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Savanna Fox

Alpha Unit: Voice of Passion

 

© 2014 Plaisir d’Amour Verlag, Lautertal

Plaisir d’Amour Verlag

Postfach 11 68

D-64684 Lautertal

www.plaisirdamourbooks.com

info@plaisirdamourbooks.com

© Umschlaggestaltung: Andrea Gunschera & Mia Horn

ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-041-4

ISBN eBook: 978-3-86495-042-1

 

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

 

 

 

 

Für meine beiden Töchter

 

 

 

In deinen Traueraugen beginnt das Land des Traumes

Pablo Neruda

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

 

Mountain Lake Lodge Ferienresort, in den Appalachen Virginias

 

Eve,

deine Stimme, dein Körper, deine gesamte Ausstrahlung – Gott, du bist eine Wahnsinnsfrau! Du weißt nicht, was du mit mir anstellst, wenn ich in deiner Nähe bin! Ich will dich berühren! Ich vergöttere dich so sehr!

 

In ewiger Liebe,

dein B.

 

Ein ängstlicher Schauer lief Eve über den Rücken, der durch die kühle Morgenbrise, die von den bewaldeten Berghängen der Appalachen Virginias hinab wehte, noch verstärkt wurde, und ließ sie auf der Stelle erstarren. Sie konnte nicht glauben was sie hier in den Händen hielt. Doch die Wahrheit stach ihr schwarz auf weiß ins Auge. Schockiert zerknüllte sie den Brief, der ihr zuvor an der Rezeption mit dem Rest ihrer Post ausgehändigt worden war. Sie hätte mit dem Lesen warten sollen, bis sie zurück im Ferienhaus war, das sie mit Rock’n Roses angemietet hatte. Doch als sie ihren Namen in schwarzer Tinte auf dem Umschlag bemerkt hatte, hatte sie ihn einfach nur trotzig aufgerissen. Sie wusste, von wem er stammte. Es war nicht der erste Brief, den sie von diesem – in ihren Augen kranken – Fan bekommen hatte. Seit Monaten erhielt sie diese ominösen Briefe und nie stand ein richtiger Absender auf dem Umschlag. Immer unterzeichnete dieser Kerl mit »In ewiger Liebe, dein B.«

In ewiger Liebe …

 Sie hasste derartige Briefe, die ihr jedes Mal aufs Neue einen Schauer über den Rücken laufen ließen. Sie zeigten, wie fanatisch manche Fans sein konnten. Leider gehörten sie auch zum Berühmtsein dazu. In all den Jahren, in denen sie bereits im Musikbusiness tätig war, war sie schon öfter auf »verrückte« Fans getroffen. Selbst die Jungs der Band erhielten von ihren weiblichen Fans Liebesbriefe, was auch völlig normal war. Eve bekam ebenfalls Liebesbriefe, zum Teil von Teenagern, die sie heiraten wollten – darüber konnte sie schmunzeln. Solche Briefe zeugten von der Bewunderung und den Gefühlen eines Fans für sein Idol.

Doch der Brief in ihrer Hand war anders. Er zeigte die Kehrseite der Medaille, die der Ruhm mit sich brachte. Die Briefe dieses Mannes waren nicht die Worte eines jungen Menschen, der für einen Star schwärmte. Eve kannte die Unterschiede nur zu gut. Diese Briefe stammten von einem Psychopathen. Welcher normale Erwachsene würde einem anderen eigentlich wildfremden Menschen schreiben, dass er ihn berühren wollte, ja auf ewig liebte?

Ich will dich berühren! Eve schluckte schwer. Die Worte widerten sie an und verstärkten das Gefühl von Angst in ihr noch mehr.

Lass dich nicht von diesem Irren verunsichern. Beachte diesen Brief einfach nicht weiter, ermahnte sie sich. Nur war das leichter gesagt als getan.

Sie lief weiter über den Schotterweg des Resorts, zurück zum Ferienhaus, das zweihundert Meter entfernt versteckt zwischen den Bäumen lag. Natürlich gab es in ihrem Leben viele Neider, besonders, seit sie vor Jahren aus dem Nichts zu berühmten Rockstars aufgestiegen waren. Doch Eve und ihre Bandkollegen hatten hart für ihren Erfolg gearbeitet. Manchmal konnte sie es noch immer nicht fassen, dass sie den Durchbruch geschafft hatten. Ein wahr gewordener Traum, auf dessen Lorbeeren man sich allerdings nicht ausruhen durfte. Ganz im Gegenteil. Das Business war hart, und man musste noch härter arbeiten, noch mehr Disziplin in seine Arbeit legen, um diesen Erfolg halten zu können. Die Ergebnisse dieser harten Arbeit waren, neben der diesjährigen Music Award Nominierung, zwei Grammys sowie mehrere nationale und internationale Musikauszeichnungen, die sie mit ihrer Band Rock’n Roses mittlerweile verbuchen konnte.

Das plötzliche Geschrei aufgeschreckter Vögel und ein nicht einzuordnendes Geräusch in den Büschen neben ihr ließen Eve abrupt innehalten. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, jemanden im Unterholz weglaufen zu hören.

 »Hallo? Ist da jemand?«

Unsicher glitt ihr Blick umher, doch sie konnte niemanden ausmachen. Es war ein sonniger Vormittag, die Sonnenstrahlen schienen durch das herbstbunte Laub der Bäume auf sie herab und beeinträchtigten ihre Sicht. Da jedoch niemand auf ihre Rufe reagierte, war sie offensichtlich allein. Trotzdem hatte sie das beunruhigende Gefühl, dass sich jemand ganz in der Nähe aufhielt, und dieses löste Furcht in ihrem Inneren aus. Als sich dann auch noch die Blätter der Büsche neben ihr erneut bewegten, riss sie erschrocken die Augen auf und blickte ängstlich in deren Richtung.

»Hallo?«, rief sie. Als ihr niemand antwortete und die Stille um sie herum schier unerträglich wurde, stieg Panik in ihr auf. Sie hatte eindeutig das Gefühl, dass sie beobachtet wurde. Mit einem Mal wurde es Eve klamm ums Herz, das sie bis zu ihrem Hals schlagen spürte, und ihre Kehle begann zu brennen.

Schwer schluckend schnappte sie nach Luft. Ihre Finger krampften sich um den zerknüllten Zettel, ihre Gedanken schossen wild durcheinander. Was, wenn hinter den Büschen dieser Briefe schreibende Irre lauerte?

Nein, das war vollkommen unmöglich, versuchte sie sich einzureden. Das war es doch, oder etwa nicht?

Fieberhaft versuchte sie, gedanklich eine Liste zu erstellen, wer alles von ihrer Anwesenheit in diesem Ferienresort wusste. Neben dem Management war es nur den Hotelangestellten des Resorts bekannt, dass sich die Band hier aufhielt. Doch diese waren zu Diskretion verpflichtet. Eve konnte auch mit absoluter Sicherheit ausschließen, dass es einer der Bediensteten des Resorts war, der ihr diese beängstigenden Briefe schrieb, denn diese erhielt sie schon seit Monaten.

Sicher hatte sie nur einen der Angestellten gehört. Möglicherweise den Gärtner, der bei seiner Arbeit die Vögel aufgeschreckt hatte. Nichts, das sie beunruhigen sollte.

