001

001

Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Riemann
One Earth Spirit

Umwelthinweis:
Dieses Buch wurde auf 100 Prozent Recycling-Papier gedruckt,
das mit dem blauen Engel ausgezeichnet ist.
Die Einschrumpffolie (zum Schutz vor Verschmutzung)
ist aus umweltfreundlicher und recyclingfähiger PE-Folie.

Einleitung und Dank
Warum haben wir dieses Buch zusammen geschrieben? – Es vermittelt eine Vision, die wir beide teilen. Hier geht es um die Einführung von Geldsystemen, die dem Menschen dienen – statt umgekehrt: nämlich dass die Menschen dem Geld dienen, wie es heute überwiegend der Fall ist.
Um diese Vision zu konkretisieren, das heißt, so anschaulich wie möglich zu machen, brauchten wir zum einen unser beider Erfahrungen – aus unterschiedlichen akademischen und beruflichen Zusammenhängen, aber auch aus den verschiedenen Ländern, in denen wir gelebt und gearbeitet haben. Darüber hinaus konnten wir die Lücken in unserem Wissen einfacher identifizieren und durch Beiträge von anderen Autoren ausgleichen, die bereit waren, an diesem Buch mitzuwirken. Denn ein solch komplexes Thema, wie wir es hier anschneiden, lebt aus der Fülle unterschiedlicher Sichtweisen.
Unsere früher erschienenen Bücher über monetäre Innovationen, die in viele Sprachen übersetzt wurden (siehe die Literaturempfehlungen am Ende dieses Buches), sind die Grundlage, auf der wir hier aufbauen. Eines der Ziele, die wir dabei im Auge hatten, ist auch, dass wir den gemeinnützigen Organisationen, an deren Gründung wir beteiligt waren – und den Menschen, die das Konzept der Regionalwährung theoretisch weiterzuentwickeln und in die Praxis umzusetzen versuchen -, neue Informationen zur Verfügung stellen.
Jede(r) von uns beiden hätte unabhängig von dem/der anderen über das Thema »Komplementäre Regionalwährungen« schreiben können. Aber das wären andere Bücher geworden. Die kurze Antwort auf die Frage, warum es uns sinnvoll erschien, das Buch zusammen zu schreiben, lautet: Wir waren und sind davon überzeugt, dass aus dieser Zusammenarbeit ein besseres Buch entstehen würde.
Ein Vorteil, der sich aus unseren gemeinsamen Gesprächen ergab, war die Klärung der Werte und Kriterien, die unserer Weltanschauung und den hier angebotenen Empfehlungen zugrunde liegen. So ist die folgende Liste von fünf Fragen entstanden, mit denen wir den Erfolg eines ökonomischen Systems beurteilen:
1. Ist das System ökonomisch effizient, erweitert es die Wahlmöglichkeiten für den Einzelnen und für die Gesellschaft als Ganzes, bietet es die Gelegenheit für positive Veränderungen?
2. Trägt es zur menschlichen Würde, Selbstachtung und Kreativität bei?
3. Schützt es die Verletzlichen, gibt es den Bedürftigen eine Chance, sich aus ihrer Armut zu befreien, und stärkt es die Solidarität zwischen den Individuen und verschiedenen Gemeinschaften?
4. Ist es transparent und nachhaltig, respektiert es die Vielfalt anderer Lebensformen und der Ressourcen auf unserem Planeten?
5. Steht es im Einklang mit der friedlichen, spirituellen Evolution der Menschheit?
Wir sind überzeugt davon, dass diese fünf Fragen relevant sind, um Empfehlungen und Anleitungen für bessere ökonomische Systeme zu entwickeln. Ihre Reihenfolge orientiert sich dabei eher an ihrer inneren Logik als an ihrem Gewicht.
 
Außer uns beiden haben so viele andere Menschen direkt und indirekt zu diesem Buch beigetragen, dass es unmöglich ist, sie alle zu nennen. Doch möchten wir zumindest diejenigen erwähnen, ohne deren substanzielle Beiträge dieses Buch in der Form, in der es nun vorliegt, nicht zustande gekommen wäre.
Wir danken besonders Dr. Hugo Godschalk für seine im Annex A enthaltene Analyse zu währungs- und bankrechtlichen Aspekten. Peter Bauer für seine Beiträge zum Einführungsprozess. Dr. Stephan Brunnhuber für die Betrachtung komplementärer Systeme in anderen Wissenschaftszweigen. Gernot Jochum-Müller für den Bericht über praktische Erfahrungen mit der Vernetzung von Komplementärwährungen. Gernot Schmidt für die Beschreibung der Interessenlage lokaler und regionaler Banken. Dr. Dag Schulze für die Konsequenzen einer Regionalwährung auf nachhaltige Verkehrssysteme. Falk Zientz und Christoph Guene für wichtige Ergänzungen zur Arbeit gemeinnützig operierender Banken. Walter Wesinger (Waldah) für seine treffenden Cartoons. Dietlind Rinke, Manfred Steinbach, Kurt Beta und Manfred Dzubiella in Bremen sowie Christian Gelleri und den Schüler(inne)n der Waldorfschule in Prien für den Mut, zwei richtungweisende praktische Projekte anzufangen. Dr. Reinhard Stransfeld und Robert Musil für ihre wissenschaftlichen Vorarbeiten und allen RegioNetzwerkern für ihren Enthusiasmus und die tatkräftige Unterstützung beim Erarbeiten der Grundlagen für neue praktische Projekte.
Bernard Lietaer bedankt sich an dieser Stelle auch noch einmal ausdrücklich bei all seinen Interviewpartnern in Japan, vor allem bei Professor Mitsuya Ichien von der Kansai-Universität (dem Autor der tief greifendsten Studien über die frühen Komplementärwährungssysteme in Japan), Tsutomo Hotta (der das Fureai-Kippu-System »erfunden« hat), Toshiharu Kato (dem Kopf des Eco-Money-Systems), Eiichi Morino (dem Begründer des WAT-Systems) und den vielen Aktivisten der verschiedenen lokalen Graswurzelsysteme in Japan, Rui Izumi (dem Autor der ausführlichsten Studie über die japanischen Graswurzelmodelle) und »Miguel« Yasuyuki Hirota für seine Hilfe bei den Recherchen auf den japanischsprachigen Internet-Seiten.
Zum Schluss möchten wir unseren beiden langjährigen Partnern und wichtigsten Unterstützern unserer Arbeit danken: Declan Kennedy und Jacqui Dunne, die zufällig im selben Krankenhaus in Dublin geboren wurden und deren irischer Humor und wunderbare Fähigkeiten, Geschichten zu erzählen, uns immer wieder inspirieren, unsere Visionen mit Leben und unser Leben mit Visionen füllen.
 
