001

001

Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 

VORWORT
Es war eine Überraschung, als ich gefragt wurde, ob ich etwas über meine Erfahrungen mit der Drogenszene schreiben würde. Vieles habe ich darüber bereits im Fernsehen und im Radio erzählt. Aber es ist ja schon eine besondere Ehre, wenn ein Verlag anfragt, ob man etwas schreiben möchte. Und als ich es mir genauer überlegte, sah ich ein solches Projekt als Chance, nicht nur die großen wundersamen und traurigen Geschichten wiederzugeben, sondern auch kleine alltägliche Einblicke in das Leben mit suchtbetroffenen Menschen zu geben. Außerdem ist es eine Möglichkeit, einige von ihnen selbst zu Wort kommen zu lassen, damit sie von ihren Erfahrungen berichten und ihre Suchtund Krisengeschichten verarbeiten können.
Zugleich schreibe ich dieses Buch aus Dankbarkeit gegenüber Gott und den vielen Menschen auf der Gasse, in der Kirche und in der Gesellschaft, denn diese Begegnungen waren entscheidend dafür, dass ich der bin, der ich heute bin. Kaum ein soziales Umfeld lässt den Glauben so reifen und wachsen wie die Menschen auf der Gasse. In der Kirche sind wir oft sehr höflich, so höflich, dass wir Wahrheiten häufig verschweigen, um nicht zu verletzen. Bei Vorträgen bin ich meist der große Referent auf der Kanzel, dem man nur schwer widersprechen kann oder will. Bei den meisten Gottesdiensten sind wir in unseren genau abgesteckten Rollen und auch mit den Brüdern lernt man ein Gleichgewicht von Nähe und Distanz zu finden, sodass man gut in seinem Lebenstrott voranschreiten kann. Ebenso ist es an vielen Arbeitsplätzen und in den Familien. Alles hat seinen Rhythmus, damit man sich im unsicheren Alltag doch relativ sicher bewegen kann. Eines ist gewiss: Wer mit Suchtbetroffenen auf der Gasse zu tun hat, der bekommt einen Spiegel vorgehalten, der das eigene Leben unverblümt zeigt.
Viele dieser Menschen sind an dem Punkt angekommen, an dem sie die höflichen und netten Verhaltensspiele der »normalen« Gesellschaft nicht mehr mitmachen müssen oder können. Natürlich gibt es auch auf der Gasse gewisse »Benimm-Regeln«. Aber viele haben schlichtweg nichts mehr zu verlieren und können so Dinge sagen oder veranstalten, die sonst undenkbar wären. Manchmal scheint es mir, als ob das Leben, ja Gott selber durch solche Menschen zu uns spricht, uns belehrt, korrigiert und weiter in die Wirklichkeit hineindrängt.
Hinter all diesen Geschichten, die ich aus meiner Erinnerung wiedergebe, sehe ich Heilsgeschichte, die Geschichte Gottes mit mir und den Mitarbeitern, mit den Suchtbetroffenen und auch mit der Kirche selbst. Diese Geschichten sind alle in sich abgeschlossen und trotzdem möchte ich den roten Faden der Heilsgeschichte durch alles hindurchleuchten lassen.
Die Zeit mit den Süchtigen ist immer wieder der traurige Marsch vom Berg Tabor hinab in den Alltag, hin zum gemeinsamen letzten Abendmahl, mit dem Kreuz der Sucht und der Konflikte hinauf zum Berg Golgota, wo Tod und Verzweiflung das letzte Wort zu haben scheinen. Aber letztlich leben wir Christen von der Auferstehung her und nur aus dieser Hoffnung heraus können wir immer wieder neu an die Tragik der Menschen mit Suchtgeschichten herangehen. Dabei ist der Pfingstgeist, der Heilige Geist oder eben der Geist des Trostes immer wieder ein wunderbarer Beistand und Paraklet (Anwalt).
Natürlich weiß ich inzwischen, dass wir auch »gut« ohne Gott oder das Göttliche leben können. Er hat diesen Planeten so wunderbar gemacht, dass wir auch ohne ihn leben können. Sei es ohne die personale Beziehung zu diesem Gott, der sich in Jesus in besonderer Weise offenbarte, oder zu diesem Göttlichen, ewig Seienden, dem wir kaum einen Namen geben können. Mir jedenfalls wurde der Glaube an eben diesen Jesus von Nazareth geschenkt und auch wenn ich ohne ihn leben könnte, ich möchte es nicht, da mit ihm die buntesten, schrägsten, spannendsten und auch traurigsten Geschichten in meinem Leben geschrieben wurden.
 
Bruder Benno-Maria Kehl

AUF DER SUCHE
Eine der besonders schönen und wertvollen Lebensgeschichten führte mich mit Roger Gartenmann zusammen. Ihn habe ich gebeten, etwas für das Buch zu schreiben.
 
