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Tarita Teriipaia

unter Mitarbeit von Lionel Duroy

 

 

Marlon –

meine Liebe, mein Leid

 

 

 

Aus dem Französischen

von Eliane Hagedorn und Bettina Runge

(Kollektiv Druck-Reif)

 

 

 

 

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

 

Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel
Marlon. Mon amour, ma déchirure
bei XO Éditions, Paris

 

 

Die Übersetzer und der Verlag haben davon Abstand genommen,
die tahitische Eigenheit der französischen Sprache
im Deutschen anzugleichen.

 

Deutsche Erstausgabe 09/2006
Copyright © XO Éditions 2005. All rights reserved.
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
 

ISBN 978 -3-641-01435-3

 

 

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

 

 

 

Für meine Kinder Teihotu, Maimiti, Raiatua.
Für meine Enkelkinder Tuki, Tarita-Tumi,
Manea Teihotu, Kaahia, Maui.

 

Und zum Gedenken an Cheyenne.

 

 

 

 

 

 

Zum Zeitpunkt von Marlon Brandos Tod arbeitete ich schon seit mehreren Monaten an diesem Buch. Er ist also noch am Leben, als ich die ersten Kapitel verfasse, und wir plaudern oft miteinander. Lese ich heute diese Seiten, habe ich das Gefühl, sein Blick würde auf mir ruhen. Ich möchte sie so belassen, wie sie geschrieben wurden – mit der Intensität, dem Zorn und der Zärtlichkeit unserer letzten gemeinsamen Augenblicke.

Marlon Brando? Ich wusste gar nicht, wer das war. Es hieß, das Hollywood-Studio Metro-Goldwyn-Mayer, kurz MGM, würde hier auf Tahiti einen großen Film drehen und dieser Mann sollte der Star sein. Angeblich sei er drüben in Amerika sehr bekannt, aber mir sagte sein Name nichts. Die Leute drängten sich, um einen Blick auf ihn zu erhaschen, und hielten die Zeitung mit seinem Foto in Händen. Ich dagegen empfand nichts Besonderes, als ich ihn das erste Mal aus der Nähe sah. Das war im Herbst 1960. Er trug eine englische Offiziersuniform, war umgeben von anderen Männern und schaute mir beim Tanzen zu.

Die Begegnung liegt so weit zurück, und doch ist es das erste Bild, das vor mir aufsteigt, als ich meine Erinnerungen für dieses Buch zusammentrage. Marlon am Strand, in seiner schönen Uniform der Bounty ... Und dazu mein Desinteresse!

Sein Anblick ließ mich damals völlig kalt; ich fand nicht, dass er sich merklich von den anderen Schauspielern unterschied, und, nebenbei bemerkt, gleich nach dem Tanz hatte ich sein Gesicht auch schon wieder vergessen.

Ich hingegen schien nachdrücklich Eindruck auf ihn gemacht zu haben, denn in den folgenden Monaten drängte er sich Schritt für Schritt in mein Leben. Er tat so, als würde er meine Ablehnung einfach nicht verstehen. Ich wollte nichts von diesem Mann, keine Aufmerksamkeiten und keine Zärtlichkeiten. Er war 36 Jahre alt, ich gerade mal 19, und alles an ihm machte mir Angst. Warum habe ich am Ende doch nachgegeben? Wohl weil ich ihn eines Tages mit anderen Augen betrachtet habe. Es war wie eine Erleuchtung. Eine Erleuchtung oder der Geist seiner verborgenen, geheimen Seele hatte mich berührt, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall gewann ich ihm gegenüber eine neue Einstellung, und von diesem Tag an habe ich ihn geliebt.

Doch von welcher Art Liebe träumte er? Warum hat er mich ausgewählt, mich so hartnäckig, so zornig gewollt, während ihm so viele andere Frauen zu Füßen lagen? Warum mich? 40 Jahre lang hat er mir verboten zu sagen »Ich liebe dich«.

»Ich habe noch nie akzeptiert, dass eine Frau mir diese drei Worte sagt. Nie! Ist das klar, Tarita? «

»Ich werde es nie wieder sagen, Marlon, ganz bestimmt nicht.« Bis zu seinem 79. Geburtstag habe ich gewartet, um mein Versprechen zu brechen. Es geschah bei meinem letzten Aufenthalt in seinem Haus in Los Angeles, aber auch nur, weil er damit angefangen hatte. Er sah mich plötzlich mit müden Augen an und ich hörte ihn flüstern: »Tarita, ich liebe dich immer noch. Ich habe auf dich gewartet, und jetzt bist du da.«

»Ich liebe dich auch noch immer«, habe ich ganz leise geantwortet. Und dieses eine Mal hat er nicht protestiert.

Doch welches Bild hatte er von der Liebe? Blicke ich auf unser Leben zurück, das von so viel Unglück, Zerrissenheit und Leid geprägt war, wünsche ich mir, dass er mir endlich seine Erwartungen und Hoffnungen mitteilt. Dann vielleicht würde auch ich mich ihm öffnen. Ich muss begreifen, wie das alles geschehen konnte, und vor allem warum. Warum bloß? Was haben wir dem Himmel angetan, mein Gott, um so viel Kummer ertragen zu müssen? Doch Marlon schweigt, und wenn er spürt, dass ich reden möchte und weinen könnte, fängt er plötzlich zu lachen an, gewaltig und sarkastisch, dass mir das Blut in den Adern gefriert.

