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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Buch
Deutschland entwickelt sich zum Land der Dicken. In puncto Ernährungsgewohnheiten sind wir den Amerikanern dicht auf den Fersen: Fastfood und Snacks an jeder Straßenecke. Was wir uns einverleiben ist kaum noch frisch, setzt sich zunehmend aus industriell weiterverarbeiteten Produkten zusammen und enthält erschreckend viele Kalorien. Vor diesem Hintergrund plädiert Renate Künast für eine »Gesundheitsreform auf dem Teller«. Obst und Gemüse sollten die Basis der Ernährung bilden, ungesättigte Fette deutlich aufgewertet werden und Kohlenhydrate müssen reduziert werden. Ein 32-seitiger Farbbildteil präsentiert eindrucksvolle Kalorienbomben und stellt ihnen gesündere Alternativen gegenüber. Neben konkreten Verbraucherhinweisen informiert Renate Künast über die Ernährungspolitik der Lebensmittelkonzerne, über Junkfood, über die Profite mit Dickmachern und über die Risiken der Gentechnik. Fazit: Gesund essen hat nicht nur einen Preis, sondern auch einen Wert.

Autorin
Renate Künast wurde 1955 in Recklinghausen geboren. Sie studierte Sozialarbeit an der Fachhochschule in Düsseldorf. Von 1977 bis 1979 arbeitete sie als Sozialarbeiterin in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel, speziell mit Drogenabhängigen. Später studierte sie Jura und schloss das Studium 1985 mit dem zweiten Staatsexamen ab. Der Westberliner Alternativen Liste trat sie 1979 bei und hat seitdem in verschiedenen Funktionen für die Partei gearbeitet, u.a. als Fraktionsvorsitzende und rechtspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Senat. Vom 24. Juni 2000 bis zum 9. März 2001 war sie Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Von Januar 2001 bis Oktober 2005 engagierte sie sich als Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Jetzt ist Renate Künast Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen.

»Das Leben ist Gott, Lebensgenuss Gottesgenuss, wahre Lebensfreude
wahre Religion. Aber zum Lebensgenuss gehört auch der Genuss von
Speis und Trank. Soll daher das Leben heilig sein, muss auch Essen und
Trinken heilig sein. Ist diese Konfession Irreligion?«
ANSELM FEUERBACH

I.
Ein gewichtiges Problem oder

Wenn ein Lebensstil zum Politikum wird
Für mich hieß es immer: raus in den Garten oder raus auf die Straße. Wir drehten Pirouetten auf Rollschuhen oder fuhren mit dem Fahrrad zum Freibad. Nach Stunden kamen wir ausgehungert ins Haus gelaufen, meist noch eine darbende Freundin dabei. Wenn der große Hunger gestillt war, ging es gleich wieder los. Immer unterwegs und aktiv waren wir, und jede Jahreszeit hatte ihre Besonderheiten. Hüpfen, Schaukeln, Fangen und Kirschkernweitspucken aus der Baumkrone – die Sommermonate war ich eigentlich nur draußen. Und im Winter ging es sofort in den Garten zum Schneemannbauen. Solange es hell war, zogen wir mit dem Schlitten zum Hügel vorm Ruhrfestspielhaus in Recklinghausen.
Heute sind solche Tobetage für die meisten Kinder unvorstellbar. Sich nach der Schule treffen, ohne vorher einen Termin am Handy abgemacht zu haben, einfach so klingeln und fragen, ob der Max oder die Alina rauskommt zum Spielen, das gibt es kaum noch. Entweder sind Kinder mit Terminen überladen wie ihre Eltern – montags Musikschule, dienstags Fußball, mittwochs Ballett, natürlich immer gefahren vom Taxi Mama -, oder sie feuern die Schultasche in die Ecke, schalten die Welt ab und ihren virtuellen Kosmos ein – stundenlang.

Gerannt wird nur noch virtuell

Mit der einen Hand an der Fernbedienung oder am Joystick, mit der anderen in der Chipstüte, gucken und daddeln und kauen sie, egal, wie das Wetter draußen ist. Statt Verstecken gibt es »Versteckte Kamera«, statt »Räuber und Gendarm« wilde Verfolgungsjagden an der Spielkonsole.
Viele Bildschirmkids haben abends wahrscheinlich sogar das Gefühl, sie hätten sich selbst bewegt. Schließlich tragen sie teure Turnschuhe und haben ihre Helden den ganzen Nachmittag rennen lassen.
Wirklich bewegt haben sie sich nicht, dafür aber Zuckerlimonade, Joghurt, Schokoriegel und ein paar käseschwere Baguettes aus der Mikrowelle verputzt. Bei ihren Eltern ist der Tag nicht viel anders verlaufen. Auch sie haben ihn überwiegend im Sitzen verbracht.
Tag für Tag wiederholt sich in Millionen deutscher Haushalte das gleiche Spiel. Erwachsene und Kinder nehmen mehr Kalorien auf, als sie bei diesem Lebensstil benötigen. Kalorien sind nichts anderes als Energie – wie Benzin fürs Auto. Diese überschüssige Energie lagert der Körper in Fettzellen ein, für schlechte Zeiten, das hat er so gelernt. Pro Tag und Person mögen es immer nur ein paar Gramm sein. Doch die sind bis heute zu einem gewaltigen Problem angewachsen.

