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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Vorwort
“Oft suche ich die Wege, die ich gegangen bin, die alten Wanderwege, die Straßen und die Stege, und gehe sie noch einmal in meinem Sinn.”
FRITZ GRASSHOFF
Dieses Buch soll Sie einladen,
Wege Ihres Lebens zu betrachten und zu bedenken.
 
Denn seine Wege zu bedenken ist gut nicht nur für den Einzelnen. Im Buch Deuteronomium lesen wir das als eine Mahnung an das ganze Volk Israel: “Gedenke des ganzen Weges, den dich der Herr, dein Gott geleitet hat.”
 
Ich selbst blicke zurück auf einen Weg, der mich mit 21 Jahren ins Kloster geführt hat, um den Weg zu gehen, den die Regel des heiligen Benedikt aus dem
6. Jahrhundert entwirft. Sie gab mir die tröstliche Gewissheit, dass schon viele Menschen diesen Weg gegangen sind. In jedem Jahrhundert ein wenig anders, in jedem Kloster ein wenig anders und ein jeder Einzelne ein wenig anders.
 
Ich habe eigentlich nie bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben, auch wenn ich oft nicht recht sah, wie dieser Weg in den Erschütterungen des 20. und den Ungewissheiten des 21. Jahrhunderts weitergehen soll.
 
Es ist gut zu wissen, dass man nicht allein ist, dass man nicht allein den Weg geht. Es ist ebenso notwendig zu wissen, dass keiner den Weg eines anderen nachahmen kann, dass jeder seinen eigenen Wege finden muss.
Aber hilfreich ist es, aus den Wegen zu lernen, die andere gegangen sind, und die Zuversicht zu haben, dass kein Weg in den Abgrund führen muss.
 
Dankbar bin ich allen, die meinen Weg begleitet haben, auch wenn ich immer wieder einen Weg ganz für mich allein suchen muss.
 
Albrecht Goes, ein evangelischer Dichter und Theologe des 20. Jahrhunderts, beginnt ein Gedicht mit dem schlichten Vers:
 
“Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt, klein wird dein letzter sein. Den ersten gehen Vater und Mutter mit, den letzten gehst du allein.”
 
Das ist für mich tröstlich:
Auch große Wege beginnen und enden mit kleinen Schritten. Wir dürfen immer wieder gemeinsame Wege gehen. Wo sich Wege trennen, wo wir ganz allein einen Weg weitergehen müssen, dürfen wir daran glauben: All die vielen Wege, die Menschen gehen, führen auch wieder zusammen, haben ein gemeinsames Ziel. So lautet die letzte Strophe des Gedichts:
“Geh kühnen Schritt, tu tapfren Tritt.
Groß ist die Welt und dein.
Wir werden, mein Kind, nach dem letzten Schritt
wieder beisammen sein.”
 
Der deutsche Papst, der am 19. April 2005 den Namen Benedikt XVI. annahm, hat seinen letzten Vortrag als Kardinal Ratzinger außerhalb Roms in Subiaco gehalten, wo der heilige Benedikt sein klösterliches Leben begann. Am Ende dieses Vortrags sagte er:
 
“Wir brauchen Menschen, die den Blick geradewegs auf Gott richten und von dort her das wahre Wesen des Menschen begreifen. Wir brauchen Menschen wie Benedikt von Nursia.” Er gibt in seiner Regel “Weisungen, die auch uns den Weg zeigen, der nach oben führt, heraus aus der Krise und aus den Trümmern”.
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1
Die Landkarte der Seele

DAS FERNROHR

Als Kind habe ich immer geglaubt, dass da, wo mein Blick endet und sich Himmel und Erde berühren, die Welt aufhört. Doch als ich dem Horizont entgegengelaufen bin, habe ich gemerkt, es geht da immer weiter und weiter.
 
Es gehört zur Natur des Menschen, immer weiterzugehen und die Grenzen der Erfahrung und des Wissens zu verschieben.
 
Sosehr wir den Baum bewundern, weil er fest verwurzelt ist und unverrückbar steht, so können wir doch nur leben, indem wir uns bewegen.
Wir dringen in unbekanntes Terrain vor und ergehen uns einen Ort nach dem anderen.
 
