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MARIO

GALLA

MIT LARS AMEND

MIT

EINEM BEIN

IM MODEL

BUSINESS

Wie ich trotz Handicap

zum Model wurde

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1. Auflage

© 2011 Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Eisele Grafikdesign

Umschlagfoto: Paul James Hay; Umschlagrückseite: Picture Alliance/Robert Schlesinger

Bildnachweis: ; ; ; Paul James Hay (, ); ; ; ; Privat (, , , , , );

Layout und Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

CH · Herstellung IH

ISBN 978-3-641-06251-4

www.mosaik-verlag.de

Für Mama, Papa und André –

Ich liebe euch.

Von Herzen danke ich allen Freunden und Förderern,

die mich auf meinem Weg begleitet und

nie im Stich gelassen haben, insbesondere

Lea, Freddy und Daniel.

Vorwort

von Michael Michalsky

Die tragende Rolle des Models

Ein Designer ohne Models ist wie ein Maler ohne Leinwand. Die Leinwand ist eine tragende Grundlage seines Schaffens; auf ihr entsteht das Kunstwerk. Ein Maler kann auf Pinsel, Farben oder Stifte verzichten. Nicht jedoch auf seine Leinwand. Sie trägt seine Vision und verleiht ihr Ausdruck und Gestalt. Die Leinwand wird damit zum wesentlichen Teil der Kunst. Ohne Leinwand kein Bild. Ohne Bild kein Maler. So einfach ist das.

Die Präsentation von High-Fashion auf einer großen Show ist Kunst. In keiner anderen Situation werden die Beziehung und die Abhängigkeit zwischen Designer und Model so deutlich. Treten geradezu schmerzhaft ans Licht.

Die Modenschau ist das Highlight für jeden Designer und mit Abstand der wichtigste Moment einer jeden Fashionsaison. Ein halbes Jahr wurde auf diesen Tag hingearbeitet, an dem die Kollektion zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert wird. Alles muss perfekt sein, und die Spannung erreicht ihren Höhepunkt, wenn das erste Model den Catwalk betritt. Was, wenn das Model in die falsche Richtung läuft, stolpert oder sogar hinfällt? Eine Katastrophe! Für diese knapp 15 Minuten ist der Designer komplett von den Models abhängig.

Entsprechend hoch ist der Druck, der auf diesen, meist jungen Menschen lastet. Die wenigsten, die vom Modelberuf träumen, sind sich darüber im Klaren. Sie sehen nur ein Leben voller Glamour, Party und Jet Set – nicht aber die harte Arbeit, die dahintersteckt. Von einem Model wird absolute Konzentration, Professionalität, Pünktlichkeit und Disziplin erwartet. Es muss seine Rolle perfekt beherrschen. Egal, ob das Mädchen oder der Junge 16 oder 66 ist, einen schlechten Tag hatte oder mit Jetlag kämpft. Darauf kann bei der Show keine Rücksicht genommen werden. Für den Designer steht einfach zu viel auf dem Spiel. Fehler sind nicht erlaubt.

All eyes on the model. Sobald die Show beginnt, liegt die komplette Aufmerksamkeit des Publikums auf dem Model. Bei der MICHALSKY-Show sehen bis zu 2000 Menschen zu und live im Internet weitere 10 000.

Sie alle blicken auf den einen einzelnen Menschen, der im Scheinwerferlicht auf dem Catwalk läuft. Dieser Mensch, unser Model, ist komplett allein, denn der Designer arbeitet während der Show backstage. Der kann nicht helfen. Doch er weiß: Die Kleider können noch so toll designt sein. Wenn sie nicht gut präsentiert werden, bekommen sie in den Augen der kritischen Fachpresse und Einkäufer keine Chance. Die Schnitte, Farben und Stoffe wirken nur im perfekten Wechselspiel mit der Haltung, dem Gang und der Ausstrahlung des Models.

