld abgesetzt, die übrigen sechs teilen sich in zwei Gruppen und versuchen ihn wieder aufzuspüren. Völlig unbeteiligt wird eine harmlose Familie in den Fall verwickelt, und der FBI-Agent Jesse Trevellian erhält plötzlich per Paketservice eine brisante Lieferung.



1

Milchig-graue Nebelschwaden stiegen aus dem feuchten Gras, waberten der Sonne entgegen, die ihre ersten blassen Strahlen vom östlichen Horizont herüberschickte.

Der Mann zitterte. Die Kälte des Morgens drang ihm bis auf die Knochen. Keuchend verharrte er im schützenden Unterholz am Rand des Wäldchens. Auf seiner Stirn erkalteten die Schweißperlen, sobald sie hervortraten.

Nur das Blut, das aus seiner Wunde sickerte, spendete noch Wärme – eine brennende, unnatürliche Wärme. Der Schmerz strahlte von seiner Brust aus, ließ Arme und Beine mit jedem Atemzug matter werden.

Vorsichtig, um keine Geräusche zu verursachen, setzte er den Koffer ab.

Mit dreckverschmierter Hand wischte er sich über die Augen. Er blinzelte angestrengt, bis das Bild klarer wurde.

Keine Vision, kein Trugschluss durch überforderte Sinne.

Das Mädchen war wirklich da. Nur dreißig Yards entfernt, Im Garten des einsamen Hauses, am Fuß des bewaldeten Hügels.

Ein Grinsen huschte über das schweißnasse Gesicht des Mannes. Seine Rechte fuhr unter die blutverkrustete Jacke und ertastete den kühlen, beruhigenden Pistolengriff.

Pier 99 an der Westside von Manhattan ist kein erhebender Anblick. Ein riesiger Schuppen aus verwitterten Holzplanken; die vom Zahn der Zeit gefressenen Löcher mit rostigem Wellblech geflickt.

Pier 99 nennt sich hochtrabend ›Disposal Station‹ und gehört dem Department of Sanitation, New York City – eine von vielen stinkenden, schmutzstarrenden Verladestellen der New Yorker Müllabfuhr. Großbauchige Schuten transportieren tagtäglich Tonnenladungen jenes Unrats, den das Wegwerfzeitalter in Millionen von New Yorker Haushalten, Restaurants und Betrieben hervorbringt. Auf dem Wasserweg erreicht der nutzlos gewordene Wohlstandsabfall sein Ziel, um letzten Endes doch noch einen Zweck zu erfüllen: An der Atlantikküste von Staten Island wächst neues Land ins Meer hinein. Land aus Müll.

Kreischende Möwenschwärme kreisten über dem Pier, der als großes düsteres Rechteck in den Hudson River ragt. Leere Flaschen, zersplitterte Obstkisten und rostende Spraydosen bewegten sich im schwachen Wellengang des Brackwassers vor der Kaimauer.

Ich stoppte meinen Sportwagen vor einem der Poller, an denen in früheren Jahrzehnten noch Passagierdampfer oder Überseefrachter festgemacht haben. Heute kann man die Seeschiffe, die an Manhattans Westside-Piers liegen, meistens an den Fingern einer Hand abzählen.

Motorengedröhn hüllte meine Gehörgänge ein, als ich den Flitzer verließ.

Schwere Müllfahrzeuge rangierten rückwärts an das Piergebäude heran und entleerten ihre stählernen Behälter in die unergründliche, übelriechende Dunkelheit des Schuppens. Männer in orangefarbenen Overalls stocherten mit Stangen in den herausschwappenden Unrat, damit sich in den Förderbändern nichts festsetzte. Draußen, vor dem Anleger des Piers, lagen die ersten beladenen Schuten, die auf einen Schlepper warteten.

Ich zupfte mein Jackett zurecht und näherte mich dem Motorengedröhn und Möwengekreische. Frühe Sonnenstrahlen brachen sich über der Skyline von Manhattan. Der nahe Westside-Highway und die Piers lagen noch im Schatten. Es war kühl an der Wasserseite.

Ich ging auf einen der orangefarbenen Müllmänner zu und baute mich neben ihm auf, so dass er mich sehen konnte. Nur kurz wandte er den Kopf in meine Richtung, nickte und stocherte dann weiter in dem stinkenden Schwall, der sich aus dem Müll-Truck auf das breite Förderband ergoss. Im inneren Ladebecken des Piergebäudes waren schemenhaft die Umrisse jener Schuten zu erkennen, über deren offenen Bäuchen die Förderbänder endeten.

Ich tippte dem Orangefarbenen auf die Schulter.

»Harry Comden!«, brüllte ich gegen den Lärm an. Im Office des Department of Sanitation an der West 57 th Street hatte ich erfahren, dass Comden an diesem Morgen auf Pier 99 eingesetzt war. Schichtarbeit, gut bezahlt, aber dreckig.

Der Mann im Overall unterbrach sein Stochern für einen Moment und deutete mit ausgestrecktem Arm zum Außenanleger des Piers.

Ich bedankte mich mit einem Handzeichen und stiefelte los. An der linken Seitenwand des Piergebäudes zogen sich die mächtigen Eichenbohlen hin, die hier den Anleger bildeten. Ein schmaler, glitschiger Streifen, auf dem man sich bewegte. Genauso sah es auf der anderen Seite des Piers aus. Hier wurden die beladenen Schuten vertäut, nachdem man sie aus dem inneren Ladebecken gezogen hatte.

Den Motorenlärm hörte ich jetzt nur noch gedämpft. Um so intensiver dafür das Kreischen der ewig hungrigen Möwen, die mit scharfen Augen über dem Müll schwebten und nach Verwertbarem spähten.

Ich entdeckte Harry Comden hinter dem Heckaufbau der zweiten Schute. Er trug einen orangefarbenen Overall, wie die anderen. Seine Tätigkeit verdankte er dem wachsenden Einfluss der Umweltschützer. Müll, der auf dem Rand der Schute liegengeblieben war, beförderte er mit einer Forke hinunter in den Laderaum. Auf dem Weg zur Staten-Island-Küste sollte möglichst wenig in den Bach geweht werden.

Obwohl er mir den Rücken zuwandte, bemerkte er mich, noch bevor ich auf gleicher Höhe mit ihm war. Sein instinktmäßiges Warnsystem funktionierte hervorragend.

