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Inhaltsverzeichnis
 
Das Buch
Die Autorin
Knocking on Heaven’s Door
 
EINS
S. O. S. aus dem Himmel!
 
ZWEI
Der Himmel steh mir bei
 
DREI
Ein himmlisches Vergnügen
 
VIER
Dem Himmel sei Dank
 
FÜNF
Finally it has happened to me.
The Roof, the roof, the roof is on fire!
Dem Himmel so fern
 
SECHS
Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen
 
SIEBEN
Mit einem Fuß im siebten Himmel
 
ACHT
 
NEUN
 
ZEHN
Ein himmelweiter Unterschied
 
ZEHN JAHRE SPÄTER
Copyright

Das Buch
»Wie ich gestorben bin? Ich wurde überfahren. Die gute Nachricht lautet: Es war zum Glück kein Trecker (wer stirbt schon gern wie in einem abgedroschenen Witz?). Die schlechte lautet: Es war ein Mini Cooper. Ich höre förmlich meine beste Freundin Penelope Tränen lachen bei der Vorstellung, dass mein dicker Hintern der Kollision mit einem Mini nicht gewachsen war. Eigentlich ist mein Hintern gar nicht so dick, aber so reden beste Freundinnen eben übereinander.«

Die Autorin
Adena Halpern, geboren in Philadelphia, studierte Dramatic Writing an der New York City University und Drehbuch am American Film Institute. Sie arbeitet als Journalistin und Kolumnistin und schrieb unter anderem für Marie Claire und die New YorK Times. Adena Halpern lebt mit ihrem Ehemann in Los Angeles, wo sie an ihrem nächsten Roman arbeitet. Weitere Informationen finden sich unter www.zumsiebten-himmel.de

Knocking on Heaven’s Door
Ich bin heute gestorben, zu meiner großen Verblüffung. Ich hatte mich allen Ernstes für unsterblich gehalten. Nicht, dass ich je besonders gut auf meine Gesundheit geachtet hätte. Obwohl ich immerhin dreimal die Woche ins Fitnessstudio gepilgert bin. Äh, okay, zweimal die Woche … Also gut, oft auch nur einmal die Woche oder gar nicht. Aber ich habe mich vernünftig ernährt und auf meine Figur geachtet (gut, vielleicht hätte ich statt der Doritos gelegentlich etwas »Richtiges« zu mir nehmen sollen). An den Wochenenden habe ich gerne mal einen über den Durst getrunken. Hin und wieder auch unter der Woche. Gestern Abend zum Beispiel, und möglicherweise auch am Abend davor … Genau weiß ich es nicht mehr. Ich habe immer mindestens acht Stunden geschlafen (mit einer Schlaftablette kein Problem!). Und trotzdem kam mir nie in den Sinn, dass ich eines Tages sterben, tot sein, nicht mehr leben würde. Aber ich schätze, das geht allen so.
Jetzt ist es ohnehin einerlei. Aber hätte ich geahnt – und mich damit abgefunden -, dass ich schon so bald hier oben landen würde, dann hätte ich rauchen und saufen und nach Herzenslust mit allen möglichen Drogen experimentieren können. Ich hätte mir die Besuche im Fitnessstudio und die alljährliche Vorsorgeuntersuchung sparen können. Wie oft habe ich mir Sorgen um meine Zukunft gemacht! Wie oft habe ich meinen Freundinnen vorgejammert, ich wüsste nichts mit mir und meinem Leben anzufangen! Wie oft haben mir meine Eltern wegen meiner Orientierungslosigkeit ins Gewissen geredet! Alles völlig überflüssig. Ich hätte mit Steve schlafen können (und zwar ohne Gummi!), ehe er mich sitzen ließ. Aber nein, ich glaubte ja, die keusche Maid mimen zu müssen und behauptete, ich würde prinzipiell erst einen Monat nach dem ersten Date mit einem Mann ins Bett gehen. Wie gut, dass ich wenigstens Klamotten, Schuhe und Taschen gekauft habe, bis meine Kreditkarte streikte. Und was für ein Segen, dass ich nicht einen einzigen Cent für die Rente zurückgelegt habe!
Wie ich gestorben bin?
Ich wurde überfahren.
Die gute Nachricht lautet: Es war zum Glück kein Trecker (wer stirbt schon gern wie in einem abgedroschenen Witz?). Die schlechte lautet: Es war ein Mini Cooper. Ich höre förmlich meine beste Freundin Penelope Tränen lachen bei der Vorstellung, dass mein dicker Hintern der Kollision mit einem Mini nicht gewachsen war. Eigentlich ist mein Hintern gar nicht so dick, aber so reden beste Freundinnen eben übereinander.
 
