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Alles Gute kommt von oben

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Neugierig schnupperte Hugo an einem dichten Grasbüschel. Die langen Halme ragten neben einem dicken, grüngrauen Pflock aus der feuchten Erde. Er sah aus wie ein Baumstamm, der statt einer Rinde Eidechsenschuppen hatte. Ein unangenehmer Geruch nach Plastik und frischer Farbe stieg Hugo in die Nase. Bevor er weiterlief, wollte er sich wenigstens erleichtern. Außerdem musste ein richtiger Hund immer das Revier markieren. Der Nächste, der an dieser Stelle vorbeikam, sollte schließlich erfahren, dass er schon hier gewesen war. Der kleine Vierbeiner hob seinen rechten Hinterlauf und legte los.

In dem Moment hörte er ein metallisch quietschendes Geräusch. Es kam direkt von oben. Erschrocken riss Hugo seinen Kopf hoch. Voller Entsetzen starrte er in ein weit geöffnetes Maul mit riesigen, spitzen Zähnen. Zwei leuchtende, orangefarbene Augen funkelten ihn bedrohlich an.

Nur auf drei Beinen stehend, verlor Hugo vor Schreck den Halt und kippte zur Seite um. Weil er sein Geschäft noch nicht beendet hatte, pinkelte er in hohem Bogen in die Luft. Wie eine Giftschlange schoss das schreckliche Maul auf ihn zu. Dabei gab das Ungetüm ein ohrenbetäubendes Brüllen von sich. Hugo stockte der Atem. Kurz bevor die spitzen Zähne den verängstigten Hund erreichten, traf Hugos Pinkelstrahl direkt ins linke Nasenloch der Bestie. Erst zischte es. Dann kam ein wenig Rauch aus der Nase. Das Brüllen hatte aufgehört.

So schnell er konnte, rappelte Hugo sich auf. Er wollte nur noch weg. Vor lauter Aufregung hatte er völlig vergessen, aus welcher Richtung er gekommen war. Mit einem Satz war er auf einem schmalen Kiesweg. Das eine Ende des Weges führte in ein kleines Waldstück. Eine Gruppe grölender Kinder stürmte von dort auf ihn zu. Hugo entschied sich für die andere Seite. Mit wehenden Ohren raste er los. Nach wenigen Metern bog der Weg scharf nach links ab. Ohne abzubremsen, lief Hugo weiter. Nur mit Mühe konnte er verhindern, aus der engen Kurve zu fliegen. Hinter ihm stoben Kieselsteine durch die Luft.

Völlig aus der Puste kam er nach ein paar Minuten zu einer großen Wiese. Der Kiesweg führte hier mitten durch eine Herde Mammuts, die in der Nachmittagssonne graste. Mit ihrem zotteligen Fell und den riesigen Stoßzähnen wirkten sie um einiges friedlicher als das Ungetüm von vorhin. Außerdem machten sie keine Anstalten, sich zu bewegen.

Etwas unsicher passierte Hugo den ersten der Urzeitelefanten. Dabei ließ er das ungewöhnliche Tier nicht aus den Augen. Nichts geschah. Weiter vorne stand ein besonders großes Exemplar auf dem Weg. Wenn man an ihm vorbeiwollte, musste man zwischen seinen Beinen unter dem zotteligen Bauch durchlaufen. So mutig war Hugo dann doch nicht. Wenn er nach links auswich, würde er den Stoßzähnen zu nahe kommen. Also tapste er rechts herum.

Gerade als er am Hinterteil entlanglief, hörte er über sich ein leises Surren. Er guckte nach oben. Langsam hob sich der Schwanz des Mammuts. Bevor Hugo reagieren konnte, wurde er von einem gewaltigen braunen Haufen begraben. Schnell merkte er, dass er keine Chance hatte, da alleine wieder herauszukommen.

Bronto-World

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»Das kann doch wohl nicht wahr sein«, rief Theo Feldmann. An seinem hochroten Kopf konnte man sehen, dass er stinksauer war. »Erst ist Hugo weg und dann auch noch Ida. Das ist jetzt schon das dritte Mal in dieser Woche.«

»Hugo ist gar nicht abgehauen in den letzten Tagen«, fiel ihm Merlin ins Wort.

»Ich meine ja auch deine kleine Schwester«, erklärte sein Vater.

»Jetzt quatscht nicht so lange«, drängte Merlins Mutter. »Wir müssen Ida finden, und zwar schnell. So weit kann sie ja noch nicht gekommen sein.«

Die Feldmanns wollten schon lange mal die neueste Freizeitattraktion Hommelsdorfs besuchen. Denn Bronto-World machte seinem Namen alle Ehre. In dem riesigen Dinosaurier-Park gab es nicht nur die verschiedensten Fahrgeschäfte und Buden, sondern auch zahlreiche Exemplare der gigantischen Urzeitbewohner in Lebensgröße.