 
Margrit Kennedy, Steyerberg/Niedersachsen,
Bernard Lietaer, Boulder/Colorado,
im Dezember 2003

Kapitel I
Ein Europa der Regionen
»Globalisierung« – wohl kein anderer Begriff hat in den letzten zehn Jahren Menschen aller Gesellschaftsschichten stärker polarisiert. Dabei ist das Konzept eigentlich schon recht alt. Im Grunde kann das, was die phönizischen Handelsflotten in prähistorischer Zeit praktizierten, bereits als Vorläufer der Globalisierung gelten. Auch die wirtschaftlichen Umwälzungen im Gefolge großer Entdeckungen, wie Vasco da Gama, Kolumbus oder Sheng He sie machten, können als Frühform der Globalisierung gewertet werden. Die Politik von Handelsimperien wie der holländischen Ostindien-Compagnie oder die industrielle Revolution mit all ihren Begleit- und Folgeerscheinungen verursachten bereits ähnliche »Symptome«.
Das Novum an der Globalisierung unserer Tage, die mit dem Fall der Berliner Mauer begann, ist lediglich, dass sie weiter, schneller und tiefer wirkt als alle vergleichbaren wirtschaftlichen Veränderungen zuvor.
Rein technisch könnte man die jüngste Form der Globalisierung definieren als »die Gesamtheit aller Bestrebungen, die darauf abzielen, sämtliche politischen und regulatorischen Hindernisse zu beseitigen, die dem ungehinderten Austausch von Gütern, Dienstleistungen und Kapital über nationale Grenzen hinweg im Weg stehen«. Dabei gilt es zu beachten, worum es hier tatsächlich geht: um Güter, Dienstleistungen und Kapital. Nicht um Menschen. Und schon gar nicht um deren Wohlergehen oder dem anderer Lebensformen auf diesem Planeten.

Gibt es Alternativen?

Der Prozess der aktuellen Globalisierung »ruft ebenso viel Zustimmung wie Widerspruch hervor … Für die einen bedeutet er Freiheit, die anderen sehen in ihm ein grausames Schicksal, das ihnen aufgezwungen wird«.1 Mittlerweile ist ein ganzer Industriezweig entstanden, der die öffentliche Meinung mit den Argumenten von Globalisierungsgegnern und -befürwortern beliefert. Die Pro-Seite argumentiert gewöhnlich mit Schlagworten wie Effizienz des freien Marktes, weltweiter Zugang zu Gütern und Dienstleistungen sowie Modernisierung überholter Strukturen und Gepflogenheiten. Die Kontra-Seite führt die Verschärfung der Gegensätze zwischen Arm und Reich, die Konsumorientierung sowie die daraus resultierende Ausbeutung, Missachtung gewachsener Traditionen und Gemeinschaften sowie den Verlust kultureller Identität ins Feld.
Globalisierung
Der internationale Handel und die globalen Finanzmärkte haben ihre unglaubliche Fähigkeit, Reichtum zu schaffen, unter Beweis gestellt, doch sie sind nicht in der Lage, andere soziale Bedürfnisse zu erfüllen. Dazu gehören die Erhaltung des Friedens, die Beseitigung von Armut, der Umweltschutz, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen oder die Einhaltung der Menschenrechte – alles also, was man gewöhnlich mit »Allgemeinwohl« umschreibt.2
Der zentrale Vorwurf an die Adresse der Globalisierungsbefürworter ist der eines ungehemmten »Marktfundamentalismus«, das heißt einer vollkommenen Blindheit gegenüber all jenen menschlichen Bedürfnissen, die nicht im simplizistischen Modell des Homo oeconomicus, der für seine Leistung immer nach dem Maximum an pekuniärer Entlohnung sucht, Platz finden. Den Globalisierungsgegnern hingegen wirft man regelmäßig vor, sie wüssten zwar, was sie nicht wollen, realistische Alternativen aber könnten sie nicht nennen.
Beide Seiten haben Recht: Wie der klassische Ökonom Stewart Mills einst formulierte, hat jede Position Recht mit dem, was sie bejaht, und nicht Recht mit dem, was sie verneint.
Die Ungleichgewichte, die der Markt produ-ziert, sind kein Grund, den Markt als solchen zu verteufeln. Schließlich hat in der Geschichte der Menschheit noch kein anderes System ein ähnliches Potenzial bewiesen, Armut, Unwissenheit, Krankheit und Leid so vieler Menschen zu lindern. Wir werden der Armut kein Ende setzen, wenn wir unser bestes System zur Schaffung von Reichtum zerstören. Kriminalität wird ja auch nicht durch die Abschaffung der Gesetze beseitigt. Dass das System Ungleichgewichte erzeugt, wirft vielmehr die Frage auf, ob die Art und Weise, wie es funktioniert, wirklich die einzig mögliche ist.
002
Wo genau sind wir denn jetzt?
Außerdem setzt sich vermehrt die Erkenntnis durch, dass globale Probleme wie Klimawandel, Artensterben und Umgang mit unseren Ressourcen auch globaler Lösungen bedürfen. Die Frage ist schon längst nicht mehr, ob Globalisierung nun gut oder schlecht ist, sondern, ob wir ein Globalisierungsmodell schaffen können, bei dem alle Seiten gewinnen.
Wenn wir uns dieser Herausforderung stellen wollen, müssen wir Lösungsstrategien für folgende Probleme finden:
1. Wie lässt sich weltweit eine nachhaltige Entwicklung erzielen, von der die Menschheit als Ganzes ohne Preisgabe kultureller Identitäten profitiert?
2. Wie lassen sich die im strengen Sinne wirtschaftlichen Dimensionen menschlichen Handelns mit anderen Bedürfnissen in Einklang bringen?
3. Gibt es praktikable Alternativen für die Wirtschaft der Zukunft, die uns in den Genuss der gegenwärtigen Vorteile der Globalisierung kommen lassen, ohne den Preis ihrer Nebenwirkungen zu fordern?
Kurz gesagt: Was bisher fehlt, ist ein glaubwürdiges, in sich schlüssiges Modell, ein Gegenentwurf zur aktuell praktizierten Form der Globalisierung, eine Lösungsstrategie, die den berechtigten Forderungen jener Milliarden von Menschen gerecht wird, die im Moment nur die Schattenseiten zu spüren bekommen. Doch muss uns endlich klar werden, dass hier mehr auf dem Spiel steht als unsere wirtschaftliche Entwicklung. Louis Brandeis, Richter am obersten Gerichtshof der USA, war es, der den denkwürdigen Satz prägte, wir könnten entweder eine demokratische Gesellschaft haben oder eine Menge Reichtum in den Händen einiger weniger Menschen, beides zusammen gehe nicht.
Ein erster sinnvoller Ansatz wäre daher, dem Begriff »Globalisierung« eine neue Bedeutung zu geben, welche die zuvor genannte Definition ablösen könnte. Wir möchten dazu Folgendes vorschlagen:
Globalisierung bedeutet, dass wir ein dichteres Netz zum Austausch zwischen den Volkswirtschaften, Gesellschaften und Kulturen der ganzen Welt schaffen, um die Lebensbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten aller Menschen zu verbessern, während wir gleichzeitig ihre kulturelle Verschiedenheit akzeptieren und für das Lebensrecht aller Wesen eintreten, mit denen wir diesen Planeten teilen.
Dieses Buch wird anhand einiger praktischer Vorschläge aufzeigen, wie sich ein solches Ziel erreichen lässt. Es geht uns nicht darum, den gegenwärtigen Prozess der Globalisierung umzukehren, was wohl ohnehin nicht möglich wäre. Stattdessen schlagen wir vor, seine Energie im Sinne einer ganzheitlichen Entwicklung umzulenken. Wir meinen, der gangbarste Weg dorthin ist es, den aktuellen Globalisierungsprozess durch einen simultanen Regionalisierungsprozess auszugleichen, der die einzelnen Regionen der Welt neu belebt. So ließe sich wohl auch recht effektiv der Ökonomisierung menschlicher Beziehungen entgegenwirken und unserer kulturellen Verschiedenheit Rechnung tragen. Der Zusammenstoß der Kulturen, den so viele Menschen mittlerweile als unvermeidlich betrachten, würde auf diese Weise definitiv vermieden. Und das Beste daran ist, dass wir das Modell hier und jetzt realisieren können, in einem »Europa der Regionen«.