Selbst als der Mensch die Erde noch nicht verlassen konnte, hat er sich in Gedanken ausgemalt, was es hinter dem Sichtbaren, jenseits der Milchstraße, noch zu entdecken gibt. Erfindungen wie das Fernrohr sind ein Sinnbild für die Sehnsucht des Menschen, Unbekanntes zu erkunden und in Vertrautes zu verwandeln.

DER NAVIGATOR

Der Mensch ist ein Homo viator, einer der wandert, unterwegs ist, einen Weg geht.
 
Wer sich aber auf einen Weg zu einem Ziel macht, braucht Orientierung.
 
Die Alten hatten die Gestirne, den Sonnenstand, die Naturbeobachtung. Sie sahen, auf welcher Seite der Bäume das Moos wächst, und wussten, da ist Westen.
 
Die, die zum ersten Mal einen Weg gingen, haben Wegzeichen gesetzt, damit andere ihn auch finden konnten. Oder sie vertrauten auf Schilderungen von Reisenden, die den Weg in die Ferne, zu fremden Völkern und unbekannten Kontinenten, schon einmal gegangen waren.
Mit diesen Bildern im Kopf machten sie sich auf.
 
Später hat man die Welt vermessen und Landkarten erstellt. In der Bibliothek unseres Klosters steht ein schöner, alter Globus aus dem Jahr 1701. Dort ist Alaska und vieles andere noch nicht da. Aber das, was die Seefahrer von ihren Reisen schon kannten, wie die Küstenorte Afrikas, ist schon eingezeichnet.
Die technischen Mittel der Navigation sind immer vollkommener geworden. Heute ist die ganze Erde vermessen. Die letzten weißen Flecken sind verschwunden und nahezu für jeden Ort der Welt gibt es einen Reiseführer.
 
Aber wie sieht es mit unseren inneren Landschaften aus?
Hat der Mensch auch für seine Seele eine Landkarte, nach der er sich auf seinen inneren Wegen orientieren kann?
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2
Das Geheimnis des Glaubens
Ich habe mich verirrt, ich habe den Weg in meinem Leben verloren.
 
Ich merke, ich hatte einmal das Gespür, auf dem richtigen Weg zu sein, und habe es versäumt, Acht zu geben.
 
Ich habe mich ablenken lassen und bin einen anderen Weg gegangen.
 
Hätte mein Leben nicht einen anderen Verlauf genommen, wenn ich anders entschieden hätte?
 
Wäre ein anderer Weg nicht besser gewesen?
 
Wäre ich dann heute nicht viel glücklicher?
 
Aber ich kann in meinem Leben nicht wie bei einer Wanderung zurückgehen, um den Weg wieder zu finden, den ich einmal gehen wollte.
 
Zeit ist vergangen.
Ich habe mich für vieles entschieden, das ich heute anders machen würde. Ich bin unzufrieden.
 
Habe ich alles falsch gemacht?
Wie geht es jetzt weiter?

DAS NAVIGATIONSSYSTEM

In vielen modernen Autos gibt es ein Navigationssystem. Mich verwundert es immer wieder, wie eine Stimme den Weg durch den Dschungel einer fremden Großstadt exakt beschreiben kann. Der Fahrer gibt ein Ziel ein, und die Stimme sagt ganz genau, wo wir abbiegen müssen und wann wir dort ankommen.
 
Aber am meisten erstaunt mich, was passiert, wenn der Fahrer falsch gefahren ist. Er hat nicht aufgepasst oder meinte, es besser zu wissen.
 
Das Navigationssystem stellt sich sofort um und die Stimme bleibt freundlich. Sie schimpft nicht und trägt gar nichts nach. Sie sagt nur, da, wo du bist, von diesem Punkt aus, musst du jetzt diesen Weg nehmen.
 
So, denke ich, ist das ist auch in unserem Leben.
Zu dem, der glaubt, sagt Gott:
 
Jetzt geht es von diesem Punkt aus weiter.
Auch von hier aus kommst du noch ans Ziel.
Dein Weg geht weiter, so wie du jetzt bist. Das ist die unendliche Geduld Gottes.
Ich habe viele Abzweigungen in meinem Leben verpasst, weil ich daran vorbeigefahren bin.
 
Aber das eigentliche Ziel steht noch vor mir und von jedem Ort aus gibt es wieder einen Weg dorthin.