Michel Meinhardt erlitt in den letzten 20 Jahren mehrere Hörstürze und Burnouts, bedingt durch Stress, und wurde im letzten Jahr plötzlich nahezu taub. Er weiß, was es bedeutet, wenn die Ohren plötzlich dicht machen und nichts mehr hören wollen.

Als beruflich erfolgreiches Vorstandsmitglied eines französischen Konzerns war der Autor weltweit unterwegs, trug viel Verantwortung und stand permanent unter Druck. Stress war sein persönlicher Begleiter. Doch eigentlich begann dieser Druck schon in der Kindheit und wuchs später als Heranwachsender bedingt durch seine heimischen Lebensumstände. Sein bewegtes Leben schildert er nun in seinem autobiografischen Werk und teilt seine Erfahrungen mit den Lesern.

Michel Meinhardt ist es wichtig, durch seine teils witzig geschriebenen Anekdoten dem Leser ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, wobei nicht zuletzt ein Wiedererkennen, eine Identifikation erzielt werden soll.

Vielleicht gelingt es am Ende auch Ihnen, den Stress in Ihrem Alltag zu verringern?

Michel Meinhardt

Hör auf dein Herz

oder: Der Tag, an dem meine Ohren dicht machten

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kindheit mit Angst

Der Nikolaus – oder: Wer ist das?

Sport ist Mord … oder doch lieber Theaterspielen?

Der geklaute Käfer

Ausbildung mit Hindernissen

Bruch und Scherben – sprichwörtlich!

Klopapier braucht das Land

Farbe bekennen und dem Herzen folgen

Ich bau ein Haus und pflanz einen Baum!

10 Zur Yacht gekommen wie die Jungfrau zum Kind

11 Das Ding mit dem fehlenden Wasser

12 Mein Urlaub an der Adria – oder: Der verlorene Backenzahn

13 Hops und Tops

14 Vergeude niemals deine Lebenszeit

15 Vertrauen ist gut – Enttäuschung oft das Ergebnis

16 Kennenlernen mit Hindernissen

17 Ablenkungsstrategie wird wiederbelebt

18 Neues Image

19 Herr Direktor Kaufmann wird zum Freund

20 Max – der junge Mann im Unfallauto. Ich erkenne, dass es Engel gibt

21 Meine Indien-Erfahrung – Begegnung mit Anil in Kalkutta

22 Ich lade mir heut Gäste ein

23 Hilfe ich ersticke – Kopf im Schnee

24 Ben sagt Tschüss

25 Neuorientierung?

26 Eine weiche Seite in mir wird wiederbelebt

27 Meine Autounfälle waren spektakulär

28 Vaters Sturz

29 Er kämpft wie ein Löwe, aber Gott entscheidet

30 Ein Schlag auf den Kopf

31 Volle Breitseite

32 Franz wird mir wichtig

33 Ändere dein Leben in Liebe und Entspanntheit, wenn du es kannst!

Nachwort

Bildnachweis

Vorwort

Ich schreibe dieses Buch, weil es mir wichtig ist, meine gemachten Lebenserfahrungen, die Essenz meines Lebens, all das, was ich mittlerweile als lebenswichtig betrachte, weiterzugeben. Meine Hoffnung besteht darin, Menschen zu helfen, die tagtäglich unter dem Einfluss und Druck ihres Umfeldes, der Arbeitswelt, ihrer Familie und Freunde stehen.

Und das stehen wir alle; der eine mehr – der andere weniger. Aber diesem Einfluss, der bereits im Kindergartenalter beginnt und sich auf unser schulisches Umfeld erstreckt, den daraus resultierenden ersten Stressfeldern wie dem Erwachsenwerden, der beruflichen Ausbildung und dem Einstieg ins Berufsleben, der Familiengründung, der Verantwortung für Ehe, Kinder, den älter werdenden Eltern, dem Ehrgeiz, Karriere zu machen, der Liebe, dem Tod, Verlust und Abschied, Trennungen und Neufindung, dem entgeht keiner.

