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Andrew Britton: Der Agent

Das Buch
Nach der schmerzhaften Trennung von seiner Partnerin Naomi, hat sich der ehemalige CIA-Agent Ryan Kealey aus dem Dienst zurückgezogen und reist um die Welt. Doch dann wird in Afghanistan eine Gruppe amerikanischer Bergsteiger entführt. Der Verdacht fällt auf einen der gefährlichsten Terroristen der Welt, und der Präsident der Vereinigten Staaten persönlich besteht darauf, dass Kealey den Fall übernimmt. Doch dieser möchte unter keinen Umständen in den Dienst zurückkehren. Erst als man ihm Naomi als seine Partnerin in Aussicht stellt, willigt er ein. Die Lage spitzt sich zu, als die Terroristen auch die amerikanische Außenministerin in ihre Gewalt bringen. Während der gefährlichen Jagd muss Kealey feststellen, dass auch Naomi ein dunkles Geheimnis in sich birgt. Bald weiß er nicht mehr, wem er noch vertrauen kann.
Der Agent ist der dritte und letzte Band der hochaktuellen Politthriller-Serie um CIA-Agent Ryan Kealey.

Der Autor
Andrew Britton, geboren 1981, wuchs in England auf, bevor er mit seiner Familie im Alter von sieben Jahren nach Amerika zog. Nach seiner Armeezeit als Kampfingenieur, studierte Britton an der University of North Carolina in Capel Hill Volkswirtschaft und Psychologie. Mit seiner Thrillerserie um Agent Ryan Kealey gelang Andrew Britton der Sprung auf die amerikanischen Bestsellerlisten. Britton erlag im März 2008 im Alter von 27 Jahren völlig überraschend einem Herzleiden. Weitere Infos zum Autor unter www.andrewbrittonbooks.com.

Für meine Großmutter, Eunice Britton

Der größte Albtraum der CIA ist der »Unsichtbare«, ein Terrorist, der aufgrund seiner ethnischen Zugehörigkeit zur Bevölkerungsmehrheit einer Region äußerlich nicht auffällt. Er kann sich nicht nur innerhalb seines Landes ungehindert bewegen, sondern auch problemlos Grenzen passieren, und bleibt völlig anonym, während er monströse Gräueltaten plant.

Prolog
Karakorum-Highway, Pakistan
Selbst durch das gesprungene Fenster des alten Busses, der bergab von Kaschgar nach Islamabad fuhr, fand Rebeka Česnik die Aussicht hinreißend. Perfekt. Atemberaubend, in jeder Hinsicht. Dies waren die Worte, mit denen sie bisher jede ihrer Reisen charakterisiert hatte, und die enthusiastischen Kommentare brachten ihre Freunde und Verwandten zum Lächeln. Warum das so war, hatte sie erst nach einer ganzen Weile herausgefunden.
Schließlich hatte ihre Mutter sie in den Grund der allgemeinen Erheiterung eingeweiht, vor einigen Jahren, kurz nachdem es ihr gelungen war, bei der Agentur Frommer’s einen Posten als Reisefotografin zu bekommen. Damals hatte sie die Beobachtung nicht nur zutreffend, sondern auch amüsant gefunden. Selbst jetzt musste sie lächeln, wenn sie daran dachte, doch sie konnte nicht leugnen, dass es so war.
Gut, dass du Fotografin und nicht bei der schreibenden Zunft bist. Wo du auch warst, deine Worte sind immer dieselben. Jeder neue Ort ist genauso atemberaubend wie der letzte.
Vermutlich hatte sie recht, dachte Rebeka, die nie eingehender über die unzulängliche Variabilität ihres Sprachgebrauchs nachgedacht hatte. Sie interessierte sich nur fürs Reisen und die Fotografie, und zu ihrer großen Befriedigung war es ihr gelungen, mit beidem ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Schon immer hatte sie das Talent besessen, bezwingende, einzigartige Fotos zu schießen, doch das reichte ihr nicht. Auch genügte es ihr nicht, ihre äußerst anspruchsvollen Auftraggeber zu befriedigen. Ihr eigentliches Ziel war es, die Leser den Text vergessen zu lassen, sie ganz in den Bann ihrer Fotografien zu ziehen. Das war keine Kleinigkeit, denn die Magazine, für die sie arbeitete, beschäftigten einige der besten Schreiber, die in diesem Geschäft zu haben waren. Außerdem schien es ihr fast unmöglich, die überwältigenden Eindrücke, denen sie ständig ausgesetzt war, wirklich adäquat einzufangen. Wenn man allerdings die Lobeshymnen und Preise bedachte, die sie im Verlauf einer kurzen Karriere eingeheimst hatte – unter anderem 2006 den renommierten Hasselblad Award -, konnte kein Zweifel bestehen, dass sie sich in einer Branche etabliert hatte, in der es von begabten Konkurrenten nur so wimmelte – eine beachtliche Leistung.
Für ihren gegenwärtigen Beruf hatte sie sich entschieden, nachdem sie im Alter von siebzehn Jahren einige kleinere Fotowettbewerbe gewonnen hatte. Begonnen hatte alles im Jahr 2002, mit einer gebrauchten Minolta Dynax 8000i. Die Kamera war das Geschenk eines verwöhnten Cousins, der sich kostspieligeren Hobbys zuzuwenden gedachte, und sie hatte sich sofort in die Minolta verliebt. Ihre Reiselust reichte allerdings bis in ihre Kindheit zurück, und manchmal fragte sie sich, warum es so lange gedauert hatte, aus ihren beiden Lieblingsbeschäftigungen einen Beruf zu machen. Das war ihr jetzt auf spektakuläre Weise gelungen. Sie war an den Ufern des Flusses Soča in den Julischen Alpen aufgewachsen, in der Nähe des berühmten Schlosses Predjama, und für sie ließen sich sowohl ihr nie erlahmendes Interesse an der Natur als auch ihre damit verbundene Reiselust auf die überwältigenden Landschaftseindrücke ihrer Kindheit zurückführen.
Im letzten Jahr hatte sie Frommer’s verlassen, und seitdem arbeitete sie als Freelancer, unter anderem für Time, Newsweek, Le Monde, National Geographic und Naša žena, die in ihrem Heimatland Slowenien erschien. Diese Aufträge hatten es ihr ermöglicht, in zwei kurzen Jahren vierzehn Länder zu sehen. Zwölf hatte sie schon zuvor besucht. Sie dokumentierte ihre Reisen minuziös – nicht nur mit der Kamera, sondern auch durch das Führen eines Tagebuchs, das sie als ihren wertvollsten Besitz sah. Jeder neue Auftrag war ein neues Abenteuer, doch als sie jetzt aus dem Fenster blickte, ohne auf das unangenehme Schaukeln des Busses auf der steilen Bergstraße zu achten, musste sie zugeben, dass die Schönheit der schneebedeckten, über dem Hunza-Tal aufragenden Gipfel ihre kühnsten Erwartungen übertraf. Früher am Tag hatte es einen kurzen Schauer gegeben, doch jetzt war der Himmel makellos blau, und die nachmittägliche Sonne verlieh den verschneiten Gipfeln einen Zauber, den auf einem Foto einzufangen völlig unmöglich schien. Es kam nicht oft vor, doch zuweilen wurde ihr klar, dass die Schönheit einer Landschaft sich der Fixierung auf Film entzog. Das war schwer zu akzeptieren, und diese Momente waren für sie der größte Ansporn. Diesen Anblick jetzt hätte sie für nichts auf der Welt hergegeben.