Es ging alles ganz schnell.
Es war vier Uhr Früh, und ich überquerte gerade mit Peaches den Fairfax Boulevard in Los Angeles, als wir von diesem roten Mini niedergemäht wurden. Peaches ist mein Pocket Beagle. Nun bin ich normalerweise nicht um vier Uhr morgens mit meinem Hund unterwegs, aber Peaches hatte den ganzen Tag an Verstopfung gelitten, und ihre gestörte Darmmotorik hatte just zu diesem Zeitpunkt beschlossen, ihre Tätigkeit endlich wieder aufzunehmen. Mich plagt noch immer das schlechte Gewissen, weil ich die Ärmste eine gute Dreiviertelstunde neben meinem Bett winseln ließ, bis ich mich aufraffen konnte, mit ihr Gassi zu gehen. Sie ist so ein süßes, braves, knuddeliges Hundchen. Aber man kennt das ja: Wenn man erst einmal in Morpheus’ Armen ruht, ist einem meist alles schnurz, selbst ein bedauernswerter Schoßhund mit aufrührerischen Gedärmen.
Jedenfalls habe ich mich ihrer irgendwann doch erbarmt. Zum Glück war ich am Vorabend todmüde in voller Montur ins Bett gesunken. Warum das so ein Glück ist, darauf komme ich später zurück. Jedenfalls trug ich zum Zeitpunkt meines Todes nicht wie zu erwarten eine schlabberige Jogginghose und ein fleckiges T-Shirt, sondern meine sexy Jeans und mein Lieblings-Kapuzenshirt mit U-Boot-Ausschnitt, der mir immer so lässig über die linke Schulter rutscht. Wie dem auch sei, Peaches musste ebenfalls ihr Leben lassen und ist jetzt hier bei mir.
Ist das nicht furchtbar? Die arme Kleine – da hatte sie sich endlich erleichtert, und einen Augenblick später war sie tot.
Na, ist das ein ungewöhnliches Ende, oder was? Ich muss immer wieder daran denken, was ich alles anders gemacht hätte, wenn ich geahnt hätte, dass ich im zarten Alter von neunundzwanzig Jahren nachts um vier von einem Mini Cooper überfahren werden würde, während ich mit meinem Hund Gassi gehe. Hier oben meinen alle bloß: »So ist das Leben eben.« Ob ich tatsächlich etwas anders gemacht hätte? Hm. Keine Ahnung. Ich hätte vermutlich nicht so ein Theater um meine Zähne veranstaltet. Seit mir meine Großmutter auf dem Sterbebett aufgetragen hat, meine Zähne immer gut zu pflegen (damit ich nie »so ein verfluchtes künstliches Gebiss brauche«), habe ich mir nämlich fleißig dreimal täglich die Zähne geputzt – mit Zahnseide und allem Drum und Dran. Ich hätte mir alle Sehenswürdigkeiten angeschaut, die auf meiner Liste standen – die Pyramiden und die Sixtinische Kapelle und die Mona Lisa. Ich habe noch nicht einmal die Freiheitsglocke gesehen, dabei bin ich in Philadelphia aufgewachsen. Ich hätte bei meiner Klasse bleiben sollen, als wir in der Zehnten nach New York fuhren, aber nein, anstatt mir die Freiheitsstatue anzusehen, musste ich mich ja mit Penelope zu Bergdorfs davonschleichen. Ich hätte auf diese ganzen Anti-Aging-Gesichtsmasken verzichten können, und auf die Botox-Spritzen zweimal im Jahr. Und ich wäre weit weniger verschwenderisch mit der Sonnencreme umgegangen.
Eigentlich sollte mich der Gedanke, dass mich meine Eltern und meine Freunde verloren haben, ja ziemlich belasten, aber hier oben betrachtet man alles sehr gelassen. Ich glaube zwar nicht, dass wir medikamentös ruhig gestellt wurden, aber genauso fühlt es sich an – als hätte man mir einen Tropf mit einem Beruhigungsmittel angelegt. Ich habe mich erkundigt, ob ich ein allerletztes Mal auf die Erde darf, um meinen Leutchen Bescheid zu geben, doch nein, ich kann nichts unternehmen. Ich höre von überall nur, wenn meine Eltern und Freunde einmal sterben und hierherkommen, werden sie ohnehin feststellen, dass sie sich den ganzen Kummer hätten sparen können. Ist das nicht unfair? Angeblich hat das Betrauern von toten Angehörigen rein gar nichts mit dem Himmel zu tun, sondern ist lediglich Teil eines Lernprozesses, den alle Menschen auf der Erde durchlaufen müssen. Wie fies ist das denn!? Meine Eltern weinen sich garantiert die Augen aus. Ich wünschte wirklich, ich könnte etwas unternehmen – ganz laut schreien, dass alles in Ordnung ist und es mir gut geht zum Beispiel. Ich vermisse sie jetzt schon, ehrlich. Ich war zwar ziemlich beschäftigt mit Sterben und In-den-Himmel-kommen, aber ich würde alles tun, um sicherzugehen, dass sie wissen, wie sehr ich sie liebe. Die Leute, die damals bei diesem schrecklichen Minenunglück ums Leben kamen, die hatten immerhin Gelegenheit, ihren Familien Briefe zu schreiben, ehe sie starben. Aber ich? Was ist mit mir? Das ist echt ungerecht! Na, wenigstens haben die Minenarbeiter und ihre Familien jetzt ihren Seelenfrieden.
Wo ich eigentlich bin und was ich dort mache? Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht so genau. Bin ich tot? Lebe ich? Bin ich in einer anderen Dimension gelandet?
Ich bin erst vor ein paar Stunden angekommen und habe noch nicht so den Durchblick. Aber ich kann zumindest berichten, was bisher geschehen ist. Ich nehme mal an, dass ich das darf. Mir wurde jedenfalls nichts Gegenteiliges gesagt, und ich schätze mal, ich bin nicht das erste Plappermaul, das in den Himmel kommt.
