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Harald Tondern

Der Amsterdam-Trip

 

 

 

 

 

Harald Tondern gehört zu den Autoren, die mit Vorliebe Themen der Gegenwart aufgreifen und in Erzählungen umsetzen. Schon als Schüler veröffentlichte er erste Texte, während des Studiums schrieb er Kriminalromane. Harald Tondern lebt als freier Schriftsteller in Hamburg und Nordfriesland.

 

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Für Gisela und Ralf

 

 

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

 

 

 

1. Auflage

Originalausgabe April 2006

cbt/cbj Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Alle Rechte vorbehalten

 

ISBN 978-3-641-01391-2

 

Ecce homo

 

Ja, ich weiß, woher ich stamme!

Ungesättigt gleich der Flamme

Glühe und verzehr ich mich.

Licht wird alles, was ich fasse,

Kohle alles, was ich lasse:

Flamme bin ich sicherlich!

 

Friedrich Nietzsche, 1898

1

Warum musste ihre Mutter an diesem Morgen wieder diesen Umweg fahren? Warum setzte sie Helen nicht einfach ganz normal direkt vor der Schule ab? Dann wäre dies ein ganz normaler Dienstag geblieben. Dann wäre Helen wahrscheinlich nicht mitten in die Drogenszene hineingeschlittert. Aber wohl auch nicht ins Fernsehen.

Doch so ist ihre Mutter nun mal. Sie setzt einen meilenweit von der Schule entfernt auf der Hauptstraße ab. Direkt am Kiffer-Pfad.

Natürlich hatte ihre Mutter davon keine Ahnung. Für sie war das nur eine praktische Abkürzung. Und sie musste den anderen Müttern nicht begegnen, die ihre Töchter zur Schule fuhren. Sie ist keine dieser übereifrigen Hummeln, die ihre Kinder von Termin zu Termin kutschieren. Sie doch nicht.

Aber diesmal kriegte sie doch was mit. Vielleicht weil es so windig war. Oder weil sie vorgestern Abend bei dieser Podiumsdiskussion war... Eine Bö musste die Wolke direkt durch die weit geöffnete Tür ins Auto geweht haben.

Helen hatte überhaupt nichts mitbekommen. Sie angelte gerade ihren Rucksack vom Rücksitz. Aus den Augenwinkeln sah sie ihre Mutter alarmiert schnuppern.

Im selben Moment roch sie es auch. Eine volle Dröhnung. Ganz in der Nähe kiffte jemand.

Die Nasenflügel ihrer Mutter begannen, nervös zu zittern. »Sag mal, ist das nicht...?« Hörbar sog sie Luft ein. »Das ist doch...!«

Helen drehte schnell den Kopf und sah jemanden in einem endlos langen schwarzen Mantel am Auto vorbeischlendern. »Hi!«, sagte eine träge dunkle Stimme.

»Der ist doch nicht etwa aus deiner Klasse?« Echt peinlich! Helens Mutter beugte sich jetzt tief übers Lenkrad und kniff die Augen zusammen, als wolle sie das Kennzeichen des schwarzen Mantels ablesen.

»Mama! Das ist Jozz.«

»Und der kifft hier direkt vor der Schule?«

»Erstens, ich sehe hier keine Schule, und zweitens, er raucht einfach nur. Ist doch nicht verboten, oder? Jozz ist volljährig.«

»Jozz heißt er?«

Es klang, als mache sie innerlich eine Notiz. Zu Hause würde sie zum Telefon greifen und die Walter anrufen, die Schuldirektorin. »Mama! Guck mal auf die Uhr! Glaubst du, einer zieht sich morgens vor acht schon einen Joint rein? Jozz Steinmann bestimmt nicht. Der ist total geizig. Deshalb raucht er doch diese stinkigen Schmuggelzigaretten.«

»Schmuggelzigaretten?«

»Ja, polnische. Die kauft er auf dem Fischmarkt. Für nicht mal die Hälfte, glaub ich.« Sie war nicht sicher, ob ihre Mutter ihr das abnahm. Aber egal. Was ging sie das alles überhaupt an? »Ciao, Mama!«

Helen warf die Autotür zu, hängte sich den Rucksack über die Schulter und bog auf den Kiffer-Pfad ein.

