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Für meine Frau

Mein Dank gilt meiner Frau Tina. Sie war seit Beginn des Buches nicht nur eine geduldige und kritische Zuhörerin, sie motivierte mich immer wieder, korrigierte, wenn notwendig, und war somit die erste Lektorin, die über Monate abends ihre Zeit opferte und durch ihre sprachliche Gewandtheit dem Buch den nötigen Feinschliff gab.

Thomas Welke

Lavinia

Entführung in die Parallelwelt


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Lektorat: Ursula Wenke, www.lektorat-wenke.de

Medienberatung: Jutta Schütz

Verlag: tredition GmbH

ISBN: 978-3-8424-0068-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

I         Ewiger Feind

II       Tarandor

III      Die Schalander

IV      Auf der Flucht

V        Ulmur und Felmur

VI      Die Brilonen

VII     Philemon und Baucis

VIII    Im Land der Peschunen

IX       Purledu

X        Die Wanderung wird fortgesetzt

Prolog

Paldor hatte sehr sorgfältig gewählt, auch wenn die Zeit drängte. Er hatte keinen Fehler begehen wollen, trotz der Gefahr, die sein Zögern bedeutete.

Zwei Paare waren schließlich in die engere Auswahl gekommen und letztendlich hatte er sich für Anna und Jonas Meerburg entschieden. Beide waren erst vor ein paar Wochen in diese Kleinstadt gezogen. Sie kannten hier kaum jemanden und niemand würde unliebsame Fragen stellen.

Nun standen ihm beide im schwachen Lichtschein einer Flurlampe wie erstarrt gegenüber. Er war sich nicht sicher gewesen, ob seine Fähigkeit, in den Geist anderer einzudringen, auch bei Menschen funktionieren würde. Doch jetzt war er beruhigt, es wirkte sogar intensiver als bei seinem Volk. Schnell durchforstete er die Gedanken und das Wesen der beiden und stellte erleichtert fest, dass er richtig entschieden hatte. Dann begann er sicherheitshalber noch einmal mit der Übermittlung seiner Botschaft.

Anna und Jonas waren unfähig, sich zu bewegen. Die Augen weit geöffnet, blickten sie den Fremden an. Sie lauschten der Stimme in ihren Köpfen, verinnerlichten, was sie ihnen sagte, nahmen wahr, was sie hörten, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein.

Als Paldor seine Manipulation beendet hatte, wich die Starre von den beiden und sie sahen ihn erwartungsvoll an. Er überreichte Anna das in eine Decke gehüllte Bündel, das er die ganze Zeit auf dem Arm gehalten hatte, und drückte Jonas eine Mappe in die Hand. Danach drehte er sich wortlos um und verschwand in der Dunkelheit des Gartens.

Jonas schloss sorgfältig die Haustür und ging langsam ins Wohnzimmer. Anna folgte ihm, das Bündel fest an sich gedrückt. Eine Weile starrten sie ungläubig darauf, bevor sie vorsichtig die Decke zurückschlugen und in die wachen dunklen Augen eines Säuglings schauten. Es gab keinen Zweifel, das war ihr Kind. Überglücklich sahen sie sich an und lächelten, dann öffnete Jonas die Mappe. Darin befanden sich Adoptionsunterlagen, die auswiesen, dass sie dieses Baby zu Recht bekommen hatten. Beide beugten sich über die Papiere und lasen den Namen:

Lavinia Meerburg

I Ewiger Feind

12 Jahre später

Wütend warf Lavinia das Buch in die Ecke. Sie hatte die Nase voll von all diesen Helden, die jede Schwierigkeit meisterten. Alles lief bei ihnen am Ende glatt, weil sie zaubern, kämpfen oder sonst etwas konnten.

So oft hatte sie sich gewünscht, nur ein paar kleine Fähigkeiten ihrer Romanhelden zu besitzen. Sie würde auch gern auf einem Drachen reiten, dann würden alle vor Ehrfurcht erzittern. Wenn sie kurz „Akademio ruptur“ oder irgend so einen Zauberspruch riefe, würden all jene, die nur darauf warteten, sie zu ärgern, und die ihr das Leben zur Hölle machten, vor Furcht auf dem Boden liegen. Aber die Welt von Eragon oder Harry Potter war nun einmal nichts anderes als Fantasie, ausgedacht, um Kinder zum Träumen zu bringen. Doch das Leben war kein Traum, so viel wusste Lavinia mit ihren zwölf Jahren ganz genau.

Sie träumte oft davon, wie schön es wäre, wenigstens ein, zwei wirkungsvolle Zaubersprüche zu beherrschen, ganz zu schweigen davon, wie toll es wäre, einen Drachen zum Freund zu haben. Doch Lavinia machte sich nichts vor. Wirkungsvolle Zaubersprüche kannte sie nicht und Drachen gab es keine!

Am liebsten las Lavinia in einem kleinen Sessel, der unter dem Fenster stand, muckelte sich in eine Decke und machte es sich gemütlich. Sie las sehr gern und zog sich in die Welt ihrer Bücher zurück. Die lenkten sie von ihren Sorgen ab, aber heute gingen ihr die Heldentaten nur auf die Nerven, weil sie sich so klein und hilflos fühlte. Langsam stand sie auf, trat ans Fenster und zog die Gardine etwas zur Seite, um nach draußen zu schauen. Nichts rührte sich auf der Straße. Ihre schmale Gestalt hob sich vom hellen Hintergrund des Fensters ab, die dunklen langen Haare hatte sie mit einem flauschigen orangefarbenen Band zu einem Pferdeschwanz gebunden.

„Wenn ich wenigstens einen bissigen Hund hätte!“, murmelte sie vor sich hin. Heute hätte sie ihn gut gebrauchen können. Wieder hatte dieser blöde Paul sie geärgert, immer wartete er nur darauf, ihr eins auszuwischen.

Paul! – Wenn sie nur an sein pickeliges Gesicht und seine dürren langen Arme und Beine dachte, wurde ihr schlecht. Sie sah ihn vor sich, mit seinem igelig kurz geschnittenen braunen Haar, das in alle Himmelsrichtungen stand, und dem bösartigen Grinsen um seinen Mund, wenn er sie aufs Korn nahm. Leider war er auch einen halben Kopf größer als Lavinia. Ohne Zweifel war er auch stärker als sie. Aber welcher Junge war das nicht? Sie war klein und sehr zartgliedrig, körperliche Kräfte spielten bei ihr eher eine untergeordnete Rolle.

Oh ja, spann sie ihren Gedanken fort, wie beruhigend wäre es, einen Hund zu haben, der Paul auf Kommando mal so richtig in den Hintern beißen würde. Bei dem Gedanken zog ein Schmunzeln über ihr Gesicht, in ihren braunen Augen tauchte kurz ein schelmisches Blitzen auf und das Grübchen an ihrem Kinn wurde noch tiefer. Sie wandte sich vom Fenster ab und setzte sich wieder in ihren Sessel, um sich weiter ihren Tagträumen hinzugeben.

Es tat so gut, sich vorzustellen, wie sich der Hund Paul in den Weg stellte und ihn zähnefletschend anknurrte, die Nackenhaare furchterregend gesträubt. Sie konnte förmlich Pauls angsterfülltes Gesicht vor sich sehen und hörte sich sagen: „Wenn du mich noch ein einziges Mal ärgerst, weiß ich nicht, ob ich meinen Hund noch zurückhalten kann und will.“ Besonders erheiternd war die Vorstellung, Paul würde sich vor Angst in die Hose machen und alle könnten es sehen.

