Über Lara Prescott

Lara Prescott, geboren 1981 in Pennsylvania, studierte als Stipendiatin am Michener Center for Writers. Ihre Geschichten erschienen in literarischen Zeitschriften und wurden mehrfach ausgezeichnet. Alles, was wir sind ist ihr Debütroman, für den sie jahrelang in Russland, Europa und den Archiven der CIA recherchierte. Sie lebt in Austin, Texas.
Mehr unter www.laraprescott.com

Ulrike Seeberger, geboren 1952, Studium der Physik, lebte zehn Jahre in Schottland, arbeitete dort u.a. am Goethe-Institut. Seit 1987 freie Übersetzerin und Dolmetscherin in Nürnberg. Sie übertrug u.a. Autoren wie Lara Prescott, Philippa Gregory, Vikram Chandra, Alec Guiness, Oscar Wilde, Charles Dickens, Yaël Guiladi und Jean G. Goodhind ins Deutsche.

Informationen zum Buch

Es geht um Liebe.

Es geht um uns.

Der Kalte Krieg zieht auf, und Worte werden zu Waffen. Olga Iwinskaja, Geliebte des großen Boris Pasternak, wird verhaftet. In Moskau will man verhindern, dass Pasternaks Roman Doktor Shiwago erscheint, doch Olga hält an ihrer Liebe zu Boris fest.

Zugleich will die CIA mit einer einzigartigen Waffe den Widerstand in der Sowjetunion wecken – mit Literatur, mit Doktor Shiwago. Für die Mission wird die junge Irina angeworben und von der Agentin Sally ausgebildet. Es beginnt eine gefährliche Hetzjagd auf ein Buch, das den Lauf der Welt verändern soll.

Eine große Geschichte über geheime Heldinnen, die Kraft der Literatur und – die Liebe.

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Lara Prescott

Alles, was wir sind

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Ulrike Seeberger

XXL-Leseprobe

Inhaltsübersicht

Über Lara Prescott

Informationen zum Buch

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Osten: 1949–1950

Kapitel 1 ◊ Die Muse

Westen: Herbst 1956

Kapitel 2 ◊ Die Bewerberin

Kapitel 3 ◊ Die Stenotypistinnen

Kapitel 4 ◊ Die Schwalbe

Lara Prescott – Die Geschichte einer besonderen Geschichte

Impressum

Für Matt

Ich will …
unter den Wissenden sein oder allein.

Rainer Maria Rilke

Osten
1949–1950

Kapitel 1
Die Muse

Als die Männer in den schwarzen Anzügen kamen, bot meine Tochter ihnen Tee an. Die Männer nahmen an, höflich wie geladene Gäste. Doch als sie anfingen, meine Schreibtischschubladen auf den Boden zu leeren, ganze Arme voller Bücher von den Regalen zu reißen, Matratzen umzudrehen und Schränke zu durchwühlen, nahm Ira den pfeifenden Kessel vom Herd und stellte die Teetassen und Untertassen in den Schrank zurück.

Als ein Mann, der eine große Kiste trug, den anderen Männern befahl, alles Brauchbare dort hineinzupacken, ging Mitja, mein Jüngster, auf den Balkon, wo sein Igel untergebracht war. Er packte ihn fest unter seinen Pullover, als wollten die Männer auch sein Haustier in die Kiste stecken. Einer der Männer – derjenige, dessen Hand mir später über den Rücken gleiten würde, während er mich in das schwarze Auto schob – legte Mitja leicht die Hand auf den Kopf und nannte ihn einen braven Jungen. Mitja, der sanfte Mitja, schüttelte mit einer ungestümen Bewegung die Hand des Mannes ab und zog sich in das Schlafzimmer zurück, das er mit seiner Schwester teilte.

Meine Mutter, die im Badezimmer gewesen war, als die Männer kamen, tauchte im Bademantel auf – das Haar noch nass, das Gesicht gerötet. »Ich habe dir gesagt, dass das passieren würde. Ich habe dir gesagt, dass sie kommen würden.« Die Männer durchwühlten meine Briefe von Boris, meine Notizen, Einkaufslisten, Zeitungsausschnitte, Zeitschriften, Bücher. »Ich habe dir gesagt, dass er uns nichts als Kummer bringen würde, Olga.«

Ehe ich reagieren konnte, nahm mich einer der Männer beim Arm – eher wie ein Liebhaber als wie jemand, den man geschickt hatte, um mich zu verhaften –, und sein Atem war heiß an meinem Nacken, als er sagte, es sei Zeit zu gehen. Ich erstarrte. Erst das Heulen meiner Kinder riss mich in die Gegenwart zurück. Die Tür schloss sich hinter uns, aber ihr Heulen wurde nur lauter.