Nach einer Weile neigte sich der Bus leicht nach rechts, als er um den Berg fuhr. Damit war der spektakuläre Blick auf den Tirich Mir beendet, den höchsten Gipfel des Hindukusch. Der Bus fuhr bergab in Richtung des Khunjerab-Nationalparks. Enttäuscht wandte sie sich ab und ließ den Blick über die Mitreisenden schweifen. Der Bus war rappelvoll, angesichts der Jahreszeit nicht überraschend. Etliche der Passagiere waren Bergsteiger, angezogen von den forderndsten Gipfeln der Welt, und mit einer Genehmigung konnte man nur während der Sommermonate rechnen. Rebeka war schon wochenlang mit diesen Leuten unterwegs und kannte die meisten ziemlich gut.
Ihr gegenüber saß Beni Abruzzi, ein großer, attraktiver, draufgängerischer Bergsteiger aus Brescia. Er redete – wie immer heftig gestikulierend – auf Umberto Verga ein, seinen stämmigen sizilianischen Cousin. Der sagte nur selten etwas, und wenn er es tat, klang es eher wie ein fortgesetztes Grunzen. Aber Beni war nur zu glücklich, sich selbst reden zu hören. Er hatte bei der italienischen Armee als caporal maggiore gedient, als Unteroffizier der Infanterie, und einige Zeit im Irak verbracht, was er schon so oft erwähnt hatte, dass Rebeka es nicht mehr hören konnte. Abruzzi konnte stundenlang mit seinen militärischen Leistungen prahlen, und Rebeka hielt die meisten seiner Geschichten zwar für wahr, aber für kein bisschen beeindruckend. Im Moment – nicht weiter überraschend – richtete sich der Blick des Italieners auf drei hübsche norwegische Krankenschwestern, die vor zwei Stunden in Taschkurgan zu ihnen gestoßen waren, vierzig Minuten bevor der Bus auf dem Khunjerab-Pass, dem höchsten Punkt des Karakorum-Highways, die chinesisch-pakistanische Grenze passiert hatte.
Dann waren da noch die dänischen Bergsteiger, die vor vier Tagen am K2 eingetroffen waren, um ihn zu erklimmen, aber bald deprimiert in das Camp in Concordia zurückkehren mussten, und eine kleine Gruppe in die Jahre gekommener Kanadier. Es gab sogar einen renommierten amerikanischen Geologen namens Timothy Welch. Der emeritierte Professor von der University of Colorado schien den Großteil seiner Zeit damit zu verbringen, auf seine Hände zu starren und leise vor sich hin zu murmeln, was Rebeka zugleich amüsant und etwas nervig fand.
Abruzzi erhaschte ihren Blick, doch sie wandte sich ab, bevor er sie wie üblich mit seinen lüsternen Augen fixieren konnte. Um ihre Reaktion unauffälliger erscheinen zu lassen, zog sie rasch das Tagebuch aus dem Berghaus-Rucksack und öffnete es, um die Ereignisse der letzten paar Tage festzuhalten. Es war nicht leicht, sich unter dem starren Blick des Italieners zu konzentrieren. Sie hatte alles getan, um ihn ihr Desinteresse spüren zu lassen, aber ihre Anstrengungen waren offensichtlich vergeblich gewesen. Obwohl sie erst dreiundzwanzig war – genauso alt wie Abruzzi -, hatte sie schon allerhand erreicht. Aus diesem Grund neigte sie dazu, auf Menschen ihres Alters herabzublicken. Sie wusste, dass es hochmütig war, konnte jedoch nichts dagegen tun. Da sie eine permanent gefordert Frau war, standen Dinge wie Männer, Sex und Partys nicht oben auf ihrer Prioritätenliste.
Zugleich war ihr klar, dass ihr Aussehen ihr beruflich handfeste Vorteile verschaffte, doch das wäre in jeder anderen Branche genauso gewesen. Sie nahm es gelassen, und es änderte nichts daran, wie sie selbst ihren Erfolg einschätzte. Kürzlich hatte sie in der jüngsten Ausgabe von Outside auf der Impressumseite ihr Bild neben dem des Herausgebers gesehen, eines definitiv nicht attraktiven Schweden, der die sechzig überschritten hatte, und es war kein bisschen kleiner als seines. Diese Entdeckung hatte bestätigt, was sie bereits wusste – dass sie eine der begehrtesten jungen Fotografinnen weltweit war, verdankte sie ihrem Talent, nicht ihrem Äußeren.
Rebeka wurde aus ihren Gedanken gerissen, als der Bus erzitterte, weil der Fahrer einen Gang herunterschaltete. Sie reckte den Kopf und sah weiter vorn am Straßenrand etliche geparkte Fahrzeuge, von Männern umringt. Als der Bus näher kam, konnte sie besser sehen, und was sie erkannte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Gewehre. Schwer bewaffnete Männer, und nicht eben wenige. Das Geflüster auf den umliegenden Sitzen ließ sie vermuten, dass die anderen genauso verwirrt und besorgt waren wie sie. Auf dem Karakorum-Highway wurden Pässe und Visen regelmäßig kontrolliert, doch dies war keine der dafür vorgesehenen Stellen. Soweit sie wusste, waren es bis zum nächsten pakistanischen Checkpoint noch etliche Kilometer. Die Spannungen zwischen der Regierung General Musharrafs und der des indischen Premierministers Manmohan Singh hatten sich während der letzten Monate ständig verschärft, doch dieser Zwischenfall war für sie der erste handfeste Beweis für die eskalierende Lage.
Blieb zu hoffen, dass es um etwas anderes ging. Hier hatte es schon immer Probleme mit Banditen gegeben, obwohl man sich durch die richtigen Vorsichtsmaßnahmen gut gegen sie schützen konnte. Dazu gehörte, nach Einbruch der Dunkelheit nicht allein unterwegs zu sein. Doch jetzt, mitten am Nachmittag, war es hell, und sie befanden sich nicht in der Nähe der schwer bewachten Grenzlinie des zwischen Pakistan und Indien umstrittenen Territoriums. Eigentlich konnten die Umstände für Reisende auf dem Karakorum-Highway nicht günstiger sein.
