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Inhaltsverzeichnis
 
»Es ist ein Wunder, dass ich am Leben bin.«
Der Zorn der Wölfe – ein Festmahl für die Sinne
 
Der Zorn der Wölfe
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
 
Epilog
Entstehungsgeschichte
Interview mit Jiang Rong zu seinem Roman »Der Zorn der Wölfe«)
Glossar
Copyright

Die chinesische Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel »Lang Tuteng« bei Chang Jiang Culture and Arts Publishing House.
 
Die Übersetzung der Kapitel 7-12, 21-22 sowie von Vorwort und Epilog besorgte Zhang Rui. Marc Hermann übertrug die Kapitel 31-35 ins Deutsche.

»Es ist ein Wunder, dass ich am Leben bin.«
Über den chinesischen Autor Jiang Rong und seinen Roman »Der Zorn der Wölfe«
Im Norden Pekings, hinter dem Gebirgszug mit der Großen Mauer, frisst sich, wenige Autostunden von den Vororten der Metropole entfernt, die Wüste ins Land. Wo sich heute die karge Steppe ausbreitet, erstreckten sich noch vor einem halben Jahrhundert schier unermessliche Weideflächen. »Wir waren die erste große Gruppe Han-Chinesen, die dort eintraf«, erinnert sich der Autor Jiang Rong an seine Ankunft in der Inneren Mongolei 1967. »In dieser Gegend hatten die Menschen ihr Leben als einfache Nomaden bewahrt, und man konnte sämtliche Landschaftsformen vorfinden: Seen, Flüsse, Grasland und auch einige Sandflächen. Die Dichte der Bevölkerung war gering. Als wir ankamen, gab es lediglich 800 Menschen. Unsere Gruppe umfasste ungefähr 100 Leute.« In seiner Ursprünglichkeit haben dieses Weideland nur wenige Chinesen je kennengelernt – es ist die Heimat der mongolischen Nomaden.
Die Mongolen bilden innerhalb des chinesischen Volkes eine ethnische Minderheit, und im Westen würde kaum jemand vermuten, dass es gerade diese Minderheit ist, um deren Charakter in China heftige Debatten entbrannt sind. Ausgelöst hat sie Jiang Rong mit seinem autobiographischen Roman »Der Zorn der Wölfe« (»Lang Tuteng«, deutsch: Wolftotem). Jiang Rong schildert darin aus der Perspektive seines Alter Egos Chen Zhen seine Erfahrungen in der Inneren Mongolei, wo er von 1967 bis 1978 als Schafhirte sein Leben mit den Nachfahren Dschingis Khans teilte. Ungewöhnlich scharf kritisiert er in seinem Buch die Eigenschaften der größten Volksgruppe Chinas, der Han-Chinesen, und deren Raubbau an der Natur. »Der Zorn der Wölfe« sorgte für eine literarische Sensation: Seit Erscheinen im April 2004 wurden in China offiziell mehr als 2,6 Millionen Exemplare verkauft, zusätzlich geht man von etwa 20 Millionen Raubkopien aus. Damit ist »Der Zorn der Wölfe« in China zu einem der meistgelesenen Bücher aller Zeiten avanciert und in seiner Verbreitung wohl nur von der Mao-Bibel übertroffen.
Dass der Druck des Buches von der chinesischen Zensurbehörde überhaupt erlaubt wurde, verdankt der Autor der Wahl des Pseudonyms Jiang Rong: »Ich war überrascht, dass die Regierung meine wahre Identität erst so spät herausfand. Wenn bekannt gewesen wäre, dass ich das Buch geschrieben habe, wäre es verboten worden.« Denn Lu Jiamin, so sein richtiger Name, wurde in seinem Leben viermal als Konterrevolutionär verfolgt und verbrachte mehrere Jahre als politischer Gefangener in Haft. Sein Buch war in China schon auf dem Weg, alle Bestsellerrekorde zu brechen, da wusste noch immer nur eine Handvoll Eingeweihter, wer hinter dem Pseudonym steckte. Jiang Rong gab zwar Interviews, ließ aber nie ein Foto von sich veröffentlichen. Doch als ihm am 10. November 2007 für »Der Zorn der Wölfe« der erste Man Asian Literary Prize verliehen wurde, ließ sich seine Identität nicht länger verheimlichen – zu groß waren das Interesse der Medien am Preisträger und das Renommee des Stifters: Der Man Asian Literary Prize verfolgt das Ziel, neue asiatische Autoren ins Blickfeld des internationalen Literaturbetriebes zu rücken, und wird von der Man Group vergeben, die den bedeutenden Man Booker Prize ins Leben gerufen hat. »Jetzt verstecke ich mich nicht mehr vor den ausländischen Medien«, sagt Jiang Rong. »Und in China ist meine Identität im Internet ohnehin ein offenes Geheimnis.«
Jiang Rong wurde 1946 in der Provinz Jiangsu geboren, seine Eltern waren engagierte Mitglieder der Kommunistischen Partei. Nach dem frühen Tod seiner Mutter zog er im Alter von elf Jahren mit dem Vater nach Peking. Mit 20 Jahren schloss er sich den Rotgardisten an, doch bald schon geriet er in einen unlösbaren Konflikt: Seit seiner Kindheit hegte er eine Leidenschaft für Literatur, und nun sollte er aus politischer Überzeugung Bücher verbrennen, die als konterrevolutionär galten. Er versteckte rund 200 verbotene Bücher in zwei großen Koffern – darunter Klassiker der Weltliteratur von Balzac, Puschkin, Tolstoi und Jack London. »Zu diesem Zeitpunkt waren wir von der Kulturrevolution desillusioniert. Wir verspürten das Bedürfnis, aufs Land zu gehen. In ihren Forschungsberichten über Weideland schrieben einige Experten, die drei schönsten Grasflächen der Welt lägen in Russland, in den Vereinigten Staaten und in der Inneren Mongolei. Die ersten beiden hatten sich bereits in Wüsten verwandelt, allein das Grasland der Inneren Mongolei existierte noch.« Bevor Mao Zedong Millionen von Studenten und Intellektuellen zur Umerziehung aufs Land schickte, verließ Jiang Rong als einer der ersten Freiwilligen Peking und reiste mit seinen Koffern voll Bücher ins Olonbulag-Grasland.