Fälschlicherweise wird das Wort »Sucht« oft nur mit »Suchen« in Verbindung gebracht. Man ist auf der Suche, man vermisst, es wird versucht, es wird probiert. Die Deutung des sehr strapazierten Begriffes »Sucht« ist neudeutsch wohl korrekt, wenn aber Wortstamm und Wortherkunft analysiert werden, entdeckt man, dass der altdeutsche Begriff »Siechtum«, Krankheit, der Ursprung des heutigen Begriffes »Sucht« ist.
Verständnisvolle ereifern sich, dass das »Suchen« in der heutigen Zeit beinahe nicht möglich ist, ohne sich dem Rauschkonsum hinzugeben. Die Wahrheit? Verbietende Instanzen weisen in gleichem Eifer darauf hin, dass »Labilität«, Faulheit und Desinteresse an den wichtigen Dingen die primären Auslöser für den enormen Missbrauch von Rauschmitteln in unseren Breitengraden sind. Die Wahrheit? Kann es sein, dass das Verhältnis zu Drogen und deren Interpretation einem ähnlichen Nichtwissen unterliegt, wie es auch mit der Herkunft des Wortes »Sucht« geschieht?
Als Suchtmittelkonsument empfindet man den Weg vom Suchen bis zum Aufprall auf die Gefängnismauern oder die Gitterstäbe der Akutpsychiatrie oft als einen schnurgeraden und kurzen Weg. Das verlorene Zeitempfinden, das hämmernde 1000-fache Stakkato des sich wiederholenden »Ich brauche wieder etwas« hat bald das anfängliche Suchen in Form von »In sich kehren« – »Großes Denken« – »Sich anderem hingeben« abgelöst. Still hat diese Sucht der Sucht des »Siechtums« Platz gemacht. Die fehlende Einsicht der Suchtmittelkonsumenten, das Treiben der Abhängigkeit, das Hoffen auf das »große nächste Gefühl«, das sehr wohl in den ersten Phasen des Konsums auftaucht, sind denkbar ungünstige Voraussetzungen, um einen Wirklichkeitsbezug von außen her zum Rauschmittelkonsumenten zu vermitteln.
Für die Umwelt (Familie, Partner, Freunde, Behörden, Pflegeinstanzen) ist es nicht nachvollziehbar, dass vielfaches Warnen, Einreden und Verhaften nicht genügend wirksam sind, um den »Siechtum-Süchtigen« von seinem Verlangen abzubringen. Der Weg des Verlorengehens ist aus der Sicht der Umwelt, im Gegensatz zum Süchtigen, gespickt mit vielfach fürchterlichen Ereignissen; der Verursacher jedoch kann diese nicht nachvollziehen, da er ein völlig verschobenes Werteempfinden besitzt.
Wenn ich meinen Freundeskreis betrachte, sehe ich mannigfaltiges Verhalten, das der Sucht nahekommt oder diese bereits beinhaltet – sei es der abendliche Joint oder das wöchentliche Besäufnis in der nahe liegenden Bar. Dies sind eindrückliche und zugleich »laute« Hinweise darauf, dass »Sucht-Suchen« und »Sucht-Siechtum« einen schmalen Grat innerhalb unseres Verständnisses von Gut und Böse und Richtig und Falsch bilden.
Auf der Gasse wird mit »Sucht-Siechtum« Marktwirtschaft in Reinkultur, nämlich ohne Haken und Ösen, betrieben. Einerseits der Konsument, der alles tut und in Kauf nimmt, um das Produkt seiner Begierde zu bekommen, und andererseits der Anbieter, der alles tut, um sein Produkt zu einer maximalen Rentabilität dem Käufer anzubieten.
Traumhafte Margen. Kein Debitorenrisiko – Barzahlung garantiert! Der lästige Werbeetat muss nicht einer unberechenbaren Generalversammlung vorgelegt werden. Die Kundenstruktur ist nachhaltig und erneuert sich mit jeder Generation neu. Ein rechnerisch beinahe unerschöpfliches Kundenpotential. Unzählige Nennungen der Produkte in den Medien. Zahlreiche Berühmtheiten, die für diese Produkte werben in Form von Koks-Heroin-Alkohol-Tabletten-Rund-um-die-Uhr-Berichterstattungen – und das kostenlos.
Ich weiß, natürlich sind es nicht die Medien und auch nicht die Banken, die die Drogengelder verwahren; natürlich sind es nicht die Gemeinden oder die Schulen, die nicht mehr wissen, wie sie die Jugendlichen fördern können; natürlich sind es nicht die Eltern, die keine Zeit mehr für die Kinder haben; natürlich sind es nicht die Politiker, die entsprechende Gesetze erlassen oder es unterlassen, diese einzuführen; natürlich ist es nicht die Polizei, die mit zum Teil fragwürdigen Methoden versucht, Süchtige aus ihrem Einsatzradius zu verdrängen; natürlich ist es nicht die Wirtschaft, die immer mehr fordert; natürlich sind es nicht die zum Teil merkwürdigen Therapieangebote, die exorbitante Geldsummen der Krankenkassen und Gemeinden verschlingen; natürlich sind es nicht die Kirchen, die es nicht mehr schaffen, Jugendlichen das Evangelium nahezubringen.
Wie, niemand ist für den Umstand verantwortlich, dass jemand Rauschmittel konsumiert!? Der Antrieb, Neues und Schönes erleben zu wollen, Unbekanntes zu erforschen, auszuprobieren – wo wäre unsere Zivilisation ohne diese angeborenen Eigenschaften? Diese Eigenschaften führen im positiven Fall zu Entdeckungen und Entwicklungen, die unser Leben bereichern können, im negativen Fall geraten wir dabei unter Umständen in einen Strudel, der tödlich enden kann.
Regulierungen, Gesetze und fehlende Wertemaßstäbe stehen einer konsumwütigen Gesellschaft gegenüber, die sich durch materiellen Besitz auszeichnet. Schneller, größer, mehr – noch mehr – alles! Devisen, die das Menschsein auf ein Minimum reduzieren, da praktisch sämtliche Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, dafür aufgewendet werden müssen, Geld zu verdienen, um uns dann mit dem korrekten Konsumverhalten in der Gesellschaft positionieren zu können.
Gerät ein Jugendlicher aus dieser Konsumgesellschaft in ein Drogenumfeld, kann es geschehen, dass Drogen und Gleichgesinnte ihm auf einmal ein neues, bisher unbekanntes Gefühl vermitteln. Ein Gefühl der Wärme, der Geborgenheit, der Ruhe. So paradox und unverständlich dies für viele auch klingt – es entspricht der Wahrnehmung vieler Süchtiger und schließt meine Erfahrung mit ein.
Bruder Benno hat auf seinem Weg »Sucht-Siechtum« in tausendfacher Art und Weise erlebt. Einerseits erstaunt er mich immer wieder aufs Neue, wie er auf sehr pragmatische Art und Weise seinen süchtigen Mitmenschen begegnet, und andererseits ist es beeindruckend, wie er und sein Team mit den vielen Widrigkeiten mit dieser scheinbar hoffnungslosen Arbeit umgehen. Ich bin aus meiner Erfahrung heraus überzeugt, dass Glaube, Hoffnung, Liebe, Humor und eine Portion Ironie dafür sorgen, den Realitätsbezug im Umgang mit »Siechtum-Süchtigen« nicht zu verlieren. Bruder Benno zeigt, dass auch Schwerstabhängige, unabhängig von Verschulden und Schuld, betreut, versorgt und geliebt werden können.
 
