001

001

Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 

Joanna Macy gewidmet, durch die ich so viel lernen durfte – den unverstellten Blick auf das, was stirbt, ebenso wie die Liebe für jene Generationen, die nach uns kommen und uns aufrufen, den großen Wandel zu leben.

Einleitung
Zukunft entsteht aus Krise
Ein neuer Blick auf das Gespenst der Gegenwart
 
Die Krise ist allgegenwärtig. Doch es scheint, als säße die westliche Zivilisation gegenüber diesem Phänomen kollektiv gebannt wie das Kaninchen vor der Schlange. Tag für Tag hagelt aus den Medien eine Krisenbotschaft nach der anderen in unser Leben, Tag für Tag wird beschwichtigt, ebenso unglaubwürdig wie halbherzig. Wir starren auf das, was da kommen mag, verstehen es nicht, verhalten uns reglos wie gelähmt. Ganz so, als wäre uns angesichts dieser schwer einschätzbaren Bedrohung von den drei evolutionär antrainierten Reaktionsweisen »Angriff«, »Flucht« und »Totstellen« nur die letztere geblieben. Dieses Buch widmet sich der Tatsache, dass es eine Menge anderer Möglichkeiten gibt, um auf die Entwicklungen der Gegenwart zu reagieren.
Fraglos sind die Facetten der Krise immens. Dass sie kommen würde, hat man uns seit Langem vorhergesagt. Doch wir haben kollektiv den Kopf in den Sand gesteckt in der naiven Erwartung, dass all jenes, was wir nicht sehen wollen und verdrängen, dann auch nicht passiert. Solange die Hungerkrise nur Afrika traf, die Zerstörung der Wälder nur die Länder mit tropischem Regenwald, die Klimakrise die grönländischen Inuit und ein paar tief gelegene Gegenden in Asien oder Inselstaaten im Pazifik, haben wir sorgenvoll geschaut und allenfalls mit ein paar Spenden oder Signaturen auf Unterschriftenlisten unser Gewissen beruhigt. Dass es mit der Finanz- und Wirtschaftskrise nun zu allererst die reichen Länder des Nordens traf, hat uns trotz allem wie ein Schock getroffen. Denn die industrielle Wachstumsgesellschaft war sich in fast blindem Optimismus nach wie vor sicher, dass sie das Rezept gegen alle Unbill sicher in der Tasche habe: Geld, noch mehr Wachstum und eine alles erlösende Technologie. Diese Ansicht ist kaum mehr als eine naive Hoffnung, ein begrenztes und immer weniger brauchbares Weltbild, das ohne böse Absicht auf allen Ebenen der westlichen Kultur weitergegeben wird – in Schulen, Universitäten und Medien: das Paradigma einer Welt, die wie eine große Maschine funktioniert, von lauter einzelnen konkurrierenden Menschen bevölkert wird, die außerhalb ihrer natürlichen Mitwelt stehen und in einem sinnlosen Universum nach persönlichem Reichtum streben. Es ist ein mechanistisches und reduktionistisches Weltbild, das wie eine kulturelle Gehirnwäsche wirkt.
Teil des Ergebnisses dieser kulturellen Gehirnwäsche ist die bis in die höchsten Ebenen von Politik und Wissenschaft vertretene Überzeugung, dass die vielfältigen Krisen der Gegenwart nur sehr wenig miteinander zu tun hätten. Sie wurden separat behandelt, ganz so, als ginge ein an Immunschwäche Erkrankter zu zehn Fachärzten, die bis zum Tode des Patienten voller Überzeugung die Vielfalt der Symptome behandeln, aber nicht die gemeinsame Wurzel erkennen.
Das schon sprichwörtliche »Herumdoktern an Symptomen« hat dazu geführt, dass immer öfter gut gemeinte Reparaturen oder Reformen an einzelnen Krisenphänomenen im Gesamtbild dazu führten, dass das Ungleichgewicht zunahm. So genannte Lösungen wirkten meist nur lokal und temporär, schufen aber an anderen Orten umso größere Not, die dann langfristig auf das Ganze zurückwirkten. Der Impuls für dieses Buch entstand aus der Einsicht, dass wir uns diesen gescheiterten Ansatz heute nicht mehr leisten können. Die hier zusammengebrachten Spezialisten und Zukunftsdenker /innen gehen vielmehr unisono davon aus, dass wir uns in einer historischen Häufung von bislang separat wahrgenommenen Krisen befinden, die sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu einer – dann nicht mehr lenkbaren – Megakrise verdichten könnten, die das Überleben menschlicher Zivilisation grundsätzlich in Frage stellen würde. Sie ziehen nüchtern bedrohliche Schlussfolgerungen. Sie reden aber auch unverblümt von einem gigantischen kulturellen Veränderungsprozess durch das absehbare Ende fossiler Rohstoffe, der ganz zwangsläufig in solare, regionale Ökonomien, ganz neue Infrastrukturen und eine globale ökologische Landwirtschaft führen wird. Sie reden jenseits fortgesetzter Verdrängung nüchtern von einem »besseren Leben auf einem heißeren Planeten«, der vorher allerdings wegen der steigenden Meeresspiegel Wanderungsbewegungen bewältigen muss, wie es sie bislang in diesem Ausmaß noch nie gab. Sie reden mit erfrischendem Optimismus von der Möglichkeit einer kulturellen und geistigen Evolution, die in ganz neue Formen der Wahrnehmung, des Denkens und des gesellschaftlichen Gestaltens führen könnte.
Um die Wende in eine nachhaltige, gerechte, friedliche, lebenswerte Welt zu schaffen, gilt es, den immer komplexer werdenden Problemen nicht länger mit unverändert Krisen erschaffendem Handwerkszeug zu begegnen und aus dem Gefängnis beschränkten Denkens auszubrechen.
Statt Gesellschaften, Ökonomien oder Ökosysteme als unbewegliche Objekte zu sehen, die am besten zu handhaben sind, wenn sie stabil und fixiert sind, zieht sich wie ein roter Faden durch die gesammelten Gespräche dieses Bandes eine grundlegend andere Weltsicht, die von einem systemischen Zusammenwirken vielfältiger interdependenter Entwicklungsdynamiken, vom stetigen Wandel, Differenzieren, evolutionären Weiterentwickeln ausgeht. Wer aber – wie schon Heraklit – davon überzeugt ist, dass man niemals zweimal in den gleichen Fluss steigen kann, der muss auch seinen gegenwärtigen Standpunkt inmitten dieses sich ständig evolutionär verändernden Flusses bestenfalls als Momentaufnahme begreifen. Eine Momentaufnahme, welche die Optionen öffnet, angesichts der gegenwärtigen Strömung in verschiedene Richtungen zu schwimmen: gegen den Strom, mit dem Strom, an den langsameren Rand des Stromes. Man kann auch im Strom untergehen. Das aber, was in dieser Analogie völlig unmöglich ist, wäre das Einfrieren des Flusses, die Unbeweglichkeit, die Fixierung eines Status quo. Sie widerspricht aller evolutionären Dynamik. Doch diese Lösung ist genau jene, die heute von Politik und Ökonomie vorwiegend versucht wird: Minimale, isoliert eingesetzte, angstgesteuerte Maßnahmen, die nicht die Gesamtströmung als verändernde Dynamik aufgreifen, sondern nur stabilisieren wollen und statt anderer Zukünfte eigentlich nur die Illusion der Kontrolle wiederherstellen wollen.
 