Schwungvoll drehte er sich um und stützte sich auf den Forkenstiel. Sein grobporiges Gesicht verfinsterte sich, als er mich erkannte.

Ich lächelte höflich, wie es die Allgemeinheit von einem korrekten G-man im Dienst erwartet. Aber Harry Comden war nicht die Allgemeinheit, und er erwartete von einem G-man nichts Gutes. Vor allem nicht von mir.

Ich flankte hinüber auf das stählerne Achterdeck der Schute, ein Halbrund von höchstens zehn Quadratyard. Die Hälfte dieser Fläche beanspruchte der Aufbau. Ein schwarz gestrichener Holzkasten mit Schiebetür. Gerätschaften wie Harry Comdens Forke wurden darin aufbewahrt.

Er rührte sich nicht, starrte mich über die schwieligen Fäuste hinweg an, die auf dem oberen Ende des Forkenstiels ruhten. Diese Fäuste hatten es in sich. Dampfhämmer, von überdurchschnittlicher menschlicher Muskelkraft betrieben. Vor zehn Jahren hatte Harry Comden mit diesen bloßen Fäusten einen Mann erschlagen. Ohne irgendwelche Tricks wie Karate oder ähnliches. Einfach so, mit der Urgewalt seiner Pranken. Weil der andere ihn angegriffen hatte, war Comden mit einem blauen Augen davongekommen. Vor Gericht, symbolisch gesehen. Zwei Jahre war es jetzt her, dass ihn der Gnadenausschuss aus dem Gefängnis entlassen hatte. Wegen guter Führung. Seitdem stand er unter Bewährung. Er wusste, was das bedeutete. Und er wusste, wie genau ich das wusste. Dabei hatte ich mit seiner Verhaftung und seiner Verurteilung nicht das Geringste zu tun. Nein, hinter unserer Bekanntschaft steckte ein völlig anderer Grund.

Zwei Schritte vor ihm blieb ich stehen, lehnte mich mit der linken Schulter an den Gerätekasten. Zur Rechten kreisten die Möwen über dem Schutenbauch, stießen hin und wieder im Sturzflug hinunter, um verfaultes Fressbares zu bergen.

»Hallo, Harry«, sagte ich.

»Hallo, Bulle«, entgegnete er mürrisch. Zur Demonstration seiner Gelassenheit zupfte er eine zerknautschte Zigarettenpackung aus der Brusttasche seines Overalls und klemmte sich einen Glimmstängel zwischen die schmalen Lippen, um ihn umständlich in Brand zu setzen.

Harry Comdens Körperbau erinnerte frappierend an einen Schrank. Breite, eckige Schultern. Kantiger Schädel auf kurzem, stiernackigem Hals. Sein kurzes Haar war blond, mit einem leichten rötlichen Schimmer.

»Eine Ahnung, weshalb ich hier bin?«, erkundigte ich mich.

Er schüttelte den Kopf. Grinste ein bisschen.

»Nicht die Spur, Bulle.« Sein Tonfall war herausfordernd.

Ich quittierte es mit innerer Ruhe.

»Es geht nicht um dich, Harry«, erklärte ich gedehnt, »dein Bewährungshelfer sagt, dass du ein anständiger Kerl geworden bist. Kein Grund zur Klage.«

»Hört man gern«, feixte er. Er inhalierte durch den rechten Mundwinkel und blies den Tabakrauch in dünnem Strahl aus dem linken Mundwinkel. »Aber ich krieg meine paar Dollars nicht für’s Rumstehen und Quatschen. Also sag deinen Spruch auf, Bulle. Dann sag ich dir, dass mit Aushorchen bei mir nichts drin ist, und du kannst dich schwenken.«

»Ich fürchte, du siehst das zu einfach, Harry«, konterte ich kopfschüttelnd. »Es dreht sich um dein Bruderherz. Wie es aussieht, hat der liebe Joe ein Ding gedreht, kaum dass sie ihn in Sing-Sing vor die Tür gesetzt haben.«

Harrys Augen verengten sich zu Schlitzen. Ich hatte den Grund unserer Bekanntschaft erwähnt. Und ihn damit auf den Nerv getroffen.

»Verschwinde!«, zischte er. »Verschwinde, oder …«

Ich hielt ihm mahnend die flache Hand entgegen.

»Langsam, Harry. Ganz langsam! Denk an deine Bewährungsfrist!«

Er stieß einen verächtlichen Knurrlaut aus.

»Wenn ich dich sehe, Trevellian, hört das Denken bei mir auf!«

Ich hätte entgegnen können, dass es mit dem Denken ohnehin nicht gerade überwältigend bei ihm war. Aber ich schenkte mir diese Bemerkung. Die Informationen, hinter denen ich her war, bekam ich garantiert nicht, wenn ich ihn bis aufs Blut reizte. Deutlich sah ich, wie sich seine Haltung straffte. Ein aggressives Funkeln zeigte sich in seinen graublauen Augen.

»Harry«, sagte ich ruhig, »niemand will dir an den Kragen. Mir hat der Fernschreiber eine Meldung aus Connecticut auf den Tisch geweht. Vor genau drei Tagen ist die Bank of Commerce in New Canaan überfallen worden. Willst du wissen, wie viel Bucks Joe und seine Kumpels an Land gezogen haben? Fünfhunderttausend, Harry! Eine halbe Million Dollar!«

Sein breites Gesicht verzerrte sich jäh.

»Jetzt hör mal zu, Bulle!«, fauchte er wütend. »Woher nimmst du die verdammte Frechheit, einfach zu behaupten, dass Joe es gewesen ist? Woher willst du das wissen, he?«

Ich nickte geduldig.