Roger Gartenmann

1. WIE ALLES BEGANN

Spiritualität und Strenge

Nachdem ich mich entschieden hatte, Franziskaner zu werden, lebte ich die ersten drei Jahre völlig zurückgezogen im Kloster und hatte kaum Kontakt nach außen. Es war eine harte und zugleich schöne Zeit, mir war, als ob ich einen neuen Kontinent bereisen würde. Es war unglaublich, als ich die verschiedenen alten Schätze der Spiritualität, welche in der kirchlichen Tradition und besonders in den Traditionen der alten Orden liegen, zu entdecken begann.
Damals hatte ich die echte Gnade des Gebets: Ich konnte stunden, ja tagelang im Gebet verweilen und war überglücklich, als ich nach dem Noviziat zu Bruder Eugen in die Berge gehen durfte. Er bewohnte eine kleine Einsiedelei bei der Kapelle der Heiligen Maria vom Wiesenberg und war bekannt für seine asketische und eher konservative kirchliche Praxis.
In dieser Zeit konnte mir nichts hart genug sein, denn ich wollte Gott ganz und gar finden und ihm dienen. So gehörten die tägliche Messe, das Fasten, das Rosenkranzgebet, das Stundengebet, die Züchtigung des Leibes und die schlichte Hausarbeit zu meinem Alltag in der Einsiedelei. Als einmal meine Schwester zu Besuch kam und ich sie zur Begrüßung auf die Wangen küsste, verlangte Bruder Eugen, dass ich in Zukunft keiner Frau mehr so nahe kommen dürfte, auch nicht meiner Schwester. Zudem sollte ich alle Frauen siezen und so weiter, denn es sei besser für die Reinheit der Seele.
Es war die echte asketische Schule und ich dachte wirklich, dass ich Gott durch solche Übungen näherkommen kann. In den Büchern von den alten Mystikern las ich, dass es am wichtigsten ist, Dunkelheit und Leiden durchzustehen, und da ich von Natur aus auch eine etwas selbstquälende Seite habe, fielen mir die Übungen nicht einmal so schwer, denn es war wie Leistungssport, der nach großer Anstrengung ein befriedigendes, gutes Gefühl in einem hinterlässt. Viele Menschen, die als Asketen leben oder gelebt haben, sind jedoch stolz geworden und haben sich innerlich über andere erhoben und diejenigen verurteilt, welche nicht die asketischen oder moralischen Höchstleistungen bieten konnten. Immer wieder war es ein Kampf, in der Liebe zu bleiben oder wenigstens die Liebe nicht aus dem Blick zu verlieren, da Asketen meist etwas überhöhte Ideale haben und schnell einmal recht lieblos miteinander umgehen. Ihnen geht es um das »religiöse Leben« und weniger um einen konstruktiven, von Wohlwollen geprägten Umgang mit der konkreten Realität des Alltags.
So hatte ich manchmal Tränen in den Augen, weil ich das Zusammenleben in der Einsiedelei und die Botschaft der Liebe trotz aller Meditation und allen Betens oft nicht zusammenbrachte. In meinem Eifer habe ich viele Menschen, auch nahe Familienangehörige, ziemlich vor den Kopf gestoßen. Zum Beispiel verbot ich meinem Schwager im Namen des rechten Glaubens, die Eucharistie zu empfangen. Wenn man richtig hinschaut, habe ich vielleicht nichts wirklich Falsches gemacht, aber dahinter steckte die harte, lieblose Frömmigkeit, die auch in mir schlummerte und sich immer wieder zeigte. Im Großen und Ganzen jedoch war die zurückgezogene Zeit in der Einsiedelei eine Zeit des Segens und des Glücks. Vieles begann sich in meinem Geist zu weiten und zu vertiefen.
In dieser Zeit wurden mir auch verschiedene Texte in die Hände gelegt, von denen eine tiefe Spiritualität und Frömmigkeit ausging, welche in schlichten Worten die Beziehung und Liebe zu Gott umschrieb. Sie klingen bis heute in mir nach, was ich von der harten Askese nicht gerade behaupten kann, auch wenn es ab und zu guttut, etwas Entsagung zu pflegen. Die Texte waren eine große Inspiration für meinen Weg und ich wollte dies auch anderen weitergeben. So traf ich mich bald alle zwei Wochen mit einigen wenigen frommen Bergbauern, um gemeinsam zu singen, zu beten und miteinander über die Bibel und andere geistliche Texte zu sprechen. Die frommen, aber doch sehr bodenständigen Bergbauern taten mir gut und ihre kernige, ungespielte Frömmigkeit, die gesund in den Alltag eingebettet war, gefiel mir.
Von diesen geistlichen Texten ging für mich damals eine ungeheure Kraft, ja Macht aus. Diese Worte waren ein wichtiger Wegweiser hin zum Geheimnis des lebendigen Gottes. Jetzt, bald zwanzig Jahre später, nachdem ich durch so manche charismatischen, spirituellen und kirchlichen Strömungen gegangen bin, kann ich solche Texte achten, ohne sie überzubewerten.