Schlanke werden bestaunt

Deutschland ist zu dick, und es wird immer dicker. Jeder zweite Bürger dieses Landes leidet an Übergewicht, knapp 20 Prozent haben bereits die nächste Stufe erreicht: Sie sind fettleibig. Die veränderte Freizeitgestaltung hat vor allem die Silhouette unserer Sprösslinge umgeformt: Sie sind breiter geworden, schwerer, träger, geraten schneller aus der Puste.
1984 waren 12 Prozent aller Minderjährigen übergewichtig, heute sind es bereits 20 Prozent. Und 8 Prozent sind schon adipös, also fettleibig. Hält diese Entwicklung an – und nichts spricht dagegen, dass sie sich verlangsamt -, dann wird im Jahre 2030 jedes zweite Kind fettleibig sein. Nur jeder vierte Deutsche hat dann überhaupt noch ein normales Gewicht. Ein paar Jahre später werden es die Dünnen sein, die auf der Straße bestaunt werden.
Das Problem ist ein globales. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht von einer »weltweiten Epidemie«. Jede Minute gibt es auf der Erde sechs Todesfälle in Folge von Diabetes. In den USA wird Fettleibigkeit das Rauchen bald als Todesursache Nummer eins abgelöst haben. Dort, in der Heimat bizarr deformierter Zeitgenossen, ist die immer fetter werdende Gesellschaft inzwischen Topthema. Alle großen Magazine und Fernsehsender warnen vor den unkalkulierbaren Folgen der Wohlstandskrankheit, weltweit anerkannte Blätter wie die Washington Post bringen lange Leitartikel; und selbst Präsident George W. Bush hat sich des Problems angenommen. Schon deswegen, weil ihn ein ganz einfacher Fakt überzeugte: Die Zahl der gedruckten Medienbeiträge zum Thema hat sich in den USA ungefähr verachtfacht, von knapp 600 im Jahr 2000 auf über 4500 im Jahr 2003. Außerdem musste ihm ein weiterer Umstand Sorge bereiten: 54 Prozent seiner aktiven Soldaten waren als zu fett bezeichnet worden.
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Anmerkung: Bitte lassen Sie sich nicht davon verwirren, dass im Text ein BMI von 25 als Grenzwert für Übergewicht angegeben wird, in dieser Grafik der Wert aber bei 27 liegt. BMI 25 ist international der gebräuchliche Wert, aber BMI 27 wird auch oft genannt. Wie in vielenBereichen ist die Grenze fließend.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die große »Fett-weg-Welle« nach Europa schwappt. Zeit, Focus und Stern, diverse Tageszeitungen und TV-Magazine beginnen bereits, die gesellschaftspolitische Dimension des Themas zu erkennen. Denn schließlich geht es hier nicht um das Für und Wider von Diäten, um die paar Pfund, die zur Bikinifigur fehlen, den kleinen Rettungsring, den jeder aus dem Winter mitbringt, sogar Kabinettsmitglieder. Hier geht es um weitaus mehr als Ästhetik. Es geht um eine alarmierende Entwicklung, die viele Bereiche unseres privaten, politischen und sozialen Zusammenlebens betrifft, vergleichbar allenfalls mit dem demographischen Wandel, der bei niedriger Geburtenrate und wachsender Lebenserwartung unser Rentensystem in den nächsten Jahrzehnten auf gewaltige Proben stellen wird, aber auch neue Fragen der Lebensgestaltung aufwirft.
Kein Gesundheitssystem der Welt kann bewältigen, was Übergewicht und Fettleibigkeit uns an immensen Kosten aufbürden, kein Sozialsystem aufbringen, was Millionen Arbeitsunfähiger benötigen, keine Gesellschaft kann ausgleichen, was das Dicksein an psychosozialen Folgeschäden verursacht. Und niemand kann heute einschätzen, wie eigentlich eine Gesellschaft innovativ und kreativ sein kann, wenn ein immer größer werdender Teil der Kinder und Jugendlichen ihre Bildungspotenziale nicht mehr nutzen können. Wenn die Neuausrichtung der Schulen nach dem PISA-Desaster zwar passiert, aber die Kinder mit sich selbst und den anwachsenden chronischen Erkrankungen beschäftigt sind.

Too big to ignore

Der Dickmacher »moderner Lebensrhythmus« ist eine der größten gesundheitlichen Bedrohungen und größten politischen Herausforderungen der modernen Staaten. Erstmals haben wir es nicht mit einem Mangel-, sondern mit einem Überflussproblem zu tun, »too big to ignore«, wie die Engländer und auch ein Dossier des Assekuranzkonzerns Swiss Re (siehe Kapitel III) sagen, »zu mächtig, um es zu übersehen«. Und es wächst immer weiter, weil unsere gesamte Ernährungs- und Bewegungskultur aus der Balance geraten ist: Wir bewegen uns zu wenig und essen zu viel, zu fettig, zu süß, und vielen ist es auch noch egal.
Die Antwort der Statistiker ist so einfach wie Furcht erregend: Es wird noch schlimmer. Und vor allem: Es ist unglaublich schwierig, diesen Trend umzudrehen. Die nächste Phase können wir bereits in den USA beobachten: um die 100 Milliarden Dollar verschlingt die Behandlung fettleibiger Menschen dort pro Jahr, Tendenz steil steigend. US-Unternehmer berechnen bereits den Produktivitätsausfall durch Übergewicht und die daraus folgenden Krankheiten. Ernährungskonzerne sehen sich zunehmend mit Beschwerden dicker Menschen konfrontiert, Versicherungen definieren ihre Prämiensysteme neu, erstmals sterben fettleibige Kinder früher als ihre Eltern, weil sie noch vor dem Erreichen der Volljährigkeit ihre Körper verschlissen haben. In den USA ist zurzeit Fettleibigkeit die zweithäufigste Todesursache nach dem Rauchen, jährlich 280 000 Todesfälle haben ihre Ursache im Übergewicht.