»Berechtigte Frage, Harry. Die Männer, die die Bank überfielen, waren maskiert. Keiner konnte identifiziert werden. Aber es war Joes Handschrift. Unverkennbar. Formbare Sprengmasse zwischen die Sprechschlitze der Kassenbox. Du kennst die Methode. Joes Spezialität, genau wie damals.«

»Na und? Jeder kann das nachmachen. Und Joe hat dafür den Ärger am Hals. Ist doch ’ne verdammt klare Sache, oder? Irgend so ein verdammter Strolch hat gewartet, bis sie Joe entlassen haben. Okay, und dann hat dieser Strolch sich gesagt, ich mach’s mit Joe Comdens Masche; dann wissen die Bullen, in welcher Richtung sie suchen müssen, und ich kann mich in aller Ruhe absetzen. So einfach ist das, Trevellian!«

»Haargenau deshalb will ich mit dir reden, Harry. Dein Bruderherz ist nämlich verschwunden. Unter der Adresse, die er bei seiner Entlassung angegeben hat, war er nicht zu erreichen. Meine Kollegen in Connecticut würden mächtig gern mit Joe reden, um herauszufinden, ob es tatsächlich einen Nachahmer gegeben hat. Kommt er mit einem handfesten Alibi, ist Joe hundertprozentig aus dem Schneider.«

»Ich weiß von nichts«, knurrte Harry Comden, »du hast deinen Spruch runtergebetet, ich hab zugehört, fertig. Also verschwinde jetzt!«

Ich lächelte kalt.

»Harry, Harry«, sagte ich tadelnd, »in all den Jahren hast du noch immer nicht dazugelernt. Glaubst du, ich lasse mich so einfach wegschicken?«

Ein bösartiges Grinsen kerbte sich plötzlich in seine Mundwinkel. Mit Daumen und Zeigefinger der Linken packte er den Zigarettenstummel und schleuderte ihn in den offenen Laderaum. Eine Möwe setzte zum Sturzflug an, ging jedoch sofort wieder zum Steigflug über, als sie den Irrtum erkannte.

Harry Comden packte den Forkenstiel mit beiden Fäusten.

Ein blitzschneller Ruck.

Ich erstarrte.

Vier blankgewetzte Zinken mit messerscharfen Spitzen zeigten auf meine Magengegend.

»Damit du klarsiehst …«, zischte Comden, »wir haben hier keine Zeugen, Trevellian. Erstens gehst du mir mächtig auf den Zeiger. Zweitens kann ich dir endlich die Quittung dafür verpassen, dass du Joe damals ins Jail gebracht hast. So eine Gelegenheit krieg ich doch nie wieder, stimmt’s?«

In seinen Augen glühte es hasserfüllt. Kein Zweifel, dass er es ernst meinte. Tödlich ernst.

»Okay, Harry«, nickte ich, »du willst es also wissen.« Ich deutete auf die Forkenzinken. »Angenommen, du schaffst es, mich damit zu durchlöchern … weißt du, was du dir dafür einhandelst? Deine Kollegen haben mich gesehen, als ich hergekommen bin. Und meine Kollegen im Office wissen, wohin ich wollte. Rechne es dir aus, Harry.«

Er lachte rau. Unvermittelt schleuderte er die Forke beiseite, über den Gerätekasten hinweg auf den rückwärtigen Teil des Achterdecks.

Lauernd beugte er den muskelbepackten Oberkörper vor. Seine Pranken ballten sich zu Dampfhammerfäusten.

»Ich bin nicht so verrückt, dich kaltzumachen. Meine Quittung sieht anders aus, Trevellian. Wenn du diesen Kahn verlässt, dann wirst du froh sein, dass du noch auf allen Vieren kriechen kannst.«

Ich dachte nicht daran, mich eingeschüchtert zu zeigen, obwohl ich wusste, dass ich gegen diese Kampfmaschine nur eine winzige Chance hatte. Wenn er mich voll erwischte, war ich fertig. Es gab eine Menge Leute, die behaupteten, dass Harry einen jungen Stier mit einem einzigen Fausthieb in die Knie zwingen konnte.

Ich wich einen halben Schritt von dem Kastenaufbau weg. Meine Muskeln spannten sich.

Er registrierte es und grinste.

Ich sah seine tückisch funkelnden Augen und die unbezähmbare Angriffslust darin. Nichts hielt ihn mehr davon zurück, seine Bewährungsfrist aufs Spiel zu setzen. Mein Auftauchen hatte die Sicherungen in ihm durchbrennen lassen, ich wusste es. Und ich erinnerte mich daran, wie ich damals im Jail versucht hatte, Harry zu vernehmen. Damals, als ich Joe Comden nach einer Serie von Banküberfällen in den Staaten der Ostküste auf der Spur gewesen war. Kein Sterbenswörtchen hatte ich seinerzeit von Harry erfahren. Aber er hatte sich gehütet, mich zu bedrohen, hatte seinen guten Ruf bei der Gefängnisdirektion und beim Gnadenausschuss nicht gefährden wollen.

Heute interessierte ihn das alles nicht mehr. Der Gedanke mit den fehlenden Zeugen war ihm durch den Kopf geschossen. Das ließ seiner Wut freien Lauf. Ich, der böse FBI-Bulle, sollte endlich den Denkzettel dafür kriegen, dass ich den lieben Bruder Joe hinter Gitter gebracht hatte.

Ohne erkennbaren Ansatz ließ Harry Comden seine Mammutmuskeln explodieren. Er stürmte auf mich los.

Blitzschnell ging ich in Abwehrposition, fintierte, indem ich den Aufbau einer Deckung vortäuschte.

Mit zwei blitzschnell herausgestochenen Geraden versuchte Harry, diese Deckung zu zerschmettern.

Aber sie war nicht mehr vorhanden.

Seine Dampfhammerfäuste zischten über mich hinweg, bohrten riesige Luftlöcher, als ich mich buchstäblich im letzten Moment abduckte.

Ich versuchte, seinen ungehemmten Schwung mit zwei rasant aufeinanderfolgenden Rammstößen gegen sein Zwerchfell abzubremsen. Es war, als ob ich meine Fäuste gegen ein zweizölliges Eichenbrett schmetterte. Harrys vorwärtstreibende Fliehkraft von zwei Zentnern Lebendgewicht konnte ich damit nicht aufhalten. Nur ein kurzer Ruck ging durch seinen Körper, und schon im nächsten Sekundenbruchteil sah es aus, als würden mich seine Massen aus Muskeln und Knochen niederwalzen.

Mit einem rasanten Sidestep brachte ich mich gerade noch rechtzeitig in Sicherheit. Hart prallte ich mit der linken Schulter gegen den Kastenaufbau. Und ich wirbelte sofort herum, gönnte mir nicht die winzigste Verschnaufpause.

Harry Comden geriet in Schwierigkeiten. Für seine Offensive hatte er mich als abbremsenden Faktor einkalkuliert. Eine Rechnung mit vielen Unbekannten, wie er jetzt einsehen musste. Stolpernd schoss er ins Leere. Seine Schritte wurden kürzer, schneller, tapsiger. Mit rudernden Armbewegungen versuchte er, sein Gleichgewicht zu stabilisieren.