Der heutige Samstag war der ideale Tag für diesen Familienausflug. Die Sonne schien vom Himmel und sorgte dafür, dass man trotz der späten Jahreszeit keine dicke Jacke brauchte.

Gleich nach dem Frühstück war Familie Feldmann mit Hugo aufgebrochen. Nach zwei wilden Fahrten in der Velociraptor-Bahn und einer Stunde an der Diplodocus-Rutsche hatten sie es sich im »Stegosaurus« gemütlich gemacht. Das Café mit den witzigen Dino-Stühlen und den Flugsaurier-Sonnenschirmen lag direkt am Eingang zum Park.

»Eine Sekunde hab ich nicht aufgepasst.« Besorgt suchte Merlins Mutter mit ihren Augen die Umgebung ab. Nirgendwo war eine Spur ihrer Tochter zu sehen.

»Keine Angst.« Merlin schob sich den letzten Löffel von seinem Rieseneisbecher »Jurassic Park« in den Mund. »Weit können sie nicht sein.«

Merlins Vater legte das Geld für die Rechnung auf den Tisch. »Ich checke den Parkplatz. Doris, du gehst noch mal zu den Rutschen, und Merlin, du guckst beim Popcornstand.« Mit dem Finger deutete er in die verschiedenen Richtungen. Dann lief er los. »Wir treffen uns in zehn Minuten wieder hier.«

Merlin versuchte sich genau zu erinnern, welchen Weg sie vorhin genommen hatten.›Bestimmt hat Ida irgendwas gesehen, das ihr gefallen hat‹, überlegte er. ›Und dahin wollte sie zurück.‹ Um Hugo machte er sich keine Sorgen. Wahrscheinlich hatte er irgendwo etwas Essbares entdeckt. Er würde sie bestimmt wiederfinden. Bei Ida war Merlin da nicht so sicher.

Vom Café aus ging er an ein paar bunten Souvenirständen vorbei. Hier wurden unzählige Andenken angeboten, die den Besuchern ermöglichen sollten, ein Stück Bronto-World mit nach Hause zu nehmen. Dino-Schlüsselanhänger, Dino-Luftballons, Dino-Stofftiere, Dino-Tassen und sogar einen Bronto-World-Dino-Duft. Das unvergleichliche Parfum aus der Urzeit stand auf den Glasflakons in Dinosaurier-Form. Der süßliche Geruch des Duftwässerchens stieg Merlin in die Nase. Angewidert hielt er die Luft an.

›Da nimmt ja sogar ein Säbelzahntiger Reißaus‹, dachte er. An der Bude mit den ferngesteuerten Dinosaurier-Modellen blieb Merlin stehen. ›Von denen war Ida ganz begeistert‹, fiel ihm ein. Um einen Blick hinter den Tresen werfen zu können, musste er sich auf die Zehenspitzen stellen.

»Na, Kleiner. Lust auf einen coolen Flugsaurier?« Neben ihm tauchte der Verkäufer auf. Er war ein älterer Herr mit einer runden Brille und einem kleinen Ziegenbärtchen. Freundlich lächelnd präsentierte er ein ganz besonderes Modell.

»Das ist der Handysaurus 3000. Den kannst du mit deinem Smartphone steuern! Fliegt locker 20 Meter hoch.«

Zur Demonstration warf er den orangefarbenen Dino in seiner Hand hoch, schnappte sein Mobiltelefon und drückte hektisch auf ein paar Tasten. Kurz bevor der Handysaurus auf den Boden knallte, nahm er gerade noch rechtzeitig Fahrt auf und stieg in die Luft. Schnell hatte er seine maximale Höhe erreicht.

Triumphierend strahlte der begabte Pilot. »Siehst du«, rief er. »So einfach geht das.« Doch in der nächsten Sekunde verging ihm das Lachen wieder.

Handysaurus 3000

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Völlig außer Kontrolle vollführte der Handysaurus ein paar wilde Schrauben. Dann kippte er wie ein Kunstflieger zur Seite und ging in den Sturzflug über.

»Achtung!«, schrie der Verkäufer. Panisch hechtete er unter einen Tisch, der aussah wie ein riesiges Vogelnest mit überdimensionalen Dino-Eiern. Der wild gewordene Flugsaurier raste direkt auf sie zu. Mit einem Satz sprang Merlin neben die Bude. So eng wie möglich drückte er sich gegen die Bretterwand. Vorsichtig lugte er um die Ecke.

In einer langen Linkskurve schoss der Handysaurus knapp über den Köpfen eines Pärchens vorbei. Die junge Dame kreischte auf und die beiden warfen sich auf den Boden. Wie wild schlug der Mann unter dem Vogelnest auf die Tastatur seines Telefons ein. Aber sein Verkaufsschlager ließ sich einfach nicht mehr steuern. Der Einzige, der den wilden Flug beenden konnte, war ein Ballonverkäufer. Wenn auch unfreiwillig. Es hörte sich an wie ein Feuerwerk, als der Handysaurus in die Traube der bunten Heliumballons einschlug. Als Erstes traf er einen gefährlich aussehenden Tyrannosaurus Rex.

