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Scarlet Wilson

Du bringst das Glück zurück

IMPRESSUM

JULIA EXTRA erscheint in der Harlequin Enterprises GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: 040/60 09 09-361
Fax: 040/60 09 09-469
E-Mail: info@cora.de

© 2011 by Scarlet Wilson
Originaltitel: „The Boy Who Made them Love Again“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
in der Reihe: MEDICAL ROMANCE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA EXTRA
Band 380 - 2014 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg
Übersetzung: Beatrice Norden

Abbildungen: Sunny studio-Igor Yaruta / Shutterstock, satori13 / Thinkstock, alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 04/2014 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733706333

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Hätte Abby Tyler gewusst, wie der Tag enden würde, dann wäre sie am Morgen gar nicht erst aufgestanden.

Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und dehnte ihren schmerzenden Rücken. Dann tat sie etwas, was sie noch nie gemacht hatte: Sie legte die Füße auf den Schreibtisch. Pelican Cove war so ruhig wie nie. In der letzten Stunde hatte sie keinen einzigen Patienten behandelt.

Sie trank einen Schluck vom schwarzen starken Kaffee und knabberte an einem Keks. Dann seufzte sie tief und schloss die Augen. Die Pause konnte sie gut gebrauchen. Reuben war mitten in der Nacht aufgewacht und in ihr Bett gekommen, um ihr eine Geschichte zu erzählen. Offenbar war sie mit einem Kind gesegnet, das nicht viel Schlaf brauchte. Durch die halb geschlossenen Lider betrachtete sie das Treiben in der Notaufnahme. Sie waren ein prächtiges Team, das in jeder Lage hervorragend zusammenhielt.

Abby liebte dieses kleine örtliche Krankenhaus. In San Francisco war es ihr zu hektisch gewesen. Hier in Pelican Cove arbeitete sie als Kinderärztin und leitete zugleich die Ambulanz. Das war aufregend genug.

Das Geräusch quietschender Bremsen vor der Tür ließ Abby aus ihrer Ruhe aufschrecken. Sekunden später waren schwere Schritte vor der Tür zu hören. Dann blickte die ganze Mannschaft gebannt auf einen sonnengebräunten Mann im dunklen Anzug, mit weißblondem Haar und strahlend blauen Augen.

Abby musste zweimal hinsehen. „Luke Storm“, stellte sie dann fest. „Ich wusste, dass du eines Tages wieder vor meiner Tür stehen würdest. Irgendwie war es unausweichlich.“ Sie musterte seine athletische Gestalt. „Was kann ich für dich tun?“

„Zuerst könntest du mal die Füße vom Schreibtisch nehmen.“

„Wie bitte?“

„Ich nehme an, du arbeitest hier?“

Abby deutete auf ihr Namensschild an der Wand. „Das nehme ich auch an“, erwiderte sie ruhig.

„Welche Möglichkeiten habt ihr hier für Frühchen?“

Jetzt hatte er ihre volle Aufmerksamkeit. „Wie bitte?“ Sie nahm die Füße vom Tisch und stand auf. „Wovon redest du überhaupt?“

„Ich habe keine Zeit für Diskussionen, Abby. Ich muss wissen, ob ihr hier für eine Frühgeburt gerüstet seid. Ich muss es sofort wissen.“

Abby sah ungläubig zu, wie ihre kleine, ruhige Notfallambulanz schlagartig ins Chaos geschleudert wurde. Ein halbes Dutzend Männer in dunklen Anzügen mit offensichtlichen Ausbeulungen in den Jacketts kamen hereingestürmt. Sie besetzten sofort alle Ausgänge und murmelten dabei in versteckte Mikrofone an ihren Revers. „Was zum Teufel …?“

Luke griff nach ihrem Arm. „Welche Möglichkeiten habt ihr hier, Abby?“

Abby befreite sich aus seinem Griff. „Dies ist ein kleines Akutkrankenhaus, Luke. Wir werden hier notfalls mit Frühgeburten fertig, aber wir haben nur einen Inkubator für die Frühchen. Sobald wir sie stabilisiert haben, bringen wir sie gewöhnlich nach San Francisco ins Kinderkrankenhaus.“