Nur warum verspürte sie in ihrem Brustkorb noch immer dieses einengende Gefühl von Panik und Angst und rannte die letzten Meter zum Ferienhaus zurück, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her?

 

Kaum dass die Tür hinter Eve ins Schloss gefallen war, wurde sie von ihrem Bandkollegen und Gitarristen Taylor Savaghe abgefangen und mit einem kritischen Blick gemustert.

»Ist alles in Ordnung bei dir?«

»Ja, ja, alles bestens. Ich bin den Weg zurück gejoggt und etwas aus der Puste«, log sie ihn an.

»Und ziemlich blass«, bemängelte er, als sie seinem Blick auswich.

»Ich bin Joggen einfach nicht mehr gewöhnt«.

»Joggen?«

Sie spürte, dass er ihr ihre Antwort nicht abkaufte, ging aber nicht auf seine Äußerung ein.

Chris Teller, der Schlagzeuger der Band, kam aus seinem Zimmer und blieb erstaunt stehen.

»Schon wieder zurück?«

»Ja«, antwortete sie.

Eve mochte die beiden. Sie waren für Eve wie die Brüder, die sie nicht hatte. Speziell Taylor war ihr seit der Bandgründung sehr ans Herz gewachsen, zudem war er ihr allerbester Freund, an dessen Schulter sie sich bei Problemen immer anlehnen konnte. Sie stand keinem anderen so nah wie ihm. Er spürte sofort, wenn mit ihr etwas nicht stimmte, und sie wusste, er hatte für sie immer ein offenes Ohr und hatte ihr bereits des Öfteren mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Trotzdem wollte sie nicht mit ihm über den Brief reden, genauso wenig wie mit Chris.

»Wenn ihr beiden mich bitte entschuldigen würdet, ich habe noch etwas zu erledigen«, sagte Eve und lief weiter über den Flur zu ihrem Zimmer. Sie wollte nach diesem Schreck nur noch allein sein.

 »Ach übrigens, Eve, das Management rief an, um uns noch mal daran zu erinnern, dass morgen dein neuer Babysitter eintrifft, dieser McNamera«, rief Chris ihr nach.

Abrupt blieb sie stehen. Als ob ich das vergessen hätte, dachte sie und rollte genervt die Augen. Den Türgriff bereits in ihrer Hand haltend, sah sie über ihre Schulter zurück.

»Dann ist es vielleicht angebracht, dass ihr zwei bis morgen euren Saustall im Wohnzimmer aufräumt, sonst kippt der Kerl schon in der ersten Sekunde aus den Latschen!«

»Als würde dir das nicht gelegen kommen. Wir wissen genau, dass du auf ihn gut und gerne verzichten würdest. Nicht wahr?« Taylor grinste.

Sie warf ihm einen verärgerten Blick zu, obwohl sie wusste, er hatte recht.

»Fangt endlich an, aufzuräumen.« Und mit diesen Worten verschwand sie in ihrem Zimmer, in dem sie noch Chris leicht genervtes Aufstöhnen vernahm.

 

Eve lehnte sich gegen die Tür und sank zu Boden. Ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust, das Gefühl der Panik beherrschte ihre Gedanken noch immer. Zum Glück war dieses Haus mit modernster Sicherheitstechnik ausgestattet, sodass sie wenigstens darüber beruhigt sein konnte. Doch ihre Nerven spielten allmählich verrückt. Es war dieser beschissene Brief, der sie so nervös werden ließ. Dieser Irre wollte sie verängstigen, und das gelang ihm perfekt.

Nein, es war einfach dieser Tag. Sie war vollkommen durcheinander. Dass das Management ihr einen neuen Bodyguard schickte, bereitete Eve zusätzliche Kopfschmerzen. Sie wollte keinen Aufpasser rund um die Uhr an ihre Seite gestellt bekommen. Insbesondere, wenn dieser auch noch begann, in ihren Privatsachen rumzuschnüffeln und sie damit von ihrer Arbeit ablenkte. Das hatte der Letzte getan, den sie daraufhin gefeuert hatte. Sie konnte nur hoffen, dass der Neue namens Jensen McNamera keine Anstalten machen würde, sie von vorn bis hinten kontrollieren zu wollen, denn darauf konnte sie verzichten.

Manchmal sehnte sie sich danach, ein ganz normaler Mensch zu sein, der ein einfaches Leben führte und einer gewöhnlichen Arbeit nachging. Es war Eve nicht einmal möglich, einen Schritt in ein Einkaufszentrum zu setzen, ohne gleich erkannt zu werden, ohne dass die Fans kreischend hinter ihr herliefen, sie regelrecht umzingelten und um ein Autogramm sowie ein gemeinsames Foto baten. Paparazzi lauerten quasi an jeder Ecke. Hollywood war besonders schlimm. Ein Grund, warum sie dort nie wohnen wollte und keinen darum beneidete, der es tat. Eve war schon des Öfteren an Orten abgelichtet worden, von denen sie glaubte, keine Fotografen in der Nähe zu haben. Das Resultat konnte sie dann Tage später auf den Titelseiten bekannter Klatschblätter sehen. Man stelle sich Lady Gaga vollkommen ungeschminkt und in Schlabberklamotten vor …

Ein grausiger Anblick. Ein Glück, das Eve von Natur aus nicht in den Schminktopf fallen musste, um gut auszusehen. Doch manchmal war es schon sehr anstrengend, ständig und überall im Rampenlicht zu stehen und auf Schritt und Tritt verfolgt zu werden. Ja, manchmal sehnte sie sich die Zeit zurück, in der sie unbeschwert durch die Straßen gehen konnte, ohne erkannt zu werden. Trotzdem wollte sie den Erfolg mit der Band nicht missen, denn es machte ihr unendlichen Spaß, ihre Songs für das Publikum zu performen, und dafür nahm sie den Rummel um ihre Person gerne in Kauf. Mit der Musik lebte sie ihren Traum, auch wenn damit in ihrem Leben fast nichts mehr ohne Leibwächter ging.

Eve musste schmunzeln, denn sie wusste, sie hatte in den letzten achtzehn Monaten einen ziemlich hohen Verschleiß an Bodyguards gehabt. Wahrscheinlich verzweifelte das Management bereits daran, ihr alle drei Wochen einen Neuen zur Verfügung stellen zu müssen. Doch sie konnte es einfach nicht leiden, wenn ein Bodyguard dachte, er müsste sie in jeder einzelnen Sekunde kontrollieren, auch wenn es nur deren Job war. Sie hasste es, wenn diese glaubten, sie müssten auch noch neben ihr stehen, wenn sie ihre Klamotten für das nächste Konzert anzog oder wenn sie sich Deo unter die Arme sprühte. Das ging in der Tat zu weit! Auch sie hatte eine Privatsphäre, und es gab gewisse Dinge in ihrem Leben, die gingen niemanden etwas an. Erst recht keinen Jensen McNamera.

 

 

Alpha-Unit-Hauptquartier, in der Nähe von Oklahoma City

 

Als Undercoveragent einer streng geheimen Organisation, bestehend aus fünf Special Operators, war es Jensen McNamera gewohnt, dass ein Auftrag so gut wie nie nach Plan verlief. So wie sein letzter Einsatz, der sich unerwartet in die Länge gezogen und ihn, bei wochenlanger feuchttropischer Hitze in Südamerika, regelrecht durch die Hölle hatte gehen lassen, um einen international gesuchten Terroristen dingfest zu machen. Das brauchte er so schnell nicht wieder.