Inzwischen ist mir sehr wohl bewusst, welche Gefahr manche Texte in sich bergen, da sie fundamentalistischer oder abgehobener Spiritualität Nahrung geben können. Gelingt es nicht, die aufkeimende Spiritualität und Geistigkeit gut zu erden, wird sie kaum fruchtbar und befreiend auf das Leben einwirken. Ich muss eingestehen, dass ich damals eindeutige Tendenzen zu einer religiösen Abhängigkeit oder gar Sucht hatte. Vielleicht war ich sogar ein Jesus-Junkie. Das sind Menschen, die zwar nicht mit Drogen in eine andere Welt flüchten, die aber eine individuelle religiöse Welt »erschaffen« – ein eigenes religiöses Bewusstsein, welches so wenig mit der Realität, die uns im Alltag begegnet, übereinstimmt wie das Bewusstsein eines Drogensüchtigen. Viele Jesus-Junkies sind sehr fromm und verteidigen auf verschiedenste Weise ihre Vorstellungen vom richtigen Glauben.
In mir waren damals noch viele meist unbewusste Ängste, welche mit religiösen Praktiken sozusagen auf Distanz gehalten wurden. Ähnlich wie bei einem Drogensüchtigen, der seine Ängste, seine Selbstzweifel und die Tatsache, dass er nicht mit der Realität fertig wird, mit Drogen auf Distanz zu halten sucht. Ein wahrer Mann Gottes sagte einmal: »Gott umfängt uns in unserer konkreten Wirklichkeit.« Ein Jesus-Junkie flüchtet geradezu aus der konkreten »bösen« Wirklichkeit, meist hinein in eine schwarz-weiße Weltsicht.
Aber es gehörte zu meinem Weg, diese Tendenzen auszuleben, und vielleicht waren solche Texte für mich ähnlich wie für einen Drogenkonsumenten der Stoff, welcher kurzfristig beflügelt. Was davon bis heute blieb, ist das tiefe Vertrauen in den Geist Jesu, der mit jedem Menschen eine Heilsgeschichte schreiben will, auch mit den extrem Veranlagten. Wer sich auf den Weg der Wahrheit und des Lebens macht, kommt nicht darum herum, gewisse Extreme des Lebens zu durchschreiten und sie im Alltag zu läutern. Letztlich bleibt die Liebe und ein Bewusstsein, dass ich im »Großen Ganzen« einen einmaligen Platz ausfüllen darf, dass ich und letztlich jede und jeder Einzelne, der sich auf den lebendigen Gott einlässt, in seiner je eigenen Art am Reich Gottes mitarbeitet.
Einen Abschnitt aus einem solchen, für mich noch immer sehr wertvollen Text, möchte ich hier wiedergeben – und jeder ist frei, ihn zu lesen oder nicht:

So spricht der Herr

Ich bin der Herr, der lebendige, heilige, ewige Gott, der dich mein Volk liebt mit unverbrüchlicher Treue. Ich habe dich heimgesucht; ich gebe dir Zeichen meiner Gegenwart; sei nicht blind, sie zu sehen.
Ich bin der Heilige und Ewige, der die Welt geschaffen hat, der Abraham und Mose geleitet hat, der die Propheten reden ließ, der über diese Erde ging, tiefer litt als alles Leiden der ganzen Menschheit, der alle Menschen freigekauft hat zu Kindschaft und Freude, weil ich die Sünde weggenommen habe, der ich Euch heute so nahe bin, wie nach dem Herausgerissensein aus dem Grab, der ich meinen Geist in Fülle auf meine Gemeinde gegeben habe.
Ich gebe auch heute meinen Geist in der Fülle; nur mein Volk ist (oft) nicht bereit. Sie sind abgeirrt zum Verstand. Ich will ihnen Antwort geben durch mein Wort, aber sie suchen nach dem Menschen, der es aufgeschrieben hat. Ich will reden als der Lebendige, aber sie bleiben am Grabe stehen – und mein Wort wird für sie »Menschenwort«.
So spricht der Herr der Lebendige: »Nimm mein Wort in dein Leben hinein! Lasst mich nicht bei den Altären! Ich will das Wort wie ein Feuer in euch sein lassen, das in euch brennt in der Freude meiner lebendigen Gegenwart. Ich will eure Probleme verbrennen und euch Antwort geben, wenn ihr nach ihr sucht. Ich will, dass ihr in Wogen und Stürmen den Weg wisst, und die Feuerzeichen seht, die ich setze.
Ich will euch selbst zu Feuerzeichen machen, wenn ihr mir nur gehorcht; wenn nur mein Wort für euch ohne Zweifel verbindlich wird.
Ich will, dass ihr mein Wort lernt und es Tag und Nacht in euch lebt und brennt und euch tröstet und euch auf die Knie drängt, dass ihr mich preist.
Ich will euch zu Inseln der Freude machen mitten im Meer der Verzagtheit.
Ich will wohnen im Lobpreis eurer Gebete, eurer Worte und eurer Gedanken.
Ich will, dass ihr euch leiten lasst von mir. Ich will nicht eure langen Diskussionen und Sitzungen, sondern dass ihr mich fragt, damit ich euch antworten kann. Sucht in meinem Wort, lernt es, lebt es aus, dann will ich eurem Herzen Gewissheit geben. Mir ist der Zigarettenrauch eurer langen Sitzungen ein Gräuel und euer Unglaube.
Ich will ein gehorsames Volk haben, das ich segnen kann. Ich der Herr, habe dich lieb, überströmend lieb. Und ich will euch überströmend füllen mit meiner Liebe, mit meiner Gegenwart, mit meiner Freude, wenn ihr mir in meinen Gaben nur gehorsam seid. Jeder Verzicht um meinetwillen wird in euch neu ein Feuer der Freude entzünden.
 