»Als wir in der Inneren Mongolei eintrafen, waren viele Studenten wegen der Lebensbedingungen dort niedergeschlagen. Ich hingegen war begeistert, weil ich die Weideflächen und den Schnee liebte. Jeder von uns bekam ein Pferd und wir gingen auf die Jagd. Ich erfuhr eine wilde, raue Freiheit. Jeder sollte diese Art von Freiheit erleben«, schwärmt Jiang Rong. Mit großem Interesse beobachtete er die Bräuche und Rituale der Mongolen. Am meisten faszinierte ihn das komplizierte Wechselverhältnis zwischen Menschen, Schafen und Wölfen. Jiang Rong erforschte das Leben der Wölfe, ihre Sozialstrukturen und Jagdgewohnheiten und versuchte sogar, selbst einen jungen Wolf großzuziehen. Anders, als er es erwartet hätte, verteufelten die Nomaden die Wölfe nicht, sondern brachten ihnen großen Respekt und Bewunderung entgegen. »Die Wölfe«, erläutert Jiang Rong, »spielen aus ökologischer Sicht eine wichtige Rolle bei der Erhaltung des Weidelandes. Seit alters haben die Mongolen die Wölfe als Bewahrer des Weidelandes geachtet.«
Zurück in Peking, absolvierte Jiang Rong die Aufnahmeprüfung zum Masterstudium an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften und schlug eine akademische Laufbahn ein. Aber der heute 62-jährige emeritierte Professor für Wirtschaftspolitik gibt über die letzten 30 Jahre seines Lebens kaum etwas preis. Fest steht, dass er Ende der 70er Jahre maßgeblich an der »Xidan-Bewegung«, der sogenannten »Mauer der Demokratie«, beteiligt war und 1989 eine wichtige Rolle bei den Demonstrationen spielte, die im Zug auf den Tian’anmen-Platz gipfelten. »Es ist ein Wunder, dass ich noch am Leben bin«, kommentiert er knapp die Gerichtsurteile, die gegen ihn verhängt wurden. Während all dieser Zeit ließen ihn seine Erlebnisse in der Mongolei nicht los. Immer stärker wurde sein Drang, über die faszinierenden Landstriche und wilden Tiere, über das Leben der Nomaden im Einklang mit der Natur und seine eigenen Begegnungen mit den Wölfen zu schreiben. Er wollte seinen Landsleuten vermitteln, dass Freiheit existenziell für das Überleben eines Volkes ist, und die Wölfe repräsentierten für ihn auf ideale Weise diesen Freiheitsgeist. Er trug das Material von 25 Jahren intensiver Recherche zusammen und machte sich ans Schreiben. Sechs Jahre lang habe er derart besessen an seinem Buch gearbeitet, dass sie ernsthaft um seine Gesundheit besorgt gewesen sei, berichtet Jiang Rongs Ehefrau, die bekannte chinesische Schriftstellerin Zhang Kangkang. Bis heute müsse sich ihr Mann von den Strapazen erholen.
»Der Zorn der Wölfe« ist Roman, anthropologischer Forschungsbericht, Naturstudie, Lehrstück und politischer Aufruf zugleich. »Das Buch untergräbt die Erwartungen der Leser. Es spaltet sie in zwei Parteien und bringt sie dazu, darüber nachzudenken und darüber zu reden«, sagt Jiang Rong. Hitzige Kontroversen haben vor allem seine provokanten anthropologischen Thesen über den Wolfs- und Schafscharakter der Menschen entfacht: Jiang Rong verurteilt die ethnische Mehrheit der Han-Chinesen für ihren trägen Gehorsam und ihre Ignoranz gegenüber der Umweltzerstörung. Mit ihrem Schafscharakter blieben die Han-Chinesen anderen Völkern immer unterlegen, es sei denn, sie lernten wie die Mongolen, sich die Charaktereigenschaften der Wölfe anzueignen: Freiheit, Unabhängigkeit, Konkurrenzgeist, Zähigkeit und Teamfähigkeit. In den Medien und unter Intellektuellen werden diese Thesen ausführlich diskutiert. »Diejenigen, denen mein Roman gefällt, vergöttern mich. Sie behaupten, das Buch sei eine der besten Veröffentlichungen der letzten 200 Jahre und sollte zur Bibel der Chinesen erhoben werden. Diejenigen, denen mein Buch nicht gefällt, wollen mich umbringen«, weiß der Autor. Während die einen ihn als Liberalen, Konterrevolutionär, Verräter und Faschist beschimpfen, setzen andere seine Ideen bereits in die Praxis um und wenden seine Erkenntnisse über Wolfsstrategien bei der Ausbildung von politischen Führungskräften, Soldaten und Geschäftsleuten an. Diesen Trend erklärt Jiang Rong mit der Veränderung des ökonomischen Systems: »Die Menschen jedes neuen Zeitalters brauchen einen neuen Geist, ein neues Totem und neue Modelle, die sie wachrütteln. Früher erforderte das chinesische Wirtschaftssystem keinen Konkurrenzgeist, es verlangte Gehorsam. Heutzutage braucht die Wirtschaft Wettbewerbsfähigkeit, Mut, Freiheit und Unabhängigkeit. Dieses Buch hat die Gesellschaft beeinflusst. Der Wolf ist zum neuen Totem geworden, zum neuen Symbol einer ganzen Ära.«
Aus der Inneren Mongolei ist das Totemtier des neuen Zeitalters verschwunden. Die Wölfe wurden ausgerottet, die Kultur des Nomadenvolkes ist dem Untergang geweiht. »In Zukunft werden wir unsere größten Kämpfe nicht zwischen Ländern oder Völkern austragen, sondern gegen die Umweltzerstörung führen. Naturkatastrophen werden die Länder zur Zusammenarbeit zwingen. Es versetzte mich in Schrecken zu erleben, wie ein Ökosystem, das seit Jahrtausenden bestanden hatte, in nur einem Jahrzehnt zu Staub zerfiel. Mein Buch ist eine Lektion für die Welt.«
Elke Kreil

Der Zorn der Wölfe – ein Festmahl für die Sinne
Vorwort des Herausgebers der chinesischen Ausgabe
Vor mehr als dreißig Jahren zog der Autor des vorliegenden Buchs, Jiang Rong, als einer der jungen Intellektuellen aus Peking freiwillig in die Innere Mongolei, um an der Grenze zur Äußeren Mongolei, auf dem Olonbulag-Grasland, bei den Viehzüchtern zu leben. Elf Jahre später, im Jahr 1979, kehrte er als Student der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in die Hauptstadt zurück. Auf dem Grasland hatte er sich in einen Wolfsbau gewagt, Wolfsjunge aus der Höhle geholt und einen jungen Wolf großgezogen. Er kämpfte gegen Wölfe und lernte ihre weiche, zärtliche Seite kennen. Mit seinem geliebten Zögling, dem kleinen Wolf, teilte er Freud und Leid, und in der gemeinsam verbrachten Zeit lernte der damals junge Mann das »geistige Nomadenleben« kennen.
Die Arglist und Weisheit der Wölfe, ihre hohe Kriegskunst und ihr unbeugsamer Charakter, die Liebe und der Hass der Graslandbewohner und die magische Anziehungskraft der Wölfe haben Jiang Rong dazu bewegt, mit dem Wolf eine untrennbare Verbindung einzugehen. Es war der Wolf des mongolischen Graslands, der ihn zur Lösung eines Rätsels führte: Der Wolf ist den Völkern des Graslands Urahn, Lehrmeister, Kriegsgott und Vorbild zugleich. Wölfe kennen Teamgeist und Verantwortung für die Sippe, es sind weise, zähe Kreaturen. Im Kampf gegen Wolfsrudel trainierten mongolische Krieger ihr Können; Wölfe waren es, die das Grasland vor ökologischen Katastrophen schützten, und Nomadenvölker zollen dem Tier schon seit Jahrhunderten höchste Verehrung. Bei der althergebrachten Himmelsbestattung der Mongolen werden die fleischlichen Überreste der Toten von Wölfen gefressen.
Und dann sind da noch das Wolfsgeheul, die Wolfsohren, die Wolfsaugen, die Wolfsnahrung, der Wolfsrauch, die Wolfsbanner …
All das hat den Autor so sehr in seinen Bann gezogen, dass er mehr als dreißig Jahre über den Wolf nachgedacht, geforscht und schließlich diesen Roman geschrieben hat, der von Mensch und Natur, von Menschlichkeit und Wolfseigenschaften, vom »Dao« der Wölfe und des Himmels handelt.