Sie machte gewaltig Tempo. Sie hasste es, zu spät zu kommen. Der schmale, holperige Weg machte in dem verwilderten Gelände eine scharfe Krümmung. Die Haschwolke, die Jozz hinter sich herzog, wurde plötzlich sehr intensiv. Dann sah Helen eine Gruppe von Jungen und Mädchen, die auf einem umgestürzten Ahornbaum saßen und rauchten. Jozz stand noch. Irgendwie hob er sich von den anderen ab. Nicht nur wegen seiner Länge. Er war mindestens zwei Meter groß. Aber das war es nicht.

Was Jozz wirklich von den anderen unterschied, war der schwarze Mantel. Fast bodenlang war er und so gnadenlos schlicht, dass er sofort auffiel. Helen sah den Mantel heute das erste Mal an Jozz. Der war garantiert von Armani. Oder? Auf jeden Fall absolut unbezahlbar. Wo Jozz den wohl herhatte?

Helen hatte Fieber gehabt und war die letzten drei Tage nicht in der Schule gewesen. Zuerst war die Stimme weg und dann hatte sie es auf der Brust gehabt. Sie war immer noch nicht wieder voll da und die Lehrer merkten das wohl. Sie ließen Helen weitgehend in Ruhe an diesem Vormittag.

Bis zur sechsten Stunde. Da hatten sie Kunst.

»Also, Kinder«, sagte Frau Dr. Karst, kaum dass sie freundlich lächelnd hinter ihrem Tisch Platz genommen hatte. »Die Verteilung der Facharbeiten haben wir letzte Woche endlich abgeschlossen.«

Hinten in der letzten Tischreihe schoss der Finger von Katja hoch. »Frau Dr. Karst, könnte ich bitte noch in die Hundertwasser-Gruppe?«

»Wir sind voll!«, kam eine abwehrende Stimme von der Fensterseite.

Die Karst stöhnte in gespielter Verzweiflung. »Geht das schon wieder los? In welcher Gruppe bist du denn jetzt, Katja?«

»In gar keiner, Frau Dr. Karst.« Katja drehte ihren Prinzessinnen-Charme voll auf. »Ich war doch krank letzte Woche und Hundertwasser ist mein Lieblingsmaler. Vorletztes Jahr haben meine Eltern auf der Rückfahrt aus der Toskana extra einen Umweg gemacht, damit ich mir diese Häuser ansehen konnte, die er in Basel gebaut hat.«

»In Wien«, rief jemand.

Katja warf ihre langen blonden Haare nach hinten. »Klar, Wien«, verbesserte sie sich ungerührt. Solche Kleinigkeiten hatten sie noch nie gestört. »Wunderschön, diese Häuser, Frau Dr. Karst.«

Frau Karst überflog eine Liste in ihrem schwarzen Filofax. »Ja, stimmt, Katja, du warst nicht da. Aber da haben noch ein paar mehr gefehlt.«

Peer, ihr Tischnachbar, stieß Helen an. Sie saßen seit fast einem Jahr nebeneinander und hatten es die ganze Zeit geschafft, diesen Umstand hundertprozentig zu ignorieren.

»Du doch auch«, sagte Peer. Er hatte seinen eigenen Finger längst oben.

»Kann sein, dass ich auch nicht da war«, kam Jozz’ träge Stimme von ganz hinten. Helen drehte sich schnell um. Er hatte seinen schwarzen Mantel anbehalten.

»Das passt ja prima!« Die Karst machte sich Notizen in ihrem Filofax.

»Jozz, Katja, Peer und Helen, ihr seid die letzte Gruppe. Damit haben wir auch das siebte Thema besetzt.«

»Aber Frau Karst! Das geht nicht«, protestierte Lukas. »Katja hat doch schon massenhaft Material über Hundertwasser gesammelt. Stimmt doch, Katja?«

Was hatte sich denn da angebahnt, während Helen zu Hause das Bett gehütet hatte? Ein neuer Lover?

