Cover

Text zum Buch

Reich, berühmt und bildschön: das ist Elektra d’Aplièse, die als Model ein glamouröses Leben in New York führt. Doch der Schein trügt – in Wahrheit ist sie eine verzweifelte junge Frau, die im Begriff ist, ihr Leben zu ruinieren. Da taucht eines Tages ihre Großmutter Stella auf, von deren Existenz Elektra nichts wusste. Sie ist ein Adoptivkind und kennt ihre Wurzeln nicht. Als Stella ihr die berührende Lebensgeschichte der jungen Amerikanerin Cecily Huntley-Morgan erzählt, öffnet sich für Elektra die Tür zu einer neuen Welt. Denn Cecily lebte in den 1940er Jahren auf einer Farm in Afrika – wo einst Elektras Schicksal seinen Anfang nahm …

Weitere Informationen zu Lucinda Riley sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.

LUCINDA RILEY

Die Sonnenschwester

Der sechste Band der
»Sieben-Schwestern-Serie«

Roman

Deutsch von Sonja Hauser,
Sibylle Schmidt und Ursula Wulfekamp

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel
»The Sun Sister« bei Macmillan, London.

Die Übersetzung von Kapitel 1–31 besorgte Sonja Hauser,
von Kapitel 32–41 Sibylle Schmidt und von Kapitel 42–53 Ursula Wulfekamp.

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Dem Verlag ist bewusst, dass der Begriff »Neger« aufgrund seiner Historie stark rassistisch konnotiert ist und als abwertend gilt. Er wird daher heutzutage zurecht als diskriminierend abgelehnt und in der deutschen Publizistik nur sehr selten verwendet. Der Verlag hat sich nach sorgsamer Abwägung gleichwohl dazu entschieden, den in der englischen Originalfassung gebrauchten Begriff »negro« für die deutsche Fassung teilweise mit dem Wort »Neger« zu übersetzen, allerdings nur insoweit der Begriff in der historischen Zeitebene des Romans gebraucht wird. Hintergrund dieser Entscheidung ist, dass der Begriff von den handelnden Personen zur damaligen Zeit so verwendet worden wäre und seine Verwendung daher erforderlich scheint, um einen authentischen Sprachgebrauch in diesem speziellen historischen Kontext abbilden zu können. Ebenso verhält es sich mit den Begriffen »native« und »race«, die ebenfalls nur in der historischen Zeitebene des Romans mit »Eingeborene« bzw. »Rasse« übersetzt wurden.

Copyright © der Originalausgabe 2019 by Lucinda Riley

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe November 2019

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Uno Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Landschaft: Getty Images/Roman Lukiw Photography

Flammenbaum: © mauritius images / John Bracegirdle / Alamy

FinePic®, München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-20190-6
V002

www.goldmann-verlag.de

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Für Ella Micheler

Manche Frauen fürchten das Feuer,
andere werden einfach dazu …

r. h. Sin

Personen

»Atlantis«

Pa Salt

Adoptivvater der Schwestern (verstorben)

Marina (Ma)

Mutterersatz der Schwestern

Claudia

Haushälterin von »Atlantis«

Georg Hoffman

Pa Salts Anwalt

Christian

Skipper

Die Schwestern d’Aplièse

Maia

Ally (Alkyone)

Star (Asterope)

CeCe (Celaeno)

Tiggy (Taygeta)

Elektra

Merope (fehlt)

ELEKTRA
New York

März 2008

I

»Ich weiß nicht mehr, wo ich war und was ich tat, als ich hörte, dass mein Vater gestorben war.«

»Aha. Möchten Sie den Gedanken weiterverfolgen?«

Ich sah Theresa in ihrem ledernen Ohrensessel an. Ein wenig erinnerte sie mich an die verschlafene Haselmaus aus der Teegesellschaft in Alice im Wunderland oder einen ihrer tierischen Freunde. Theresa blinzelte immer wieder hinter ihrer kleinen runden Brille, ihre Lippen formten permanent einen Schmollmund. Unter ihrem knielangen Tweedrock lugten tolle Beine hervor, und sie hatte schöne Haare. Wenn es ihr nicht nur wichtig gewesen wäre, intelligent zu wirken, hätte sie durchaus attraktiv sein können.

