Steve Lawson

Der Kuss der Teufelin

Aus dem englischen Original

Deadly Desires

Von Steve Lawson außerdem erschienen in deutscher Übersetzung:

Das Tödlichere Geschlecht

Option auf Morgen

Tödlicher Zwang

Im englischen Original:

The Deadlier Sex

Option on Tomorrow

Deadly Compulsions

Demnächst zu veröffentlichen:

Ich, der Terrorist (I, the Terrorist)

In Bearbeitung:

Skalpell und Handschellen

Ich glaube, Frauen sind dumm, wenn sie vorgeben, den Männern gleich zu sein. Sie sind ihnen weit überlegen, und das waren sie schon immer. Was du einer Frau auch gibst, sie macht etwas Größeres daraus. Wenn du ihr Sperma gibst, schenkt sie dir ein Baby. Wenn du ihr ein Haus gibst, schenkt sie dir ein Heim. Wenn du ihr Lebensmittel gibst, schenkt sie dir ein Mahl. Wenn du ihr ein Lächeln gibst, schenkt sie dir ihr Herz. Sie vervielfältigt und vergrößert, was man ihr gibt. Wenn du ihr also Mist gibst, musst du damit rechnen, dass du eine Tonne Scheiße zurückbekommst!

William Golding (1911–1993)

Kapitel 1

„Sir?“, rief der Radartechniker dem Offizier zu, der hinter ihm stand. „Wir haben Kontakt!“

„Details“, verlangte der Offizier, trat näher heran, um mehr zu sehen und warf dann einen Blick auf seinen Chronografen. Er zeigte 13.25 Uhr an.

„Höhe: 32.000 Fuß, Kurs: Nord-Nordwest.“

„Das ist unsere Kleine“, sagte der Offizier, griff nach der Sprechanlage und gab die Information an den befehlshabenden Offizier weiter. Minuten später starteten zwei F/A-18 Hornet Kampfflugzeuge vom Flugzeugträger USS Whiplash, der 80 Kilometer westlich von Zypern das Mittelmeer patrouillierte. Ihr Auftrag war es, eine zivile Boeing 727, die auf dem Weg von Ägypten nach Mitteleuropa war, zu lokalisieren und zu zerstören. An Bord des Flugzeugs befanden sich Aziz-al-Bustani, der Hauptkoordinator terroristischer Aktivitäten im Nahen Osten, und seine Gefolgsleute. Der Eingriff sollte über den österreichischen Alpen stattfinden. Es sollten Luft-Luft-Raketen eingesetzt werden. Keine Überlebenden und keine sichtbaren Trümmer. Der Flugplan zeigte, dass die Maschine die albanische Westküste um 14.12 Uhr nach westeuropäischer Zeit an den Koordinaten 18 Grad Ost, 38 Grad Nord passieren sollte.

„Sir?“, rief der Radartechniker zwei Minuten später erneut. „Wir haben einen anderen Kontakt auf dem gleichen Kurs, aber dieses Mal in 30.000 Fuß Höhe.“

„Ignorieren“, sagte der Offizier. „Nicht weiter verfolgen. Wir haben unser Ziel.“

Kapitel 2

Ein blutender Mann mit starken Verbrennungen, der auf unsicheren Beinen schwankte, bewegte sich den steilen Abhang des schneebedeckten Berges hinab. Er wusste nicht, wie er hierhergekommen war. Er wusste nicht, wo er war. Er fror ohne seine Jacke, aber er wusste nicht, wo sie war oder ob er jemals eine gehabt hatte. Aber eins wusste er mit Sicherheit: Er träumte nicht. Das hier war kein Albtraum. Es war die Realität! Die unerträglichen Schmerzen am ganzen Körper verrieten es ihm. Sein Selbsterhaltungstrieb sagte ihm noch etwas anderes: Du musst von diesem Berg herunter und weg von dieser Kälte. Und das möglichst bald! Er rang nach Luft und taumelte von Fels zu Fels, hielt immer weiter durch und versuchte dem Drang zu widerstehen, sein entsetzlich schmerzendes Gesicht zu berühren.

Während er sich stolpernd vorwärtsbewegte, fiel er hin. Er merkte, dass ihn seine Kräfte verließen, und geriet in Panik. Ich werde erfrieren, dachte er. Aber vielleicht wäre das gut, zumindest würde er die Schmerzen nicht mehr spüren. Oder doch? Er wusste es nicht.

Ein plötzlicher Windstoß warf ihn um. Er prallte gegen einen Felsen, rutschte herunter und fiel ein paar Meter nach unten in den tiefen Schnee auf einer Lichtung. Er schlug mit dem Kopf gegen einen Stein, schrie vor Schmerz auf und blieb reglos liegen, fast schon bewusstlos. Eine Weile später kam er wieder zu sich und wusste nicht, wie lange er dort gelegen hatte. In der Ferne konnte er etwas erkennen, das wie eine Hütte aussah. Eine hölzerne Hütte, die an die Felswand gebaut war. Er konnte auch einen Schornstein sehen, aber keinen Rauch. Die Hütte muss leer sein, dachte er. Es spielte keine Rolle. Er könnte dort Zuflucht finden, vorausgesetzt, er schaffte es bis dorthin. Falls ihm das Gehirn keinen Streich spielte und ihm die Hütte nicht nur vorgaukelte. Er nahm all seine verbleibende Kraft zusammen und schaffte es, auf die Beine zu kommen. Er atmete mehrmals tief durch, dann wankte er im verzweifelten Versuch, die Hütte zu erreichen, einen weiteren steilen Abhang hinunter. Er fiel immer öfter hin und es wurde jedes Mal schwerer, wieder aufzustehen. Am Ende verließen ihn seine Kräfte völlig und er kroch die letzten paar Meter zur Hütte auf dem Bauch. Als er die Tür der Hütte endlich erreicht hatte, streckte er eine Hand aus, um sie aufzustoßen. Er klammerte sich an der Türschwelle fest und zog sich ins Innere.

Eine Stunde später stieß eine Gruppe von Bergsteigern, die einen Ort zum Rasten suchte, auf seinen bewusstlosen Körper und alarmierte angesichts seines Zustands die Bergrettung. Zehn Minuten später holte die Mannschaft eines Helikopters den Mann ab und flog ihn zu einem nahegelegenen Krankenhaus, wo er stabilisiert wurde. Danach wurde er an die Universitätsklinik in Innsbruck überstellt, wo die erforderlichen Möglichkeiten gegeben waren, seine Wunden zu behandeln. Da er keine Papiere bei sich trug und es keine Erklärung gab, wie er sich die Wunden zugezogen haben könnte, informierte die Krankenhausleitung die Polizei in Innsbruck.