Bis heute bin ich davon überzeugt, dass der Heilige Geist weht, wo er will, und durch Menschen und solche Texte auch in unsere Zeit des 21. Jahrhunderts hineinsprechen kann. Die heiligen Texte fallen freilich nie direkt vom Himmel, sondern werden immer von Menschen verfasst und in ihrer sozialen und kulturellen Umgebung eingefärbt. So hält die Kirche daran fest, dass die Bibel ganz von Gott inspiriert wurde und zugleich ganz von Menschen in ihrem zeitlichen Kontext geschrieben ist. Unvermischt und zugleich untrennbar hängen solche Sätze ineinander und doch steht das Entscheidende zwischen den Zeilen.

Der Weg der »Erdung«

Wie kam ich von dieser doch sehr verklärten Spiritualität in die Schrecken der Drogenszene?
Bruder Eugen, der Einsiedler, wurde plötzlich schnell gebrechlicher und ich war mit der Pflege des nunmehr achtzigjährigen Mitbruders sehr beschäftigt. Es gab rührende Momente voll von Liebe und ich versprach Bruder Eugen, solange es möglich sei, würde ich ihn pflegen und alles dafür tun, damit er eine gute Zeit in der Einsiedelei haben könnte. So machte ich mit ihm täglich einige Turn- und Yogaübungen und ging in dem kleinen Klostergarten mit ihm spazieren, da er alleine nicht mehr gut gehen konnte. Ich brachte ihm seine Medikamente und betete manchmal Rosenkranz mit ihm, wobei er regelmäßig einschlief. Es gab auch Momente, die nicht so einfach waren, weder für Bruder Eugen, der schwächer und schwächer wurde, noch für mich – mit meinem Temperament.
Eine kleine Geschichte: An einem Donnerstag, dem Fest vom Fronleichnam, wünschte sich Bruder Eugen Kartoffelpüree, Gemüse und ein zartes Stück Fleisch. Als ich die Kartoffeln zubereiten wollte, sah ich, dass sie voller großer kräftiger Keime waren. Na, dachte ich, die pflanze ich jetzt schnell ein, dann wachsen daraus schöne neue Fronleichnamskartoffeln. Singend drückte ich die Kartoffeln in die feuchten Erdhügelchen. Eugen rief mich zu sich und ich unterbrach die Arbeit kurz. Als er meine erdigen Hände sah und erfuhr, dass ich am heiligen Fronleichnamsfest Kartoffeln pflanzte, erlebte ich eine regelrechte Höllenpredigt. Was mir eigentlich einfalle, er hätte den Bauern immer wieder gepredigt, dass sie am Sonntag und an den heiligen Festtagen keine Feldarbeit machen sollen und ich pflanzte Kartoffeln am Fronleichnamsfest, wenn das die Bauern sähen. Ich schaute ihn etwas verdutzt an und sagte, ich würde sofort aufhören. Für mich dachte ich: Was kann der liebe Gott dagegen haben, wenn ich einige Kartoffeln mit Keimen liebevoll in das kleine Gartenbeet drücke?
Am Freitagmorgen pflanzte ich die restlichen Kartoffeln. Bald schon begannen sie zu wachsen und etwa drei Wochen später spazierte Bruder Eugen auf mich gestützt durch den Garten. Er betrachtete die Kartoffeln und begann nochmals mit der Moral, denn für ihn war Glaube und Moral praktisch dasselbe. Ich hatte die Frechheit, zu sagen, dass der liebe Gott das alles vielleicht nicht so eng sehe.
Er schaute mich ernst an, worauf ich mit einem Lächeln sagte: »Schau dir die Kartoffeln an! Das Kraut der Kartoffeln, die ich an Fronleichnam liebevoll gepflanzt habe, ist schon bald fünfzig Zentimeter hoch. Und schau, hier habe ich die restlichen Kartoffeln, die ich am Fronleichnamsfest nicht mehr pflanzen durfte. Ich habe sie nur einen Tag später gepflanzt, aber das Kraut ist erst zehn Zentimeter hoch. Sie sind im Wachstum mehr als zehn Tage zurückgeblieben.« Wortlos gingen wir zurück ins Haus.
Ich bin nach wie vor überzeugt, dass Gehorsam sehr wichtig ist, denn wenn man nicht gehorchen kann, wenn Menschen etwas von einem verlangen, wie soll man dann gehorchen, wenn Gott etwas von einem wünscht? Für mich aber wurde klar, dass ich – sollte ich einmal in die Position kommen, dass andere mir gehorchen sollten – nach der Motivation der Liebe suchen werde. Denn Gehorsamsübungen, die nicht aus der Liebe kommen, sondern aus einer kühlen Moral, die Angst davor haben, was die anderen denken, dieser Gehorsam ist nicht grundsätzlich falsch, aber er hemmt das Wachstum in uns beträchtlich. Jedenfalls waren mir die Kartoffeln Lehrmeister genug.
So lernte ich Lektion um Lektion über das Leben in der Einsiedelei, sei es durch das Lesen von franziskanischer und biblischer Literatur, sei es durch die Gespräche mit Bruder Eugen oder durch feine Impulse in der Meditation. Besonders gut gefiel es mir, wenn das Leben (Gott) durch die schlichten Alltagssituationen sprach und ich sie wie das Gleichnis der Kartoffeln zu verstehen begann.
Heute finde ich es fast schade, dass ich alle Notizen aus dieser und der folgenden Zeit verbrannt habe. Es ist für mich immer wieder ein Akt franziskanischen Loslassens: Einen Tag nach dem Abschluss des Theologiestudiums verbrannte ich alle Studienmaterialien. Ich tanzte betend um das Feuer und sagte mir, wenn das Wissen in mir nicht Fleisch geworden ist, kann ich es ohnehin nicht wirklich gebrauchen. Manchmal wäre ich froh, ich hätte noch einige Notizen, aber es ist sehr befreiend, nicht ständig die ganze Vergangenheit mit sich herumzutragen.