Das Auto bog zweimal links ab, dann rechts. Dann noch einmal rechts. Ich brauchte nicht aus dem Fenster zu schauen, um zu wissen, wohin mich die Männer in den schwarzen Anzügen brachten. Mir war übel, und ich sagte das dem Mann neben mir, der nach gebratenen Zwiebeln und Kohl stank. Er öffnete das Fenster – eine kleine freundliche Geste. Aber die Übelkeit blieb, und als das große gelbe Ziegelgebäude in Sicht kam, musste ich würgen.

Als ich ein Kind war, brachte man mir bei, die Luft anzuhalten und an nichts zu denken, wenn ich an der Lubjanka vorüberging – man sagte, das Ministerium für Staatssicherheit könne feststellen, ob man antisowjetische Gedanken hegte. Damals hatte ich keine Ahnung, was antisowjetische Gedanken sein könnten.

Das Auto fuhr über einen Kreisverkehr und passierte das Tor zum Innenhof der Lubjanka. Mein Mund füllte sich mit Galle, die ich rasch herunterschluckte. Die Männer, die neben mir saßen, rückten so weit von mir weg, wie sie konnten.

Das Auto hielt an. »Was ist das höchste Gebäude in Moskau?«, fragte der Mann, der nach gebratenen Zwiebeln und Kohl stank, während er die Tür aufmachte. Mich überkam eine neue Welle der Übelkeit, und ich beugte mich vor und spie mein Frühstück, Spiegeleier, auf die Pflastersteine, verfehlte dabei knapp die mattschwarzen Schuhe des Mannes. »Natürlich die Lubjanka. Man sagt, dass man vom Keller aus bis nach Sibirien sehen kann.«

Der zweite Mann lachte und drückte seine Zigarette am Absatz seines Schuhs aus.

Ich spuckte zweimal aus und wischte mir mit dem Handrücken den Mund ab.

***

Sobald wir in ihrem großen gelben Ziegelgebäude waren, übergaben mich die Männer an zwei weibliche Wachen, nicht ohne mir vorher noch einen Blick zuzuwerfen, aus dem ich schloss, ich solle dankbar sein, dass es nicht sie waren, die mich bis zu meiner Zelle brachten. Die massigere Frau, die einen leichten Oberlippenbart hatte, saß in der Ecke auf einem blauen Plastikstuhl, während die kleinere mich bat, meine Kleider abzulegen. Ihre Stimme war so sanft, als überredete sie ein Kleinkind, sich auf die Toilette zu setzen. Ich zog meine Jacke, mein Kleid und meine Schuhe aus und stand in meiner fleischfarbenen Unterwäsche da, während sie mir meine Armbanduhr und meine Ringe abnahm. Sie ließ sie mit einem Klappern in einen Metallbehälter fallen, das von den Betonwänden widerhallte, und forderte mich mit einer Handbewegung auf, meinen Büstenhalter abzulegen. Ich sträubte mich, verschränkte die Arme.

»Das muss sein«, sagte die Frau auf dem blauen Stuhl – die ersten Worte, die sie an mich richtete. »Sie könnten sich erhängen.« Ich hakte meinen BH auf und zog ihn aus, und die kalte Luft traf auf meine Brust. Ich spürte, wie sie meinen Körper musterten. Selbst unter solchen Umständen schauen Frauen einander abschätzend an.

»Sind Sie schwanger?«, fragte die massigere Frau.

»Ja«, antwortete ich. Es war das erste Mal, dass ich es laut zugab.

Eine Woche nachdem Boris sich zum dritten Mal von mir getrennt hatte, hatten er und ich uns das letzte Mal geliebt. »Es ist vorbei«, hatte er gesagt. »Es muss aufhören.« Ich zerstöre seine Familie. Ich sei die Ursache all seines Schmerzes. Das sagte er mir, während wir durch eine Gasse beim Arbat spazierten, und ich sackte im Eingang einer Bäckerei zusammen. Er wollte mir aufhelfen, und ich kreischte, er solle mich in Ruhe lassen. Leute blieben stehen und starrten uns an.

In der Woche darauf stand er vor meiner Wohnungstür. Er hatte ein Geschenk mitgebracht: einen luxuriösen japanischen Morgenmantel, den seine Schwestern ihm in London besorgt hatten. »Probier ihn für mich an«, flehte er. Ich duckte mich hinter meinen Paravent und zog ihn über. Der Stoff war steif, wenig schmeichelhaft, bauschte sich vor meinem Bauch. Der Morgenmantel war zu groß – vielleicht hatte er seinen Schwestern weisgemacht, das Geschenk wäre für seine Frau. Ich fand ihn scheußlich und sagte Boris das auch. Er lachte. »Dann zieh ihn aus«, bat er. Und das tat ich.

Einen Monat später begann meine Haut zu kribbeln, als sei ich aus der Kälte gekommen und tauche in ein heißes Bad. Dieses Kribbeln hatte ich schon bei Ira und Mitja gespürt, und ich wusste, dass ich sein Kind unter dem Herzen trug.