Kampagnen für die Kinder

Es sind vielfältige Einflüsse, die das Leben eines Kindes heute unvergleichbar mit zum Beispiel meiner Kindheit machen. Das Einzige, was uns abhielt von spielerischer Bewegung, waren Bücher, die wir uns aus der Kinderbücherei geholt hatten, oder die Schulaufgaben. Heute sitzen schon Kleinkinder stundenlang vor dem Fernseher. Gebannt starren sie auf glucksende und quietschende Figuren, die man extra für sie erfunden hat. Das fällt im wahrsten Sinne des Wortes ins Gewicht.
Und deshalb liegt der Zeitpunkt, an dem wir ansetzen müssen, vor der Schule, bei den Kleinkindern. Alle Schuleingangsuntersuchungen der letzten Jahre weisen in die gleiche Richtung: Abc-Schützen werden immer schwerer.
Wir haben nun die Aufgabe, Ideen zu entwickeln, die unserem Nachwuchs vor und vom ersten Tag im Kindergarten bis zum Schulabschluss ein umfassendes Angebot für einen anderen Lebensrhythmus machen.
Dabei ist Eile geboten. Denn die Vorboten der Epidemie sind in Europa angekommen. Schweizer Lebensversicherungen wollen die Tarife vom Körperumfang ihrer Kunden abhängig machen, in Großbritannien wird die Einführung einer Fettsteuer überlegt, in Schweden wurde Eltern erstmals das Sorgerecht entzogen, weil sie ihr Kind trotz mehrfacher Warnungen regelrecht überfüttert hatten. Mit vier Jahren wog das Mädchen über 40 Kilogramm, erste orthopädische Schäden wurden festgestellt. Normal sind etwa 16 Kilogramm. Wann staffeln die ersten Fluglinien ihre Tarife nach dem Gewicht ihrer Passagiere?
»Adipositas« heißt das Fremdwort, das sehr bald in unseren Alltagswortschatz aufgenommen werden wird und beste Chancen hat, zum »Wort des Jahres« gewählt zu werden. Es bedeutet nichts anderes als »Fettleibigkeit«, eine bedeutsame Gesundheitsstörung, auf die weder Politik, Krankenkassen noch Schulen oder Industrie bislang angemessen reagiert hätten. Dabei liegen alle Zahlen, Statistiken und Entwicklungskurven vor, die unzweifelhaft eines belegen: Wir verfetten langsam, aber sicher. Eine Umkehr ist durch individuelle Diätmühen nicht in Sicht. Genau das Schleichende jedoch ist das große Problem, auch bei der öffentlichen Wahrnehmung. Die Bäuche haben sich allmählich in unseren Alltag gedrängt. Inzwischen verursacht die Fehlernährung allein in Deutschland 70 Milliarden Euro Folgekosten im Jahr. Was wäre wohl los, wenn ein Virus oder eine Tierkrankheit derartige Schäden anrichtete? Sondersendungen im Fernsehen, Krisenstäbe, Rücktritte, Gesetzesänderungen. Doch die Sondersendungen, die BSE, MKS oder Nitrofen auslösten, die Debatten, die um Alkohol und Nikotin geführt werden, die gibt es zum Thema Gewicht nicht.

Ein Problem schleicht in unser Leben

Bei der Fettleibigkeit ist es eher wie mit der demographischen Entwicklung. Bei diesem Thema haben wir auch die schmerzhafte Erfahrung gemacht, dass es nichts nützt, ein Phänomen einfach übersehen zu wollen. Seit über zwanzig Jahren kennen wir präzise Prognosen. Die Botschaft ist seit den siebziger Jahren klar: Immer weniger Junge können unmöglich das heutige Rentenniveau für immer mehr Alte erwirtschaften, deren Lebenserwartung zügig steigt. Mit jedem Jahr, durch das sich die Politik mit Beruhigungspillen wie »Die Rente ist sicher« gemogelt hat, wurden die notwendigen Korrekturen schmerzhafter.
Daraus können wir für die Volkskrankheit Übergewicht etwas sehr Wichtiges lernen: rechtzeitiges Handeln. Und dafür gibt es einen idealen Zeitpunkt: jetzt. Denn für die kommenden Jahre lässt sich zweifelsfrei vorhersagen, dass unser Hüftumfang kontinuierlich wachsen wird, nicht explosionsartig, aber mit beängstigender Stetigkeit.
Reagieren wir schnell und konsequent, können wir uns an die Spitze einer Entwicklung setzen, die fast die ganze Welt durchmachen wird. Der Zwang zum »schlanken Staat« herrscht nicht nur in Deutschland, sondern global.
Wir in Deutschland verfügen über beste Voraussetzungen, gegen diese Epidemie anzugehen. Wir haben das erforderliche »Gesundheits-Knowhow«, ein nach wie vor starkes Bildungssystem, eine kluge Wissenschaft, eine moderne Industrie, eine verantwortungsvolle Politik und zum Teil jedenfalls gesundheitssensible Bürger.
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Anteil der Übergewichtigen und Fettsüchtigen an der Gesamtbevölkerungim Vergleich
Dabei dürfen wir nicht darauf hoffen, dass sich das Gewicht automatisch einpendelt. Zu groß sind die Umwälzungen, denen wir in den letzten zwei, drei Generationen ausgesetzt waren und die unserem täglich Brot einen beispiellosen Bedeutungsverlust beigebracht haben. Wir befinden uns in einer entwicklungsgeschichtlichen Sondersituation: Nie zuvor lebte der Mensch in einem solchen Überfluss und konnte zwischen Dönerbuden, Bäckereien und Schokoriegelregalen Slalom laufen.