Der Bus hielt an, die Tür neben dem Fahrersitz öffnete sich geräuschvoll. Die Luft im Inneren wirkte ungewöhnlich stickig, keiner der Reisenden sagte ein Wort. Alle warteten, was passieren würde, auch Rebeka. Dann tauchte neben dem Busfahrer ein Mann auf, und die Spannung schien nachzulassen. Der Fremde trug die Uniform eines Hauptmanns der pakistanischen Armee und ließ den Blick über die Insassen des Busses schweifen. Rebeka glaubte, wieder unbeschwerter zu atmen, und war nicht weiter beunruhigt, als der Hauptmann die Reisenden bat, aus dem Bus zu steigen und die Pässe bereitzuhalten. Weil sie damit rechnete, dass die Soldaten vielleicht ihre persönliche Habe durchwühlen würden, ließ sie das Tagebuch unter ihrer Jacke verschwinden. Es hätte sie nicht gewundert, wenn nach der Durchsuchung ihres Rucksacks etwas gefehlt hätte. Die meisten Dinge darin waren zu ersetzen, aber den Verlust des Tagebuchs hätte sie nicht ertragen.
Da sie ziemlich weit hinten im Bus saß, musste sie warten, bis die vor ihr sitzenden Reisenden ausgestiegen waren. Während sie sich mit ihren Pässen in der Hand am Straßenrand aufstellten, sah Rebeka eine Chance, die sie sich nicht entgehen lassen wollte. Die Soldaten schienen ganz von ihrer Aufgabe in Anspruch genommen, und sie zog ihre Kamera hervor – eine Canon EOS-1V mit einem 85mm-Objektiv – und hob sie vorsichtig über die untere Kante des Fensters. Sie machte schnell ein paar Schnappschüsse – ohne Blitz – und hoffte, die frustrierten Mienen der Mitreisenden gut eingefangen zu haben. Mit ihrem aktuellen Auftrag hatte das nichts zu tun, aber sie kannte einen Journalisten, der an einem Artikel über Korruption in der pakistanischen Armee schrieb. Vielleicht ließ sich da etwas aus den Bildern herausholen.
Nach einem halben Dutzend Fotos ließ sie die Kamera sinken und überprüfte, ob jemandem etwas aufgefallen war. Es sah nicht so aus. Jetzt wurde es Zeit, den anderen zu folgen. Der Bus hatte sich fast geleert, und ein junger Soldat ging auf die offene Tür zu.
Nachdem sie schnell den Film aus der Kamera genommen und gut verpackt in ihrem Rucksack verstaut hatte, stand sie auf, doch da kam der Soldat schon auf sie zu und zeigte auf die Canon. Er sagte etwas, das sie nicht verstand, packte mit der linken Hand ihren freien Arm und streckte die andere nach dem Fotoapparat aus. Instinktiv zog sie die Kamera zurück, doch der Mann beugte sich vor und schlug sie ihr aus der Hand. Dann musste sie fassungslos mit ansehen, wie er die Canon mit einem Fußtritt in den hinteren Teil des Busses beförderte.
»Was tun Sie da?«, schrie sie auf Englisch, während sie sich losriss. »Haben Sie eine Ahnung, was so eine Kamera kostet? Sobald wir in Islamabad sind, werde ich …«
Sie kam nicht dazu, den Satz zu beenden. Der Soldat versetzte ihr einen Faustschlag in den Magen und verpasste ihr dann eine harte Ohrfeige. Rebeka stieß gegen den Rand des mit einem Kunststoffpolster bezogenen Sitzes. Während sie um Luft rang, stiegen ihr Tränen in die Augen. Für einen Augenblick war sie wie betäubt und wehrte sich nicht, als der Soldat ihr Haar packte und daran riss. Vornübergebeugt und vor Schmerz weinend, brachte sie eine Hand hinter ihren Kopf und versuchte verzweifelt, die Hand des Soldaten aus ihrem Haar zu lösen, während der sie in Richtung des Fahrersitzes zerrte. Vorn angekommen, ließ er sie los und stieß sie unsanft nach draußen.
Rebeka taumelte durch die offene Tür und schlug unglücklich auf dem Boden auf. Sie hörte ein leises Knacken, mit ihrer Schulter war etwas nicht in Ordnung. Obwohl ihr Angst und Verwirrung den Kopf vernebelten, versuchte sie instinktiv, sich auf dem rechten Ellbogen aufzustützen. Es war eine rein automatische Reaktion, aber ein großer Fehler. Ihre Schulter schmerzte so sehr, dass sie laut aufschrie und auf die Seite fiel. Zehn Sekunden später stieg der junge Pakistaner aus dem Bus und ging mit der arg ramponierten Kamera in der Hand an ihr vorbei.
Die anderen Reisenden hatten begriffen, dass etwas nicht stimmte, und wollten sich nicht mehr alles gefallen lassen. Rebeka verlagerte das Gewicht auf den linken Ellbogen und schaffte es, sich aufzurichten. Ihr Blick war noch verschwommen, aber sie sah, was um sie herum vorging. Umberto Verga trat vor und schleuderte einem Pakistaner in gebrochenem Punjabi ein paar Worte entgegen. Der Soldat versuchte umgehend, den untersetzten Bergsteiger in die Reihe zurückzustoßen. Vergas schwerer Körper bewegte sich kaum, aber sein Gesicht lief vor Zorn rot an. Er trat erneut einen Schritt vor und stieß das Gewehr des Pakistaners zur Seite. Noch immer benommen, verfolgte Rebeka, wie Verga seine Frage auf Englisch wiederholte, und zwar so laut, dass sie, obwohl zehn Meter entfernt, jedes Wort verstand.
»Warum schlagen Sie die Frau?«, rief der Sizilianer so entrüstet, dass Speichel aus seinem Mund flog. Sein bärtiges Gesicht war nur ein paar Zentimeter von dem des Pakistaners entfernt. »Für wen halten Sie sich, Sie Scheißkerl? Haben Sie überhaupt eine Ahnung, was für Konsequenzen das haben kann?«
Rebeka war etwas überrascht, dass Umberto Verga ihr zu Hilfe kam, besonders deshalb, weil er nie mehr als ein paar Worte mit ihr geredet hatte. Aber ihre Überraschung wandelte sich schnell in Entsetzen, als der Pakistaner zwei Schritte zurücktrat, sein AK-47 an die Schulter hob und abdrückte. Mehrere Kugeln schlugen in Vergas muskulöse Brust. Der Sizilianer taumelte zurück und ging mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck zu Boden.