Ich habe das Leben, das wir geführt haben, nicht verdient – den Tod unserer Tochter Cheyenne, nachdem ihr Verlobter gestorben war, die Verzweiflung unseres Sohnes Teihotu, das Entsetzen unserer Enkelkinder, diese unmögliche und immer wieder neu aufflammende Liebe zu Marlon zwischen Tahiti und Los Angeles. Nein, ich habe dieses Leben nicht verdient. Ich sehe meine Brüder und Schwestern, die alle verheiratet und glücklich sind, und denke an meine Eltern zurück, an unsere Sonntage in der Kirche, die einfachen Arbeiten im Haus, und dann wird mir klar, dass ich die Einzige in unserer ganzen Familie bin, die Leid und Unglück erfahren hat. All die Dramen! Warum?

»Ich werde ein Buch schreiben, um mein Leben zu verstehen«, sagte ich zu Marlon. »Keinesfalls will ich dir wehtun, aber ich muss es begreifen.«

Sofort hatte ich Angst, er würde lachen und sich wie gewöhnlich lustig über mich machen. Stattdessen aber entgegnete er:

»Gut, Tarita. Schreib dein Buch.«

Und einen Augenblick später fügte er hinzu:

»Wenn du willst, helfe ich dir dabei.«

Da war ich es, die lachen musste. Er sah mich überrascht an, und wir haben nicht mehr davon gesprochen.

Kapitel 1

Als wir klein waren, wurden wir nie gefragt, was wir später einmal werden wollten. Amerikanische und europäische Kinder fragt man nach ihren Berufswünschen, tahitische nicht. Bei uns ist klar, dass der Junge Fischer wird und das Mädchen im Haus bleibt, um »die Arbeit zu erledigen«, wie meine Mutter immer sagte. Die Frage stellt sich einfach nicht, da ohnehin jeder die Antwort kennt.

Ich bin am 30. Dezember 1941 auf der Insel Bora Bora als fünftes Kind einer Familie geboren worden, in der es einmal zwölf geben sollte. Meine Eltern dankten dem Herrn, dass er ihnen ein Mädchen geschenkt hatte, und der Herr hatte recht daran getan, weil nach mir nur noch Jungen kamen, meine kleinen Brüder.

Heute mit über 60 Jahren sind meine Eltern für mich noch immer ein Vorbild familiären Glücks, das ich nicht habe nachleben können. Papa kam von Bora Bora, Mama war Chinesin. Eine Tagesreise von Bora Bora entfernt, erblickte sie auf der Nachbarinsel Raiatea das Licht der Welt. Wie hatten sich die beiden kennen gelernt? Ich habe nie gewagt, sie danach zu fragen. ›Sei still, Tarita, es schickt sich nicht, einen Tahitianer zu fragen, wie er vorher gelebt hat‹, hätte meine Mutter in strengem Tonfall geantwortet, und ich hätte wahrscheinlich den Blick gesenkt. Bei uns dürfen Kinder nichts von der Geschichte ihrer Eltern, von ihrer Privatsphäre wissen. So haben auch die meinen ihr Geheimnis mit ins Grab genommen.

Aber ihre Liebe, ihre Freude zusammen zu sein, hat überlebt. Sie waren wie das Meer und der Fisch. Der Fisch ist sorglos und unbekümmert, solange die Wogen ihn umspülen, und erst wenn der Meeresspiegel absinkt, wird ihm plötzlich klar, wie unentbehrlich das Wasser für ihn ist. Das Meer weiß das seit jeher, und manchmal gibt es nur vor, sich zurückzuziehen und den Fisch im Trockenen zu lassen, in Wirklichkeit aber wacht es in jedem Augenblick über ihn, Tag und Nacht. Papa wäre ohne unsere Mutter verloren gewesen. Er interessierte sich nicht für Geschäfte, und wenn Mama nicht gewesen wäre, hätten wir Kinder unsere Zeit damit verbracht, ihm zuzusehen, wie er sein Netz in den grünen Wassern der Lagune auswarf, und darauf zu warten, bis er uns eine Mahlzeit fischte.

»Teihotu«, sagte sie, »du weißt nicht, wie man Geld verdient.«

Und mein Vater nickte. Er war zufrieden und stolz, dass seine Frau es wusste. Er selbst war nie zur Schule gegangen, konnte weder lesen noch schreiben und schon gar nicht rechnen.

Mama machte ihrer Herkunft als Chinesin alle Ehre. Sie hatte das Handeln in einem der drei Geschäfte erlernt, die ihr Vater auf Raiatea besaß. Und sie war verwandt mit dem Chinesen Achou, der den einzigen Laden auf Bora Bora betrieb. Ihm verkaufte sie all unsere Produkte – Vanille, Kaffee, Maniokpflanzen, Kopra, das getrocknete Mark der Kokosnuss –, und ein- oder zweimal im Jahr erwarb sie dort viele Meter Stoff, um uns Kleider zu nähen. Der Laden von Achou lag auf der anderen Seite des Gebirges, in Vaitape, dem Hauptort von Bora Bora. Hatten wir viel zu verkaufen, kam er die Ware abholen mit seinem Automobil, einem der wenigen Motorfahrzeuge der Insel, und das war jedes Mal ein Ereignis, das uns den Atem raubte.

Wir wohnten in Anau, das noch nicht mal ein Dorf war, nur ein dünn besiedelter Streifen Land zwischen dem Gebirge und der Lagune. Dort hatte mein Vater den Boden gerodet, um unser Haus am Ufer zwischen Palmen bauen zu können – ein erhöhter Fußboden und ein paar Baumstämme, um das Dach aus geflochtenen Kokosblättern zu stützen. Bei uns gibt es keine Zimmer, nur einen großen Raum, in dem alle gemeinsam schlafen. Dieses Haus existiert heute nicht mehr, doch ich sehe es noch deutlich vor mir. In ihm hat mich meine Mutter zur Welt gebracht, später wurden dort meine Brüder geboren. Gesehen habe ich es zwar nicht, aber gehört, denn der Brauch wollte es, dass die Kinder bei der Ankunft des neuen Babys nach draußen geschickt wurden.