»Elektra? Hören Sie mir zu?«

»Ja, tut mir leid, ich war abgelenkt.«

»Haben Sie darüber nachgedacht, was Sie beim Tod Ihres Vaters empfunden haben?«

Da ich ihr meine Überlegungen nicht verraten wollte, nickte ich treuherzig. »Ja.«

»Und?«

»Ich weiß es wirklich nicht mehr. Sorry.«

»Der Gedanke an seinen Tod scheint Sie wütend zu machen. Warum?«

»Nein. Ich kann mich ehrlich nicht erinnern.«

»Sie wissen nicht mehr, was Sie in dem Moment empfunden haben?«

»Nein.«

»Okay.«

Sie kritzelte etwas in ihren Notizblock, vermutlich so etwas wie »möchte sich nicht mit dem Tod ihres Vaters auseinandersetzen«. Genau das hatte der letzte Psychiater mir gesagt, und dabei setzte ich mich sehr wohl damit auseinander. Im Lauf der Jahre war mir klar geworden, dass Seelenklempner unbedingt einen Grund für meinen desolaten Zustand finden wollten. Und wenn sie ihn dann ausgemacht hatten, bissen sie sich daran fest wie eine Maus an einem Stück Käse und nervten mich, bis ich ihnen endlich beipflichtete und irgendeinen Scheiß erzählte, bloß damit sie Ruhe gaben.

»Und welche Gefühle verbinden Sie mit Mitch?«

Was mir zu meinem Ex einfiel, hätte wahrscheinlich ausgereicht, um Theresa nach ihrem Handy greifen zu lassen und der Polizei mitzuteilen, dass eine Verrückte drauf und dran war, einem der berühmtesten Rockstars der Welt die Eier wegzuballern. Also hielt ich lieber freundlich lächelnd den Mund.

»Mir geht’s gut. Mit dem Thema bin ich durch.«

»Bei unserer letzten Sitzung waren Sie sehr wütend auf ihn.«

»Ja, doch die Phase ist vorbei. Wirklich.«

»Das freut mich zu hören. Und wie steht’s mit dem Alkohol? Haben Sie den besser im Griff?«

»Ja«, log ich noch einmal. »Aber jetzt muss ich los. Ich hab gleich einen Termin.«

»Wir sind erst bei der Hälfte der Sitzung.«

»Tja, schade, so ist das Leben nun mal.« Ich stand auf und ging zur Tür.

»Wir sollten uns diese Woche noch einmal zusammensetzen. Vereinbaren Sie bitte gleich mit Marcia einen Termin.«

»Ja, mach ich. Danke.« Mit diesen Worten schloss ich die Tür hinter mir, marschierte schnurstracks an der Rezeption und Marcia vorbei und drückte auf den Rufknopf für den Aufzug, der bald kam. Auf dem Weg nach unten machte ich die Augen zu – ich hasste beengte Räume – und legte meine heiße Stirn an die kühle Marmorverkleidung.

»Herrgott«, fluchte ich leise, »was ist bloß mit mir los? Ich bin so verkorkst, dass ich nicht mal meiner Therapeutin die Wahrheit gestehen kann!«

Du schämst dich, irgendjemandem die Wahrheit zu sagen … Würde sie dich überhaupt verstehen, wenn du es tätest?, fragte ich mich. Wahrscheinlich lebt sie mit ihrem Anwaltsgatten und den beiden Kindern in einem schnuckeligen Backsteinhäuschen, wo am Kühlschrank lauter putzige Magneten mit den künstlerischen Ergüssen der Sprösslinge hängen. Und, fügte ich gedanklich hinzu, während ich mich auf den Rücksitz meiner Limousine setzte, hinter dem Sofa prangt bestimmt eins dieser kotzigen, stark vergrößerten Fotos von Mama und Papa mit den süßen Kleinen, alle in den gleichen Jeanshemden.

»Wohin darf ich Sie bringen, Ma’am?«, erkundigte sich der Fahrer über die Gegensprechanlage.