Weshalb ein Europa der Regionen?

Europa ist wohl jener Fleck auf unserem Globus, auf dem sich eine entsprechende Strategie am besten erproben und verwirklichen lässt. Wir treten hier für ein Europa der Regionen ein – in klarem Gegensatz zum Europa der Nationen, in dem der französische Präsident de Gaulle die europäische Zukunft sah. Für einen solchen Standpunkt sprechen unter anderem folgende Punkte, die wir anschließend im Einzelnen erläutern werden:
1. Ein Europa der Regionen würde den historisch gewachsenen Reichtum an kulturellen, religiösen und ökologischen Unterschieden erhalten. Es würde die regionale Entwicklungspolitik fortsetzen, welche die Europäische Union in den letzten Jahrzehnten vertreten hat.
2. Ein Europa der Regionen ist das Modell, das den Problemen des 21. Jahrhunderts am besten begegnen könnte.
3. Neben diesem Modell stehen den Politikern der Europäischen Union nicht viele Alternativen zur Wahl.
4. Ein Europa der Regionen wäre ein Wachstumsmodell, von dem nicht nur Europa profitiert, sondern auch für Milliarden Nichteuropäer eine hochinteressante Option.

Politische Kontinuität

Die Europäische Union hat jahrzehntelang die regionale Entwicklung besonders gefördert. Einer ihrer höchst innovativen und sakrosankten Grundsätze ist ja seit jeher das »Subsidiaritätsprinzip«. Diese Wortneuschöpfung – der Begriff tauchte zum ersten Mal zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und zwar in christlichen Enzyklopädien auf – bedeutet, dass alle politischen Aufgaben auf der niedrigstmöglichen Organisationsebene gelöst werden. Für die Europäische Union heißt dies, dass sie sich nur jener Probleme annimmt, die wirklich staatenübergreifend geregelt werden müssen. Alle übrigen Entscheidungen werden auf einzelstaatlicher Ebene geregelt. Es bedeutet aber auch, dass der Nationalstaat alle lokalen Probleme in die Zuständigkeit der Länder, Regionen und Gemeinden verweist. Was also nicht länderweit geregelt werden muss, wird auf der Ebene der Städte und Kommunen entschieden.
Einige der erfolgreichsten Maßnahmen der EU verdanken sich diesem Prinzip, da die schwächeren Regionen der Union immer europaweit finanziert und gefördert wurden.
Die Schaffung eines speziellen Ausschusses der Regionen (gegründet 1991) als unabhängige Versammlung der Vertretung der regionalen und lokalen Gebietskörperschaften innerhalb der EU und zur Berücksichtigung ihrer Interessen bei der Festlegung der Gemeinschaftspolitik ist ebenfalls ein Ausdruck dieser Bemühungen.
Ein Europa der Regionen wäre also nur eine logische Fortsetzung bzw. Erweiterung dessen, was ohnehin schon EU-Prinzip ist. Würde dies letztlich nicht auch einen vielfältigeren und demokratischeren Austausch zwischen den Staaten ermöglichen? Würden nicht Schottland, die Bretagne und Galizien in direktem Umgang mehr voneinander lernen, als London, Paris und Madrid in ihrem Namen vermitteln können?