»Der Zorn der Wölfe« erzählt viele Geschichten, die den Leser geheimnisvolles Neuland betreten lassen. Auf jeder Seite scheinen die magischen Wölfe so lebendig zu werden, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag: wie sie die hohe Kunst der Erkundung von Terrain, des Bildens von Kampfformationen, der Überfälle und Überraschungsangriffe ausüben, wie sie die Klima- und Geländeverhältnisse geschickt zu nutzen wissen, wie gefasst sie dem Tod ins Auge sehen und sich nie aufgeben, wie innig die Liebe und Freundschaft zwischen den Mitgliedern eines Rudels und in einer Wolfsfamilie sind. Wie eng die Existenz der Wölfe mit der anderer Bewohner des Graslands verbunden ist, und wie der um seine Freiheit betrogene kleine Wolf, ein trotziges und liebenswertes Tier, unter schwierigen Bedingungen heranwächst.
»Der Zorn der Wölfe« regt uns zum Nachdenken über uns selbst an: Wie konnte eine Armee von nur etwas mehr als einhunderttausend mongolischen Kriegern über Eurasien hinwegfegen? Was waren die tiefer liegenden Gründe für das Zustandekommen des riesigen chinesischen Territoriums? Hat die chinesische Zivilisation die Nomadenvölker erobert, oder verdanken vielmehr die Chinesen das Fortbestehen ihrer Zivilisation den wiederholten Vermischungen mit den Nomadenvölkern? Warum verehren die Reitervölker Chinas bis heute nicht ein Pferdetotem, sondern das Wolftotem? Hat es in China von jeher eine Kultur gegeben, in der das Wolftotem verehrt wurde, und ist dies der Grund, dass sich die chinesische Zivilisation ohne Unterbrechungen erhalten hat?
Dies ist bis heute der einzige Roman, in dem der Wolf des mongolischen Graslands beschrieben und erforscht wird. Seine Lektüre ist ein Festmahl der Sinne. Die Grasebene der Nomaden, über die einst mongolische Kavallerien galoppierten und Wolfsrudel hinwegfegten, verschwindet oder ist schon verschwunden. Alle Legenden und Geschichten, die sich um den Wolf ranken, verblassen mehr und mehr. Ohne diesen Roman blieben uns und künftigen Generationen einzig Schriftzeugnisse, in denen der Wolf Zielscheibe moralischer Verurteilungen und vernichtender Schmähungen wird. Ohne dieses Buch wäre der Wolf des mongolischen Graslands unserer Erde und der Menschheit so fern wie die dunkle Materie im All und blickte gleichsam ungerührt auf uns Unwissende herab.
Die Natur wird drangsaliert, immer mehr Arten sterben aus, und der Mensch scheint nur mehr passiver Beobachter. Was den Wolf betrifft, haben die Gelehrten seit alters her für dieses Raubtier nur Furcht und Ablehnung übrig, und die chinesische Literatur verbreitet Missverständnisse und Vorurteile. Dem Wolf ein Werk zu widmen, sich mit ihm zu verbünden und nach der Wahrheit zu suchen, das schien ausgeschlossen – bis Jiang Rongs Roman uns alle in den Bann geschlagen hat.
An Boshun
März 2004

Der Zorn der Wölfe
002
003

1
Die Quanrong nennen zwei weiße Hunde ihre Ahnen, daher dürften sie den Hund als ihr Totem gewählt haben.
Fan Wenlan, Abriss der Geschichte Chinas, Bd. 1
004
König Mu der Zhou unternahm einen Feldzug gegen die Quanrong und kehrte mit vier weißen Wölfen und vier weißen Hirschen zurück.
Geschichte der Han-Dynastie, Biographie der Hunnen
 
Chen Zhen kauerte hinter dem schützenden Schneewall und fing mit seinem Fernglas den stechenden Blick der Wölfe ein. Wieder stellten sich seine Haare auf wie Wildschweinborsten, als wollten sie verhindern, dass sein Hemd am Körper festklebte. Der alte Bilgee an seiner Seite wirkte immerhin so beruhigend auf Chen Zhen, dass der junge Mann diesmal nicht das Gefühl hatte, die Seele verlasse seinen Körper.
Auch in seinem zweiten Jahr in der mongolischen Grasebene fürchtete Chen Zhen Riesenwölfe, ganz zu schweigen von vollständigen Wolfsrudeln. Tief in den Bergen und weit vom Lager entfernt auf ein so gro ßes Rudel zu stoßen ließ den kalten Atem vor seinen Lippen zittern. Denn sie hatten kein Gewehr dabei, kein Schwert, keine Stangen, wie man sie für die Wagen verwendete, ja nicht einmal Steigbügel. Ihnen standen nur zwei Gerten zur Verfügung. Wenn also das Wolfsrudel ihre Witterung aufnähme, würde ihnen möglicherweise eine vorzeitige Himmelsbestattung zuteil. Chen Zhen schauderte, keuchte leise und sah den alten Mann mit schräg gelegtem Kopf an.
Bilgee beobachtete das Umfeld des Wolfsrudels mit seinem eigenen Fernglas. »Mit so wenig Mut kommst du nicht weit«, raunte er Chen zu. »Ihr Chinesen seid wie die Schafe – ihr habt eine Heidenangst vor Wölfen, darum zieht ihr immer den Kürzeren.« Als Chen schwieg, dämpfte der alte Mann seine Stimme weiter: »Sei nicht so ängstlich – und sei vor allen Dingen still. Das kleinste Geräusch kann uns den Spaß verderben.«
Chen Zhen nickte. Er griff eine Handvoll Schnee und drückte das kalte Weiß zu einem kleinen Ball zusammen.
Am Hang gegenüber weidete eine Herde Mongolischer Gazellen, wachsam zwar, doch noch schienen sie des Wolfsrudels nicht gewahr zu sein. Der Kreis der Wölfe zog sich immer enger um den Schneewall der beiden Männer zusammen. Chen Zhen wagte kaum zu atmen, er schien selbst zu einem Eiszapfen erstarrt.
Der alte Bilgee war der bekannteste Jäger auf dem Olonbulag, doch ging er selten auf die Jagd. Und wenn er es tat, jagte er Füchse, keine Wölfe. Es war die Zeit, in der die Menschen mit der Kulturrevolution beschäftigt waren und das Viehzüchter- und Jägerleben fast wie eine vom Schneesturm zerstreute Schafherde außer Kontrolle geraten war. In diesem Winter, als große Herden von Gazellen über die Grenze auf das Olonbulag gewandert waren, wollte Bilgee endlich sein Versprechen einlösen, Chen möglichst nah an ein Wolfsrudel heranzuführen. Er wollte so seinen Mut auf die Probe stellen und ihm etwas über die Raubtiere beibringen.
Dies war bereits die dritte Begegnung Chens mit Wölfen, doch der Schreck vom ersten Mal jagte ihm jetzt noch einen Schauer über den Rücken.