»Wie?« Die Prinzessin guckte irritiert. Dann nahm sie die Vorlage gekonnt auf. »Ach ja, genau. Massenhaft Material, Frau Karst. Deshalb will ich ja unbedingt in die...«

»Versteh ich ja, Katja.« Die Karst lächelte immer noch, aber ihr Ton duldete keinen Widerspruch. Katja sei nun mal für das siebte Thema eingeteilt und damit basta.

Katja versuchte es trotzdem. »Und mein Hundertwasser-Material?«

»Da du dich mit Lukas so gut verstehst«, sagte die Karst, »wirst du ja wohl kaum Probleme damit haben, ihm die Sachen zu leihen, während du dich mit dem Helldunkel bei Rembrandt beschäftigst.«

»Häh?«, machte Jozz. »Was ist denn das für ein Scheißthema?«

Die Karst schüttelte missbilligend den Kopf. »Bitte, Johannes!«

Doch Jozz war schon einen Schritt weiter. Ungläubig starrte er die Karst an. »Wie war das? Hab ich das richtig gehört? Haben Sie Rembrandt gesagt?«

Die Karst nickte.

»Hej!« Jozz stieß triumphierend die rechte Faust in die Luft. »Die hängen in Amsterdam! Die Bilder von dem, mein ich. Da fahren wir hin, Leute! Gleich nächstes Wochenende! «

Helen bekam im ersten Moment einen Schreck, als sie das hörte. Mit Jozz nach Amsterdam? Mit diesem Kiffer und Dealer?

Dann wurde ihr plötzlich klar, dass das genau das war, wonach sie seit Monaten suchte. Ihr Thema! Der Stoff für ihre erste große Reportage. Mit dem Schuldealer nach Amsterdam.

2

Amsterdam! Wie das schon klang! Nach Freiheit, Coffee-Shops, Purple Haze und Super Skunk!

Aber keine Chance.

Als Helen nach der Schule mit dem Bus nach Hause fuhr, suchte sie verzweifelt nach einer Strategie, wie sie ihre Eltern dazu bringen konnte, ihr den Trip nach Amsterdam trotzdem zu erlauben.

Sie war wütend auf Jozz. Musste der ihrer Mutter unbedingt heute seinen Morgenjoint vorführen? Ausgerechnet nach der Podiumsdiskussion vorgestern Abend. Helen hatte die Einladung dazu vorsichtshalber unterschlagen. Sie wusste, wie sehr sich ihre Mutter in solche Themen hineinsteigern konnte.

Aber ihre Mutter war in der Morgenpost auf den Veranstaltungshinweis gestoßen. Sie hatte ihn ausgeschnitten und Helen aufs Bett gelegt:

 

Gymnasium: Diskussion zu bekifften Kids Jungen und Mädchen, die schon bekifft zum Unterricht kommen? Leider ist das Realität in Hamburg. Das Friedrich-Bödecker-Gymnasium lädt zu einem Infoabend über das Thema ein. Auf dem Podium sitzen Experten von der Drogenambulanz, vom LKA und vom Suchtpräventionszentrum.

 

Natürlich sollte Helen mitgehen. Doch das Fieberthermometer hatte sie gerettet. »Würde dir aber gut tun«, hatte ihre Mutter geseufzt, bevor sie sich mit Jule, Helens kleiner Schwester, auf den Weg machte.

Jule hatte genervt die Augen verdreht, als sie lange nach elf von der Veranstaltung zurückkamen. »Ich schreib morgen in der Ersten eine Ex in Englisch.« Dann war sie schnell in ihrem Zimmer verschwunden.

Helens Mutter war in Erzähllaune gewesen. Sie hatte sich auf Helens Bett gesetzt und von Frau Walter geschwärmt, der neuen Direktorin am Bödecker. Sie war hoch beeindruckt von der Walter, die in ihrer mitreißenden rheinischen Art wohl wieder mal unterstrichen hatte, wie wichtig es sei, dass einer für den anderen Verantwortung übernehme. Also nicht weggucken, wie es die meisten Erwachsenen machten, wenn sie einem Schüler begegneten, der sich gerade einen Joint reinzog. Sondern deutlich Stellung beziehen.