Nach der Untersuchung durch ein ärztliches Team in der Universitätsklinik wurde eine Diagnose gestellt. Der Mann hatte einen gebrochenen linken Arm, vier angebrochene Rippen und schwere Verbrennungen im Gesicht, die seine Züge unkenntlich machten. Außerdem wies der ganze Körper Prellungen auf. Er wurde sediert und erhielt schmerzstillende Injektionen. Die Knochen in seinem Arm wurden gerichtet und man verpasste ihm einen Gips. Auch seine restlichen Wunden wurden behandelt. Professorin Dr. Fiona Winters, die Leiterin der plastisch-rekonstruktiven Gesichtschirurgie wurde in der Schweiz benachrichtigt, wo sie einen Kletterurlaub machte, und gebeten, sobald wie möglich zurückzukehren, und sie folgte der Aufforderung.

Professorin Fiona Winters war eine attraktive große und schlanke blonde Frau Anfang Vierzig. In ihrer Ehe mit einem impotenten arbeitssüchtigen Bankangestellten war sie frustriert und unglücklich. Da sie keine Kinder hatte, drehte sich ihr Leben um ihren Beruf und ein einziges, aber leidenschaftlich verfolgtes Hobby – klassische Musik.

Es war nach 10 Uhr an einem warmen Juniabend, als sie ihren Porsche 911 Carrera S auf dem für sie reservierten Parkplatz am Klinikum abstellte. Zwei Ärzte und zwei Krankenschwestern, deren offizielle Schicht lang vorbei war, warteten am Bett des Patienten auf sie.

„Guten Abend Ihnen allen“, sagte Professorin Winters und schluckte die Verärgerung über den Abbruch ihres kurzen, aber dringend benötigten Urlaubs hinunter. „Danke, dass Sie auf mich gewartet haben. Ich bin in den üblichen Stau am Flüelapass geraten“, sagte sie entschuldigend und gab allen lächelnd die Hand, bevor sie in den Ärztemantel schlüpfte, den sie beim Eintreten vom Haken genommen hatte. Die schmachtenden Blicke der Männer, als sie ihren üppigen Körper in engen Jeans und einem noch engeren grauen Pullover sahen, schien sie nicht zu bemerken.

„Guten Abend, Frau Professorin“, sagten sie im Chor, und während die Männer darum rangen, ihre Fassung wiederzugewinnen, reichte ihr eine der Schwestern ein Paar steril verpackte OP-Handschuhe. Schweigend studierte sie das Patientenblatt, zog die Handschuhe über und trat ans Kopfende des Betts, um das Gesicht des Mannes zu untersuchen.

„Verbrennungen dritten Grades und einige Schnittwunden im Gesicht“, sagte sie, „beide Wangenknochen und Teile der Stirn freigelegt, Nasenstruktur, Lider und das linke Ohr teilweise vom Feuer angegriffen. Verbrennungen zweiten Grades und oberflächliche Schnitte am Hals und an der Brust.“ Ihr Blick wanderte zum rechten Arm des Patienten, der ans Bett gebunden war, um zu verhindern, dass er sich kratzte oder an den Infusionsschläuchen und Kanülen in seinem Arm zog. „Verbrennungen ersten Grades, zahlreiche tiefe und oberflächliche Schnitte und Prellungen am rechten Arm und – oh, was ist das?“, unterbrach sie sich und zeigte auf ein kreuzförmiges Mal auf dem Handrücken des Mannes. „Das stammt nicht aus jüngerer Zeit.“ Sie bog die langen Finger des Mannes gerade, um es besser betrachten zu können, und starrte darauf, als käme aus den Tiefen ihres Bewusstseins ein Hinweis, dass sie diese Narbe schon einmal gesehen hatte. Aber wo und wann, daran konnte sie sich nicht erinnern. Sie war sich jedoch sicher, dass sie sich nicht täuschte. Sie kannte diese Narbe!

„Schwer zu sagen“, meinte der rangältere der beiden Ärzte und beugte sich vor, um mehr zu erkennen, wobei er die Gelegenheit nutzte, ihren sinnlichen Duft aufzunehmen, der ihn in ihrer Nähe immer fast in Trance versetzte. „Es ist eine alte Narbe“, sagte er und spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte. „Könnte von einem Messer oder einer Art Brandeisen stammen.“ Er trat zurück und hoffte, dass die anderen nicht ahnten, was in seinem Kopf vor sich ging.

„Da könntest du recht haben, Manfred“, sagte sie, während ihr Kopf immer noch mit dem Mal beschäftigt war. „Bitte, Schwestern, ziehen Sie die Decke zurück.“ Sie trat beiseite, und die Krankenschwestern folgten ihrer Aufforderung.

„Mein Gott! Er besteht nur aus Haut und Knochen“, rief Fiona aus. Ihr Blick wanderte über den Körper des Mannes zur Schwellung in seinem Schritt, die in der knappen Krankenhausunterhose deutlich hervortrat. Wenigstens gibt es eine Stelle, an der er ganz und gar nicht verhungert aussieht, dachte sie und schluckte schwer. Sie hob den Blick, richtete sich auf und zog die Handschuhe ab. „Dieser arme Mann wurde gefoltert. Es gibt unzählige Brandwunden durch Zigaretten an seinem Körper, einige von ihnen sind noch nicht alt.“

„Sein Rücken sieht noch schlimmer aus“, erklärte Dr. Manfred Habicht. „Es scheint, als wäre er auch wiederholt geschlagen worden, und das über einen gewissen Zeitraum.“

„Gibt es irgendeinen Hinweis auf seine Identität?“, fragte sie.

„Nicht den geringsten. Die Polizei ist genauso ratlos wie wir. Niemand kann sich einen Reim darauf machen, wie er überhaupt ins Karwendelgebirge gekommen ist.“

„Hat er irgendetwas gesagt?“

„Nein. Er war die ganze Zeit bewusstlos, seit wir ihn hier haben. Seine Kleider lassen aber darauf schließen, dass er kein Österreicher ist, sagt die Polizei.“

Wieder versuchte Fiona sich zu erinnern, woher sie den Mann kannte, falls es denn überhaupt so war. Sie durchforstete ihr Gedächtnis, doch das Einzige, was sie sicher wusste, war, dass sie das Mal an seiner Hand schon gesehen hatte und das nicht nur einmal. Aber das Wo und Wann bekam sie nicht zu fassen.