Als Chen Zhen vor knapp zwei Jahren zur grenznahen Produktionsgruppe der Viehzüchter in die Innere Mongolei versetzt worden war, schrieben sie bereits Ende November, und das weite Olon-Grasland, das Olonbulag, war tief verschneit. Unterkünfte für die jungen Intellektuellen aus der Stadt gab es noch nicht, also wurde Chen Zhen erst einmal beim alten Bilgee untergebracht und sollte als Schäfer arbeiten. Nach etwas mehr als einem Monat brach er mit dem Alten zu einem ungefähr achtzig Li weiten Ritt auf, um Studienmaterial abzuholen und ein paar Dinge einzukaufen. Als sie sich auf den Rückweg machen wollten, wurde der alte Mann in seiner Eigenschaft als Mitglied des Revolutionskomitees der Viehzüchter aufgehalten, und da das Material im Hauptquartier sofort gebraucht wurde, musste Chen allein zurückreiten. Der alte Mann stellte ihm sein schnelles und erfahrenes schwarzes Pferd zur Verfügung und schärfte dem Jüngeren ein, auf keinen Fall Abkürzungen zu nehmen, sondern den Spuren der Wagen auf den großen Wegen zu folgen. Da sich alle zwanzig bis dreißig Li Jurten-Lager befanden, sollte er die Reise ohne Zwischenfälle bewältigen können.
Auf dem Rücken des Mongolischen Pferdes spürte Chen Zhen sofort dessen unbändige Kraft, die nach einem schnelleren Tempo verlangte. Als er von einem Hügel aus den Berg Chaganuul erspähte, in dessen Nähe die Brigade stationiert war, verwarf er die Warnung des alten Mannes und nahm die Abkürzung querfeldein.
Es wurde langsam kühl, und ungefähr auf halbem Weg verschwand die Sonne wie vor Kälte zitternd hinter dem Horizont. Eisiger Nebel stieg aus der Steppe auf, und die lederne Tasche, die Chen Zhen am Körper trug, war bereits steif gefroren und knirschte bei jeder seiner Bewegungen. Das Pferd war bedeckt mit weiß gefrorenen Schweißperlen, seine Hufe sanken tief in den Schnee ein, seine Schritte wurden immer langsamer. Ringsum erhob sich ein Hügel hinter dem anderen, sie waren umgeben von Ödnis, nicht die kleinste Rauchfahne war zu sehen. Das Pferd trottete ruhig und gleichmäßig voran, also ließ Chen Zhen die Zügel locker, um es dem Tier selbst zu überlassen, seine Kraft einzuteilen und die Geschwindigkeit und Richtung zu bestimmen. Doch mit einem Mal, ohne ersichtlichen Grund, bekam der junge Mann Angst: Angst, das Pferd könnte sich verlaufen, Angst vor einem Wetterumschwung, Angst vor einem Schneesturm, Angst davor, auf dem winterlichen Grasland zu erfrieren – nur daran, Angst vor Wölfen zu haben, dachte er nicht.
Plötzlich wurden die gleichmäßigen Schritte des Pferdes sprunghaft, es schüttelte den Kopf, schnaubte und richtete seine Aufmerksamkeit auf etwas hinter dem unmittelbar vor ihnen liegenden Pass. Chen Zhen, der zum ersten Mal allein mit einem Pferd im Wald unterwegs war, konnte die Unruhe des Pferdes nicht deuten, auch dann nicht, als es nervös die Nüstern blähte, seine Augen aufriss und in die andere Richtung davonlaufen wollte. Chen begriff nicht, was das Tier instinktiv vorhatte, nahm deshalb die Zügel fester und ließ es weiter geradeaus traben. Die Schritte des Pferdes wurden immer unsicherer, das Tier schien halb zu gehen, halb zu traben und halb zu galoppieren, bereit, jederzeit durchzugehen.
Als ob es ungehalten sei, wie wenig seine Warnungen bisher bewirkt hatten, drehte das Pferd den Kopf und biss in Chen Zhens Filzschuh. Erst in diesem Moment erhaschte Chen in den vor Angst geweiteten Augen des Tieres etwas von der drohenden Gefahr. Aber da war es zu spät, denn das Pferd trug ihn bereits auf wackeligen Beinen zu dem trompetenförmigen Eingang in das dämmrige Tal.
Als Chen Zhen endlich seinen Kopf wandte und genauer in die vom Pferd eingeschlagene Richtung sah, fiel er vor Schreck fast vom Sattel. Keine vierzig Meter von ihm entfernt stand auf einem schneebedeckten Hang in den letzten Strahlen der Abendsonne ein Rudel golden schimmernder, mordlüsterner mongolischer Wölfe.
Einige Tiere sahen ihn unverwandt an, andere mit geneigtem Kopf, und ihre stechenden Blicke schienen ihm wie Pfeile um die Ohren zu schwirren. Ihm am nächsten standen einige Riesenwölfe, groß wie Panther, mit gut doppelt so breitem Kreuz wie die Wölfe, die er im Pekinger Zoo gesehen hatte, und um die Hälfte größer und länger. Ein gutes Dutzend Wölfe kauerte im Schnee vor ihm, bis alle zugleich plötzlich aufstanden, die Schwänze wie gezückte Säbel in die Höhe gereckt: bereit zum tödlichen Angriff.
Mitten im Rudel und von den anderen umringt, stand würdevoll und Ehrfurcht gebietend der Rudelführer, dessen fast weißes Fell an Hals, Brust und Bauch wie Weißgold glänzte. Insgesamt mussten es dreißig, vierzig Wölfe sein.
Als Chen Zhen dem alten Bilgee die Szene später ausführlich beschrieb, tupfte der sich mit dem Zeigefinger kalte Schweißperlen von der Stirn und sagte, die Wölfe hätten sich wahrscheinlich gerade versammelt, weil der Rudelführer ihnen einen Angriffsplan vorlegte. Denn auf dem Hügel gegenüber standen Pferde. Zum Glück seien es keine hungrigen Wölfe gewesen. Wölfe, deren Fell glänzte, seien nicht hungrig.
Chen konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Das Letzte, an das er sich erinnerte, war ein leises, schreckliches Geräusch in seinem Kopf, ein Pfeifton wie vom Dahinblasen über eine Silbermünze, um ihre Echtheit zu prüfen. Mit diesem Geräusch schien seine Seele durch die Schädeldecke zu entschwinden. Chen hatte das Gefühl, als stehe sein Leben einige Sekunden still, lange genug für seine Seele, um den Körper zu verlassen.
Wenn Chen Zhen lange Zeit danach an seine Begegnung mit den Wölfen zurückdachte, war er seinem alten Freund Bilgee und dessen großem schwarzem Pferd zutiefst dankbar. Denn kurz bevor Chen Zhen vor lauter Angst fast aus dem Sattel gerutscht wäre – und nur, weil das Pferd schon immer im Land der Wölfe gelebt hatte -, wurde das Tier vollkommen ruhig. Es tat, als hätte es die Wölfe gar nicht gesehen oder sei aus Versehen in ihre Versammlung geplatzt. Es nahm allen Mut zusammen und setzte seinen Weg ruhigen Schrittes fort, beherrschte seine Hufe, um weder nervös zu trippeln noch plötzlich um sein Leben zu rennen. Um dem erstarrten Körper Chen Zhens, seines Reiters, Sicherheit einzuflößen, balancierte es seine Schritte aus wie ein Jongleur seine Glastellerchen.