Entsprechend wichtig ist die Auswahl der Models für jede Show. Dabei habe ich nie verstanden, warum viele in unserer Branche Schönheit ausschließlich über Makellosigkeit, Schlankheit und Jugend definieren. Die Models haben die Aufgabe, meine Mode in Szene zu setzen und mit Leben zu füllen. Mit einer einheitlichen Schönheitsnorm ist das nicht möglich. Stattdessen wähle ich bei den Castings bewusst auch Models aus, die nicht dem Ideal entsprechen – passend zu meinem Mantra »Real Clothes For Real People«. Bei der Präsentation meiner Herbst/Winter 2011-Kollektion liefen deshalb auch die 64-jährige Evelyn Hall und die 65-jährige Pat Cleveland. Sie schwebten in meinen Kleidern über den Catwalk und haben mit ihrer Aura den ganzen Saal gefüllt. Die beiden sind der beste Beweis dafür, dass Schönheit keine Frage des Alters und des Körpers ist, sondern reine Kopfsache. Und das gilt im gleichen Maß für Mario.

Bei Mario hatte ich sofort ein gutes Gefühl, als wir uns zum ersten Mal sahen. Beim Casting für meine Frühjahr/Sommer 2011-Show war er einer von circa 200 Models, die sich an diesem Tag vorstellten. Dass er ein schönes Gesicht und einen tollen Körper hat, konnte man schon auf der Set Card erkennen. Richtig fasziniert hat mich aber, dass er neben den anderen Jungs regelrecht »strahlte«. Sein Handicap war dabei nie ein Problem für mich. Tatsächlich bemerkte ich erst auf den dritten Blick, dass er anders ging, als die Jungs neben ihm. Als ich ihn darauf ansprach, bemerkte er ganz beiläufig: »Ach so, das … ich habe da so eine kleine Behinderung.« Ich dachte mir: Wenn er so lässig damit umgeht, wieso sollte ich es dann nicht tun?

Seine natürliche und unkomplizierte Einstellung zu seinem Handicap finde ich beeindruckend und einfach wunderbar. Seine Lebensfreude und positive Energie haben so viel Kraft, dass die Behinderung überhaupt keine Rolle spielt. Er gehört zu den Menschen, die nicht nur umwerfend gut aussehen, sondern durch ihre Ausstrahlung andere für sich gewinnen. Und das ist es, was ein gutes Model auszeichnet. Unnötig zu erwähnen, dass Mario einen perfekten Job machte. Ich hatte daran schon beim Casting keine Zweifel und habe ihn direkt auf die Liste gesetzt. Andere Models brauchen dafür drei oder vier Anläufe, die meisten kommen bei mir nie auf den Laufsteg.

Wenn die Show vorbei ist, kommen alle Models gemeinsam mit mir zum Defilee noch einmal auf den Catwalk. Applaus und Blitzlichtgewitter erfüllen den Saal. Auch nach der zehnten MICHALSKY-Show ist das immer noch ein einzigartiger Moment für mich. Meine Vision, die Monate vorher als Inspiration im Kopf entstand, hat das Publikum erreicht. Und das wäre ohne phantastische Models wie Mario nicht möglich. Ich weiß das.

Ohne Models keine Show. Ohne Show kein Designer. So einfach ist das.

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Michael Michalsky

Meine Orthese und ich

Ich habe PFFD. Das steht für Proximal Femoral Focal Deficiency – proximaler fokaler Femurdefekt. Ich weiß, das klingt wie eine Superwaffe bei Star Trek.

»Captain, wir werden angegriffen!«

»Alle Mann auf Gefechtsstation! Proximal Femoral Focal Deficiency! Fertig? Feuer!«

Ganz so spannend ist es leider nicht. Es handelt sich dabei um eine angeborene, aber nicht genetisch bedingte Fehlbildung des Oberschenkels. Bei schwacher Ausprägung besteht eine geringe Unterentwicklung, bei der krassen Variante fehlt der Oberschenkel fast völlig. Wenn ich an mir heruntersehe und meine halbe Fischgräte betrachte, dann liege ich wohl irgendwo in der goldenen Mitte.