Himmel und Hölle beginnen sich zu berühren

Ich freute mich, als Bruder René für eine Woche auf den Wiesenberg kam, um nach Bruder Eugen zu sehen. In dieser Woche durfte ich die Brüder in Zürich besuchen. Zu reisen war immer spannend, denn ich bewegte mich damals nur per Autostopp und zu Fuß fort, da wir in der Einsiedelei ganz radikal lebten. Wir hatten kein Geld und wenn wir zum Beispiel etwas zu essen brauchten, gingen wir betteln. Im Gegenzug durften uns die Bauern als Gehilfen holen, zum Misten, Heuen, Holzmachen und so weiter. Ich muss sagen, dieser radikale Lebensstil hat seinen ganz eigenen Reiz und manchmal sehne ich mich heute noch danach.
Nach etwa zwei Tagen bei den Franziskanern in Zürich fragte mich Bruder Leonhard: »Bruder Benno, du hast doch bei dir in der Einsiedelei so schön Zeit für das Gebet. Ich kenne viele gefährdete Seelen, die auf dem Weg sind, sich ganz in den Drogen zu verlieren, und für die du sicher gut beten könntest. Komm doch mal mit auf die Gasse.«
Bruder Leonhard erzählte mir, wie er früher mit Traktaten vor den Hallen der großen Rockkonzerte gestanden hatte und die jungen Menschen vor den dämonischen Einflüssen gewisser Musikstilrichtungen warnen wollte. Aber die Konzertbesucher lächelten nur über den Mönch in der braunen Kutte. »Als ich nach einem solchen Konzert nach Hause ging, kam ich am Platzspitz vorbei und sah Hunderte von Drogensüchtigen. Da war mir, wie wenn Gott sagt: He, Bruder Leonhard, hier kannst du nicht vorbeigehen, da gibt es wirklich etwas zu tun.« So ging Bruder Leonhard nicht mehr zu den Konzerten, sondern war seit diesem Abend regelmäßig auf der Gasse, bei den Drogensüchtigen, zu finden.
Ich lebte damals in einer vollkommen anderen Welt und wusste nicht einmal richtig, was ein Drogensüchtiger ist, aber ich begleitete Bruder Leonhard auf den Platzspitz. Als wir hinter dem Züricher Hauptbahnhof beim Landesmuseum vorbeigingen, waren wir plötzlich in einem Park, der ursprünglich wohl sehr schön gewesen war, aber jetzt lag überall Abfall, der Rasen war zertrampelt und Tausende von Spritzen lagen auf dem Boden. Überall irrten bleiche, verwahrloste Menschen herum. Der eine rief laut: »Sugar, Cola!« Ein anderer bot verschiedenste Tabletten an, wieder ein anderer versuchte, sein oder ein gestohlenes Mountainbike für einige wenige Franken zu verkaufen. Ich traute meinen Augen nicht. Es sah aus wie in einem Vorhof der Hölle und ich bekam ein sehr beklemmendes Gefühl.
Bruder Leonhard ging zwischen die Leute hinein, klopfte einem auf die Schulter und ich hörte ihn noch sagen: »Na, Bruder, willst du so weitermachen, du wirst ja deine Seele in diesem Drogensumpf noch ganz verlieren. Komm, kehre doch um und suche etwas Besseres im Leben.« Wie angewurzelt stand ich am Rand des Getümmels und sah, wie Bruder Leonhard zwischen den Süchtigen verschwand. Ich setzte mich auf eine Bank, die etwas weiter weg war, und schaute dem Treiben irgendwie geschockt zu. Es war so schlimm, dass der Nadelpark von Zürich weltweit bekannt wurde. Sogar Polizisten aus Amerika machten busweise »Ausflüge« zum Nadelpark und konnten kaum glauben, was sie dort zu sehen bekamen.
Verunsichert über das, was ich da sah, nahm ich den Rosenkranz in die Hand und begann zu beten. Dabei fragte ich mich: Lieber Gott, was soll das, was soll das?! Ich betete leise: Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus, der für uns das schwere Kreuz getragen hat. Heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen. Ich ließ die Perlen durch die Finger gleiten und schaute immer wieder ungläubig auf das traurige Treiben vor meinen Augen.