„In Ordnung, Leute. Danke nochmal, dass Sie hiergeblieben sind und sich um ihn gekümmert haben. Das war sehr rücksichtsvoll von Ihnen. Wir werden ihn morgen früh in meine Abteilung überstellen und mit der weiteren Behandlung beginnen, die allem Anschein nach sehr umfassend sein wird.“

Verstört durch die Narbe, die sie gesehen hatte, und durch ihr Unvermögen, sich zu vergegenwärtigen, warum sie so sicher war, dass sie sie kannte, fuhr sie zu ihrem Haus in der Vorstadt, um sich zurückzuziehen und nachzudenken. Während sie über dem Rätsel brütete, setzte sie sich ins Wohnzimmer und starrte vor sich hin. Sie wartete darauf, dass die gefürchtete Depression Besitz von ihr ergriff, eine Krankheit, die auf beruflichen und privaten Stress zurückzuführen war, wie ihre Therapeutin ihr vor einiger Zeit erklärt hatte.

Kapitel 3

Nachdem Professorin Fiona Winters von ihrer üblichen Joggingrunde am Morgen zurückgekehrt war, duschte sie und setzte sich im Bademantel an den Frühstückstisch. Sie schluckte die morgendliche Dosis ihres Beruhigungsmittels, goss sich aus dem Perkolator, der auf einem gläsernen Servierwagen stand, eine dampfend heiße Tasse Kaffee ein und griff nach einem der Kipferl – dem österreichischen Croissant –, die sich in einem Brotkörbchen auf dem Tisch befanden und noch warm waren. Sie brach das Hörnchen in der Mitte durch, und nachdem sie es mit fettreduzierter Butter und selbstgemachter Erdbeermarmelade bestrichen hatte, biss sie ein Stück ab. Geräuschvoll kauend warf sie einen Blick auf die gefaltete Lokalzeitung, die wie üblich von der Haushaltshilfe Ilka in Reichweite gelegt worden war.

Ihr Mann Frederick war schon lange aufgebrochen. Er war immer bestrebt, als Erster in seiner geliebten Bank einzutreffen. Nach mehr als zehn Jahren, in denen das schon so ging, war Fiona daran gewöhnt, das Frühstück und oft auch das Abendessen allein einzunehmen. Sie goss sich eine zweite Tasse Kaffee ein, gähnte, nahm einen Schluck und klappte die Zeitung mit einer trägen, gelangweilten Handbewegung auf. Sie gähnte erneut und schloss die Augen, um sie auszuruhen. Sie dachte an die Notwendigkeit, ihr Make-up noch sorgfältiger als sonst aufzutragen, um die Spuren einer schlaflosen Nacht zu verbergen, bevor sie in die Klinik fuhr.

Sie öffnete die Augen und warf einen Blick auf die Zeitung. Die Schlagzeile über einem Farbfoto sprang ihr in die Augen und drängte sich mit erschreckender Wucht in ihr Bewusstsein.

Darth Vader von Star Wars (ohne seinen Helm) oder Frankensteins Monster?

Sie las die Zeilen, lenkte ihren Blick auf das Foto und erkannte bestürzt das entstellte Gesicht ihres Patienten aus der Nacht zuvor. Als sie sich von ihrem Schock erholte, wurde ihr bewusst, dass es zu früh war, um die Klinikverwaltung anzurufen und zu ermitteln, wie es möglich sein konnte, dass jemand dieses Foto aufgenommen und mit solch einem spöttischen Text veröffentlicht hatte.

Sie sprang auf und eilte in ihr Schlafzimmer. Ohne noch an ihren vorherigen Entschluss, Make-up aufzutragen, zu denken, schlüpfte sie in Jeans, beige Bluse und passenden Blazer, schnappte sich ihre Tasche und rannte zur Garage. Sie warf den Motor an, schoss auf die Straße hinaus und machte sich mit ihrem Porsche auf den Weg zur 15 Kilometer entfernten Klinik.

Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, rief sie im Krankenhaus an und gab Anweisungen, den Patienten in ein fensterloses Isolierzimmer zu verlegen, zu dem niemand außer ihren Mitarbeitern Zugang hätte. Außerdem sollte der Sicherheitsdienst alarmiert werden und nach Unbefugten Ausschau halten. Als sie ihre Hand vom Mobiltelefon nahm, das am Armaturenbrett befestigt war, streiften ihre Finger das Radio und sie schaltete es automatisch an. Sowohl zu Hause als auch im Auto war ihr Radio ständig auf Bayern 5 eingestellt, einen Sender für klassische Musik aus dem benachbarten Deutschland. Sekundenbruchteile später erklang die wunderschöne Melodie von Chopins Klavierkonzert Nr. 1 in e-Moll aus den sechs Stereo-Lautsprechern, die in jedem Winkel des Autos steckten, und Fiona erbebte vor Verzückung. Augenblicklich sprang ihr unglaubliches Gedächtnis für Musik an und sie identifizierte die Wiener Philharmoniker, dirigiert von Riccardo Muti, mit Martha Argerich am Klavier. Sie erkannte die Aufnahme vom letzten Jahr im Konzerthaus in Wien. Als sich das Stück ihrer Lieblingsstelle näherte, lenkte sie den Wagen schnell an den Straßenrand und schaltete den Motor aus. Sie lehnte sich in ihrem Sitz zurück und schloss die Augen. Während sie in die Musik eintauchte, rief sie sich vor ihren inneren Augen die Hände der gefeierten Pianistin wach, wie sie über die Tasten glitten und einen Klang hervorbrachten, der Fiona das Gefühl gab, im All zu schweben.

In einem solchen Moment überkam sie immer ein Anfall von Bedauern, dass sie vor vielen Jahren ihrem Vater nachgegeben und Medizin studiert hatte, anstatt ihre Ausbildung zur Konzertpianistin fortzusetzen, wie es ihr Traum gewesen war. Der Lauf der Jahre und ihr Erfolg als Chirurgin hatten die Sehnsucht gedämpft, sich durch Musik, die Sprache ihres Herzens, auszudrücken, aber sie hatte immer noch das Gefühl, unerfüllt zu sein.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Musik zu und erschrak, als sich plötzlich ihr inneres Bild von der weiblichen Hand einer Pianistin in das einer langgliedrigen männlichen Hand mit dem Zeichen eines Kreuzes auf dem rechten Handrücken verwandelte. Ist das möglich? fragte sie sich und schaltete das Radio ab, um sich besser zu konzentrieren. Könnte ihr Patient wirklich Dawit Zenawi sein, der weltberühmte äthiopische Pianist und beste Interpret von Beethoven und Chopin, den sie je gehört hatte? Aber nein, warum sollte er in den Alpen herumwandern? Und das mit solchen Verletzungen?