Für einen Augenblick herrschte Stille. Dann begannen die Reisenden zu schreien und in verschiedene Richtungen davonzurennen. Doch sie hatten keine Chance. Ringsum erstreckten sich Ebenen, an deren Enden Berge emporragten, und die Soldaten hatten diese Möglichkeit offenbar in Betracht gezogen. Sie hatten sich in einem Halbkreis um den Bus herum postiert, und die davonlaufenden Passagiere schienen sie nicht in Panik zu versetzen. Stattdessen vergrößerten sie den Halbkreis etwas. Seltsamerweise gab niemand einen Schuss ab. Eine gelassene Stimme übertönte die Schreie der Reisenden und bat in gepflegtem Englisch um Ruhe.
Rebeka, noch immer auf den linken Ellbogen gestützt, erlebte alles wie in einer Art Traum. Eine Stimme in ihr flehte, es möge tatsächlich nur ein böser Traum sein, aber sie konnte nicht ignorieren, was mit Umberto Verga passiert war. Und auch nicht, was dann geschah.
Ein Geräusch erregte ihre Aufmerksamkeit, und sie sah, wie der Bus losfuhr. Die Hinterreifen wirbelten zermalmten Schotter auf, sie wurde an der rechten Wange von ein paar Splittern getroffen. Dann ein schrilles Kreischen, als in den zweiten Gang geschaltet wurde. Eine heisere Stimme erhob sich über den Lärm und erteilte auf Punjabi einen Befehl. Dieselbe Stimme, die sich zuvor auf Englisch zu Wort gemeldet hatte, doch jetzt war der Klang anders, härter. Dann hörte sie Schüsse, unmittelbar gefolgt vom Geräusch splitternden Glases, danach ein lautes, dumpfes Krachen, als der Bus in einem Graben landete. Schließlich Stille, abgesehen von ein paar leisen Schluchzern und dem monotonen Brummen eines im Leerlauf laufenden Motors.
Als sie sich umblickte, bemerkte Rebeka, dass die Soldaten nun weniger bedrohlich wirkten. Die Mündungen ihrer Gewehrläufe waren nach unten gerichtet, die Mienen der Männer neutral. Ihr Chef schien Hof zu halten, mit vor dem Bauch baumelndem Gewehr und erhobenen Händen. Die Geste sollte beruhigend wirken, und er redete wieder auf Englisch, aber Rebeka konnte die Worte nicht richtig verstehen. Ihre Ohren klingelten noch von der Ohrfeige, die der Soldat ihr verpasst hatte. Was immer dessen Vorgesetzter sagte, seine Worte schienen die beabsichtigte Wirkung zu haben, denn die anderen Reisenden waren fast alle verstummt und kamen vorsichtig in Richtung der Soldaten zurück. Beni Abruzzi stolperte vorwärts und ließ sich neben der Leiche seines Cousins auf die Knie fallen, mit sich wortlos bewegenden Lippen. Die Augen der anderen Passagiere schienen ebenfalls magisch angezogen von dem verstörenden Anblick, aber sie kamen zurück. Es schien, als hätten sie die Vergeblichkeit eines Fluchtversuchs erkannt und begriffen, dass es für den Augenblick am besten war, den Befehlen ihrer Entführer zu gehorchen.
Entführer. Obwohl die Männer Armeeuniformen trugen, ging Rebeka das Wort immer wieder durch den Kopf. Aus nördlicher Richtung näherte sich mit hohem Tempo ein Lastwagen, dessen Reifen Staubwolken aufwirbelten und auf dessen Windschutzscheibe das blassgelbe Licht der Sonne funkelte. Den Pakistanern schien das Fahrzeug nicht aufzufallen, was für Rebeka ein böses Omen war. Nach dem, was gerade geschehen war, durften sie eigentlich keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Als ihr Kopf wieder klar wurde, zeichnete sich die Wahrheit nach und nach deutlicher ab, wie bei einem Puzzle, das sich zu einem Bild fügt. Allerdings zu einem, das sie nicht sehen wollte – die Soldaten erwarteten den Laster.
Und weil sie den Laster hatten, brauchten sie den Bus nicht. Sie würden ihn hierlassen, denn er vermittelte eine Botschaft. Der Bus war der Beweis dafür, was geschehen war, und man würde sie mit dem Lastwagen an einen anderen Ort bringen.
Sie waren Opfer einer Entführung.
Als die Wahrheit nicht mehr zu ignorieren war, überkam sie eine Woge böser Vorahnungen. Sie hatte Texte von Journalisten gelesen, die sich in ähnlichen Situationen befunden hatten, wusste aber auch, dass es von etlichen keine Berichte gab, weil sie die Ereignisse nicht überlebt hatten. Trotz ihrer Angst, die ihr die Brust zuschnürte, zeigte sie keine sichtbare Reaktion. Sie blickte sich um und fragte sich, ob jemand von den Mitreisenden ebenfalls begriffen hatte. Etwas in ihr wollte sich wehren, und sie richtete sich unsicher auf. Einen Augenblick lang stand sie vornübergebeugt da und versuchte, etwas gegen den Schwindel zu tun.
Nachdem sie es halbwegs geschafft hatte, ihre Übelkeit niederzukämpfen, versuchte sie, jenen Mann zu entdecken, der der Anführer der Pakistaner war und ein so kultiviertes Englisch sprach. Sie sah ihn nicht, dafür aber den Lastwagen, der zwanzig Meter entfernt angehalten hatte. Die anderen Reisenden lagen jetzt mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden, mit hinter dem Rücken gefesselten Händen. Nur wenige wehrten sich. Zwei andere bewegten sich gar nicht. Bei ihnen entdeckte sie stark blutende Kopfwunden. Sie glaubte nicht, dass auf sie geschossen worden war – sie hatte kein Gewehrfeuer mehr gehört -, doch selbst aus einiger Entfernung konnte sie erkennen, wie ernsthaft die Verletzungen waren.
Ein Soldat kam in ihre Richtung gerannt. Seine Stiefel knirschten auf dem Schotter, vor seinem Oberkörper baumelte ein Gewehr. Er lächelte, zog eine merkwürdig aussehende Schnur aus der Tasche und bedeutete ihr, sich umzudrehen. Sie gehorchte langsam, darum bemüht, ihre Angst zu verbergen. Die Hände wurden ihr sanft auf den Rücken gezogen und mit der Kunststoffschnur zusammengebunden. Dann klopfte ihr der Mann auf die heile Schulter, und sie drehte sich erneut um. Jetzt lächelte der Soldat nicht mehr. Er hielt den Gewehrlauf mit beiden Händen, holte aus und schlug ihr den Kolben mitten ins Gesicht.
Rebeka sah einen grellen Blitz und empfand einen grässlichen Schmerz, als ihr Kopf durch den Schlag zurückgestoßen wurde.
Ihre Beine gaben nach, und dann war alles in Finsternis getaucht.