»Nach Hause«, brummte ich und nahm eine Flasche Wasser aus der Minibar, deren Tür ich hastig wieder schloss, bevor ich in Versuchung geraten konnte, mich dem Alkoholangebot zuzuwenden. Noch um fünf Uhr nachmittags hatte ich höllisches Kopfweh, gegen das alle Schmerztabletten nichts ausrichteten. Die Party am Abend zuvor war, soweit ich mich erinnerte, toll gewesen. Maurice, mein neuer Designerfreund, hatte mit einigen seiner New Yorker Gespielinnen, die später noch andere dazuholten, auf ein paar Drinks vorbeigeschaut … Ich wusste nicht, wie ich ins Bett gekommen, nur, dass ich morgens neben einem Fremden aufgewacht war. Immerhin neben einem attraktiven Fremden. Nach einer weiteren körperlichen Annäherung hatte ich ihn nach seinem Namen gefragt. Bis vor ein paar Monaten war Fernando Ausfahrer für Walmart in Philadelphia gewesen. Dann hatte ein Modeeinkäufer ihn entdeckt und ihm die Nummer eines Freundes bei einer New Yorker Model-Agentur gegeben. Als besagter Fernando erklärte, er würde mich jederzeit über einen roten Teppich führen – ich hatte auf die harte Tour gelernt, dass Fotos von einem neuen Begleiter die Karriere dieses Begleiters rasant beförderten –, hatte ich ihn umgehend vor die Tür gesetzt.

Was wär schon dabei gewesen, wenn du der Haselmaus die Wahrheit gebeichtet hättest, Elektra? Dass du vergangene Nacht mit dem Weihnachtsmann höchstpersönlich hättest schlafen können, ohne es zu merken, so vollgepumpt warst du mit Alkohol und Drogen. Dass du nicht deswegen nicht über deinen Vater nachdenken möchtest, weil er gestorben ist, sondern weil du weißt, wie sehr er sich für dich schämen würde … wie sehr er sich für dich geschämt hat.

Als Pa Salt noch lebte, hatte er immerhin nicht sehen können, was ich trieb, doch nach seinem Tod empfand ich ihn als allgegenwärtig. Er hätte gut und gern in der Nacht in meinem Schlafzimmer sein oder gerade eben neben mir in der Limousine sitzen können …

Bei dem Gedanken wurde ich schwach, griff nach einem Minifläschchen Wodka und leerte es in einem Zug. Dabei versuchte ich den enttäuschten Blick von Pa bei unserem letzten Treffen vor seinem Tod zu vergessen. Er war nach New York gekommen, um mir etwas zu sagen, und ich war ihm bis zum allerletzten Abend seines Aufenthalts, an dem ich mich widerwillig bereit erklärte, mit ihm zu essen, aus dem Weg gegangen. Als ich im Asiate, einem Restaurant am Central Park, eintraf, hatte ich schon jede Menge Wodka und Aufputschmittel intus gehabt. Während des Essens hatte ich benommen ihm gegenübergesessen und mich jedes Mal, wenn er ein mir unangenehmes Thema anschnitt, entschuldigt und mich in die Damentoilette verfügt, um mir ein paar Lines Koks reinzuziehen.

Bei der Nachspeise schließlich hatte Pa die Arme verschränkt und mich mit ruhigem Blick gemustert. »Ich mache mir große Sorgen um dich, Elektra. Du wirkst schrecklich geistesabwesend.«

»Du hast keine Ahnung, unter was für einem Druck ich lebe«, hatte ich ihn angeherrscht. »Was es heißt, ich zu sein!« Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mich nur vage entsinne, was als Nächstes geschah oder was er darauf erwiderte. Allerdings weiß ich, dass ich aufstand und ihn allein sitzen ließ. Deshalb hatte ich nach wie vor keine Ahnung, was er mir mitteilen wollte …

»Warum zerbrichst du dir darüber den Kopf, Elektra?«, fragte ich mich, wischte mir den Mund ab und steckte das leere Fläschchen in die Tasche – den Fahrer kannte ich nicht, und eine Zeitungsstory darüber, wie ich die Minibar geplündert hatte, konnte ich mir nicht leisten. »Er ist doch nicht mal dein leiblicher Vater.«

Außerdem ließ sich nun sowieso nichts mehr an der Situation ändern. Pa war fort – wie alle anderen Menschen, die ich je geliebt hatte –, und damit musste ich fertigwerden. Ich brauchte ihn nicht, ich brauchte niemanden …

»Wir wären da, Ma’am«, teilte der Fahrer mir über die Gegensprechanlage mit.