Vor wenigen Minuten war er noch dabei gewesen, seinen Einsatzbericht zu Ende zu verfassen, nun lag seine Aufmerksamkeit auf dem riesigen Flat-Screen-Fernseher, der in dem großzügigen Mediaraum des Hauptquartiers stand. Vor seinen Augen flackerte das NHL-Eishockeyspiel der San Jose Sharks gegen die Los Angeles Kings. Mit einer Dose Bier in der Hand saß Jensen neben seinem Freund und Kollegen Ray McKay, um mit ihm gemeinsam das Spiel zu sehen.

 »Mensch, das war vielleicht nah am Tor vorbei!« Jensen schüttelte ungläubig den Kopf.

»Haarscharf. Da fehlten nur noch Zentimeter und der Puck wäre im Netz gelandet.« Wie gebannt schaute Ray auf den Bildschirm und verfolgte den nächsten Spielzug.

»Scheint eine spannende Partie zu werden«, meinte Jensen.

»Du hättest die letzten Spiele sehen sollen. Der Sharks-Kapitän ist diese Saison unschlagbar gut«, stellte Ray fest.

»Du sagst es.« Jensen nahm einen Schluck Bier. »Was habe ich mich in den letzten Wochen nach einem solchen Abend gesehnt. Stattdessen musste ich dieses verdammte Arschloch durch das halbe Amazonas-Gebiet jagen, bis ich ihn endlich in die Finger bekam.«

»In Südamerika gabs wohl kein Eis, was?«, fragte Ray.

»Nein. Da gab es nur Moskitos, die es auf mein Blut abgesehen hatten.«

 »Dann kannst du ja von Glück reden, dass du nicht noch anderen Tierchen zum Opfer gefallen bist«, lachte Ray.

»Stimmt.«

»Tröste dich, bei mir lief es nicht wesentlich besser«, jammerte Ray.

»Warst du nicht in Vegas?«

»Fast. Noch bevor ich die Stadt der Sünde überhaupt betreten durfte, hat man meine Zielperson leblos in der Wüste Nevadas aufgefunden. Da fiel für mich nicht einmal eine Runde am Pokertisch ab. Stattdessen musste ich mich mit den örtlichen Behörden rumschlagen. Hätte noch gefehlt, dass sie mir diesen Mord auch noch in die Schuhe schieben wollten.« Ray schüttelte den Kopf.

»Mir kommen gleich die Tränen«, flachste Jensen.

»Oh, die kamen mir. Verdammt, der Jackpot war randvoll gefüllt, und ich hatte nicht mal annähernd die Chance, einen Dollar zu setzen.«

Jensen musste lachen. »Tut mir leid, dir das zu sagen, Kumpel, aber ich befürchte, bis zu deiner Pension mit Altersruhesitz in Florida wirds noch ein paar Jahre länger dauern.«

Ray grummelte vor sich hin.

»Wie war eigentlich deine zugeteilte Partnerin – wie hieß sie noch gleich?«

»Special Agent Keira Johnson.«

»Special Agent?«

Ray nickte. »Vom CIA«, bemerkte er abwertend.

»Autsch.« Jensen wusste um die Allüren der meisten CIA-Agenten: Sie waren absolut penibel und ließen kaum ein Widerwort bei ihren Ermittlungen zu.

»Oh, sie hatte durchaus gewisse Reize.«

»Sie hat dich aber nicht rangelassen«, stellte Jensen amüsiert fest.

Ray nahm einen Schluck Bier und schüttelte den Kopf. »Vegas hätte so gut werden können.«

Jensen schüttelte lachend den Kopf.

»Ich brauche dringend Urlaub«, seufzte Ray.

»Da bist du nicht der Einzige.« Es kam ihm vor, als läge sein letzter Urlaub Jahrzehnte zurück. Nur noch vage erinnerte er sich an Maui und daran, wie ihn diese feurige Hawaiianerin so richtig gut massiert hatte. Oh ja, er war in der Tat urlaubsreif.

»Am besten in weiblicher Gesellschaft.« Ray grinste.

»Du nimmst mir die Worte aus dem Mund.« Gegen die Gesellschaft einer Frau hätte Jensen ganz und gar nichts einzuwenden. Ein paar entspannende Stunden unter den gierigen Lippen einer Frau täten ihm mehr als nur gut.

 Es sollte leider nicht sein. Jensen wollte sich trotzdem nicht über den heutigen Abend beschweren. Nicht nach all den Strapazen der letzten Wochen – obwohl ihm die willige Verwöhnung einer Dame gutgetan hätte …

Jensen liebte Frauen. Gegen guten Sex hatte er absolut keine Einwände. Für einen kleinen Zeitvertreib war er immer zu haben, solange es bei diesem blieb – was für ihn eine Selbstverständlichkeit war, denn er ließ sich nie auf etwas Längerfristiges ein, das stellte er vorher klar. Er bevorzugte es, sich nur einmal auf ein und dieselbe Frau einzulassen und keine emotionalen Bindungen einzugehen. Gefühle brachten nur unnötige Schwierigkeiten, und auf diese konnte er gut und gerne verzichten.

Doch es war nicht nur des Jobs wegen, warum Jensen keine Beziehung mit einer Frau eingehen wollte. Er hatte seine Gründe, weshalb er es nur bei Sex beließ. Aber über diese wollte er an dem heutigen Abend weder nachdenken noch daran erinnert werden. Seine Aufmerksamkeit galt ab jetzt einzig und allein dem Eishockeyspiel, das vor ihm über den Bildschirm flackerte.

Leider hatte Jensen sich zu früh gefreut, denn keine drei Minuten später flog vor seinen Augen weder der Puck über das Eis, noch hielt er sein Bier in der Hand. Stattdessen fand er sich mit Ray sowie den anderen Jungs vom Team, Shane Garrison, JD (Jay-Dee) Weise und Mark Thundercrow, in Reeves Büro wieder, der sie zuvor per SMS für ein Meeting einbestellt hatte.

»Danke, dass ihr gekommen seid«, sagte Reeves.

General George James Reeves, ein älterer, grauhaariger Mann, der die typische Militäruniform trug, lief um den großen Mahagonischreibtisch herum und nahm ihnen gegenüber in einem blauen Ledersessel Platz. Hinter ihm an der Wand prangten die vielen verdienten Auszeichnungen geleisteter Operationen sowie das Bild des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. »Schenkt mir einen kurzen Moment eure Aufmerksamkeit, danach könnt ihr euch weiter dem Spiel widmen«, sagte er.

Richtig, denn eigentlich hatte sich Jensen auf einen ruhigen Abend ohne Unterbrechung eingestellt. Jetzt jedoch galt seine Aufmerksamkeit erst einmal dem General, der im nächsten Augenblick ernst wurde.

Aus seiner Schreibtischschublade zog der General fünf Akten hervor und blickte kurz darauf. »Jensen, Shane und JD.«

Jensen stand auf und bekam seine Mappe in die Hand gedrückt.

»Ray, Mark.« Der General händigte ihnen ebenfalls eine Akte aus.