Worum es hier also im Kern geht, ist eine radikale neue Sicht auf den Begriff der Krise. Während die traditionelle Weltsicht und die daraus entstehende Politik Krisen ausschließlich als bedrohliche Betriebsunfälle wahrnimmt, gehen die hier vorgestellten Pioniere und Aktivistinnen davon aus, dass in Krisen das entscheidende und hoffnungsvolle Element des Wandels verborgen ist. Obwohl der Slogan der »Krise als Chance« schon seit Jahrzehnten durch die Psychologie geistert und in zahllosen therapeutischen Settings individueller Entwicklungskrisen erfolgreich angewendet worden ist, hat dieser Denkansatz Politik und Wirtschaft bislang nur in Ausnahmen erreicht. Vielleicht deshalb, so vermutet in diesem Buch die Psychologin Ega Friedmann, weil kollektive Krisen uns Betroffene mit einem Gefühl von Ohnmacht konfrontieren, das wir gerade noch ertragen, indem wir uns vormachen, dass es uns nicht trifft.
Wenn scheinbar stabile Bäume umgeworfen werden, so sagt die alternative Nobelpreisträgerin und Aktivistin Frances Moore Lappé, dann ermöglichen sie einen Blick auf die ansonsten verborgenen Wurzeln und ihren Zustand. Diese Metapher macht deutlich, dass wir uns durchaus in einem heftigen Sturm befinden, bei dem einiges zu Bruch geht – dass wir aus diesem Chaos und dem Kleinholz, das der Sturm hinterlässt, aber nicht nur etwas lernen, sondern sogar eine neue Zukunft bauen können. Krisen, das will diese Analogie sagen, enthalten die Möglichkeit, die Schatten und Schwächen eines Systems zu erkennen, die bislang den meisten verborgen blieben. Krisen sind aus dieser Perspektive kein Schrecken, sondern ein letztlich begrüßenswertes Zeichen eines Übergangs.
 
Krisen müssen keine Katastrophen sein. Das Wort Katastrophe bezeichnet im Griechischen die gefährliche Kurve bei antiken Wagenrennen im Stadionrund, an der so mancher Wagenlenker sein Gefährt zum Kippen brachte. Das Wort ist damit aber keine Aufforderung zum Stillstand, sondern zur Achtsamkeit beim Richtungswechsel. Genau der findet statt und steht uns weiter bevor. Im medizinischen Sprachgebrauch kennzeichnet das Wort Crisis den Höhepunkt einer Krankheit – nicht aber den überraschenden Ausfall problemlos funktionierender Organe. Ob sprachgeschichtlich oder wissenschaftlich: Überall werden wir darauf verwiesen, dass Krisen eine notwendige Stufe in Transformationsprozessen darstellen, in denen komplexe Systeme, die aus dem Gleichgewicht geraten sind, sich auf dem nächsthöheren Niveau eine neue Balance suchen. Die Evolutionstheorie, der wir ansonsten gerne folgen wie einer wissenschaftlichen Religion, sagt genau dies. Sie spricht von Mutation und Selektion als Voraussetzung für evolutionäres Vorwärtsschreiten und meint nichts anderes als den krisenhaften Auswahlprozess zwischen gelungenen und misslungenen Zukunfts- und Lebensentwürfen. Elisabet Sahtouris, griechisch-amerikanische Evolutionsbiologin und Zukunftsforscherin, verweist uns darauf, dass ihre Kollegen die gegenwärtige Krisendynamik und ihre Konsequenzen als die sechste große Welle des Aussterbens in der Geschichte des Planeten kategorisieren. Der Umbruch der Gegenwart steht damit auf einer Ebene mit der evolutionären Erfindung der Photosynthese oder der Mutation zur Lungenatmung. Wir befinden uns angesichts dieser Vergleiche an einem zeitgeschichtlichen Übergang von enormen Dimensionen, der ebenso viel Risiko beinhaltet wie Potenziale für vollständig neue Entwicklungen. Den oftmals schwierigen Alltag in einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krise auch nur zeitweise in einen solchen evolutionären Kontext zu stellen, kann uns aus der Opferrolle herauskatapultieren und deutlich machen, an welch bedrohlicher, aber zugleich ungeheuer aufregenden Zeit wir teilnehmen und welch evolutionäre Zukunftsentwürfe wir gestalten können.
 