Wir nennen es den Zyklus des Lebens. Für alle Menschen in den Grundzügen gleich, nur unterschiedlich gestaltet, bedingt durch das häusliche Umfeld und das Land, in dem wir das Licht der Welt erblicken. Jeder hat es vor sich, durchlebt es, dieses vorgegebene Leben, schafft es besser oder schlechter, diese große Aufgabe bis zum Schluss durchzustehen. Das Leben ist in seiner Vielfalt ein Konglomerat aus Freude, Spaß, Sorgen, Liebe, Hass, Krieg, Frieden, Erfolg, Niederlagen, Leben und Tod. All das bedeutet: Stress! Nur die Ureinwohner Mexikos oder Brasiliens leben dieses Leben authentisch und konzentrieren sich – meist intuitiv – auf die eigentlichen Werte: Liebe und Sorge für die Gemeinschaft!

Zu meiner Person: Ich bin 1955 geboren und habe kürzlich meinen Rentenantrag gestellt. Das gab mir sehr zu denken und inspirierte mich zu diesem Buch. Ich möchte, wie gesagt, einige meiner Erfahrungen aus meinen nunmehr 63 Lebensjahren weitergeben. Was davon war überflüssig – was wäre vielleicht zu umgehen gewesen? Was geschah mit mir in meinem familiären Umfeld? Wie wirkten sich mein Beruf und meine Karriere auf mich aus? Wie stellte sich mein Körper gegen mich in Situationen, die purer Stress waren und unter denen ich gelitten habe und denen ich doch besser aus dem Weg gegangen wäre? Und wie wirkten sich Schicksalsschläge auf meinen Gesundheitszustand aus?

Die einzelnen Geschichten klingen auf den ersten Blick lustig und sollen dem Leser ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Das ist mir wichtig, ein Schmunzeln zu bewirken. Dennoch verbirgt sich hinter jeder lustig wirkenden Anekdote ein konkreter Ernst, der zum Schluss stets eine enorme Stressbewältigung darstellte. Und der Stress kumulierte sich bei mir – Lebensjahr für Lebensjahr – bis hin zum Tag, als meine Ohren schlapp machten.

Der Dalai-Lama sagte einmal sinngemäß, der Mensch opfere seine Gesundheit, um Geld zu machen, dann opfere er sein Geld, um seine Gesundheit wiederzuerlangen. Ein Rat, den sich jeder gut merken sollte, denn wir alle werden einmal in eine solche Situation geraten.

Kindheit mit Angst

Es ist kalt draußen, bestimmt unter null Grad. Ich bin gerade aufgewacht und kuschele mich noch ein wenig unter den riesigen Berg meines Federbettes und mein Atem bildet beim Ausatmen kleine Wolken in dem Kinderzimmer, das eigentlich das Elternschlafzimmer ist und das ich mir mit meinen beiden älteren Brüdern teile, die neben mir in dem großen Elternbett schlafen. Ich bin sechs Jahre alt, mein Bruder Achim ist neun und mein Stiefbruder Hans bereits 18 Jahre alt. Er ist nur noch ab und zu zu Hause, weil er schon beim Bund ist. Ich höre meine Mutter draußen in der Küche die Asche in den Kasten einklopfen, um neues Feuer im großen Herd anzumachen, der in der Küche schon bald darauf für behagliche Wärme sorgen wird. Mein Vater ist längst bei der Arbeit. Er steht morgens meist um zwei Uhr auf und geht in die Bäckerei. Er ist Bäckermeister und Konditor und ich werde ihn, wenn überhaupt, erst am späten Nachmittag sehen, wenn er nach Hause kommt.

Ich schleiche mich leise aus dem riesigen Bett und krabbele auf das Fensterbrett, um mit meinem warmen Atem die von innen gefrorenen Fensterscheiben vom Eis freizumachen, um zu sehen, ob es über Nacht geschneit hat. Und dann schaue ich hinaus – und es schneit und schneit. Ich freue mich darüber so sehr, dass ich in die Küche renne und meiner Mutter zurufe: „Mutti, es schneit! Es schneit so sehr! Ich glaube, es hat schon zwei Meter geschneit heute Nacht.“

Meine Mutter nimmt mich in den Arm, zieht mir die Hausschühchen über meine kalten, nackten Füße und setzt mich auf den Stuhl direkt neben dem wärmespendenden Herd.