Lavinia kicherte bei dem Gedanken und es war ihr ein bisschen leichter ums Herz.

Ja, wenn ich einen Hund hätte, dann hätte ich endlich Ruhe und das Problem mit Paul wäre ein für alle Mal gelöst, dachte sie.

Aber ihre Welt sah anders aus. Sie hatte keinen bissigen Hund und Paul war und blieb ihr unüberwindbarer Feind.

So etwas kam leider nicht nur in den Büchern vor, sondern auch im wirklichen Leben – Feinde! In den Romanen gab es Drachen und Zauberer, in ihrer Welt gab es nicht einmal den heiß ersehnten Hund, der sie beschützte.

Als ihre Wut etwas abgeklungen war, hob Lavinia das Buch wieder auf, das sie in die Ecke geworfen hatte. Sie liebte ihre Bücher und die konnten nun wirklich nichts dafür, dass sie eine Außenseiterin war und das Gefühl hatte, ihre Probleme würden von Tag zu Tag größer und unerträglicher. Es war ja nur ihr Neid auf diese Helden, die etwas Besonderes waren und ungewöhnliche Fähigkeiten hatten. Sie aber war einfach nur ein Mädchen, das sich nach Freunden und Anerkennung sehnte.

Lavinia wickelte sich in ihre Decke und schloss die Augen. Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu den Helden ihrer Geschichten zurück.

Wäre sie wirklich bereit gewesen, all die Ängste eines Harry Potter auf sich zu nehmen? Immer mit der Sorge zu leben, dass ein dunkler Lord nur darauf wartete, sie zu töten? Wollte sie wirklich die Schmerzen eines Eragon ertragen, wenn sie durch ein Schwert verletzt würde? Diese Dinge klangen in den Büchern immer so erträglich, denn man wusste ja, dass irgendwie doch alles gut enden würde.

Vor zwei Jahren hatte Lavinia sich bei einem Treppensturz das linke Bein gebrochen. Der Schienbeinknochen hatte damals ihre Haut durchbohrt, man hatte ihn richtig sehen können, und noch heute konnte sie sich genau an diese unerträglichen Schmerzen erinnern und an die anschließende Zeit im Krankenhaus. Wenn sie nur an Spritzen oder Blutabnahmen dachte, wurde ihr ganz flau im Bauch.

Nein, wie ihre Helden in den Büchern zu leben, immer lebensgefährlichen Situationen oder der Gefahr, verletzt zu werden, ausgesetzt zu sein, das war dann doch nicht erstrebenswert. Wenn Lavinia die Sache aus dieser Perspektive betrachtete, dann war sie sich gar nicht mehr sicher, ob sie wirklich über solch besondere Gaben verfügen wollte.

Nachdenklich blickte sie auf ihr Buch. Vielleicht liegt meine Angst auch nur daran, dass ich ein Mädchen bin, überlegte sie. Jungen hatten bestimmt keine Angst, jedenfalls nicht vor Spritzen und Blutentnahmen und schon gar nicht vor den Pauls dieser Welt.

Vielleicht, dachte Lavinia, liegt das aber auch nur daran, dass Jungen einfach zu dumm sind, eine Gefahr richtig einzuschätzen. Nach ihrer Erfahrung hatten die meisten von denen nicht mehr Grips im Kopf, als nötig war, um Fußball zu spielen oder Mädchen zu ärgern. – Und besonders gern ärgerten sie Lavinia, allen voran dieser widerliche Paul. In letzter Zeit hatte sie sich oft gewünscht, ein Junge zu sein. Waren Jungen auch dümmer, so hatten sie doch den Vorteil, meist stärker zu sein. Wenn sie wenigstens die Kraft hätte, diesem blöden Paul so in den Bauch zu boxen, dass ihm die Luft wegbliebe und er umfiele. Dann würde er sie vielleicht in Zukunft in Ruhe lassen. Lavinia seufzte und verkroch sich tiefer in ihren Sessel. Ach, es war einfach schrecklich! Andauernd kreisten ihre Gedanken um Paul. Eigentlich wollte sie nicht, dass dieser Widerling ihr Denken beherrschte, aber sie konnte sich nicht dagegen wehren. Ständig hatte sie Angst, ihm zu begegnen, weil sie wusste, dass sie immer die Zielscheibe seines Spottes war.

In diesem Moment rief ihre Mutter nach ihr. Das Abendessen war fertig. Langsam erhob sich Lavinia, stellte das Buch ins Regal zurück und ging in die Küche.

Mit ihren Eltern wollte sie nicht über ihren Kummer reden. Sie waren mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt. Ihr Vater hatte alle Ersparnisse beim großen Börsencrash verloren und die Firma, bei der er als Betriebswirt gearbeitet hatte, musste Konkurs anmelden. Damals mussten ihre Eltern das Haus verkaufen. Weil sie die Schande, wie sie es nannten, in eine kleine Mietswohnung ziehen zu müssen, nicht ertragen konnten, zogen sie in eine andere Stadt. Hier hatte ihr Vater zumindest wieder eine Arbeit gefunden, von der sie leben konnten. Das war ein Wunder, meinte ihr Vater, wenn die Arbeit auch eigentlich unter seinem Niveau war, wie er immer wieder betonte.

Seit diesem Zeitpunkt waren seine Augen immer trauriger geworden, fand Lavinia. Auch ihre Mutter war nicht mehr so fröhlich wie früher. Lachen war in ihrer Familie selten geworden. Wie konnte sie ihre Eltern mit ihrem eigenen Kummer behelligen, wo sie im Moment das Einzige zu sein schien, worauf sie stolz waren, weil sie gut in der Schule war und immer die Klassenbeste. Dabei strengte sie sich nicht einmal an, sie musste fast gar nicht lernen. Doch das erregte den Neid der Mitschüler. Sie war für alle eine Streberin und so wollte wirklich niemand etwas mit ihr zu tun haben, so sehr sie sich anfangs auch bemüht hatte, sich mit den anderen aus ihrer Klasse anzufreunden. Aber was war all dieser Kummer gegen die Sorgen ihrer Eltern?

Nein, mit ihnen konnte Lavinia nicht über ihre Probleme reden, und sie hatte auch sonst niemanden, dem sie sich anvertrauen konnte. Der Umzug vor drei Jahren hatte ihr nichts ausgemacht. Wo sie früher gewohnt hatten, war sie ebenfalls eine Außenseiterin gewesen. Deshalb hatte sie sich sogar ein wenig gefreut, weil sie gehofft hatte, dass an einer neuen Schule alles anders werden würde. Aber nach einer Woche Frieden und den ersten erfolgreichen Annäherungsversuchen an die neuen Mitschüler geschah das Unfassbare: Ihr größter Feind aus der alten Schule, den sie für immer hinter sich gelassen zu haben glaubte, tauchte in ihrer neuen Stadt auf, und nicht nur das, er kam auch wieder in ihre Klasse – Sie konnte es nicht glauben! Paul war ihr gefolgt. Auch seine Eltern waren ausgerechnet in dieses Provinznest gezogen. Innerhalb weniger Tage hatte er es geschafft, die ganze Klasse oder jedenfalls fast alle gegen sie aufzuhetzen. Und alles war wie früher.