Hunger als historischer Katalysator

Durch die Geschichte des Homo erectus zog sich immer eine gegenteilige Versorgungslage: Jahrmillionen lang herrschte Mangel (siehe auch Kapitel IV). Die Entwicklung der Menschheit wurde entscheidend vom Kampf gegen den ärgsten Feind geprägt: Hunger. Ihn zu bekämpfen, hat der Mensch all seine Kreativität entfesselt. Um Essbares zu jagen, erfand er Waffen, um Nahrung anzubauen, verfeinerte er die Kunst des Ackerbaus und konstruierte Werkzeuge. Er wanderte Hunderte von Kilometern, um fruchtbaren Boden zu finden, er ersann Techniken, Nahrung haltbar zu machen. Die Kunst, Feuer zu entfachen, brachte vor 500 000 Jahren nicht nur Wärme in die Steinzeithöhle, sondern auch Abwechslung in den Speiseplan. Plötzlich gab es die Chance, Essen zu garen, bis heute auf immer ausgefallenere Art und Weise. Mit der kulturellen Verwandlung des Rohen, also der Fähigkeit zu kochen, war der Sprung aus dem Tierreich endgültig vollzogen. Der tagtägliche Kampf ums Essen war zweifellos der Katalysator für die Zivilisation.
Der Hunger war es auch, der die Weltgeschichte vorantrieb. Motor der Französischen Revolution war weniger die Sorge des Volks um Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, sondern schlichte Brotknappheit, was Marie Antoinette zu dem einfühlsamen Rat bewegte, die Leute sollten doch Kuchen essen, wenn es am Brot mangele … Die römischen Kaiser wussten es besser: Sie regierten mit Brot und Spielen. Auch in den Weltreligionen spielt das Essen eine wichtige Rolle. Das Abendmahl ist das zentrale Ritual, das die Gemeinschaft der Christen immer aufs Neue zusammenführt. »Tut dies zu meinem Gedächtnis«, befahl Jesus den Jüngern bei ihrem Abschiedsessen. Als höchste Form der Frömmigkeit gilt bei allen großen Glaubensrichtungen das Fasten.
Weil es ein kostbares Gut war, das den Fortbestand des Lebens sicherte, wurde dem Essen stets eine mystische Bedeutung zugemessen. Schließlich verzehren wir nicht nur totes Fleisch oder abgeschnittenes Grünzeug, sondern etwas, was Gott hat wachsen lassen. Essen ist es, was die Lebenden von den Toten unterscheidet, es ist ein zutiefst optimistischer, lebensbejahender Akt. Essen heißt: Es gibt ein Morgen. Zugleich wird oft auch eine Brücke in die Vergangenheit geschlagen. In vielen Gegenden der Welt ist es üblich, einen Platz mehr zu decken – für die Ahnen.

Essen ist Gefühl

Wir alle verbinden zahllose Erinnerungen mit dem Essen, die intensivsten stammen wahrscheinlich aus der Kindheit. Den zart-ätzenden Geschmack von Ahoj-Brausepulver spüre ich noch heute auf der Zunge. Der Geschmack von Kakao und Schmalzstulle bei meiner Oma ist unvergessen. Essen, das war ein zentrales Thema der Kindheit, weite Teile der Erziehung drehten sich um den Esstisch. Gute Esser sind gute Kinder, so gilt bis heute die Regel. Kommt der Nachwuchs mit weniger Nahrung zurecht als andere, sorgen sich Mütter.
Hunger, der ist in unserem kollektiven Gedächtnis unauslöschlich verankert, auch wenn wir ihn selbst nicht miterlebt haben. Die Erlebnisse unserer Eltern und Großeltern, jener Kriegsteilnehmer, die noch echten Hunger erlebten, haben uns Nachgeborenen klare Werte mit auf den Lebensweg gegeben. Essen ist etwas Wertvolles, das man unter größten Mühen besorgt und das man nicht wegwerfen darf. Zucker, Stärke, Fett waren Kostbarkeiten. Jeder kennt die Geschichten von den Städtern, die aufs Land fuhren, um für Opas goldene Uhr ein Stück Schinken, ein paar Eier und Kartoffeln einzutauschen. Es galt fast als Sünde, seinen Teller nicht leer zu essen.
Bis heute bildet der Esstisch den zentralen Punkt im Familienleben intakter Familien. Dort kommen Eltern und Kinder regelmäßig und verlässlich zusammen, dort wird kommuniziert, gelobt und getadelt, dort wird der Mensch für sein Leben mit Erinnerungen von Düften und Geschmack, mit Bedeutungen, Symbolik und sehr viel Emotion aufgeladen. Essen erzeugt immer Wärme, ein Gefühl von Heimat.
Ein gemeinsames Mahl hat Menschen stets zusammengehalten, das Essen in der Gruppe ist ein grundlegender sozialer Akt, bei dem man sich nicht nur vergewissert, nicht allein zu sein, man entwickelt bei gemeinsamer Zubereitung auch soziale Kompetenz. Man speist zusammen, man teilt, man tauscht sich aus, pflegt Gemeinschaft. Für mich ist es eine Zumutung, allein essen zu müssen. Ungleich schöner ist es, im Kreis von Freunden oder der Familie zu schmausen und zu zechen. Beim Essen verträgt man sich, es versöhnt, es vertieft, es hält zusammen. Selbst Bünde werden beim Essen geschmiedet, ob partnerschaftlicher oder politischer Natur.