„Ja, es hat viel geschneit heute Nacht“, sagte meine Mutter. „Ihr müsst heute etwas früher los, damit ihr pünktlich in der Schule seid. Ich habe dir und Achim schon den Haferbrei angerührt. Sag ihm, er soll aufstehen und sich anziehen. Und du komm her und iss deinen Brei. Er ist schön heiß und wärmt dich.“

Nachdem wir uns schulfertig gemacht haben, verschwinden wir mit unseren Schulranzen auf dem Rücken aus dem Haus und gehen in den noch immer dunklen Wintermorgen hinaus auf den Weg zur Schule.

Es war eine schöne Zeit, zwar war es eng in unserer kleinen Wohnung, aber wir waren eine Familie. Und meine Mutter versuchte immer, diese Familie zusammenzuhalten und uns Kindern einen Schulabschluss und eine Ausbildung zu ermöglichen. Da das Geld knapp war und die Arbeit meines Vaters als Bäcker in unserer kleinen Stadt nicht wirklich viel einbrachte, musste meine Mutter etwas dazuverdienen. Dafür ging sie Zeit ihres Lebens jeden Abend um 17 Uhr in das örtliche Gesundheitsamt, um dort zu putzen. Jahrein, jahraus. Ich habe sie oft begleitet und ihr geholfen, die gefüllten Papierkörbe unter den Schreibtischen zu entleeren und die Böden nass aufzuwischen.

Vater hingegen war zu dieser Zeit sehr mit sich selbst beschäftigt. In meinen Lebensjahren zwischen drei und sieben habe ich ihn meist nur betrunken erlebt. Immer, wenn ich aus der Schule kam, habe ich nach dem Mittagessen auf dem Fensterbrett gehockt und Ausschau nach ihm gehalten. Stets in der Befürchtung, dass er wieder betrunken nach Hause kommt.

Vorher habe ich mich mit Geschichten und Gedichten präpariert, die ich auswendig gelernt hatte, oder mit Bildern, die ich gemalt hatte, um ihn damit zu unterhalten, wenn er in die Wohnung torkelte. Es war eine Art Ablenkungstaktik, die ich entwickelt hatte. Ich wollte ihn damit solange von meiner Mutter ablenken, bis er übermüdet eingeschlafen war. Denn dadurch ließ ich ihm keine Zeit, sich wieder lauthals mit meiner Mutter zu streiten, was meist darin endete, dass seine Hand auch mal ausrutschte. Ich hatte davor Angst.

Einmal weinte meine Mutter so sehr, weil er ihr in Rage ans Bein getreten hatte. Und jedes Mal war ich der stille, in einer Ecke kauernde Zuschauer, der irgendwann nach solchen Kämpfen zitternd und weinend von meiner Tante, die in der Nachbarschaft wohnte, aufgelesen und mitgenommen wurde. Sie nahm mich bei der Hand und mit zu sich nach Hause.

Mutter war immer besorgt um mich und ich versprach ihr eines Tages hoch und heilig, dass ich sie heiraten würde, sobald ich groß wäre. Dann würde ich sie beschützen und der böse Papa würde gefeuert. Mutter kaufte mir immer kleine, süße Püppchen, die ich gern frisierte und schaukelte. Sie wünschte sich so sehr ein Mädchen, aber auch nach der dritten Schwangerschaft kam ich, also ein dritter Sohn, zur Welt. Wieder kein Töchterchen … Es ermutigte sie jedoch, mich ein wenig wie ein Töchterlein aufzuziehen.

Eines Tages kam mein Vater wieder völlig betrunken nach Hause. Ich saß auf dem Küchenfußboden und spielte mit meiner Puppe. Er kam auf mich zu, nahm mir die Puppe aus der Hand und knallte sie gegen die Wand. Ihr Kopf riss ab – und ich schrie und schrie.

So ging es jahrelang, bis mein Vater eines Tages seinen Arbeitsplatz wechselte, vom schlecht bezahlten Bäckermeister in der Backstube zum umgeschulten Maschinisten in einer Autofabrik. Damals waren Arbeitskräfte begehrt und mit dieser neuen Anstellung veränderte sich das gesamte Leben unserer Familie. Er trank nicht mehr und kümmerte sich plötzlich sehr um uns. Es war fast wie ein neues Leben für uns alle.

Heute weiß ich, dass mein Vater versucht hatte, seine damaligen Depressionen – resultierend aus seinen Kriegserinnerungen – in Alkohol zu ertränken. Es gab ja zu der Zeit keine Psychotherapien oder Behandlungen, wie es heute der Fall ist.