Er stolperte dem knapp yardbreiten Spalt entgegen, der zwischen Bordwand und Anleger klaffte.

Ich überlegte nicht lange, setzte nach. Ein morgendliches Bad in der brackigen Hudson-River-Brühe wollte ich ihm ersparen. Mit zwei langen Sätzen war ich bei ihm, packte ihn an der Schulter und riss ihn herum.

Doch er quittierte es keineswegs mit Dankbarkeit. Sekundenlang kam er zur Ruhe, schwankte vor und zurück, bis er sich endgültig gefangen hatte. Aus blutunterlaufenen kleinen Augen stierte er mich an. Seine erneut geballten Dampfhammerfäuste machten deutlich, dass er nicht daran dachte, nach dem kleinen Anfangspatzer schon aufzugeben.

Um die Sache zu verkürzen, knallte ich ihm einen Aufwärtshaken unter das kantige Kinn, wich sofort zurück und erwartete seine Gegenaktion. Meine Handknöchel schmerzten.

Harry schüttelte lediglich den Kopf, wie ein nasser Hund, der gerade aus dem Hudson geklettert war. Ein zorniges Knurren drang tief aus seinem mächtigen Brustkorb.

Und abermals walzte er auf mich los, diesmal aus der entgegengesetzten Richtung.

Ich ließ ihn kommen, erkannte den Ansatz der rechten Geraden, die er auf mich abfeuerte, tauchte weg und spürte den zischenden Luftzug an meinem linken Ohr.

Jäh war seine Linke da, viel schneller als erwartet.

Mein Sidestep kam eine Zehntelsekunde zu spät. Harrys Faust schrammte über mein rechtes Schlüsselbein. Schmerz zuckte durch meinen Oberkörper. Obwohl ich nur einen Bruchteil des Hiebes auffing, reichte das Ding aus, um mich zurückzuschleudern. Diesmal war ich es, der aus dem Gleichgewicht zu geraten drohte. Und ich spürte, dass ich mit meinen unkontrollierten Schritten aus dem Kurs geriet. In spitzem Winkel näherte ich mich bedrohlich rasch der stählernen Kante des offenen Laderaums mit seinen Tonnenlasten von stinkendem Unrat.

Geistesgegenwärtig warf ich mich aus der Bewegung heraus nach rechts, in Richtung Kastenaufbau. Es war meine einzige Chance, dem Sturz in den Laderaum zu entgehen. Der Länge nach schlug ich auf die Stahlplattform des Achterdecks.

Harry Comden stieß einen triumphierenden Grunzlaut aus.

Ich sah seinen mächtigen Schatten auf mich fallen, rollte mich blitzschnell ab.

Und doch nicht schnell genug.

Seine Pranken rammten von oben her auf meine Schultern herab, nagelten mich mit Zwei-Zentner-Last auf dem Achterdeck fest. Ich sah Harrys siegessicheres Grinsen dicht über mir. Seine Atemwolke, die nach Tabakrauch und billigem Schnaps roch, schlug mir entgegen.

Ich versuchte, das rechte Bein hochzureißen, ihm das Knie ins Hinterteil zu rammen. Aber ich schaffte es nur im Ansatz. Mit einem heiseren Lachen schob Harry das eigene Knie quer über meine Oberschenkel und nagelte mich endgültig fest. Platt wie die berühmte Flunder klebte ich auf dem Schiffsstahl.

»Aus der Traum«, knurrte Comden, »jetzt erlebst du dein blaues Wunder, Bulle.«

Mich packte die Wut. Hölle und Teufel, sollte ich mir hier, auf diesem stinkenden Kahn, windelweich schlagen lassen? Noch dazu von einem Kerl, der nichts weiter im Sinn hatte, als seinen Hass auf all das auszutoben, was mit dem Wort Polizei zu tun hatte? Und es konnte glatt passieren, dass er mir in seiner Rage aus purem Versehen den Schädel einschlug.

Jäh zuckte seine Rechte empor, ballte sich zur Faust.

Ich kannte seine Absicht im Bruchteil eines Atemzuges. Wenn ich die Prozedur hinter mir hatte, würde nicht einmal mein Freund Milo mich noch erkennen.

Meine linke Schulter war um einen Teil des Gewichts erleichtert.

Harry Comdens Faust zischte herab, wuchs rasend schnell auf meine Augen zu.

Ich bot blitzartig alle Kraft auf, die ich mobilisieren konnte. Riss den Kopf zur Seite weg und kam gleichzeitig mit der freien Schulter um Handbreite hoch, um die Ausweichbewegung zu unterstützen.

Comden konnte seinen grausamen Rammstoß nicht mehr korrigieren.

Greller Schmerz detonierte an meinem linken Ohr. Es war, als würde es mir abgerissen. Im gleichen Moment gab es neben diesem Ohr einen dumpfen, schmetternden Laut.

Comden brüllte auf.

Die Doppelzentnerlast über mir kam in Bewegung.

Ich unterdrückte den Schmerz, der von meinem anschwellenden Ohr ausstrahlte. Dies war die einzige Chance, die ich hatte.

Noch halb über mir, riss Harry die schlenkernde Pranke hoch, die er auf den Schiffsstahl gedonnert hatte, und mit der gesunden Linken umklammerte er die Knöchel, von denen garantiert einige gebrochen waren. Sein zur Fratze verzerrtes Gesicht spiegelte den ganzen furchtbaren Schmerz wider, den er sich praktisch selbst zugefügt hatte.

Ich wusste, dass in diesem Moment alle Vernunft in ihm ausgelöscht war. Wenn er konnte, würde er tatsächlich versuchen, mir den Schädel einzuschlagen.

Ich kam ihm zuvor, noch bevor sein Schmerzensgebrüll versiegte.

Mit einem blitzschnellen Ruck schob ich die Ellenbogen nach hinten, stützte mich auf. Mein Oberkörper flog buchstäblich empor. Nur ein wenig zog ich den Kopf dabei ein.

Meine Schädeldecke krachte unter sein Kinn.

Er verschluckte sich. Sein Schmerzensgeschrei ging in einem gurgelnden Laut unter.

Und ich bekam Luft. Harry Comden geriet ins Wanken.