Und heute Morgen hatte Helens Mutter gleich ihre große Chance bekommen. Kein Wunder, dass sie so heftig auf Jozz und seine Morgentüte angesprungen war. Inzwischen hatte sie wahrscheinlich längst mit der Walter telefoniert.

Und das war’s dann. Aus für Amsterdam!

Die Walter würde alle Register ziehen, um Jozz von der Schule zu feuern, und Helen würde bis zum Abi die sein, deren Mutter das alles losgetreten hatte. Kein Mensch würde noch mit ihr reden.

Im Rückspiegel des Busfahrers sah sie, wie sich ihr Gesicht zu einer ironischen Grimasse verzog. Sie hatte an den einzigen Vorteil gedacht, den diese ganze Scheiße hatte: Für den Rest ihrer Schulzeit würde sie immer einen Tisch für sich allein haben. Nicht mal Peer würde noch neben ihr sitzen wollen. Obwohl, sicher war sie da nicht. Vielleicht würde Peer gar nichts mitbekommen von ihrer Ächtung. Der hatte doch nur Filme im Kopf. Rannte jeden zweiten Tag ins Kino, wenn er irgendwie das Geld fürs Ticket auftreiben konnte.

Ihr Blick kehrte noch einmal zurück zum Spiegel. Nichts Besonderes, ihr Gesicht. Aber auch nicht wirklich mies. Ein bisschen durchschnittlich und harmlos vielleicht. Für Nordfriesland hatte das gereicht. Da war sie mit diesem Gesicht sogar zur Klassensprecherin gewählt worden, und es hatte immer mindestens einen Jungen gegeben, der mit ihr zusammen sein wollte.

Aber dann hatte ihr Vater eines Tages herausgefunden, dass die Baufirma, für die er arbeitete, bald Konkurs anmelden würde, und er hatte sich Hals über Kopf einen neuen Job suchen müssen. Sie waren aus der Kleinstadt nach Hamburg umgezogen. Helen hatte sich gefreut auf die Großstadt. Endlich würde was los sein in ihrem Leben. Doch dann hatte sie einfach die Kurve nicht gekriegt. Sie wusste selbst nicht, woran das lag. Vielleicht an den vielen Prinzessinnen am Bödecker. Einsachtzig große Blondinen mit einem blendend verdienenden Zahnarzt oder Steuerberater als Vater, der ihnen notfalls die Busenvergrößerung bezahlte.

Helen hatte sich eine ganze Weile gegen diese neue Rolle gewehrt. Sie hatte sich auffällig geschminkt und schrille Klamotten angezogen. Aber es war hoffnungslos. Sobald eine Prinzessin den Raum betrat, war Helen mit ihren 165 Zentimetern und ihrer zierlichen Figur abgemeldet. Kein Junge hatte mehr ein Auge für sie – und die Prinzessinnen und ihr Hofstaat sowieso nicht.

Mehrere Monate hatte sie daran zu knabbern gehabt, dass sie nur noch eine Randfigur war. Dann hatte sie rigoros einen Strich gezogen und sich eine ganz neue Strategie überlegt. Sollten die Prinzessinnen sich doch im Scheinwerferlicht sonnen. Sie, Helen, würde sich ganz auf die Arbeit konzentrieren.

Sie würde ihr Schreibtalent pflegen, würde sich von nun an mit der Rolle der Beobachterin begnügen. Die läppischen anderthalb Jahre bis zum Abi würde sie das schon durchhalten. Vor allem würde sie sich so glänzend auf ihren Traumberuf vorbereiten können: Reporterin. Am besten für die Printmedien. Beim Fernsehen müsste sie doch nur wieder mit den zahllosen Prinzessinnen um den Platz vor der Kamera kämpfen.