Also: Im Zusammenhang mit dem Sterben ist doch immer von diesem weißen Licht die Rede. Tja, dieses Licht ist das Himmelstor. Erst habe ich es noch für die Leuchtreklame über dem Eingang des Canter’s Deli gehalten, denn das hatte ich gerade angesteuert, als der Mini Cooper angerast kam. Aber das Licht war überall. Das Letzte, was ich auf der Erde erblickte, war also dieser Mini, und da hatte er mich auch schon erfasst und ich segelte über die Motorhaube, und dann sah ich das weiße Licht. Ich dachte an das kleinwüchsige Medium in Poltergeist, das ständig raunt: »Geh nicht ins Licht, Carol Ann!« Aber ich konnte gar nicht anders. Das Licht war überall. Ich blickte hinter mich, nach rechts, nach links, nach oben – überall dieses Licht. Muss ganz schön dämlich ausgesehen haben, wie ich panisch hierhin und dorthin gerast bin, um ihm zu entkommen. Eigentlich kam es mir eher wie die Tornado-Szene im Zauberer von Oz vor, nur ohne Tornado natürlich. Dafür war Peaches bei mir und spielte den Part von Toto dem Hund. Ich glaube, in diesem Moment setzte die Gelassenheit ein – als ich feststellte, dass Peaches bei mir war und es kein Entkommen vor dem Licht gab.
Man darf sich dieses Licht übrigens nicht grell vorstellen, nicht so, als käme man tagsüber aus einer Kinovorstellung und müsste die Augen zusammenkneifen. Es ist sehr beruhigend, wie in einem dieser Parfüm-Werbespots mit Elizabeth Taylor, die den Eindruck erwecken, als hätte der Kameramann einen Gazeschleier vor die Linse gehängt.
Jetzt kommen die Klamotten ins Spiel. Ich habe ja bereits erwähnt, wie erleichtert ich war, weil ich noch die Kleider vom Vortag trug und keinen schäbigen Jogginganzug. Wenn man in den Himmel eincheckt, hat man nämlich genau die Kleider an, die man zum Zeitpunkt seines Ablebens trug. Angeblich kann ich mich umziehen, sobald man mir ein Dach über dem Kopf zugeteilt hat (ich kann nur hoffen, es gibt hier anständige Kleider!), aber bis dahin muss ich anbehalten, was ich trug, als ich starb. Es laufen ziemlich viele Leute in Krankenhauskitteln herum, einige auch nackt, aber die meisten sind angezogen. Übrigens sieht niemand krank oder verletzt aus. Kein Blut. Nicht einmal ein Kratzer. Ich war überzeugt, dass ich mit blauen Flecken übersät sein würde – ich könnte schwören, dass ich mindestens einen halben Häuserblock mitgeschleift wurde, ehe ich den Geist aufgab. Doch siehe da: kein Blut, keine Schürfwunden, keine Prellungen. Muss damit zu tun haben, dass ich jetzt kein Wesen aus Fleisch und Blut mehr bin, sondern ein Geist, aber ganz durchschaut habe ich das alles noch nicht.
Bei meiner Ankunft hier stand ich sofort in einer Warteschlange. Ich musste nicht erst hingehen und mich anstellen – ich erwachte (obwohl ich ja gar nicht geschlafen hatte) und befand mich bereits in der Schlange. Erst war da wie gesagt das weiße Licht, und dann plötzlich – puff – die Schlange. Das Himmelstor ist ein riesiger weißer Fleck. Ich schwebe auch nicht, sondern ich gehe, und zwar auf Wolken, und ich kann meilenweit sehen. Es scheint eine Art Schwerkraft zu geben, so seltsam das klingen mag. Keine Ahnung, wie das funktioniert. Es hieß, ich könne schon bald mein neues Heim beziehen, aber erst müsse ich einchecken. Ich stelle mir meine Unterkunft wie ein Zimmer in einem Ian-Schrager-Hotel vor – modern und blitzsauber, weiße Wände, ein riesiges weiches Bett und eine Stereoanlage von Bose. Ich werde berichten. Doch nun zurück zur Warteschlange.
Normalerweise hasse ich es ja, irgendwo anstehen zu müssen. Die Schlange war schrecklich lang, länger als bei der KFZ-Zulassungsstelle an einem hektischen Tag. Vor mir warteten mindestens zehntausend Leute, was mich sonst bestimmt ziemlich genervt hätte, aber da ich keine Ahnung hatte, warum ich überhaupt in der Schlange stand, flippte ich deswegen nicht gleich aus. Wie gesagt, man nimmt alles sehr gelassen hier oben. Außerdem wurde uns das Warten von einigen Engeln versüßt (ganz recht, von Engeln mit Flügeln; ja, die gibt es wirklich), die auf und ab gingen und uns Häppchen reichten: Kanapees mit Kaviar, Würstchen im Schlafrock, gebackenen Mozzarella, Hühnchenspieße, Chips und Dippsaucen, Crudités, Bruschetta, Krabbencocktail und so weiter und so fort. Ich hielt mich zurück – ich wusste ja nicht, was sie als Nächstes bringen würden, und meine Großmutter sagte immer: »Spar dir noch Hunger für die Hauptspeise auf.« Es wurden auch Getränke serviert: Champagner, einige härtere Sachen, Cocktails, Wein, Limo, Fruchtsäfte, Tee, Kaffee … Das Angebot ließ keine Wünsche offen. Ich entschied mich für den Schampus, der wunderbar lieblich und herb zugleich schmeckte. Ich trank fünf Gläser.
Es gibt übrigens noch einen weiteren Grund, warum ich froh war, dass ich keinen ausgeleierten Jogginganzug anhatte. Wenn man wie ich mit knapp dreißig in den Himmel kommt und noch Single ist, dann wünscht man (besser gesagt, frau) sich wohl nichts sehnlicher als einen attraktiven Mann an seiner Seite. Wie es der Zufall wollte, befand sich keine fünfzehn Leute hinter mir ein absolut umwerfender Typ. Mit den Leuten, die vor und hinter mir standen, kam ich rasch ins Gespräch, wie das häufig der Fall ist, wenn man längere Zeit in einer Schlange steht. Ich lernte zwölf Schulkinder aus Deutschland kennen, die bei einem Busunglück umgekommen waren und sich die Wartezeit mit Peaches vertrieben. Und Harry und Elaine Braunstein aus Long Island, die immer in Boca Raton überwintert hatten. Die beiden waren im Schlaf gestorben. Gasvergiftung. Elaine hatte den Herd nicht richtig abgedreht. Jean-Pierre aus Frankreich war seinem Prostatakrebs erlegen, und Mrs. O’Malley aus Irland war eine Unebenheit im Bürgersteig zum Verhängnis geworden – wenn man mit hundertvier Jahren stürzt und sich die Hüfte bricht, sind Komplikationen ja quasi vorprogrammiert.