Je mehr sie darüber nachdachte, desto überzeugter wurde sie, dass sie sich das alles nicht einbildete. Es war eine wertvolle Erinnerung für sie, wie sie Dawit vor vier Jahren nach einem triumphalen Konzert begegnet war, bei dem er sieben Mal hinter dem Vorhang hervorgerufen worden war und fünf Zugaben gegeben hatte. So aufgeregt, dass es fast schon an einen Rausch grenzte, hatte sie sich danach wie ein Teenager in die Schlange gestellt, um ein Autogramm von ihm zu bekommen, und das Kreuz auf seiner Hand war ihr zum ersten Mal aufgefallen, als er seinen Namen geschrieben hatte.

Er hatte sie mit seiner ruhigen, fast schüchternen Art und seinem männlichen guten Aussehen fasziniert. In jener Nacht hatte sie von ihm geträumt und einige Nächte später auch. In den Tagen nach dem Konzert hatte sie die Musikgeschäfte in Innsbruck durchstöbert, um all seine DVDs und CDs zu kaufen, die sie dann am Abend bei einem Glas Wein abspielte, wenn sie allein war – was oft vorkam.

Sie hatte ihn sechs Monate später noch einmal gesehen, als sie nach München geflogen war, wo er ein Konzert gab, bevor er in den USA auf Tour ging. Nach dem Konzert wollte sie ihn noch einmal aus der Nähe sehen, aber als sie die lange Schlange der verzauberten und laut jubelnden Menge sah, die am Bühnenausgang auf sein Erscheinen wartete, war sie missmutig zu ihrem Hotel zurückgekehrt.

Nachdem sie ihr Make-up aufgefrischt hatte, tauschte sie die Abendgarderobe gegen weniger festliche Kleidung und ging zum Essen ins Restaurant hinunter. Der Oberkellner führte sie an einen Tisch in einer diskreten Ecke des Speisesaals und reichte ihr eine dicke, ledergebundene Speisekarte. Als Aperitif bestellte sie einen trockenen Sherry und studierte die Speisekarte, während sie gelegentlich am Sherry nippte.

„Ich bitte um Verzeihung, schöne Dame“, hörte Fiona eine weiche männliche Stimme in der Nähe und als sie über den Rand der Karte sah, setzte ihr Herz einen Schlag lang aus. Es war er! Er stand da, groß, schlank, immer noch bekleidet mit seinem maßgefertigten Frack, einem weißen Hemd und einer schwarzen Fliege, und er hielt eine einzelne rote Rose in der Hand.

„Bitte verzeihen Sie die Störung“, fuhr er in fehlerfreiem Deutsch fort, während Fiona ihn wortlos anstarrte. „Ich habe Sie vom letzten Jahr in Salzburg erkannt und Sie heute im Publikum gesehen. Sie würden mir eine große Freude machen, wenn Sie diese Blume als Zeichen meiner Dankbarkeit für Ihre Unterstützung annehmen würden.“ Sachte legte er die Rose auf den Tisch, verbeugte sich und entfernte sich, um sich zu einigen Menschen zu gesellen, die ein paar Tische weiter saßen. Fiona stand so unter Schock, dass sie fast das komplette Glas Sherry auf einmal hinunterkippte.

Nicht lange danach wurde ihr bewusst, dass sie in ihn verliebt war. Sie verfolgte seine Bewegungen mithilfe des Internets, seine Auftritte in der Royal Albert Hall in London, später in Dublin und schließlich in Ottawa. Danach verlor sie ihn. Drei Monate nach seiner Abreise von München sollte er eine Reihe von Konzerten in Chicago geben, aber laut den amerikanischen Medien tauchte er nie dort auf. Außer sich vor Sorge engagierte sie übers Internet einen Privatdetektiv, der herausfand, dass Dawit Ottawa verlassen hatte, um nach Chicago zu reisen, aber nachdem er dort am Flughafen angekommen war, war er spurlos verschwunden.

Ihre Unruhe und Sorge wurden zu einer ständigen Belastung, bevor eine Depression daraus entstand und sie gezwungen war, Hilfe bei einer engen Freundin zu suchen, die eine bekannte Psychiaterin war. Nach einigen Therapiestunden und zwei Dutzend Tabletten waren die Häufigkeit und das Ausmaß der Anfälle auf ein erträgliches Maß gesunken, und Fiona hatte sich entspannt.

„O Gott“, sagte Fiona laut. „Bitte gib, dass er es ist.“ Aufgeregt und verwirrt startete sie das Auto, wendete schnell und raste mit durchgedrücktem Gaspedal zu ihrem Haus zurück. Dort eilte sie in ihr privates Allerheiligstes und durchsuchte ihre kostbare Musikbibliothek nach Bildern von ihm auf Postern und CDs.

Sie breitete ihre Fundstücke auf dem Boden aus, kniete sich hin und betrachtete jedes Foto und jedes Poster, das sie von ihm besaß, mit großer Aufmerksamkeit. Nach einer Weile füllten sich ihre Augen mit Tränen. „Bist du zu mir zurückgekehrt, mein Liebling?“, fragte sie und war frustriert, weil sie das Gesuchte nicht fand. Sie hatte einige DVDs von seinen Konzerten, einige mit Nahaufnahmen seiner Hände auf den Tasten. Und sie wusste genau, dass sie sie vor nicht allzu langer Zeit noch in der Hand gehabt hatte. Aber wo sind sie jetzt? fragte sie sich verwirrt.

Kapitel 4

„Gute Neuigkeiten, Frau Professorin“, begrüßte sie die Oberschwester an der Rezeption, als Fiona in ihrer Abteilung eintraf. „Er ist endlich bei Bewusstsein. Er liegt im Raum IS 3.“„Gott sei Dank“, sagte Fiona und eilte zum Umkleideraum. Wenige Minuten später trat sie, bekleidet mit einem frischen Operationskittel und einem Mundschutz, leise durch die Luftschleuse in den Raum IS 3.