Vielleicht waren es der Mut und die Weisheit des mongolischen Pferdes, die Chen Zhens Seele zurückkehren ließen. Oder es lag an der Liebkosung Tenggers im Himmel, der Chens vor der Zeit eingetroffener Seele Vertrauen und Entschlusskraft einflößte. Die Seele Chen Zhens jedenfalls kehrte nach einigen Sekunden außerhalb seines Körpers zu ihm zurück. Er riss sich zusammen, setzte sich im Sattel zurecht und machte es unwillkürlich dem Pferd nach: Er tat, als habe er das angriffsbereite Wolfsrudel nicht gesehen, beobachtete es aber zugleich scharf aus den Augenwinkeln. Er kannte die Schnelligkeit mongolischer Wölfe; wenn sie wollten, konnten sie das nur einige Dutzend Meter entfernte Ziel in wenigen Sekunden erreichen. Als Mensch und Pferd den Wölfen schräg vor ihnen immer näher kamen, wusste Chen, dass er keine Angst zeigen durfte, dass er bluffen musste wie ein Feldherr, dessen Truppe für den Gegner zu schwach war, der sich aber gebärdete, als hätte er Millionen Soldaten und Myriaden Kavalleristen hinter sich. Nur so war ein Angriff dieser grausamen Mörder des Graslands zu umgehen.
Chen Zhen spürte, wie der Rudelführer plötzlich etwas hinter seinem Rücken fixierte, und sah, wie sich die spitzen Ohren der anderen Wölfe wie Radargeräte nach der vom Führer vorgegebenen Richtung drehten. Die Mörder warteten auf den Befehl ihres Anführers. Pferd und Reiter aber, ohne Verstärkung und ohne Waffen, gingen ostentativ immer weiter auf die lauernden Raubtiere zu.
Das Abendrot verblasste allmählich, und es wurde dunkel, als sich der Abstand von Mensch und Pferd zu den Wölfen weiter verkürzte. Man konnte mit Fug und Recht sagen, dass diese paar Schritte zu den gefährlichsten in Chen Zhens bisherigem Leben gehörten und zu den längsten seines Lebens wurden. Im Weitergehen spürte er plötzlich, dass ein Wolf auf den verschneiten Hügel hinter ihm lief, und er wusste, dass der vom Rudelführer ausgesandte Späher sicherstellen sollte, dass die Eindringlinge keine größeren Truppen im Hinterhalt hatten. Chens gerade in ihm aufgewärmte Seele wollte von neuem ausbrechen.
Der Schritt des Pferdes schien auch unsicherer zu sein als zuvor, die zitternden Beine Chens spürten die Flanken des Tieres unter sich beben, sodass Pferd und Reiter noch ängstlicher wurden. Die Ohren des Tieres waren nach hinten gerichtet und horchten nervös dem Späherwolf hinterher, denn wenn der die Lage sondiert hätte, würden sie dem Wolfsrudel vermutlich am nächsten sein. Chen Zhen hatte das Gefühl, durch ein riesiges Wolfsmaul zu gehen, oben scharfe, spitze Zähne, unten scharfe, spitze Zähne, und womöglich schlug das Tier sein Maul genau in dem Augenblick zu, wenn er mittendrin war. Das Pferd ging hinten leicht in die Knie, um sich auf einen letzten Kampf vorzubereiten – aber die Last auf seinem Rücken würde von tödlichem Nachteil sein.
Wie er es bei den Viehzüchtern gelernt hatte, flehte Chen Zhen innerlich Tengger an: Lieber Himmel, bitte breite deine Arme über mir aus und hilf mir! Und noch einmal rief er im Stillen den alten Bilgee an. »Bilgee« bedeutet in der mongolischen Sprache so viel wie »tiefe Weisheit«, und nun hoffte Chen Zhen, dass der Alte ihm in diesem Augenblick alle Graslandweisheiten des mongolischen Volkes übersenden möge. Doch in der totenstillen Ebene war weiterhin nichts zu hören, absolut nichts. Entmutigt hob er den Kopf, um ein letztes Mal den wunderschön blau strahlenden Tengger zu sehen, den Himmel.
Da fiel eine Bemerkung des alten Bilgee wie Donnergrollen vom Himmel auf ihn herab: Wölfe fürchten Gewehre, Stangen, wie man sie zum Anspannen von Wagen braucht, und Eisengerät. Gewehr und diese Stangen hatte er nicht, aber wie war es mit Eisengerät? Plötzlich schienen ihm die Schuhsohlen zu glühen, das war es! Seine Schuhe steckten in großen Steigbügeln, und seine Beine begannen vor Aufregung zu zittern.
Bilgee hatte Chen sein Pferd gegeben, nicht aber seinen Sattel – als habe er gewusst, dass der Jüngere seinen eigenen Sattel benötigen würde. Seinerzeit, als Chen das Reiten erlernt hatte, hatte Bilgee gesagt, für Anfänger sei es sicherer, große Steigbügel zu benutzen. Falls er abgeworfen werde, könne er sich so leichter aus ihnen befreien und werde vom Pferd nicht zu Tode getrampelt. Darum hatten diese Steigbügel eine weite Spitze und eine abgerundete Sohlenform und waren doppelt so groß und dreimal schwerer als gewöhnliche Steigbügel.
Das Rudel wartete noch auf die Rückkehr des Spähers, da standen Pferd und Reiter bereits vor ihnen. Chen Zhen zog blitzschnell die Füße aus den Steigbügeln, beugte sich vor, griff mit jeder Hand eines der eisernen Hilfsmittel – und hob seine Lebensretter in die Höhe. Dann sammelte er alle Kraft für eine letzte Anstrengung, nahm die Steigbügel vor der Brust zusammen und schlug sie unter gewaltigen Brüllen lautstark gegeneinander.
Es war ein helles und ohrenbetäubend lautes Geräusch wie vom Hämmern der Gleisarbeiter auf stählernen Gleisen, das die Stille der Ebene zerriss und gänzlich überraschend über die Wölfe hereinbrach. Ein unnatürliches, metallisches Kreischen, beängstigender als plötzlich über ihnen explodierender Donner, beängstigender sogar als das Klappern eiserner Wildtierfallen.
Beim ersten Zusammenschlagen der Steigbügel schrak das ganze Rudel zusammen. Beim zweiten Schlag zogen die Wölfe sich unter Anführung ihres Leittieres mit angelegten Ohren zurück, um sich dann umzudrehen und mit gesenkten Köpfen in Richtung der Berge davonzulaufen. Auch der Späherwolf ließ seine Aufgabe fahren und folgte den anderen mit eingezogenem Schwanz.
Chen Zhen wagte seinen Augen nicht zu trauen. Diese gewaltigen mongolischen Wölfe ließen sich mit Steigbügeln in die Flucht schlagen! In diesem Augenblick kehrte sein Mut zurück, er schwenkte die Arme wie ein Schafhirte und rief hinter den Wölfen her: »Hurdan! Hurdan! Schnell! Schnell!« Seines Wissens verstanden die Wölfe Mongolisch oder erkannten zumindest die Zeichensprache der Hirten, und vielleicht ließen sie sich deshalb in die Flucht schlagen, weil sie die Gesten als Hinweis für Jäger deuteten, die irgendwo im Hinterhalt lauerten.