In einer meiner frühsten Kindheitserinnerungen suche ich dieses Haus, das mir wie die räumliche Erweiterung von Mamas Bauch erscheint, mit den Augen am Horizont. Und da ich es nicht finden kann, ringsumher nichts wiedererkenne, mache ich mich ganz allein auf den Weg. Auch meine Eltern kann ich nirgends entdecken, dabei haben sie mich an diesen Ort gebracht. Ich muss wohl eingeschlafen sein, denn als ich die Augen aufschlug, waren sie verschwunden. Deutlich erinnere ich mich an diese Angst, dieses Schwindelgefühl, das mein Verlassensein in mir auslöst ... Weinend laufe ich allein den Weg entlang. Da tauchen amerikanische Offiziere auf. Sie sagen, ich sei die Tochter von Hira, und einer von ihnen setzt mich auf seine Schultern. Hira nennen sie meinen Vater. Sie müssen ihn gut kennen und auch mögen, denn einen Augenblick später höre ich das Lachen von Papa, die Rufe von Mama, und ich erkenne unsere Vanilleplantage wieder.

Wenn die Amerikaner noch auf Bora Bora stationiert sind, kann ich erst knapp vier Jahre alt sein. Im Sommer 1946 ziehen sie plötzlich wieder ab, mitsamt ihren Motorflugzeugen, Blechhütten, Zelten, Jeeps, Konservendosen, Lastwagen und Schiffen und lassen in den Herzen unserer Eltern unwirkliche Bilder von Überfluss und Wahnsinn zurück. Stimmt es, dass sie schließlich, wie man uns später erzählte, alles auf dem Meeresgrund gleich hinter dem Riff versenkt und uns nur ihre Kanonen und die Landepiste hinterlassen haben? Wir hören auch, die Männer von Vaitape hätten versucht, die Jeeps und Bauteile aus dem Wasser zu fischen, ja, manchen sei es sogar gelungen. 5000 Amerikaner waren auf unserer Insel, die nur knapp 1000 Einwohner zählte, gelandet, und plötzlich waren wir wieder unter uns, in der Stille von einst, von jeher.

Ich gehe noch nicht zur Schule. Manchmal nimmt mich mein Vater in seiner Piroge mit und zeigt mir, wie man fischt. Er lächelt, ist froh, dass ich da bin, auch wenn mir die Fische entwischen, freut er sich, und so denke ich mir: ›Papa ist lieb‹, sehr viel lieber als Mama, die immer so streng dreinblickt, als hätte sie ständig einen Vorwurf anzubringen.

»Wo warst du schon wieder? Mit Papa beim Fischen! Und wer, glaubst du, wird die Arbeit tun? Dein Vater denkt nicht daran, dass die Mädchen ihre Aufgaben erledigen müssen ...«

Sie nimmt meine Hand, und wir laufen zusammen zu unserer Plantage. Wir klettern mal in brütender Hitze, mal im Regen über den Pfad ins Tal hinunter, bestäuben die Vanilleblüten, sehen nach den Kaffeepflanzen und den Manioks, graben die Erde um.

»Glaubst du, du wirst jemals Einkünfte haben, wenn du den Kaffee nicht kennst, wenn du die Vanille nicht zu bestäuben weißt? Nein, du wirst niemals Geld verdienen, Tarita. Niemals!«

Die Vanille ist eine hübsche Blüte, wie eine Orchidee, aber sie bringt nichts allein zustande. Mit einem Stöckchen muss das Pollenpaket bestäubt werden, sonst gibt es keine Frucht, keine Vanille und damit keinen Verdienst.

Erst mit knapp sieben Jahren komme ich in die Schule. Das aus Bambus bestehende und mit einem großen Pandanusdach gedeckte Schulgebäude befindet sich diesseits des Gebirges; trotzdem muss man drei Kilometer die Lagune entlanglaufen, um es zu erreichen. Im ersten Jahr gehe ich noch alleine hin, barfuß, mit einem hübschen von meiner Mutter geflochtenen Korb am Arm, doch schon im folgenden Jahr nehme ich meinen Bruder mit. Bald habe ich sie alle im Schlepptau, und nur den Jüngsten halte ich an der Hand. Es gibt zwei Lehrer, die man uns von Tahiti geschickt hat, einen für die Kleinen, den anderen für die Großen.

Ich gehe nicht gern zur Schule, lieber würde ich zu Hause bleiben und »die Arbeit erledigen«. Als ich das meiner Mutter sage, wird sie sofort zornig.

»Dein Papa war nicht in der Schule, er kennt keine Zahlen und keine Buchstaben. Also musst du hingehen.«

»Du musst lernen, Tarita. Das ist sehr wichtig«, stimmt mein Vater zu.

Und ich spüre genau, dass sie sich einig sind, dass er, der so freundlich ist, diesbezüglich keinen Spaß versteht, so wie er in der Piroge lacht, wenn mir die Fische entwischen.

Schon mit zehn Jahren bin ich wie eine Mama für meine kleinen Brüder. Unsere Mutter muss jeden Tag ins Tal laufen, um Maniok oder Kopra zu ernten, um nach der Vanille oder dem Kaffee zu sehen, und unser Vater ist in der Lagune beim Fischen. Ich muss ihnen die Flasche geben, das Essen zubereiten, aufpassen, dass sie sich nicht zu weit ins Gebirge vorwagen. In den Schulferien kommt noch der ganze Rest hinzu: Küche, Haushalt, Wäsche, Bügeln. Dazu muss zunächst aus der Rinde der Kokospalme Kohle hergestellt werden, die dann glühend in das Bügeleisen gefüllt wird. »Die Arbeit zu erledigen«, wird mir allmählich lästig. Wie gerne würde ich mit meinen Brüdern herumtollen, Verstecken spielen oder mich um Murmeln streiten ... Manchmal, wenn ich sicher sein kann, dass unsere Mutter erst am Abend heimkommt, lasse ich das Haus, die Wäsche, die Kohlenglut aus Kokosrinde zurück und sause so schnell wie die Blüte im Wind, um mich den Jungen anzuschließen. Nur merke ich nicht, wie die Zeit vergeht, und wenn die Sonne hinter dem Gebirge untergegangen ist, taucht plötzlich meine Mutter mit einem Stock oder Besen in der Dämmerung auf.