Das mag für den einen oder anderen jetzt vielleicht eigenartig klingen, aber ich habe mich nie mit diesen medizinischen Details beschäftigt. Warum auch? Selbst die besten Ärzte der Welt rätseln bis heute, was die Ursache für diese recht seltene Erkrankung sein könnte. Sie wissen es nicht, mich interessiert es nicht – Thema beendet. Ich bin eben ein Einzelstück und keine Stangenware.

Meine Mutter wusste anhand von Voruntersuchungen schon während der Schwangerschaft, dass sie einen behinderten Jungen auf die Welt bringen würde. Ganz ehrlich, diese seelische Belastung stelle ich mir unglaublich hart vor. Monatelang fieberst du dem Zeitpunkt der Geburt deines ersten Kindes entgegen, freust dich auf den Moment, in dem deine Schmerzen endlich ein Ende haben werden, und dann erfährst du, dass der richtig krasse Stress erst noch vor dir liegt. Dabei war sie erst zweiundzwanzig Jahre alt.

In den ersten achtzehn Monaten nach meiner Geburt lief alles noch einigermaßen entspannt ab, da ich, wie jedes normale Baby auch, nur auf dem Boden herumkrabbelte. Danach bekam ich schon recht schnell meine erste Orthese, aber ich hätte dieses Ding sofort gegen jedes coole Piratenholzbein eingetauscht, denn viel mehr als ein steifes Humpeln brachte man damit nicht zustande. Die ganze Technik steckte noch in den Kinderschuhen. Zwei Jahre später wurde eine Vorrichtung entwickelt, die es mir wenigstens ermöglichte, normal an einem Tisch zu sitzen. Durch einen Metallriemen, der sich öffnen und wieder schließen ließ, konnte man die unbewegliche Orthese jetzt immerhin anwinkeln. Es war ein bisschen wie im Skiurlaub: rein in die Bindung, raus aus der Bindung – nur ohne den Urlaub!

Mutti ist die Beste!

Die erste echte Prüfung für meine Mutter hatte weniger mit meiner Behinderung zu tun, sondern bestand darin, dass ihre Beziehung zu meinem Vater auseinanderging. Die beiden waren nie verheiratet. Nach der Trennung – ich war damals zwei Jahre alt – hatten sie aber weiterhin ein freundschaftliches Verhältnis zueinander, sonst wären sie sicher nicht beide in Schneverdingen geblieben, einer idyllischen Kleinstadt in der Nähe des Naturparks Lüneburger Heide, wo sich buchstäblich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Bis zu meinem vierten Lebensjahr wohnte ich mit Mutti auch nur einen Katzensprung

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Mutter-Kind-Kur in Büsum, Sommer 1990

von meinem Dad entfernt, aber um ehrlich zu sein, kann ich mich kaum noch an diese Zeit erinnern. Das änderte sich erst, als meine Mutter eine Anstellung bei der Hamburger Polizei annahm und wir nach Eimsbüttel zogen. Sie war jeden Tag am Hustlen, hatte teilweise sogar zwei Jobs auf einmal, nur damit es mir an nichts fehlte. Ohne Übertreibung: Sie opferte sich bedingungslos für mich auf, um mir trotz der Behinderung ein einigermaßen schönes Leben zu ermöglichen. Was soll ich sagen? Mutti ist die Beste!

Durch die permanenten Wachstumsschübe, die in dieser Phase ja ganz normal sind, veränderte sich natürlich auch mein Körper. Leider spielten die Knochen an meinem defekten Bein nicht mit, was dazu führte, dass ich kurz vor meinem sechsten Geburtstag vollkommen außer Gefecht gesetzt wurde. Die Knochen mussten korrigiert werden.

Das einzige Krankenhaus, das Spezialisten hatte, die diese Art von Operation durchführen konnten, befand sich in Kiel. Also los!

Ich erinnere mich noch gut an Doktor Fricke, den Stationsarzt. Er hatte schwarz gefärbtes, zerzaustes Haar und trug immer eine goldene Fliegerbrille – ein richtig cooler Player, dem die Frauen zu Füßen lagen, würde ich heute sagen. Einen Tag nach der Operation kam er mit einem Tross an Krankenschwestern in mein Zimmer, scherzte ein bisschen herum und hob ohne Vorwarnung mein frisch operiertes Bein nach oben. Ich schrie mir die Lunge aus dem Hals.