Ob diese Entwürfe im Sinne der Evolutionstheorie Mutationen sind, die sich durchsetzen oder von der Selektion hinweggefegt werden, ist offen. Es muss offen bleiben, weil wir uns sowohl angesichts eines absehbaren Scheiterns aller Bemühungen als auch bei einem sicher erscheinenden Durchbruch in eine lebensfähige Zukunft kaum noch engagieren würden. Ein unabwendbarer Zusammenbruch würde uns in einer No-Future-Lethargie versinken lassen, ein naiver Zukunftsoptimismus uns zum gefährlichen »Weiter so!« verleiten. Wir brauchen also, um aktiv zu werden und das Not-Wendige zu tun, die Krise als Handlungsimpuls, als Motivationsschub, ja als Treibstoff für unsere Kreativität. Ohne Krise, so lässt sich demnach sagen, wäre uns der langfristige Untergang gewiss.
Aus dieser Sicht ist das Phänomen der Krise eine absolute Notwendigkeit, um im Lauf der Dinge einen Schritt in eine Zukunft zu machen, die sich deutlich und innovativ von der Vergangenheit unterscheidet. Es verlangt nach einer kulturell wirklich verankerten Würdigung von anstrengenden Widersprüchen, schmerzhaften Gegensätzen, spannungsgeladenen Reibungsflächen. Es verlangt statt eines Ausweichens vor der Krise eine Bereitschaft, der Krise ins Auge zu schauen und den Mut die Krise zu nutzen. Die amerikanische Ökonomin Hazel Henderson erklärte im hier abgedruckten Dialog, es sei »a crime to waste a crisis« – ein Verbrechen, eine Krise ungenutzt vorbeigehen zu lassen. Dieses Buch zeigt in einundzwanzig Gesprächen auf, dass Zukunft heute im Wesentlichen aus Krisen entsteht, weil sich in Zeiten von Umbrüchen das Neue am ehesten durchsetzen kann. Denn dann zerbröseln bislang angenommene Wahrheiten wie morsches Holz, die Sehnsucht nach Änderung wächst und scheinbare Stabilitäten erweisen sich als wackelig. Der Widerstand gegen unbekannte Alternativen sinkt, wenn Systeme unter ihrem eigenen Gewicht kollabieren. Wann, wenn nicht in solchen Momenten, kann das Neue Fuß fassen?
 
Die Chaostheorie hat mit der Metapher, dass der Schlag eines Schmetterlingsflügels in Europa einen Orkan in Amerika auslösen kann, die Welt verändert. Denn was diese Metapher in ihrer Unglaublichkeit ausdrückt, ist die Tatsache, dass der globale Zustand des Fließgleichgewichts so extrem labil ist, dass ein minimaler Impuls an einem Ort, Effekte auslösen kann, die ganz unerwartet woanders kolossale Auswirkungen haben können. Die Schmetterlingsmetapher ist ein wissenschaftlicher Schlag ins Gesicht all jener, die auf Stabilität und Sicherheit setzen wollen. Diese Sicherheit gibt es nicht, sie ist im komplexen Netzwerk des Lebens nicht existent. Es gibt sie nur in unseren Köpfen. Bislang hat uns diese Metapher Angst gemacht, denn sie spricht von Kontrollverlust, nicht abschätzbarer Interdependenz und schließlich auch von gewaltigen Stürmen. Und Stürme sind Krisen. Trotzdem gilt es diese Metapher aufzugreifen und vielleicht ganz neu zu definieren. Denn es geht darin auch um die enorme Wandlungskraft von Krisen. Wir sollten darüber nachdenken, wie die Krise der etablierten Wirtschaft und ihres Geldsystems genutzt werden könnte, um im positiven Sinn andere Zukünfte zu erschaffen. Die systemimmanente Destabilisierung des Systems ermöglicht gerade jetzt Reformen, die ansonsten nur belächelt worden wären.
Zu dieser Neubewertung von Krisen gehört schließlich auch, den Zustand der Unsicherheit und der Ungewissheit, in dem sich die Gesellschaft zurzeit befindet, in seiner Normalität zu erkennen und zu würdigen. Zu allen Zeiten und in allen Kulturen haben Menschen krisenhafte Übergänge erlebt und diese Veränderungen kreativ gestaltet. Es mag überraschend klingen, aber das uralte Wissen um Übergangsrituale kann einiges dazu beitragen, den gegenwärtigen Krisenzustand besser zu verstehen. Traditionelle Kulturen haben verstanden, dass individuelle Transformation durch einen Prozess von Tod und Wiedergeburt zu gehen hat, bevor das Neue greifen kann. Sie entdeckten, dass der Übergang von einer Lebensphase zur nächsten eingeleitet wird, wenn die alten Erklärungsund Verhaltensmuster nicht mehr greifen und eine Krise entsteht. Dieser Zeitraum des Übergangs ist oftmals schmerzhaft und extrem verunsichernd. Der gesellschaftliche Übergang, in dem wir uns kollektiv befinden, nachdem die alten Überzeugungen und Lösungsansätze nicht mehr greifen, ist es nicht minder.
Aber die Schwellenphase ist unabdingbar, um zu einer tieferen Wahrheit und den verborgenen Potenzialen durchzubrechen. Claus Otto Scharmer, Soziologe am renommierten MIT und Krisenmanager bei internationalen Unternehmen, verweist in diesem Buch auf nichts anderes: Wir brauchen den krisenhaften Kontrollverlust, um die Zukunft erahnen und begreifen zu können, die dahinter durchscheint. Auch hier zeigt sich, dass Krisen nicht das Ende bedeuten, sondern eine universelle Dynamik haben, mit der sich arbeiten lässt.
 