Heute ist sein Verhalten für mich viel verständlicher. Nach mehr als 50 Jahren! Und so hatten wir, mein Vater und ich, doch noch eine Chance bekommen, zueinander zu finden. Aber es war schwer für mich, damit umzugehen.

***

Fazit: Die Kindheit ist prägend und bestimmt mitunter dein Verhalten für den Rest deines Lebens.

Der Nikolaus – oder: Wer ist das?

Ich war fünf, mein Bruder Achim acht Jahre alt. Wir wohnten zu viert in einer kleinen Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung, denn Hans, mein Stiefbruder, war bereits bei der Bundeswehr.

In der Wohnung neben unserer in dem Sechsfamilienhaus wohnten meine Tante Erika und Onkel Günther mit ihren beiden Jungs, die schon älter waren. Über uns im Dach wohnten Tante Margot und Onkel Henner, der in der Stadt den winzigen Lotto-Toto-Laden betrieb und daher auch Lotto-Schmidt genannt wurde. Unter uns wohnten die zwei ältesten Hausbewohner, Herr und Frau Bock, sie waren bestimmt schon hundert Jahre alt und saßen stets auf einem riesigen Kanapee in ihrer Küche. Ab und zu besuchte ich sie, und noch heute habe ich den Geruch alter Leuten in der Nase, wenn ich daran zurückdenke. Gegenüber wohnte Herr Theis, er hinkte, was wohl einer Kriegsverletzung geschuldet war, mit seiner Frau, die, seit ich zurückdenken kann, immer nur im Bett gelegen und gehustet hatte, bis sie eines Tages verstarb. Sie hatten einen Sohn, sein Stiefkind, das er stets verprügelte, und der war nun seit einem Jahr nicht mehr da.

„Er fährt zur See“, sagten die beiden, „auf der Hanseatic.“ Ich mochte den Sohn, denn er war immer nett zu mir gewesen. Und er tat mir leid, denn Herr Theis sperrte ihn immer ein.

„Kein Wunder, dass er nun nicht mehr da ist“, dachte ich und war zufrieden damit. Es war Adventszeit und die Kinderwünsche nach tollen Geschenken in Erwartung des Nikolauses waren grenzenlos. Wann wird er kommen? Fährt er im Schlitten vor oder kommt er durch den hohen Schnee daher gestapft und verteilt still und heimlich nachts die Geschenke in den Wohnungen? – Fragen, die mich zu dieser Zeit pausenlos beschäftigten.

„Hast du deinen Wunschzettel schon fertig geschrieben?“, fragte mich eines schönen Tages meine Mutter, als wir in der großen Küche saßen und der Holzofen den Raum in mollige Wärme hüllte.

„Ja, hab ich, schau mal, hier ist er“, verkündete ich stolz und übergab meinen Brief mit den darin gekritzelten Wünschen und bunten Bildchen von den Sachen, die ich gerne gehabt hätte.

„Gut, dann werde ich mal losgehen und den Brief an den Nikolaus bei der Post aufgeben“, sagte meine Mutter, zog ihren braunen Wollmantel an und verließ das Haus. Ich freute mich und sah von oben aus dem Fenster, wie Mutter den Gehweg betrat und in Richtung Innenstadt marschierte. Es schneite an diesem Tag. Überhaupt schneite es damals in meiner Kindheit viel mehr als heute. Anfang Dezember mussten wir schon immer sehr viel Schnee schippen, morgens, gleich nach dem Aufstehen. Für uns Kinder war es immer toll, denn hinter unserem Haus lag der Lehmberg, ein Abraumberg aus Ton für die dahinter gelegene Ziegelei. Von dort oben konnten wir fantastisch mit dem Schlitten herunterrodeln. Es war eine tolle Zeit! Und dann kam er, der sechste Dezember und damit der Nikolaustag.

„Heute muss er kommen, der Nikolaus.“ Ich war aufgeregt und fragte Achim, was er sich denn gewünscht hatte.

„Na, eine Lok, für meine Eisenbahn“, sagte Achim.

„Den roten Schienenbus. Kennste doch, oder?“

„Klar“, sagte ich bestimmend und mich auskennend, obwohl ich keinen Schimmer hatte von dem, was Achim meinte.