Jensen warf einen kurzen Blick auf das Cover und als er den Codenamen las, fing er abrupt an zu lachen. »Operation Rock’n Roll? Das soll wohl ein schlechter Scherz sein.«

»Absolut nicht, denn so lautet der nächste Einsatz bei dem du, Jensen, der Ansprechpartner und Leader bist. Ray und Mark.« Der General sah zu den beiden. »Ihr zwei werdet vorerst nicht direkt in diesen Fall involviert sein, trotzdem erwarte ich eure ständige Einsatzbereitschaft. Ich werde diesbezüglich später noch einmal Rücksprache mit euch halten. Solange könnt ihr schon mal einen Blick in die Akten werfen. Ihr dürft wegtreten«, sagte er zu den beiden Männern.

»Das Eis scheint erneut unter deinen Füßen zu schmelzen, McNamera«, lachte Ray. «Spürst du schon, wie die Hitze dich einholt?«

»Äußerst witzig, McKay. Warts nur ab, das nächste Mal wirds dich treffen«, antwortete Jensen und erntete einen warnenden Blick des Generals, ehe er den Kopf wieder in die Akte steckte.

»Und um was geht es dabei? Ist Elvis etwa noch am Leben?«, lachte Jensen.

Er öffnete den Folder der Mappe und las sich die ersten Zeilen durch. Kopfschüttelnd klappte er sie daraufhin wieder zu.

»Das ist absolut lächerlich. Ich soll Kindermädchen spielen für so eine tätowierte Rock-Göre, die nichts Besseres zu tun hat, als sich mit ihren Kollegen alle möglichen Drogen reinzuziehen?«, fragte er ungläubig.

Nicht, dass Jensen Vorurteile gegen Tätowierungen hatte. Er besaß ebenfalls eine, allerdings aus einem ganz bestimmten Grund.

»Für einen solchen Einsatz gibt die Regierung Geld aus? Unfassbar.«

»Es ist nicht irgendein Auftrag«, entgegnete Reeves.

»Ach nein?«, empörte sich Jensen. Er konnte es nicht glauben. Er musste Kindermädchen spielen, und das ausgerechnet bei – er sah kurz auf das Deckplatt der Mappe …

 »Wer zum Henker ist Eve Ross?«

»Du darfst Eve Ross vierundzwanzig Stunden Händchen halten? Ich fass es nicht!« Shane schüttelte ungläubig den Kopf. »Warum hat dieser Mistkerl immer solch ein Glück mit seinen Aufträgen?«

»Die Braut ist heiß, Mann«, bemerkte JD.

»Absolut!«

»Wen interessiert das?«, fragte Jensen, denn er hatte wichtigere Dinge zu tun, als sich Gedanken darüber zu machen, welche Gefühlsregungen diese Frau bei seinen Kollegen auslöste.

»Da ist jemand ganz und gar nicht begeistert von seinem Auftrag«, stellte JD fest und stieß Shane mit dem Ellenbogen in die Seite.

»Wäre es euch dreien vielleicht möglich, mir einen kurzen Moment die Aufmerksamkeit eures testosteronüberfüllten Gehirns zu schenken, damit ich mit dem Briefing fortfahren kann?«, unterbrach Reeves sie.

»Sicher.« Shane und JD wurden mucksmäuschenstill.

»Danke.« General Reeves’ Blick traf Jensens. »Ms. Ross gehört zu einer sehr berühmten Rockband namens Rock’n Roses, die bereits mehrere erfolgreiche Alben veröffentlicht hat.«

Und wenn schon. Jensen interessierte es nicht, wie erfolgreich sie mit ihrer Band war. Fassungslos nahm er den Folder und blätterte eine Seite weiter. Der Personenbeschreibung zufolge war Eve Ross dreißig Jahre alt, geboren in Vancouver, Kanada. Ihre Mutter war US-Amerikanerin, ihr Vater Kanadier. Dementsprechend besaß sie die doppelte Staatsbürgerschaft und lebte derzeit in den USA.

Jensen las weiter: Als sie sechzehn war, waren beide Elternteile bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, und sie hatte keine weiteren Verwandten. Gegen sie liefen keine Verfahren, und sie hatte keine Vorstrafen. Das hieß allerdings noch lange nichts, denn seiner Meinung nach nahmen im Musikgeschäft alle Drogen.

»Na prima.« Jensens Begeisterung hielt sich in Grenzen. Zwar war er schon des Öfteren zum Schutz hoher Regierungsbeamter abkommandiert worden, doch dabei hatte er im Auftrag der Vereinigten Staaten gearbeitet. Wo in diesem Fall allerdings eine Gefahr für die Regierung bestand, war ihm schleierhaft.

»Was hat diese Sache überhaupt mit uns zu tun? Gibt es nicht Firmen, die Personenschutz für Prominente anbieten?«, fragte er.

Er konnte sich nicht daran erinnern, dass der General Bodyguards für Musiker zur Verfügung stellte. Das lag absolut nicht in ihrem Aufgabengebiet, denn Alpha Unit verfolgte Terroristen, die die Vereinigten Staaten bedrohten. Sie waren eine streng geheime Organisation. General Reeves, ein hoch dekorierter Sterne-General, bildete den Kopf dieser Einheit. Dieser entschied anhand zugetragener Informationen eines vertraulichen Auftraggebers, ob er sein Team mit einem Fall beauftragte. Sie waren auf Anti-Terror spezialisiert und nicht auf irgendwelche Kleinigkeiten.

»Dieser Auftrag bezieht sich nicht direkt auf den Personenschutz von Ms. Ross. Der Hintergrund ist ein anderer, sehr wichtiger Punkt, der eine dringende Aufklärung erfordert.«

Welcher da wäre? Jensen zog skeptisch die Augenbraue hoch.

»Wir haben Grund zu der Annahme, dass die Band in irgendeine Art von Drogengeschäft verwickelt ist.«

Drogen. Wenn Jensen nur dieses Wort hörte, stieg heiße Wut in ihm hoch. Die Risiken des Drogenkonsums waren hinreichend bekannt, doch er brachte noch viel weitreichendere, oftmals ungeahnte Folgen mit sich. Angefangen von der Gefahr für den Konsumenten selbst, bis hin zu den kriminellen Machenschaften der Drogendealer und Kartelle.

Selbst in Jensens Leben hatten diese Auswirkungen ihre Spuren hinterlassen. Er erinnerte sich genau an den Tag, als er noch für die DEA tätig gewesen war und den schrecklichsten Augenblick seines Lebens durchstehen musste. Zu wissen, dass er die Schuld daran trug, hatte sein Leben verändert. Doch seine Schuldgefühle hatten mit diesem Fall nichts zu tun, und somit unterdrückte er seine aufkommende Wut. Sein Interesse durfte nur seinem Auftrag gelten, obwohl dieser in ihm mehr als nur Zweifel weckte.

»Meines Erachtens ist das alles reine Zeitverschwendung. Liegen die Fakten nicht auf der Hand?«, fragte er.

»All deinen Zweifeln und Vorurteilen zum Trotz, Jensen – und ich weiß, dass du sie hast – auf diesen Fall treffen sie jedoch nicht ganz zu«, stellte Reeves klar.