Ehrlich gesagt war es eher eine Party als eine Warteschlange, nur dass man einander nicht fragte »Und, was machen Sie so?«, um ins Gespräch zu kommen, sondern »Und, wie sind Sie gestorben?«. Und dann erspähte ich den Adonis in Jogginghose und T-Shirt etwas weiter hinten. Es war eine dieser klassischen »Huch, erwischt«-Situationen. Unsere Blicke kreuzten sich flüchtig, wir wandten uns verlegen ab, guckten aber beide gleich noch einmal ganz verstohlen hin. Ich lächelte ihn an, er lächelte zurück, und dann schlenderte er zu mir nach vorn. Ich ließ mir unauffällig den Ausschnitt meines schwarzen Oberteils von der Schulter rutschen (ein todsicherer Trick, den ich zu Lebzeiten oft erfolgreich angewendet habe). Der Kerl war heiß: Mitte dreißig, volles, dunkelblondes Haar, wunderschöne grüne Augen – kurz, ein Robert-Redford-Typ.
»Ist das deiner?«, fragte er und ging in die Knie, um Peaches zu streicheln.
»Ja«, sagte ich und lächelte mit schief gelegtem Kopf auf ihn hinunter. Als mir klar wurde, dass ich mit ihm flirtete, als stünde ich vor einem Club in L. A. und nicht vor dem Himmel, wäre ich am liebsten im Boden versunken.
»Süß«, stellte er fest. »Ich heiße übrigens Adam Steele.« Er richtete sich auf und reichte mir die Hand.
»Alex Dorenfield.« Ich lächelte.
»Und, was meinst du zu dieser Schlange?«, wollte er wissen.
»Ganz schön nervig.« Ich zog die Nase kraus, als stünde ich mir jeden Tag vor dem Himmelstor die Füße in den Bauch.
»Wie bist du gestorben?«, fragte er mich.
»Ein Auto hat mich erwischt. Und du?«
»Herzinfarkt. Ich war im Fitnessstudio und hab mich am Ellipsentrainer ausgetobt, als es passiert ist. Echt ärgerlich. Ich wusste gar nicht, dass ich ein Herzleiden hatte. Wie auch? Ich war gerade mal Mitte dreißig und topfit.«
»Ganz schön unfair.«
»Was dich betrifft aber auch«, sagte er. »Wo hast du gelebt?«
»Los Angeles. Und du?«
»New York.«
Wir schwiegen. Würde er mich um ein Date bitten? Hat man hier oben überhaupt Dates? Falls ja, wohin würden wir gehen? Gibt es einen Michelin-Führer für den Himmel?
»Tja, ich schätze, ich sollte dann mal wieder zurück zu meinem Platz«, sagte er schließlich.
Was antwortet man in so einer Situation? »Ach, bleib doch einfach hier stehen«? Ich zog in Erwägung, Mrs. O’Malley zu fragen, ob sie etwas dagegen hätte, damit ich noch ein bisschen mit Adam flirten konnte, aber das erschien mir dann doch frevelhaft.
»Darf ich dich vielleicht mal anrufen?«, fragte er.
»Gerne«, erwiderte ich. Die Braunsteins lächelten mich an, wie nur jüdische Eltern lächeln, wenn sie hoffen, dass sich eine junge Frau einen Freund angelt.
»Vorausgesetzt, die haben hier oben Telefone.« Er gluckste.
»Genau.« Ich gluckste ebenfalls. Gott, wie peinlich.
Dann begab er sich zurück an seinen Platz in der Schlange, hinter den deutschen Schulkindern und den beiden betagten Pokerspielern. Ich wandte mich noch zweimal zu ihm um und winkte, aber das war’s. Ich kann nur hoffen, dass es im Himmel Telefone gibt. Bitte, bitte, bitte!
Wenn man bedachte, dass anfangs gut zehntausend Leute vor mir in der Schlange gestanden hatten, ging es erstaunlich rasch voran. Ich könnte schwören, dass ich keine zwanzig Minuten warten musste. Wenn man tratscht und Schampus schlürft und flirtet, vergeht die Zeit eben wie im Flug. Kann aber auch sein, dass die Zuständigen richtig auf Zack sind. Vermutlich haben sich im Laufe der Jahrhunderte genügend Leute beschwert. Schließlich war ich also beim Himmelstor angelangt, das übrigens tatsächlich ein Tor ist, umstrahlt vom viel zitierten weißen Licht, genau, wie man sich das landläufig vorstellt.
»Hi, Alex; hallo, Peaches«, begrüßte uns ein wunderschöner, brünetter weiblicher Engel mit einem Klemmbrett. »Willkommen im Himmel. Bitte begebt euch zum Check-in ins ›Haus der Glückseligkeit‹.« Ich warf einen Blick auf den Umgebungsplan, den sie mir reichte. Alle eingezeichneten Gebäude trugen »himmlische« Namen: »Haus der Göttlichkeit«, »Haus der Harmonie«, »Haus der Idylle« und so weiter. Ich musste lachen. Der Himmel ist ein einziges Klischee!
Hier sitze ich nun also, in einem Warteraum im »Haus der Glückseligkeit«. Der Engel mit dem Klemmbrett meinte, gleich würde ich erfahren, wo ich künftig wohnen werde. Mrs. Braunstein ist ebenfalls hier, ihr Gatte dagegen wurde ins »Haus der Idylle« geschickt. Adam hat sich auf den Weg ins »Haus der Utopien« gemacht.
»Ich bin richtig froh, meinen Mann eine Weile los zu sein«, vertraut mir Mrs. Braunstein an. »Ich habe die Nase voll von seinen Vorhaltungen. Gut, es war meine Schuld, dass der Gasherd nicht richtig abgedreht war, aber wir machen doch alle gelegentlich Fehler.«
Der Warteraum ist hellblau gestrichen und wirkt mit seinen buttercremeweißen Ledersofas wie ein nobler Country Club. Wir sind insgesamt gut zwanzig Leute. Wieder gibt es eine gut bestückte Bar und jede Menge Köstlichkeiten. Ich gehe gleich mal zur Salatbar und hole mir einen gemischten Salat. Ich finde, das steht mir jetzt zu, nachdem ich vorhin auf die Horsd’œuvres verzichtet habe. Mrs. Braunstein holt sich einen Eisbecher mit heißer Karamellsauce und blinzelt mir auf dem Rückweg verschwörerisch zu. »Ich bin tot, was soll’s?«
Ich habe kaum meinen Salat verdrückt, da ruft mich ein weiterer Engel zu sich. »Alex? Es kann losgehen.«
Ich küsse Mrs. Braunstein zum Abschied auf die Wange, und wir kommen überein, einander Bescheid zu geben, sobald wir wissen, wie es mit uns weitergeht.
»Ich werde nach diesem Adam Ausschau halten«, verspricht sie. »Ihr zwei habt ein wunderhübsches Paar abgegeben.«
Adam war in der Tat die reinste Augenweide. Ich hoffe und bete, dass es im Himmel Telefone gibt.
Ich werfe ihr eine letzte Kusshand zu, ehe ich den Warteraum verlasse. Der Engel führt mich hinaus in die Lobby und … Moment mal … du meine Güte, sind das etwa …? Tatsächlich! Meine Großeltern!
002