»Danke.« Ich stieg aus, bevor er mir die Tür aufhalten konnte, und schloss sie hinter mir. Je unauffälliger ich irgendwo eintraf, desto besser. Andere berühmte Leute trugen Verkleidungen, wenn sie Lust hatten, einfach mal im Lokal um die Ecke zu essen, aber ich war über eins achtzig groß und auch in einer Menschenmenge kaum zu übersehen.

»Hallo, Elektra!«

»Tommy«, erwiderte ich den Gruß lächelnd und lief unter dem Vordach zum Eingang meines Wohnhauses. »Wie geht’s?«

»Immer gut, wenn ich Sie sehe, Ma’am. Hatten Sie einen schönen Tag?«

»Ja, wunderbar, danke.« Ich nickte und blickte meinem treuesten Fan von oben in die Augen. »Bis morgen, Tommy.«

»Gern, Elektra. Gehen Sie heute nicht mehr aus?«

»Nein, wird ein ruhiger Abend. Tschüs dann.« Ich verabschiedete mich mit einem Winken von ihm und betrat das Haus.

Wenigstens er liebt mich, tröstete ich mich, holte die Post vom Concierge ab und machte mich auf den Weg zum Aufzug. Während der Portier mit mir nach oben fuhr, einfach weil das sein Job war, dachte ich über Tommy nach. Seit einigen Monaten hielt er fast täglich vor dem Eingang Wache. Anfangs hatte mich das so beunruhigt, dass ich den Concierge bat, ihn zu verscheuchen, doch Tommy hatte sich nicht abweisen lassen und erklärt, er besitze jedes Recht, auf dem Gehsteig zu stehen, er störe niemanden und wolle mich beschützen. Der Concierge hatte mir geraten, die Polizei zu rufen und ihn als Stalker anzuzeigen, doch eines Morgens hatte ich Tommy nach seinem vollen Namen gefragt und mich über ihn erkundigt. Facebook verriet mir, dass er in der Army gewesen und in Afghanistan seiner Tapferkeit wegen ausgezeichnet worden war und mit Frau und Tochter in Queens wohnte. Nun machte der stets respektvolle und höfliche Tommy mir keine Angst mehr, sondern verlieh mir ein Gefühl der Sicherheit, und der Concierge ließ ihn auf meine Anweisung hin in Ruhe.

Der Portier öffnete die Lifttür für mich. Wir führten ein kurzes Tänzchen auf, bei dem ich einen Schritt zurück machen musste, damit er mir voran zu meiner Penthouse-Wohnung gehen und für mich aufschließen konnte.

»Da wären wir, Miss d’Aplièse. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«

Er nickte mir zu. In seinen Augen konnte ich kein bisschen Wärme entdecken. Mir war klar, dass die Leute, die im Haus arbeiteten, mir keine Träne nachgeweint hätten, wenn ich ausgezogen wäre. Die meisten Bewohner lebten schon seit Urzeiten hier, als eine Schwarze wie ich es als »Privileg« erachten musste, bei ihnen als Bedienstete beschäftigt zu sein. Allen anderen gehörten die jeweiligen Wohnungen, während ich die meine gemietet hatte. Ich weilte nur in dem Gebäude, weil die ursprüngliche Eigentümerin des Apartments, eine alte Dame, gestorben war, ihr Sohn es renovieren ließ und anschließend versucht hatte, es zu einem exorbitanten Preis zu verkaufen. Was ihm aufgrund der amerikanischen Finanzkrise nicht gelungen war. So hatte er es dem höchsten Bieter – mir – überlassen müssen. Der Preis war genauso irre wie die Wohnung selbst mit ihren modernen Kunstwerken und elektronischen Spielereien (von deren Funktionsweise ich keine Ahnung hatte), und den Blick von der Terrasse auf den Central Park konnte man nur als atemberaubend bezeichnen.

Wenn ich einen Beweis für meinen Erfolg benötigte, lieferte diese Wohnung ihn mir. Was sie mir allerdings am deutlichsten vor Augen führte, dachte ich, als ich auf die Couch sank, auf der bequem mindestens zwei ausgewachsene Kerle schlafen konnten, war meine Einsamkeit. Ihre Größe gab sogar mir das Gefühl, klein und zart zu sein … und so weit oben sehr isoliert.