Die Probleme des 21. Jahrhunderts

Im 21. Jahrhundert werden wir uns mit Problemen konfrontiert sehen, deren Komplexität und Dringlichkeit bisher ungekannte Dimensionen erreichen werden. Hier sind der Klimawandel zu nennen, die Umweltzerstörung, die Arbeitslosigkeit, die mit dem Ende des Industriezeitalters einhergeht, aber auch eine bislang nicht gekannte Alterung der Bevölkerung. Wir stehen einer epochalen Sinnkrise gegenüber und müssen uns mit potenziellen Konflikten zwischen den Kulturen auseinander setzen. Und bis dato ist unsere einzige Handhabe eine Institution, die schon mehrere Jahrhunderte alt ist: der Nationalstaat. Sogar auf globaler Ebene agieren wir immer noch mit dem Instrument des Staates: in den Vereinten Nationen nämlich.
Wir vertreten jedoch den Standpunkt, dass Probleme wie die eben aufgezählten zwar momentan noch einzelstaatlich entschieden werden, so aber nicht mehr gelöst werden können. Sie müssen auf globaler Ebene behandelt werden. Doch diese Probleme sind nicht Gegenstand dieses Buches. Unser Thema ist in erster Linie, dass viele der sozialen Aufgaben, wie die Betreuung von Kindern oder älteren Menschen, die Beseitigung der Arbeitslosigkeit oder die Bereitstellung sinnvoller Angebote in der Jugendarbeit von Organisationen, die mit den regionalen Erfordernissen vertraut sind, wesentlich besser erledigt werden können. Solche Lösungsansätze müssten jene Strategien ergänzen, die von der europäischen bzw. nationalstaatlichen Ebene ausgehen. Wir fordern hier nicht, dass die EU bzw. ihre Mitgliedsstaaten sich aus diesen Gebieten zurückziehen. Unserer Auffassung nach müssten die europaweiten und nationalen Initiativen auf regionaler Ebene durch zusätzliche Maßnahmen unterstützt werden. Auch diese Idee ist keineswegs neu. Neu ist nur das Mittel, das wir zur Erreichung dieser Ziele vorschlagen, nämlich die Einführung von Regionalwährungen, mit deren Hilfe die Regionen in die Lage versetzt würden, ihre Probleme weitgehend selbst zu lösen, und zwar ohne den Steuerzahler auf Bundes- oder Landesebene auch nur im Geringsten zu belasten.

Mangel an Alternativen

Alles deutet darauf hin, dass Europa sich in eine Situation manövriert hat, in der ein gesunder wirtschaftlicher Aufschwung der Regionen der einzig gangbare Weg zu sein scheint. Der Stabilitätspakt, den vor allem Deutschland mit der Einführung des Euros verknüpft hat, war eigentlich dazu gedacht, die Inflation in Grenzen zu halten. Nun aber erweist er sich als Mühlstein um den Hals derer, die ihn geschaffen haben, denn das neue Risiko heißt: Deflation. Darauf zu warten, dass die Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten endlich die Wirtschaft ihrer Länder ankurbeln, heißt heute »Warten auf Godot«. Welche anderen Möglichkeiten gibt es also? Hier kommt der dezentrale Ansatz wieder ins Blickfeld. Was wir vorschlagen, ist ein keynesianisches Modell im regionalen Bereich, das jedoch weder auf zentraler noch auf regionaler Ebene zu neuen Defiziten im Staatssäckel führt.
Die Rolle der Gemeinschaft im Zeitalter der Verunsicherung
Die alten Kulturen waren geprägt von der Furcht vor Naturkatastrophen: Erdbeben, Fluten und Hungersnöten. Die Menschen jener Zeit fanden im Wesentlichen zwei Wege, um mit diesen Ängsten umzugehen. Sie personifizierten die Kräfte der Natur und machten sie zu Gottheiten, welche sie mit Ritualen günstig zu stimmen suchten. Und sie bildeten Gemeinschaften, sodass das Individuum den Härten des Schicksals nicht mehr allein ausgeliefert war.
Auch heute leiden wir unter Ängsten vor Kräften, die wir nicht kontrollieren können: Arbeitslosigkeit, Technologiewechsel, klimatische Veränderungen, Globalisierung. Leider sind wir nicht mehr in der Lage, diese Ängste in die Sprache des Mythos zu kleiden, um sie zu begreifen und so ihrer Herr zu werden. Unsere moderne Gesellschaft hat darüber hinaus das Leben in der Gemeinschaft aufgegeben, was für die Menschen noch vor ein oder zwei Generationen undenkbar war.
Die Komplementärwährungen, die bislang im Umlauf sind, haben sich zumindest auf einem Gebiet bereits als Erfolg erwiesen: Sie schaffen auf lokaler Ebene neue Gemeinschaften. Einige wurden sogar nur aus diesem Grund eingeführt.
Wie wichtig eine solche Perspektive in der Politik ist, wird klar, wenn wir die Natur der gegenwärtigen Wirtschaftskrise betrachten. Hierbei handelt es sich nämlich keineswegs um einen simplen Abschwung im Wirtschaftszyklus. Was wir erleben, ist der Übergang von einem Entwicklungsmodell zum nächsten. Wir sind nicht nur Zeugen des viel beschworenen »Anbrechens des Informationszeitalters« und der damit verbundenen »Wissensgesellschaft«, sondern spüren auch die Auswirkungen dessen, was wir als »Ende des Industriezeitalters« bezeichnen möchten. Was dabei in den Vordergrund rückt, ist einzig eine Frage der Perspektive …
Der letzte Paradigmenwechsel, den die westliche Welt erlebte, war das Ende des Agrarzeitalters und das Heraufziehen der industriellen Epoche. Solche Übergänge verlaufen alles andere als schmerzlos. Denken Sie nur daran, was mit den Landarbeitern und Bauern geschah, als das Agrarzeitalter zu Ende ging. Auch die Grundbesitzer, die vorher zur Elite des Landes gehörten, mussten zusehen, wie ihre Werte, ihre Macht und ihre Traditionen zur Gänze verschwanden.
Wenn man sich dieses Übergangsmodell vor Augen hält, ist vollkommen klar, weshalb die europäischen Versuche, die eigene Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, über ein Jahrzehnt lang scheiterten: Die Arbeitslosenzahlen blieben in den letzten Jahren nahezu unverändert auf dem höchsten Stand seit Kriegsende. Das bisher angewandte Rezept war einfach, ein bisschen mehr dem Modell der USA zu folgen, in der Hoffnung, damit würde sich schon alles wieder einrenken. Doch seit selbst die USA hilflos dem Platzen der Hightech-Blase zusehen mussten und nun einen Abschwung erleben, der in der Geschichte seinesgleichen sucht, schwinden auch die europäischen Hoffnungen mehr und mehr dahin. Langsam machen die Europäer sich klar, dass das, was in Japan geschehen ist, durchaus auch in Deutschland möglich wäre. Das Gespenst der Deflation – ein eindeutiges Indiz für vorhandene Überkapazitäten in allen Wirtschaftszweigen – wird zum ersten Mal als real mögliche Bedrohung wahrgenommen.3 Japan war 1990 das erste Land, das vom Syndrom des »ausgehenden Industriezeitalters« betroffen wurde. Faszinierend dabei ist, dass Japan – nachdem es alle traditionellen Methoden zur Wirtschaftsförderung ohne Erfolg ausgeschöpft hat – sich nun systematisch der Erprobung von Komplementär- und Regionalwährungen zuwendet (mehr dazu in Kapitel VII). Kurz gesagt: Japan ist zu einem gewaltigen Experimentallabor geworden, in dem verschiedene Modelle der Komplementär- bzw. Regionalwährungen auf dem Prüfstand stehen. Kann Europa sich wirklich leisten, aus den japanischen Erfahrungen nicht zu lernen?
003
Eine Frage der Perspektive