»Da wäre ich mir nicht so sicher.« entgegnete Jensen, denn mit seinen fünfunddreißig Jahren hatte er schon viel erlebt. Seiner Meinung nach war die Sache eindeutig.

»Aus den Medien ist doch bekannt, dass die Band Probleme mit Drogen hat. Warum ist die DEA nicht dafür zuständig?«, fragte er verwundert.

 »Das hätte ich längst erörtert, wenn du mich nicht unterbrochen hättest.« General Reeves war sichtlich genervt.

»Sorry.«

Jensen legte die Stirn in Falten. Warum musste ausgerechnet er auf Ms. Drugrose aufpassen? Jensen dachte, das wäre ein netter Name für die Dame, und grinste in sich hinein.

»Das Bandmanagement hat sich bezüglich des Drogenproblems schon vor geraumer Zeit Hilfe suchend an die Polizei gewendet, da das Image der Band unter diesen Verwicklungen enorm leidet«, klärte ihn Reeves auf.

»Wen wunderts«, murmelte Jensen.

»Die Polizei hat daraufhin den Fall an die DEA weitergeleitet. Diese hatte die Band zuvor schon mehrere Male unter die Lupe genommen«, stellte Reeves weiter klar.

»Ohne großen Erfolg«, bemerkte Jensen.

Reeves nickte. »Aus diesem Grund ist mein Auftraggeber an mich herangetreten. Wir vermuten, dass das Geld aus den Drogengeschäften, die im direkten Umfeld der Band stattfinden, höchstwahrscheinlich in terroristische Drogenkartelle fließt. Und somit fällt es in unser Aufgabengebiet.«

Kritisch zog Jensen die Augenbraue hoch. »Ist das erwiesen?«

»Nein, erwiesen ist es nicht, aber bestimmte Indizien sprechen dafür.« Reeves schüttelte den Kopf. »Im Moment können wir nur spekulieren. Fakt ist allerdings, dass im direkten Umfeld der Band mit Drogen gedealt wird, ebenso verschwinden größere Geldbeträge von Ms. Ross’ Konto.«

»Weiß man, wohin das Geld fließt?«, fragte Jensen.

»Nein. Aus diesem Grund kommt ihr ins Spiel. Findet heraus, was die Band damit zu tun hat, wohin das Geld verschwindet und wer möglicherweise noch dahinterstecken könnte.«

»Viele Anhaltspunkte stehen uns ja nicht zur Verfügung«, bemängelte Jensen.

»Leider nicht. Eve Ross und ihre Band sind unsere einzige Spur. Daher werdet ihr mit ihnen getrennt in Kontakt treten.« Reeves wandte sich Jensen zu. »Und da das Tour-Management einen neuen Bodyguard für Ms. Ross suchte, war es ein Leichtes, dich einzuschmuggeln, sodass du Eve Ross und ihr direktes Umfeld beobachten kannst. Du wirst dein Hauptaugenmerk auf sie richten. Lass sie nicht aus den Augen. Beschatte sie. Kontrolliere ihre Sachen. Du kennst das Spiel. Da du bereits für die DEA gearbeitet hast, weißt du, auf was du achten musst.«

»Geht klar.«

»Als Tontechniker werden JD und Shane die beiden anderen Bandmitglieder im Auge behalten. Wie gesagt, Eve Ross und die Band sind unsere einzige Spur. Tragt so viele Informationen wie möglich zusammen, und lasst mich sofort wissen, wenn es Auffälligkeiten gibt.«

»Verstanden.«

»Es ist alles arrangiert. Die Band residiert derzeit in einem Ferienresort in den Wäldern Virginias, um die letzten Vorbereitungen für ihre bevorstehende Tournee zu treffen.« Reeves zog drei weitere Umschläge aus seiner Schublade und verteilte sie. »Hier sind eure Flugtickets.«

Reeves Blick traf Jensens. »Morgen früh wirst du dich auf den Weg nach Charleston, West Virginia, begeben und in dem Resort in der Nähe von Pembroke auf Ms. Ross und ihre Band treffen. Shane und JD werden später folgen.«

Jensen nickte.

»Ihr kennt eure Aufgaben, weitere Informationen entnehmt ihr der Mappe. Alles andere macht ihr untereinander aus.«

»Verstanden.« Jensen legte das Ticket in die Mappe.

»Gibt es noch Fragen?«

»Nein.« Die Männer schüttelten den Kopf.

»Gut. Dann wars das. Ich erwarte hundertprozentige Einsatzbereitschaft.«

Shane und JD verließen derweil das Büro, während Jensen sitzen blieb und zweifelnd auf die Mappe in seiner Hand starrte. Warum gerade er von General Reeves für diesen Auftrag ausgewählt worden war, war ihm schleierhaft. Er holte tief Luft und sah den General zweifelnd an.

»Bist du dir sicher, dass ich der Richtige für diesen Auftrag bin?«

»Meiner Meinung nach gibt es für diese Aufgabe keinen besseren Mann als dich, Jensen.« Obwohl der General um Jensens Vergangenheit wusste, ließ er in seinen Worten keinen Zweifel aufkommen. Ebensowenig ließ er diesbezüglich eine Diskussion zu, denn der Auftrag stand fest.

Aufmunternd klopfte der General ihm auf die Schulter, dann stand Jensen auf und verließ ebenfalls das Büro.

 

Shane und JD standen noch im Flur und sahen auf, als er aus der Tür trat. Stumm blickten sie ihm nach, als er wortlos an ihnen vorbei und zum Aufzug ging. Die Fahrstuhltüren öffneten sich auf Knopfdruck. Jensen stieg ein, fuhr nach oben und lief über den Flur zu seinem Zimmer. Mit einem lauten Knall schlug er die Tür ins Schloss und warf die Mappe auf sein Bett. Aus einem Minikühlschrank in der Ecke nahm er eine Dose Cola, stellte sich ans Fenster, trank einen Schluck und sah hinaus.

Mehrere Male atmete er tief durch. Er spürte, wie dieser Auftrag ihm bereits jetzt Kopfschmerzen bereitete und ein dumpfer Druck seine Stirn hinaufzog. Er hatte einfach kein gutes Gefühl bei der Sache und wurde von einer Vorahnung beschlichen, dass ihn diese Operation bis an seine Grenzen treiben würde.

Immer wieder glitt sein Blick zu der Mappe, die auf seinem Bett lag. Die Überschrift des Codenamens stach in seine Augen, und mit den geschwärzten Buchstaben brachen die dunklen Schatten seiner Vergangenheit über Jensen ein. Krampfhaft presste er seine Augen zusammen und versuchte, das vor ihm aufkeimende Bild zu unterdrücken. Doch dieses Mal gelang es ihm nicht, und die Erinnerungen, die damit verbunden waren, brachen endgültig hervor. Das Wissen um seinen damaligen Fehler und der innerliche Terror, den diese Erinnerungen mit sich brachten, wuchsen in ihm ins Unermessliche. Wütend biss er die Zähne aufeinander und ballte die Hände zu Fäusten. Jensen wollte aufschreien, tat es jedoch nicht.

Er trank den Rest seiner Cola, dann setzte er sich auf das Bett und fasste nach der Mappe, um sich die genauen Details durchzulesen. Er mochte derartige Aufträge überhaupt nicht. Der Codename warnte ihn geradezu vor den aufkommenden Problemen, die in diesem Fall zu stecken schienen. Er hasste es, für diese Rock-Göre Kindermädchen zu spielen. Und er hasste Rockmusik.