„Habt ihr einen Kinderarzt?“

Luke musste völlig durcheinander sein. An der steilen Falte auf seiner Stirn konnte Abby erkennen, dass ihm anscheinend hundert Dinge gleichzeitig durch den Kopf gingen. „Ich bin hier die Kinderärztin, Luke.“

„Du bist die Kinderärztin?“ Sie konnte förmlich sehen, wie in seinem Kopf die Puzzleteile an ihren Platz fielen. „Ja, natürlich! Dann bist du es, die ich brauche.“ Er zog sie mit sich zur Tür, und für einen Moment sah sie das Feuer in seinen Augen, das sie so gut kannte. „Hast du vielleicht auch noch eine Hebamme für mich?“

„Die habe ich.“ Abby blieb abrupt stehen. „Aber ich werde sie nicht anrufen, bevor du mir nicht erklärt hast, was hier vor sich geht. Ich nehme an, du hast eine Patientin für mich.“

„Genau genommen habe ich sogar zwei. Aber um den zweiten kann ich mich selbst kümmern.“

„Was soll das heißen?“ Die Situation wurde immer bizarrer.

„Er ist ein Herzpatient. Wohin bringt ihr eure Herzinfarkte?“

„Stopp, Luke!“ Sie trat dicht vor ihn. Der Duft seiner Haut rief alte Erinnerungen wach. Aber etwas war anders. Ein neuer Geruch, ein neues Aftershave. „Hol mal tief Luft und erzähl mir, was los ist!“

Sie hörte ihn aufseufzen, bevor er zu einem der dunkel gekleideten Männer hinübersah. Erst als der mit einem leichten Kopfnicken seine Zustimmung gab, antwortete er. „Du wirst gleich dem Baby der First Lady auf die Welt helfen.“

„Wie bitte?“ Abby wurde rot. „Du nimmst mich auf den Arm, oder? Irgendwo habt ihr eine versteckte Kamera.“

Luke blieb stocksteif stehen. Er konnte selbst nicht glauben, dass ihn das Schicksal ausgerechnet in die Notaufnahme geführt hatte, in der Abby Tyler Dienst hatte.

Abby stemmte die Hände in die Hüften. „Luke, was im Himmel hätte die First Lady im Mendocino Valley zu suchen? Heißt es nicht, man habe ihr Bettruhe im Weißen Haus verordnet?“

Luke nickte. „Das lässt man die Welt glauben. In Wahrheit würde sich Jennifer Taylor niemals mit Bettruhe im Weißen Haus abfinden. Deshalb ist sie hier.“

Abby schüttelte den Kopf. Sie konnte nicht entscheiden, was ihr unglaublicher erschien … dass die First Lady sich im Mendocino Valley aufhielt oder dass Luke Storm in ihr Leben zurückgekehrt war. Bevor sie noch lange darüber nachdenken konnte, gewann ihre professionelle Einstellung die Oberhand. „Wie weit ist sie? Dreißigste Woche? Zweiunddreißigste?“ Abby versuchte, sich daran zu erinnern, was in der Zeitung gestanden hatte.

„In der zweiunddreißigsten.“

„Wo hat sie denn gesteckt, und warum weiß niemand etwas davon?“

Luke lächelte kurz. „Sie hat sich in einer der Villen hier aufgehalten.“ Er nannte den Namen eines berühmten Rockstars, der ein Haus in der Gegend besaß. „Anscheinend ist er gut mit dem Präsidentenpaar befreundet und hat ihnen das Haus angeboten. Seine Angestellten sind sehr loyal und haben nichts nach außen dringen lassen.“

„Aber wie ist sie hierhergekommen?“ Sie überschlug kurz die Entfernung zwischen dem Mendocino Valley und Washington. „Wer um Gottes willen hat denn eine Frau in ihrem Zustand fliegen lassen?“

Luke lachte auf. „Du bist Jennifer Taylor nie begegnet, stimmt’s? Sei gewappnet! Sie ist natürlich nicht in der Touristenklasse geflogen und hatte außerdem ihren eigenen Gynäkologen dabei.“

Abby sah ihn erstaunt an. „Und wo steckt der jetzt?“

„Er ist der Herzinfarkt, den ich gleich behandeln muss.“

Abby schüttelte ungläubig den Kopf.