Der Reiz regionaler Modelle und kultureller Vielfalt

Welche Konsequenzen sich ergeben können, falls Europa sich einem neuen Entwicklungsmodell der Förderung der Regionen verschreibt, wird erst dann deutlich, wenn wir einen solchen Schritt vor dem globalen Hintergrund einzuschätzen versuchen. Man macht sich nicht nur in Europa Sorgen, wohin die Globalisierung führen könnte. Sie wirft nämlich Fragen auf, die so komplex sind, dass der Einzelne sie nicht einmal mehr annähernd überblicken kann. Allerdings ist hier nicht der Ort, diesen Widerspruch erschöpfend zu diskutieren. Es genügt, wenn wir uns mit seinen wichtigsten Aspekten auseinander setzen.
Einer der klügsten Beiträge zu dieser Debatte stammt vom Oberhaupt einer religiösen Vereinigung. Jonathan Sacks, oberster Rabbi der United Hebrew Congregation of the Commonwealth, hat dazu ein Buch geschrieben, aus dem wir hier zitieren möchten (siehe Kasten).
Dass das gegenwärtige Modell der Globalisierung vor allem von den verschiedenen Regierungen der Vereinigten Staaten vorangetrieben wurde, ist ja kein Geheimnis. Die Erfahrungen der Amerikaner scheinen ihren monolithischen Ansatz der Weltwirtschaftspolitik zu stützen: Die USA entwickelten sich, ohne ihre Ureinwohner, die Indianer, mit einzubeziehen. Im berühmten melting pot des neu entstehenden Staatsgebildes verschmolz die kulturelle Vielfalt der Einwanderer zur Identität der Nation. Darüber hinaus entwickelten sich die amerikanischen Gesellschaften, indem sie die immer gleichen Produkte auf ihrem riesigen Binnenmarkt anboten. Daher kann es kaum verwundern, dass das von den USA propagierte Globalisierungsmodell darauf abzielt, kulturelle Differenzen weitestgehend auszuschalten.
Globalisierung versus Vielfalt
Die Moderne war im Wesentlichen der Triumphzug einer Hand voll eng miteinander verknüpfter Ideen. Ihr Modell war die Wissenschaft, ihr Diskurs die Vernunft, die endlich von den Verkrustungen der Tradition befreit war. Arbeitsteilung und die Öffnung der Märkte würden für Reichtum sorgen. Industrialisierung und Technologie würden die Natur bändigen. Eine strenge Kosten-Nutzen-Rechnung würde uns glücklich machen. Die Welt würde zu einer gewaltigen Bedürfnisbefriedigungsmaschine werden, die immer mehr Fortschritt hervorzaubern würde. Der Fortschritt wurde zum Maß aller Dinge. Dieser hehre, der menschlichen Wirklichkeit jedoch völlig ferne Mythos dauert auch heute noch fort im Denken diverser Marktfundamentalisten und ihrer Jünger, deren Credo immer noch lautet, dass die größtmögliche Deregulierung menschlicher Aktivitäten ganz von selbst hervorbringen würde, worin Leibniz das Paradies erblickte: die beste aller möglichen Welten, in der alles aufs Beste bestellt wäre.
Mein Modell ist ein anderes, folglich ist auch meine Sprache eine andere. Die Welt ist keine Maschine. Sie ist ein komplexes ökologisches System, dessen Vielfalt – auf biologischer, persönlicher, kultureller und religiöser Ebene – lebensnotwendig ist. Jede Beschneidung dieser Vielfalt, wie sie von den zahlreichen Fundamentalismen, seien sie nun marktideologischer, wissenschaftlicher oder religiöser Natur, gepredigt wird, würde das reiche Gewebe unseres gemeinsamen Lebens zerstören, würde den Horizont unserer Möglichkeiten so sehr verengen, dass daraus durchaus eine Katastrophe entstehen könnte. Die Natur sowie die von Menschen geschaffenen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Systeme sind Systeme geordneter Komplexität. Aus diesem Grund sind sie schöpferisch, und ihre Entwicklung ist nicht vorhersagbar. Jeder Versuch, ihnen im Namen religiöser oder wirtschaftlicher »Erfordernisse« eine künstliche Einförmigkeit aufzuzwingen, beruht auf einem tragischen Missverständnis dessen, was diese Systeme zum Gedeihen brauchen. Weil wir so verschieden sind, hat jeder von uns etwas Einzigartiges beizutragen, und jeder Beitrag zählt in einem solchen System. Nur unsere prähistorischen Urinstinkte lassen uns Vielfalt als Bedrohung wahrnehmen. In einem Zeitalter, in dem das Schicksal aller Menschen so eng miteinander vernetzt ist wie heute, haben diese Instinkte keinerlei sinnvolle Funktion mehr … Führen solche Unterschiede gar zu einem Krieg, verlieren beide Kontrahenten. Tragen sie hingegen zur gegenseitigen Bereicherung bei, können beide nur gewinnen.4
Jonathan Sacks
Überraschender für die Welt war die extreme und gewalttätige Reaktion auf die amerikanische Politik nach den Terrorakten des 11. September 2001. Doch auch hier waren Kritiker nicht um Erklärungen verlegen: Samuel Huntington nahm die Anschläge als Beweis für den von ihm längst vorhergesehenen clash of civilizations.5 Er sah im »Kampf der Kul-turen« ein neues Szenario, in dem die mittlerweile überholten weltanschaulichen Konflikte des Kalten Krieges vom Aufeinanderprallen der Zivilisationen ersetzt würden. Die Kulturen, die anders lebten als die westlichen, würden sich, so Huntington, gewaltsam gegen den Export einer neuen Weltordnung wehren. Im Rückblick war Benjamin Barber fast noch präziser. Er sagte in seinem Buch Coca-Cola und Heiliger Krieg vorher, dass der wirtschaftliche Erfolg von Molochen wie Coca-Cola und McDonald’s automatisch eine Gewaltreaktion hervorrufen würde, die sich in einem Dschihad, einem »Heiligen Krieg«, niederschlüge.6 Beide Thesen wurden von angesehenen amerikanischen Wissenschaftlern aufgestellt, die man wohl kaum antiamerikanischer Umtriebe verdächtigen kann. Die Reaktion von George W. Bush und seiner Regierung auf die Ereignisse des 11. September 2001 macht einen Kampf der Kulturen nur wahrscheinlicher.