»Und, hast du Schmerzen?«, grinste er mich lässig an und streckte das Bein noch ein Stück höher.

»Ahhh«, zischte ich, »ahhh … lassen Sie es … ahhh … runter … ahhh …«

»Sehr gut«, lachte er nur und begann mein Bein nach links und rechts zu biegen.

Wenn ich größer gewesen wäre und mehr Kraft gehabt hätte, wäre ich ihm wahrscheinlich an die Gurgel gesprungen. Doch ich presste nur mein Gesicht ins Kopfkissen, um nicht erneut laut loszuschreien. Nach wenigen Sekunden ließ er los, schickte die Schwestern raus und sagte etwas, an das ich mich mein ganzes Leben immer wieder erinnern sollte: »Schmerzen, so schlimm sie in diesem Augenblick, jetzt gerade, auch sein mögen, gehen vorbei. Ja, Schmerzen gehen vorbei!«

Er hatte Recht. Sie gingen vorbei. Immer wieder.

Mein erster Krankenhausaufenthalt dauerte drei Wochen. Danach lag ich fast zwei Monate zu Hause im Bett. Ich war vom Bauch abwärts komplett eingegipst, inklusive meines gesunden Beins, damit ich mich keinen Zentimeter bewegen konnte. Ich freute mich so sehr darauf, endlich wieder mit meinen Freunden draußen zu spielen, doch daraus wurde erst mal nichts. Ich bekam eine Infektion und musste erneut unters Messer. Ich kam mit der Situation ganz gut zurecht, aber für meine Mutter war das der reinste Albtraum. Tag für Tag fuhr sie nach der Arbeit 100 Kilometer nach Kiel und kurz nach Besuchsschluss die gleiche Strecke wieder zurück. Außerdem stand meine Einschulung kurz bevor, und niemand konnte ihr sagen, wie lange es dauern würde, bis ich wieder laufen konnte.

Die Zeit im Krankenhaus

Die Kinderstation des Kieler Krankenhauses glich einer Irrenanstalt. Jedenfalls kam mir das damals so vor. Der Junge aus dem Nachbarzimmer hatte eine merkwürdige Spastik und schlug sich immer selbst, weswegen er von den Krankenschwestern ans Bett geschnallt werden musste. Wenn sie ihn waschen kamen und nur eine Sekunde nicht aufmerksam waren, riss er sich sofort alle Drainagen und Schläuche aus dem Körper und schaute zu, wie sein Blut gegen die weißen Wände spritzte. Ich gab ihm den Namen Sörkan Stinkesack, weil er diese beiden Worte von morgens bis abends laut vor sich her sagte. Nachts war es am schlimmsten.

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Sieben Wochen Gips nach meiner ersten Beinoperation im Krankenhaus Kiel, Sommer 1991

Es herrschte fast völlige Ruhe auf der Station, nur durch die Zimmerwand hörte ich sein immerwährendes Gemurmel: Sörkan Stinkesack, Sörkan Stinkesack, Sörkan Stinkesack

Die anderen Jungs auf der Station waren keinen Deut besser. Ich erinere mich an Rolf. Er war ein bisschen älter als ich, vielleicht sieben oder acht, und hatte den ganzen Tag nichts Besseres zu tun, als zu stricken oder häkeln. Der Junge kam mir derbe beballert vor. Er erzählte ständig von seinen Alienfreunden und dass er Teil einer außerirdischen Bewegung sei, die hier auf Erden in unterirdischen Gruppierungen operierte, um eines Tages den Planeten zu übernehmen. Yo Diggi, korrekt! Und dann gibt’s Strickjacken für alle, oder was? Wenn ich nicht täglich Besuch von meinen Eltern bekommen hätte, die mir Pizza und Burger mitbrachten, wäre ich wahrscheinlich durchgedreht.