Heaven, I’m in Heaven …

Meine Großeltern sind hier!! Ich bin noch immer völlig von den Socken. Man hat mir erzählt, früher, also vor vielen, vielen Jahrhunderten, seien noch alle Neuzugänge direkt am Himmelstor von ihrer Sippe empfangen worden. Das gab wegen des immer größeren Zulaufs mit der Zeit selbstredend ein ziemliches Chaos. Wenn sich allenthalben hysterisch kreischende Leute in die Arme fallen, macht das ein effizientes Arbeiten natürlich unmöglich. Also wurden die Empfangsgebäude mit den himmlischen Namen errichtet, um den Check-in möglichst rasch und organisiert abwickeln zu können.
Tut mir leid, dass ich meine Schilderung vorhin so abrupt unterbrochen habe, aber es kann mir wohl keiner verübeln, dass ich beim Anblick meiner Großeltern, die ich vor über zwanzig Jahren zum letzten Mal gesehen habe, aus allen Wolken gefallen bin (wenn auch nur im übertragenen Sinne). Niemand hat auch nur mit einem Wort erwähnt, dass sie hier sind, und ich hatte es total vergessen. Ich hatte tatsächlich angenommen, ich wäre mutterseelenallein hier oben.
Und dann komme ich nichts ahnend aus dem Warteraum, und da stehen sie: meine Großmutter, mein Großvater – und mein Onkel Morris!
Es ist einfach unbeschreiblich, sie nach all der Zeit wiederzusehen; vor allem (ich hoffe, Großvater und Onkel Morris nehmen es mir nicht übel) meine Großmutter. Ich bin total aus dem Häuschen. Großmutter und ich haben uns, bis sie starb, sehr nahe gestanden. Ich habe sie schrecklich vermisst. In den letzten zwanzig Jahren ist kaum ein Tag vergangen, an dem ich nicht an sie gedacht habe. Und jetzt steht sie vor mir! Sie ist es, zweifellos: ihre hohe, näselnde Stimme, ihr unverkennbarer Duft nach Fliederparfum und Haarspray von Aqua Net. Meine Großmutter, wie sie leibt und lebt. Äh, nun ja, sozusagen.
Ich kann sie gar nicht oft genug umarmen, muss sie immer wieder ansehen. Natürlich habe ich in meiner Wohnung unten auf der Erde Fotos von ihr gehabt, aber ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, ihre Falten berühren zu können, ihre turmhoch toupierten roten Haare (Ich höre sie förmlich den Friseur im Schönheitssalon beschwören, in den ich sie als kleines Mädchen oft begleitet habe: »Volumen, ich brauche mehr Volumen!«) … das ist fast zu viel für mich.
»Du hast mir schrecklich gefehlt«, schluchze ich zitternd.
»Ich weiß, Schätzchen«, tröstet sie mich. »Aber jetzt sind wir wieder vereint, und daran wird sich erst einmal eine ganze Weile nichts ändern.«
»Seht nur, wie groß sie geworden ist.« Mein Großvater breitet die Arme aus. »Eine richtige junge Dame.«
»Ganz recht«, kreische ich. »Ich bin erwachsen!« Plötzlich sprudelt es nur so aus mir hervor. »Ich war auf dem Abschlussball meiner Highschool, und auf dem College, und dann bin ich nach Los Angeles gezogen und, guck mal, Oma, meine Zähne! Weißt du noch, wie du mir damals, bevor du gestorben bist, eingeschärft hast, meine Zähne zu pflegen? Ich habe sie jeden Tag geputzt, sogar mit Zahnseide, und ich habe keine einzige Füllung, siehst du?« Ich entblöße mein makelloses Gebiss.
»Wann soll ich das gesagt haben?«
»Bevor du gestorben bist. Das war der großmütterliche Rat, den du mir mit auf den Weg gegeben hast.«
»Warum sollte ich dir wohl auf dem Sterbebett einschärfen, dass du deine Zähne pflegst?« Sie lacht.
»Hast du aber. ›Du musst dir immer fleißig die Zähne putzen‹, das war das Letzte, was du zu mir gesagt hast.«
»Hm, da war ich wohl schon ganz schön weggetreten«, sagt sie. »Nun, ich schätze, es gibt schlechtere Ratschläge.«
Es wurmt mich ein bisschen, dass sie die Anstrengungen, die ich unternommen habe, um die Erinnerung an sie aufrecht zu erhalten, als derart unwichtig abtut.
Ich lege die Stirn in Falten. »Und was ist mit meinen Träumen? Ich habe so oft von euch geträumt. Habt ihr mich wirklich im Traum besucht?«
Meine Großeltern lächeln mich an.
»Natürlich.« Meine Großmutter schmunzelt ihren Mann und ihren Bruder an, und die beiden schmunzeln zurück. Sie sind mir also tatsächlich im Traum erschienen. Sie müssen mir unbedingt beibringen, wie das funktioniert. Ich muss dringend meine Eltern besuchen. Aber ich komme nicht dazu, sie danach zu fragen, denn Grandmom schiebt mich in die Arme meines Onkels.
Onkel Morris ist der Bruder meiner Großmutter. Er war ihr bester Freund und hat nie geheiratet, weil er das Gefühl hatte, er müsste für meine Großmutter und ihre Schwestern sorgen, nachdem meine Urgroßeltern gestorben waren.
»Weißt du eigentlich, dass ich ganz oft an dich denken musste?«, frage ich ihn und drücke ihn an mich, wobei mir der vertraute Duft nach Zigarren und Pfefferminzbonbons in die Nase steigt.
»Natürlich weiß ich das.« Er schließt mich in die Arme. »Ich habe mich deinetwegen sogar rasiert. Weißt du noch, wie du dich als kleines Mädchen geweigert hast, mich zu umarmen, weil meine Bartstoppeln so kratzten?«
Und wie ich mich erinnere. Wie sollte ich das je vergessen? Nicht zu fassen, Onkel Morris hat sich extra für mich rasiert!
»Ich habe bei jedem Pfefferminzbonbon, das ich gelutscht habe, an dich gedacht«, rufe ich.
Ich bin total aufgekratzt vor Freude, aber das fällt nicht weiter auf, weil alle um mich herum ebenfalls zum ersten Mal ihre Familien wiedersehen und genauso aufgekratzt sind. In einiger Entfernung fällt Mrs. Braunstein gerade weinend und kreischend ihren Eltern um den Hals. Sie gebärdet sich wie ein fünfjähriges Mädchen, das sich auf dem Jahrmarkt verlaufen und endlich Mutter und Vater wiedergefunden hat.
Mein Großvater drückt mich an sich, und Grandmom zupft mir das Top zurecht, das mir wieder über die Schulter gerutscht ist, und so verlassen wir das »Haus der Glückseligkeit«. Ich finde es schön, wenn meine Großmutter das Top hochzieht. Ich finde es schön, sie wieder um mich zu haben, damit sie an meinen Klamotten zupfen kann, bis sie so sitzen, wie es sich ihrer Ansicht nach gehört, oder mir mit etwas Speichel einen Karamellfleck von der Wange rubbeln kann (ähem, ich geb’s zu, ich habe mir vorhin einen Löffel von Mrs. Braunsteins Eisbecher genehmigt). Es sind doch immer diese kleinen, scheinbar selbstverständlichen Gesten, die uns dann am meisten fehlen.
Nun bin ich zwar nicht mehr aus Fleisch und Blut, sondern ein Geist, aber ich fühle mich komischerweise trotzdem wie ein ganz normaler Mensch. Wir sind keine Geister. Wir können nicht einfach durch andere hindurchgreifen, wie man das aus Kinofilmen kennt. Mein Großvater fühlt sich warm und real an. Als ich das Gesicht an sein Revers schmiege, stelle ich fest, dass er genauso riecht wie in meiner Erinnerung, nach Old Spice und Pomade. Die Spucke meiner Großmutter fühlt sich an wie Spucke. Wie kommt es, dass wir alle so lebendig und echt wirken, obwohl wir tot sind? Und warum weiß das auf der Erde niemand, obwohl man sehr wohl von den Engeln und dem Himmelstor weiß? Wer hat diese Details ausgeplaudert? All das geht mir durch den Kopf, während wir uns in das alte zitronengelbe Cadillac Coupe de Ville meiner Großmutter zwängen, von dessen Antenne noch immer dieselbe schmutzige Plastikblume baumelt. (»Damit ich mein Auto auf dem Parkplatz leichter finde«, erklärte sie mir, als ich klein war.)