Mit erneuter Kraftanstrengung wischte ich unter seinem Gewicht zur Seite, kam frei und war im nächsten Moment mit einem federnden Satz auf den Beinen.

Er erkannte die Gefahr, versuchte ebenfalls, sich aufzurappeln. Die herabbaumelnde, bewegungsunfähige Rechte behinderte ihn dabei.

Ich vereitelte seinen Versuch mit zwei gnadenlosen hochbrisanten Haken. Beide trafen voll auf den Punkt. Hätte Harry die Treffer normalerweise mühelos verdaut, so war er jetzt bereits zu sehr angeknackst, um seine körperliche Härte mit dem nötigen seelischen Rückhalt zu unterstützen.

Meine Schläge ließen seinen Oberkörper vor und zurück pendeln. Er hockte noch auf den Knien, schaffte es nicht mehr, hochzukommen.

Mit beiden Fäusten packte ich ihn am Kragen seines Overalls, riss ihn auf die Beine und gab ihm den Rest. Ein Trommelfeuer von Geraden und Uppercuts schüttelte ihn durch.

Nach einem letzten Haken lief ein Zittern durch seinen Körper. Er versteifte sich, verdrehte die Augen.

Gerade noch rechtzeitig konnte ich ihn festhalten und verhindern, dass er der Länge nach auf Deck schlug. An der Holzwand des Kastenaufbaues ließ ich ihn langsam zu Boden gleiten. Er verlor das Bewusstsein.

Ich richtete mich auf, zupfte meinen Anzug zurecht. Meine Handknöchel waren blutig verschrammt. Das angeschlagene Ohr glühte, schmerzte wie Feuer.

Aber ich verzichtete darauf, Harry die Acht zu verpassen und ihn abtransportieren zu lassen. Hinter Gittern nützte er mir, beziehungsweise den Kollegen in Connecticut, nichts. Wenn Harry Comden uns eine Hilfe sein konnte, so nur dann, solange er herumspazieren und herumhorchen konnte. Denn dass er nichts über seinen Bruder wusste, konnte er jemanden erzählen, der sich die Hosen mit der Kneifzange zuzumachen pflegte. Nicht mir.

Ich nickte ihm noch einmal zu, bevor ich ging.

»Wir sehen uns wieder«, sagte ich, obwohl er mich nicht verstehen konnte, »verlass dich drauf, mein Junge!«

Die orangefarbenen Müllmänner beachteten mich nicht, als ich zu meinem Sportwagen zurückkehrte. In meinem gut ausgestatteten Erste-Hilfe-Kasten fand ich eine schmerzstillende Salbe, mit der ich mein glühendes Ohr und die blutigen Knöchel bestrich.


2

Die Colt Government, Kaliber .45 ACP, wog schwer in seiner Rechten. Er wusste, dass er nicht mehr die Kraft hatte, mit der Kanone einen präzisen Schuss abzufeuern. Außerdem fehlte ihm das Training. Seit sechs Jahren hielt er jetzt zum ersten Mal wieder ein Schießeisen in der Hand. Aber für die einschüchternde Wirkung reichte es. Jemand, der in das .45er Rohr blickte, musste schon verdammt kaltschnäuzig sein, um noch auf dumme Gedanken zu kommen.

Und die Kleine dort unten sah ganz und gar nicht danach aus, als ob sie Nerven aus Drahtseilen hatte. Sie war eher so was wie ein zartes, schutzbedürftiges Reh. Mit ihrem sanften Engelsgesicht hatte sie es leicht, die Beschützerinstinkte eines Mannes zu wecken.

Zartes Reh …

Joe Comden grinste, trotz seiner Schmerzen. Der Vergleich gefiel ihm.

Im Jail hatte er viel Zeit gehabt zu lesen. Früher waren solche Worte, solche Vergleiche wie eine Fremdsprache für ihn gewesen. Aber in der Zelle hatte er Gefallen daran gefunden, sich mit Büchern zu beschäftigen. Und er hatte angefangen, die anderen zu verachten, die Tag für Tag nichts anderes zu tun wussten, als in die Bildröhren der gefängniseigenen TV-Sets zu starren.

Das Mädchen war jung, sehr jung. Höchstens achtzehn, eher noch ein oder zwei Jahre drunter.

Es gefiel dem schwer angeschlagenen Mann, ihr zuzuschauen. Ihre Bewegungen spiegelten die Elastizität ihres schlanken jugendlichen Körpers, während sie sich immer wieder bückte, um die feuchten Wäschestücke aus dem Plastikkorb zu zupfen und mit neonfarbenen Klammern an der Leine zu befestigen.

Sie hatte schulterlanges blondes Haar, das im Licht der Morgensonne seidig schimmerte. Unter dem weißen T-Shirt des Mädchens zeichneten sich ihre straffen, nicht zu großen Brüste deutlich ab. Über ihren wohlgeformten Oberschenkeln dehnte sich der verwaschene Stoff von Jeans, die in Kniehöhe abgeschnitten und ausgefranst waren.

Das Haus stand einsam in der Hügellandschaft – zweigeschossig, aus Holz gebaut, weiß gestrichen. Eine unbefestigte Straße führte vorbei, nur wenig breiter als ein Feldweg. Die tiefen Dellen im festgefahrenen Boden waren notdürftig mit Schotter aufgefüllt.

Als Einfriedung des Grundstücks diente ein hüfthoher Zaun aus engmaschigem Draht. Schutz für den Gemüsegarten vor fresswütigen Kaninchen vermutlich. Unter einem Schutzdach hinter dem Haus stand ein klappriger dunkelgrüner Station Wagon, Fabrikat Ford-V-8. Auf der offenen Ladefläche lagen Gerätschaften, deren Zweck Joe Comden nicht kannte.

Er richtete sich vollends auf, nahm den flachen Handkoffer in die Linke und verließ sein Versteck im Unterholz.

Die Schmerzen in seiner Brust begannen heftiger zu pochen. Schleier wallten vor seinen Augen auf, doch es waren nicht die Nebelschwaden, die sich wabernd vom Erdboden lösten.

Der frische Geruch des feuchten Grases hatte etwas Wohltuendes. Joe Comden fühlte sich seltsam erleichtert, als er sich mit unsicheren Schritten der rückwärtigen Grundstückseinfriedung näherte. Dennoch wusste er, dass es keine Erleichterung, keine Sicherheit für ihn geben würde. Höchstens einen zeitlichen Aufschub.