»Kann ich mich neben dich setzen?«, fragte mich eine junge, recht hübsche Frau. Ich lächelte ihr scheu zu, nickte und betete weiter. Aus meinen Augenwinkeln sah ich, wie sie etwas Wasser und Pulver auf einen Löffel gab, ihr Feuerzeug unter den Löffel hielt und dann durch ein kleines Stück Zigarettenfilter den aufgekochten Saft in eine kleine Spritze zog. Ich versuchte weiterzubeten. Gegrüßet seist du Maria … Dann legte sie einen Gurt um den Arm, hielt ihn mit ihren Zähnen fest und begann, mit der Spritze nach einer Vene zu suchen. Ich betete wieder: Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt für uns Sünder jetzt und in der Stunde … Dann begann das Mädchen mit dem Gurtende im Mund zu fluchen: »Verdammt noch mal, ich finde keine Venen mehr …«. Ich schaute jetzt ohne Umschweife auf die Frau und dachte nur: Lieber Gott, was soll das? Ich sah noch nie jemand fixen, vor allem war alles so unangemeldet und unausweichlich nahe bei mir. Nach einigen Flüchen fand sie endlich eine Vene, ich sah, wie sie zuerst etwas Blut in die Spritze einsog, dann drückte sie sich langsam die braungoldene Flüssigkeit in die völlig zerstochenen Arme. Tief atmend lehnte sie sich etwas zurück und schien den Moment irgendwie zu genießen.
Damals wusste ich überhaupt nichts über Drogen, ihre Wirkung und ihre Nebenwirkungen. Ich wusste nicht, dass der Flash, der Moment nachdem die Spritze gesetzt wurde, verschiedene positive Gefühle von Wärme, Kraft, Energie, Geborgenheit, innerer Wichtigkeit, Größe und Ähnlichem wecken konnte. Dieses Gift ist schon ein teuflisches Wundermittel. Für einige Zeit müssen alle Schmerzen, negativen Gefühle und das fehlende Selbstbewusstsein wie weggeblasen sein. Warum sonst opfert jemand alles für die Drogen – Geld, Freunde, Familie, Beruf, Gesundheit und Selbstachtung? Um Drogen zu kaufen, sind viele bereit, ihren Körper zu verkaufen, zu stehlen, zu lügen, zu betrügen und zu dealen. Sie sind bereit, schreckliche Raubüberfälle zu begehen, nur um wieder dieses Gefühl des Flashs zu bekommen.
Das alles wusste ich nicht, ich saß einfach neben dem Mädchen, das entspannt zu sein schien, und betete mit dem Rosenkranz in den Händen leise weiter. Mir kam die Geschichte von Franz von Assisi in den Sinn, als er dem Aussätzigen begegnete.

Franziskus und der Aussätzige

Als Franziskus bereits von Gott angerührt war, aber immer noch bei seinem Vater, einem reichen Tuchhändler, mitarbeitete, ritt er von einem erfolgreichen Markttag zurück nach Assisi. Er hatte viele teure Stoffe verkaufen können. Plötzlich stand ein mit Aussatz gezeichneter Mann vor ihm und rasselte von Weitem.
Man muss wissen, dass die Aussätzigen in der damaligen Zeit – vor nunmehr rund 800 Jahren – mit einer Beerdigungsmesse von den Menschen verabschiedet oder eben ausgestoßen wurden. Sie durften nicht mehr mit den »Gesunden« in Kontakt kommen und lebten im Elend, bis sie starben. Ihre Bleibe waren die Siechenhäuser, die sich außerhalb der Städte und Dörfer befanden. Mit einer Rätsche oder einer Rassel warnten sie die Leute und baten sie, ihnen ein Almosen zu geben, etwas zu essen, Kleidung oder sonst etwas zum Leben. Sie waren gesellschaftlich vollkommen isoliert, sie waren lebende Tote, und die Menschen hatten Angst, dieselbe Krankheit zu bekommen und hielten sich instinktiv von ihnen fern.
Franziskus war da nicht anders. Er war es gewohnt, das Gesicht zu verdecken und sich die Nase zuzuhalten, da von den Aussätzigen ein furchtbarer Gestank ausging. Normalerweise gab er seinem Pferd die Sporen und machte einen großen Bogen um diese kranken Menschen. Als Angehöriger der reichen Oberschicht feierte Franziskus rauschende Feste und trug schöne Kleider, er hatte es nicht nötig, die harte Wirklichkeit der normalen Menschen kennenzulernen, geschweige denn sich um Aussätzige zu kümmern.
Aber es ist nicht leicht, gänzlich unbeschwert Feste zu feiern und unbekümmert weiterzuleben, wenn man mit der Not in Kontakt gekommen ist. Dass dieses Leben in Freude und Wohlstand Franziskus nicht mehr erfüllte, war daran zu sehen, dass er nach tieferen Wahrheiten zu suchen begann. So wird berichtet, Franziskus sei durch die Wälder gestrichen, habe in alten Kapellen gesessen oder sei in Höhlen gekrochen, um eine Antwort zu finden auf seine innere Leere. Ein Gebet aus dieser Zeit seines existentiellen Suchens ist uns überliefert. Er betete:
 
Höchster glorreicher Gott, erleuchte die Finsternis meines Herzens, gibt mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe, dass ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfüllen kann.
 