„Lavinia, wo bist du nur wieder mit deinen Gedanken?“, holte ihre Mutter sie in die Wirklichkeit zurück. Sie lächelte sie an und stellte einen Teller vor sie auf den Tisch. Eine Antwort auf ihre Frage schien sie nicht zu erwarten und das war Lavinia nur recht. Wortlos beendeten sie das Abendessen und anschließend ging Lavinia wieder in ihr Zimmer zurück. Sie verkroch sich ins Bett und las noch so lange, bis ihr die Augen zufielen. Sie merkte nicht, wie ihre Mutter später noch einmal leise ins Zimmer kam, sie zärtlich und traurig betrachtete und das Licht löschte.

Am nächsten Morgen machte sich Lavinia früher als sonst auf den Weg zur Schule. Hin und wieder änderte sie ihren Schulweg und auch die Zeiten, zu denen sie die Wohnung verließ. Sie wollte es Paul und seinen Kumpanen nicht zu leicht machen, ihr nachzustellen, und so bemühte sie sich, unberechenbar zu sein. Heute bedeutete das für Lavinia einen Umweg von immerhin vier Kilometern. Dass sie früher aufstehen und weiter laufen musste, machte ihr jedoch nichts aus. Sie genoss es, an der frischen Luft zu sein, und den Feldweg nahm sie besonders gern, weil sie die Natur liebte. Dennoch ging sie diesen einsamen Weg fast nie, weil sie wusste, dass ihre Mutter dagegen war. Sie erklärte ihr immer wieder, wie gefährlich es für ein junges Mädchen war, allein am Feld entlangzugehen, und malte ihr in den buntesten Bildern aus, was alles passieren könnte. Lavinia fand allerdings, dass sie mittlerweile alt genug war, um auf sich aufzupassen und selbst zu entscheiden, welchen Weg sie einschlagen wollte.

Aber so ganz wohl fühlte sich dennoch nicht, wenn sie ehrlich war. Sie hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch. Weit und breit konnte sie zu dieser frühen Stunde keinen Menschen entdecken, mit Ausnahme eines Bauern, der bereits mit seinem Traktor auf dem Feld war. Sie summte ein Lied, um die aufkommende Unruhe zu überspielen und jeden Gedanken an Paul und seine Kumpane zu verdrängen.

Lavinia näherte sich einem kleinen Weiher. Wie magisch wurde sie von ihm angezogen. Sie sah auf ihre Uhr und stellte fest, dass sie bis zum Beginn des Unterrichts noch genügend Zeit hatte. So entschloss sie sich, den Weiher aus der Nähe zu betrachten, vielleicht konnte sie ein paar Fische beobachten. Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, spürte sie, wie ihr die Kräfte schwanden. Sie war nicht mehr fähig, einen Schritt weiterzulaufen, sie spürte ein merkwürdiges Kribbeln, ihr wurde schwindelig und sie bekam kaum noch Luft. Die Beine trugen sie nicht mehr richtig und sie sackte kurz in die Knie, konnte sich aber sofort wieder fangen und langsam zum Feldweg zurückgehen. Je weiter sie sich vom Ufer entfernte, umso besser ging es ihr. Erschöpft und verunsichert setzte sie sich für einen Moment auf einen umgestürzten Baum, um sich zu erholen.

Meine Güte, dachte Lavinia entsetzt, schon wieder so eine Attacke, denn so nannte sie ihre kurzen Schwächeanfälle, die sie in letzter Zeit immer wieder heimsuchten. Dass ihr das ausgerechnet hier passieren musste, wo kein Mensch sie finden würde. Sie hatte eine blühende Fantasie und stellte sich vor, wie sie hilflos im Gebüsch lag und sterben könnte, ohne dass jemand kam. Seit ungefähr zwei Jahren traten diese Anfälle immer mal wieder auf, allerdings meist nicht so stark wie jetzt. Oft war es nur ein leichtes Schwindelgefühl, manchmal zog es sie aber auch regelrecht von den Füßen. Bei den ersten Anfällen waren ihre Eltern natürlich sehr besorgt gewesen.

Die Ärzte, zu denen Lavinia in den folgenden Wochen geschleppt wurde, glaubten zunächst an epileptische Anfälle, aber alle Untersuchungsergebnisse und Tests waren unauffällig. Es fehlten auch typische Zeichen dieser Erkrankung. Sie biss sich weder die Zunge blutig noch schlug sie um sich oder nässte ein, wie die Ärzte es ausdrückten. So blieb das Rätsel für alle ungelöst. Es wurde auf psychische Probleme geschoben, auch das Wachstum und die Pubertät wurden verantwortlich gemacht, aber helfen konnte ihr niemand.

Lavinias Eltern bekamen den Rat, sie gut im Auge zu behalten. Das taten sie denn auch voller Sorge, was Lavinia sehr lästig fand. Schließlich beobachtete sie sich selbst schon genug, weil sie ständig Angst vor dem nächsten Anfall hatte. Deshalb verschwieg sie in der Folge ihre Attacken, die ja zum Glück auch nicht sehr häufig waren. Ihr war jedoch aufgefallen, dass es an bestimmten Orten regelmäßig dazu kam. Also mied sie diese Stellen und damit war das Problem für sie gelöst. Am Weiher hatte es sie bisher noch nie erwischt, sonst wäre sie bestimmt nicht hierher gegangen. Aber sie war auch zuvor noch nie so nahe am Wasser gewesen.

Nachdem Lavinia ihre kurze Erholungspause beendet hatte, konnte sie ihren Schulweg ohne weitere Probleme fortsetzen. Sie lief etwas schneller, um noch rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn in der Schule zu erscheinen. Eine Begegnung mit Paul außerhalb des Klassenzimmers blieb ihr glücklicherweise erspart.

Sie setzte sich auf ihren Platz und kümmerte sich nicht um ihre Mitschüler, die auch kein großes Interesse an ihr zeigten. Nur ihrer Tischnachbarin Stephanie, mit der sie die Rolle der Außenseiterin teilte, nickte sie kurz zu und begann dann, in ihrem Tornister zu kramen. Als sie die Hefte und das Buch für die erste Stunde auf ihren Tisch gelegt hatte, betrat die Lehrerin die Klasse, in der es sofort ruhig wurde. Lavinia starrte vor sich hin und es gelang ihr nicht, dem Unterricht zu folgen. Ständig schweiften ihre Gedanken ab. Außerdem ergriff sie immer wieder ein merkwürdiges Empfinden. Es war schwer zu beschreiben und hatte nichts mit dem Gefühl während ihrer Schwächeanfälle zu tun. Sie bemerkte zu ihrem Entsetzen, wie sich das Klassenzimmer kurz in die Breite schob, um dann wieder auf normale Größe zu schrumpfen. Gleichzeitig meinte sie, ihre Gedanken purzelten übereinander, um sich sofort wieder in die alte Ordnung zu fügen. Genauso schnell, wie dieses Gefühl auftauchte, verschwand es auch wieder.