Es wurde Nachmittag. Gegen vier Uhr, es wurde bereits wieder dunkel, rief uns meine Mutter nach oben. Wir waren im Schnee gemeinsam mit all den vielen Nachbarskindern zugange. Da war Arno von nebenan, er war so alt wie wir und hatte noch drei Brüder. Dann war da noch der Ode, der eigentlich Pudolsy hieß (was aber zu kompliziert zum Aussprechen war), er war ebenfalls aus einem Nachbarhaus. Und auf der anderen Straßenseite wohnten Königs, also der Jürgen und der Kai mit ihrer Schwester Paula. Sie sollte einmal sehr jung von uns gehen.

An anderen Tagen erhob sich immer lauter Protest und Murren gegen das Nachhausegehen, aber an diesem Tag war alles anders. Wir alle flitzten nach oben, klopften den Schnee von unseren Schuhen, betraten die warme Wohnung und zogen uns die nassen Sachen vom Laib.

„So, meine Jungs“, sagte meine Mutter, „ausziehen und rein in die Wanne, jetzt wird gebadet“. Ach ja, ich hatte total vergessen, dass es ein Samstag war. Samstags war bei uns Badetag. Der Boiler musste mit Holz und Kohle befeuert werden und es war stets ein Riesenaufwand, heißes Wasser zu machen. Darum badeten wir nur einmal pro Woche.

„Und der Nikolaus?“, fragte ich meine Mutter.

„Der wird schon noch kommen, denn ihr seid doch brav gewesen, und darum: abwarten!“ Meine Mutter steckte uns ins Badewasser und ich schrubbte – wie immer – Achims Rücken mit Kernseife. Dabei nahm ich jedes zusätzliche Geräusch im Haus wahr, denn ich hoffte, nun endlich die kommenden Schritte vom ach so sehr herbeigesehnten Nikolaus zu hören. Und dann ging die Tür.

Wir wurden mucksmäuschenstill und lauschten auf das, was da noch so zu hören war. Es polterte und krachte im Flur.

Irgendetwas war umgefallen und meine Mutter schaute ziemlich entsetzt zur Badezimmertür. Dann hörte ich es: Das „Hohoho, wo sind denn die lieben Kinderlein?“ einer sehr tiefen Stimme.

Ich schrie und sprang im Badewasser hin und her und war total aufgeregt. Da kam er ins Bad und stand vor uns, in voller Pracht.

„Der Nikolaus! Ja, das muss er sein“, dachte ich. Mit einem glanzvollen roten Mantel und einer großen Mütze auf dem Kopf, die seine weißgelockten Haare bedeckte, einem das gesamte Gesicht einrahmenden, weißen Bart, der aus Engelshaar zu bestehen schien, und mit einem gedrechselten, riesigen Stab in der rechten Hand kam er – nein: torkelte er – in unser Badezimmer herein.

Und in dem Moment, in dem er den schweren Sack mit den Geschenken vom Rücken auf den Boden setzen wollte, passierte das Unfassbare: Er begann zu straucheln und drehte sich in Zeitlupe um die eigene Achse, was wohl den nassen Fliesen zuzuschreiben war.

Der Sack flog buchstäblich durch die Luft und direkt auf den Kopf meiner mit offenem Mund dastehenden Mutter zu. Der mächtig dicke Nikolaus knickte um und landete mit einem Riesenkrach und seiner ganzen Körperlänge nach in unserer Badewanne und wir Kinder machten noch im letzten Moment einen Satz aus derselben.

Wasser spritzte überall hin und nun sah ich es … besser gesagt: ihn! Den Nikolaus im Wasser liegend; sein Bart war verrutscht und die Mütze saß nicht mehr auf seinem Kopf. Und zum Vorschein kam – mein völlig betrunkener Vater.

Ich schrie, lief heulend aus dem Bad und verkroch mich unter meiner Bettdecke. Für den Rest dieses Tages kam ich darunter auch nicht mehr hervor. Meine Mutter wollte mich trösten, aber zu spät! Ich hatte ihn entlarvt, den vermeintlichen Nikolaus. Von nun an wusste ich: Der Nikolaus war mein Vater!

***

Fazit: Glaube nicht alles, was man dir erzählt. Wenn doch, dann folgt meist die ernüchternde Wahrheit.