Luke betrachtete sie einen Moment. Sie trug jetzt die Haare kurz. Der Schnitt betonte ihre hohen Wangenknochen. Das stand ihr gut. Sie schien noch immer den gleichen erdbeerfarbenen Lippenstift zu benutzen wie damals. Der Anblick ließ ihn an die unzähligen süßen Küsse denken. Und selbst in dem formlosen grünen Krankenhauskittel zeichnete sich ihre perfekte Figur ab. Trotz der momentanen Aufregung ergriffen ihn Gefühle, die einzig Abby in ihm hatte wecken können. Es fühlte sich an, als sei er nach Hause gekommen.

Sein Blick fiel auf ihre Hände. Wann hatte er sie das letzte Mal gehalten? War es in der Nacht gewesen, als sie mit ihm Schluss gemacht hatte? Als sie gesagt hatte, dass sie ihren Traum von einer Familie nicht aufgeben wolle? War das wirklich schon fünf Jahre her?

„Luke?“

Ihre Stimme riss ihn aus seinen Erinnerungen. Er fuhr herum und zog Abby mit sich zur Tür. Auf dem Flur griff er nach einer fahrbaren Krankentrage. „Komm mit, Abby!“

Die Belegschaft der Notaufnahme hatte die Szene wortlos staunend verfolgt. Bevor Abby hinausrannte, drehte sie sich noch einmal um und rief: „Nancy, bereite bitte alles für eine Frühgeburt vor.“

Dann folgte sie Luke hinaus zur Auffahrt. Dort standen sechs Männer in dunklen Anzügen strategisch positioniert um einen schwarzen Wagen und scannten die Umgebung mit aufmerksamen Blicken in alle Richtungen. In der Ferne war das typische Geräusch eines Hubschraubers zu hören. Einer der Männer trat einen Schritt vor und fragte schroff: „Wer ist das?“

„Unsere Rettung.“ Abby fing Lukes Blick auf, und ihr Herz drohte einen Schlag auszusetzen. Fünf Jahre waren vergangen, und nichts hatte sich geändert.

Die Wagentür stand offen, und Luke bedeutete ihr mit einer Geste hineinzuschauen. „Ihr wollt mich doch nicht etwa auf so ein Ding legen?“, schallte ihr laut entgegen.

Abby beugte sich in den Wagen hinein. „Hallo, ich bin Abby Tyler, eine der Ärztinnen in Pelikan Cove“, stellte sie sich freundlich lächelnd vor. Der gewaltige Innenraum des Wagens hätte sie fast zum Lachen gebracht. Ihr ganzer Mini Cooper würde in den Fußraum vor den Rücksitzen passen. Sie schlüpfte in den Wagen und ließ sich auf den cremefarbenen Sitzen nieder.

Jennifer Taylor war der Liebling der Nation. Als ihr Mann Präsident wurde, hatte sie sich geweigert, ihre Arbeit als erfolgreiche Anwältin aufzugeben. Unermüdlich setzte sie sich für Menschenrechte ein und scheute sich auch nicht, sich mit den Mächtigen der Welt anzulegen. Außerdem war sie seit fünfzig Jahren die erste First Lady, die während der Amtszeit ihres Mannes ein Kind bekam.

Mit einem Blick erfasste Abby die Lage. Vor ihr saß schwer atmend die gewöhnlich makellos gestylte First Lady in einem grauen Jogginganzug, das braune Haar zu einem schlichten Pferdeschwanz zurückgebunden. Die Medien würden sich überschlagen, wenn sie sie so sehen könnten. Abby bemerkte die Sorgenfalten im Gesicht der Frau und die Müdigkeit in ihren Augen. „Ich glaube, die Trage ist für den anderen.“ Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf den grauhaarigen Mann, dem Luke gerade vom vorderen Beifahrersitz half.