Dieses Buch besteht aus Gesprächen mit Menschen aus zahlreichen Disziplinen, die einen anderen Umgang mit Krisen erforscht haben und propagieren. Zu ihnen gehören Nobelpreisträger und alternative Nobelpreisträger, renommierte Natur- und Geisteswissenschaftlerinnen, Philosophen und Aktivistinnen aus fast allen Bereichen der Zivilgesellschaft. Letztere nehmen dabei eine zentrale Rolle ein. Denn alle grundsätzlichen Reformimpulse der Gegenwart gehen nicht von den staatlichen Institutionen aus, deren Aufgabe es ist, den Status quo zu schützen. Sondern sie kommen in der Regel von zivilgesellschaftlichen Initiativen, die unabhängig von den Zwängen des Status quo wegen der sie bedrohenden Krisen voller Engagement an neuen Modellen arbeiten – und damit die Zukunft entwerfen. Dieses Buch plädiert für eine innovative neue Form der partizipativen Zukunftsforschung, indem es Pioniere eines nachhaltigen, zukunftsfähigen Denkens und Handelns vorstellt. Sie alle machen auf verschiedene Art und Weise deutlich, wie die wachsende soziale Instabilität, die Krise der Finanzmärkte, das Welthungerproblem, die globale Erwärmung und die geistig-spirituelle Werte- und Orientierungskrise Teile einer gemeinsamen Dynamik sind.
Wir brauchen ein neuartiges Verständnis vom Aufbau der Welt und Wirklichkeit, das sich grundlegend vom linearen, monokausalen Weltbild mit seiner prognostizierbaren Zukunft unterscheidet. Wird die organische, eng vernetzte, sich selbst erschaffende und hoch dynamische Struktur des Lebens erkannt und verstanden, dann wird deutlich, dass die Etablierung von anderen Zukünften, der Aufbau einer neuen Kultur, der Umbau der Landwirtschaft, das Ende der globalisierten Gewalt, die Potenziale für eine neue Ökonomie, die Revolutionierung des zwischenmenschlichen Umgangs Teile eines umfassenden kulturellen Wandels sind, der zurzeit stattfindet. In diesem Verständnis befinden wir uns nicht am krisenhaften »Ende der Zeiten«, sondern inmitten eines herausfordernden und nicht ungefährlichen Transformationsprozesses, der erkannt werden muss, damit er gestaltet werden kann. Anstatt jede Krise durch mehr Bewahrung des Status quo und die verzweifelte Stabilisierung zerbrechender Strukturen unbewusst zu verstärken, geht es darum, Chaos und Krise als große Chancen radikaler Veränderungen zu nutzen.
Die Krise, dieses Gespenst der Gegenwart, lässt sich auch wie eine große Welle der Veränderungen verstehen, auf der es sich zu surfen lohnt. Voraussetzung aber ist die grundlegende Neubewertung des Krisenbegriffs. Im Internet haben sich kreative Programmierer den Spaß erlaubt, ein Programm zu entwickeln, das immer dann, wenn irgendwo der Begriff »Krise« auftaucht, stattdessen den Begriff »Chance« einsetzt. Die Idee ist gut, aber damit ist es nicht getan. Wir müssen die Veränderung mit Kopf, Körper und Seele verstehen, um sie ins Leben zu bringen. Dazu lade ich Sie persönlich ein, da uns diesen Schritt niemand abnehmen kann.
 
Olching im Juli 2009
Geseko v. Lüpke

I. TEIL
Die Dynamik von Umbrüchen

Wir sind an einem Wendepunkt, der Wandel liegt vor uns
Im Dialog mit dem Systemtheoretiker und Zukunftsforscher Ervin Laszlo
Prof. Dr. Ervin Laszlo ist einer der bedeutendsten Theoretiker der Allgemeinen Systemtheorie. Geboren 1932 in Budapest, wurde er zunächst Konzertpianist, studierte dann Naturwissenschaften und promovierte an der Sorbonne. Danach lehrte er als Professor für Philosophie, Systemwissenschaft und Zukunftsstudien an verschiedenen Universitäten, in den USA, Europa und dem Fernen Osten. Er ist Mitbegründer des Club of Rome sowie Gründer und Präsident des Club of Budapest. Er ist Herausgeber der Vierteljahreszeitschrift World Futures – The Journal of General Evolution und der Buchreihe World Futures General Evolution Studies sowie Mitherausgeber von Behavioral Science und der vierbändigen Friedensenzyklopädie »World Encyclopedia of Peace«. Als Mitbegründer des »World Shift Networks« arbeitet er daran, zahlreiche kulturelle und politische Initiativen und Aktivisten für eine grundlegende Wende miteinander zu vernetzen. ,
 
 
Stehen wir heute nur vor einer kollabierenden Finanzwelt? Oder ist diese Entwicklung nur ein Aspekt einer nicht zukunftsfähigen Welt?
 
Wir befinden uns in einer Welt, die nicht nachhaltig ist, am Anfang einer globalen Welle von Krisen. Die Finanzkrise kam überraschend rasch. Aber sie ist nur der erste Vorläufer. Die kommende Krisenwelle ist wie eine Reihe von Tsunamis, die absehbar sind, weil wir schon die Beben spüren können, die sie auslösen: Die Umwelt lässt sich nicht so behandeln, wie wir es noch tun, ohne dass es zu massiven Reaktionen oder »Feedbacks« kommt. Die gesellschaftlichen Probleme nehmen in vielen Gebieten zu, da schaukelt sich etwas hoch. Auch die ganze Problematik, fast sieben Milliarden Menschen auf dieser Erde auf die bisherige Art und Weise weiter am Leben zu halten, ist ungelöst und in ihren Auswirkungen dramatisch. Also, wir sind nicht am Ende einer bewältigten Krise, sondern am Anfang zahlreicher unbewältigter Krisen. Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann werden wir die gegenwärtige Ordnung vielleicht nur noch bis zum berühmten Datum Ende 2012 aufrechterhalten können. Dann häufen sich die Krisen. Sie werden nicht länger die Ausnahme sein, sondern zunehmend Normalität. Und wir müssen lernen, mit ihnen umzugehen.
 
Wie ist der aktuelle Zustand des Planeten? Wo stehen wir?
 