So hastig die Wölfe auch davonrannten, war in ihrem Rudel doch die gewohnte, uralte Ordnung ihrer Vorfahren zu erkennen. So wild sie auch davonstürmen mochten, das Leittier ging voran. Ihr Fluchtverhalten hatte keinerlei Ähnlichkeit mit dem von aufgescheuchten Hühnern oder anderen Tieren. Im nächsten Augenblick waren die Wölfe in einer Wolke aufgewirbelten Schnees verschwunden.
Es war dunkel geworden. Chen hatte sich kaum im Sattel zurechtgesetzt, da stob das Pferd auch schon davon und auf die nächste Siedlung zu, die ihm bekannt war. Der eisige Wind drang in Kragen und Ärmel ein, sodass der kalte Schweiß Chens zu Eis zu gefrieren drohte.
Den Klauen und Zähnen der Wölfe mit knapper Not entkommen, dankte er Tengger, wie er es vom Volk des Graslands gelernt hatte. Und seit diesem Erlebnis empfand er eine geradezu betörende Ehrfurcht vor den mongolischen Wölfen des Graslands, denn sie hatten seine Seele berührt.
Bilgee lag immer noch regungslos hinter dem Schneewall und beobachtete aus angestrengt zusammengekniffenen Augen die Gazellen am Hang gegenüber und das Wolfsrudel, das immer näher rückte. »Warte noch einen Augenblick«, flüsterte er Chen Zhen zu. »Dann wirst du ein grandioses Schauspiel erleben!«
Mit Bilgee an seiner Seite fühlte Chen Zhen sich erheblich sicherer. Er rieb sich kleine Eiskristalle aus den Augen und zwinkerte dem alten Mann zu. Dann nahm er sein Teleskop auf und beobachtete die Gazellen und den Kreis der Wölfe um sie herum. Von den Wölfen war nach wie vor nicht das leiseste Geräusch zu hören.
Seit seiner ersten hautnahen Begegnung mit den Wölfen verstand Chen Zhen die Bewohner des Graslands besser, die immer auf eine Konfrontation mit den Wölfen gefasst sein mussten. Tagsüber, auf der Weide, fand er oft Schafe, Rinder oder Pferde, die den Wölfen zum Opfer gefallen waren, zwei oder drei, wenn es wenige waren, häufig Dutzende. Kam er an einem Viehzüchterzelt vorbei, so konnte Felle gehäuteter Wölfe sehen, die wie Wolfsfahnen hoch an einem Mast vor dem Zelt hingen. Wenn er vom Schafeweiden kam, sah er wenige Schritte von der Siedlung entfernt große Abdrücke von Wolfstatzen im Schnee, und je weiter er zum grasbewachsenen Moor an den Hügeln kam, umso mehr wurden es. Dazu grauweißer Wolfskot und Wolfsschatten, die fast jeden Abend wie Geister umherirrten. Besonders im kalten Winter blitzten wenige Meter abseits der Schafherden die smaragdgrünen Augen der Wölfe auf, zuweilen zwei oder drei Paar, häufiger fünf oder sechs und nicht selten weit über ein Dutzend. Eines Nachts erspähte er zusammen mit Galsanma, der ältesten Schwiegertochter Bilgees, fünfundzwanzig funkelnde Augenpaare. Wie Guerillakämpfer bevorzugten die Viehzüchter ein einfaches Leben mit jahrein, jahraus den gleichen Regeln, nur dass die Schafe im Winter mit Ochsenkarren, beweglichen Gattern und großen Filzmatten vor Wind geschützt waren – was allerdings nicht die Wölfe fernhielt. Die Südseite der Lager wurde von Hunden und Frauen bewacht. Wenn die Wölfe einbrachen, kämpften die Hunde einen Kampf auf Leben und Tod mit ihnen, sodass die Körper der Tiere schwer gegen die Wände der mongolischen Jurten schlugen und die Menschen jäh aus dem Schlaf gerissen wurden. Chen Zhen war schon zweimal auf diese Weise geweckt worden – ohne die Jurtenwand wären die Wölfe jedes Mal direkt auf ihm gelandet.
Nachts, wenn die Wölfe auf Jagd gingen, zwang Chen Zhen sich zu einem oberflächlichen Schlaf und bat Galsanma, laut nach ihm zu rufen, sobald die Wölfe bei den Schafen eindrangen, denn er werde die Tiere mit ihr zusammen vertreiben. Der alte Bilgee zwirbelte schmunzelnd sein Ziegenbärtchen und meinte nur, er habe noch keinen Chinesen getroffen, der sich derartig für Wölfe interessierte. Doch die Neugier des Pekinger Schülers schien ihm zu gefallen.
Dann, im selben Winter, traf Chen Zhen zum zweiten Mal direkt auf die Wölfe.
»Chen Zhen! – Chen Zhen!«, hallte eine Frauenstimme laut durch die Nacht. Wie gewünscht wurde er durch einen Hilferuf Galsanmas in ihrem harten Dialekt abrupt aus dem Schlaf gerissen. Er sprang auf, zog Filzstiefel und Ledermantel an, griff zu Taschenlampe und Hirtenstab und rannte auf zittrigen Beinen nach draußen. In dem von der Taschenlampe beleuchteten Schneegestöber sah er auf einmal Galsanma, die das Ende eines langen Wolfsschwanzes in Händen hielt und daran zog. Der Wolf, den sie mit aller Kraft aus der Menge der eng beieinander stehenden Schafe herauszuzerren versuchte, mochte von Kopf bis Schwanz die Länge eines erwachsenen Mannes messen. Verzweifelt versuchte das Tier, die Frau hinter sich zu beißen. Die dümmlichen, plumpen Schafe drängten sich derweil in Todesangst vor den gierigen Wölfen im eisigen Wind so dicht zusammen und an die schützende Wand hinter sich, dass der Schnee zwischen ihren Leibern als Dampf aufstieg. Jetzt konnte der Wolf sich gar nicht mehr bewegen, mit den Pranken am Boden spannte er seinen Körper an, schnellte plötzlich in die Höhe, biss um sich und spielte eine Art Tauziehen mit Galsanma. Chen Zhen kam schwankend und taumelnd angelaufen, unsicher, was zu tun sei. Zwei großen Hunden Galsanmas, die durch die Schafe vom Wolf getrennt waren, blieb nichts anderes übrig, als wie verrückt – aber völlig sinnlos – zu bellen. Die fünf, sechs gewaltigen Hunde Bilgees, zusammen mit weiteren Tieren aus der Nachbarschaft, rangen mit den Wölfen östlich der Schafherde. Ein ohrenbetäubendes Jaulen, Heulen und Schreien stieg zum Himmel auf. Chen Zhen wollte Galsanma zu Hilfe eilen, doch seine zitternden Beine ließen es nicht zu. Sein anfänglich brennendes Interesse, einen lebendigen Wolf zu berühren, hatte sich in Luft aufgelöst.
Galsanma, die dachte, er werde zu ihr laufen, rief: »Nein! Komm nicht her! Der Wolf wird dich beißen! Jag die Schafe davon! Die Hunde kommen!«
Galsanma zog aus Leibeskräften an dem Wolfsschwanz, sodass sie fast auf den Rücken fiel und ihr der Schweiß auf die Stirn trat. Mit beiden Händen brach sie dem Wolf schließlich den ersten Schwanzknochen. Mit blutigem Fang drehte sich das Tier zu Galsanma um und wollte diesen Feind vernichten. Ein ratschendes Geräusch, und er hatte die untere Hälfte ihres Ledermantels fortgerissen. Die schmalen mongolischen Augen Galsanmas versprühten das Feuer einer Panthermutter, während sie weiterhin zog und zerrte. Mit einem plötzlichen Sprung nach hinten zog sie den Wolfskörper erneut gerade und zerrte ihn weiter zurück, hin zu den Hunden.