Die Facharbeit in Kunst kam genau richtig für sie. In Deutsch hatte sie sich längst auf 14 Punkte hochgearbeitet. Eine glatte Eins. Mit dieser Facharbeit in Kunst könnte sie sich gleich noch in einem zweiten Fach eine Eins sichern.

Aber noch besser war ihre eigene Idee. Eine Reportage über diesen Trip zu schreiben. Wenn sie die wirklich erstklassig hinbekam, und warum sollte sie das nicht, dann hatte sie was, womit sie sich für die Sommerferien als Praktikantin bei den Redaktionen bewerben konnte. Nicht bei irgendwelchen Blättern, oh nein, Helen dachte an den Stern oder an den Spiegel. Warum nicht?

Ein Supereinstieg in die Medien wäre das für sie geworden. Aber Jozz’ idiotischer Frühstücksjoint heute Morgen hatte das alles unmöglich gemacht. Denn wenn Helens Mutter inzwischen die Walter angerufen hatte, dann war’s das schon. Dann flog Jozz diese Woche noch von der Schule. Und der Trip nach Amsterdam? Aus der Traum.

Als Helen die Haustür aufschloss, sah sie als Erstes ihre Mutter mit dem Handy am Ohr.

Mist!

Dann sah sie das Lächeln auf dem Gesicht ihrer Mutter. Nein, mit der Direktorin redete sie garantiert nicht. »Danke, Isabelle. Ciao! Ich revanchier mich.«

Isabelle Gingko, ihre beste Freundin, war eigentlich Steuerberaterin, aber auf ihrer Visitenkarte stand: Gesellschaftsreporterin. Sie betreute die tägliche Klatschspalte einer großen Boulevardzeitung. Helens Mutter hatte Isabelle vor Urzeiten in einer Statistikvorlesung in Göttingen kennen gelernt.

Strahlend kam sie auf Helen zu.

»Dieser Name! Ich hab doch gleich gewusst, dass ich den kenne. Johannes Steinmann! Isabelle hat ein bisschen recherchiert für mich. Das ist der Sohn von diesem Hochhaus-Architekten.«

»Jozz? Seine Eltern sind geschieden.«

»Ja, weiß ich. Aber sein Vater ist Wladimir Steinmann, dieser Architekt, der all diese tollen Häuser baut! Überall auf der Welt. Toronto, Berlin, Singapur. Ich hab das gleich gesehen.«

Helen musste ein ziemlich verblüfftes Gesicht gemacht haben. »Dass sein Vater Architekt ist?« »Dieser Mantel.«

»Armani!«, sagte Helen schnell. Sie wollte endlich auch mal einen Punkt machen.

Aber ihre Mutter schüttelte sofort entschieden den Kopf. »Omen«, sagte sie.

Als sie merkte, dass Helen nicht kapierte, erinnerte sie ihre Tochter an den Laden am Gänsemarkt. Sie hatte Helen dort reingeschleift. Nur mal zum Gucken.

Und dann hatte sie ein halbes Dutzend Anzüge anprobiert. Megapeinlich war das gewesen. Die Verkäuferin war supernett, ehrlich. Trotzdem spürte man sofort, was sie dachte: Die kauft sowieso nichts.

All das ging Helen durch den Kopf. Dann wurde ihr ganz plötzlich klar, dass vielleicht doch noch nicht alles verloren war.

»Du, wir sollen in Kunst eine Gruppenarbeit über Rembrandt schreiben«, sagte sie schnell. »Jozz will, dass wir nächstes Wochenende alle zusammen nach Amsterdam fahren.«

»Jozz und du?«

»Und noch zwei andere. Katja und Peer. Du kennst sie nicht. Sie sind in meiner Gruppe. Wir wollen uns die Rembrandt-Gemälde im Amsterdamer Reichsmuseum anschauen.«

Ihre Mutter strahlte sie begeistert an.

»Das ist ja wunderbar. Was ihr heute so alles geboten bekommt! Kann ich nicht auch mitkommen?«

Als ob es den Joint heute Morgen nie gegeben hätte.