Wir stehen an einem Kipp-Punkt, an dem sich die Zukunft der Menschheit entscheidet. Vielleicht können wir die Krise nutzen und die zerstörerische Dynamik noch in den Griff bekommen. Es gibt aber auch Krisen, die bekommt man nicht mehr in den Griff, weil man zu lange damit gewartet hat, sie wahrzunehmen und zu nutzen. Wir nennen solche Szenarien »Point-of-no-return-Situationen«. Noch ist unklar, ob dies auf die aktuelle Krisenwelle zutrifft. Grundsätzlich haben wir seit Langem zwei Probleme, die eng miteinander vernetzt sind. Eins ist der Zustand der sozialen und wirtschaftlichen Ordnung: Ein immer größerer Teil der Menschheit wird wirtschaftlich, aber auch kulturell marginalisiert und unterdrückt. Und das andere ist das ökologische Problem – die Verschmutzung und Zerstörung von allen natürlichen Lebenszyklen. Beide Bereiche müsste man aufeinander bezogen in einer Art und Weise stabilisieren, bei der sich die Gesellschaft nicht zurückentwickelt, sondern in einem dynamischen Gleichgewicht weiterentwickeln kann. Die aktuelle Situation ist eigentlich schon seit den letzten 10 000 Jahren in Vorbereitung, nämlich seitdem wir in neolithischen Zeiten angefangen haben, die Erde uns anzupassen und uns nicht länger den Bedingungen der Natur fügten. In dieser langen Geschichte der Naturkontrolle gab es immer wieder kleinere lokale Krisen. Aber diese lokalen Krisen konnte man bewältigen und dabei die kulturelle Entwicklung ohne große Korrekturen fortsetzen. Mittlerweile sind wir aber in einer Situation, wo die Menschheit fast alle Gebiete, die bewohnbar sind, besiedelt hat und alle Ressourcen, die verfügbar sind, benutzt. Die Statistiken sind bedrohlich: Wir haben seit 1950 ebenso viele Ressourcen benutzt wie in allen Zeiten davor. Und das geht so einfach nicht weiter. Also wir sind an einem Wendepunkt: einem Punkt, der lange Zeit in Vorbereitung war, aber jetzt ist er wirklich da.
 
Der Nobelpreisträger Paul Crutzen nennt das neue Zeitalter, vor dem wir stehen, das »Anthropozän«, weil wir als Menschheit zu einer geologischen Kraft geworden sind. Gleichzeitig kommen wir dabei in eine Situation, in der uns diese Macht in den Untergang treibt. Ist diese Schnittstelle der Kernpunkt der Krise?
 
Das sind gar nicht zwei verschiedene Geraden, die sich schneiden, sondern ein grundsätzlicher Vorgang. Wir sind mächtig, aber wir benutzen unsere Macht nicht nachhaltig. Das ist der Punkt. Wir gehen miteinander und mit unseren Ressourcen nicht so um, dass es so weitergehen könnte. Wir verändern, aber wir verändern es nicht so, dass es nachhaltig wäre. Macht und Verantwortung sollten zusammengehen – aber bislang haben wir nur Macht ausgeübt. Und die Verantwortung hinkt sehr langsam hinterher.
 
Steht der Mythos des Wachstums im Mittelpunkt der Krise?
 
Es geht nicht so sehr um das Für und Wider von Wachstum, sondern um die Art von Wachstum. Wir müssen vom quantitativen Wachstum wegkommen und ein qualitatives Wachstum erreichen, wo es nicht länger um den Lebensstandard geht, sondern um Lebensqualität. Meiner Meinung nach ist das westliche quantitative Wachstum eine kurze historische Phase. Es hat sich schnell auf dem ganzen Planeten ausgebreitet, ist aber nicht dauerhaft lebensfähig. Das gilt besonders dann, wenn das quantitative Wachstum an zentralistische Strukturen gebunden ist. Man muss für das Wachstum andere Lösungen finden: viel dezentralisierter, viel mehr auf regenerative Energien bauend, ganz anders strukturiert. Dieser Wandel liegt vor uns.
 
Was weiß die Systemtheorie über die Dynamik von Übergangsprozessen?
 
Wir können sehen, dass sich die Evolution nie linear, schrittweise und gleichmäßig entwickelt hat. Entwicklungen von Systemen sind dauerhaft, also nicht reversibel. Sie sind nicht-linear, also von Sprüngen durchsetzt und von chaotischen Intervallen geprägt. Wenn ein System stabil ist, können grundsätzliche Änderungen nur dann stattfinden, wenn die große Mehrzahl der das System ausmachenden Individuen sich verändert. Wenn das System aber am Rande des Chaos steht, kann das sehr schnell gehen und braucht keine Mehrheiten. Offene Systeme entwickeln sich in engem Zusammenhang mit der Umgebung. Die Erde ist ein offenes System, in das dauernd Energie in Form von Sonnenlicht einströmt und Leben ermöglicht. Je mehr wir in diesem System Materie umwandeln, benutzen und wegwerfen, desto weniger kann sich das System wieder erneuern. In einem offenen System, das immer mehr Energie nutzt und Entropie, also »Unordnung«, erzeugt, kommt irgendwann ein Punkt, wo das Ganze an die Grenze der Umwandlungsmöglichkeit kommt. Dann kommt ein System in die so genannte Bifurkationsphase, also einen Punkt, wo es sich so nicht weiter erhalten kann. Das ist eine turbulente, chaotische Phase, in der sich zwei Alternativen ergeben: Entweder das System bricht zusammen und verschwindet, oder es reorganisiert und restrukturiert sich auf einer neuen dynamischen Ebene. Und wir sind jetzt an so einem Bifurkationspunkt angelangt.
 
Wie entwickeln sich soziale lebende Systeme wie eine Gesellschaft in Krisen? Entsteht da auch ein Punkt der »Bifurkation«?
 