Im Laufe des Vormittags überkam es Lavinia jedoch immer häufiger; sie bekam Angst und blieb die ganze Zeit mit unnahbarem Gesichtsausdruck auf ihrem Platz sitzen. Ihren Zustand konnte sie nicht einordnen und sie wollte von niemandem angesprochen werden, weil sie befürchtete, sonst in Tränen auszubrechen. Sie nahm an, dass entweder eine große Attacke bevorstünde oder dass das die Nachwirkungen des morgendlichen Ereignisses wären.

In der dritten Stunde traute sich Stephanie, Lavinias Schweigemauer zu durchbrechen. Ihr war schon den ganzen Morgen aufgefallen, dass irgendetwas mit Lavinia nicht stimmte.

„Was ist los, Lavinia“, flüsterte sie. „Du siehst so blass aus. Ist dir nicht gut?“

„Doch, doch, alles in Ordnung“, flüsterte Lavinia zurück. Sie schluckte heftig, um sich zu beherrschen, und tat, als notiere sie etwas. In der Pause folgte sie Stephanie zwar auf den Schulhof, entschuldigte sich aber sofort, gab vor, zur Toilette zu müssen, und kehrte in die Klasse zurück.

In der vierten Stunde wurden diese neuen Anfälle unerträglich. Zu den Veränderungen der Umgebung und den Gedankensprüngen hatte sich ein unangenehmes Durstgefühl gesellt, das sie nicht aushalten konnte.

Sie meldete sich und fragte um Erlaubnis, zur Toilette gehen zu dürfen. Das Nächste, das an Lavinias Bewusstsein drang, war die besorgte Stimme eines Lehrers und dass er ihr auf die Wange klopfte.

„Mädchen, hallo – was ist denn mit dir los?“

Langsam orientierte sich Lavinia und öffnete die Augen. Sie stellte erstaunt fest, dass sie auf dem Flur vor der Toilette lag.

„Ich weiß nicht“, entgegnete sie ganz benommen. „Mir war auf einmal so komisch – geht aber schon wieder.“

Als sie aufstehen wollte, merkte sie jedoch, dass es keineswegs ging. Die Knie fühlten sich an wie Pudding und gaben sofort nach, als sie ver suchte, sich aufzurichten.

Der Lehrer half ihr auf die Beine und stützte sie.

„Du kommst jetzt erst einmal mit ins Lehrerzimmer und dann rufen wir deine Eltern an“, meinte er entschieden. „So wie das aussieht, geht hier überhaupt nichts.“

Lavinia widersprach nicht und ließ sich bereitwillig von dem Lehrer führen. Als sie im Lehrerzimmer auf einem Stuhl saß, bat sie um ein Glas Wasser und wartete auf ihre Mutter.

Als diese nach einer halben Stunde eintraf, ging es ihr schon wieder besser, doch die Mutter war offensichtlich in großer Sorge.

„Mein Schatz, was ist passiert? Mein Gott, was hast du mir für einen Schrecken eingejagt! Geht es dir denn wieder besser?“

„Alles o. k., Mama“, antwortete Lavinia schwach. „Du musst dir keine Gedanken machen.“

Sie erhob sich und stellte erleichtert fest, dass ihre Beine sie wieder trugen. Auch das komische Gefühl war nicht wieder aufgetreten.

Im Auto sagte ihre Mutter: „Wir fahren jetzt erst einmal zu Doktor Borg.“

Lavinia verdrehte die Augen: „Och nein, Mama. Mir geht es doch schon wieder gut.“

„Umso besser, trotzdem musst du untersucht werden“, bestimmte ihre Mutter und Lavinia merkte an ihrem Tonfall, dass jede weitere Diskussion zwecklos war. Sie hatte keine Lust auf den Doktor, der ihr ja doch bisher niemals hatte helfen können.

Widerstandslos ließ sie jedoch die Untersuchung über sich ergehen, sicher, dass es nicht anders ausgehen würde als die letzten Male.

Sie hatte sich nicht geirrt. Mit der Anordnung, ein paar Tage zu Hause zu bleiben, verließen sie die Praxis.

Die nächsten Tage blieb Lavinia also zu Hause und hatte viel Zeit, sich zu langweilen und zu grübeln. Im Internet versuchte sie, etwas über ihre Attacken in Erfahrung zu bringen, aber ohne Erfolg. Was immer sie für Stichwörter eingab, es führte entweder zu keinen sinnvollen Ergebnissen oder es lief auf epileptische Anfälle oder einen Hirntumor hinaus. Lavinia stöhnte, es passte einfach nichts. Einen Tumor hatte der Doktor doch ausgeschlossen, oder etwa nicht? Die letzte Kernspinuntersuchung des Kopfes lag allerdings schon zwei Jahre zurück. Konnte ein Tumor so schnell wachsen? Lavinia grübelte so viel, dass sie sich nicht einmal mehr auf ihre geliebten Bücher konzentrieren konnte.

Sie kauerte in ihrem Sessel und überlegte, ob es nicht das Beste sei, das Haus gar nicht mehr zu verlassen. Dann lief sie auch nicht Gefahr, an gefährlichen Stellen vorbeizukommen. Je nach Stimmungslage wurde ihre Angst und Unruhe mal größer und mal kleiner.

So vergingen die nächsten Tage in Eintönigkeit, mit seltsamem Gedankenchaos und einer Angst, die sich tief in Lavinias Herz einbrannte. Vielleicht hatte sie doch einen Hirntumor und würde bald sterben?

Zum ersten Mal in ihrem Leben wurde Lavinia sich bewusst, dass auch sie irgendwann sterben würde. Dieser Gedanke verfolgte sie und ihr ging es immer schlechter. In der Nacht konnte sie kaum schlafen, weil sie Angst hatte, am nächsten Morgen nicht mehr aufzuwachen. Als sie noch kleiner war, hatte ihre Mutter ihr oft ein Schlaflied vorgesungen. Darin hieß es: Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Was aber, wenn Gott nicht wollte, dass sie morgen früh wach würde?

Am nächsten Morgen fühlte Lavinia sich etwas besser. Die Ängste der Nacht waren verschwunden oder waren bei Tageslicht zumindest nicht mehr so präsent. Um sich die Zeit zu vertreiben, las sie eher lustlos in einem Buch.

Plötzlich klingelte es an der Tür. Lavinia sah auf die Uhr. Wer sollte sie um diese Uhrzeit besuchen? Sie ging zur Haustür und blickte durch den Spion. Verblüfft prallte sie zurück. Es war unglaublich, was oder besser gesagt wen sie dort sah! Sie war zutiefst schockiert und ihr Herz begann, bis zum Hals zu schlagen. Vor der Tür stand Paul!

Solch eine Dreistigkeit, dachte Lavinia, hin und hergerissen zwischen Angst und Wut. Jetzt wagt er es sogar schon, zu mir nach Hause zu kommen. Was will er nur hier? Wahrscheinlich weiß er, dass ich allein bin, und will mir nun den Rest geben. Bei dem Gedanken zog sich alles in Lavinia zusammen und ihr Herz raste. Tausend Gedanken schossen durch ihren Kopf. Sie wich ein paar Schritte zurück und blieb dann wie angewurzelt stehen.