Die entwerteten Mittel zum Leben

Doch heute haben sich die Bereiche Essen und Gemeinschaft entkoppelt. Viele Kinder missen die gemeinsame Mahlzeit, also das soziale Ereignis, aber auch das strukturierende Element. Und die Bedeutung für den Fortbestand des Lebens, die allgegenwärtige Angst vor dem Mangel, welcher der Nahrung seit Jahrmillionen eine metaphysische Bedeutung verliehen hatte, ist verschwunden.
Mit der Fortentwicklung von Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie herrscht nun der Überfluss. Lebensmittel werden kaum noch als das wahrgenommen, was sie sind: Mittel zum Leben. Alte und Junge, Gebildete und weniger Gebildete, Reiche und Arme, Frauen und Männer haben permanent etwas zu trinken oder zu essen bei sich.
Obwohl wir wissen, dass wir weder Hunger noch Durst haben, können wir oft nicht anders: Die permanenten Reize ziehen uns mit. Eine uralte Menschheitsphantasie ist Wirklichkeit geworden. Überall ist das Schlaraffenland, bezahlbare Leckereien gibt es an jeder Ecke, fast minütlich wird unsere Standhaftigkeit geprüft.
Vom Lebensmittelchemiker bis zum Akustikdesigner machen sich viele Profis Gedanken um uns. Die Lebensmittelkonzerne stehen vor einem großen Dilemma: Der Markt ist im wahrsten Sinne des Wortes gesättigt. Mehr Umsatz lässt sich nur mit größeren Mengen, also größeren Portionen, machen oder mit immer neuen Angeboten, immer neuen Produkten.
Doch unsere historisch einzigartige Situation ist nicht nur durch Überfluss geprägt, sondern auch durch einen großen Mangel. Wie gesagt: Wir bewegen uns zu wenig. Nie in seiner Geschichte brauchte der Mensch weniger Energie.
Wir müssen damit klarkommen, dass natürliche Mechanismen nicht mehr funktionieren. Echten Hunger kennen wir nicht mehr, echte Sättigung aber auch nicht. Wir befinden uns in einem permanenten Zustand der Essbereitschaft für den angeblichen »kleinen Hunger zwischendurch«, der allerdings mit einer lebensbedrohlichen Situation nichts zu tun hat, sondern eher einer Laune, einem kurzen Verlangen entspringt, das immer wieder durch Werbung, Düfte, optische Reize angeregt wird. Karikaturisten könnten geneigt sein, die Hölle des 21. Jahrhunderts als ein Feinkostgeschäft oder einen Fast-Food-Laden darzustellen.
Es ist nicht leicht, das leiseste Appetitsignal nicht gleich als Anlass zur Nahrungsaufnahme zu interpretieren. Bei Pu, dem Bären, heißt es: »Weil Honig zu essen etwas so Besonderes war, gab es einen Augenblick unmittelbar vor dem Essen, der besser war als das Kosten selbst, aber er wusste nicht, wie man das nannte.« Diese kindliche Freude, diese Erwartung des Bissens, das kurze kleine Glück des Kauens und Schmeckens, das ist oftmals die alles entscheidende Frage. Essen ist die schnellste und einfachste Form der Lustbefriedigung, die es gibt. Dummerweise aber auch die kürzeste.

Fit statt fett

Das Lustessen, das Snacken aus der Hand, passt zum äußerst hektischen Lebensstil. Die Leidtragenden sind vor allem die Kinder. Doch wenn Eltern nicht mehr in der Lage sind, gemeinsam mit ihren Kindern zu essen, wenn überlebenswichtige Kulturtechniken, das Wissen um körperliches Wohlbefinden, um Essen und Nährwert, Zusammensetzung und Zubereitung von Speisen in der Familie nicht mehr vermittelt werden, dann wird Ernährungserziehung zur öffentlichen Aufgabe. Einen Nachwuchs, der nur noch das Einhandessen gelernt hat und sich zielstrebig fett snackt, den können wir uns nicht leisten, das dürfen wir den Kindern nicht antun. Wer im globalen Wettbewerb mit Innovation und Kreativität bestehen will und muss, darf nicht vergessen, seine Kinder auch entsprechend zu erziehen und zu bilden.
Wollen wir künftige Generationen stark machen im Kampf gegen die Bauchringe, muss die Ernährungserziehung in Kindergärten und Schulen getragen werden. Das Wissen um gesundes Essen und seine Bedeutung für Körper und Geist, um die Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln muss wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu den Kernkompetenzen gehören, die in der Schule vermittelt werden. Die Kinder lernen so viel Spannendes über große Planeten und kleine Moleküle. Aber über uns selbst, unser Essen und unser Kraftwerk Körper vermitteln wir dem Nachwuchs zu wenig. Es geht nicht darum, ein weiteres neues Schulfach zu schaffen, sondern ein Ernährungs- und Bewegungsbewusstsein als Querschnittsthema im Unterricht und der gesamten Schule zu installieren.
Vielleicht können gerade Kinder ein paar wichtige Grundsätze zurück in die Familien tragen. Das Vier-Milliarden-Programm der Bundesregierung für den Ausbau von Ganztagsschulen und damit auch Schulküchen ist ein wichtiger erster Schritt. Von gesunder Verpflegung an Kitas und Schulen sind wir zurzeit noch weit entfernt.