Und daran klammerte er sich, wie der Ertrinkende an den sprichwörtlichen Strohhalm. Vielleicht, wenn sich die Dinge positiv entwickelten, gab es noch eine winzige Hoffnung für ihn.

Er war sich darüber im klaren, dass er die dreißig Yard bis zum Gartenzaun nicht ungesehen hinter sich bringen konnte. Denn es war anzunehmen, dass das Mädchen auf dem Anwesen nicht allein war.

Zehn Schritte schaffte Joe Comden unbehelligt.

Doch nicht das Mädchen bemerkte ihn zuerst.

Wütendes Gebell ließ ihn zusammenzucken. Er erstarrte vor Schreck, ließ reflexartig den Koffer fallen.

Das blonde Mädchen fuhr herum, ein tropfnasses Wäschestück in den Händen.

Das Gebell riss nicht ab. Unter dem Schutzdach hinter dem Haus schnellte ein brauner Schatten hervor. Blitzende, gefletschte Fangzähne, die sich rasend schnell näherten.

Joe Comden sah, dass das Mädchen offenbar durch den Schreck wie gelähmt war. Er kam nicht darauf, dass sein Anblick ihr selbst unter normalen Umständen Furcht eingeflößt hätte – bunt und dreckverschmiert, wie er war.

Sekundenlang traf sein Blick ihre weit aufgerissenen Augen.

Rehaugen, dachte er, sie hat Augen wie ein zartes Reh!

Der Hund, der neben dem Station Wagon gelegen haben musste, sprang mit einem Riesensatz über den niedrigen Zaun. Das Bellen des muskulösen Tiers ging Comden durch Mark und Bein. Er spürte, wie sich seine Nackenhaare sträubten.

Im oberen Stockwerk des Hauses wurde ein Fenster aufgestoßen.

Geifernd raste der Hund heran.

Joe Comden begriff plötzlich, dass er handeln musste, dass er schon viel zu lange gezögert hatte. Die Gefahr, die sich vor ihm zusammenballte, spürte er geradezu körperlich.

Er brachte die schwere Automatik in Anschlag, legten den Sicherungsflügel herum und schob die Linke unterstützend unter die Schießhand.

Das Gebell des Hundes zerrte an seinen Nerven.

Erschreckend schwankten Kimme und Korn vor Comdens visierendem Auge. Das Bild der blitzenden Fangzähne schob sich mit grausamer Intensität in sein Bewusstsein, drohte alle anderen Wahrnehmungen auszulöschen.

»Reiß dich zusammen!«, schrie seine innere Stimme.

Und er drückte ab.

Der Rückstoß der großkalibrigen Pistole warf ihn fast um. Aber er schaffte es, in der Senkrechten zu bleiben. Fast ungläubig registrierte er, dass das Gebell abbrach.

Keine fünf Schritte vor ihm fiel der erschlaffende Tierkörper zu Boden. Die Läufe des sterbenden Hundes zuckten unter Krämpfen. Blut und Schaum traten aus dem geöffneten Maul. Das rechte Auge des Tiers richtete sich groß und anklagend auf den Mann.

Joe Comden zwang sich, nicht hinzusehen.

Das Girl stand noch immer an der gleichen Stelle. Ihr Mund war weit aufgerissen. Doch erst jetzt, nachdem das Krachen des Schusses verhallt war, brachte sie ihren Entsetzensschrei hervor.

Joe Comdens nervliches Warnsystem funktionierte noch. Er sah die Bewegung, oben in dem Fenster, das vor wenigen Sekunden aufgestoßen worden war.

Der Schrei des Mädchens wollte nicht enden.

Comden hob die Automatik erneut in Beidhandanschlag, zielte auf die Kleine mit den Rehaugen, so gut er konnte.

»Keine Dummheiten!«, überbrüllte er ihren Schrei. »Eine falsche Bewegung, und das Girl fängt die nächste Kugel!« Wer auch immer sich da oben hinter dem offenen Fenster befand – dieser Jemand musste nach dem Todesschuss auf den Hund annehmen, dass Comden auch das Mädchen treffen würde. Keiner konnte wissen, dass er in seinem jetzigen Zustand auf die zwanzig Yards Distanz nicht mal einen Elefanten erwischt hätte.

Das Mädchen verstummte schlagartig. Sie schien zu begreifen, in welcher neuen, drohenden Gefahr sie jetzt schwebte.

Im offenen Fenster rührte sich nichts.

»Kommen Sie raus!«, schrie Comden. »Raus mit euch! Alle, die im Haus sind! Und falls ihr ein Schießeisen habt … aus dem Fenster damit!«

In dem halbdunklen Quadrat wurde matt schimmernder Waffenstahl sichtbar. Es war der Doppellauf einer Schrotflinte, der sich langsam, zögernd senkte.

Beginnendes Triumphgefühl packte Comden.

»Los, los, Beeilung!«, brüllte er, obwohl ihm bei jedem Wort eine wachsende Woge des Schmerzes durch den Oberkörper zuckte. »Wenn ihr nicht pariert, blase ich ihr die erste Kugel ins Bein! Dann bleibt noch genug übrig, bis …«

Er brauchte es nicht zu Ende zu brüllen. Die Schrotflinte fiel aus dem Fenster, überschlug sich einmal und landete mit dumpfen Aufschlug in einem Blumenbeet.

»In Ordnung«, rief Comden, »wenn das alles ist … dann dürft ihr draußen antreten! Aber ich warne euch! Ich hab die Kleine noch immer vor der Kanone!«

Er hielt die Colt Government in der Rechten, als er siegesgewiss den Koffer aufnahm und auf den Gartenzaun zuging. Irgendwie tat es ihm weh, das kreidebleiche, zitternde Mädchen zu sehen. Er war kein Killer, hatte nie einen Menschen umgebracht oder auch nur mit einer Kugel angekratzt. Aber wie sollte er es der Kleinen erklären? Er konnte jetzt nur an sich selbst denken, an nichts anderes. Ob es ihm überhaupt noch etwas nützte, war eine andere Frage.