„Soll ich Ihnen einen Rollstuhl besorgen, oder möchten Sie lieber selbst hineingehen?“

Jennifer warf ihr einen entschlossenen Blick zu. „Ich gehe zu Fuß.“

„Okay, lassen Sie mich Ihnen helfen.“ Abby stieg aus und wartete, bis Jennifer die Beine aus dem Wagen geschwungen hatte. Dann half sie ihr auf die Füße, legte ihr den Arm um die Taille und führte sie durch ein Spalier schwarz gekleideter Leibwächter ins Haus.

Nancy empfing sie an der Tür und deutete auf einen nahe gelegenen Nebenraum. „Ich habe dort alles vorbereitet“, erklärte sie.

Abby hörte Luke einen lauten Warnruf ausstoßen, als er mit der fahrbaren Trage an ihnen vorbei zum Schockraum eilte. Erleichtert bemerkte sie, dass ihm eine ihrer Krankenschwestern unaufgefordert folgte.

Sie half Jennifer auf das Bett und bemerkte amüsiert, wie Nancy resolut den Bodyguards den Zutritt verwehrte. „Sie warten draußen, Gentlemen“, befahl sie und schloss energisch die Tür.

Abby begann, die Monitore anzuschließen. „Also, Ms Taylor, was ist heute passiert?“

Jennifer bewegte sich unbehaglich auf dem Bett. „Bitte nennen Sie mich Jennifer. Ich hasse Förmlichkeiten. Gestern Abend bekam ich Rückenschmerzen, und heute Morgen beim Frühstück spürte ich es plötzlich feucht an meinem Bein herunterrinnen.“

„Sie glauben, Ihre Fruchtblase ist geplatzt?“

„Das nehme ich an. Dr. Blair wollte mich untersuchen, aber dann bekam er diese Schmerzen in der Brust.“ Tränen traten ihr in die Augen. „Es war alles ganz anders geplant. Ich wollte nur noch ein paar Tage hierbleiben und dann mein Kind in Washington zur Welt bringen.“ Sie lehnte sich in die Kissen zurück. „Charlie wird sich solche Sorgen machen!“

Abby musste lächeln, als sie den Kosenamen des mächtigsten Mannes von Amerika hörte. „Hat denn schon jemand Ihren Mann informiert, dass Sie hier sind?“

Jennifer nickte. „Ja, natürlich.“

Abby warf einen Blick auf die Messungen, die Nancy inzwischen von der Herzfrequenz des Ungeborenen und dem Blutdruck der First Lady gemacht hatte. Alles schien in Ordnung zu sein.

„Machen Sie sich keine Sorgen, Jennifer. Wir kümmern uns um Sie. Ich schaue gleich nach, ob die Fruchtblase wirklich schon geplatzt ist. Hatten Sie noch weitere Wehen?“

„Nein, nur so ein Ziehen im Rücken. Das ist immer noch da.“

Als die Tür zum Flur sich öffnete, baute sich Nancy blitzschnell davor auf. „Was wollen Sie?“, fragte sie barsch.

„Ich möchte nur Ms Taylors Unterlagen hereinreichen. Dr. Storm sagte, Sie würden sie brauchen.“ Ein Arm erschien in dem schmalen Türspalt, den Nancy gestattete, und schob einen dicken braunen Umschlag hindurch. Hastig griff die Schwester danach und schlug dann die Tür wieder zu.

Jennifer hatte das kleine Schauspiel amüsiert verfolgt. „Armer Luke“, murmelte sie nun. „Ich dachte, er würde durch die Decke gehen, als er begriff, dass er sich jetzt auch noch um eine Schwangere kümmern muss. Aber als Dr. Blair seine Brustschmerzen bekam, fiel mir niemand Besseres ein, an den ich mich hätte wenden können.“

Abby sah sie verständnislos an. „Woher kennen Sie Luke?“

„Er ist der Kardiologe meines Mannes.“

„Der Präsident hat einen eigenen Kardiologen?“

„Mein Mann hat für alles einen Arzt. Ob er ihn braucht oder nicht.“ Jennifer lachte kurz auf.