Der schwere Weg zurück

Es ist sehr schwer für Übergewichtige, den Weg zurück zum Normalgewicht zu gehen, geschweige denn durchzuhalten. Deshalb muss die Adipositas unbedingt schon in der Kleinkinderzeit bekämpft werden. Denn es geht um Verhalten, um Angewohnheiten, um Lebensstile, und die verändert man umso einfacher, je früher man damit ansetzt. Die Therapie eines Fettleibigen, der Jahrzehnte mit seinem Speckmantel zu leben gelernt hat, ist weit mühsamer, teurer und seltener von Erfolg gekrönt als Prävention im Kleinkind- oder Grundschulalter.
Doch es fehlt eine adäquate Zahl vernünftiger Behandlungsmethoden und -möglichkeiten. Eine Untersuchung der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) über die Therapiemöglichkeiten für dicke Kinder in Deutschland ergab ein niederschmetterndes Ergebnis: zu wenig Plätze, kein Einbinden der Familie, keine Erfolgskontrolle. Für Eltern betroffener Kinder gibt es nun zwei Möglichkeiten: Entweder ignorieren sie das Problem, oder sie begeben sich in die Hände kommerzieller Diätanbieter, was man weder den Kindern noch den Geldbeuteln der Eltern wünschen kann.
Wir können uns nur schwer vorstellen, was es für ein Kind bedeutet, übergewichtig zu sein. Laut einer Studie der University of Medicine of New Jersey aus dem Jahr 2000 ist das Seelenleben eines adipösen Kindes vergleichbar mit dem eines jungen Krebspatienten, der sich einer Chemotherapie unterzieht. Dicke Kinder sind sozial, emotional und physisch extrem eingeschränkt. Sie verpassen deutlich mehr Unterricht als Normalgewichtige, sind depressiver oder überaus ängstlich. Nur die wenigsten Kinder trauen sich, über ihre Probleme mit dem Gewicht, die Hänseleien, das Gefühl des Alleinseins zu reden. Und es werden immer mehr.

Die Kehrseite der Medaille

Während die Prozentzahlen der Menschen, die in den Industrieländern immer dicker werden, wachsen, magern die Models, gut frisierte Seismographen globaler Schönheitstrends, ständig vor sich hin. Models haben in der Mehrheit einen unterdurchschnittlichen BMI, oftmals sind sie sogar krankhaft unterernährt. Aber Schlanksein ist erwünscht, eine gesellschaftliche Norm, die in Kultur und Werbung als erstrebenswert transportiert wird.
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Vor allem deshalb sitzt bei vielen Frauen das schlechte Gewissen immer mit am Tisch. Im Mittelpunkt ihrer Lebensmittelauswahl steht nicht der Appetit auf Schmackhaftes, Genuss oder gar echter Hunger, sondern die Angst vor Kalorien. Sie achten beim Essen permanent auf ihr Gewicht. Viele denken, dass Erfolg und Glück im Leben davon abhängen, wie viel sie auf die Waage bringen.
Der Diätwahn beginnt heute schon im Kinderzimmer: Jedes vierte Mädchen unter zwölf Jahren hat mindestens eine Schlankheitskur hinter sich. Wen wundert es da, dass die Zahl der Magersüchtigen ständig steigt? Auch dass der Nikotinkonsum gerade bei Mädchen erschreckend zunimmt, mag mit einer irrationalen und selbstzerstörerischen Magerlust zu tun haben. Und je mehr Waschbrettbäuche uns auf Werbeplakaten und in Männerzeitschriften präsentiert werden, desto mehr essgestörte junge Männer werden die Psychiatrien bevölkern.
Die Wahrnehmung des eigenen Körpers ist bei Magersüchtigen verzerrt. Obwohl sie dürr sind bis auf die Knochen, halten sie sich für zu dick. Das Hungern wird zur Sucht: Es soll zu einem glücklicheren Leben führen und den fehlenden Selbstwert kompensieren. Der schwierige Weg heraus aus der Hungerfalle führt immer über ein klareres Selbstbild und ein besseres Selbstwertgefühl. Wie die Fettleibigen müssen auch die Dünnen lernen, auf ihren Körper zu hören und gut für sich selbst zu sorgen.

Gewicht und Herkunft

Wenn wir keinen gesellschaftlichen Konsens erzielen und nicht alle Anstrengungen unternehmen, Kinder früh an eine gesunde Ernährung zu gewöhnen, dann werden wir millionenfache Leidensgeschichten schaffen, die alle einem ähnlichen Drehbuch folgen: unzähligen Diäten, quälende Gymnastikstunden, Beratungen und ebenso viele Rückschläge und Demütigungen. Viele Übergewichtige haben die ganze Palette von Abnehmprogrammen durchlitten, für viele tausend Euro. Sie haben sich wochenlang von Diät-Drinks ernährt, das Fett weggelassen, jedes Kohlenhydrat oder beides zusammen, haben die Ananasdiät gemacht, die Kartoffeldiät, sie haben Atkins versucht und sich bei den Weightwatchers beklatschen lassen. Verschwunden sind Geld und Selbstwertgefühl. Nur das Gewicht ist geblieben.
Wie unendlich schwer es ist, ein einmal gesammeltes Übergewicht loszuwerden, weiß jeder, der sich nur einen Tag lang irgendeiner Diätfron unterworfen hat. Auch wenn uns die Zeitschriften mit großer Ausdauer erzählen, dass es jetzt garantiert eine Wunderdiät ohne Hungern gibt, so ist es im Prinzip seit Jahr und Tag dasselbe: Abnehmen funktioniert nur mit angemessenem Essen und Bewegung.
Doch das ist erst der Anfang: Um dauerhaft sein Gewicht zu halten, muss der Lebensrhythmus systematisch umgestellt werden. Wer das Essen als einzigen Freund, als einzige Belohnung und Trost kennen gelernt hat, für den bedeuten derlei Veränderungen mehr als nur den Verzicht auf Marzipan und Cola, sondern massive Eingriffe in einen komplexen Lebenslauf. Wer immer weniger soziale Kontakte und Freundschaften hat, sich auf die Einbahnstraße der Kommunikation begibt, per TV oder PC, für den ist es nach Jahren unendlich schwer, wieder ein soziales Wesen zu werden. Es sind überproportional viele Kinder aus sozial schwachen Schichten und Familien mit Migrationshintergrund, die diese Fähigkeiten nicht mehr lernen. Fettleibigkeit ist in Deutschland zu einem Zeichen von Armut geworden. Die Schuleingangsuntersuchungen zeigen es, Kinder aus finanziell schlecht gestellten und gerade aus Migrantenfamilien sind immer stärker betroffen als andere. Deshalb ist es eine zentrale Frage von Gerechtigkeit, dass wir uns dieses Themas annehmen.