1
Oræfi, Island
Das weiß verputzte Hotel am Fuß des Snæfellsjökull-Gletschers war einfach, gemütlich und fast leer, obwohl die Straßen frei waren und auf den Frühling jetzt ein kurzer arktischer Sommer folgte. Kurz, hier hatte der einsame Reisende, der vor zwei Tagen eingetroffen war, alles, was er sich nur wünschen konnte. Seine Glieder schmerzten von einer anstrengenden, eintägigen Wanderung. Seit seinem Aufbruch aus der dreihundert Kilometer weiter westlich gelegenen Hauptstadt Reykjavík hatte er zu Fuß die isländische Wildnis durchquert. Nach seiner letzten Unterkunft, einer engen, übel riechenden Hütte am Morsádalur-Trekkingweg, erschien ihm das Skaftaffel-Hotel beinahe luxuriös. Trotzdem wäre er auch mit sehr viel weniger zufrieden gewesen.
Der Südosten Islands war nur die letzte Etappe einer langen Expedition in einige der unwirtlichsten Regionen der Erde. Aber Ryan Kealey war alles andere als ein Anfänger, weil er schon in seiner Jugend und seinen frühen Erwachsenenjahren ein passionierter Wanderer und Bergsteiger gewesen war. Er hatte sich an Herausforderungen vom Mount Rainier im Bundesstaat Washington bis zum Ben Nevis in Schottland gewagt, seine Kräfte aber noch nie so herausgefordert wie während der letzten Monate. Ihm war vage bewusst, woher dieses plötzliche Verlangen kam, die Grenzen seiner Belastbarkeit auszutesten, doch obgleich er über die Ursache nachgedacht hatte, war es ihm nicht gelungen, zu den wirklichen Erklärungen durchzudringen. Hauptsächlich lag es daran, dass er es trotz größter Anstrengungen und guter Beziehungen nicht geschafft hatte, jene Frau zu finden, wegen der er so gelitten hatte.
Sie war seit Januar spurlos verschwunden, vier Monate nachdem sie ein Terrorist in New York City lebensgefährlich verletzt hatte. Kealey hatte zwei Monate gewartet, doch obwohl er Fühler ausstreckte und seine Beziehungen spielen ließ, waren alle Versuche vergeblich, etwas über ihren Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen. Als es März wurde, hatte er schließlich aufgegeben und akzeptiert, dass sie nicht gefunden werden wollte. Einige Wochen gelang es ihm halbwegs, das Thema zu verdrängen, doch dann verlor er die Lust, immer nur herumzusitzen und doch an sie denken zu müssen. Er beschloss, sich aus der Situation zu befreien. Zu dieser Zeit wollte er nur einen klaren Kopf bekommen und vergessen. Dafür schien ihm die raue Schönheit einiger der isoliertesten Landstriche der Welt geeignet zu sein.
Das war drei Monate her. Seitdem hatte er den Mount McKinley in Alaska erklommen, den Kilimandscharo im Nordosten Tansanias und den Mount Cook in den neuseeländischen Alpen. Er hatte die Atacama-Wüste an ihrer breitesten Stelle durchquert, hohe Berge im marokkanischen Atlasgebirge bestiegen und die Trekkingroute Paine Circuit in Patagonien absolviert, hatte seinen Körper bis an die äußerste Grenze der Belastbarkeit herausgefordert. Doch es half nicht. Um das zu begreifen, hatte er ein halbes Jahr benötigt, aber die Wahrheit war nicht zu ignorieren. Was er auch tat und wohin er sich wandte, er konnte Naomi Kharmai nicht vergessen.
Seit dem Tag ihres Verschwindens hatte er herauszufinden versucht, was er hätte tun können, um sie von ihrer Flucht abzuhalten. Es war schwierig, den schlimmsten Aspekt der Lage zu bestimmen. Sie war insgesamt hoffnungslos, doch einige Dinge waren noch schlimmer als andere. Wenn er aufrichtig darüber nachdachte, wurde ihm klar, dass ihn nicht ihr spurloses Verschwinden am meisten beunruhigte. Am bedrückendsten fand er ihre Unfähigkeit, sich der Vergangenheit zu stellen. Die Tat des Terroristen, die sie im letzten September fast das Leben gekostet hätte, hatte in vielfacher Hinsicht Narben hinterlassen. Obgleich er alles versucht hatte, ihr über die schwierige Erfahrung hinwegzuhelfen, hatte sie sich nie völlig davon erholt. Zumindest nicht seelisch. Als er sie zum letzten Mal gesehen hatte, war sie immer noch nicht bereit, sich der Lage wirklich zu stellen.
Das alles belastete ihn, und es fiel schwer, darin nicht auch etwas wie ein persönliches Versagen zu sehen. Wenn sie verschwunden war, weil sie mehr brauchte, als er ihr bieten konnte, war das eine Sache. Es war nicht leicht, damit fertig zu werden, doch damit wäre er klargekommen. Ihn bedrückte, dass es ihr jetzt womöglich noch schlechter ging als zum Zeitpunkt ihres Verschwindens – vielleicht hatten sich ihre Schuldgefühle, ihre Trauer und ihre Depression verschlimmert. Er wollte sie nicht unter Druck setzen, hätte aber alles dafür gegeben, ihr Gesicht zu sehen. Und sei es nur, um Gewissheit zu haben, dass sie noch lebte.
Er verlagerte das Gewicht seines Rucksacks und überquerte den dunklen Parkplatz des Hotels in Richtung Eingang. Bevor ihn die Beleuchtung erfasste, blieb er noch einmal stehen, um zu dem klaren nächtlichen Himmel aufzublicken. Seit einer Stunde waren die Sterne zu sehen, die hier auf dem Land außergewöhnlich hell wirkten. Hinter dem niedrigen Gebäude ragte der Berg mit dem Gletscher auf, eine dunkle Silhouette vor dem nachtblauen Hintergrund. In der trockenen, reinen Gebirgsluft tanzten grünliche Lichtbänder. Das auch als Aurora borealis bezeichnete Nordlicht hatte er vor der Landung in Keflavík nie gesehen, und der Anblick war zugleich überirdisch schön und unglaublich unheimlich.