Irgendwo hörte ich mein Handy klingeln, mit dem Song, der Mitch zum Weltstar gemacht hatte. Ich hatte vergebens versucht, den Klingelton zu ändern. Meine Schwester CeCe litt unter Legasthenie, für mich waren elektronische Geräte ein Buch mit sieben Siegeln. Als ich ins Schlafzimmer ging, um das Handy zu holen, stellte ich erleichtert fest, dass die Zugehfrau das riesige Bett frisch bezogen hatte und alles wieder ordentlich wie im Hotel aussah. Ich mochte das neue Mädchen, eine Empfehlung meiner persönlichen Assistentin. Wie alle meine Angestellten hatte die junge Frau eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet, die sie daran hinderte, der Presse von meinen absonderlicheren Gewohnheiten zu erzählen. Trotzdem schauderte mich bei dem Gedanken, was sie – hieß sie Lisbet? – sich beim Betreten meiner Wohnung am Morgen wohl gedacht haben mochte.

Ich setzte mich aufs Bett und hörte die Mailbox ab. Fünf Nachrichten stammten von meiner Agentin, die mich dringend bat, wegen des Fotoshootings für Vanity Fair am folgenden Tag so schnell wie möglich zurückzurufen, und die letzte war von Amy, meiner persönlichen Assistentin, die erst seit drei Monaten für mich arbeitete und die ich gut leiden konnte.

»Hallo, Elektra, ich bin’s, Amy. Ich … ich wollte Ihnen nur sagen, dass die Arbeit für Sie mir großen Spaß gemacht hat, dass es aber auf längere Sicht wahrscheinlich nicht funktioniert. Ich habe Ihrer Agentin heute mein Kündigungsschreiben zukommen lassen und wünsche Ihnen viel Glück für die Zukunft …«

»SCHEISSE!«, kreischte ich, löschte die Nachricht und schleuderte das Handy quer durchs Zimmer. »Was zum Teufel hab ich ihr getan?« Wieso regte es mich so auf, dass diese miese kleine Ratte, die mich angebettelt hatte, ihr eine Chance zu geben, mich schon nach drei Monaten im Stich ließ?

»›Seit meiner Kindheit träume ich von der Modebranche. Bitte, Miss d’Aplièse, ich werde Tag und Nacht für Sie da sein. Auf mich können Sie sich hundertprozentig verlassen, das verspreche ich Ihnen‹«, äffte ich Amys leicht näselnden Brooklyn-Akzent nach, während ich die Nummer meiner Agentin wählte. Letztlich gab es nur drei Dinge, ohne die ich nicht leben konnte: Wodka, Koks und eine persönliche Assistentin.

»Hi, Susie. Ich hab gerade von Amys Kündigung erfahren.«

»Ja, schade. Sie hat sich gut gemacht.« Ihr britischer Akzent verlieh ihrer Stimme einen besonders geschäftsmäßigen Klang.

»Fand ich auch. Weißt du, warum sie aufhört?«

Kurzes Schweigen, bevor Susie antwortete: »Nein. Egal, Rebekah soll sich drum kümmern. Bestimmt findet sie bis Ende der Woche eine neue Assistentin für dich. Hast du meine Nachricht erhalten?«

»Ja.«

»Bitte sei morgen pünktlich. Die wollen bei Sonnenaufgang mit dem Shooting anfangen. Du wirst um vier Uhr früh mit dem Wagen abgeholt, okay?«

»Klar.«

»War ’ne tolle Party letzte Nacht, was?«

»Hat Spaß gemacht, ja.«

»Heute bitte keine Party, Elektra. Morgen musst du frisch sein. Die Fotos sind für die Titelseite.«

»Keine Sorge, um neun liege ich artig im Bett.«

»Gut. Tut mir leid, ich muss auflegen, ich hab Lagerfeld in der anderen Leitung. Rebekah meldet sich mit einer Liste geeigneter Assistentinnen bei dir. Ciao.«

»Ciao.« Susie gehörte zu den wenigen Menschen, die es wagten, ein Telefonat mit mir abzubrechen. Sie war die mächtigste Model-Agentin von New York und hatte sämtliche großen Namen der Branche unter Vertrag. Und sie hatte mich entdeckt, als ich sechzehn war. Damals jobbte ich als Kellnerin in Paris, nachdem ich innerhalb von drei Jahren von ebenso vielen Schulen geflogen war. Pa hatte ich erklärt, es sei sinnlos, eine neue Schule für mich zu suchen, weil ich auch von der wieder fliegen würde. Zu meinem Erstaunen hatte er keinen großen Wirbel darum gemacht.