Möglich, dass es der Selbsterhaltungstrieb war, der ihn diesen ganzen Zirkus noch veranstalten ließ. In den letzten Stunden hatte er mehrmals mit dem Gedanken gespielt, einfach draußen in der Einöde hocken zu bleiben und zu warten, bis sie kamen, um ihn mit tödlichem Blei zu spicken und die Dollars an sich zu reißen. Aber er war trotzdem weiter geflohen. Zu Fuß. Weil er den Benzintank des elenden Schlittens bis auf den letzten Tropfen leer gefahren hatte.

Diese Rehaugen …

Er begann zu schwitzen, als er mühsam über den Zaun stieg und sich dabei höllisch anstrengte, dass die Pistole nicht aus der Visierlinie geriet. Die Erinnerung an die Zeit vor Sing-Sing durchzuckte ihn. Damals hatte er viel Erfolg bei den Frauen gehabt, war bewundernde weibliche Blicke gewöhnt gewesen. Schlank, dunkelhaarig, mit markant geschnittenen Gesichtszügen, war er das gewesen, was man einen Frauentyp nennt. Vielleicht auch heute noch.

Aber in den Rehaugen des Mädchens lag nichts als Furcht und Grauen.

Joe Comden wurde es in diesen Minuten bewusst, wie abstoßend er aussehen musste. Er schwankte leicht, als er drei Schritte vor dem Mädchen auf dem Weg zwischen den Gemüsebeeten stehenblieb. Wieder wallten die Schleier vor seinen Augen auf. Schleier, die sich blutig färbten. Er blinzelte heftig, bis sein Blick klarer wurde. Mit dem Pistolenlauf deutete er auf das feuchte Wäschestück, das die Kleine noch immer in den Händen hielt.

»Lass es fallen, Mädchen. Weg damit!« Er wunderte sich über seine eigene Stimme, die einen merkwürdig fremden, heiseren Klang bekommen hatte.

Erst jetzt sah er, dass ihre Augen blau waren, nicht braun. Trotzdem erinnerten sie ihn an ein Reh. Er wollte es so. Er begriff nicht, welche verrückte Regung seine Gefühle bestimmte. Dieses Mädchen, das er mit einer tödlichen Waffe bedrohte, war für ihn schutzbedürftig. Ja, vielleicht rührte es daher, dass er ihr irgendwann zeigen wollte, wie verteufelt männlich und beschützend er sein konnte.

Dann, wenn die anderen kamen, um ihn über den Haufen zu knallen wie einen tollen Hund.

Das Mädchen gehorchte. Ihre Augen waren unverwandt starr auf den schwerverwundeten Mann gerichtet. Mit einem leisen, klatschenden Laut fiel das Wäschestück zu den anderen, die noch im Korb lagen.

Joe Comden nickte zufrieden. Er wollte lächeln, aber der Schmerz verhinderte es. Sein schweißüberströmtes Gesicht verzerrte sich zu einem Ausdruck, der sich nicht deuten ließ.

Die Hintertür des Hauses wurde geöffnet – fast behutsam, wie, um den Eindringling nicht durch eine zu hastige Bewegung herauszufordern.

Ein Mann und eine Frau traten ins Freie. Ihre Schritte waren zögernd. Der Mann nahm die Frau bei der Hand, nickte ihr beruhigend zu und führte sie auf das kleine Rasenstück vor dem Schutzdach, unter dem der Station Wagon stand.

Sechs Augenpaare waren es jetzt, die sich angstvoll und anklagend zugleich auf Joe Comden richteten. Der Gedanke löste körperliches Unbehagen in ihm aus. Er brauchte die Hilfe dieser Leute. Aber er konnte sich ihre Hilfe nicht anders verschaffen als durch brutale Gewalt.

»Stehenbleiben!«, kommandierte er, als der Mann und die Frau drei Yard von der Hintertür entfernt waren.

Der Anblick der klobigen Automatikpistole reichte aus, um sie wie Marionetten parieren zu lassen.

Dennoch schmerzte es Joe Comden, die angstvolle Bereitwilligkeit dieser Leute sehen zu müssen. Er war versucht, einen Fluch auszustoßen, doch er ließ es. Der innere Zwiespalt, der ihn gepackt hatte, ließ sich nicht verdrängen. Hölle und Teufel, er kannte sich selbst nicht mehr. Früher war er nie zimperlich gewesen, hatte nicht die geringsten Skrupel gekannt. Aber jetzt …

Lag es daran, dass er so verdammt schwer angeschlagen war? Dass für ihn kein Land mehr in Sicht war? Er wusste es nicht, und das war es, was ihn fast verrückt machte.

Die Frau war klein, hager, grauhaarig; ihre Hände rissig von scharfem Waschwasser. Sie trug einen hellblauen Kittel, an dem ein Knopf fehlte. Darunter die üblichen Jeans und verblichene Segeltuchschuhe.

Der Mann wirkte neben ihr kraftvoll und stämmig. Rötliche, leicht gekrauste Haare, kantiger Schädel, das Gesicht von Wind und Wetter gegerbt. In diesem Gesicht stand es geschrieben, dass er seine Arbeit überwiegend im Freien verrichtete. Er trug eine olivgrüne Latzhose und ein weißes T-Shirt, dazu schwarze Gummistiefel. Seine Fäuste, breit und nervig, konnten zupacken.

Joe Comdens Blick wanderte zu der Schrotflinte, die auf dem Blumenbeet vor der Hauswand lag. Er begriff, dass der Mann nicht gezögert hätte, ihn über den Haufen zu knallen. Aber diese breite, kraftvolle Faust, mit der er die schmale Hand seiner Frau hielt, sagte es deutlich genug: Niemals würde er es fertigbringen, die Frau und das Mädchen durch unbedachte Handlungen zu gefährden.

Joe Comden beschloss, diese Feststellung gründlich einzukalkulieren.

Mühsam, wie in Zeitlupe, hob er die Linke und warf den Koffer zu der feuchten Wäsche in den Plastikkorb.

Das Mädchen zuckte zusammen.

»Nimm den Koffer, Kleines«, sagte Comden rau, »und halt ihn gut fest, ja?«

Ein rätselnder Ausdruck trat in ihre Augen, verdrängte ein wenig von dem angstvollen Flackern. Aber sie tat, was der furchtbar zugerichtete Fremde verlangte, hob den Koffer auf, umklammerte ihn mit beiden Armen und presste ihn gegen den Oberkörper.

Joe Comden schaffte es zum ersten Mal, zu lächeln. Es gefiel ihm, wie behutsam das Mädchen mit seinem Koffer umging. Als ob sie wusste, welche Bedeutung es damit hatte.