»Warum fährst du noch immer denselben Wagen?«, erkundige ich mich und setze mich zu Onkel Morris auf den Rücksitz.
»Der macht noch so einige Kilometer«, sagt sie und lässt den Motor aufheulen. »Du weißt doch, wie sehr ich dieses Auto immer geliebt habe.«
Das stimmt. Ich bin trotzdem überrascht, dass sie sich in all den Jahren nie ein neues zugelegt hat.
»Ich hänge eben sehr an meinem Cadillac«, sagt sie und steuert den Wagen rücklings aus dem Parkplatz. »Und du weißt ja, Liebes, wir sind hier im Himmel – hier bekommt jeder das, was er sich wünscht.«
Hm. Ob es im Himmel einen Porschehändler gibt?
»Und wie läuft das hier mit dem Geld?«, erkundige ich mich.
»Haben wir nicht«, erklärt Onkel Morris. »Es fällt buchstäblich einfach alles vom Himmel. Wer auf der Erde hart gearbeitet hat, der bekommt hier alles, was sein Herz begehrt.«
Das mag verrückt klingen, aber es ist wahr. Nachdem meine Großeltern eine Weile darüber diskutiert haben, in welcher Richtung mein Zuhause liegt (manches ändert sich nie), kommen wir schließlich zu einem Farmhaus im Kolonialstil, das mir sofort bekannt vorkommt.
»Das ist Len Jacobs’ Haus«, staune ich.
Len Jacobs ist im selben Vorort von Philadelphia aufgewachsen wie ich. Wir hatten nicht viel miteinander zu tun; wir waren nicht einmal befreundet. Er war in der Highschool in einer ganz anderen Clique als ich. In den 80er Jahren mutierte er zum Punker, legte sich einen Irokesenschnitt zu und lief in Armee-Jacke und schweren Lederstiefeln herum, mit Ketten an den Absätzen. Im Schulkorridor hörte man ihn immer schon von weitem.
Wie dem auch sei, ich sah jeden Tag vom Schulbus aus dieses wunderschöne Farmhaus im Kolonialstil. Ich fragte mich oft, wer dort wohnen mochte. Ich selbst lebte in einem ultramodernen, peinlich sauberen Heim, das nicht die Spur gemütlich wirkte. Es gab nirgendwo weiche Kissen, und man musste stets die Schuhe ausziehen, um die Böden nicht zu zerkratzen. Deshalb liebte ich das Farmhaus mit dem Bächlein im Vorgarten und der steinernen Bogenbrücke, die zur Eingangstür führte. In diesem Haus hätte ich sofort freiwillig die Schuhe ausgezogen – es sah einfach aus, als gäbe es dort einen Pyjama-und-Pantoffeln-Dresscode.
Jedenfalls saß ich eines schönen Tages – die genauen Umstände habe ich vergessen – neben Len Jacobs in einem Auto und wurde von jemandem nach Hause gebracht. Ich weiß weder, wer uns gefahren hat, noch warum, aber darum geht es auch gar nicht. Wie sich damals herausstellte, wohnte ausgerechnet Len Jacobs, der Hardcore-Punker, in dem Farmhaus, von dem ich immer geträumt hatte. Selbst Jahre später fragte ich mich jedes Mal, wenn ich meine Eltern besuchte und an dem Haus vorbeikam, ob seine Familie wohl noch darin wohnte und ob sie ihr Heim überhaupt gebührend zu schätzen wusste. Irgendwann hatte es dann einen Anstrich bitter nötig, und die Brücke wirkte baufällig. Ich weiß noch gut, wie traurig mich das stimmte, und dass ich mir wünschte, ich könnte das Haus kaufen und wieder so herrichten, wie es in meiner Kindheit gewesen war. Ich glaube nicht, dass ich je irgendjemandem erzählt habe, wie sehr ich dieses Haus liebte, aber vergessen habe ich es nie – und hier steht es plötzlich, frisch gestrichen, mit dem Bächlein im Vorgarten und einer renovierten steinernen Brücke!
»Das ist Len Jacobs’ Haus!«, wiederhole ich und stiere meine Familie mit großen Augen an.
»Jetzt ist es deins«, sagen sie. »Du hattest ja ganz schön große Wünsche.«
»Was soll das heißen, meins?«
»Du hast es dir gewünscht, also hast du es bekommen«, erklärt meine Großmutter lakonisch.
Ist das nicht irre?
Meine Großmutter parkt in der Einfahrt. Wir steigen aus dem Wagen.
Ich trete einen Schritt zurück und betrachte das Haus. »Seid ihr sicher, dass das alles mir gehört?«
»Aber ja«, sagt meine Großmutter.
Meins! Len Jacobs’ Haus gehört ab jetzt mir! Wie ist es hierhergekommen? Wer wusste von meinem Traum? Soll ich einfach hineingehen?
»Es ist dein Haus, Schätzchen«, wiederholt auch Onkel Morris. Meine Zweifel müssen mir deutlich ins Gesicht geschrieben sein.
»Brauche ich einen Schlüssel? Gibt es eine Alarmanlage?«
»Glaubst du wirklich, im Himmel wird jemand in dein Haus einbrechen?«, fragt meine Großmutter in einem Tonfall, der erkennen lässt, wie albern sie meine Fragen findet.
Wir betreten also mein Haus.
Woher wussten die Zuständigen bloß, dass ich auf Shabby Chic stehe? Das gesamte Interieur stammt von Shabby Chic – überall geblümte französische Sofas und Ohrensessel und gerahmte Familienfotos und oh, sogar ein Bild von Penelope und mir im Sommerlager 1979!
Es gibt drei Schlafzimmer, jedes mit einem riesigen Doppelbett und weißer Bettwäsche von Frette und tonnenweise Kissen mit Lochstickereibezügen. Ich bin hin und weg. Die Betten sind so luxuriös, dass ich mir vorkomme wie die Prinzessin auf der Erbse. Oh, wow! Und in jedem Zimmer ein Plasmafernseher, mit dem man jeden Kanal auf Erden (äh, ich meine, im Himmel) empfangen und jeden nur erdenklichen Film gucken kann!
Ich habe eine riesige Kühl-Gefrier-Kombi von Sub-Zero und einen Backofen von Wolf und Edelstahltöpfe von All-Clad und Pfannen von Le Creuset, dabei kann ich gar nicht kochen! Vielleicht kann ich ja einen Kochkurs belegen? Ob ich wohl putzen muss?
»Und man muss nie putzen!«, platzt meine Großmutter wie auf ein Stichwort hervor. Als könnte sie Gedanken lesen. »Alles ist selbstreinigend; es ist wie ein Wunder. Es gibt noch nicht einmal Geschirrspülmittel oder Waschmaschinen oder Wäschetrockner! Sogar die Betten machen sich von selbst – kaum bist du aufgestanden, ist das Bett auch schon gemacht!«
»Und sieh dir das an!« Onkel Morris kippt sich ein Glas Rotwein über den graphitgrauen Anzug, und der Fleck verschwindet vor unseren Augen. »Das habe ich, als ich herkam, eine ganze Woche lang gemacht. Ich hätte mich schier totlachen können, wenn ich nicht schon an einem Schlaganfall gestorben wäre.«
Unfassbar!
»Mit den Haaren dasselbe«, berichtet meine Großmutter. »Ach, das ist einfach großartig, das musst du sofort ausprobieren. Tauch den Kopf unter Wasser und pass auf, was passiert.«
Also gut, und wo? Oh, das glaubt mir keiner: in meinem mega-coolen Whirlpool mit sage und schreibe neun Düsen, aus denen neun herrlich moussierende warme Wasserstrahlen schießen. Ich hätte natürlich auch die Marmordusche mit dem Regenwald-Duschkopf und den neun (ja, schon wieder die magische Neun!) Düsen nehmen können. Ich muss nachher gleich die Sauna einweihen.
Ich tauche also den Kopf ins Wasser, komme wieder hoch und … nicht zu fassen! Meine Haare sind trocken und zudem so professionell geföhnt, als wäre Starfriseurin Sally Hershberger persönlich am Werk gewesen. Das muss ich gleich noch ein paarmal testen.