Zu ihrer Überraschung befand sich fast ihr ganzes ärztliches Personal in dem Zimmer, es stand im Halbkreis gruppiert um das Bett, auf dem der bandagierte Patient hochgelagert war. Ihr Stellvertreter Dr. Jochen Kramer wandte sich gerade mit seiner ruhigen, wohl modulierten Stimme, die ihm den Spitznamen „Der Priester“ eingebracht hatte, an den Patienten. Fiona entschied sich, zu bleiben, wo sie war, und zuzuhören.

„Ich bin Dr. Kramer. Sie befinden sich in der Universitätsklinik Innsbruck in Österreich, und wir sind froh, dass Sie wieder bei Bewusstsein sind. Leider kennen wir Ihren Namen nicht“, sagte er. „Genauso wenig kennen wir Ihre Nationalität oder Ihre Herkunft. Hier unter uns sprechen wir fünf Sprachen, und wir möchten Sie bitten, uns ein Zeichen zu geben, falls Sie eine davon verstehen. In Ordnung?“

Es war nicht zu erkennen, ob der Mann ihn verstanden hatte, aber seine Augen bewegten sich argwöhnisch von einem Gesicht zum anderen.

„Ich werde Ihnen das auf Englisch wiederholen“, erklärte Kramer und tat es.

Nachdem keine wahrnehmbare Reaktion vonseiten des Patienten erfolgte, gab Kramer einer dunkelhaarigen jungen Frau, die neben ihm stand, ein Zeichen. Sie stellte sich auf Französisch als Dr. Josephine la Brea vor, doch als der Patient immer noch nicht reagierte, übernahm ein großer junger Arzt die Vorstellung auf Italienisch und dann Spanisch. Doch ebenso ohne Erfolg.

Der Patient lag still und ruhig in seinem Bett. Seine dunklen, glänzenden Augen standen im Kontrast zu den schneeweißen Verbänden, die einen großen Teil seines Gesichtes und seines Kopfes verdeckten.

„Na gut“, sagte Dr. Kramer. „Wir haben es versucht. Mehr können wir jetzt im Moment nicht tun. Kehren wir zu unseren Pflichten zurück. Vielleicht fällt Frau Professorin Winters noch etwas ein.“

„Ich fürchte, dem ist nicht so“, meldete Fiona sich zu Wort und trat nach vorne neben Kramer. „Guten Morgen allerseits. Entschuldigen Sie bitte meine Verspätung.“ Sie betrachtete den Patienten. Als sie bemerkte, dass sein rechter Arm immer noch ans Bett gebunden war, trat sie näher, öffnete mit behandschuhten Händen die Riemen und strich mit den Fingern sanft über das kreuzförmige Mal. Sie sah in die tiefen dunklen Augen des Patienten und glaubte für einen Sekundenbruchteil, Erkennen darin wahrzunehmen. Unsinn! Unmöglich! Ich trage eine OP-Maske, sagte sie sich. Das hättest du wohl gern. Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich lautlos.

„Danke, Frau Professorin“, sagte der Patient auf Deutsch. Seine Stimme war schwach, aber deutlich und Fionas Herz setzte einen Schlag lang aus. War das seine Stimme? Die Verbände um seinen Kopf veränderten den Klang, aber sie dachte, sie hätte sie trotzdem erkannt. Oder mache ich mir selbst etwas vor, weil ich es mir wünsche? fragte sie sich.

„Danke auch Ihnen, Dr. Kramer“, sagte er erst auf Deutsch und auf Englisch und fügte einen flüssigen Satz in jeder Sprache hinzu. Anschließend wiederholte er zum großen Erstaunen aller Anwesenden seinen Dank auf Französisch, Italienisch und Spanisch.

„Allerdings kann ich Ihre Fragen leider nicht beantworten“, fuhr der Mann fort. „Wissen Sie, ich weiß es selbst nicht, wer ich bin oder woher ich komme. Ich erinnere mich nur daran, dass ich zwischen Felsen war und Schmerzen hatte. Ich weiß, ich habe Verletzungen, aber ich habe keine Ahnung, wie und warum es dazu kam.“ Er verstummte und sein Oberkörper hob sich rasch, als er gegen seine Gefühle ankämpfte.

„Keine Sorge, das wird Ihnen alles bald wieder einfallen“, sagte Fiona und tätschelte seine Hand. Sie musste sich beherrschen, nicht mit seinem Namen herauszuplatzen. Das könnte ein Fehler sein, dachte sie, bis sich sein rätselhaftes Erscheinen im Karwendelgebirge und die Ursache für seine Verletzungen aufgeklärt hat. Eine andere Frage ließ Fiona ebenfalls keine Ruhe. Wer hatte ihn gefoltert und warum? Würde sie ihn weiteren Gefahren aussetzen, wenn sie seine Gesichtszüge so wiederherstellte, wie sie ihrer Ansicht nach früher gewesen waren?

„O mein Gott!“, schrie der Mann auf und Fiona zuckte zusammen. „Ich bin schwarz!“, schrie er, während er auf seinen Arm blickte. „Ich bin schwarz!“

„Bitte beruhigen Sie sich“, sagte Fiona. „Es ist nichts Schlimmes daran, ein Schwarzer zu sein. Denken Sie doch nur an das Motto: ‚Schwarz ist schön‘. Außerdem sind Sie braun“, erklärte sie. „Wir glauben, dass Sie aus Nordafrika stammen.“ Mehr wagte sie vor den anderen nicht zu sagen. Ich muss mein Wissen und meinen Verdacht für mich selbst behalten, beschloss sie. Sie sollte außerdem Kontakt zur Polizei aufnehmen, um zu sehen, ob man irgendetwas über ihn herausgefunden hatte oder darüber, was mit ihm passiert war.

„Sie haben schwere Verbrennungen im Gesicht erlitten und darauf werden wir uns konzentrieren“, fuhr Fiona fort. „Heute Nachmittag entfernen wir das verbrannte Gewebe, und morgen beginnen wir mit einigen wesentlichen Hautverpflanzungen. Das bedeutet, wir werden intakte Haut von Ihrem Körper entnehmen und dorthin transplantieren, wo sie benötigt wird. Ich fürchte, aller Wahrscheinlichkeit nach wird dies nur die erste einer Serie von Operationen sein, und ich muss Sie bitten, Nachsicht mit uns zu haben. Sie sind hier in unserer Klinik in den besten Händen, sie ist weltweit führend in der Behandlung von Verbrennungen.“ Sie wollte nicht erwähnen, dass die maßgebliche Rekonstruktionsarbeit an seinem Gesicht erst dann erfolgen würde, wenn sie die notwendigen Informationen hätte und wüsste, ob sie ihm sein früheres Aussehen zurückgeben oder ihm ein neues Gesicht verpassen und ihn so für immer verbergen sollte.