»Dann kommt bald ein Arzt zu Ihnen«, sagte die kleinere Wärterin.

Sie durchsuchten mich, nahmen alles mit, gaben mir einen unförmigen grauen Kittel und Schlappen, die zwei Nummern zu groß waren, und brachten mich in eine kahle Betonzelle, die nur eine Matte und einen Eimer enthielt.

In dieser Betonzelle hielten sie mich drei Tage lang fest, und ich bekam zweimal am Tag Kascha, die ewig gleiche Buchweizengrütze, und Sauermilch. Eine Ärztin kam und untersuchte mich, nur um zu bestätigen, was ich schon wusste. Ich verdankte es dem Baby, das in mir heranwuchs, dass mir die schrecklicheren Dinge erspart blieben, von denen ich gehört hatte, dass sie Frauen in dieser Zelle zustießen.

Nach den drei Tagen verlegten sie mich in einen größeren Raum, ebenfalls aus Beton, mit vierzehn anderen weiblichen Gefangenen. Man wies mir ein Bett zu, dessen Metallgestell am Boden festgeschraubt war. Sobald die Wärterinnen die Tür geschlossen hatten, legte ich mich hin.

»Du kannst jetzt nicht schlafen«, sagte eine junge Frau, die auf dem Bett nebenan saß. Sie hatte wunde Stellen an den Ellbogen. »Die kommen und wecken dich.« Sie deutete auf die grellen Neonlichter oben. »Schlafen am Tag ist nicht erlaubt.«

»Und du kannst von Glück sagen, wenn du nachts eine Stunde Schlaf kriegst«, meinte eine zweite Frau. Sie ähnelte der ersten, schien jedoch alt genug, um ihre Mutter zu sein. Ich überlegte, ob sie verwandt sein mochten – oder ob an diesem Ort, unter diesen grellen Lampen, in der gleichen Kleidung irgendwann alle einander ähnelten. »Dann kommen sie nämlich und holen dich für ihre kleinen Unterhaltungen.«

Die jüngere Frau warf der älteren einen Blick zu.

»Was tun wir denn, anstatt zu schlafen?«, fragte ich.

»Wir warten.«

»Und spielen Schach.«

»Schach?«

»Ja«, sagte eine dritte, die auf der anderen Seite des Raumes an einem Tisch saß. Sie hielt einen Springer hoch, der aus einem Fingerhut gemacht war. »Spielst du Schach?« Ich spielte nicht Schach, aber ich würde es im Lauf des nächsten Wartemonats lernen.

***

Die Wärter kamen tatsächlich. Jede Nacht holten sie eine Frau nach der anderen heraus und brachten sie Stunden später in Zelle Nummer sieben zurück, schweigend und mit roten Augen. Ich wappnete mich jede Nacht für den Augenblick, in dem man mich holen würde, war trotzdem überrascht, als sie schließlich kamen.

Ich wurde davon wach, dass jemand mit einem hölzernen Knüppel gegen meine nackte Schulter klopfte. »Anfangsbuchstaben!«, fauchte der Wärter, der neben meinem Bett stand. Die Männer, die nachts kamen, verlangten stets die Initialen unserer Namen zu hören, ehe sie uns fortführten. Ich murmelte eine Antwort. Der Wärter wies mich an, ich solle mich anziehen, und wandte die Augen nicht ab, während ich es tat.

Wir gingen einen dunklen Korridor entlang und mehrere Treppen hinunter. Ich fragte mich, ob die Gerüchte stimmten: dass die Lubjanka zwanzig Stockwerke unter der Erde hatte und mit dem Kreml durch Tunnel verbunden war, dass einer der Tunnel zu einem mit allem Luxus ausgestatteten Bunker führte, den man im Krieg für Stalin gebaut hatte.

Am Ende eines weiteren dunklen Flurs befand sich eine Tür mit der Aufschrift 271. Der Wärter öffnete die Tür einen Spaltbreit, schaute hinein und riss sie dann mit einem Lachen auf. Es war keine Zelle, sondern ein Vorratsraum, in dem Türme von Fleischkonserven, ordentlich gestapelte Kisten mit Tee und Säcke voller Roggenmehl lagerten. Der Wärter grunzte und deutete ans andere Ende des Raumes, auf eine weitere Tür, auf der keine Zahl stand. Ich öffnete sie. Drinnen konnten sich meine Augen nur mit Mühe an das grelle Licht gewöhnen. Es war ein hellerleuchtetes Büro mit schicken Möbeln, die auch in einer Hotelhalle nicht fehl am Platze gewesen wären. Regale voller Bücher in Ledereinbänden nahmen eine ganze Wand ein; an der gegenüberliegenden standen drei Wärter aufgereiht. Ein Mann im Uniformrock saß an einem großen Schreibtisch mitten im Raum. Auf seinem Schreibtisch lagen Stapel von Büchern und Briefen: meine Bücher, meine Briefe.