Okay, und jetzt kommt der absolute Überhammer. Puh, ich muss mich kurz setzen. Das glaubt mir keiner. Ich kann es selbst nicht glauben. Es ist natürlich nicht so toll wie die Tatsache, dass ich meine Großeltern und meinen Onkel Morris wieder habe, aber es übertrifft auf jeden Fall meine kühnsten Träume. Selbst wenn ich mir den Himmel in den schönsten Farben ausgemalt hätte, darauf wäre ich nicht gekommen. Vielleicht teilen ja nicht alle meine Meinung; hier hat nämlich jeder seinen individuellen Himmel. Im Himmel meines Großvaters beispielsweise stehen die Philadelphia Phillies sieben Tage die Woche rund um die Uhr auf dem Baseballfeld. Meine Großmutter hat ihr heiß geliebtes zitronengelbes Cadillac-Cabrio und ihre dreißig Zentimeter hoch toupierte Haarpracht. Mein Onkel Morris hat seine kubanischen Zigarren. Und ich? Also, wenn das nicht der Himmel ist, was dann?
Okay, festhalten:
EINS MEINER SCHLAFZIMMER IST EIN KLEIDERSCHRANK! Und zwar kein normaler Kleiderschrank, sondern DER KLEIDERSCHRANK MEINER TRÄUME, gefüllt mit Kleidern von Marc Jacobs, Valentino, Oscar de la Renta, Theory, Diane von Furstenberg, Ella Moss, Rebecca Taylor, Rogan, Vince, Moschino Cheap and Chic … Was immer das Herz begehrt, hier hängt es! Und Jeans en masse – von Chip and Pepper über Citizens of Humanity bis hin zu James und Joe’s – und jede einzelne passt mir wie angegossen!
Moment, ich muss kurz Luft holen, ehe ich zu den Schuhen komme.
Okay.
Christian Louboutin, Yves Saint Laurent, Chloe, Manolo, Antik Batik, Robert Clergerie, samt und sonders in meiner Größe, und kein einziger drückt! Ich weiß es, ich bin nämlich gleich in alle reingeschlüpft.
Und erst die Taschen – von Marc Jacobs, Mulberry, ohhhh, von Lanvin, dann die klassische Louis Vuitton in Eimerform und – ach, hallo, meine Schöne! – eine von Henry Cuir!
All diese Herrlichkeiten befinden sich hinter verspiegelten Türen in einem Zimmer, das zu einem begehbaren Kleiderschrank umfunktioniert wurde, und … entschuldigt mich, Leute, ich sehe gerade das rote Satinkleid von Vera Wang, das Oprah Winfrey in einer ihrer Shows trug. Das muss ich auf der Stelle anprobieren …
Okay, jetzt bin ich tatsächlich gestorben und in den Himmel gekommen.
Ich habe mich gerade aus meinen Klamotten geschält, um Oprahs Kleid anzuziehen, und dabei habe ich einen Blick auf mein Spiegelbild erhascht. Was zum …?
»Großmutter, wo sind meine Zellulitedellen? Die Dehnungsstreifen an den Brüsten? Wo sind meine überflüssigen zehn Pfund?«
»Alex, zum allerletzten Mal!«, stöhnt sie auf. »Du bist im Himmel! Hier gibt es weder Orangenhaut noch Dehnungsstreifen! Vergiss Akne, Pusteln, fettige Haut, trockene oder rissige Hände, Schwielen und verkrümmte Zehen! Du bist tot, ein Geist!«
Ich falle in Ohnmacht.
Als ich gleich darauf wieder zu mir komme, beugt sie sich über mich.
»Das ist jetzt wohl nicht der günstigste Zeitpunkt, um zu erwähnen, dass man hier essen kann, so viel man will, und trotzdem kein Gramm zunimmt?«
Doch, das ist es. Ich gehe schnurstracks hinunter zu meinem Kühlschrank, der gefüllt ist mit Schokoladenkuchen, Graeter’s Ice Cream aus Ohio, Water Ice und Pat’s Cheesesteaks aus Philadelphia, Bagels und Pizza von John’s in New York, chinesischem Hühnersalat von Chin Chin in Los Angeles und Pommes von McDonald’s. Ich stopfe alles wahllos in mich hinein. Köstlich, vor allem der Schokoladenkuchen.
Nachdem ich meinen kleinen Imbiss beendet habe, setzen wir uns auf meine Veranda unter die elegante schwarz-weiße Markise, die sich sanft in der perfekten, vierundzwanzig Grad warmen Brise bläht. Ich trage meine Perlen von Cathy Waterman, weil es mir wie die natürlichste Sache der Welt vorkommt, Perlen zu tragen, wenn man auf feudalen Bänken und Sesseln aus Korbgeflecht unter einer schwarz-weißen Markise auf der Veranda thront.
Da sitzen wir nun, mit einer gekühlten Flasche französischen Champagners (ein 1990er Krug) und einer Schüssel köstlicher Erdbeeren (keine Ahnung, woher die stammen, sie standen plötzlich in meinem Kühlschrank). Mein Großvater lauscht via Kopfhörer einem Spiel der Phillies, Onkel Morris schlürft schweigend seinen Champagner und pafft seine Cohiba, und meine Großmutter erzählt von diversen Freundinnen, die es inzwischen auch in den Himmel geschafft haben. »Henny Friedberg will nichts mehr von Mort Friedberg wissen«, berichtet sie. »Stattdessen lässt sie sich von einem sehr zuvorkommenden Gentleman aus dem England des siebzehnten Jahrhunderts den Hof machen.« Nebenan ist inzwischen mein neuer Nachbar vorgefahren. Gleich darauf fliegt die Hintertür seines zweistöckigen Hauses im Cape-Cod-Stil auf. Moment mal, ist das etwa …?
»Adam!«, quietsche ich.
Meine Großmutter verstummt jäh und späht zu Adam hinüber. Dieser ist herumgewirbelt und späht seinerseits in unsere Richtung. Er trägt noch immer seine Sportklamotten.
»Hey!«, ruft er und galoppiert über den Rasen zu dem weißen Palisadenzaun, der unsere Grundstücke trennt.
Ich raffe mein rotes Satinkleid und düse ebenfalls los – zumindest versuche ich es, doch Manolos, Vera Wang und Cathy Waterman sind auch im Himmel nicht das geeignete Outfit für einen Sprint.
»Du wohnst gleich hier nebenan?«, frage ich ihn.
»Ja, ist das nicht verrückt? Als Kind habe ich dieses Haus immer in den Hamptons bewundert.«
»Ich habe Len Jacobs’ ehemaliges Haus bekommen!« Ich zeige auf mein trautes Heim.
»Klasse«, stellt er fest. »Wer ist Len Jacobs?«
»Ach, ein Schulkamerad von mir. Nicht weiter wichtig«, beruhige ich ihn.
»Aber ist es nicht großartig?«
»Wie ich sehe, hast du dich dem Anlass entsprechend herausgeputzt«, bemerkt er.
Wie O-BER-PEIN-LICH!
»Und das ist also deine Familie?«, fragt er. Ich drehe mich um, und zu meinem Entsetzen stehen meine Großeltern und mein Onkel hinter mir und lächeln, wie nur jüdische Anverwandte lächeln können, wenn sie sehen, dass ihre etwa fünfundzwanzigjährige (okay, fast dreißigjährige) Enkelin/Nichte im Begriff ist, sich einen Mann zu angeln. (Ach, ja, falls sich jemand fragen sollte, was meine jüdischen Großeltern eigentlich im Himmel verloren haben, obwohl kein Rabbi mir gegenüber je auch nur mit einem Wort die Existenz des Himmels erwähnt hat: Ich kann nur sagen, wenn man plötzlich seinen vor zig Jahren verstorbenen Verwandten gegenübersteht, ist es schwierig, die theologische Plausibilität dieser Situation zu hinterfragen. Unsere Familie war ohnehin nie sonderlich religiös. Ich werde an dieser Stelle einfach meine Großmutter zitieren: ›Wir sind hier im Himmel, Liebes, hier wird dir jeder Wunsch erfüllt‹.)
»Genau«, sage ich etwas verlegen und stelle ihm alle vor.
»Das ist Adam«, erzähle ich meinen Leutchen. »Wir haben uns vorhin in der Warteschlange kennengelernt.«
»Reizend.« Meine Großmutter zerzaust Adam ungeniert den Blondschopf. »Und so wunderbar kräftiges Haar!«
»Danke sehr.« Adam lächelt höflich, kommt sich aber sichtlich albern vor.
»Hör mal, Alex«, fährt er fort. »Ich bekomme auch gleich Besuch von ein paar Großeltern und Onkeln und Tanten, aber vielleicht können wir nachher gemeinsam die Nachbarschaft erkunden?«
»Liebend gerne«, entgegne ich, vielleicht eine Spur zu enthusiastisch.
»Super«, sagt er. »Ich hole dich dann ab.«
»Kaum einen halben Tag hier und schon hat sie einen Freund«, stellt meine Großmutter gleich darauf fest. »Wenn das nicht buchstäblich wie im siebten Himmel ist.«
Ich gebe es nur ungern zu, aber … Ja, ich fühle mich in der Tat wie im siebten Himmel.
003