»Dir wird es noch vergehen, die Arbeit einfach liegen zu lassen!«

Und in einem Hagel von Schlägen kehre ich nach Hause zurück ...

Ich bin die große Tochter in der Familie. Die einzige, die letzte. Meine ältere Schwester Anna ist mit dem Schiff nach Tahiti gefahren, wohin ich ihr in einigen Jahren folgen werde. Wo meine großen Brüder sind, weiß ich nicht, sie haben irgendwo Arbeit gefunden. Einer ist, so glaube ich, in einer Mine auf Makatea beschäftigt, in der Phosphat abgebaut wird. Deshalb brauchen mich meine Eltern. Und deshalb vergessen sie oft, dass ich in Wirklichkeit noch ein Kind bin. Manchmal schicken sie mich zu Fuß bis nach Vaitape in den Laden von Achou, um Brot zu kaufen oder andere Dinge. Da bin ich etwa zwei Stunden unterwegs. Man muss das Gebirge ganz allein überqueren, vor der Dunkelheit zurück sein und darf keine Angst haben. Mein Leben ist nicht leicht, trotzdem bin ich immer froh, wenn ich wieder bei meinen Eltern zu Hause ankomme. Es sind gute Eltern, sie scheuen keine Mühe und gehen mit gutem Beispiel voran. Sie sind stark und fürsorglich. Mir ist das bewusst, und als ich das einzige Mal Zeugin eines Streits werde, begreife ich, welches Glück wir haben, nicht ein anderes Leben führen zu müssen.

Das geschieht eines Abends, als Papa, der sonst keinen Tropfen anrührt, ein bisschen angetrunken nach Hause kommt. Vielleicht ist er nach Vaitape gegangen, vielleicht hat er Kummer, ich weiß es nicht, dazu bin ich noch zu klein. Natürlich mag Mama keine Männer, die trinken und torkeln. Als sie bemerkt, dass er nicht gerade gehen kann, fängt sie an zu schimpfen: »Teihotu, wo warst du? Weißt du denn nicht, dass Alkohol schlecht ist?«

Statt einer Antwort aber geht er gleich ins Bett, und das ärgert Mama so, dass sie mit einer Schale nach ihm wirft. Nun wird mein Vater wütend, und er fängt an, sie zu ohrfeigen! Ich schreie und werfe mich zwischen sie.

»Nicht schlagen, Papa, bitte nicht schlagen ... «

Und dann weinen wir alle, meine Eltern, ich und meine kleinen Brüder, und Papa bittet uns und den Herrn um Vergebung.

 

Wir sind erzogen worden in der Achtung vor Gott, einige von uns sind auf biblische Namen getauft, andere auf die unserer Vorfahren, so wie es die Tradition will. Einer meiner Brüder heißt Josué, ich Tarita-Tumi, die Wohlbenannte, nach meinem Empfinden ein treffender Name, weil er mit »Steh auf und geh!« übersetzt werden kann. Zweifellos wusste meine Mutter, was sie von mir erwartete, als sie mich so nannte, aber ahnte sie auch, wie rastlos mein Leben verlaufen würde? Mir scheint, dass ich bis heute nichts anderes getan habe, als diesen Befehl auszuführen …

Der Sonntag ist der Tag des Herrn. Wir sagen »Sonntagsschule«, weil der Unterricht an diesem Tag in der Kirche abgehalten wird und der Diakon die Stelle des Lehrers einnimmt. Er ist ein betagter Mann, der uns Kinder mit Strenge und Wohlwollen begegnet. Bei ihm fühlen wir uns als Geschöpfe Gottes angenommen. Aber wenn er sich vertreten lässt, dann ist alles anders, und wir haben trotz unserer geputzten Schuhe an den Füßen das Gefühl, es sei ein Tag wie jeder andere auch. Deshalb verehren wir den Diakon; er ist in unseren Augen der Einzige, der den Himmel wirklich kennt und im Namen Christi spricht. Häufig erzählt er uns Geschichten aus der Bibel und erklärt dann, was der Herr von uns erwartet. Wir verstehen, dass unser Leben einen Sinn hat, dass uns keine Aufgabe nur durch Zufall zugeteilt wird. Ich, Tarita-Tumi, zum Beispiel, weiß, dass der liebe Gott mir zusieht und betrübt ist, wenn ich die Arbeit nicht ordentlich mache, dass er sich hingegen freut, wenn jedes Kind im Haus weiß, was zu tun ist und die Augen unserer Eltern aufleuchten.

Die Kirche ist das einzige Gebäude aus Stein diesseits des Gebirges. Sie liegt gegenüber der Schule, das bedeutet, dass wir auch am Sonntag die drei Kilometer an der Lagune entlanglaufen müssen, um den Diakon sprechen zu hören. Doch das ist ein ganz besonderer Fußmarsch, fast wie eine Prozession, denn an diesem Tag tragen wir unsere frisch gewaschenen bunten Kleider und halten die Schuhe in den Händen. Die ganze Zeit stellen wir uns vor, dass uns jemand vom Gebirge oder von der Lagune aus beobachten und seinen Augen nicht trauen würde. Und deshalb haben wir es nicht eilig.