Doch all den Umständen und seinem warnenden Instinkt zum Trotz würde er diesen Auftrag erledigen, denn er hatte bereits Schlimmeres hinter sich bringen müssen als das hier. Viel Schlimmeres, da würde das hier nur ein Spaziergang werden.

Wie zu erwarten, in der Akte stand nicht viel an Informationen, aus denen Jensen einen Nutzen ziehen konnte, was zur Folge hatte, dass er sich um die meisten persönlich kümmern musste. Es blieb nur zu hoffen, dass ihm diese Rock-Göre nicht noch sonstigen Ärger bereiten würde. Leider hatte Jensen seine Zweifel, was das betraf.

 

 

Kapitel 2

 

 

Treffpunkt war ein Ferien-Resort in der Nähe von Charleston, in den Appalachen West Virginias, wo die Band ein Ferienhaus angemietet hatte. Nachdem Jensen dort angekommen war und an der Rezeption eingecheckt hatte, wollte er keine unnötige Zeit mehr vergehen lassen und begab sich auf direktem Weg zum Haus der Band. Er wurde offenbar bereits erwartet, denn als er kräftig gegen die Tür klopfte, wurde diese Sekunden später bereits geöffnet.

Ihm gegenüber stand ein großer, dunkelhaariger Mann, mit schwarzer Lederhose und schwarzem T-Shirt bekleidet, und streckte ihm seine übermäßig tätowierte Hand entgegen.

»Jensen McNamera?«, fragte der Mann.

»Yep.«

»Taylor Savaghe. Ich bin Eves Gitarrist. Und das ist Chris Teller, unser Schlagzeuger.« Er deutete auf den blonden Mann hinter sich, der Jensen kurz zunickte und sich in einen der Sessel fallen ließ, die in dem großen Wohn-Eingangsbereich verteilt standen.

»Freut mich.« Jensen schüttelte Taylors Hand.

 »Komm rein, und stell deine Sachen einfach in die Ecke. Möchtest du etwas trinken? Eine Cola vielleicht?«

»Nein, vielen Dank. Mir wäre es recht, wenn ich zuerst die Details meiner Aufgaben mit Ms. Ross besprechen könnte.«

Im ersten Moment wurde Jensen von seinem Gegenüber argwöhnisch gemustert, doch dann zuckte Taylor lässig die Schultern. »Okay, kein Problem.«

Jensen stellte seinen Rucksack in die Ecke, dann sah er auf, und sein Blick fiel auf die Frau, die aus der angrenzenden Küche trat und direkt auf ihn zukam.

 »Ah, Mr. McNamera, wie ich sehe, nehmen Sie Ihre Arbeit sehr ernst. Dann ist es in der Tat umso vorteilhafter, wenn wir gleich zur Sache kommen.«

 Ihr schnippischer Tonfall entging ihm nicht, ebenso wenig wie ihr wütender Blick, mit dem sie ihn von Kopf bis Fuß bedachte. Ihre erste Reaktion auf seine Anwesenheit ließ Jensen bereits erahnen, dass sich ein Zusammenarbeiten mit ihr mehr als nur schwierig gestalten würde.

»Darf ich vorstellen: unsere Bassistin und Frontfrau Eve Ross«, hörte er Taylor neben sich sagen, obwohl Jensen sich das bereits gedacht hatte. Jensen nickte. Trotzdem konnte er es sich nicht nehmen lassen, Eve zu mustern, und ließ seinen Blick über ihren mindestens 1,80 m langen Körper gleiten, der sich in diesem Moment ziemlich bedrohlich vor ihm aufbaute. Jensen selbst war ebenfalls nicht klein, und mit einer Körpergröße von knapp zwei Metern konnte er Eve problemlos über den Kopf sehen. Doch er bemerkte, dass er in der Tat bedroht wurde. Ihr Anblick brachte ihn völlig aus der Fassung, denn sie sah nicht so aus, wie er es ursprünglich erwartet hatte.

Nein, mit einer solch überraschenden Attraktivität hatte er wirklich nicht gerechnet, und er musste voller Erstaunen zugeben, dass ihm gefiel, was er sah. Allem voran ihre braunen Augen, die ihn voller Misstrauen und Angriffslust musterten. Ihre dunklen Haare, die schimmernd lang ihren Rücken bis zu ihren Hüften herunterfielen. Ihm gefielen ihre Beine, die in diesem blauen, kurzen Cocktailkleid einfach endlos lang zur Geltung kamen. Zur Hölle, ihm gefiel selbst dieses verdammte Kleid, denn es schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihren schlanken Körper. Es betonte ihre weiblichen Kurven sehr vorteilhaft und ließ Jensen erahnen, wie geschmeidig sie sein musste. Ihre Haut schimmerte hell, und Jensen konnte auf den ersten Blick feststellen, dass sie keine Tätowierungen besaß. Ebenso hatte sie keine Piercings oder Dreadlocks. Das Einzige, das an ihr wenn überhaupt auffällig war, war der schwarze Nagellack auf ihren Fingernägeln. Und die Farbe passte zu ihr.

Jensen hatte mit einer abgebrühten Rock-Göre gerechnet, die völlig stoned in der Ecke des Zimmers rumlungerte und deren Augenringe derart dunkel waren, dass man überhaupt keinen Drogentest mehr durchführen musste, da man aus mehr als hundert Metern Entfernung bereits sehen konnte, dass sie komplett high war. Doch der anmutige Anblick dieser Frau, für die er Kindermädchen spielen sollte, überraschte ihn völlig.

Alles nur Fassade. Er ging davon aus, dass bei Eve Ross mehr Schein als Sein im Spiel war.

Seine Pupillen verengten sich und scannten abermals ihren Körper, um jedes einzelne Detail an ihr wahrzunehmen. Der attraktive Anblick dieser Frau hinterließ in ihm eindeutig seine Wirkung. Es versetzte ihn in einen unerklärlichen Zustand aus Schock, Begierde und Lust und sendete ihm ziemlich deutliche Signale zwischen seine Beine.

Diese Frau ist die pure Sünde, schoss es Jensen durch den Kopf, und er spürte sofort, dass sie ihm gefährlich werden konnte. Sein Instinkt warnte ihn vor ihr.

Ihre rauchige Stimme holte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück, und er realisierte, worauf er sich konzentrieren musste. Nein, auf was er sich besser konzentrieren sollte, und das war sein Auftrag.

»Bemühen Sie sich gar nicht erst, Ihre Sachen auszupacken, denn meines Erachtens ist Ihre Anwesenheit hier im Resort absolut unnötig. Ich benötige keinen Aufpasser, der mir auf diesem Gelände vierundzwanzig Stunden am Tag auf Schritt und Tritt folgt. Es reicht vollkommen aus, wenn Sie mich nur zu meinen öffentlichen Terminen begleiten. Ich werde Ihnen die Daten rechtzeitig zukommen lassen«, giftete Eve.

»Eve, bitte, er ist zu deinem Schutz hier«, versuchte Taylor sie zu beruhigen. Sie schüttelte den Kopf und warf ihrem Bandkollegen einen wütenden Blick zu.