Meiner Meinung nach, ja. Gesellschaften befinden sich nicht außerhalb dieses Systems. Gesellschaft und Natur bilden auf diesem Planeten zusammen ein integriertes Gesamtsystem. Natürlich ist in das lebende System der menschlichen Gesellschaft sehr viel Autonomie vom natürlichen System eingebaut – aber mit dem Aspekt der menschlichen Bewusstheit auch sehr viel Willkür und Fehlentscheidung. Die Natur kann keine langfristigen Fehler machen – was nicht funktioniert, wird durch die natürliche Selektion in der nächsten Krisensituation automatisch ausgesondert. Wir hingegen können Fehler machen, lernen aus ihnen aber nicht automatisch, sondern versuchen, überholte oder falsche Ideen und Konstrukte so lange am Leben zu halten und zu verteidigen wie nur möglich. Dann aber kommt es zu einem kritischen Punkt, wo das nicht mehr möglich ist. Die menschliche Gesellschaft ist diesem kritischen Punkt ebenso ausgesetzt wie die Natur. In der Natur regelt sich das über die biologische Evolution. Bei den Menschen gibt es die kulturelle, soziale Evolution, die jetzt umso mehr gefragt ist, aber eben nicht von alleine passiert.
 
Nun sind wir ja aus dem westlichen Denken sehr daran gewöhnt, in linearen Prozessen zu denken. Und deshalb irritieren uns solche plötzlichen Disbalancen, wie wir sie jetzt in der Finanzwelt erleben. Ist ein Krisenverlauf in lebenden Systemen, und eben auch in Gesellschaften, linear?
 
Es ist vollständig nicht-linear. Ab einem bestimmten Punkt greift die so genannte »Chaosdynamik«, wo nichts mehr linear funktioniert oder berechenbar ist. Wir wissen durch Simulationen an komplexen Systemen, dass in Krisen Folgendes passiert: Bis zu diesem kritischen Punkt kann man etwas verändern. Man dreht praktisch an einem Knopf und kann beobachten, wie das System darauf unmittelbar reagiert: Dreht man mehr, dann gibt es eine größere Veränderung, dreht man weniger, dann ist sie kleiner. Plötzlich aber kommt ein Punkt, wo die so genannten Schmetterlingseffekte auftreten und winzige Einflüsse riesige Wirkungen bekommen. Das ist die typische Chaosdynamik. In der erwähnten Metapher ausgedrückt: Man dreht ganz wenig an diesem Knopf – worauf das System plötzlich entweder zusammenbricht oder ganz verändert wird.
 
Was geschieht in solchen komplexen Systemen wie Gesellschaften an diesem Kipp-Punkt? Ist das ein Schritt in den Kollaps, oder kann ein Zustand maximaler Labilität auch zu einem Durchbruch in eine neue Kultur und Gesellschaft führen?
 
Diese so genannten Bifurkationspunkte erlauben sehr viele verschiedene Ausgänge. Nur einer ist nicht möglich: der Status quo. Es ist höchst unwahrscheinlich, zu einem früheren Zustand zurückzukehren. Man muss also vorwärtsgehen. Ob der Weg nach vorne in den Abgrund führt oder aufwärts, ist jeweils offen. Welchen dieser Wege man wählt, hängt nach der System- und Chaoswissenschaft nicht von äußeren Faktoren ab. Das war ja das große Verdienst des Nobelpreisträgers Ilya Prigogine, der für seine Arbeiten an der Selbstorganisation in dissipativen Strukturen 1977 den Nobelpreis für Chemie erhalten hat. Durch ihn wissen wir, dass bei so einem Wandlungsprozess der Bifurkationspunkt weder durch die Vergangenheit des Systems bestimmt wird noch durch die Umwelt des Systems, sondern nur durch kleine Fluktuationen innerhalb des Systems, also letztlich durch die Sensibilität des Systems selbst. Das müssen wir nun auf das gesellschaftliche System übertragen, von dem wir ein Teil sind: Wir sind das System. Also ist unsere Sensibilität im Spiel. Und es kommt darauf an, ob wir kraft unserer Sensibilität durchbrechen oder zusammenbrechen. Das System wird kippen. So bleibt es nicht. Es ist durchaus möglich, dass es auf einer höheren Ebene der Organisation einen neuen dynamischen Gleichgewichtszustand, ein so genanntes Fließgleichgewicht, erreicht. Oder aber es bricht, wie ein chaotisches System das tut, in kleinere Einheiten zusammen. In gesellschaftlichen Systemen sind damit eventuell Krieg und Anarchie verbunden. Ob das passiert, hängt von uns ab. Es kommt darauf an, dass wir reagieren und vor allem zeitlich reagieren. Man muss heute umdenken, querdenken, interdisziplinär denken und weltweit anders agieren. Und das geht gewöhnlich nur, wenn man in einer Krise drin ist. Es ist aber zugleich ein gefährliches Spiel, in eine Krise hineinzugeraten. Es ist zu gefährlich abzuwarten, bis Energiepreise explodieren, Nahrungsmittel und Ressourcen ausgehen, Millionen verhungern, ethnische und soziale Konflikte zunehmen, die Umweltbedingungen sich verschlechtern. Wir müssen etwas tun, solange wir noch einen Spielraum haben.
 
Bisher haben wir ja in der Zukunftsforschung und -planung eher einen linearen Ansatz gehabt, wo Daten und Trends fortgeschrieben wurden. Lässt sich in einer komplexen Gegenwart, wie wir sie heute erleben, Zukunft überhaupt noch planen?
 
Deterministisch vorausplanen lässt sich Zukunft sicher nicht. Versucht man es, muss man ein kreatives Spiel mit dem Zufall treiben und mit gutem Fingerspitzengefühl, guten Erfindungen und mit Kreativität äußerst flexibel sein. Was wir aber tun können und was die Zukunftsforschung auch versucht, ist, Szenarios aufzuzeigen. Wir können zeigen, was passieren würde, wenn wir uns nicht verändern. Dann wird deutlich, dass all die Trends, die heute schon kritisch sind, in die Zerstörung kippen würden, ein Negativtrend den anderen beeinflussen würde und das System in einem Zusammenbruch endet. Wir können aber auch Szenarien von einem positiven Wandel entwickeln und Kriterien für Entwicklungen formulieren, die zu einem Abbau von Krisen führen. Ich habe das selber versucht und dabei festgestellt, dass positiver Wandel nicht durch deterministische, mechanistische Anweisung möglich ist. Vielmehr muss jeder Einzelne eigenständig den ersten Schritt machen, muss wissen, was notwendig ist, was die Hauptprinzipien sind – nämlich nachhaltig und friedlich zu leben – und dann erste kleine Schritte machen. Und in dieser Dynamik muss man dann immer wieder kreativ mit den sich zeigenden Chancen und dem Zufall umgehen.
 