Nur nicht bewegen, dachte sie, damit er ja nicht hört, dass ich hinter der Tür stehe. Solch eine Unverschämtheit, hier aufzukreuzen, dachte sie erneut, und dann spürte sie plötzlich, wie wahnsinnige Wut in ihr hochkam. Unvermittelt tauchten Bilder in ihrem Kopf auf, wie sie Paul schlug, mitten ins Gesicht, und ihm so in den Bauch boxte, dass ihm die Luft wegblieb und er umfiel.

Dann hörte sie, dass Paul die Treppe wieder herunterging. Der Zorn ließ langsam nach und sie fühlte sich geschwächt. Lavinia war nicht in der Lage, in ihr Zimmer zurückzugehen. Sie setzte sich auf den Boden und begann zu weinen. Ja, sie hasste Paul, aber diese gewaltvollen Bilder in ihrem Kopf, gegen die sie sich nicht wehren konnte, schockierten sie zutiefst. Die Wut war jetzt weg und sie war sich sicher, dass diese Gedanken nicht zu ihr passten. So etwas wollte sie nicht! Auch wenn sie die Kraft dazu hätte, so wollte sie doch niemanden schlagen, schon gar nicht mitten ins Gesicht. Sie hatte einmal von ihrer Mutter eine Ohrfeige bekommen und viel schlimmer als der Schmerz war das Gefühl der Demütigung gewesen. Und jemanden so in den Magen zu boxen, dass er umfiel? Sie hasste sich für solche Gedanken. Wäre sie wirklich zu solchen Grausamkeiten fähig?

Lavinia fühlte sich so elend wie schon lange nicht mehr. Irgendwie schaffte sie es in ihr Bett und schlief erschöpft ein.

Sie wurde durch ihre Mutter geweckt, als diese von der Arbeit zurückkam.

„Was ist los, Vini“, fragte die Mutter. „Wieso liegst du im Bett?“

„Vini“ hatten ihre Eltern früher oft zu ihr gesagt, als Lavinia noch kleiner war. Heute bedeutete es meist, dass sie sich Sorgen machten.

„Geht es dir wieder schlechter, hattest du noch einmal einen Anfall?“

Ihre Mutter setzte sich an die Bettkante und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Nein, nein“, beeilte sich Lavinia zu sagen. „Ich war nur so schrecklich müde.“ Und um ihre Mutter zu beruhigen, fügte sie hinzu: „Ich wollte sowieso gerade aufstehen.“

„Na, dann ist es ja gut. In letzter Zeit scheint es deine Spezialität zu werden, mich zu erschrecken.“ Dabei nahm die Mutter Lavinia in die Arme, drückte sie und gab ihr einen Kuss.

„Für dich lag übrigens ein Brief im Kasten.“

„Für mich?”, fragte Lavinia erstaunt. „Wer sollte mir denn schreiben?“

„Vielleicht ein Verehrer?”, antwortete ihre Mutter mit einem hintergründigen Lächeln. Als Antwort verzog Lavinia nur das Gesicht.

„Und? Wo ist der Brief?”, fragte sie. Die Mutter reichte ihr ein schmuckloses weißes Kuvert. Auf dem Umschlag stand nur „Für Lavinia“, und darunter, zweimal unterstrichen, „persönlich“.

Lavinia drehte und wendete den Brief. Kein Absender. Sie sah ihre Mutter herausfordernd an, bis diese begriff, dass Lavinia den Brief erst öffnen wollte, wenn sie allein war.

„Na, dann geh ich mal“, sagte sie mit einem anzüglichen Grinsen und zog leise die Tür hinter sich zu.

Lavinia setzte sich auf die Bettkante und öffnete gespannt den Umschlag.

„Ich muss unbedingt mit dir reden. Allein. Hab` bitte keine Angst und vertrau´ mir. Paul!“

Ihre Hände begannen zu zittern. Unglaublich, dachte sie, was bildet dieser Idiot sich eigentlich ein? Was wird der schon mit mir bereden wollen? Wie er mir am besten zusetzen kann? Was für eine Gemeinheit hat er sich nun wieder ausgedacht? Unvermittelt spürte sie die Wut in sich hochkochen, wieder tauchten brutale Bilder in ihr auf, die sie nicht zurückdrängen konnte. Und sie merkte plötzlich, dass sie das auch gar nicht wollte. Der Gedanke, Paul mit aller Kraft ins Gesicht zu schlagen, wurde immer angenehmer. Wenn sie doch nur die Kraft hätte, es auch zu tun. Ich soll ihm vertrauen, ausgerechnet ihm! Das wäre ja das Letzte, dachte sie grimmig und zerknüllte das Papier.

In diesem Moment kam ihre Mutter wieder herein. „Ach, übrigens ich habe mit Doktor Borg gesprochen. Da du keinen weiteren Anfall hattest, kannst du morgen wieder zur Schule gehen. Ich nehme an, du freust dich jetzt ganz besonders auf die Schule, oder?“

Dies war eine unmissverständliche Anspielung auf den Brief. Die Neugier ihrer Mutter war fast greifbar. Das war jetzt endgültig zu viel für Lavinia.

„Nein, nein“, schrie sie ihre Mutter panisch an. „Ich kann noch nicht zur Schule gehen, was meinst du, warum ich den ganzen Morgen schlafen musste. Ich bin noch viel zu erschöpft.“

Sie nahm das Buch, das auf ihrem Nachttisch lag, und warf es mit aller Kraft gegen die Wand. Danach sackte sie in sich zusammen. Lavinias Mutter stand mit fassungslosem Blick in der Tür. So hatte sie ihre Tochter noch nie erlebt, nie hatte sie in solch einem Ton mit ihr gesprochen. Natürlich hatte es immer mal wieder Streit gegeben, aber dieser aggressive Tonfall war eine ganz neue Seite an Lavinia, und dass sie mit einem ihrer geliebten Bücher um sich warf, entsetzte Lavinias Mutter völlig. Sie wusste gar nicht, wie sie reagieren sollte, und sagte nur: „O. k., dann bleib halt morgen noch zu Hause.“ Damit verließ sie das Zimmer.

Lavinia war verzweifelt. War das wirklich nötig gewesen, ihre Mutter so anzuschreien, so heftig zu werden, nur weil sie Zorn auf Paul hatte? Sie verstand überhaupt nichts mehr, vor allem ihr eigenes Verhalten konnte sie nicht begreifen.

Tut mir leid, Mama, dachte Lavinia bestürzt, konnte sich aber trotz ihres schlechten Gewissens nicht überwinden, der Mutter hinterherzugehen, um sich zu entschuldigen. Sie ging auch nicht zum Abendessen in die Küche und zu ihrem Kummer kam ihre Mutter noch nicht einmal zum Gutenacht-Sagen in ihr Zimmer.

In dieser Nacht machte Lavinia kaum ein Auge zu. Sie kam zu dem Schluss, dass ein Tag mehr zu Hause die Situation auch nicht verbessern würde. Also stand sie früh am Morgen auf und machte sich für die Schule fertig.

Mit einem mulmigen Gefühl sah sie ihre Mutter in der Küche am Aufwaschbecken stehen. Noch nie war es vorgekommen, dass sie sich nach einem Streit nicht am gleichen Tag wieder vertragen hatten. Zögernd ging sie auf sie zu und umarmte sie unsicher. Ihre Mutter drehte sich zu ihr um und nahm sie in die Arme, denn sie verstand, dass ihre Tochter damit um Entschuldigung bat. Lavinia schmiegte sich an sie und drückte sie so fest, als wolle sie sie nicht mehr loslassen. Die Mutter streichelte über ihr Haar und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Beide waren jedoch nicht in der Lage, über den gestrigen Abend zu sprechen, er stand wie eine Wand zwischen ihnen.