004
Kulturelle Differenzen – das United States Erfolgsmodell
Was also können die Europäer tun, wenn sie mehr wollen, als den Live-Reportagen auf CNN zu folgen, die uns vermutlich bald nur noch an der endlosen Geschichte von Gewalt und Gegengewalt teilhaben lassen werden? Welche Modelle der wirtschaftlichen Entwicklung können wir der Globalisierung amerikanischen Stils entgegenhalten? Welche Möglichkeiten haben wir angesichts der unumkehrbaren Dominanz der USA auf militärischem, technischem und wirtschaftlichem Gebiet sowie ihrer unbestreitbaren medialen Übermacht?
Vor diesem Hintergrund tritt die Bedeutung eines Entwicklungsmodells, das auf kulturelle Differenz setzt, statt sie als Bedrohung zu erleben, erst deutlich zutage. Die Vision eines »Europas der Regionen« liefert uns ein Modell, das Milliarden Menschen, die von der gegenwärtigen Form der Globalisierung negativ betroffen bzw. ganz ausgeschlossen sind, Hoffnung geben kann.
Fairerweise muss man erwähnen, dass in Europa – sowohl innerhalb als auch außerhalb seiner Grenzen – ebenfalls Fehler geschehen sind, die uns davor warnen sollten, uns selbst allzu sehr als Vorbild für die Welt zu betrachten. Der Kolonialismus wurde schließlich in Europa »erfunden«, und fast jedes europäische Land wurde durch imperialistische bzw. zentralistische Bestrebungen begründet, in denen eine Subkultur ihre Nachbarn dominierte und unterwarf. Diesbezüglich genügt es, die Bretonen über ihr Verhältnis zu Frankreich, die Waliser oder Schotten über ihres zu Großbritannien und die Bayern über ihre Liebe zu Großdeutschland zu befragen. Unsere »europäischen Bürgerkriege« haben das 20. Jahrhundert zum blutigsten der Geschichte gemacht. Und auch heute noch gibt es in Europa ungelöste regionale Konflikte: im Baskenland, in Nordirland oder auf dem Balkan.
Trotzdem lässt die Entwicklung Europas seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hoffen. Die Europäische Union ist die erste Herrschaftsinstanz, in deren Zentrum ein Machtvakuum steht. Die Entscheidungsgewalt verbleibt weitgehend bei den Mitgliedsstaaten und wird nicht auf eine zentrale politische Einheit übertragen. Der Großteil der regionalen Probleme, die früher – also ohne die Europäische Union – Spannungen und Konflikte hervorriefen, wird nun auf friedlichem Wege gelöst. Die Amerikaner weisen gern und zu Recht darauf hin, dass dieser Paradigmenwechsel unter der Ägide der Pax Americana erfolgte, doch das Modell, mit dem die kriegerischste Region der Erde in einen lockeren Staatenverbund umgewandelt wurde, in dem Krieg zwischen den Mitgliedsstaaten undenkbar ist, wurde letztlich von Europäern ausgehandelt und umgesetzt.
Auch wenn Englisch sich mittlerweile eindeutig zur gemeinsamen zweiten Umgangssprache entwickelt, so bleibt uns die europäische Sprachvielfalt doch erhalten. Tatsächlich ist das stabile Umfeld einer gemeinsamen europäischen Entwicklung dem Wachsen und Gedeihen lokaler und regionaler Besonderheiten eher förderlich.
Und so fanden auch die multinationalen Konzerne europäischer Machart eine andere Form des Marktzugangs. Sie haben sich daran gewöhnt, ihre Produktreihen regionalen Erfordernissen anzupassen. Wo die Amerikaner ein einziges, gleichförmiges Erzeugnis wie Coca-Cola, Big Mac oder Windows zum Symbol eines gewaltigen Konzerns werden lassen, haben europäische und japanische Mega-Unternehmen die Fähigkeit erworben, in fragmentierten Märkten zu agieren und Produkte zu entwickeln, die sich den verschiedensten Nischen anpassen lassen.7
Die letzten fünfzig Jahre der europäischen Geschichte geben also Anlass zu der Hoffnung, dass wir in der Lage sein werden, ein Entwicklungsmodell zu schaffen, in dem kulturelle Unterschiede als Teil der globalen Fülle betrachtet werden und nicht als Hindernis auf dem Weg zur vereinheitlichten Gesellschaft.
Dennoch gibt es eine große Hürde, die Europa daran hindern könnte, erfolgreich unser Modell regionaler Entwicklung zu testen. Dieses Hindernis nennen wir »den unverstandenen Faktor Geld«. Mit fast allen Menschen der Moderne teilen wir diese Wahrnehmungsschwäche. Viele würden sicher zustimmen, wenn es hieße, dass für die Regionen mehr Autonomie sinnvoll wäre. Sobald es aber darum geht, dass zu diesem Zweck regionale Währungen eingeführt werden müssen, die neben dem Euro existieren, werden plötzlich andere Argumente aufs Tapet gebracht: »Der Trend geht doch eindeutig zu größeren Währungssystemen und nicht zu kleineren. Wir haben doch gerade unsere nationalen Währungen zugunsten des Euro aufgegeben. Und jetzt heißt es plötzlich, wir sollen Währungen einführen, die einen noch kleineren Gültigkeitsbereich haben als vorher die D-Mark oder die Lira!«
Genau jener Frage ist dieses Buch gewidmet. Da die Einführung regionaler Währungen für unser Entwicklungskonzept eine so entscheidende Bedeutung hat, steht sie sogar im Zentrum unserer Ausführungen. Und wir werden zeigen, dass mit der Einführung des Euro regionale Währungen noch sinnvoller und nötiger geworden sind, obwohl oder gerade weil dieses Thema das am wenigsten verstandene im Rahmen wirtschaftspolitischer Debatten ist.