»Nein, Taylor. Ich kann niemanden in meiner Nähe brauchen, der mich beim Arbeiten stört, und das würde er schon allein durch seine Anwesenheit tun! Darauf kann ich gut und gerne verzichten.« Dann sah Eve zu Jensen. »Sie haben gehört, was ich gesagt habe. Sie werden hier nicht gebraucht. Sie können also getrost Ihr Rucksäckchen in die Hand nehmen und von hier verschwinden. Auf Wiedersehen.« Mit diesen Worten drehte Eve sich um und ließ die beiden Männer stehen, als sie in ihrem Zimmer verschwand.

 Das fing ja schon mal gut an, genau, wie er es befürchtet hatte. Wenn es nach ihm ginge, würde er ihr Angebot ohne mit der Wimper zu zucken annehmen – was leider unmöglich war, denn der Auftrag stand und den musste er ausführen, ob es ihm passte oder nicht. Wenn hier tatsächlich durch Drogengelder Terroristen bezahlt wurden, dann würde er alles tun, um herauszufinden, wer dahintersteckte. Jensen würde jeder Spur nachgehen, die sich ergab, auch wenn er dabei buchstäblich durch die Hölle gehen musste.

Taylor kratzte sich seinen Nacken. »Sorry, tut mir leid, aber ihre Nerven liegen im Augenblick etwas blank.«

»Weshalb denn?« Neugierig sah Jensen zu Taylor, der mit einem Mal sichtlich nervös wurde.

»Keine Ahnung.« Taylor zuckte mit den Schultern und wich Jensens Blick aus. »Muss wohl eine Frauensache sein.«

Frauensache? Dass ich nicht lache. Diese Antwort glaubte Jensen nun wirklich nicht. Er konnte sehen, dass er es nicht leicht haben würde, Antworten auf all seine Fragen zu bekommen. Ihm war klar, dass die Band wie Pech und Schwefel zusammenhielt. Es würde sich nicht so einfach gestalten, diesen Zusammenhalt zu durchbrechen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Aus diesem Grund musste er sich dringend etwas einfallen lassen. Am besten begann Jensen damit, das Resort auszukundschaften und sich an Eves Fersen zu heften, um erste Informationen zusammenzutragen, denn er benötigte als Erstes einen Gesamtüberblick über die Situation. Außerdem musste er mit Eve ein Gespräch unter vier Augen führen. Aber wie er gerade hatte feststellen können, gestaltete sich das noch komplizierter, als er es bereits befürchtet hatte.

Oh, wie Jensen seinen Job liebte.

 

Eve war wütend. Besser gesagt, sie war stinksauer. Was fiel dem Management ein, ihr einen neuen Aufpasser hierher ins Resort zu schicken? Hatte sie sich nicht klar und deutlich ausgedrückt, dass dies nicht nötig wäre? Hätte es nicht ausgereicht, McNamera nur für die Konzerte und die Medienauftritte zu engagieren, anstatt ihn ihr rund um die Uhr zur Seite zu stellen?

Sie war bestens imstande, auf sich selbst aufzupassen, und hier im Resort würde ihr schon nichts zustoßen.

Aber der Brief, schlich es sich in ihre Gedanken. Dieser geschmacklose Brief, der diese missliche Situation noch schlimmer machte.

Trotzdem konnte sie keinen Babysitter an ihrer Seite gebrauchen, der immer und überall bei ihr war, ja wahrscheinlich auch noch anfing, in ihren Angelegenheiten rumzuschnüffeln. Natürlich war dies sein Job, doch sie konnte es sich nicht leisten, abgelenkt zu werden. Jeder, der ihre Aufmerksamkeit von der Musik ablenkte, sollte ihr gestohlen bleiben. Erst recht Jensen McNamera, den sie ganz und gar nicht in ihrer Nähe wissen wollte.

Schon ein Blick auf ihn hatte genügt und Eve wusste, dass er ihr nichts als Ärger bereiten würde. Worauf sie mehr als nur verzichten konnte.

 Ihr war aufgefallen, wie seine blaugrauen Augen sie eindeutig gemustert hatten. Sie strahlten dieselbe männliche Härte aus wie der Rest seines Körpers, dessen Aussehen ihr ebenfalls nicht entgangen war. Seine breiten Schultern und die durchtrainierten Muskeln seines Oberkörpers, die bei jeder Bewegung unter seinem schwarzen Shirt vor Maskulinität gezuckt hatten. Seine Statur war beachtlich, das musste sie ihm lassen. Sie schätzte, dass er ein Frauenmagnet schlechthin war. Er musste garantiert nur mit dem Finger schnippen und ihm hingen die Frauen scharenweise am Hals. Seine Finger, die so männlich, kraftvoll und doch so feminin aussahen – sicherlich wusste er nur zu gut, wie er eine Frau richtig berühren musste.

Eve seufzte. Die Vorstellung, was seine Hände mit ihr, nein, mit einer Frau alles anstellen würden, löste ein erotisch heißes Prickeln in ihrem Körper aus, das sich direkt in ihrem Schoß ausbreitete.

Nicht, dass Eve irgendein Interesse an ihm gehabt hätte, nein. Die Beziehung zu einem Mann, selbst wenn diese rein sexuell wäre, war ein Tabu für sie, auch wenn sie damit auf die schönste Nebensache der Welt verzichten musste. Aber ihre Karriere war ihr eindeutig wichtiger, und diese würde sie nicht für ihre Lust oder einen heißen Flirt aufs Spiel setzen. Niemand würde ihr das geben können, was sie sich mit der Band vor Jahren aufgebaut hatte. Aus diesem Grund erlaubte sie es sich nicht, über die sehnsuchtsvollen Lüste nachzudenken, die Jensens Anblick zwischen ihren Schenkeln ausgelöst hatte, auch wenn sie den pulsierenden Hunger nach Berührung noch so sehr spürte.

Eve schloss die Augen und versuchte, das verlangende Pulsieren zwischen ihren Beinen zu unterdrücken, doch je mehr sie es versuchte, desto intensiver wurde es. Ihre Lippen öffneten sich, und ihrer Kehle entfloh ein seufzender Klagelaut, der all ihre Sehnsüchte verriet. Eve wusste, dass diese Sehnsüchte falsch waren, und sie wollte sie nicht fühlen.

Sie verstand die Welt nicht mehr. Wieso reagierte sie plötzlich mit Lust auf die Anwesenheit eines Mannes? Besser gesagt, auf die Anwesenheit dieses Mannes. Er war noch nicht einmal eine Stunde hier, und schon fingen ihre Hormone an verrückt zu spielen.

Jensen McNamera strotzte nur so vor attraktiver Männlichkeit. Sein Anblick machte es ihr schwer, einen klaren Kopf zu bewahren. Doch nicht nur das. Viel schlimmer war, dass seine Anwesenheit sie dazu noch verunsicherte. Das war ganz und gar nicht gut. Es war das Letzte, das Eve in diesem Moment gebrauchen konnte. Sie musste sich dringend ablenken, um wieder klare Gedanken fassen zu können. Und um diese sehnsüchtigen Gefühle zu verbannen, die sich in ihren Körper geschlichen hatten.