Ich erinnere mich an diesen schönen Satz von Hazel Henderson, die einmal gesagt hat: »It is a crime to waste a crisis.« Demnach scheint sich ja Zukunft immer aus Krisensituationen zu entwickeln. Können wir in der Zivilgesellschaft heute schon solche Zukünfte finden?
 
Durchaus. Es gibt Bewegungen der Kulturkreativen, es gibt die LOHAS (»Lifestyle of Health and Sustainability«), es gibt viele neue kulturelle Ansätze. Die globale Zivilgesellschaft wächst weltweit exponentiell und experimentiert überall mit den Möglichkeiten zum Wandel. Grundsätzlich kann sich jeder Teil der Gesellschaft wandeln und verändern. Aber ganz offensichtlich ist die Sensibilität für notwendige Veränderungen und die Möglichkeit, praktische Veränderungen einzuleiten, in der Zivilgesellschaft größer. Wandel geschieht nicht bei armen Leuten. Arme Leute müssen von einem Tag zum anderen um das Überleben kämpfen. Wandel geschieht auch nicht bei den sehr Mächtigen. Denn Macht ist meistens mit dem gegenwärtigen System verbunden und dessen Nutznießer fürchten sich vor Wandel. Also liegt die große Chance für einen tiefgreifenden Wandel bei der Zivilgesellschaft. Dort könnte ein Erwachen stattfinden, neue Werte entstehen und ein Bewusstseinswandel einsetzen. Das ist meine größte Hoffnung.
 
Wenn es für eine Veränderung einen Bewusstseinswandel braucht, wie definieren Sie dann Bewusstsein?
 
Als das, was unsere Weltanschauung ausmacht. Wie denken wir über uns selbst? Wie denken wir über die Welt und unsere Beziehung zu ihr? Was nennen wir Verantwortung? Was glauben wir über Ethik und Werte? Alles das zusammen ist das menschliche Bewusstsein. Eine Kultur ist bestimmt vom Inhalt des Bewusstseins. Der Unterschied zwischen einer modernen, einer klassischen oder einer östlichen Kultur ist nicht nur die Technologie, die Macht und das Geld. Der grundsätzliche Unterschied liegt im unterschiedlichen Bewusstseinsstand der Menschen. Wir haben lange gedacht, gesellschaftlicher Wandel geschehe nur durch neue Technologien, also durch »hard factors« oder »Hardware«. Die »Software« ist auch wandlungsfähig. Die »soft factors« sind die menschliche Kultur, die menschlichen Werte, das menschliche Bewusstsein. Ein »neues Bewusstsein« ist aber nicht mehr ein rein materialistisches Bewusstsein, das alles von der Materie her ordnen will und sich in der Wirtschaft nur auf Geld und technische Ressourcen bezieht. In Zukunft werden in der Wirtschaft Vorstellungen, Werte, Ethik eine sehr große Rolle spielen, an denen sich auch die Konsumenten orientieren werden. Es geht also um eine mehr geistige, spirituelle Haltung – aber nicht im esoterischen Sinne, sondern so, dass wir uns bewusst werden, dass wir in einer Welt, die immer mehr vernetzt ist und sich immer mehr in Richtung Krise bewegt, eine verantwortungsvolle Rolle haben.
 
Liegt darin auch das kreative Potenzial, um Krisen grundsätzlich zu wenden?
 
Es gibt so was wie ein Immunsystem der Gesellschaft, wobei, wie gesagt, die Sensibilität der Zivilgesellschaft am ausgeprägtesten ist. Wenn die Gesellschaft bedroht ist, spürt dieses Immunsystem das und äußert sich in einer Art kollektivem Stress. Dieser Stress kann im schlimmsten Fall eine Art Paralyse hervorrufen. Oder er ruft eine Kreativität hervor, indem die Leute sich fragen: »Was ist zu tun? Was kann ich tun? Kann ich etwas dazu beitragen?« Die Wurzel bei dieser Sensibilität liegt im Einzelnen. Und das ist das Positive.
 
Geschieht dieser Handlungsimpuls innerhalb der parlamentarischen Demokratie oder immer öfter in anderen Strukturen, die unter der Oberfläche entstehen?
 
Es entstehen neue Strukturen. Aus der Systemtheorie wissen wir, dass ein lebensfähiges System immer mehrschichtig arbeitet, aber das muss nicht mehr hierarchisch organisiert sein – das kann auch eine so genannte »Heterarchie« sein. In einem solchen Muster trifft jede Ebene eines vielschichtigen Systems ihre eigenen Entscheidungen, die vielleicht auch Modellfunktion haben. Diese können dann auf das nächste Niveau transportiert werden und von dort aus von dem ganzen System übernommen werden. Dabei fließt die Information in beide Richtungen. In einer Hierarchie fließt die Information immer nur von oben nach unten. Von unten nach oben, von den Grassroots, kommt nur sehr wenig. Wir müssen uns also von unten so umorganisieren, dass die Nachbarschaften, die Dörfer, die Städte selbst entscheiden, was sie möchten, und sich dann auf einer regionalen Ebene zusammenschließen, die regionale Ebene in der nationalen Ebene zusammenkommt, die wiederum nur eine Zwischenstufe ist zur transnationalen Ebene, wie zum Beispiel in einer ganzen Kulturregion, wie in Europa oder im indischen Subkontinent oder in Nord- oder in Südamerika. Und diese interregionalen Vereinigungen müssen sich dann auf der globalen Ebene zusammenschließen. Momentan ist systemtheoretisch gesehen das größte Problem, dass die 192 Mitgliedsstaaten der UNO so unterschiedlich sind. Da gibt es Großmächte, reiche, arme, wenig und viel Bevölkerung – mit diesen Verschiedenheiten kann man kaum kooperative Programme entwickeln, besonders dann, wenn ein jeder nur seine eigenen Interessen vor Augen hat. Wir brauchen also wahrscheinlich ein mehrschichtiges »heterarchisches« System, das durch die Informationstechnik heute sehr wohl möglich wäre. Europa ist am fortschrittlichsten auf diesem Gebiet – aber die anderen Regionen könnten sich ähnlich zusammenschließen. Dann wäre die UNO statt ein Club von nationalen Einheiten ein Forum für interregionalen Dialog und hätte ihre Basis an den Grassroots der Welt-Gesellschaft.
 