3

Natürlich war sie mal wieder viel zu weit vorgeprescht. Zum ersten Gruppentreffen, am Mittwoch nach der Sechsten, brachte Helen einen Reiseführer für Amsterdam, ein Buch über Rembrandt und einen alten Stadtplan mit, den sie bei ihrer Mutter im Bücherbord gefunden hatte. Ein neues Notizbuch hatte sie auch dabei. Ursprünglich hatte sie vorgehabt, gleich zwei anzulegen. Eins für die Rembrandt- Recherchen und eins für die Reportage. Aber sie durfte das Ganze nicht unnötig verkomplizieren. In der Rembrandt-Biografie hatte sie gestern Abend schon ein bisschen geschmökert. Sie hatte ein paar Stellen angestrichen, in denen es um das Hell und Dunkel in der Kunst des Malers ging. Bis dahin hatte sie keine Ahnung gehabt, was die Karst eigentlich mit dem Thema meinte. Sie war ja bei der großen Themenbesprechung in der Klasse nicht dabei gewesen.

Sie hatten sich im Forum verabredet, und Helen dachte, sie würden über ihr Thema reden, verschiedene Arbeitsaufträge verteilen und so weiter. Aber zuerst mal zogen sie auf die beiden Bänke hinter den Fahrradständern um.

»Wenn in Hamburg schon mal die Sonne scheint, muss man das ausnutzen«, sagte Jozz. Er holte eine Packung Zigaretten aus der Manteltasche. Das war es also. Er wollte rauchen. Lässig hielt er Peer die Packung hin, aber der schüttelte den Kopf.

Jozz zuckte die Achseln und wollte sich selbst bedienen. Helen übersah er einfach. Irgendwie ärgerte sie das.

»He!« Sie streckte die Hand nach der Packung aus. Sie wusste selbst nicht, warum sie das machte.

»Sorry!« Jozz hielt ihr die Packung hin. »Hab dich noch nie mit ’ner Zigarette gesehen.«

Helen musste hüsteln, als er ihr Feuer gab. Sie hatte wirklich noch nicht oft geraucht. Höchstens mal auf Partys, wenn sie Alkohol getrunken hatte. Sie wusste nicht, was passieren würde, wenn sie einen Lungenzug riskierte.

Jozz hatte sich auf seiner Bank zurückgelehnt, die Arme rechts und links auf der Rückenlehne, und hielt mit geschlossenen Augen sein Gesicht in die Sonne. Peer hatte sein Handy herausgeholt und las seine SMS.

Helen behielt die Zigarette ein paar Minuten in der Hand. Zwei- oder dreimal paffte sie. Dann bückte sie sich und trat diskret die Glut aus. Im selben Moment fiel ihr das Rauchverbot ein. Neuerdings durfte im Schulgebäude und auf dem Schulhof nicht mehr gequalmt werden. Nicht mal im Lehrerzimmer. Jetzt dachten die anderen wahrscheinlich, dass sie Schiss bekommen hatte. Dabei hatte sie einfach nicht daran gedacht. Warum auch? Sie war Nichtraucherin. Normalerweise jedenfalls.

Doch jetzt überlegte sie allen Ernstes, ob sie die Kippe nicht schnell wieder anzünden sollte. Aber sie hatte kein Feuer. Und fragen konnte sie ja wohl schlecht. Unauffällig warf sie die gerade mal halb gerauchte Zigarette in die Büsche.

Als sie sich umdrehte, sah sie Peer ins Gesicht. Sein Handy war auf sie gerichtet. Das konnte Zufall sein. Oder hatte er sie etwa fotografiert?

Peer senkte sofort den Blick. Demonstrativ klappte er sein Handy zu. Nichts gesehen, sollte das wohl heißen.

Irgendwie hatte sich Helen dieses Treffen anders vorgestellt. Sonnen konnte sie sich auch zu Hause auf ihrer Terrasse. Sie griff nach ihrem Rucksack und holte ihre Bücher heraus.

Peer hatte sein Handy wieder aufgeklappt und schaute sich was auf dem Display an. Er war Helen nie besonders aufgefallen. Er war einfach da, wenn er da war. Und wenn er nicht mehr da war, merkte man das gar nicht.