Diese Suche begann sicher nicht plötzlich, vielmehr waren ihr schon verschiedene Erfahrungen vorausgegangen, die das oberflächliche Leben und den Alltag von Franziskus aufgebrochen hatten. Ein Grund für die tiefere Suche nach Gott lag in der Zeit, als er sich als Ritter versucht hatte und in Gefangenschaft geraten war. Andere erleben Krankheiten, Gewalt und sind innerlich verwundet wegen eines fehlenden oder zu dominanten Elternteils. Es gibt viele Gründe, die unser Leben für die tiefen Fragen aufbrechen.
Irgendwie ahnten die Menschen schon immer, dass sie, wenn es ihnen gelingt, den Willen Gottes für ihr Leben zu entdecken, auch inneren Frieden finden werden. Allerdings ist die Frage nach dem Willen Gottes nicht ganz harmlos, denn wenn jemand Fragen stellt, beginnt Gottes Geist Einfluss zu nehmen auf ein Menschenleben, auch wenn er immer die Freiheit des Menschen achtet. Und Gottes Wege sind oft ganz und gar anders, als man es sich vorstellt.
Der Heilige Geist gibt spätestens von dem Tag an, an dem wir nach Gott zu suchen beginnen, seine sanften Impulse in unser Leben hinein. Diese Impulse sind häufig so, dass wir meinen, es seien unsere eigenen. Aber genau an dieser Stelle geht es um das Geheimnis der Gnade, die uns Wege aufzeigt und uns dann doch selber wählen und entscheiden lässt. So ist der Geist Gottes in uns wirksam, sobald wir selber die Frage nach Sinn und Willen stellen.
Ich sage immer, der Geist Gottes ist ein Gentleman. Er ergießt sich wohl in uns, aber er bringt damit unser inneres Wesen erst hervor. Er ist die Armut Gottes, er kommt in uns hinein, »löscht sich selber sozusagen aus« und lässt uns ganz uns selbst werden. Wie das genau vor sich geht, das ist ein Geheimnis, welches sich bei jedem Menschen auf seine ganz eigene Art manifestiert. Aber die Menschen, die aus diesem lebendigen Geist heraus leben, sind sehr natürlich. Sie sind weder ferngesteuert noch in ihrer Freiheit beschnitten.
Franziskus, der sich schon ganz bewusst dem Geist des Höchsten geöffnet hatte, folgte dem Impuls. Er entschied sich gegen seine Ängste und seinen natürlichen Ekel gegenüber dem Aussätzigen und stieg vom Pferd. Er kam vom hohen Ross herab auf den Boden, in die Realität dieser Welt, die nicht nur wunderschön ist, sondern auch von Krankheit, Gewalt und Bosheit gezeichnet.
Eine der ersten Qualitäten, die der Geist Gottes in einer Seele hervorbringt, ist, dass er Mitgefühl und Barmherzigkeit entstehen lässt. Menschen, die in die richtige Richtung suchen, können plötzlich nicht mehr einfach wegschauen, sondern sehen hin und versuchen Not zu lindern, wo es nur geht. So schenkte Franziskus dem Aussätzigen freudig seinen ganzen Tagesgewinn. Aber damit nicht genug: Er überschritt auch alle kirchlichen und gesellschaftlichen Normen, welche den Kontakt mit Aussätzigen verboten. Franziskus nahm den Aussätzigen in die Arme und küsste ihn. Dieser Moment wurde für ihn zu einer Art Initiation.
Die Begegnung mit dem Aussätzigen änderte sein Leben ganz wesentlich. Er spricht immer wieder davon, sogar in seinem Testament erzählt er von dieser Begebenheit. Das ist es auch, was Franziskus uns weitergeben will, dass uns solche oder ähnliche Begegnungen geschenkt werden. Es geht darum, dass wir den armen leidenden Christus in der Krankheit und Not der Mitmenschen zu entdecken beginnen. Im Testament des Franziskus lesen wir:
 
So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt.
 
Diese Zeilen stehen ganz am Anfang des Testaments und werden vielleicht erst verstanden, wenn man selbst solche oder ähnliche Begegnungen erlebt hat.
Die Künstlerin, die diese Szene für unsere Vereinsgründung der Franziskanischen Gassenarbeit gemalt hat, stellt die Begegnung so gut dar, wie man sie besser wohl kaum beschreiben könnte: Sie zeigt den heiligen Franziskus von der Seite mit hellbraunem lockigem Haar. Er schaut mit großen Augen auf und blickt über die Schulter des Aussätzigen, während er ihn in die Arme nimmt und ihm ganz nahe ist. Der Aussätzige hat überall Wunden und Flecken, seine leeren Augen sind traurig und doch irgendwie dankbar für die Berührung. Die offene Hand des Aussätzigen ist groß im Vordergrund und scheint auf Gaben zu warten.