Chen Zhen geriet in Panik und reckte die Taschenlampe in die Höhe – falls sie den Wolf nicht deutlich sähe und er zubeißen wollte. Zugleich schwang er den mitgebrachten Hirtenstab im Kreis und ließ ihn auf die Köpfe der Schafe niedersausen. Das versetzte die Schafe in helle Aufregung, sie drängten aus Angst vor dem riesigen Wolf in Richtung der Taschenlampe in ihrer Mitte – Chen hatte es nicht geschafft, sie aus ihrer Starre zum Davonlaufen zu bewegen. Ihm entging nicht, dass Galsanma die Kräfte verließen und sie von dem gefährlichen Raubtier wiederum ein paar Schritte nach vorn gezogen wurde.
»Ma…! Mama! Mama!«, war plötzlich der verzweifelte Schrei eines Kindes zu hören.
Der neunjährige Sohn Galsanmas, Bayar, war aus seiner Jurte gerannt, und sein Geschrei bekam beim Anblick seiner Mutter plötzlich einen anderen Tonfall. Er schien wie über die Schafe hinweg direkt an der Seite seiner Mutter zu landen, um den Schwanz des Wolfes zu ergreifen.
»Greif das Bein des Wolfs!«, rief Galsanma. »Greif das Bein!«
Mit beiden Händen umklammerte der Junge ein Hinterbein des Wolfes und zog aus Leibeskräften daran, bis das Tier tatsächlich in seinem Drang nach vorn geschwächt wurde. Mutter und Sohn hatten dem Wolf Einhalt geboten und sorgten dafür, dass der riesige Wolf den filzverstärkten Windschutz an der Westseite nicht durchbrechen konnte, um Schafe nach draußen zu treiben.
Der alte Bilgee war inzwischen auch herbeigeeilt, schob die Schafe zur Seite und brüllte in Richtung Osten: »Bar! Bar!« »Bar« bedeutete auf Mongolisch so viel wie »Tiger«, und der Ruf galt dem größten, kräftigsten und tollkühnsten Hund der Gruppe, in dessen Adern das Blut des tibetischen Wolfsjagdhundes floss. Kürzer als ein Wolf, übertrafen dafür Schulterhöhe und Breite seines Brustkorbs die des Raubtieres. Beim Ruf seines Besitzers ließ Bar sofort von den Wölfen ab und lief zu Bilgee hin. Er kam zum Stehen, und der üble Geruch von Wolfsblut stieg aus seinem Maul auf. Der Alte riss Chen Zhen die Taschenlampe aus der Hand und ließ ihren Lichtstrahl über den Wolf in der Mitte der Schafherde gleiten. Bar setzte zum Sprung über die Schafe an, trat mehreren dabei auf den Kopf und stürzte sich robbend und kriechend auf den Wolf.
»Treib die Schafe zu dem Wolf hin!«, rief der Alte. »Dräng ihn in die Enge! Lass ihn nicht entkommen!«
Er nahm Chen Zhens Hand, und gemeinsam bahnten sie sich einen Weg zum Wolf und zu Galsanma.
Der wütende Bar stellte sich schnaufend vor Galsanma, an deren anderer Seite sich die vollkommen atemlosen Schafe drängten. Die Jagdhunde der Mongolen waren darauf abgerichtet, den Wolf weder am Rücken noch am Brustkorb zu packen, um das Fell nicht zu beschädigen. Bar bellte und jaulte wie wild, als er die richtige Stelle zum Zubeißen suchte. Als Galsanma des Hundes gewahr wurde, drehte sie sich zur Seite, hob ein Bein, packte mit beiden Händen den Schwanz des Wolfes und legte ihn über ihr Knie. Dann sammelte sie alle Kraft wie zum Brechen einer dicken Holzstange, stieß einen wilden Schrei aus – und mit lautem Knacken brach das Steißbein des Tieres. Der Wolf heulte auf, der Schmerz ließ schlagartig alle Kraft aus seinen vier Gliedmaßen schwinden, sodass Mutter und Sohn ihn aus der Mitte der Schafe herausziehen konnten. Der Wolf wurde am ganzen Körper vor Schmerz geschüttelt, und als er den Kopf nach hinten drehte, um seine Wunde in Augenschein zu nehmen, bot er Bar seine Kehle dar. Der kümmerte sich nicht um die kraftvollen Pranken des Tieres und stemmte sich auf Hals und Brust des Größeren. Die Kiefer des Hundes schlugen in den Hals des Raubtieres, aus der Halsschlagader seines Gegners sprudelte Blut, und der Wolf ruderte ein bis zwei Minuten mit den Beinen, bevor ihn die Kräfte endgültig verließen und er blutend zusammensackte. Galsanma tastete mit der Hand nach dem Blut auf ihrem Gesicht und stöhnte erleichtert auf. Chen fand, dass ihr rotes Gesicht aussehe, als habe sie es mit Schminke aus Wolfsblut verschönert wie einst prähistorische Völker es taten – eine mutige, tapfere und schöne Frau.
Während der schwere Geruch nach Wolfsblut sich allmählich verzog, verebbte auch das Hundegebell im Osten, das Wolfsrudel zog sich zurück und verschwand langsam in der Dunkelheit. Einen Augenblick später drang aus Richtung der moorigen Grasebene im Nordwesten gellendes Schmerzensgejaul herüber – als Zeichen der Trauer um den im Kampf Gestorbenen.
»Wie feige ich bin, ängstlicher als ein Schaf.« Chen Zhen seufzte beschämt. »Unfähiger als die Hunde der Steppe, unnützer als eine Frau, selbst ein neunjähriges Kind weiß besser zu helfen als ich.«
Galsanma schüttelte lachend den Kopf. »Nein, nein. Wenn du nicht gekommen wärst, hätte der Wolf das Schaf aufgefressen.«
Der alte Bilgee stimmte in das Lachen ein. »Du bist der erste Chinese aus der Stadt, der eine Taschenlampe holt und uns hilft, die Schafe in Bewegung zu bringen. Das hatten wir hier wirklich noch nie.«
Da fasste Chen Zhen endlich Mut, den inzwischen erkalteten Körper des toten Wolfes zu berühren. Er bereute, nicht mit Galsanma am Schwanz des Wolfs gezogen zu haben. So eine Gelegenheit bot sich einem Han-Chinesen höchstens einmal im Leben: mit bloßen Händen gegen einen Wolf zu kämpfen.
Chen tätschelte Bars großen Kopf und nahm allen Mut zusammen, um sich neben das tote Tier zu hocken, das leblos noch genauso beeindruckend aussah wie lebendig. Er spreizte Daumen und Zeigefinger auseinander und maß: Mit einem Meter neunzig war das Tier von Kopf bis Fuß länger als er selbst. Chen atmete einmal tief durch.