Nach einer Weile kannte ich mich auf der Kinderstation ziemlich gut aus und wusste ganz genau, wer wo mit welcher Krankheit liegt. Im Zimmer neben mir war ein Mädchen einquartiert, das die gleiche Behinderung hatte wie ich, nur an beiden Beinen. Sie war schon seit einer Ewigkeit dort, denn sie hatte die krasseste Entscheidung getroffen, die man an ihrer Stelle nur treffen konnte: Sie ließ sich ihre Beine verlängern!

Diese Möglichkeit besteht nur in der Kindheitsphase, wenn die Knochen noch nicht zu hart sind. Die Methode funktioniert so: Du bekommst mehrere Ringe durch das Bein in die Knochen geschraubt, an denen jeden Tag ein zehntel Millimeter gedreht wird. Damit sich keine Blutrückstände bilden können und sich nichts entzündet, werden diese Ringe täglich gesäubert. Schon die kleinste Berührung ist dabei so unerträglich qualvoll, dass du am liebsten sterben möchtest. Im Mittelalter nannte man das wohl Folter auf der Streckbank. Dieses arme Mädchen wurde jeden Tag durch die Hölle geschickt. Allein die Vorstellung, welches Leid sie ertragen musste, trieb den anderen Kindern Tränen in die Augen. Selbst Alien-Rolf flennte in sein Häkelkissen.

Nachts träumte ich oft von ihr, denn ihre Schreie hatten sich tief in mein Unterbewusstsein gebohrt. Ich stellte mir vor, was für ein grauenhaftes Gefühl es sein musste, zu wissen, dass es morgen, übermorgen, in der nächsten Woche, im nächsten Monat und in den nächsten zwei bis drei Jahren immer so weitergehen würde. Meine acht Wochen im Gips waren dagegen der reinste Trip ins Paradies, und ich schämte mich fast zu antworten, wenn Doktor Fricke mich fragte, ob ich Schmerzen hätte.

Eines Tages, als ihre Schreie besonders laut durch den Korridor hallten, schwor ich mir: »Niemals, Mario! Falls du jemals danach gefragt werden solltest, diese Tortur tust du dir nicht an. Niemals!«

Ein Jahr später, während der Grundschule, lag ich wieder für eine längere Zeit im Krankenhaus, da die Metallplatten, die meine Knochen stabilisieren sollten, entfernt werden mussten. Ich bekam zwar Unterricht dort, fühlte mich aber total unterfordert und hatte große Sorge, den Wissensrückstand zu meinen Klassenkameraden später nicht mehr aufholen zu können. Obwohl ich erst sieben war, wusste ich eines sicher: Wenn du jetzt nicht Gas gibst und zusiehst, diesen Laden hier so bald wie möglich zu verlassen, dann war’s das. Erstaunlich übrigens, wie schnell man wieder gesund werden kann, wenn einem der Arsch auf Grundeis geht.

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Der Tag meiner Einschulung, Sommer 1992

Echte Freunde

Mit Björn, Heiko, Lino und Danzko hatte ich die besten Freunde, die man sich nur wünschen kann. Nach der Schule brachten sie mir alles bei, was ich in der Vergangenheit versäumt hatte. Ich musste mich richtig ins Zeug legen, denn je schneller ich lernte, desto mehr Zeit konnten wir draußen auf der Straße verbringen. Wir achteten auch immer darauf, dass unsere Noten einigermaßen im grünen Bereich waren, denn dann hatten wir vor unseren Eltern Ruhe und konnten so viel Mist bauen, wie wir wollten. Von der Grundschule bis zum Abitur blieben wir immer die gleiche Gang, in der jeder dem anderen aus der Patsche half.