***

Nach einer Diskussion mit ihrem OP-Team und dem diensthabenden Anästhesisten eilte Fiona in ihr Büro, sank in ihren Chefsessel und grübelte mit geschlossenen Augen über das Verschwinden ihrer kostbaren DVDs nach. Die Haushaltshilfe Ilka würde sie nicht anfassen, dessen war sie gewiss. Ilkas einziges Interesse galt ihrer Familie und vor allem ihren beiden Enkelkindern. Fiona wusste auch mit Bestimmtheit, dass sie sie niemandem geliehen hatte. Es war ebenso unwahrscheinlich, dass Fredericks Schwester, deren langweiliger Ehemann – er trank beim Abendessen das Bier aus der Flasche – oder ihre schrecklichen Teenager-Zwillinge sich daran vergriffen hatten. Wenn sie etwas stehlen würden, dann sicher nicht klassische Musik, dachte sie.

Sie bewahrte die DVDs zusammen mit den anderen 260 CDs und DVDs ihrer Musikbibliothek in ihrem handgefertigten CD-Turm aus Kirschbaumholz auf. Ihre Gedanken wurden durch ein energisches Klopfen an ihrer Tür unterbrochen. Sie sah erschrocken auf, als Professor Walther Böhm, der Vorsitzende des Klinikverwaltungsrats eintrat und sich ihrem Schreibtisch näherte. Er war ein gedrungener, elegant gekleideter kleiner Mann in den Sechzigern. „Entschuldige, dass ich hier so hereinstürme, Fiona“, sagte Böhm entschuldigend und strich sich über den kahlen Schädel.

„Nimm Platz, Walther“, erwiderte Fiona und deutete auf einen Stuhl vor ihrem Schreibtisch.

„Fiona, ich werde direkt zur Sache kommen. Ich fürchte, wir müssen eine Pressekonferenz über unseren neuesten Patienten geben, und je früher, desto besser.“

„Aber Walther …“

„Ich weiß, dass du das nicht leiden kannst, und mir geht es genauso. Aber seit das Bild des armen Kerls veröffentlicht wurde, werden wir von den Medien mit Aufforderungen überflutet, eine Erklärung abzugeben. Aus naheliegenden Gründen wollen wir keine einzelnen Interviews geben, und der Verwaltungsrat hat beschlossen, eine Pressekonferenz zu veranstalten, damit wir die Sache ein für alle Mal hinter uns haben. Die Einladungen sind schon per E-Mail rausgegangen.“

„Ich operiere heute Nachmittag“, erwiderte Fiona. „Ich weiß. Ich habe die Planung auf dem Weg hierher gesehen. Die Veranstaltung soll heute Mittag um 12 Uhr stattfinden. Sie sollte in weniger als einer Stunde vorbei sein. Von deiner Seite aus solltest du die Verletzungen des Patienten erläutern und erklären, wie du ihn zu behandeln gedenkst. Die Polizei schickt einen hochrangigen Beamten, der an der Pressekonferenz teilnehmen wird. Und sieh es doch mal so – die Öffentlichkeit, die wir auf diese Weise bekommen, trägt vielleicht dazu bei, den Patienten zu identifizieren und herauszufinden, was mit ihm passiert ist.“

Kapitel 5

Kaum hatten die Professorin mit der angenehmen Stimme und ihr ärztliches Team seinen Raum verlassen, hob der Patient wieder seinen rechten Arm und starrte mit ungläubigem Blick auf seine Hautfarbe.

„Mein Gott!“, sagte er. „Ich bin schwarz! Aber alle, die ich bisher gesehen habe, sind weiß. Was mache ich hier? Wer bin ich?“

Er versuchte den linken Arm zu heben, aber weil er von einem schweren Gips umschlossen war, gelang es ihm nicht. Verzweifelt riss er die Decke von seinen Beinen, und als er dort dieselbe Hautfarbe sah, schloss er die Augen und versuchte sich zu erinnern. Er suchte irgendeine Erinnerung, an der er sich festhalten konnte, an die er sich klammern konnte wie ein Ertrinkender, um nicht in der Tiefe zu versinken.

„O Gott! O Gott, hilf mir bitte.“ Er berührte sein bandagiertes Gesicht und ein entsetzlicher Schmerz durchschoss ihn. Er war verletzt und fühlte sich verlassen und schrecklich einsam.

Kapitel 6

Punkt 12 Uhr beugte sich Professor Böhm auf seinem Stuhl nach vorne und klopfte an das Mikrofon, das vor ihm stand. Nachdem er um Aufmerksamkeit gebeten hatte, hieß er das Dutzend Journalisten und Fotografen willkommen, das sich im Konferenzsaal der Klinik versammelt hatte.

„Für alle, die mich nicht kennen – ich bin Professor Böhm, Vorsitzender des Verwaltungsrats der Klinik. Zu meiner Rechten sitzt Frau Professorin Winters, Chefchirurgin unserer Abteilung für plastisch-rekonstruktive Gesichtschirurgie, und zu meiner Linken sehen Sie Oberst Albrecht von der Polizei Innsbruck. Der Grund, warum wir heute diese Pressekonferenz geben, ist zwiefältig. Zum einen wollen wir die Öffentlichkeit durch sie über unseren Patienten informieren, der bewusstlos im Karwendelgebirge gefunden wurde und an Amnesie und schweren Verletzungen leidet, um hoffentlich etwas über seine Identität zu erfahren. Zum anderen wollen wir vermeiden, dass Paparazzi in unserer Klinik umherschleichen und illegale Fotos machen, gefolgt von Kundgebungen des Skandaljournalismus, die in der Veröffentlichung ungeheuerlicher Artikel Ausdruck finden.“ Er hielt inne und als er den Blick über die Journalisten schweifen ließ, die in drei Reihen vor ihm saßen, wusste Fiona, dass er innerlich kochte, obwohl äußerlich kein Zeichen von Wut zu erkennen war.