Der Herr ordnet und bestimmt unser Leben; so bekommen die Mädchen neue Kleider und die Jungen neue Hemden zu Weihnachten, wir beichten unsere Sünden und fassen gute Vorsätze für das kommende Jahr.

Diesmal versetzt mich der lange Fußmarsch nach Vaitape in große Aufregung. Ich gehe hinter Mama her, und auch Papa begleitet uns, weil mindestens drei Personen nötig sind, um die Stoffe, Knöpfe und Borten zu tragen – alles, was wir brauchen, um die ganze Familie neu einzukleiden. Während ich durch Achous Geschäft streife, beginne ich zu ahnen, was Schönheit und Eleganz bedeuten. Vor allem die Hüte erwecken meine Aufmerksamkeit. Die, die uns Mutter aus Pandanusblättern fertigt, sind bequem und hübsch, aber die von Achou haben das gewisse Etwas. Sind es die Bänder, der Schmuck aus künstlichen Blumen? Die breite Krempe mit dem eingeflochtenen Muster? Oder ist es allein die Tatsache, dass sie aus Papeete, der Hauptstadt Tahitis, kommen?

Die Postkarten, die uns meine ältere Schwester Anna schickt, vermitteln mir eine Vorstellung von Papeete; hingerissen betrachte ich die außergewöhnlichen, mehrere Etagen umfassenden Holzhäuser, die Straßen und Geschäfte, die Schiffe, höher als Kokospalmen. Vor allem aber versetzen mich die Läden in einen regelrechten Taumel, der Gedanke, dass man all die Dinge darin anschauen, berühren, vielleicht sogar anprobieren kann, fasziniert mich ... Geht man ganz einfach von einem Geschäft zum nächsten? Wie redet man diese Händler an? Die Männer sind nicht barfuß, das sieht man auf den Ansichtskarten. Tragen alle Leute in Papeete Schuhe?

»Es ist nicht gut, von Papeete zu träumen, Tarita. Du weißt ja gar nicht, ob die Menschen dort böse oder freundlich sind. In Papeete kennt dich doch auch niemand.«

Weder Papa noch Mama sind jemals in der Hauptstadt gewesen, noch nie haben sie die »Inseln unter dem Wind« – Bora Bora, Raiatea, Huahine – verlassen. Und so wächst meine Achtung vor Anna mit jedem Jahr.

Neben Weihnachten gibt es die großen Festivitäten im Juli, die nichts mit dem Kirchenjahr zu tun haben. Bei uns wird der Nationalfeiertag am 14. Juli zwei Wochen lang, manchmal sogar noch länger, gefeiert, und zwar so ausgiebig, dass man gar nicht jeden Tag daran teilnehmen kann. Doch es ist das Ereignis des Jahres, auf das man freudig erregt wartet und von dem man sich später in schillernden Farben erzählt. Nur Mama nicht. Man hat den Eindruck, je näher das Fest kommt, umso finsterer wird ihr Blick, umso strenger wird sie. Über die vielen tanzenden, singenden und trinkenden Menschen kann sie sich wirklich nicht freuen, wo es doch zu Hause so viel Arbeit gibt ... Zum Glück ist Papa da.

Papa tanzt liebend gern, für ihn ist Tanzen eine natürliche Bewegungsform, der Ausdruck seiner Seele, wie Geld- zählen für Mama. Ich glaube, Papa denkt das ganze Jahr über insgeheim an den Juli, weil er weiß, dass Mama sich nicht widersetzen wird. Alles andere wehrt sie ab, aber nicht den Juli. Und so bricht die ganze Familie nach Vaitape auf – alle Teriipaias aus Anau, Vater, Mutter, die große Tochter und die Jungen – und überquert im Gänsemarsch das Gebirge, jeder einen Pandanuskorb am Arm, mit Schlafzeug und Kleidern zum Wechseln darin. Papa schreitet stolz mit leichtem Schritt vorneweg, während Mama mit verkniffenem Mund den Zug beschließt.

Vaitape ist nicht wiederzuerkennen, der Platz ist voll mit Buden, diesen kleinen Hütten, die Süßwaren, gegrilltes Hühner- oder Fischfleisch und Kokosmilch verkaufen. Überall sind Lampions aufgehängt, und die Rhythmen der Kapelle erfüllen die Luft. Papa muss seine Tanzgruppe gar nicht suchen, denn die Männer erwarten ihn schon sehnsüchtig vor der Menschenmenge; sie sind glücklich, ihn wiederzusehen, und umarmen ihn so überschwänglich, dass Mama am Ende ihren Zorn vergisst. Dann muss die Arbeit eben warten ...

Sobald die Nacht hereinbricht, werden die Lampions angezündet, und man könnte meinen, ganz Vaitape wäre plötzlich in einem Zustand der Trunkenheit. Und auch wir Kinder sind benebelt vor Glück. Wir laufen zwischen den Buden, den Musikern mit ihren Pahu-Trommeln und den Tänzern umher, verstecken uns im Dunkeln, um dann wieder ins Licht zu springen ... Mama ist immer in Reichweite, sie hält sich etwas abseits vom Geschehen auf. Wenn wir Hunger oder Durst haben, gehen wir zu ihr. Auch die anderen Großfamilien essen wie wir im Lampionschein am Boden, und wenn die Erwachsenen später anfangen zu tanzen, ahmen die Kinder sie nach. Und es war im Juli von Vaitape, als ich mit zwölf Jahren entdecke, dass ich Talent zum Tanzen habe, allerdings ohne zu ahnen, wie sehr das mein Leben bald verändern sollte.

Zusammen mit allen anderen, deren Heimweg auch zu weit ist, um daheim zu nächtigen, schlafen wir in der Schule. Auch am nächsten Tag finden Wettfahrten mit Pirogen und weitere Tanzaufführungen statt.