Nachdem er das Polarlicht noch ein paar Augenblicke bewundert hatte, zog er die Eingangstür auf und nickte der pummeligen, lächelnden Empfangsdame zu, die ihn ebenfalls begrüßte und sich wieder ihrem Kreuzworträtsel zuwandte, als er die Treppe zu der im ersten Stock untergebrachten Bar hochstieg. Die alte Eichentür stand offen, das Licht fiel in den Flur. Er trat ein, nahm seine wollene Schiebermütze ab, fuhr sich mit der Hand durch das strähnige schwarze Haar und ging auf die Theke zu. Die Wände waren mit hellem Eichenholz getäfelt und mit langweiligen Drucken geschmückt. Im Kamin brannte Feuer, und die abgewetzten dunkelgrünen Ledersofas passten perfekt zu dem fadenscheinigen Teppich und der dunkelroten Wandbespannung aus Samt hinter der Bar, wo ein mürrischer junger Mann hinter den Zapfhähnen stand. Er hatte gerade ein Bier bestellt, als er in der Nähe eines der großen Fenster eine Bewegung wahrzunehmen glaubte. Er drehte sich um und starrte ein paar Augenblicke den einzigen anderen Gast an. Dann hob er eine Hand zum Gruß und orderte ein zweites Bier, während sich in seinem Kopf die Gedanken jagten. Eine knappe Minute später durchquerte er mit einem Glas in jeder Hand den Raum, angestrengt darüber nachdenkend, was diesen speziellen Besucher um die halbe Welt geführt hatte.
 

Jonathan Harper saß mit dem Rücken zur Wand, das rechte Bein lässig über das linke geschlagen. Er trug dunkle Jeans, Wanderstiefel von Merrell und einen grauen Pullover mit V-Ausschnitt, doch trotz der jugendlichen Kleidung wirkte der stellvertretende Direktor der CIA – der zweithöchste Mann beim amerikanischen Auslandsgeheimdienst – sehr viel älter als ein Mann von dreiundvierzig Jahren. Sein ordentlich gekämmtes braunes Haar begann an den Schläfen zu ergrauen, das Gesicht war hager, und er war entsetzlich bleich. Seine persönlichen Eigenheiten schienen so noch stärker hervorzutreten. Er wirkte zerbrechlich, zurückhaltend und resigniert, wie ein alter Mann, der glaubt, sein Ende wäre nah. Doch das war nicht überraschend, und Kealey wusste, dass es schlimmer hätte kommen können. Harper verdankte es nur extremem Glück, dass er überhaupt noch am Leben war.
Kealey stellte die Biergläser auf die fleckige Tischplatte, zog seine Jacke aus und setzte sich Harper gegenüber. Nachdem sie sich für einen langen Moment in die Augen geblickt hatten, lächelte Harper schließlich, und Kealey schüttelte seine ausgestreckte Hand.
»Schön, Sie wiederzusehen, Kealey. Ist lange her.«
»Kann man sagen.« Kealey lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ungefähr sieben Monate, würde ich schätzen. Seit wann sind Sie hier?«
»Meine Maschine ist heute Morgen in Kevlavík gelandet, aber der Bus ist erst vor ein paar Stunden hier eingetroffen.«
»Tut mir leid, dass Sie warten mussten. Wie geht es Ihnen?«
»Alles in allem nicht übel.« Harper trank einen kleinen Schluck Bier, hustete heftig und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. »Die Ärzte sind ganz zufrieden. Das ist doch schon was.«
»Und Julie?«
»Der geht’s gut. Meiner Ansicht nach freut sie sich insgeheim, wieder einen Patienten betreuen zu können. Was sie natürlich nie zugeben würde.«
»Würde mich nicht überraschen«, sagte Kealey, der wusste, dass Harpers Frau jahrelang als Oberschwester in der Mayo Clinic in Rochester in Minnesota gearbeitet hatte, einem der besten Krankenhäuser des Landes. Aber sein Lächeln löste sich auf, als er darüber nachdachte, ob er seine nächste Frage stellen sollte. Dann fasste er sich ein Herz.
»Was ist mit Jane Doe? Irgendwas Neues an der Front?«
»Komplette Fehlanzeige. Allmählich glaube ich, dass wir sie nie finden werden. Und selbst wenn, es ist nicht so, als könnten wir sie umgehend dem FBI übergeben. Es gibt einfach nicht genügend Beweise, um sie auch nur anzuklagen. Die Waffe wurde nie gefunden.«
Kealey nickte bedächtig. Vor acht Monaten hatte der frisch berufene stellvertretende CIA-Direktor einen Mordanschlag in Washington nur knapp überlebt. Es war direkt vor seinem Haus an der General’s Row passiert, als Harper nach seinem morgendlichen Dauerlauf Dehnübungen machte. Als der erste Schuss abgefeuert wurde, hatte Harper den Blick abgewandt. Die Kugel vom Kaliber 22 schlug in seinen Rücken, prallte von der dritten Rippe ab und durchbohrte die rechte Lunge. Die zweite und dritte Kugel trafen den Oberarm, als er sich zu dem Täter umdrehte, und die vierte verfehlte das Herz nur um drei Zentimeter.
Die Frau war auf Harper zugekommen, während sie feuerte, und als sie zum vierten Mal auf den Abzug drückte, war sie nur noch drei Meter von ihrem Opfer entfernt. Als sie ihm gerade mit der fünften Kugel den Rest geben wollte, bremste an der Ecke Q Street mit quietschenden Reifen ein Streifenwagen der Washingtoner Polizei. Dass ein Polizist am Tatort eintraf, war reiner Zufall, pures Glück, und nur ihm verdankte Harper sein Überleben. Die Frau schoss auf den Beamten, als dieser aus dem Streifenwagen sprang, und er war auf der Stelle tot. Durch diese Ablenkung bot sich Julie Harper, die gerade Kaffee kochte, als die ersten Schüsse abgefeuert wurden, die Chance, die Tür zu öffnen und ihren Mann ins Haus zu ziehen.
Unglücklicherweise war es der Täterin gelungen, in dem Durcheinander zu entkommen, obwohl es die Washingtoner Polizei geschafft hatte, die umliegenden Straßen mit erstaunlicher Geschwindigkeit abzuriegeln. Dann folgte eine der größten Fahndungen in der amerikanischen Geschichte, doch trotz aller Anstrengungen war die Täterin immer noch nicht gefasst worden.
Die CIA hatte natürlich noch mehr Zeit und Mühe investiert und es nach und nach geschafft, ein paar schwache Spuren zu entdecken. »Jane Doe« hatte mit einem ehemaligen Soldaten der amerikanischen Special Forces namens William Vanderveen zusammengearbeitet, der sich im Jahr 1997, als er in Syrien stationiert war, dafür entschieden hatte, für eine der gefährlichsten Terrororganisationen der Welt zu arbeiten. Von diesem Zeitpunkt an war er durch zahllose kaltblütige Morde zu einem der meistgesuchten Männer weltweit geworden. Die Beziehung zwischen Vanderveen und der Frau, die den Anschlag auf Harper verübt hatte, wurde durch Fotos bewiesen, die Mitarbeiter der Abteilung X des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 geschossen hatten. Sie zeigten Vanderveen und die unbekannte Frau, wie sie Seite an Seite durch die Londoner Innenstadt spazierten. Obwohl die Fotos von erstklassiger Qualität waren, hatten sie sich als nutzlos erwiesen. Die Gesichtserkennungssoftware der CIA hatte in der Datenbank kein dazu passendes Konterfei gefunden. Beim britischen MI5, dem französischen DGSE, dem israelischen Mossad und anderen befreundeten Geheimdiensten war es genauso.