Als wir in der zweiten Klasse waren, hatte es ein Viertklässler auf mich abgesehen. Wegen meiner Behinderung war ich leichte Beute für ihn, und er nutzte jede Gelegenheit, um mich vor versammelter Mannschaft zu hänseln. Der Junge konnte es einfach nicht lassen, mich herumzuschubsen und mir blöde Sprüche hinterherzurufen, bis Danzko, der zufälligerweise Norddeutscher Taekwondo-Meister der Unter-Zehnjährigen war, zu ihm ging und ihn sportsmännisch bat, mich in Frieden zu lassen. Am nächsten Tag ging es jedoch weiter mit den Schikanen, und Karate Kid Danzko sah sich genötigt, ihm in der großen Pause öffentlichkeitswirksam zu demonstrieren, was man als Kampfsport-Champion alles kann. Mister Miyagi wäre stolz gewesen! Nach dieser Aktion hatte ich Ruhe, und die ganze Schule wusste, dass man sich mit diesen Zweitklässlern besser nicht anlegen sollte.

Dann lernte meine Mom ihren jetzigen Mann André kennen. Das war schon lustig, denn er war ein guter Kumpel des Stiefvaters meines Cousins, bei dem ich als Kind oft übernachtet habe. André hing ab und zu bei uns herum, bestellte Pizza und zockte mit uns Nintendo. Ich kannte ihn also schon lange bevor meine Mom ihn mir präsentierte. Er ist wie ein großer Bruder für mich. Er war es auch, der mir so grundlegende Dinge wie Fahrradfahren oder Fußballspielen beibrachte. André ermutigte mich immer wieder weiterzumachen und feuerte mich auch dann an, wenn es mal nicht so gut klappte und ich schon kurz davor war, alles hinzuschmeißen.

»Aufgeben ist keine Option, Mario!«, sagte er immer und half mir wieder auf, nachdem ich zum vierzigsten Mal vom Fahrrad gefallen war. »Es ist egal, wie oft du dich auf die Schnauze legst. Solange du wieder aufstehst, ist alles in Ordnung. Hab Vertrauen und verliere nicht die Geduld. Du wirst den Dreh schon rauskriegen!«

Er war ein bisschen wie die nette Version von Oliver Kahn, der seine Mannschaft jedes Mal, wenn sie in Rückstand lag, mit den legendären Worten »Weiter, weiter, immer weiter!« nach vorne peitschte. André war wirklich ein Glückstreffer, nicht nur für meine Mutter.

Als mein Bein durch die Luft flog

Obwohl ich in meiner Kindheit viele Hürden nehmen musste und mein Leben wegen meiner Behinderung vor allem in den ersten Jahren extrem eingeschränkt war, stellte sich mir nie die große Sinnfrage. Ich weiß nicht, wie ich darüber denken würde, wenn ich mein Bein zum Beispiel durch einen Unfall verloren hätte. Aber ich kam nun einmal so auf die Welt und kenne nichts anderes. Für mich war mein Zustand immer normal. Natürlich gab es Momente, in denen ich mein Handicap verfluchte, aber das hatte in erster Linie praktische Gründe.

Als ich in der E-Jugend des ETV Hamburg war, gab es ein legendäres Fußballspiel gegen Altona 93. Ich stand im Tor und sah, wie der Ball vom Gegenspieler in meinen Strafraum gepasst wurde. Ich sprintete aus meinem Kasten und schoss die Pille mit voller Wucht weg. Dabei brach meine Orthese in zwei Stücke, und der untere Teil flog im hohen Bogen zwanzig Meter weit über den Platz. Der gegnerische Stürmer war dermaßen geschockt, dass er sofort wie ein kleines Mädchen zu kreischen begann, da er offensichtlich dachte, mein echter Fuß sei abgerissen und läge jetzt blutüberströmt irgendwo auf dem Feld. Auch die Eltern, die an der Seitenlinie standen, stimmten in das Geschrei ein. Es gab ein Riesentheater. Völlig angenervt hüpfte ich zu meinem kaputten Fuß, um zu checken, ob das Ding noch zu gebrauchen war, und winkte meine Kumpels am Spielfeldrand herbei, die sich natürlich königlich über dieses unerwartete Drama amüsierten, bevor sie mir vom Platz halfen.