Bitte keine Moral

Wir sollten uns allerdings hüten, nun eine Moraldebatte zu führen zum Thema »Ist Dicksein nicht ein persönliches Versagen, ein Verhaltensproblem, Mangel an Disziplin?«. Denn Fettleibige haben genug Probleme, da brauchen sie nicht auch noch einen Schuldkomplex. Die Demütigungen gibt es ohnehin schon reichlich. Dem Populismus aber sind Tür und Tor geöffnet. Dicke haben keine starke Lobby, besonders nicht die Schwächsten unserer Gesellschaft.
Ein Bewusstseinswandel tut Not. Wichtig ist mir dabei vor allem, dass die wachsende Fettleibigkeit nicht als individuelles Problem, sondern in seiner Ausrichtung als Bedrohung für das Gemeinwesen verstanden wird. Wir können zuschauen, bis es so weit ist wie in Amerika, oder wir beginnen jetzt, hier und heute, die Volkskrankheit Übergewicht zu bekämpfen. Denn nur wenn Politik und Industrie, Bürger, Gesundheits- und Bildungssystem, Sport und Eltern zusammenarbeiten, können wir diese Herausforderung meistern.
Eines steht allerdings jetzt schon fest: Schnelle Erfolge wird es nicht geben. Das Ess- und Bewegungsverhalten ist ein sehr widerspenstiger Gegner, zumal die Politik (zum Glück) kaum Einfluss darauf hat. Was wir brauchen, ist eine Art Mobilmachung. Wir müssen uns auf einen langen, zermürbenden Wettkampf um jedes Gramm einstellen, der uns sicher auch Rückschläge bescheren wird. Die Erfahrungen von Medizinern mit diesem Kampf stimmen alles andere als zuversichtlich. Andererseits wird das Problem mit jedem Tag, den wir warten, um einige Kilos größer und eine Lösung umso schwieriger. Umgekehrt gilt: Je eher wir anfangen, desto niedriger ist der Berg, den wir abtragen müssen. Jedes Pfund, das noch nicht auf unseren Rippen lastet, ist ein Erfolg.

Auf die Folgen schauen

Ist es überhaupt Angelegenheit der Politik, sich um die Gestaltung des Alltags von mündigen Bürgern zu kümmern? Die Linken wollen doch nur überall herumregulieren, höre ich die konservativen Kollegen mäkeln. Essen sei Privatangelegenheit der Menschen, wer sich wider besseres Wissen mäste, müsse auch mit den Folgen eigenverantwortlich klarkommen. Diese Kritiker verkennen natürlich, dass solche Menschen eines Tages der Vorwurf ereilen wird, der Allgemeinheit hohe Kosten zu verursachen.
Ist es nicht auch Aufgabe des Staates, bei grundsätzlichen Veränderungen des Lebensstils rechtzeitig eine öffentliche Debatte anzuzetteln über Folgen und Kosten für das Individuum und das Gemeinwesen? Bei der Einführung einer neuen Technik sind uns heute die Technikfolgenabschätzung und aufwändiges Monitoring selbstverständlich. In einer Wissensgesellschaft brauchen wir auch dies: die Einschätzung der Folgen unseres modernen Lebensstils und die Entwicklung von Konzepten, die Schäden verhindern. Das heißt, die Wissensgesellschaft darf sich nicht nur mit Brain Drain oder Brain Gain beschäftigen, mit der Ab- oder Zuwanderung von Intellektuellen. Unser Ziel muss sein, unsere Kinder mitzunehmen, richtig auszubilden. Wir brauchen eine moderne, bewegungsaktive Stadt.
Es geht hier also nicht nur um einzelne Schicksale, sondern um die Gemeinschaft. Die Folgekosten zahlt jeder Steuerbürger, jeder Unternehmer, jeder Krankenkassenbeitragszahler. Ist es wirklich demokratisch, Gewinne einer Technik zu privatisieren, Folgekosten aber auf die Gemeinschaft abzuwälzen? Es kann ja nicht damit getan sein, dass ein Gesundheitsminister, gleich, welcher Partei, ausschließlich damit befasst ist, den Kosten hinterherzurennen, dass eine Familienministerin nur Kindergeld auszahlt und eine Ernährungsministerin nur tätig wird, wenn MKS und BSE unsere Tiere befallen.
Wenn es eine zentrale Aufgabe von Politik ist, weit reichende Gerechtigkeit bei den Startchancen ins Leben zu schaffen, dann gehört es sicher dazu, Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln, die mit hinreichender Bewegung und vernünftiger Ernährung zu tun haben. Denn wer dick in die Schule kommt, wird wahrscheinlich auch dick durchs Leben gehen. Und damit fangen wir am besten in der Vorschulerziehung an und setzen es in der Schule fort. Fettleibigkeit ist nämlich auch ein Bildungsproblem.
Ansonsten droht uns ein Kulturkampf, der nur Verlierer kennt. Es wird einen erbitterten Streit geben zwischen denen, die an der Entwicklung verdienen, und denen, die darunter leiden. Wie bei der Prohibition oder dem Tabakverbot am Anfang des vergangenen Jahrhunderts wird es nicht nur um Gesundheit gehen, sondern um Größeres, um Grundrechte, um die Aufgaben des Staates und, wie immer bei den ganz großen Themen, auch um das Verhältnis von Bürgern und Gemeinschaft, von Rechten und Pflichten.
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Das klingt allerdings leichter, als es ist. Obgleich Mediziner, Ernährungswissenschaftler, Sportexperten und Nahrungsmittelproduzenten nie mehr forschten und wussten über die komplexen Abläufe zwischen Essen, Bewegen und Zunehmen, scheint es doch unendlich schwer zu sein, einer immer schneller fortschreitenden Gewichtszunahme Herr zu werden. »Selbst wenn wir heute alles richtig machten, um diesen Trend zu stoppen, würde es die weitere Ausbreitung in den nächsten zehn Jahren kaum ändern«, fürchtet Van Hubbard, Direktor beim US-Institut für die Koordinierung der Ernährungsforschung. George Blackburn, Ernährungsexperte an der Harvard Medical School, sieht die Lage noch düsterer. Angesichts der Steigerungsraten habe es den Anschein, »als verlören wir hier eine Schlacht, Fettleibigkeit vorzubeugen oder zu bekämpfen«.