Und war weniger wütend über mein Versagen gewesen als eher enttäuscht, was mir den Wind aus den Segeln nahm.

»Ich denke, ich werde erst mal reisen«, hatte ich verkündet. »Lebenserfahrung sammeln.«

»Das meiste, was man für Erfolg im Leben braucht, lernt man nicht unbedingt in der Schule, da pflichte ich dir bei. Aber bei deiner Intelligenz hatte ich mir wenigstens einen Abschluss von dir erhofft. Du bist noch sehr jung, um auf eigenen Beinen zu stehen. Die Welt ist groß und bedrohlich, Elektra.«

»Ich komme zurecht, Pa«, hatte ich mit fester Stimme erwidert.

»Das glaube ich dir gern, doch wie willst du deine Reisen finanzieren?«

»Ich such mir einen Job. Zuerst möchte ich nach Paris.«

»Ausgezeichnete Wahl.« Pa hatte verträumt, jedoch auch ein wenig traurig genickt. »Eine unglaubliche Stadt. Einigen wir uns auf einen Kompromiss. Du willst nicht mehr zur Schule gehen, was ich verstehen kann, aber ich mache mir Sorgen, weil meine jüngste Tochter in so jungen Jahren allein in die Welt hinaus möchte. Marina kennt Leute in Paris. Bestimmt kann sie dir helfen, eine geeignete Bleibe zu finden. Verbring den Sommer dort, dann sehen wir weiter.«

»Klingt gut«, hatte ich nach wie vor erstaunt darüber gesagt, dass er mich nicht zu einem Schulabschluss zu überreden versuchte. Vermutlich wollte er mich entweder los haben oder mir so viel Freiraum geben, dass ich über kurz oder lang freiwillig zurückkehrte. Am Ende hatte Ma ihre Pariser Bekannten kontaktiert, sodass ich kurz darauf ein hübsches kleines Zimmer mit Blick über die Dächer von Montmartre mein Eigen nannte. Es war winzig, und ich musste mir das Bad mit ausländischen Austauschschülern teilen, die in der Stadt weilten, um ihr Französisch aufzupolieren, aber es war mein Reich.

Ich konnte mich gut an das Gefühl der Unabhängigkeit erinnern, als mir am ersten Abend in meinem Zimmerchen klar wurde, dass es niemanden gab, der mir vorschrieb, was ich zu tun oder zu lassen hatte. Weil auch niemand für mich kochte, war ich zu einem Café in der Straße gegangen, hatte mich an einen der Tische davor gesetzt, mir eine Zigarette angezündet, die Speisekarte studiert und Zwiebelsuppe und ein Glas Wein bestellt. Der Kellner hatte nicht einmal mit der Wimper gezuckt, weil ich rauchte oder Alkohol orderte. Drei Gläser Wein später hatte ich schließlich den Mut aufgebracht, den Geschäftsführer des Lokals zu fragen, ob er eine Kellnerin gebrauchen könne. Und zwanzig Minuten danach war ich die wenigen Meter zu meiner Bleibe mit einer Zusage zurückgeschlendert. Zu den stolzesten Momenten in meinem Leben überhaupt zählte es, wie ich am folgenden Morgen von dem öffentlichen Telefon im Flur aus Pa anrief, der genauso erfreut klang wie damals, als meine Schwester Maia die Zusage für einen Studienplatz an der Sorbonne erhalten hatte.