Als Lavinia sich nach dem Frühstück auf den Weg machte, nahm ihre Mutter sie noch einmal in den Arm: „Kind, wenn du Sorgen oder Probleme hast, weißt du doch hoffentlich, dass du jederzeit zu mir kommen kannst? Ich weiß, Papa und ich haben viel zu wenig Zeit für dich, aber wir lieben dich von ganzem Herzen, du bist das Wichtigste für uns.“

Lavinia nickte bedrückt. Ein Kloß steckte ihr im Hals und sie konnte die Tränen kaum zurückhalten. Aber was sollte sie darauf antworten? Sie konnte einfach nicht mit ihren Eltern über die Dinge reden, die sie so sehr bewegten. Wortlos verließ sie die Wohnung, obwohl sie wusste, dass sie ihre Mutter damit noch mehr verletzte.

Der Schulweg verlief zum Glück komplikationslos. Sie mied die Straßen, die ihre Attacken auslösten, und dennoch konnte sie den kürzesten Weg zur Schule nehmen. Zum Glück, dachte sie, ahnt niemand, dass ich heute wiederkomme. Kaum hatte sie aber den Schulhof erreicht, wurde sie von Paul entdeckt. Dieser heftete sich sogleich an ihre Fersen. Bevor er sie aber erreichen konnte, bog ihre Klassenlehrerin um die Ecke. Sie freute sich, dass Lavinia wieder völlig wohlauf war. Erleichtert entdeckte Lavinia nun auch Stephanie, die freudig auf sie zukam. Sie fühlte sich gerettet. Inzwischen war auch Paul nicht mehr allein. Stefan und Tim, seine unangenehmsten Freunde, standen bei ihm. Lavinia hatte das Klassenzimmer noch nicht betreten, als Tim ihr ein Bein stellte, sodass sie stolperte und mit dem Kopf gegen den Türrahmen stieß.

„Oh, bist du gestolpert?“, fragte Tim höhnisch, „Du solltest besser aufpassen, sonst verletzt du dich noch!“ Er lachte bösartig und sah sich Beifall heischend um.

Lavinia fasste sich an die Stirn und merkte, dass sie blutete.

„Nein, wie ungeschickt, du hast dich ja tatsächlich verletzt“, rief Tim. „Das tut mir aber leid! Aber ungeschickt bleibt eben ungeschickt.“

Grinsend wandte er sich der Klasse zu, die fast ausnahmslos zu lachen begonnen hatte.

Plötzlich spürte Lavinia eine heiße Welle in sich aufsteigen und eine rasende Wut erfasste sie. Mit einer Schnelligkeit, die sie selbst nicht für möglich gehalten hätte, sprang sie auf und boxte Tim mit aller Kraft in den Bauch. Er fiel rücklings auf den Boden. Ohne zu überlegen, nahm Lavinia Anlauf, warf sich über ihn und setzte sich auf seine Brust. Tim bekam kaum Luft, wälzte sich auf dem Boden und versuchte, seine Gegnerin abzuschütteln. Alle starrten fassungslos auf die beiden. Niemand hatte geahnt, dass Lavinia über solche Kräfte verfügte.

„Na, tue ich dir immer noch leid, weil ich so ungeschickt bin?“, schrie sie. Ihr hübsches Gesicht hatte sich in eine vor Wut verzerrte Fratze verwandelt. „Oh, seht nur“, fügte sie, an die anderen gewandt, höhnisch hinzu, „er zappelt unter mir wie ein dicker Käfer auf dem Rücken und kann sich nicht befreien! Aber ungeschickt bleibt eben ungeschickt.“

Sie holte aus, um Tim eine schallende Ohrfeige zu verpassen, und hätte sich Paul nicht auf sie gestürzt, wer weiß, was geschehen wäre.

Lavinia hatte immer gewusst, dass Paul stark war, aber diese Kräfte waren größer, als sie befürchtet hatte. Er zerrte sie mit aller Gewalt von Tim herunter und drückte sie auf den Boden. Sie setzte sich heftig zur Wehr und machte es ihm nicht leicht, sie zu überwinden, doch er war stärker. Sie lag auf dem Rücken und Paul war über ihr. Er beugte sein Gesicht immer näher über ihres. Sie glaubte schon, er wolle sie küssen, da spuckte sie ihn an. Das bereitete ihr zumindest Genugtuung, wenn es ihr auch nicht gelang, sich aus seiner Umklammerung zu befreien, so sehr sie sich auch wehrte. Paul nahm die Spucke erstaunlich gelassen und sein Gesicht blieb gefährlich nahe an ihrem. Statt sie jedoch zu küssen, versuchte er, in dem Gerangel so nah wie möglich, und doch um Unauffälligkeit bemüht, an Lavinias Ohr zu kommen. Dann flüsterte er: „Ich muss dringend mit dir reden, heute nach der Schule, und versuche nicht, mir zu entwischen. Vertrau mir, auch wenn es dir schwerfällt.“

Plötzlich ließ er Lavinia los und sprang auf. Er drehte sich zu den Mitschülern um, die immer noch bestürzt auf die Szene starrten, und sagte in gefährlich ruhigem Ton:

„Wehe, einer von euch petzt, was hier los war. Dann ergeht es euch noch schlimmer als Tim, das verspreche ich euch. Ist das klar?“

Da alle Angst vor ihm hatten, sagte keiner ein Wort. Sie drehten sich um und nahmen schweigend ihre Plätze ein. Als Paul Tim auf die Beine half, gab er ihm noch eine Kopfnuss und sagte laut: „Und du merkst dir besser, dass du gestolpert bist. Oder soll die ganze Welt wissen, dass dich eine Heulsuse verprügelt hat?“

Danach drehte er sich zu Lavinia um und zischte: „Das wirst du noch bereuen, du hinterhältige Hexe!“

Tim hatte sich stöhnend auf seinen Stuhl gesetzt und betastete seinen Kopf. Als sich Lavinia auf ihn gestürzt hatte, war er hart auf den Boden geschlagen und hatte sich eine dicke Beule am Hinterkopf zugezogen. Die übrigen Schüler starrten ihn nur an, keiner kümmerte sich um ihn, nur Paul hatte sich auf seinen Tisch gesetzt und ihm ein nasses, kühles Taschentuch auf die Beule gelegt.

Kurze Zeit später erschien die Klassenlehrerin, die sich ungläubig die Geschichte von Tims Sturz anhörte. Sie ließ ihn ins Lehrerzimmer bringen und sorgte dafür, dass seine Eltern ihn abholen kamen. Dann begann sie mit dem Unterricht.

Kein Schüler war an diesem Vormittag so richtig bei der Sache und die Lehrer waren offensichtlich erstaunt, dass solch ein relativ harmloser Unfall die Schüler so erschüttern konnte. Nun, sie waren in der Tat geschockt, aber ganz anders, als die Lehrer ahnten. Verstohlen musterten sie Lavinia und tuschelten die ganze Zeit, sodass sie mehrfach zur Ruhe ermahnt werden mussten.