„Bevor wir fortfahren“, sagte Professor Böhm, „ein Hinweis: Wenn sich hier jemand befindet, der die fragliche sogenannte Zeitung repräsentiert, dann fordere ich diese Person auf, den Raum sofort zu verlassen und nie wieder hier aufzutauchen.“ Er wartete ein paar Sekunden, und als niemand sich erhob, um zu gehen, sprach er weiter. „Und schließlich möchte ich darum bitten, dass Sie, obwohl wir unserem Patienten den Namen Herr Steinfalk gegeben haben, diesen Namen nicht verwenden, wenn Sie sich auf ihn beziehen.“

„Frank Butscher von Radio 7.“ Ein sportlich gekleideter junger Mann in der zweiten Reihe sprang auf. „Haben Sie ihn identifiziert?“

„Leider nicht“, antwortete Böhm mit einem traurigen kleinen Lächeln. „Der Name, den wir ihm gegeben haben, stammt von einem Berg des Karwendelgebirges in den Alpen. Ich muss hier jedoch hinzufügen, dass er an einem anderen Ort gefunden wurde und nicht auf dem Steinfalk, aber wir haben beschlossen, den tatsächlichen Ort nicht preiszugeben. Dadurch wollen wir vermeiden, dass Hunderte von Schaulustigen die Suche behindern.“

„Danke, Professor“, sagte Butscher und setzte sich.

„Wie ich eben bereits gesagt habe“, fuhr Böhm fort, „hoffen wir, dass wir ihm mit Ihrer Hilfe bald seinen richtigen Namen geben können. Er muss eine Familie haben, Freunde oder einfach irgendwo einen Menschen, der ihn kennt. So viel von meiner Seite, und nun übergebe ich Sie an Frau Professorin Winters.“

„Meine Damen und Herren“, begann Fiona mit klarer Stimme, einer Stimme, die es gewöhnt war, in der Öffentlichkeit zu sprechen. „Herr Steinfalk hat schwere Verbrennungen im Gesicht erlitten und etwas weniger schwere Verbrennungen am oberen Teil seines Körpers. Wie Sie zweifellos wissen, ist die Haut das größte Organ des menschlichen Körpers. Sie besteht aus zwei Hauptschichten: die äußere Schicht oder Epidermis, die über der dickeren Dermis liegt und von ihr ernährt wird. Die Epidermis besteht aus einer oberen Schicht von toten Zellen, die für eine schützende Ummantelung sorgt, und einigen Schichten sich schnell vermehrender Zellen direkt darunter. Die Dermis enthält die Blutgefäße, Nerven, Schweißdrüsen, Haarfollikel und Talgdrüsen und sie besteht vor allem aus Bindegewebe, was wiederum vor allem aus einem Protein namens Collagen gebildet wird.“

Während alle Augen auf sie gerichtet waren, machte Fiona eine Pause und trank einen Schluck Wasser aus dem Glas, das vor ihr stand.

„Unser Patient, Herr Steinfalk“, fuhr sie fort, nachdem sie das Glas abgestellt hatte, „hat Verbrennungen ersten und zweiten Grades erlitten, die in der Regel keine Hautverpflanzung erfordern, da diese Wunden ohne oder mit sehr geringer Narbenbildung verheilen. Durch die Verbrennungen dritten Grades, die Herr Steinfalk im Gesicht erlitten hat, ist die Haut jedoch vollständig zerstört, und auch das darunter liegende Gewebe ist beschädigt worden.“

„Entschuldigen Sie bitte.“ Eine gut gebaute junge Brünette in der ersten Reihe stand auf. „Ich bin Monika Linder von der Innsbrucker Sonntagszeitung. Wie die meisten von uns hier habe ich das Foto von Herrn Steinfalk gesehen und bin schockiert über die Verletzungen, die er erlitten hat. Könnten Sie mir sagen, Frau Professorin, ob er im Gesicht einen epithetischen Eingriff benötigen wird?“

Fiona lächelte, bevor sie antwortete. „Wir beabsichtigen, Herrn Steinfalks Züge wiederherzustellen, indem wir soweit wie möglich Hautlappen und Knorpelgewebe aus anderen Teilen seines Körpers verwenden.“

„Wie wird dabei vorgegangen?“, fragte Linder mit zwitschernder Stimme weiter und streckte ihr ein Diktiergerät im Taschenformat entgegen.

„Zuerst einmal“, begann Fiona und vergaß die quälenden Sorgen von vorhin, während sie sich für das Thema erwärmte, „werden wir im betroffenen Bereich eine Wundtoilette durchführen. Das bedeutet, wir beseitigen das tote, verbrannte Gewebe, bevor eine plastischrekonstruktive Operation stattfindet. Dann entfernen wir Haut von einer verwendbaren Stelle aus dem Körper des Patienten, zum Beispiel vom unteren Bauchraum oder dem Rücken und nehmen eine Vollhauttransplantation vor. Das bedeutet, wir nehmen Hautlappen mit der darunterliegenden Muskulatur und der Blutversorgung und transplantieren sie in den Bereich, der rekonstruiert werden soll. Dieses Verfahren sorgt für eine bessere Kontur und eine natürlichere Farbe, und es garantiert, dass der transplantierte Bereich sich weniger zusammenzieht.“

„Stimmt es, dass Sie für dieses Verfahren kein Dermatom mehr verwenden, sondern stattdessen ein Skalpell?“

„Nanu, junge Dame.“ Fiona lächelte. „Wenn Sie so weitermachen, muss ich aufpassen, dass Sie mir nicht den Job wegnehmen.“ Ihr Scherz rief leises Lachen im Raum hervor und Linder errötete.

„Sie haben natürlich recht“, sagte Fiona. „Und das ist jetzt im Wesentlichen alles, was ich Ihnen in diesem Stadium sagen kann, außer dass die Nachsorge, die auf eine Reihe von Operationen folgt, ein langer Prozess ist. Therapeutische Begleitung, Wundpflege und körperliche Rehabilitation spielen alle eine wichtige Rolle dabei.“

Böhm dankte Fiona und dann wandte sich Oberst Albrecht an die Journalisten. Er war ein großer, attraktiver Mann in einer gutsitzenden Uniform. Das Grau an seinen Schläfen verlieh ihm einen distinguierten Ausdruck.