Vier Wochen später hatte ich Susie, meiner jetzigen Agentin, einen Croque Monsieur serviert, und der Rest war Geschichte …

»Warum beschäftige ich mich permanent mit der Vergangenheit?« Ich hob mein Handy auf, um die weiteren Nachrichten zu checken. »Und warum denke ich die ganze Zeit an Pa …?«

»Mitch … Pa …«, murmelte ich. »Sie sind weg, Elektra, und jetzt auch Amy. Du musst nach vorn blicken.«

»Elektra, mein Schatz! Wie geht’s dir? Ich bin in New York … Hast du heute Abend was vor? Lust auf ein Fläschchen Cristal und Chow mein dans ton lit avec moi? Ich sehne mich nach dir. Ruf mich so schnell wie möglich zurück.«

Trotz meiner schlechten Laune konnte ich mir ein Lächeln über den rätselhaften Zed Eszu nicht verkneifen. Er war fabelhaft reich mit besten Connections und – obwohl nicht sonderlich groß und eigentlich überhaupt nicht mein Typ – unglaublich im Bett. Wir hatten uns drei Jahre lang regelmäßig getroffen, bis das mit Mitch ernst geworden war, und vor ein paar Wochen hatte ich die Sache mit Zed wiederbelebt, weil sie meinem Ego guttat.

Waren wir ineinander verliebt? Ich für meinen Teil konnte diese Frage eindeutig mit Nein beantworten, aber wir verkehrten in denselben New Yorker Kreisen, und das Schönste: Allein redeten wir Französisch. Wie Mitch beeindruckte Zed nicht, wer ich war, was mir inzwischen nur noch selten passierte und was ich als tröstlich empfand.

Ich betrachtete das Telefon und überlegte, ob ich Zeds Nachricht ignorieren und Susies Anweisung, früh ins Bett zu gehen, folgen oder ihn lieber anrufen und zu mir bitten sollte. Die Antwort auf diese Frage war nicht schwierig, also wählte ich Zeds Nummer. Während ich auf ihn wartete, duschte ich und schlüpfte in meinen Lieblingsseidenkimono, den ein aufstrebendes japanisches Modelabel eigens für mich entworfen hatte. Anschließend trank ich vorsorglich Unmengen von Wasser, um dem Alkohol oder anderen schädlichen Substanzen vorzubeugen, die ich mir bei seinem Besuch möglicherweise zuführen würde.

Als der Concierge mir mitteilte, dass mein Gast eingetroffen sei, sagte ich ihm, er solle Zed heraufschicken. Kurz darauf stand er mit einem riesigen Strauß weißer Rosen, meinen Lieblingsblumen, und der versprochenen Flasche Champagner vor meiner Tür.

»Bonsoir, ma belle Elektra«, begrüßte er mich, deponierte Blumen und Champagner auf einem Tischchen und küsste mich auf beide Wangen. »Comment vas-tu?«, erkundigte er sich in seinem merkwürdigen Stakkato-Französisch.

»Gut.« Ich warf einen gierigen Blick auf die Flasche. »Soll ich sie aufmachen?«

»Ich denke, das ist mein Job. Aber darf ich zuerst die Jacke ausziehen?«

»Klar.«

Er griff in seine Tasche und reichte mir ein Samtkästchen. »Als mein Blick darauf fiel, habe ich sofort an dich gedacht.«

»Danke.« Ich setzte mich aufs Sofa und schlug meine elend langen Beine unter, während ich das Kästchen in meiner Hand aufgeregt wie ein Kind beäugte. Zed kaufte mir oft Geschenke, die trotz seines immensen Reichtums nur selten protzig ausfielen. Er wählte lieber etwas Interessantes. Als ich den Deckel anhob, sah ich in dem Kästchen einen Ring mit einem ovalen buttergelben Stein. Ich nahm ihn heraus und drehte ihn im Licht des Kronleuchters.

»Bernstein«, teilte Zed mir mit. »Schau mal, ob er dir passt.«

»An welchem Finger soll ich ihn tragen?«, fragte ich spöttisch.

»Wo du möchtest, ma chère. Bei einem Heiratsantrag würde ich dir allerdings was Besseres schenken. Bestimmt kennst du die Beziehung deiner griechischen Namenspatronin zum Bernstein, oder?«

»Nein.« Ich beobachtete, wie er den Champagner entkorkte. »Wie sieht die aus?«

»Zum Beispiel der Name: Das griechische Wort für Bernstein war ›elektron‹; der Sage nach fängt er die Strahlen der Sonne ein. Die alten Griechen entdeckten, dass man Bernstein durch Reibung elektrisch aufladen und somit Energie erzeugen kann … der Name ist also perfekt für dich.« Er reichte mir lächelnd ein Glas Champagner.