Schon hängt der Himmel voller Geigen

Ich bin allein, zum ersten Mal, seit ich in den Himmel gekommen bin. Morgen laden meine Großeltern mir zu Ehren zu einer großen Familienfeier, aber jetzt soll ich mich erst einmal in Ruhe eingewöhnen können. Auf der Party morgen werde ich meine Ur- und Ururgroßeltern und jede Menge weitere Verwandte kennen lernen. Ich glaube, ich werde meine weiße Matrosenhose von Michael Kors anziehen, kombiniert mit dieser sagenhaften schwarzen Baumwollbluse von Norma Kamali (wieder so ein neckisches Teil, das einem ständig über die Schulter rutscht). Und dazu die Espadrilles mit den zwölf Zentimeter hohen Keilabsätzen von Christian Louboutin. Peaches vergnügt sich im Garten mit ihrem ganzen Spielzeug. Ich war ja immer der Überzeugung, ich würde sie verwöhnen, aber hier im Himmel hat sie weit mehr Hundeknochen, als sie jemals zerkauen kann, und als ich vor etwa einer Stunde draußen war, um nach ihr zu sehen, jagte sie gerade mit einem Rudel anderer Hunde einem Dutzend magischer Bälle hinterher, die wie Kugelblitze automatisch quer über den Rasen flitzen, sobald sie abgesetzt werden. Der Hundehimmel eben.
Interessanterweise gehorcht Peaches plötzlich auf alle meine Befehle. Das ist ein absolutes Novum. Ich sage: »Sitz!«, und sie macht sitz, ich sage: »Gib Pfötchen«, sie gibt Pfötchen. Wenn ich ihr allerdings befehle, sich tot zu stellen, sieht sie mich an, als hätte sie keine Ahnung, was ich von ihr erwarte. Na ja, irgendwie verständlich.
Während Peaches also draußen herumtollt, liege ich mit einer Packung Schoko-Minz-Eiskrem von 31 Flavours in meinem gemütlichen Bett und warte auf Adam, der in etwa zwanzig Minuten rüberkommen wird. Es gibt absolut nichts zu tun – ich bin bereits ausgehfertig. Himmlisch.
Adam hat erwähnt, dass er gern Schweinebraten isst, und als ich vorhin in der Küche war, schmorte doch tatsächlich einer im Backofen vor sich hin. Da ich nicht weiß, wie er dort hingekommen ist, werde ich tunlichst die Finger davon lassen und einfach annehmen, dass er gar ist, wann immer ich es will. Ich muss keinen Sport treiben, brauche mich nicht mit meinen Haaren zu plagen. Ich liege einfach nur da und sinne darüber nach, was für eine wunderbare Einrichtung der Tod doch ist.
Das Einzige, was mir jetzt noch Kopfzerbrechen bereitet, ist, dass meine Eltern vermutlich schrecklich leiden. Ich mache mir Sorgen um sie, obwohl ich weiß, dass ich nichts unternehmen kann. Ich muss Großmutter unbedingt fragen, wie sie es geschafft hat, mir im Traum zu erscheinen, damit ich wenigstens das für meine Eltern tun kann.
Penelope ist bestimmt auch todtraurig. Ich wette, sie gründet meinetwegen irgendeinen Fonds oder veranstaltet eine Benefizgala – »Zum Schutz der Menschheit vor Zusammenstößen mit einem Mini Cooper« oder so – und sammelt dabei eine Million Dollar. Das wäre echt typisch für sie. Seit der Scheidung von ihrem Mann Melvin (der Name ist Programm) ist Penelope stinkreich, sie hatte nämlich keinen Ehevertrag unterzeichnet. Sie hat ein chronisch schlechtes Gewissen, weil sie zu Geld gekommen ist, ohne einen Finger zu rühren, deshalb organisiert sie ständig irgendwelche Wohltätigkeitsveranstaltungen. So ist Pen. Ich für meinen Teil ging immer nur wegen der Give-aways zu diesen Events. Jedenfalls muss ich Pen auch im Traum erscheinen, sobald ich weiß, wie man das anstellt. Sie ist garantiert außer sich, weil ich gestorben bin.
»Hallo?«, tönt es von unten.
»Hi!« Ich springe aus dem Bett und lasse die Eispackung darunter verschwinden. »Ich bin hier oben!«
Da steht er auch schon vor mir. Er sieht zum Anbeißen aus – graues T-Shirt, Jeans, kunstvoll zerstrubbelte Haare und schwarze Prada-Slipper. Ich empfange ihn in einem beigefarbenen Nackenhaltertop und meiner Joe’s Jeans, in der mein Hintern übrigens verdammt sexy aussieht.
»Hi! … Wow.« Er blickt sich beeindruckt im Zimmer um.