Nach zwei oder drei Tagen kehren wir nach Hause zurück, und es passiert das ganze Jahr über nichts mehr. Nein, es ist immer dasselbe: Nach diesem Höhepunkt geschieht nichts weiter.

Deshalb spielt das Kino in meinem Leben eine zunehmend wichtige Rolle. Wie habe ich diese Welt für mich entdeckt? Ich weiß es nicht mehr, doch hin und wieder werden Filme in Privathaushalten gezeigt. Unser Dorf Anau umfasst jetzt mehrere Häuser, deren Dächer man auf dem Weg zur Schule oder zur Kirche zählen kann. Ich denke, in der Schule erfahren wir, wo sie gezeigt werden. Es sind vor allem Streifen mit Charlie Chaplin, außerordentliche Geschichten, die uns eine völlig unbekannte Welt eröffnen. Ich bin fasziniert von Chaplin, von diesen riesigen Städten, von den Straßen, durch die man ihn laufen sieht, schräg wie ein Krebs im Sand, von diesen Männern und Frauen, die sich so anders verhalten als die Menschen bei uns ...

Ich bin begeistert, und genau das gefällt Mama nicht. Mama denkt, ein Mädchen darf sich durch nichts von der Arbeit im Haus ablenken lassen. Und im Gegensatz zu mir dürfen meine kleinen Brüder ins Kino gehen.

»Weißt du, Tarita, das Haus braucht dich. Also läufst du nicht draußen herum, sondern bleibst hier.«

So wie früher zum Spielen mit den Jungen schleiche ich mich heimlich davon, um die Filme zu sehen. Manchmal werde ich ertappt, und dann kann meine Mutter es nicht glauben, dass der liebe Gott ihr eine so schlechte Tochter geschenkt hat. Welche Sünde hat sie begangen, dass sie so bestraft wird? Sie schimpft, droht mit dem Besen, und ich senke den Kopf, gebe mich einsichtig, denn wenn ich widerspreche, wird sie noch zorniger und schlägt mich vielleicht sogar. In meinem tiefsten Innern reift ganz langsam der Gedanke, dass ich mir ein neues Zuhause suchen muss. Ich könnte das Schiff nehmen und zu Anna in die Hauptstadt reisen. Anna ist mein Vorbild, der Schwindel erregende Traum, der mich mein jetziges Leben ertragen lässt.

 

Das Schuljahr geht zu Ende. Ich bin 16 Jahre alt, und im Juni fahre ich zwar nicht nach Papeete, sondern nur auf die Nachbarinsel Raiatea, wo ich meine Abschlussprüfung ablegen soll. Noch nie in meinem Leben habe ich Bora Bora verlassen, und so ist die Schifffahrt nach Raiatea in meinen Augen schon ein gewaltiges Abenteuer. Zu viert treten wir die Reise an, begleitet werden wir von unserem Lehrer. Eine Woche soll der Aufenthalt in der Schule von Uturoa, dem Hauptort der Insel, dauern. Eine ganze Woche! Noch nie war ich so lange ohne meine Eltern ...

Wir gehen an Bord der Benicia, die die »Inseln unter dem Wind« anläuft, bevor sie weiter Kurs auf Papeete nimmt. Mit der Benicia ist Anna aufgebrochen, und auf ihr werden auch all die Luxusgüter – die Blumenhüte, Schuhe und hübschen Blusen, die mir in Achous Geschäft so den Kopf verdrehen – von Papeete zu uns transportiert. Die Benicia ist ganz von dieser fernen Welt voller Verheißungen bevölkert, und sie am Kai zu sehen, weckt alle möglichen Gefühle in mir. Sie ist natürlich weniger eindrucksvoll als die Calédonien, dieser unglaubliche Ozeanriese, von dem Anna uns ein Foto geschickt hat, aber sie ist trotzdem imposant mit ihren beiden wuchtigen Masten und der großen Kabine aus Holz, in die richtige Glasfenster eingepasst sind.

Die Ankunft in Uturoa ist ein weiterer Schock. Im Vergleich zu dieser Stadt nimmt sich Vaitape kläglich aus. Hier gibt es mindestens zehn Geschäfte wie das von Achou; und alle Läden werden übrigens von Chinesen geführt. Während ich von einem Schaufenster zum anderen laufe, wird mir zum ersten Mal klar, was es heißt, arm zu sein, und wie traurig es ist, kein Geld zu haben, um sich etwas kaufen zu können, was man so gerne hätte. Und ich verstehe mit einem Mal besser, warum Mama so hinter dem Geld her ist. Sie ist ja auch hier unter den geschäftstüchtigen Chinesen zur Welt gekommen ...

Diese erste große Reise öffnet mir die Augen, doch sie bringt mir nicht den erhofften Erfolg. Ich bestehe meine Prüfung nicht! Meine Eltern nehmen die Nachricht gelassen entgegen, sie wissen, dass nicht jeder diesen Abschluss schafft, sind sich aber einig, dass ich mein Glück ein zweites Mal versuchen muss. Die Zeiten ändern sich, und es ist erstaunlicherweise mein Vater, der selbst weder lesen noch schreiben kann und mich jetzt am meisten drängt.

»Du musst wieder in die Schule gehen, Tarita, sonst findest du keinen ordentlichen Beruf.«

Mama ist zwar der gleichen Meinung, doch sie wirkt weniger entschlossen, eher schwankend, so als würde sie sich plötzlich fragen, welchen Beruf eine Frau wohl außerhalb des Hauses ausüben kann.