Er war vielleicht einen halben Kopf größer als Helen und neigte ein bisschen zu Übergewicht. Seine Haare waren schulterlang und hingen ihm ins Gesicht, als wolle er sich dahinter verstecken. Helen wusste so gut wie nichts über ihn. Nur dass er dauernd irgendwelche Kameras oder Foto-Handys zwischen den Fingern hatte und daran herumfummelte.

»Gut?«, fragte Peer. Er zeigte auf das Rembrandt- Taschenbuch.

»Bisschen langatmig«, sagte Helen. »Aber ich hab noch nicht viel gelesen. Nur die ersten paar Seiten.«

»Ich hab ein anderes. Wenn du deins durchhast, können wir ja vielleicht tauschen.«

»Klar.«

Peer linste nach dem anderen Buch. »Du hast den Baedeker genommen. War mir zu teuer.«

Er war also auch im Buchladen gewesen und hatte sich umgesehen. Aber anscheinend allein. Helen hatte ihre Mutter mitgeschleppt. Wenn es um Schule und Bildung ging, zahlte sie alles.

»Hier habt ihr euch versteckt!« Katja schoss empört hinter den Büschen hervor, die die Bänke zum Lehrerparkplatz hin abschirmten. Zwei Schritte hinter ihr tauchte noch jemand auf. Lukas.

»Was will der denn hier?« Jozz hatte die Augen geöffnet, blieb aber genauso sitzen wie vorher.

»Lukas?« Die Prinzessin vergaß ihren Ärger und schaltete auf Charme-Offensive. »Der ist ein echter Glücksfall für uns. Er ist ... «

»Rembrandt-Experte«, unterbrach Jozz sie.

Katja kam für einen Moment aus dem Tritt. »Wie? Ja, genau. Ist das nicht super? Und ich hab ihn überredet, dass er... «

»Nein!«, unterbrach Jozz sie wieder.

»Was nein?« Die Prinzessin wurde langsam ungehalten.

»Er kommt nicht mit«, sagte Jozz.

Katja ging zum Großangriff über. Ihre blauen Augen füllten sich mit Tränen. Gleichzeitig nahm sie die Schultern zurück und drückte ihren großen Busen heraus. »Aber er spart uns doch jede Menge Arbeit. Rembrandt ist sein Lieblingsmaler. Warum sollen wir das alles selbst recherchieren, wenn Lukas...?«

Jozz blieb völlig unbeeindruckt. »Darum geht’s doch gar nicht, Prinzessin.«

»Worum dann?«

»Mein Golf«, sagte Jozz. »Der hat schon einiges hinter sich. Der Motor schwächelt ein bisschen.« »Wie alt ist er denn?«, warf Peer ein.

Jozz gab bereitwillig Auskunft. Vor genau 21 Jahren sei der Wagen vom Fließband gerollt. Der Motor sei jünger. Den habe er vor einem halben Jahr beim Ausschlachter gekauft. Keiner habe ihm sagen können, wie alt der sei. Leider habe sich herausgestellt, dass er reichlich Öl brauche.

»Oh je«, seufzte Peer.

Vier Leute seien eigentlich schon zu viel für seine alte Kiste, sagte Jozz. Deshalb müssten sie unbedingt mit dem Gepäck aufpassen. Nur das Allernötigste sei erlaubt. Ein kleiner Rucksack oder eine Reisetasche.

»Wo schlafen wir überhaupt?«, wollte Peer wissen. Er kenne da jemanden, meinte Jozz. »Also Schlafsack?«

»Klar.«

»Ohne mich«, sagte Katja.

Zuerst glaubte Helen, das beziehe sich auf den Schlafsack. Vielleicht wollte sie ja lieber in einem der Jugendhotels schlafen, von denen Helen im Reiseführer gelesen hatte.

Aber Katja meinte es anders. Sie hatte schon wieder Tränen in den Augen.

Wenn Lukas nicht mitdürfe, komme sie auch nicht mit, erklärte sie und stürzte empört davon.