Mit anderen Worten, die Frau war ein Phantom. Kealey wusste, wie sehr es Harper beunruhigte, dass sie nie gefasst worden war, aber er hatte ja selber gerade gesagt, dass an dieser Front keine Fortschritte zu verzeichnen waren. Das brachte Kealey zum nächsten Punkt.
»Ich freue mich ja, Sie wiederzusehen – aber was genau wollen Sie hier?«
Harper antwortete nicht sofort. Stattdessen griff er nach seinem Bierglas und schwenkte es nachdenklich.
»Überraschend, dass Sie diese Frage zuerst stellen«, sagte er schließlich. »Ich hatte damit gerechnet, dass Sie sich wundern würden, wie ich Sie gefunden habe.« Er blickte Kealey nachdenklich an. »Auch ich habe ein paar Fragen. Zum Beispiel würde mich interessieren, warum Sie seit zweieinhalb Monaten keinen Fuß mehr auf amerikanischen Boden gesetzt haben. Ich meine, ich habe die Hälfte dieser Zeit damit verbracht, nach Ihnen zu suchen, und jetzt, wo ich Sie gefunden habe …« Er beendete den Satz nicht und hob die gespreizten Arme, als wollte er die Ausmaße des gesamten Landes andeuten.
Es stand eine unausgesprochene Frage im Raum, doch Kealey wusste nicht genau, wie er sie beantworten sollte. Als er vor drei Monaten seine Reise antrat, war es ohne Plan geschehen. Ohne eine echte Vorstellung davon, wonach er suchte. Doch was es auch sein mochte, er hatte es in der Tundra und den scheinbar endlosen Eisfeldern Islands gefunden. Wie zuvor in Alaska, Tansania, Patagonien und an all den anderen Orten, die er während der letzten Monate besucht hatte. In Ermangelung einer besseren Antwort hätte er gesagt, er sei auf der Suche nach der Einsamkeit gewesen, nach Landschaften, wo man tagelang wandern konnte, ohne ein anderes Geräusch als das des Windes zu hören. Danach hatte er sich gesehnt und tat es in einem gewissen Ausmaß auch jetzt noch. Er konnte nicht erklären, warum Naomis Verschwinden dabei eine Rolle gespielt hatte, doch das war nur ein Aspekt des Ganzen. Noch etwas anderes hatte in ihm das Verlangen geweckt, alles hinter sich zu lassen. Doch noch war er sich nicht klar über den zweiten Grund seiner ruhelosen Wanderung.
»Außerdem wüsste ich gern, woher Sie den französischen Pass auf den Namen Joseph Briand haben.« Harper legte eine erwartungsvolle Pause ein. »Ich nehme nicht an, dass Sie bereit gewesen wären, es von sich aus zu erzählen.«
Kealey lächelte dünn. Eine hinreichende Antwort.
»Ich hatte nicht damit gerechnet. Merkwürdig, wo Sie nicht mal Französisch sprechen. Ein Pass aus Saudi-Arabien wäre sehr viel …«
»Comment savez-vous que je ne parle pas français?«
»Meinetwegen, dann beherrschen Sie eben ein paar Brocken.«
Harper konnte sich ein flüchtiges Lächeln nicht verkneifen. »Schön zu sehen, dass Sie Ihren Horizont erweitern.«
»Ich versuche nur, mein Gehirn nicht einrosten zu lassen.«
»Hört sich so an, als wären Sie bereit, in unsere Reihen zurückzukehren.«
»In diesem Leben nicht mehr.« Kealey schüttelte den Kopf und wandte den Blick ab. »Falls Sie deshalb gekommen sind, ist es reine Zeitverschwendung. Kein Interesse. Ich habe genug für die CIA getan.«
»Dieses Spielchen spielen wir nicht zum ersten Mal, Kealey. Wir haben es schon so oft gespielt, dass ich mich kaum noch erinnern kann. Jedes Mal, wenn es wieder so weit ist, sagen Sie dasselbe, aber wenn es ernst wird, haben Sie noch immer …«
»Es war ernst gemeint«, antwortete Kealey gereizt. »Und es ist mir auch jetzt ernst.« Plötzlich wirkte seine Miene angespannt, und der Blick seiner dunklen Augen schien in eine ferne Vergangenheit gerichtet. »Ich habe einfach nur nicht den Absprung geschafft, als es an der Zeit dafür gewesen wäre. Das war mein größter Fehler. Es gab immer wieder etwas, das unbedingt erledigt werden musste. Wie die Geschichte mit Vanderveen, und zu der Zeit schien es mir richtig, die Verfolgung aufzunehmen. Aber Sie wissen, dass ich teuer dafür bezahlt habe, ihn zu finden, und dann noch die Sache mit Naomi im letzten Jahr …«
Harpers Miene war ernst, und er nickte bedächtig. »Mir ist klar, dass sowohl Sie als auch Naomi Kharmai teuer bezahlt haben.« Er schwieg kurz. »Möglicherweise glauben Sie mir nicht, aber ich habe dem Präsidenten persönlich davon abgeraten, Sie in diese Geschichte hineinzuziehen. Ich habe ihm genau das gesagt, was Sie gerade geäußert haben. Dass Sie genug für uns getan haben. Dass Sie kein Interesse haben. Er wollte nichts davon wissen. Nach dem, was Sie letztes Jahr in New York zustande gebracht haben, gibt es für David Brenneman keine bessere Wahl als Sie. Zumindest in der gegenwärtigen Lage.«
»Und Sie haben es einfach nicht übers Herz gebracht, dem Präsidenten einen Wunsch abzuschlagen«, sagte Kealey spöttisch. »War’s so?« Er ersparte sich die Frage nach der »gegenwärtigen Lage«. Sie interessierte ihn nicht.
»Zum Teil schon«, räumte Harper ein. »Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum Ihre Mitarbeit erforderlich ist, und wenn Sie meine Geschichte erst einmal gehört haben, werden Sie genauso denken.«
Für einen langen Augenblick studierte Kealey wortlos die Miene seines Gegenübers. Jonathan Harper war einer der intelligentesten Menschen, die er kannte, aber auch äußerst gerissen. Kennengelernt hatten sie sich vor fast zehn Jahren, als Harper ihn – noch als Soldat – für eine schwarze Operation in Syrien rekrutiert hatte, eine jener inoffiziellen Operationen, von denen angeblich niemand etwas wusste und bei denen in der Regel die CIA die Hände im Spiel hatte. So auch in Kealeys Fall. Damals war er Captain bei der 3rd Special Forces Group der U.S. Army gewesen, und der Auftrag, die Eliminierung eines bekannten militanten Islamisten, hatte sein Leben und auch seinen professionellen Werdegang verändert.