Bilgee leuchtete mit der Taschenlampe zu der Schafherde hinüber. Drei oder vier Tieren hatte der Wolf in die fleischigen Schwänze gebissen, sie abgerissen und aufgefressen, wobei Stümpfe zurückblieben, an denen das Blut bereits gefror. »Ein paar Schafsschwänze für einen so großen Wolf, das ist kein schlechter Tausch«, sagte er. Zusammen mit Chen trug er den schweren Wolfsleib in die Jurte, um zu verhindern, dass die Nachbarshunde ihren Unmut an ihm ausließen. »Und morgen«, fuhr Bilgee fort, »zeige ich dir, wie man einen Wolf häutet.«
Galsanma trat mit einem großen Teller Fleisch aus ihrer Jurte, um Bar und die anderen Hunde zu belohnen. Chen Zhen folgte ihr, liebkoste mit beiden Händen Bars großen Kopf und seine breite Brust. Der Hund kaute krachend auf einem fleischigen Stück Knochen und wedelte dankbar mit dem Schwanz.
Chen Zhen musste Galsanma diese Frage einfach stellen: »Hattest du gerade Angst?«
Sie lachte. »Angst, Angst. Ich hatte Angst, die Wölfe würden meine Schafe verjagen, dann wäre es um meine Arbeitspunkte geschehen gewesen. Denn ich bin immerhin Vorsteherin der Produktionsgruppe.« Galsanma beugte sich vor und tätschelte Bar den Kopf. »Sain, brav«, sagte sie, »guter Bar.« Bar ließ augenblicklich vom Fleisch ab, hob den Kopf, leckte die Handfläche seiner Herrin, bohrte seine Schnauze in ihren Ärmel und wedelte so heftig mit dem Schwanz, dass es einen leichten Luftzug gab. Chen Zhen war nicht entgangen, dass der im kalten Wind stehende, hungrige Bar jedes Essen und jede warme Decke für eine Belohnung seiner Herrin stehen und liegen gelassen hätte.
»Chen Chen«, sagte Galsanma, »nach dem Frühlingsfest gebe ich dir einen viel versprechenden Welpen. Es gibt viele Wege, einen Hund großzuziehen. Wenn er es gut bei dir hat, wird er ein zweiter Bar.«
Zurück in der Jurte gestand Chen Zhen Bilgee, dass er sich zu Tode gefürchtet hatte.
»Das habe ich gemerkt, als ich deine Hand nahm«, erwiderte der Alte. »Aber wie willst du ein Messer halten, wenn du so zitterst? Wenn du hierbleiben willst, musst du stärker sein als die Wölfe. Ich werde dich zu Wolfskämpfen mitnehmen und dich ausbilden. Dschingis Khan hat nur die besten Wolfsbezwinger zu Soldaten gemacht.«
Chen Zhen nickte verständig. »Ja, und Galsanma zu Pferde schlägt Hua Mulan, unseren bekanntesten weiblichen General, bestimmt um Längen.«
»Ach, ihr Chinesen und eure Generalinnen«, sagte der Alte. »Davon gibt es nicht viele. Aber wir Mongolen haben in jedem Haushalt eine Galsanma.« Der alte Mann lachte röhrend wie der Rudelführer der Wölfe.
Nach dieser Nacht wollte Chen Zhen erst recht mit den Wölfen auf Tuchfühlung gehen, sie aus nächster Nähe beobachten und studieren. Er spürte eine geheimnisvolle, enge Verbindung zwischen Menschen und Wölfen der Grasebene. Vielleicht würde er die Geheimnise der Steppe und ihrer menschlichen Bewohner erst richtig verstehen, wenn er die Wölfe verstand. Und die Wölfe waren eindeutig die rätselhaftesten, undurchschaubarsten Lebewesen der Steppe. Chen Zhen wollte alles über Wölfe lernen, ja am liebsten hätte er sich ein Wolfsjunges genommen und eigenhändig großgezogen – obwohl er bei diesem Gedanken selbst noch zusammenzuckte. Doch je näher der Frühling rückte, umso nachdrücklicher wurde sein Wunsch nach einem Welpen aus einem Wolfsbau.
Die beiden Männer lagen nun schon lange Zeit hinter dem Schneewall und beobachteten aufmerksam die wohl tausend Gazellen am Hang gegenüber. Einige große Männchen hielten Wache, die Nasen witternd in der Luft, während die übrigen Tiere weiterhin Gras unter dem Schnee zu finden suchten.
Trotz der Eiseskälte in ihrem Schneeversteck und der dicken Kleidung spürte er, wie der alte Bilgee ihn leicht mit dem Arm anstieß und in Richtung des teilweise schneebedeckten Hügels wies. Eilig griff Chen Zhen zum Teleskop und sah hin: Die Gazellen grasten nervös weiter. Dann sah er einen der Wölfe aus seinem Rudel ausbrechen und in die Berge im Westen laufen. Chens Gesicht verfinsterte sich kaum merklich, als er den Älteren leise fragte: »Die Wölfe geben doch nicht auf, oder? Dann hätten wir uns hier umsonst stundenlang in die Kälte gelegt.«
»Im Gegenteil«, sagte der andere, »sie wollen sich die günstige Gelegenheit einer so riesigen Herde nicht entgehen lassen und schicken einen aus, um Verstärkung zu holen. So etwas bekommen sie nur alle fünf, sechs Jahre geboten, und hungrig wirken sie auch, sie scheinen tatsächlich einen Großangriff zu planen – ich habe dir nicht zu viel versprochen. Doch übe dich endlich in Geduld, eine günstige Gelegenheit zum Jagen muss man abwarten können.«

2
Der König der Hunnen hatte zwei Töchter, die von solcher Schönheit waren, dass das Volk sie für göttlich hielt. Der König sagte: »Meine Töchter sind außerordentlich schön, nicht mit einem gemeinen Mann dürfen sie verheiratet, sie müssen dem Himmel gegeben werden.« Er ließ im unbewohnten Norden eine große Plattform errichten, seine beiden Töchter hinbringen und sprach: »Möge der Himmel sie zu sich nehmen.« Im Jahr darauf kam ein alter Wolf und heulte Tag und Nacht. Er grub sich unter der Plattform eine Höhle und verließ die beiden Schönen fürderhin nicht mehr. Die kleine Schwester sagte zur großen: »Unser Vater hat uns hierhergebracht, um uns dem Himmel zu opfern, und nun ist ein Wolf gekommen. Vielleicht ist er vom Himmel geschickt. Ich werde hinabsteigen, ihn zu heiraten.«
005
Die ältere Schwester, sehr überrascht, erwiderte: »Tu das nicht, es ist ein wildes Tier! Du bringst Schande über unsere Eltern!« Die jüngere Schwester hörte nicht auf sie, ging hinunter und heiratete den Wolf. Sie gebar ihm einen Sohn. Ihre Nachkommen gründeten einen Staat, und die Einwohner dieses Landes singen aus vollem Hals, dass es dem Heulen von Wölfen gleicht.
Geschichte der Wei-Dynastie, Biographien der Rouran, der Hunnen, der Tuhe und der Gaoche.
 
Sechs, sieben neue Wölfe gesellten sich lautlos zu den Belagerern, sodass drei Flanken bereits geschlossen und zum Angriff formiert waren. Chen Zhen hielt sich seinen dicken, hufeisenförmigen Ärmel vor Mund und Nase und raunte dem alten Mann zu: »Werden die Wölfe jetzt den Kreis schließen?«
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