Am meisten zeigte sich Lavinia von all den Geschehnissen betroffen. Sie hielt den Kopf gesenkt und wagte niemanden anzusehen. Nur mit Mühe konnte sie die Tränen zurückhalten. Was hatte sie nur getan? Wie hatte sie sich so brutal verhalten können? Sie war sich plötzlich sicher, dass sie eine Gefahr für die Menschheit war. Wie ein Tier hatte sie reagiert, ohne Gnade hatte sie Tim angegriffen und keinerlei Mitleid dabei empfunden. Und der Schlag in Tims Gesicht, den Paul verhindert hatte, hätte ihr gutgetan! Es war nicht zu fassen. War sie vielleicht wahnsinnig geworden?

Sie konnte weder dem Unterricht folgen noch einen klaren Gedanken fassen. Wie Nadelstiche spürte sie die neugierigen und ängstlichen Blicke der anderen.

Nach der Schule wollte sie nur so schnell wie möglich verschwinden. Irgendwie musste sie Paul entwischen. Auch er hatte sie dauernd im Auge behalten, wie sie bei ihren heimlichen Blicken zu ihm festgestellt hatte. Sie wusste, dass er viel stärker war als sie, sie hatte es am eigenen Leib erfahren. Allerdings hatte er sie noch nie verprügelt. Seine Schikanen waren immer anderer Art gewesen. Verbale Angriffe, Sarkasmus, Ironie und alles, was sie bei den Mitschülern in ein schlechtes Licht setzte, das war bisher seine Spezialität gewesen. Heute würde sich das Blatt wohl wenden und darauf wollte Lavinia es auf keinen Fall ankommen lassen.

Als der Gong die letzte Stunde beendete, stürzten gleich mehrere Mitschüler aus dem Klassenzimmer. Alle hatten es heute eilig, der Schule zu entkommen. Der schnelle Weg durch die Tür war ihr also versperrt. Glücklicherweise lag Lavinias Klasse im Erdgeschoss und wegen der hohen Temperaturen waren zwei Fenster geöffnet. Obwohl es streng verboten war, konnte sie die Klasse durch eines der Fenster verlassen, ohne von der Lehrerin bemerkt zu werden. Damit hatte sie einen guten Vorsprung vor Paul, der noch im Raum gewesen war. So schnell sie konnte, rannte sie über den Schulhof auf die Schar der Jungen und Mädchen zu, die die Schule verließen. Erst einmal ins Gewühl, dachte sie, und dann schnell nach Hause.

Bevor sie diesen Plan richtig verinnerlicht hatte, hörte sie hinter sich Pauls Stimme:

„Lavinia, verdammt! Warte!“

Du hast sie wohl nicht alle! Ich bin doch nicht lebensmüde, dachte sie und fragte sich flüchtig, wie er so schnell sein konnte.

Flink bog sie in eine Nebenstraße ein. Hier gab es zum Glück einen Seiteneingang in ein Kaufhaus.

Hier, dachte Lavinia, wird Paul mich nicht so rasch finden.

Nachdem sie eine gute halbe Stunde von einer Etage in die nächste gegangen war, immer ängstlich um sich blickend, ob er ihr vielleicht doch gefolgt war, beschloss sie, das Kaufhaus wieder zu verlassen. Sie entschied sich für den Haupteingang und spähte vorsichtig in alle Richtungen. Dann atmete sie erleichtert auf. Von Paul keine Spur. Furchtsam und immer auf der Hut wählte sie weiterhin mehrere Umwege auf ihrem Heimweg. Gerade als sie in eine Seitenstraße einbiegen wollte, sah sie Paul und blieb vor Schreck wie erstarrt stehen. Bevor sie sich wieder bewegen und verstecken konnte, hatte er sie schon entdeckt.

„Lavinia, so warte doch“, schrie er. Fast hörte es sich verzweifelt an, aber sie wusste genau, dass er Tims „Unfall“ rächen wollte.

Wieso hat er mich schon wieder gefunden, fragte sie sich niedergeschlagen? Doch trotz dieser Verzweiflung spürte Lavinia plötzlich wieder unbändigen Zorn in sich aufsteigen. Sie fürchtete sich vor Paul, aber noch viel mehr fürchtete sie sich davor, diese unerklärlichen Aggressionen wie schon heute Morgen bei Tim nicht mehr beherrschen zu können.

Mit großer Schnelligkeit und Ausdauer, über die Lavinia sich selbst wunderte, begann sie zu laufen. Es gab nur eine Richtung, in die sie fliehen konnte: Die Straße führte sie geradezu in die Felder und an den Weiher! Sie rannte wie um ihr Leben und hoffte, es würde ihr irgendwie gelingen, sich in den Feldern, hinter Sträuchern oder in dem angrenzenden Wäldchen zu verstecken. Doch nirgends sah sie eine Möglichkeit, die sicher genug gewesen wäre. Als sie den Weiher fast erreicht hatte, musste sie stehen bleiben, weil sie völlig erschöpft war. Sie hatte keine Kraft mehr, einen Schritt weiterzugehen. Die Wut war wie weggeblasen und ihre Angst wuchs ins Unermessliche. Sie wollte dem Weiher nicht näher kommen, denn ihr morgendliches Erlebnis war ihr noch zu gut im Gedächtnis. Doch was würde passieren, wenn Paul sie hier auf diesem einsamen Feldweg zu fassen bekäme? Sie versteckte sich hinter einem Gebüsch und beobachtete ängstlich den Weg. Weit und breit war niemand zu sehen. Sie wartete noch einige Minuten. Nichts geschah. Ich habe es geschafft, frohlockte sie in Gedanken.

Doch als sie das Gebüsch verlassen wollte, packte sie jemand von hinten, schleuderte sie auf den Boden, warf sich auf sie und presste ihr mit der Hand den Mund zu. Es war Paul!

„Jetzt hör mir zu“, forderte er sie auf.

Doch Lavinia dachte nicht daran. Sie versuchte, in Pauls Hand zu beißen, strampelte, drehte und wendete sich wie eine Schlange. Immerzu war sie darauf gefasst, dass er sie gleich schlagen würde. Aber Paul verprügelte sie nicht, hielt sie nur mit festem Griff am Boden und wartete einfach, bis sie nach einer Weile erschöpft aufgab.

Resigniert blieb sie reglos liegen. Sie hatte einen Punkt erreicht, wo es ihr egal war, was er mit ihr machte. Sie konnte nicht mehr! Paul lockerte vorsichtig den Griff.

„O. k.“, zischte er, „Verhalt’ dich ruhig und ich lasse dich los. Ich will nur, dass du mir zuhörst. Verstanden?“ Lavinia reagierte nicht. „Ich werde jetzt meine Hand von deinem Mund nehmen. Du kannst ruhig schreien“, fügte er hinzu, „hier hört dich eh keiner, klar?“

Obwohl sie immer noch keine Reaktion zeigte, nahm er seine Hand von ihrem Mund.

Lavinia schrie nicht, sie blieb wie erstarrt liegen.