Seitdem waren er und Harper gute Freunde geworden, aber die Arbeit kam immer zuerst. Kealey war klar, dass der andere nicht zögern würde, an seine Freundschaft zu appellieren. Das hatte er früher schon getan, und Kealey hatte ihn nie enttäuscht. Diesmal wollte er sich weigern, und er hatte jedes Recht dazu. Doch während Harpers Gesicht wie immer undurchdringlich war, hatte seine Stimme einen Unterton, der Kealey nachdenklich machte. Ihm war klar, dass die »gegenwärtige Lage« noch eine andere Dimension haben musste, von der Harper bisher nichts gesagt hatte, und das gab für Kealeys Entscheidung den Ausschlag.
»Okay«, sagte er. »Ich höre mir an, was Sie zu sagen haben, verpflichte mich aber zu nichts. Das sollte von Anfang an klar sein.« Er leerte sein Glas. »Also, worum geht’s?«
Harper schob einen Schnellhefter über den Tisch, stand auf und griff nach den Gläsern. »Lesen Sie das, dann reden wir.«

2
Oræfi
»Besonders spektakulär ist seine Karriere nicht«, sagte Kealey zehn Minuten später. Er klappte den Schnellhefter zu und warf ihn auf den Tisch. »Und nichts in diesen Papieren deutet darauf hin, dass er eine Gefahr ist. Zumindest für uns ist er keine.«
»Haben Sie je von ihm gehört?«, fragte Harper. Nachdem er vor ein paar Minuten mit den frisch gefüllten Biergläsern zurückgekehrt war, hatte er schweigend dagesessen, um Kealey nicht bei der Lektüre zu stören.
»Der Name kommt mir irgendwie bekannt vor. Aber nein, ich weiß nicht, wer er ist.«
»Okay, dann erlauben Sie mir, Sie aufzuklären. Was die Hintergründe anbetrifft, sind die Informationen in dem Schnellhefter etwas dürftig. Amari Saifi ist vierzig Jahre alt, in Algerien geboren und war früher Fallschirmjäger in der Armee dieses Landes, daher sein Deckname, Abderrazak al-Para. Zudem ist er eine bedeutende Figur innerhalb der GSPC, der Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat. Seit den späten Neunzigern, als die GSPC erstmals auf sich aufmerksam machte, war sie in Algerien für zahllose terroristische Aktionen verantwortlich, insbesondere für die Entführung von zweiunddreißig europäischen Touristen im Jahr 2003. Diese Tat wurde von Saifi ausgeheckt, und dadurch sind auch wir auf ihn aufmerksam geworden. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, an der Tat selbst hatten wir kein großes Interesse. Uns interessierte mehr, wie diese Geschichte schließlich endete.«
»Was wollen Sie damit sagen?« Kealey hatte die Papiere halbwegs interessiert durchgeblättert, aber er wusste nichts über Saifi oder die GSPC, sodass er sich keinen Reim auf die Informationen machen konnte. Speziell ein Punkt hatte ihn irritiert. Laut den im Anhang beigefügten Dokumenten war es das Ziel der GSPC, in Algerien ein islamistisches Regime zu errichten. Also handelte es sich um eine Rebellengruppe mit einem eng definierten Ziel und – vermutlich – begrenzter Unterstützung. Mit anderen Worten, wahrscheinlich war es schwierig, etwas über die Finanzierung und die aktive Mitgliederzahl der Organisation zu erfahren. Er begriff nicht, warum so eine zusammengewürfelte Truppe die CIA oder gar den amerikanischen Präsidenten beunruhigen sollte, besonders, weil sie sich in den letzten Jahren aufgelöst zu haben schien.
»Nach mehreren Monaten geheimer Verhandlungen«, fuhr Harper fort, »gab die deutsche Regierung auf. Sie bot Saifi für die Freilassung der Geiseln ein Lösegeld von sechs Millionen Dollar an, womit er einverstanden war. Alle wurden in zwei Etappen freigelassen, außer einer jungen Frau, die offenbar in der Sahara, wo die Geiseln festgehalten wurden, an einem Hitzschlag gestorben war. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?«
»Eigentlich nicht.« Kealey war nicht gerade beeindruckt. Der dürftige Inhalt des Schnellhefters – ein paar Artikel und ein paar grobkörnige Fotos – konnte zweierlei bedeuten, zumindest seiner Meinung nach. Entweder war Saifi keine besonders große Nummer, oder es gab einfach nicht genügend Hintergrundinformationen über ihn. Harpers nächste Worte stellten allerdings einiges klar.
»Ich habe nicht den Eindruck, dass Sie diese Sache ernst nehmen«, sagte er. »Also lassen Sie mich Klartext reden. Auf den Punkt gebracht, handelt es sich bei Amari Saifi wahrscheinlich um den gefährlichsten Menschen, von dem Sie nie gehört haben. Abgesehen von der erwähnten Entführung war er über einen Zeitraum von vierzehn Monaten direkt an der Ermordung von dreiundvierzig algerischen Soldaten beteiligt. Außerdem wurde er mit einer Reihe von Bombenanschlägen im Nachbarland Mauretanien in Verbindung gebracht, auch wenn seine Beteiligung nie bewiesen werden konnte. Das war im Jahr 2003, aber er ist seit 1992 für die Salafisten aktiv. Im März 2004 war Saifi zu Fuß im Tibestigebirge unterwegs, wo er von einer anderen Rebellengruppe gefangen genommen wurde, der tschadischen Bewegung für Demokratie und Gerechtigkeit. Sechzehn seiner Männer wurden ebenfalls festgenommen, aber nur Saifi zählte. Die Rebellen begriffen sofort, wer ihnen da ins Netz gegangen war, weil sich Saifi zu dieser Zeit bereits den Ruf eines bin Laden der Sahara erworben hatte.«
»Also beschlossen sie, ihn demjenigen zu übergeben, der am meisten bot?«, fragte Kealey.
»Genau. Pech nur für die Rebellen, dass niemand bieten wollte, zumindest nicht sofort. Seltsamerweise schien es selbst die algerische Regierung nicht besonders eilig zu haben, Saifi in die Finger zu bekommen. Den Grund haben wir nie herausbekommen, aber wahrscheinlich lag es daran, dass sie die diplomatischen Beziehungen zur Regierung des Tschad nicht gefährden wollte.«
»Warum sind wir nicht in die Bresche gesprungen?«
»Aus demselben Grund«, antwortete Harper. »Wir waren schon versucht, ein Angebot zu machen, da Saifi bereits auf der Terror-Fahndungsliste unseres Außenministeriums stand,