Nachdenklich betrachtete Abby die Frau vor sich. Sie mochte die First Lady sein, aber jetzt war sie vor allem eine Frau, die ihr erstes Kind bekommen sollte. Bestimmt machte sie sich genauso große Sorgen wie jede andere werdende Mutter auf der Welt. Sie hatte Angst um ihr Kind, und doch hatte sie zuerst einen Arzt für den Mann mit den Brustschmerzen herbeigerufen. Eine bemerkenswerte Frau!

Abby zog die Unterlagen aus dem Umschlag. „Ich muss die eben durchsehen und unseren Geburtshelfer anrufen.“ Sie wandte sich zur Tür. „Nancy wird bei Ihnen bleiben. Ich bin gleich zurück.“

Sie ging hinaus und sah sich unversehens einer Armee schwarz gekleideter Männer gegenüber. Es schienen von Minute zu Minute mehr zu werden. „Darf ich?“, sagte sie und schlüpfte zwischen ihnen hindurch zum nächstgelegenen Schreibtisch. Sie beugte sich vor, um nach dem Telefon zu greifen, als plötzlich eine große, sonnengebräunte Hand den Hörer aufnahm.

„He!“, wollte sie protestieren, doch Lukes Lächeln war betörend. Genauso hatte sie ihn in Erinnerung.

„Tut mir leid, Abby, ich bin zuerst dran. Ich muss Dr. Blair in eure Kardiologie bringen. Er hatte eindeutig einen kleinen Infarkt.“ Er wedelte mit dem EKG-Ausdruck. Dann erstarrte sein Lächeln plötzlich. „Ihr habt doch eine Herzabteilung, oder?“

Abby nickte. „Wähl einfach null drei zwei und sag auf der Station, worum es geht. Ich besorge dir noch einen unserer Ärzte zum Assistieren.“

„Wird es Probleme mit eurem Kardiologen geben?“

„Auf keinen Fall. Sie ist in der achtunddreißigsten Woche schwanger und hat einen anstrengenden Tag hinter sich.“

Während Luke telefonierte, schaute Abby Jennifers Unterlagen durch. Alles war sorgfältig dokumentiert. Dr. Blair schien ein gewissenhafter Arzt zu sein … schließlich ging es ja um den Nachwuchs des Präsidenten.

Sobald Luke sein Gespräch beendet hatte, griff Abby nach dem Hörer. Ihre Hände berührten sich, und ein Gefühl durchzuckte sie, das sie fast schon vergessen hatte. Wie ein Wirbelsturm brachen Erinnerungen über sie herein. Lange gemeinsam verbrachte Nachmittage … Momente, in denen sie beide gleichzeitig dasselbe sagen wollten … lange heiße Nächte … In diesem Moment fühlte sie sich wieder wie mit vierundzwanzig. Sie standen auf einem Hügel in Washington, und er versprach ihr, für immer bei ihr zu bleiben. Doch schon nach wenigen Wochen war dieses Versprechen auf demselben Hügel gebrochen worden. Es hatte sie in einen tiefen Abgrund gestürzt. Inzwischen war viel Zeit vergangen, Zeit, die auch in Lukes Gesicht Spuren hinterlassen hatte.

„Hallo? Wer ist denn da?“ Abby schrak aus ihren Gedanken auf und blickte verwirrt auf den Hörer in ihrer Hand. Sie hatte die Nummer automatisch gewählt, ohne sich dessen bewusst zu sein. „Hallo, David, hier ist Abby Tyler. Ich habe hier einen Verdacht auf Frühgeburt. Können Sie vorbeikommen und mir helfen?“

Sie spürte Lukes eindringlichen Blick auf sich und verstand, dass sie nicht verraten sollte, wer die Patientin war. „Zehn Minuten wäre großartig. Vielen Dank, David.“ Sie legte wieder auf. „Das ist unser ambulanter Geburtshelfer. Er wird gleich hier sein.“

Luke lehnte sich an die Wand zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Er sah Abby argwöhnisch an. „Wieso habe ich das Gefühl, dass du mir nicht alles sagst?“

Sie schüttelte den Kopf und lächelte verschmitzt. „Du wirst schon sehen.“

Lukes Miene verdüsterte sich. „Mach keine Scherze, Abby. Ist er wirklich Geburtshelfer?“

„Ja, natürlich.“

Eine der Krankenschwestern trat herbei und zupfte an Lukes Ärmel. „Dr. Storm?“

„Der bin ich“, erklärte er.