»Willst du etwa behaupten, ich erzeuge Reibung?«, erwiderte ich, ebenfalls schmunzelnd. »Fragt sich nur, ob ich mich an meinen Namen angepasst habe oder ob er sich nach mir richtet. Santé

»Santé.« Wir stießen an, und Zed nahm neben mir Platz.

»Ähm …«

»Du überlegst, ob ich dir ein weiteres Geschenk mitgebracht habe, nicht wahr?«

»Ja.«

»Dann schau mal unter das Futter des Kästchens.«

Tatsächlich: Unter dem Samt befand sich ein Plastiktütchen.

»Danke, Zed.« Ich öffnete es begeistert, steckte den Finger hinein wie ein Kind in einen Honigtopf und rieb etwas von dem Pulver in mein Zahnfleisch.

»Gut, was?«, meinte er.

Nun schüttelte ich ein wenig davon auf den Tisch, löste den kurzen Strohhalm, der außen am Tütchen klebte, und zog mir eine Nase von dem Koks rein.

»Mmm, sogar sehr gut. Willst du auch was?«

»Meine Antwort lautet wie immer Nein. Wie geht’s dir?«

»Ach … okay.«

»Klingt nicht sonderlich begeistert, und du wirkst müde, Elektra.«

»Ich hatte ziemlich viel zu tun«, erklärte ich und trank einen großen Schluck Champagner. »Letzte Woche war ich zu einem Shooting auf Fidschi, und nächste Woche fliege ich nach Paris.«

»Du solltest einen Gang zurückschalten, dir eine Pause gönnen.«

»Sagt der Typ, der mehr Nächte in seinem Privatjet verbringt als zu Hause in seinem Bett«, neckte ich ihn.

»Möglicherweise sollten wir beide langsamer machen. Könnte ich dich zu einer Woche auf meiner Jacht überreden? Die liegt die nächsten Monate in St. Lucia, bevor ich sie für den Sommer ins Mittelmeer bringen lasse.«

»Schön wär’s«, seufzte ich. »Mein Terminkalender ist bis Juni voll.«

»Dann eben im Juni. Wir könnten zwischen den griechischen Inseln segeln.«

»Vielleicht«, meinte ich achselzuckend, weil ich seinen Vorschlag nicht wirklich ernst nahm. Er machte oft irgendwelche Pläne, die sich nie realisierten und deren Realisierung ich mir auch gar nicht wünschte. Zed war ein wunderbarer Bettgenosse für eine Nacht, doch im Alltag hätte er mich mit seiner Pingeligkeit und seiner unglaublichen Arroganz vermutlich genervt.

Als sich der Concierge über die Gegensprechanlage meldete, stand Zed auf, um ranzugehen. »Schicken Sie’s rauf, danke.« Dann schenkte er uns Champagner nach. »Das Chow mein ist da. Ein besseres hast du noch nie gegessen, das verspreche ich dir. Wie läuft’s bei deinen Schwestern?«

»So genau weiß ich das nicht. In letzter Zeit war so viel zu tun, da hatte ich keine Zeit, sie anzurufen. Von Ally weiß ich, dass sie ein Baby bekommen hat – einen kleinen Jungen. Er heißt Bär; das finde ich süß. Da fällt mir ein: Wir wollen uns alle im Juni in Atlantis treffen und mit Pas Jacht zu den griechischen Inseln fahren, um an der Stelle einen Kranz ins Meer zu werfen, wo Allys Ansicht nach sein Sarg versenkt wurde. Dein Dad wurde doch ganz in der Nähe am Strand gefunden, oder?«

»Ja, aber wie du denke ich nicht gern über den Tod meines Vaters nach, weil mich das aus der Fassung bringt«, erwiderte Zed barsch. »Ich beschäftige mich lieber mit der Zukunft.«

»Ein merkwürdiger Zufall ist es trotzdem …«

Als die Klingel an der Tür ging, öffnete Zed.

Wenig später brachte er zwei Styroporboxen in die Küche. »Hilf mir mal bitte, Elektra.«