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Ina Freiwald

Können Sie strippen?

Aus dem Alltag einer Jobvermittlerin

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1. Auflage

Originalausgabe

© 2011 Riemann Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Lektorat: Susanne Aeckerle

Satz: Barbara Rabus

ISBN 978-3-641-06142-5

www.riemann-verlag.de

Das Heiligste, das der Deutsche hat, ist die Arbeit.

Kurt Tucholsky

deutscher Journalist und Schriftsteller, 1890-1935

Inhalt

Prolog

1 Ich bin alt, und ich brauche das Geld

Wie ich mich selbst in einen neuen Job vermittle

2 Teamwork im freien Fall

Neue Kollegen & eine Begegnung der dritten ARGE-Art

3 »Da war ich drei Jahre im ›Ausland‹ …«

Schicksale mit fatalen Lebensläufen

4 Müde Tauben und ein fast gebrochenes Nasenbein

Bandenkrieg der Teilnehmer-Gruppen

5 Gibt es ein richtiges Leben im falschen?

Krisenstimmung und Fluchtgedanken

6 Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Die motivierende Kraft der Poesie

7 »Gott weiß, ich habe gesündigt«

Der »Talkshow-Effekt« bei Vorstellungsgesprächen

8 »Wer is’n die Frau?«

Besuch im Haus der ARGE-Family

9 Ein unmoralarschiges Angebot

Der alte Mann und das Mehr

10 Als wenn das Leben nicht schon hart genug wäre

Die neue Teilnehmerin und das tanzende Kamel

11 Was nicht passt, wird auch nicht passend gemacht

Besichtigung der Praktikanten

12 Lebbe geht weider

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Prolog

Was sagt ein arbeitsloser Physiker zu einem, der Arbeit hat?

»Eine Tüte Pommes, bitte!«

Jaja, haha. Nicht wirklich komisch. Dass Akademiker Taxi fahren oder Kinotickets abreißen, ist schließlich nichts Neues.

Seit ich aber als Dozentin und Jobvermittlerin auch Physiker bei ihrer Jobsuche begleite, so wie auch zahlreiche Metaller und Schweißer, Lageristen oder Büro- und Einzelhandelskaufleute, seitdem weiß ich mit Sicherheit: Kein arbeitsloser Physiker würde einen so begehrten Job wie Pommesverkäufer bekommen.

Unsere Auftraggeber sind in erster Linie die Arbeitsagenturen und Jobcenter (ARGEN). Für die Glücklichen, die noch nie mit solchen Institutionen zu tun hatten: Die Agenturen für Arbeit kümmern sich um Leute, die direkt aus dem Job heraus Arbeit suchen und das noch nicht länger als ein Jahr. Die ARGE (Abkürzung für Arbeitsgemeinschaften nach dem SGB II, auch bekannt als »Jobcenter«) sind für die angehenden oder bereits etablierten Langzeitarbeitslosen zuständig. Während Erstgenannte das klassische Arbeitslosengeld zahlen, beziehen die Betreuten der Jobcenter Hartz IV. Da die staatlichen Arbeitsvermittler unter Erfolgsdruck stehen, weisen sie uns gerne sogenannte »Karteileichen« zu – Teilnehmer, die aus unterschiedlichen Gründen äußerst schwer zu vermitteln sind. Der Vorteil für unsere Auftraggeber: Sie müssen sich einige Wochen oder Monate nicht um diese arbeitslosen Kunden kümmern und haben sie gleichzeitig aus der Statistik. Denn komplett alle an Bildungsträger vermittelten Arbeitslosen wie Ein-Euro-Jobber, Kurzarbeiter oder mit Jobcenter-Geldern unterstützte sozialversicherte Geringverdiener sind offiziell in Arbeit.

Obwohl sich viele Teilnehmer (vor allem Langzeitarbeitslose) zu uns Bildungsträgern abgeschoben fühlen und nicht freiwillig mitmachen, haben sie meist etwas von unserer Arbeit. Wenn sie wollen, können wir viel erreichen, wenn sie nicht wollen, können sie mir das Leben zur Hölle machen. Und sich selbst übrigens auch.