Peng, Peng, Peng-peng-peng – das Fluggerät brachte insgesamt 14 der Ballons in Dino-Form zur Strecke. Anschließend gab es den Geist auf und stürzte ab.

Merlin beugte sich unter das Vogelnest. »Vielen Dank«, sagte er höflich. »Aber ich hab’s mir anders überlegt.« So musste er wenigstens nicht erklären, dass er gar kein eigenes Smartphone hatte.

Jemand tippte ihm auf die Schulter. »Den schenk ich dir.« Es war der Ballonverkäufer. »Heute ist wohl nicht mein Tag.«

Er drückte Merlin eine dünne Schnur in die Hand. An deren Ende schwebte der einzige Ballon, der die Flugsaurier-Attacke unbeschadet überstanden hatte. Es war ein pinkfarbenes Dino-Baby mit einem riesigen Schnuller im Mund.

»Äh, d… d… danke«, stotterte Merlin. Dass der Ballon alles andere als sein Geschmack war und eher was für Mädchen, behielt er für sich. Dann fiel ihm wieder ein, warum er überhaupt hier war.

»Entschuldigung. Haben Sie vielleicht ein kleines Mädchen gesehen? Ungefähr so groß?« Dabei hielt er seine ausgestreckte Hand an die Hüfte. »Ihr Kleid hat genau die Farbe.« Er zeigte auf den Heliumballon über ihm.

Ida hatte sich an diesem Morgen ihre Klamotten selbst ausgesucht. Sie trug ihr knalligstes Sommerkleid, dazu dicke Winterfäustlinge und Merlins alte Fußballshorts. Natürlich waren die viel zu groß und rutschten alle zwei Schritte bis in die Kniekehlen. Merlins Mutter hatte noch versucht, ihre Tochter davon zu überzeugen, die Handschuhe und die Shorts wegzulassen. Aber Ida hatte sich kreischend durchsetzen können.

»Ich glaub, die war vorhin bei den Neandertalern«, überlegte der Ballonverkäufer. »Hat immer ›Gugo Gugo‹ oder so was gebrabbelt.«

Merlins Miene hellte sich auf. »Das muss sie gewesen sein«, sagte er und bedankte sich. So schnell er konnte, bahnte er sich den Weg durch die vielen Besucher, die das Geräusch der platzenden Ballons angelockt hatte.

Der Freizeitpark stellte in mehreren beeindruckenden Schaubildern die Entstehungsgeschichte der Erde bis zur Steinzeit dar. Die Neandertaler hockten keine 200 Meter weiter in einer kleinen Felshöhle an einem künstlichen Lagerfeuer. Um ihre Körper waren dicke Felllappen gebunden. Bei ihren wilden Haaren wäre jeder Friseur in Ohnmacht gefallen. Vor der Höhle stand eine große Tafel. Daran knotete Merlin den pinkfarbenen Ballon fest. Vielleicht würde sich ja irgendein Kind darüber freuen.

»Willkommen im Neandertal. Hier sehen Sie den Homo neanderthalensis«, las Merlin die Aufschrift auf der Tafel. »Ausgestorben vor etwa 30.000 Jahren.« Er sah sich die Urzeitmenschen genauer an. Sie hatten große Knubbelnasen und tief liegende dunkle Augen, die ihn grimmig anguckten. Der größte von ihnen hatte lange Haare am Rücken und auf den Schultern.

»Iiih!« Angewidert verzog Merlin das Gesicht. Dann entdeckte er etwas Rotes. Es lag hinter einer Neandertalerin in der Höhle. Bei genauerem Hinsehen erkannte er, was es war. Idas Fäustlinge!

Nandatala

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Seine Schwester musste also hier gewesen sein. Merlin blickte sich um. Im Moment war er allein. Also schlüpfte er unter dem Band, das das Neandertaler-Schaubild von den Besuchern abgrenzte, durch. Die Höhle war etwas erhöht auf ein Podest gebaut. Mit großen Schritten nahm Merlin die zwei Stufen nach oben. Ein paar orange beleuchtete, wie echtes Holz wirkende Plastikstücke dienten als Feuer. Zögernd stieg er über zwei stark behaarte nackte Beine.

»Ganz ruhig, Jungs«, flüsterte er. »Ich bin gleich wieder weg.« Obwohl er genau wusste, dass die Neandertaler nur gut gemachte Wachsfiguren waren, fand er sie ganz schön unheimlich.

»Guck mal, Mama. Affen!«, ertönte eine quäkige Stimme.

›Mist!‹ Um nicht gesehen zu werden, hechtete Merlin hinter die um das Feuer sitzenden Vorfahren der Menschen. Im Sprung griff er nach Idas Fäustlingen. So flach wie möglich drückte er sich auf den unebenen Höhlenboden.