Kapitel II
Geld, der unverstandene Faktor
Geld gilt normalerweise als »wertneutral«: Man geht davon aus, dass es die ausgeführten Transaktionen bzw. die Beziehungen der Menschen, die es benutzen, nicht beeinflusst. Diese Grundannahme ist seit den Tagen Adam Smith’ Teil des wirtschaftswissenschaftlichen Theoriegebäudes. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die These galt in den Tagen des Goldstandards und gilt bis heute, beispielsweise wenn man die Verhaltensweisen der Nutzer verschiedener Nationalwährungen miteinander vergleicht. Tatsächlich macht es auch keinen Unterschied, ob man nun in Euro, Dollar oder Yen bezahlt. Diese Währungen weisen alle dieselben Charakteristika auf: »Schöpfung« durch eine zentrale Instanz, Knappheit – das heißt, man achtet darauf, dass nicht zu viel davon in Umlauf kommt – und Akkumulation mit positiven Zinsraten.
Die zuständigen Entscheidungsträger befassen sich in erster Linie damit, wie sie an das notwendige Geld für ihre Planungen herankommen. Was das Geldsystem selbst anbelangt und wie es ihre Entscheidungen beeinflusst, darüber wird kaum nachgedacht oder öffentlich diskutiert. Es scheint eher so, als wenn die diesem System zugrunde liegenden Annahmen gar nicht bewusst sind. Vergleicht man nämlich Währungen, die anderen als den für die Nationalwährungen geltenden Regeln gehorchen, dann büßen diese ihre Überlegenheit schnell ein. So zeigt sich, dass die Nutzer so genannter »Bartersysteme« ein tendenziell anderes Verhalten an den Tag legen als die Nutzer der Standardwährung.8 Die Unterschiede treten noch stärker zutage, wenn man ein normales Geldsystem mit »sozialen Währungen« vergleicht. So haben Umfragen unter den Nutzern des japanischen Fureai-Kippu-Systems, bei dem Pflegestunden geleistet und gutgeschrieben werden, gezeigt, dass alle Betroffenen lieber von den Pflegern betreut wurden, die dies für die »Pflege-Tickets« der Fureai Kippu taten, als von solchen, die in harten Yen bezahlt wurden. Als Begründung dafür wurde meist angegeben, dass »die Beziehung zum Pfleger einfach eine andere« sei. Auch die Studien, die innerhalb von deutschen Tauschringen durchgeführt wurden, beweisen, dass die Menschen Hilfe von Freunden viel eher akzeptieren, wenn diese über das Tauschsystem verrechnet wird, als wenn sie dafür in der offiziellen Währung bezahlen.
005
Geld bedeutet für jeden etwas anderes
Hier werden wir uns vor allem auf den Unterschied zwischen nationalen und lokalen oder regionalen Währungssystemen beschränken und untersuchen, welche Auswirkungen sie auf die Unabhängigkeit bzw. auf die kulturelle Eigenständigkeit der Region haben.
Um nicht allzu sehr ins Theoretische abzugleiten, wollen wir unsere Ausführungen mit konkreten Fallstudien belegen. Zunächst führen wir ein Negativbeispiel an, bei dem die nachhaltige Entwicklung der Regionen eines Landes durch die Einführung einer Nationalwährung dauerhaft zerstört wurde. Dann werden positive Beispiele zeigen, wie sehr eine regionale bzw. lokale Währung die Wirtschaft und die Gemeinschaft vor Ort stärken kann.

Wie man die nachhaltige Entwicklung einer Region kaputtmacht

Als Großbritannien Kolonialmacht in Ghana war, trafen die Briten dort auf ein interessantes Phänomen. Das Land bestand nämlich zu dieser Zeit aus einigen hundert wirtschaftlich eigenständigen Regionen in deren angestammten Siedlungsgebieten. Die Regionen trieben zwar Handel miteinander, doch war dieser auf traditionelle geschlossene Kreisläufe zwischen den einzelnen Stämmen beschränkt. Wozu aber braucht man eine Kolonie, wenn dort niemand die Handelsgüter will, die man anzubieten hat? Daher stellte sich die Frage, wie man die seit Jahrhunderten existierenden nachhaltigen Strukturen aufbrechen konnte, damit ein Bedarf an jenen Gütern entstand, die Großbritannien in die neue Kolonie exportieren wollte.
Heute würde man wohl eine gewaltige Marketingkampagne durchführen, was damals jedoch noch nicht zum erprobten Instrumentarium gehörte. Darüber hinaus war es aus vielerlei Gründen nicht ratsam, die alten Formen des Handels zu zerstören und unter Zwang neue zu schaffen. Der Weg, der am Ende eingeschlagen wurde, war viel billiger, einfacher und eleganter. Er bestand ganz einfach darin, dass die Kolonialherren zum ersten Mal eine »ghanaische Nationalwährung« schufen – natürlich im Namen des Fortschritts – und eine bescheidene »Hüttensteuer« einführten, zu deren Begleichung nur die neue Währung akzeptiert wurde. Und siehe da: Innerhalb einiger weniger Jahre waren die traditionellen autarken Systeme verschwunden. Warum?
Jede »Hütte«, das heißt jeder Familienverband im Land, musste einen Weg finden, ein wenig von dieser neuen Währung zu verdienen, um die »Hüttensteuer« bezahlen zu können. Dies war jedoch nur möglich, indem man die traditionellen Handelsbeziehungen aufgab und versuchte, auf nationaler Ebene Handel zu treiben. Dieser Zwang genügte bereits, um ein System auszulöschen, das jahrhundertelang bestens funktioniert hatte.
Was aber bedeutet dies für unser Thema? Der Versuch, eine nachhaltige regionale oder lokale Wirtschaft zu entwickeln, während man gleichzeitig das Monopol einer nationalen bzw. supranationalen Währung aufrechterhält, ist, als würde man einen Trinker durch regelmäßige Gaben alkoholischer Getränke heilen wollen.
Während im 19. Jahrhundert die Verwalter der Kolonialländer sich durchaus bewusst waren, wie man regionale Unabhängigkeit durch die Einführung einer nationalen Währung bekämpft, wird der Faktor »Geldsystem« im Instrumentarium unserer Politiker und Verwaltungsfachleute heute so wenig verstanden, dass sie zwar viel über regionale Autonomie sprechen, aber die monetären Konsequenzen ihrer Forderung völlig ausblenden.
Dabei wurden auch in Europa lokale Tauschsysteme erst vor relativ kurzer Zeit, nämlich in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, ganz aufgegeben. Und auch damals spielte die Geldpolitik eine entscheidende Rolle (siehe Kasten).
1950: Das Ende lokaler Tauschsysteme in Frankreich
Bei Céret, im wieder verwilderten Aspre, wo Brombeergebüsch und Ginster dominieren und baumartiges Heidekraut einen kargen Boden überwuchert, ist, wie mir Adrienne Cazeilles (am 20. Januar 1985) schrieb, »das Gleichgewicht, wie es sich auf einer nahezu vollständigen Selbstversorgung und einem winzigen Stückchen Markt eingependelt hatte, einem Markt, der mit Import-Export wenig zu tun hatte und noch stark einem Tauschmarkt glich, um 1950 endgültig zusammengebrochen. Die Bevölkerung hat aufgegeben, alles liegen und stehen gelassen, wie in Kriegszeiten, wenn eine unhaltbare Stellung evakuiert werden muss. Vorher jedoch hat sich diese Stellung selbst verteidigt. Das Leben in den Bauernhäusern des Aspres war karg, aber keineswegs elend. Wie einer meiner Freunde, Jahrgang 1899, Sohn eines Bauern, scherzend, aber zutreffend, formulierte: ›Uns fehlte es an nichts, außer an Geld.‹«9