Hastig zog sich Eve eine beige Wollstrickjacke über, dann nahm sie ihre Akustikgitarre aus dem Gitarrenkoffer und trat auf den Holzbalkon, der die gesamte Front des Ferienhauses umfasste. Sie setzte sich in den Schaukelstuhl, und ließ den Blick über die bewaldeten Berge gleiten. Erfrischend kühle Waldluft wehte in ihr Gesicht, und sie atmete sie tief ein. Spielerisch langsam berührten ihre Finger die Saiten der Gitarre. Das Gefühl, wie sich das Holz an ihrem Körper anfühlte, zusammen mit den leisen, klangvollen Tönen, die das Instrument freigab, schenkte ihr in diesem Moment die Sicherheit, die sie so dringend benötigte. Musik war für sie schon früh eine sehr wichtige Konstante geworden. Seit Jahren war es das Einzige, auf das sie sich hundertprozentig verlassen konnte. Mit Genuss und in voller Konzentration erweckte Eve diese treue Begleiterin an ihrer Seite mit einer Melodie erneut zum Leben.

 

Eves Vertrauen zu gewinnen, war Jensens oberste Priorität. Durch ihre abweisende Reaktion auf seine Anwesenheit hatte sie ihm allerdings unmissverständlich zu verstehen gegeben, wie sie über ihn dachte. Sein Instinkt sagte ihm, dass mehr hinter ihrer kühlen Fassade stecken musste, als es den Anschein hatte. Doch es würde nicht einfach werden, Eves aufgebaute Mauern zu durchbrechen. Ihre Bandkollegen machten es ihm nicht weniger schwer. Während seines kurzen Gespräches mit Taylor war es Jensen nicht entgangen, dass auch er nur wenig preisgab. Natürlich waren sie ihm gegenüber misstrauisch, was nur verständlich war. Er war der Neue, was für ihn die Sache leider erschwerte. Daher war es absolut erforderlich, dass Jensen bei seinen Ermittlungen so wenig Aufmerksamkeit wie möglich erregte. Ebenfalls war es unverzichtbar, dass er das Vertrauen von allen aus der Band gewann, denn wenn Eves Bandkollegen realisierten, dass von ihm keine Gefahr ausging, würden sie hoffentlich in ihrer Wachsamkeit nachlassen, was ihm in Bezug auf Eve möglicherweise etwas weiterhalf.

Nachdem Jensen das Gepäck in seinem Zimmer verstaut hatte, kontrollierte er sein Mobiltelefon auf eingegangene Nachrichten und kontaktierte den General für einen ersten Eindruck der Lage.

»Reeves«, meldete sich der General.

»Jensen hier. Ich bin angekommen.«

»Sehr gut. Wie ist dein erster Eindruck von Ms. Ross und ihren Bandkollegen?«

»Na ja, was soll ich sagen, es gestaltet sich – wie erwartet – schwierig.«

»Wieso das?«

»Ms. Drugrose ist davon überzeugt, dass sie mich hier im Resort nicht benötigt. Ihre Reaktion auf mein Kommen ließ keinen Zweifel daran.«

Jensen konnte Reeves schmunzeln hören. »Ein solches Problem hast du zum Glück nicht zum ersten Mal vorgefunden. Du wirst es schon in den Griff bekommen.«

»Sicher. Aber mit ihr ist es komplizierter. Sie blockt von vornherein schon total ab, und auch ihre Bandkollegen scheinen über mein Auftauchen nicht sehr erfreut zu sein. Du kannst dir also vorstellen, dass sich diese Aufgabe nicht gerade als Spaziergang erweist. Selbst ein Blinder würde auf Anhieb sehen, dass sie mir nicht über den Weg trauen.«

»Möglicherweise haben sie etwas zu verbergen?«

»Kann sein. Mein Gefühl sagt mir, dass hier etwas faul ist.«

»Drogen?«

»Ich weiß es nicht. Bis jetzt ist mir noch nichts in diese Richtung aufgefallen. Ich arbeite daran, es herauszufinden, aber wie gesagt, es gestaltet sich schwieriger als erwartet.«

»In Ordnung. Shane und JD werden morgen eintreffen und dir hoffentlich etwas den Rücken freihalten.«

»Das war auch mein Gedanke.«

 »Sieh zu, dass ihr euch unauffällig miteinander in Verbindung setzen könnt.«

»Okay.«

»Wenn es zu unerwarteten Problemen kommen sollte, bitte ich darum, mich umgehend davon in Kenntnis zu setzen.«

»Geht klar.«

 Jensen beendete das Telefonat und fuhr sich mit den Händen erschöpft durch sein Gesicht.

Verdammt, musste es ausgerechnet so schwierig anfangen? Wieso konnte diese dämliche Rock-Göre nicht einfach kooperieren und es ihm damit leichter machen? Aber wenn die Beweise direkt vor ihm liegen würden, bräuchte Jensen auch nicht undercover zu arbeiten. Doch das taten sie nicht, und aus diesem Grund durfte er nichts außer Acht lassen. Zunächst einmal würde er die Gegebenheiten rund um das Resort in Augenschein nehmen und sich mit dem Gelände vertraut machen.

Jensen griff nach seiner Smith & Wesson, kontrollierte mit geübten Handgriffen das Magazin, steckte sie in seinen Hosenbund und zog ein schwarzes Langarmshirt drüber, um die Pistole zu kaschieren. Schließlich machte er sich auf den Weg.

 

Mit Bedacht glitt Eves Blick über die bewaldeten Hügel, deren Bäume allmählich eine herbstliche Färbung annahmen. In unbeschwerter Leichtigkeit berührten ihre Fingerspitzen noch immer die Saiten der Gitarre. Das vertraute Gefühl des Instruments an ihrem Körper und die Melodie, die sie umgab, betäubten langsam, aber sicher ihre Gedanken. Eve liebte die Musik. Sie schenkte ihre jedes Mal aufs Neue ein Gefühl von Freiheit und Leben. Die Faszination jedes einzelnen Tons fegte wie in einem sinnlichen Rausch über sie hinweg. Blind beherrschte sie jeden Griff und wusste, wie sie durch eine individuelle Technik die Töne noch gefühlvoller treffen konnte. Schnell fand sie einen klangvollen Rhythmus und ließ die daraus entstehende Melodie auf ihre Sinne wirken. Sie schloss die Augen und all ihre aufgestauten Empfindungen flossen in einem sanften Summen von ihren Lippen.

Ob in gefühlvollen Rock-Balladen oder in rauen Hardrock-Songs, bei denen sie die Saiten ihres E-Basses regelrecht tyrannisierte, Eves Emotionen nahmen fast immer Einfluss auf den Text ihrer Lieder. Sie entstanden aus Erinnerungen, die Eve nicht vergessen wollte, oder Gefühlen, die sie bewegten. Manchmal sang sie von Menschen, die sie im Laufe ihres Lebens lieben oder hassen gelernt hatte, deren Lebensgeschichte sie dennoch tief berührte und sie von Zeit zu Zeit heimsuchte. So wie in diesem Augenblick.

Tränen traten in ihre Augen, als der Schmerz der Erinnerung aus vergangenen Tagen den Weg in ihr Herz fand und ihre Stimme noch rauchiger werden ließ. Noch immer fühlte sie die Erinnerung an die Zeit, in der ihr die eigene Sicherheit auf bittere Weise genommen wurde und sie eine neue Stabilität in der Musik wiederfand.