„Meine Damen und Herren, ich möchte Sie darüber informieren, dass einige Suchmannschaften im Karwendelgebirge unterwegs sind. Sie bestehen aus dem Unfallkommando der Polizei Innsbruck, dem Bergrettungsdienst und dem Österreichischen Alpenverein. Darüber hinaus haben wir zwei Helikopter, die mit hochauflösenden Infrarotkameras ausgestattet sind und ein Gebiet von 20 Quadratkilometern absuchen. Wir stehen jedoch vor dem Problem, dass wir nicht wissen, wo wir suchen sollen. Wir wissen nicht, wie lange Herr Steinfalk dort oben umhergewandert ist, geschweige denn, wie er dorthin kam. In unserer Einsatzbesprechung für alle Mannschaftsleiter heute am frühen Morgen wurde die Idee geäußert, es könnte ein kleines Passagierflugzeug abgestürzt sein. So unglaublich das auch klingt, schließen wir diese Möglichkeit jedoch nicht aus und organisieren unsere Bemühungen mit diesem Gedanken im Hinterkopf entsprechend um.“

Im Raum herrschte Stille und als Albrecht die angespannten Gesichter der Journalisten sah, fuhr er schnell fort. „Natürlich gibt es weder in die eine noch in die andere Richtung irgendwelche Beweise. Wenn jedoch so ein Absturz passiert wäre, würde das erklären, wie Herr Steinfalk ins Karwendelgebirge gelangt ist. Im Moment habe ich keine weiteren Informationen für Sie. Sollte sich in den nächsten Stunden oder Tagen etwas Neues ergeben, werden Sie auf dem üblichen Weg darüber informiert. Danke.“ Er setzte sich.

„Gibt es Fragen?“, sprach Böhm in sein Mikrofon.

„Ich habe eine.“ Ein etwas zerzaust wirkender Reporter mittleren Alters, der zwei Kameras um den Hals hängen hatte, stand auf. „In der Illustrierten, die das Foto und die Geschichte über Herrn Steinfalk veröffentlicht hat, wurde behauptet, er sei ein Schwarzer. Können Sie uns etwas dazu sagen, Frau Professorin?“ Böhm und Fiona wechselten einen Blick.

„Also, Herr Herrmann, – wie ich Ihrem Namensschild entnehme-, soviel kann ich Ihnen sagen. Wenn dieser hinterlistige Paparazzo das Unglück gehabt hätte, so in ein Feuer zu geraten, wie unser Patient es erlebt hat, dann würde er hinterher ganz sicher auch ein wenig schwarz aussehen. Meinen Sie nicht? Und Sie dürfen mich hier gern zitieren.“

„Danke, Frau Professorin“, antwortete Herrmann lächelnd. „Genau das werde ich tun.“ Er setzte sich.

„Meine Damen und Herren, wenn es keine weiteren Fragen gibt, dann möchte ich diese Pressekonferenz beschließen, indem ich Ihnen allen danke, dass Sie gekommen sind.“

Schließlich klickten die Kameraverschlüsse und ihre Blitze spiegelten sich den verdunkelten Fenstern an einer Seite des Raums, bevor die Journalisten der Reihe nach zur Tür hinausgingen.

***

Obwohl sie eine doppelte Dosis ihrer Medikamente geschluckt hatte, war Fiona nervös. Sobald sie den Operationssaal betrat, wurden ihre Knie weich. Was würde sie vorfinden, wenn sie sich sein Gesicht genauer ansah? Würde sie mit Sicherheit erkennen, dass er es war? Oder war ihr Patient jemand völlig anderes? Aber das kann nicht sein, sagte sie sich. Es war doch bestimmt seine Stimme, die ich gehört habe. Oder etwa nicht?

Sie gab sich bewusst Mühe, sich zu konzentrieren, und es gelang ihr, den größten Teil der Wundtoilette vorzunehmen, bevor sie von Dr. Kramer abgelöst wurde. Eine Operation zu teilen war für sie etwas Normales und gehörte zu ihrer Lehrpraxis. So stellte sie sicher, dass ihr Team genügend Erfahrungen in allen Aspekten der plastisch-rekonstruktiven Gesichtschirurgie sammelte.

Nachdem sie die Anweisung hinterlassen hatte, den Patienten in die 3D-Bildgebungsabteilung zu schicken, eilte sie in ihr Büro, griff zum Telefon und rief ihren Mann an.

„Frederick“, sagte sie mit beherrschter Stimme, „hast du vielleicht zufällig ein paar von meinen DVDs geliehen und sie noch nicht zurückgebracht?“

„Ich, meine Liebe? Gott bewahre! Warum sollte ich das tun? Du weißt verdammt gut, dass ich deine Art von Musik nicht ausstehen kann. Gibt es noch irgendetwas Wichtiges? Ich habe in fünf Minuten eine Besprechung.“

„Nein, Frederick. Das war schon alles.“ Sie wusste, dass er log. Sie schluckte ihren Ärger hinunter, unterbrach die Verbindung und rief einen Moment später ihre enge Freundin Ilona Barna in Budapest an. Ilona war eine weltweit anerkannte forensische Anthropologin. Sie hatte sich auf die Gesichtsschädelrekonstruktion, kurz CFR, spezialisiert, um toten oder auch lebenden Menschen ihre verlorene Identität zurückzugeben. Sie praktizierte die manuelle Gesichtsschädelrekonstruktion und verwendete Modelliermasse. Diese Methode war zeitaufwendiger als das computergestützte Vorgehen. Beide Methoden basierten auf durchschnittlichen Dicken des Weichgewebes an verschiedenen anatomischen Stellen des menschlichen Schädels, wobei die letztere in Fionas Klinik angewandt wurde. Sie wollte jedoch die Identität ihres Patienten geheim halten, bis sie zweifelsfrei davon überzeugt war und auch, bis sie sicher sein konnte, dass ihm keine Gefahr drohte.

„Ilona, ich habe ein heikles Problem, bei dem ich deine Hilfe brauche“, begann Fiona, und nachdem ihre Freundin sie dazu aufgefordert hatte, erzählte sie ihr die ganze Geschichte.

„Ich denke, in diesem Fall wäre es das Beste, du würdest das nächste Flugzeug nehmen und mir die Röntgenaufnahmen, die Ergebnisse der 3D-Bildgebung und alles andere bringen, was du vielleicht noch hast. Ich arbeite jetzt mit vorgefertigten Schädeln für beide Geschlechter und die meisten bekannten Rassen, und wenn du mir hilfst, werden wir sehr schnell ein Ergebnis bekommen, da bin ich sicher.“