Positive Beispiele

Es gibt auch positive Beispiele von regionaler Nachhaltigkeit, aber diese stützen sich auf duale Währungssysteme, nicht auf ein Zentralwährungsmonopol. Zwei davon werden wir Ihnen ausführlicher vorstellen, um zu zeigen, wie sehr sie zur Stärkung regionaler Identität und Wirtschaft beigetragen haben. Alle Fälle sind eher als lokale Komplementärwährungen zu betrachten denn als echte Regionalwährungen, wie wir sie uns vorstellen. Doch da sie Gestaltungsmerkmale und Wirkungen aufzeigen, die in die von uns angestrebte Richtung gehen, und außerdem bereits praktisch funktionieren, eignen sie sich ausgezeichnet als Vorgaben für unser Modell.
Im ersten Fall handelt es sich um ein traditionelles System, welches in Bali seit etwa einem Jahrtausend benutzt wird und Balis bemerkenswerte kulturelle Identität entscheidend mitgeprägt hat. Im zweiten um das traditionelle Muschelgeld Papua-Neuguineas. Der dritte Fall hingegen ist jüngeren Datums. Die etwa dreißig Jahre alte Lokalwährung wird in einer modernen Stadt Brasiliens eingesetzt, wo sie die sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen deutlich verbessert hat.

Bali

Der Prozess ist wohl bekannt und lässt sich auf der ganzen Welt beobachten: Massentourismus und ein authentisches regionales Kulturleben sind zwei Phänomene, die sich durch wesensmäßige Unvereinbarkeit auszeichnen. Je mehr Touristen kommen, um die exotische Kultur zu genießen, derentwegen sie angereist sind, umso stärker tragen sie zur Zerstörung ebenjener Kultur bei, weil sie am Ende nur noch für die Touristen gelebt wird. Dieser unauflösbare Konflikt wird von Fachleuten etwa wie folgt dargestellt: »Tourismus und unberührte Paradiese […] sind zwei vollkommen unvereinbare Erscheinungen. Denn im selben Maß, wie die Touristen sich für die Paradiese begeistern, zerstören sie dieselben auch. […] Kaum ist das letzte Paradies auf Erden entdeckt, zieht es so viele Reisende an, dass es schnell zum verlorenen Paradies wird.«10 Die einzige Ausnahme von dieser Regel scheint Bali zu sein. Dort hält sich der zerstörerische Einfluss der wachsenden Touristenscharen auf die Inselkultur in Grenzen.
006
Zahl der Besucher in Millionen pro Jahr
Nur um es vorweg klarzustellen: Wir benutzen hier einen ethnologischen Kulturbegriff, der auf E. B. Tylor zurückgeht: Wir verstehen Kultur als vielschichtiges Ganzes, zu dem Wissen, Glauben, künstlerischer Ausdruck, Moral, Gesetze, Gewohnheiten und Verhaltensweisen gehören, die von Individuen erworben werden und ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaft vermitteln. Was Bali angeht, so beruht das kulturelle Zusammengehörigkeitsgefühl dort vor allem auf ethnischen, sprachlichen und religiösen Kriterien.11
Um zu überprüfen, ob eine Kultur durch die Touristenmassen unangetastet bleibt bzw. diese aufgibt, setzen wir einen vergleichsweise einfachen »Lackmustest« ein: Wir stellen die Frage, ob kulturelle und religiöse Zeremonien weiterhin abgehalten werden und ob sie für die Inselbewohner ihre Bedeutung beibehalten, auch wenn Touristen als Zuschauer anwesend sind. Dies ist eine in der Ethnologie weithin anerkannte und häufig verwendete Untersuchungsmethode.12
Mittlerweile hat jeder gehört, dass Bali das letzte Paradies auf Erden sein soll. Dieser hehre Ruf geht zurück auf die Zeit, als die Abendländer das Land gegen Ende des 16. Jahrhunderts entdeckten.13 Während des 20. Jahrhunderts wurde es dann nachgerade zur Pflichtübung der einzelnen Ethnologengenerationen, darauf hinzuweisen, dass der Untergang von Balis reichem kulturellem Erbe unmittelbar bevorstehe. Eine australische Studie kam zu dem Ergebnis, dass die traditionelle Kultur eines Landes regelmäßig dann zerstört wird, sobald die Anzahl der Touristen pro Jahr etwa einem Drittel der Gesamtbevölkerung entspricht. Dies hat sich offenkundig als richtig erwiesen. Wie gesagt mit einer einzigen Ausnahme: Bali.