Standortvorteil Gesundheit

Ich bin da optimistischer. Unsere Kampagnen, angefangen bei »Trimm Dich« bis zu derjenigen gegen Aids, haben bewiesen, dass wir Dinge bewegen können, sogar uns selbst.
Deutschland hat die Chance, sich als ein Standort zu positionieren, der eine neue Zivilisationskrankheit, welche die ganze Erde erfassen wird, am ehesten und effektivsten in den Griff bekommen hat. Nach der PISA-Studie ist alle Welt nach Finnland gepilgert, um ein modernes und effektives Bildungssystem zu bestaunen. Warum setzen wir uns nicht zum Ziel, jenes Land zu werden, das weltweit führend ist in Fragen der individuellen und allgemeinen Gesundheit, das der Epidemie Adipositas ein neues und ganzheitliches Konzept entgegensetzt? Wer, wenn nicht wir?

II.
Hilfe, wir verfetten, oder

Wie sich zunehmend Gewicht in unser Leben schleicht
Der Sitz war zu schmal für ihn, er hatte entweder zwei Tickets kaufen müssen, oder die Fluggesellschaft war so kulant gewesen, neben ihm einen Platz frei zu lassen. In den USA kämpfen Fluglinien gerade mit den Verbänden der Übergewichtigen um die Frage: Darf die Airline für diese Passagiere zwei Tickets verlangen oder muss sie den ausufernden Hüften ihrer Fluggäste entgegenkommen und die Sitze verbreitern, was natürlich auch wieder höhere Preise bedeuten würde?
Es gibt für Übergewichtige viele Aktivitäten des täglichen Lebens, die zur Schwerstarbeit geraten. Oftmals dauert es viele Jahre, bis die 30 000 Fettzellen manchmal gar das Zehnfache ihrer eigentlichen Größe erlangt haben. Nachdem sie kontinuierlich mehr Energie aufgenommen hatten, als sie brauchten. Irgendwann dann hat der Körper sogar zusätzliche Fettzellen aktiviert, die Präadipozyten. In früheren Zeiten hätte dieser Körper das Überleben gesichert, weil er offenbar besonders gut überschüssige Energie für schlechte Zeiten einlagern kann. Doch heute erweist sich die Speicherfähigkeit als Fluch. Die Vorräte schwellen an, werden aber nicht verbraucht. Fett ist ein eigensinniges Zeug, zickig und unberechenbar, aber auch sehr anhänglich. Es ist nicht nur träge, sondern eine durchaus schlaue Masse. Es schützt und polstert, es regelt unser Wohlbefinden, es ist verbunden mit dem Gehirn, es will am Körper bleiben. Fett ist nicht leicht wegzukriegen. Und das ist das Unangenehme.

Dicksein ist eine Quälerei

Der Mann im Flugzeug muss unzählige Warnungen von Ärzten, die zarten Hinweise seiner Freunde und die deutlicheren seiner Familie überhört haben, er wird Diäten und Trimmprogramme ausprobiert haben, vielleicht hat er sich schon operieren lassen. Wahrscheinlich leidet er an Diabetes und Herz-Kreislauf-Problemen, wird öfter zum Arzt gehen, häufiger im Job fehlen als Normalgewichtige; dass er mit psychischen Problemen zu kämpfen hat, ist wahrscheinlich. Dick ist keiner gern in einer Welt der »Waschbrettbäuche«. Der seelische Druck, der auf den Vertretern der Generation XXL lastet, ist groß. Wie stark muss die Macht des Appetits sein, wenn er alle diese schweren Probleme übertönt?