„Ich werde dich jetzt loslassen“, fuhr Paul fort. „Wenn du wegläufst, fange ich dich wieder ein. Wie du bemerkt hast, ist das ein Leichtes für mich.“

Lavinia blieb stumm und sah blicklos in den Himmel, dennoch ließ Paul sie los. Er setzte sich neben sie ins Gras und blickte auf sie herab. Eine ganze Weile saß er dort, ohne ein Wort zu sagen. Schließlich sah Lavinia ihn an, blickte ihm das erste Mal, seit sie ihn kannte, direkt in die Augen. Langsam setzte sie sich auf und wandte den Blick wieder ab. Apathisch starrte sie auf den Boden.

„Also“, begann Paul und kratzte sich dabei verlegen an der Stirn. „Was ich dir jetzt sage, wird schwer zu verstehen sein. Ich weiß, dass es viel verlangt ist, aber du wirst mir vertrauen müssen.“

Jetzt kam wieder Leben in Lavinia: „Warum sollte ich das wohl tun?“, giftete sie ihn an.

Paul nickte: „Ich kann dich verstehen. Wir waren bisher keine Freunde.“

„Wir waren bisher keine Freunde!“, äffte sie ihn nach. „Wenn es das nur wäre.“ Gereizt riss sie ein Büschel Gras aus und zerrupfte es. „Wir sind Feinde! Ich hasse dich! Du bist der Letzte auf dieser Welt, dem ich vertrauen würde!“

„Schon gut, schon gut“, versuchte Paul erneut, sie zu beruhigen, „reg´ dich nicht wieder auf. Ich weiß, du kannst es dir nicht vorstellen, aber ich bin nicht dein Feind, bin es nie gewesen.“

„Pfft”, gab Lavinia als Erwiderung einen undefinierbaren Laut von sich.

„Es fällt mir schwer, anzufangen“, fuhr Paul unbeirrt fort. „Ich wusste seit vielen Jahren, dass dieser Tag kommen würde. Hunderte Male habe ich mir überlegt, wie ich dir all diese Dinge sagen soll. Jetzt ist es so weit und die Situation ist so viel schwieriger und zerfahrener, als ich geglaubt habe.“ Er machte eine Pause und blickte sie an. „Fangen wir mal so an. Du liest doch gerne Fantasybücher aller Art, moderne Märchen und so etwas. Hast du dich nie gefragt, wie es kommt, dass bestimmte Themen immer wieder auftauchen? Menschen, die zaubern können? Andere Völker wie Zwerge und Elben? Menschen oder andere Wesen, die besondere Gaben haben?“

„Pass auf“, unterbrach Lavinia, die keinen Sinn in diesem blödsinnigen Gerede entdecken konnte, ihn unwirsch. „Ich gebe dir ein paar Münzen und du quatschst besser die nächste Parkuhr voll.“

Als sie versuchte, aufzustehen, hielt Paul sie energisch fest. „Tut mir leid, Lavinia. Ich kann dich nicht gehen lassen, du musst dir mein Gerede schon anhören. Es geht hier nämlich um dich!“

„Um mich! Da bin ich aber neugierig!“ Lavinia lachte böse, aber da sie merkte, dass sie noch immer nicht die Kraft hatte, ihm zu entkommen, setzte sie sich wieder hin. Sie konnte es aber nicht lassen, Paul zu provozieren: „Also gut, Quatschkopf. Dann stell dir einfach vor, ich bin dein Psychiater bei deiner täglichen Sitzung.“ Paul ging nicht auf ihren sarkastischen Ton ein und antwortete ernst: „Glaub mir, Lavinia, es wäre viel einfacher, wenn ich nur ein durchgeknallter Mitschüler wäre.“

Er machte eine Pause und starrte vor sich hin, bevor er weitersprach: „Also fahren wir fort. Du hast es also immer so hingenommen, dass bestimmte Themen immer wieder auftreten. Nun, gewisse Dinge sind aber kein Zufall. Hast du dich vielleicht einmal gefragt, wie es mir gelingen konnte, an zwei unterschiedlichen Schulen fast die ganze Klasse gegen dich aufzubringen? Vielleicht war es ja nur Zufall und ich bin eben ein fieser Typ. Aber das ist nicht die Wahrheit.“ Wieder schwieg er eine Weile, um dann fortzufahren:

„Doch dazu komme ich später. Also bleiben wir erst einmal bei deinen Büchern. Elben sind merkwürdige Wesen, den Menschen sehr ähnlich. Warum sollte man so ein Volk erfinden? Vielleicht einfach, weil sie immer besser als die Menschen geschildert werden, schöner, edler? Oder nehmen wir die Welt von Harry Potter. Da gibt es mitten in einer Weltstadt wie London eine Stadt, die kein Mensch entdecken und betreten kann, mit Ausnahme jener, die magische Kräfte haben. Und wie kommt man dahin? Du weißt es – man muss ein unsichtbares Tor passieren. Dann ist man in einer anderen Welt, in einer Parallelwelt sozusagen.“

Lavinia schnaubte verächtlich. Dieses Gerede ging ihr zunehmend auf die Nerven. „Komm zur Sache, Blödmann, was soll das alles mit mir zu tun haben? Willst du mir als Nächstes erzählen, dass du Supermann bist? Bei deinem Charakter doch wohl eher Lord Voldemort. – Oh, entschuldige“, säuselte sie sarkastisch, „wahrscheinlich darf ich deinen richtigen Namen ja gar nicht aussprechen.“

Paul rieb sich müde die Augen, er sah tatsächlich verzweifelt aus. „Gut, versuchen wir es anders. Ist dir nicht aufgefallen, dass du dich in den letzten Monaten sehr verändert hast? Sind nicht Gefühle und Gedanken in dir hochgekommen, die du zuvor nicht hattest? Entweder waren es sehr schöne oder sehr schlimme Gefühle. Und wie ich beobachtet habe, trifft wohl eher Letzteres zu.“

Lavinia wurde plötzlich ganz blass. Aller Spott war verflogen. Wie konnte er das nur wissen? Dennoch sagte sie spöttisch: „Schöner Schuss ins Blaue, aber leider daneben.“

Paul fuhr fort: „Ich merke schon, bei dir läuft es wohl nur auf die harte Tour. Also, ich weiß von deinen Anfällen! Wie oft hattest du sie schon? Zwei, dreimal – zehnmal? Ich habe es leider zu spät bemerkt. Und deshalb bleibt uns jetzt kaum noch Zeit, du musst sofort mit mir kommen.“

Lavinia verstand gar nichts, aber sie war jetzt zutiefst erschüttert. Dass Paul sie so gut kannte, machte sie fassungslos. Sie fühlte sich hilflos und ihm ausgeliefert. Plötzlich spürte sie wieder die rasende Wut in sich aufsteigen. Paul bemerkte diese Veränderung.

„Lavinia, ich merke, was mit dir passiert, und je öfter es passiert, desto weniger kannst du es steuern. Du wirst dich und andere gefährden. Versuche, es zu unterdrücken. Denk an etwas Schönes, an etwas, das dich beruhigt.“ Tief in ihrem Inneren spürte Lavinia, dass Paul zumindest in diesem Punkt recht hatte. Sie versuchte, an etwas Schönes zu denken. Und plötzlich sah sie Tim vor sich, wie sie ihm in den Magen boxte. Ja, das waren schöne Bilder! Doch sah sie nicht mehr Tims, sondern Pauls Gesicht. Diese Gedanken waren sogar noch schöner! Paul schien die Veränderung, die in Lavinia vor sich ging, genau mitzubekommen.