Er nickte, versuchte, seiner Miene etwas Beruhigendes zu geben.

»Gut so. Geh jetzt rüber zu deinen Eltern. Das sind doch deine Eltern, oder?«

»Ja«, hauchte das Mädchen.

Ihre Stimme war so weich, dass Joe Comden spürte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief. Er beobachtete die geschmeidigen Bewegungen ihres Körpers, während sie zu ihren Eltern ging – mit anfangs stockenden Schritten, doch dann rascher, hastiger.

»Ganz ruhig, Glenda«, murmelte ihr Vater, als sie sich zitternd an ihn schmiegte.

Comden bemühte sich, seinen Schritten Festigkeit zu verleihen, als er den Weg zwischen den Gemüsebeeten entlangschlurfte. Aber er wurde das elende Gefühl nicht los, dass sie genau erkannten, wie hundsmiserabel es um ihn bestellt war.

Er blieb bei der Schrotflinte stehen, wandte sich den Bewohnern des Hauses zu und bewegte den Lauf der Colt Government drohend hin und her.

»Keine Dummheiten! Einen von euch erwische ich immer!«

Der rothaarige Mann presste die Lippen aufeinander. Und er drückte die Hand seiner Frau fester. Das Mädchen hielt den Koffer unverändert vor der Brust.

Joe Comden bückte sich. Sekundenlang wurde ihm schwarz vor Augen. Seine Knie waren wie Butter. Die Schmerzen, die er schon nahezu aus seinem Bewusstsein verdrängt hatte, meldeten sich mit neuer, grausamer Intensität. Er biss die Zähne zusammen, bot alle Willenskraft auf, zu der er noch fähig war.

Er schaffte es, die Schrotflinte mit der Linken aufzuheben. Schwankend richtete er sich auf, behielt das Gleichgewicht nur mit Mühe.

»Soweit wären wir«, nickte er grimmig, »sind noch mehr Leute im Haus?«

»Nein«, entgegnete der Mann gepresst, »nur wir drei wohnen hier.«

»Sehr gut«, sagte Comden. Es gelang ihm nicht, ein Ächzen zu unterdrücken. »Kreuzt sonst jemand hier auf? Besuch? Postbote? Zeitungsjunge?«

Der Mann schüttelte den Kopf.

»Wir erwarten keinen Besuch, Mister. Und Post und Zeitungen hole ich jeden Morgen selbst in der Stadt ab. Wir wohnen sehr einsam, wie Sie sehen.«

»Allerdings. Warum?«

»Das Haus ist eine Dienstwohnung. Ich arbeite als Gewässerwart hier im südwestlichen Teil des Fairfield-County. Mein Arbeitgeber ist der Wasserwirtschaftsverband in Danbury.«

»Ist das die nächste Stadt?«

»Nein. Danbury ist der Countysitz. Die nächste Stadt heißt Branchville.«

»Wie weit?«

»Drei Meilen nach Norden.«

»Okay. Habt ihr Nachbarn, die irgendwo in der Nähe wohnen?«

Der Rothaarige zögerte mit der Antwort.

»Ein paar Farmer«, erklärte er dann, »aber die Gehöfte liegen weit auseinander. Die, die uns am nächsten wohnen, sind die Frazers … eine Dreiviertelmeile nach Osten.«

Comden schaffte es, zufrieden zu grinsen.

»Gut, dass du ehrlich bist, Partner. Ich will euch dreien genau sagen, woran ihr seid: Wenn ihr mitspielt, wenn ihr nicht versucht, mich hereinzulegen, dann kommen wir gut zurecht. Ich denke, ich brauche das nicht dreimal zu sagen. Wie ist euer Name? Wenn ich mit Leuten zu tun habe, weiß ich gern, wie sie heißen.«

»McArthur«, sagte der Rothaarige, »ich bin Dave McArthur. Meine Frau Anne … und meine Tochter Glenda.« Er deutete mit knappen Kopfbewegungen erst nach links und dann nach rechts.

»Ihr könnt Joe zu mir sagen«, entgegnete Comden und war im nächsten Moment versucht, sich selbst für verrückt zu erklären. Hatte er den Verstand verloren?

Nein.

Nur – es war eine idiotische Reaktion, dass er den McArthurs seinen Vornamen nannte. Aber niemals zuvor in seinem Leben hatte er so sehr das Bedürfnis gehabt, Freunde zu finden. Denn wirkliche Freunde hatte es nie für ihn gegeben. Nur Kumpels, Geschäftspartner sozusagen.

Er ertappte sich bei dem Gedanken, warum er nicht einfach an die Haustür geklopft und die Leute um Hilfe gebeten hatte. Ohne sie mit der Waffe zu bedrohen.

Unsinn.

Dave McArthur hätte ihm die Schrotflinte vor den Bauch gehalten und seine Frau beim nächsten Sheriff anrufen lassen. Denn wahrscheinlich hatten sie längst in der Zeitung gelesen, was vor zwei Tagen in New Canaan passiert war. Und dann wussten sie auch, woran sie waren. Mit Freundlichkeit brauchte er also von ihnen nicht zu rechnen.

Dave McArthur gab sich einen Ruck. »Hören Sie, Joe«, sagte er leise, »wenn ich Ihnen verspreche, dass wir alles tun, was Sie von uns verlangen … soweit es in unseren Kräften steht … werden Sie dann aufhören, uns mit Ihrer Waffe in Schach zu halten? Meine Frau ist herzkrank. Sie kann nicht …«

»Vergiss es«, knurrte Comden, »ich habe euch gesagt, wie es aussieht. Sorry, aber ich muss auf Nummer Sicher gehen. Es läuft folgendermaßen: Die kleine Glenda bleibt von jetzt ab dauernd bei mir. Wir gehen alle zusammen ins Haus. Ich brauche ein Zimmer. Oben. Damit ich möglichst viel von dem Gelände übersehen kann.«

Dave McArthur wechselte einen Blick mit seiner Frau, die sich sichtlich Mühe gab, beherrscht zu bleiben. Glenda war bleich wie zuvor, ihre Augen immer noch weit aufgerissen vor Furcht.

»Am besten wäre Glendas Zimmer«, sagte McArthur, »aber Sie können die Straße dann nur nach Süden einsehen.«