Aber ich werde von anderen heimlichen Sorgen geplagt, und sie sind es, die mich dazu veranlassen, zum ersten Mal in meinem Leben »nein« zu meinen Eltern zu sagen. Niemals kehre ich wieder in die Schule zurück! Ich sehe den Kummer meines Vaters, der noch unerträglicher für mich ist als der Zorn meiner Mutter, aber sei’s drum, dann bin ich eben für die Gefühle meiner Eltern verantwortlich. Wenn ich nur nicht wieder einen Fuß in dieses Gebäude setzen muss! Doch Papa kann diese Idee nicht akzeptieren. Warum aufgeben, wo ich doch noch das ganze Leben vor mir habe, wo sie doch da sind, um mir zu helfen? Papa, der für gewöhnlich so liebevoll ist, gibt nicht nach. Vielleicht überrascht ihn meine Dickköpfigkeit, wo ich doch sonst den Blick senke und mich füge. Vielleicht ahnt er, dass etwas anderes dahintersteckt, das mein Verhalten erklären könnte.

Aber wie soll ich ihm diesen Horror begreiflich machen? Allein der Gedanke daran erfüllt mich mit Abscheu und Scham. Dieses Grauen, das mich bei der Erinnerung an die Hände des Lehrers auf meinen Brüsten und meinem Bauch erfüllt, an die anderen Schüler, die es sehen und die sich dann darüber lustig machen. Die lachen und sich gegenseitig anstoßen. Die gar nicht aufhören können zu lachen.

»Der Herr Lehrer hat dich angefasst, Tarita! Er will mit dir schlafen ... «

Seit Monaten ist die Schule ein Albtraum für mich, und nachts weine ich, wenn ich daran denke. Wie soll ich zu Hause diese Dinge eingestehen, wo doch nie von den Geheimnissen zwischen Mann und Frau gesprochen wird?

Papa besitzt Ausdauer, und ich habe ihm nichts als meine stumme Verzweiflung entgegenzusetzen. Eines Morgens schließlich erzähle ich es Mama unter vier Augen. Danach finde ich die Kraft, die Vorfälle meinem Vater zu schildern. Er setzt sich hin, legt den Kopf in die Hände. Meine Mutter knurrt, sie würde gleich morgen die Frau des Lehrers aufsuchen. Nach einer Weile steht Papa auf. Er ist wütend, zittert, und ich höre ihn flüstern:

»Wenn das so ist, dann gehst du nicht mehr zur Schule, Tarita. «

Der Lehrer, ein Franzose, hat früher ein Kriegsschiff befehligt. Seine Frau glaubt Mama nicht, sie sagt, es sei Unrecht, den Ruf eines tapferen Mannes zu beschmutzen, der sich den tahitischen Kindern widmet. Aber Mama vertraut mir, meine Eltern haben beide keinen Zweifel, und das allein zählt für mich.

 

Zum Glück verwechsle ich das Verhalten des Lehrers nicht mit Liebe. Wann immer mein Blick den eines bestimmten Jungen kreuzt, sammle ich in eben diesem Jahr meine ersten Erfahrungen in dieser verwirrenden und geheimnisvollen Gefühlswelt. Er studiert in Papeete, kommt aber in den Ferien nach Bora Bora zurück. Er muss etwas älter sein als ich, hat sanfte lachende Augen und einen schlanken Körper. Wenn ich ihn sehe, verschlägt es mir den Atem und ich muss mich zusammennehmen, um nicht auf der Stelle kehrtzumachen. Aber er erkennt mich wieder und lächelt mich an. Und dann überlegen wir angestrengt, über was wir sprechen könnten, aber uns kommen nur belanglose Dinge in den Sinn, doch wir wissen, dass die Worte nicht zählen, weil wir uns danach ganz leicht, erregt und wie verzaubert fühlen. Das heißt ich, ich fühle mich wie verzaubert, und ich sage mir, dass es für ihn bestimmt genauso ist.

Kann es sein, dass man einem diesen Zustand ansieht? Auf jeden Fall entgeht er dem argwöhnischen Blick meiner Mutter nicht.

»Wo kommst du her, Tarita? Ich möchte nicht, dass du draußen herumlungerst ... «

Und bald findet sie den Namen des Jungen heraus. Vermutlich gibt es so wenige in Anau, dass es nicht sehr schwer zu erraten ist. Warum mag sie ihn nicht? Warum verbietet sie mir, mich mit ihm zu treffen? Ich weiß es nicht. Später wird sie mir sagen, dass sie es nicht gut findet, wenn die Eltern den zukünftigen Ehemann für ihre Tochter aussuchen, wie es bei uns Brauch ist. Aber vielleicht möchte sie dennoch an meiner Stelle entscheiden, sie, die es gewohnt ist, alles im Haus zu bestimmen. Ich bin 16 Jahre alt und verstehe sie einfach nicht. Und weil ihr dieser Junge offensichtlich nicht gefällt, behalte ich das Geheimnis für mich, wie ich das mit den Händen des Lehrers lange Zeit in mir bewahrt habe.

Ich weiß, dass der Junge am Sonntagmorgen in der Kirche sein wird, und auf dem ganzen Weg dorthin denke ich an diesen kostbaren Moment, in dem unsere Augen schweigend miteinander reden, sich am Anblick des anderen laben, während der betagte Diakon aus der Bibel vorliest. Ich trage eine Orchidee in meinem langen Haar, mein hübschestes Kleid, meine neuen Schuhe, und weder meine Mutter noch meine kleinen Brüder ahnen etwas, weil wir uns an diesem Tag für den Herrn schön gemacht haben. Im Geschäft von Achou treffen wir dann tatsächlich aufeinander, der Junge und ich. Und wieder murmeln wir uns Nichtigkeiten zu, die uns benommen und trunken machen ...

Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn er die Stelle eingenommen hätte, die ich mir für ihn erträumte? Sicher hätte ich dann Bora Bora nicht verlassen, und wir hätten uns ein Haus in der Nähe von Anau gebaut, irgendwo zwischen der Kirche und dem meiner Eltern. Wir hätten viele Kinder gehabt, denn damals waren Großfamilien auf Tahiti üblich, und ich wäre heute eine von jenen strengen, aber zufriedenen Großmüttern, die den Liebespaaren und den Touristen Muschelketten verkaufen. Ich hätte kein gebrochenes Herz, weil ich nicht an meine Tochter Cheyenne denken müsste, an die verzweifelte Gemütsstimmung von Marlon und all unseren Kindern und Enkeln, als hätten wir den Himmel gekränkt, als würden wir von einem Fluch verfolgt werden ...

Doch nach meiner verpatzten Abschlussprüfung verlaufen die Dinge nicht so, wie ich es mir erhofft habe. Der Junge nutzt die großen Ferien nicht, um sich mir weiter zu nähern und die Worte zu sagen, die ich gerne hören möchte. Die Wochen vergehen, und bald sehe ich ihn weder in der Kirche noch im Geschäft von Achou. Sicher ist er nach Tahiti zurückgekehrt. Bin ich traurig? Ja, gewiss, aber ich habe niemanden, dem ich mich anvertrauen kann, und in erster Linie muss ich Arbeit finden, um meine Eltern zu unterstützen. Das ist wichtiger als zu weinen. Der Lehrer und seine Frau wurden entlassen, weitere Eltern hatten sich beschwert, weil der ehemalige Kapitän ihre Töchter angefasst hatte, und das neue Paar, das daraufhin eintrifft, sucht ein Mädchen, das ihnen den Haushalt führt. In Begleitung von Mama stelle ich mich vor, und noch am selben Tag erhalte ich die Zusage.

Ihr Haus ist nicht weit von unserem entfernt. Jeden Tag vor Sonnenaufgang muss ich dort sein, um ihnen das Frühstück zuzubereiten. Dann brechen sie zur Schule auf, und ich mache den Haushalt. Wenn sie mittags heimkommen, soll das Essen auf dem Tisch stehen. Dann spüle ich, erledige die Wäsche und nehme sie mit nach Hause, weil sie Mama fürs Bügeln extra bezahlen.

Mein neues Leben gefällt mir – anfangs zumindest. Das Lehrerehepaar behandelt mich gut, und ich finde es angenehmer, bei ihnen zu arbeiten als unter den strengen Blicken meiner Mutter. Ich fühle mich endlich frei, geachtet, verantwortlich. Warum überkommt mich dann an gewissen Tagen dieser alte Traum wegzugehen, so als hätte ich noch immer die Hoffnung auf ein anderes Leben? Ich denke an Anna und beneide sie mehr denn je darum, den Absprung geschafft zu haben. Sogar meine kleinen Brüder kommen und gehen mittlerweile, wann sie wollen, während ich noch immer das Haus nur verlassen darf, um entweder zur Arbeit oder in Achous Geschäft zu gehen. Eines Abends, als ich gerade seinen Laden verlasse, hat die Benicia am Hafen Anker gelegt. Säcke mit Kaffee werden aufgeladen, Menschen warten, um an Bord zu gehen. Und zum ersten Mal nehme ich meinen Wunsch zu gehen ernst. Sehr ernst. Ich spüre Freude in mir aufsteigen und identifiziere mich plötzlich mit dem Mädchen, das an der Kaimauer in Begleitung eines Mannes steht, der ihr Vater sein muss. Ja, ich kann mich in sie hineinversetzen, und mein Lebenshunger keimt auf, überschäumend, brennend, sonderbar aufregend.

Zu Anna fahren! In Papeete arbeiten! Es heißt, dass sich in Papeete leicht Geld verdienen lässt, und dieser Gedanke beflügelt mich derart, dass ich auf dem Heimweg renne.

»Papa, Mama, hört mir zu, ich habe nachgedacht: Ich fahre zu Anna nach Papeete, um dort Arbeit zu finden, und ich schicke euch Geld, so kannst du dich ein wenig ausruhen, Mama, und du auch, Papa ... Seht mich an, ich bin kein Kind mehr! Ich bin 18 Jahre alt und kann arbeiten wie Anna ... « Erstaunlicherweise reagieren sie beide nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe, sondern jeder sagt genau das, was ich vom anderen erwartet habe. Mama willigt sofort ein, als würde ihr plötzlich klar, dass ich nicht mehr die große Tochter im Haus bin, die für ihre Brüder sorgen muss. Papa hingegen möchte zuerst nicht, dass auch ich gehe, doch schließlich gibt er nach. Ich weiß, dass es seine Art ist, mir zu sagen, dass er mich liebt und uns alle liebt. Und ich bin fast gekränkt, so schnell seine Zustimmung erhalten zu haben.

Schon am nächsten Morgen sagt er zu mir:

»Ich bin einverstanden, dass du die Insel verlässt, Tarita, aber ich werde dich begleiten.«

Das Leben, das nun vor mir liegt, erscheint mir verheißungsvoll, herrlich, und ich kann in der folgenden Nacht vor Aufregung nicht schlafen. Ich denke an die Überfahrt auf der Benicia, an diese weite Reise bis nach Papeete, und unwillkürlich rufe ich mir ein Heldenepos aus Kindertagen ins Gedächtnis zurück. Wie der große Roo, Bote der Schöpfung und ewig Reisender, aus einer über das Meer ziehenden Wolke geboren wird:

 

Die eiskalte Wolke ist schwanger

Mit Roo, dem großen Boten.

Er schläft in der Wolke, während er reist,

Er ernährt sich aus der Wolke,

während er reist, wird größer und reist.

Roo löst heftige Schmerzen in der Wolke aus,

Schmerzen der Niederkunft erfassen sie,

Roo ist aus der Wolke geboren!