„In wenigen Minuten wird alles für Sie vorbereitet sein. Ich hole jetzt den Patienten.“ Sie deutete mit einem Kopfnicken zu Abby. „Dr. Tyler wird Ihnen sagen, wo Sie uns finden.“ Damit wandte sie sich ab.

Abby hatte verfolgt, wie einer der Bodyguards in das Mikrofon an seinem Jackett sprach. Gleichzeitig drückte er sich einen Finger ans Ohr, als lausche er auf eine Antwort. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder Luke zu. „Wir haben allerdings noch ein Problem.“

„Wie meinst du das?“ Er konnte nicht noch mehr Probleme gebrauchen.

„Ich bin Kinderärztin, behandle Kinder.“ Sie machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. „Ich kann auch Babys behandeln. Aber ich habe keinerlei Erfahrung mit Frühchen.“

Luke runzelte die Stirn. „Ich habe dich noch nie vor einer Herausforderung davonlaufen sehen.“

„Mit einem normalen Notfall würde ich wahrscheinlich irgendwie zurechtkommen. Aber für größere Komplikationen sind wie hier nicht eingerichtet. Schließlich geht es um das Baby des Präsidenten.“

„Das weiß ich.“ Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Was machst du überhaupt hier? Ausgerechnet in einem Kaff wie Pelican Cove?“

„Was soll das denn heißen?“, erwiderte Abby aufgebracht.

„Als ich dich das letzte Mal sah, hatte man dir gerade einen Traumjob in San Francisco angeboten. Fünf Jahre später finde ich dich hier in einem Dorfkrankenhaus im Nirgendwo. Was ist passiert, Abby?“

Sorgfältig schob Abby die Unterlagen von Jennifer Taylor in den Umschlag zurück. „Das zeigt deutlich, wie wenig du mich gekannt hast, Luke. Es war vielleicht ein Traumjob, aber es war nicht mein Traum. Und was passiert ist? Du bist passiert, Luke. Du hast mich über mein Leben nachdenken lassen. Es hat sich damals zwar nicht so angefühlt, aber wahrscheinlich hast du mir sogar einen Gefallen getan. Mir gefällt es in Pelican Cove. Hier gehöre ich hin.“

Luke schaute sie zweifelnd an. Der Abby Tyler von damals hatte die Welt zu Füßen gelegen. Sie war ehrgeizig gewesen und hatte aus den Jobangeboten renommierter Universitätskliniken wählen können. Irgendetwas stimmte nicht. Was machte sie hier in dieser Einöde?

2. KAPITEL

Am Ende der eingehenden Untersuchung machte Abby ein besorgtes Gesicht. „Ja, die Fruchtblase ist tatsächlich geplatzt.“

Jennifer Taylor stieß hörbar den Atem aus. „Das ist zu früh. Und was jetzt?“

Während Abby die Latexhandschuhe auszog, überlegte sie, was sie antworten sollte. „Das kann Ihnen besser Dr. Fairgreaves sagen, der Gynäkologe, der gleich kommt.“

Jennifer runzelte die Stirn. „Reden Sie offen mit mir, Abby. Wird es Probleme für das Kind geben?“

Abby schüttelte den Kopf. „Darüber sprechen wir mit Dr. Fairgreaves. Ich möchte seine Meinung hören, bevor wir voreilige Schlüsse ziehen. Auf jeden Fall verordne ich Ihnen ab sofort strikte Bettruhe.“ Sie zögerte, bevor sie fortfuhr. „Vielleicht wäre es sogar ratsam, Sie in ein Krankenhaus zu bringen, das besser auf Frühgeburten eingerichtet ist.“

„Und wo würde das sein?“, wollte sie wissen.

„Das nächstgelegene ist das Kinderkrankenhaus in San Francisco. Dort gibt es eine spezielle Intensivstation für Frühgeburten.“

„Nein!“

Abby sah erstaunt auf. Die Antwort war klar und entschieden gewesen.

Jennifer verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich bleibe hier.“