In solchen Situationen war ich schon megamäßig sauer, aber nicht auf den lieben Gott, sondern auf meine Orthopädietechniker, die augenscheinlich schludrig gearbeitet hatten. So etwas durfte einfach nicht passieren, was ich ihnen auch deutlich sagte. Sie bekamen ohnehin permanent Feedback, was mir gefiel, was nicht und welche Verbesserungen ich gerne hätte, aber die meisten meiner Wünsche ließen sich technisch leider noch nicht umsetzen. Mittlerweile musste ich wenigstens nicht mehr den weiten Weg nach Kiel fahren, sondern konnte mein Orthesen-Business in der neuen Orthopädie-Technik in Altona abwickeln, die gerade eröffnet worden war.

Dann kam der große Tag, auf den ich elf Jahre lang gewartet hatte: Die Jungs aus der Entwicklungsabteilung hatten es tatsächlich hinbekommen, mir eine Orthese zu bauen, die genau meinen Vorstellungen entsprach. Es war unbeschreiblich. Auf einen Schlag änderte sich alles. Endlich konnte ich mich richtig austoben, war viel beweglicher und in meinem Alltag nicht mehr so eingeschränkt. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich nicht mehr behindert.

Niemals!

Zwei Jahre später bat mein Arzt um ein Treffen und brachte tatsächlich die Option der Beinverlängerung wieder ins Gespräch. Noch bevor er seinen Satz beenden konnte, fiel ich ihm ins Wort und sagte mit voller Entschlossenheit: »Niemals!«

»Ich kann dich gut verstehen, Mario«, versuchte er beruhigend auf mich einzuwirken. »Aber überlege dir das bitte in aller Ruhe. Das ist eine wichtige Entscheidung, die dein restliches Leben bestimmen wird. Und das Zeitfenster für diese Behandlung ist nicht mehr lange offen.«

»Mama, was sagst du denn dazu?«, fragte ich meine Mutter. »Meinst du, ich brauche das? Es läuft doch alles sehr gut, seit ich die neue Orthese habe.«

»Das kannst nur du wissen«, sagte meine Mom und nahm meine Hand. »Du bist jetzt alt genug, um das alleine zu entscheiden. Wir werden dich bei allem unterstützen, dich aber zu nichts zwingen. Es ist dein Leben.«

»Herr Doktor, ich bleibe dabei!«

Nicht jetzt, dachte ich. Nicht jetzt, wo mein Leben gerade erst anfängt, richtig Spaß zu machen. Ich wollte meine Jugend genießen, mit meinen Kumpels Partys feiern und süße Mädels kennenlernen. Mein Bein bereitete mir auch so gut wie keine Probleme mehr. Warum also diese Freiheit, nach der ich mich so lange gesehnt hatte, aufgeben? Meiner Mutter fiel ein ganzer Steinbruch vom Herzen. Sie sagte zwar nichts, auch später nicht, aber ich spürte es genau.

Wenn ich der Beinverlängerung tatsächlich zugestimmt hätte, wäre ich nicht der Mario, der ich heute bin. Mein Selbstbewusstsein und meine positive Grundeinstellung zum Leben konnten sich doch erst in genau dieser Zeit manifestieren. Ich schloss Freundschaften, machte mit meiner Clique jeden erdenklichen Blödsinn, den man sich nur vorstellen kann, verliebte mich in Mädchen, und Mädchen verliebten sich in mich. All das konnte ich nur erfahren, weil ich ein normales Leben führte und mich selbst nicht als Opfer sah, dem das Leben übel mitspielte.

Jahre später erfuhr ich von meiner Mutter, die stets Kontakt zu den Eltern des Mädchens aus dem Krankenhaus gehalten hatte, dass sie die Beinverlängerung nicht bis zum Ende durchstand. Obwohl sie schon über die Hälfte des qualvollen Weges gegangen war, musste sie schließlich abbrechen. Nee, Mann! Darauf hatte ich keinen Bock. Der Dalai Lama wurde einmal gefragt, warum wir Menschen eigentlich hier auf Erden seien, und er antwortete: »Ich denke, dass der Sinn des Lebens darin besteht, glücklich zu sein.«

Ganz genau. Ich wollte endlich leben.