Was kann der Einzelne auf seiner persönlichen und auf seiner wirtschaftlichen Ebene tun?
 
In einer hoch vernetzten Welt sind immer mehr Menschen Teil eines Informationsflusses, in dem sie durch ihr eigenes Verhalten wirken und sehr viel bewegen können – als Konsument zum Beispiel. Es beeinflusst das ganze Wirtschaftssystem, was man verantwortlich kauft und wie man es nachhaltig gebraucht. Das individuelle Verhalten auf der politischen Ebene, was für Meinungen man hat, wie man wählt, an was für einer Bewegung man teilnimmt, welcher NGO man angehört, bewegt viel, hat Vorbildcharakter und wird nachgemacht. Auf dieser Ebene entsteht alles Neue, was notwendig ist. Und von woanders her können wir Wandlungen eigentlich auch nicht erwarten. Die Führungskräfte auf den oberen Ebenen der Hierarchien werden sich nur dann bewegen, wenn sie sehen, dass die Bevölkerung sich bewegt.
 
Durch unsere traditionellen Glaubenssätze sind wir bislang meist davon überzeugt, hilflose Opfer zu sein, die nicht in der Lage sind, das System zu wandeln. Verhindern solche Mythen unsere Fähigkeit, adäquat zu reagieren?
 
Absolut! Es ist Aufgabe der Kultur, sie immer wieder infrage zu stellen. Einer der folgenschwersten Glaubenssätze ist zu glauben, dass alle Menschen isolierte Individuen seien: separat, für sich selbst und nur ganz zufällig mal mit anderen verbunden. Dahinter steht die philosophische Idee, dass wir in unseren Körper eingeschlossen sind, allein sind und alles andere »Außen« ist. Das ist ein sehr gefährlicher Glaubenssatz und Teil einer von Galileo, Kepler und Newton begründeten mechanistischen Denkweise, nach der das große Ganze sich aus der nur mechanistischen Verbindung vieler kleiner Teile ergibt. In der menschlichen Gesellschaft glauben wir entsprechend, dass hier »der Markt« alles wie eine Maschine arrangiere, so dass am Ende – wenn ich mich für mein eigenes Interesse einsetze – es früher oder später auch den anderen nutzen werde. Die organismische Denkweise ist hingegen etwas ganz anderes.
 
Passt da hinein auch der Mythos der »unsichtbaren Hand«, die auf dem Markt angeblich die Balancen herstellt? Wir stehen jetzt ja vor der Situation, dass diese Balance völlig weggekippt ist und die unsichtbare Hand sich als nicht vorhanden erwiesen hat.
 
Die »unsichtbare Hand« war schon immer eher ein unsichtbarer Fuß, der alles tritt, was nicht systemkonform handelt. Der Marktmechanismus funktioniert nur, wenn das Spielfeld eben ist – das heißt, alle mehr oder weniger dieselbe Chance haben. Dann kann man auf dem Markt spielen und nach einer gewissen Periode können dort auch die Gewinne gleichmäßig verteilt werden. Aber wenn einer alle Karten in der Hand hat – und damit mehr Macht, mehr Geld hat -, dann arbeitet der Markt im Interesse der Mächtigen. Das sehen wir heute in der Konzentration von Geld und Macht. Die Reichen werden reicher. Zwar gab es die Finanzkrise, aber die Konzentration bleibt – und die Macht ebenfalls. Und die Menschen machen das mit, weil sie nach wie vor an den Mythos »Geld macht glücklich« glauben. Auch das ist ein überholter Glaubenssatz und steht im Widerspruch zu wissenschaftlichen Forschungen, in denen man herausgefunden hat, dass ab einem gewissen Punkt das Gegenteil der Fall ist. Geld ist nur bis zu einem gewissen Punkt nützlich. Danach muss man umschalten auf das, was für ein glückliches Leben wirklich wichtig ist – und das heißt Qualität.
 
Kann man die kulturellen Mythen einfach umkehren? Die Ansätze sind ja bekannt, aber sie werden bislang nicht geglaubt, nicht umgesetzt, nicht als neues Paradigma akzeptiert?
 
Es gibt zwei wichtige Trends des Wandels. Einer kommt aus der Zivilgesellschaft und einer sich dort entwickelnden neuen Kultur. Dort entwickelt sich ein großes Interesse für das Wissen traditioneller Kulturen, dort wird der Wert der Meditation für ein verbundenes, ruhiges Leben wiederentdeckt. Hier kommen die Impulse von unten, von den Grassroots. Auf der tiefsten Ebene sind das Impulse für die Entdeckung, dass wir auch etwas Gemeinsames haben und zur Natur gehören. Die anderen starken Impulse kommen sozusagen von oben – von der wissenschaftlichen Seite. Die neue Wissenschaft – angefangen mit der Quantenphysik, aber auch der Kosmologie, der modernen Gehirnforschung und der neuen Biologie – zeigt, wie Systeme voneinander abhängen, sich gegenseitig hervorbringen, sich selbst korrigieren und viel komplexer sind als angenommen. Dort wird heute nachweisbar, dass wir die Welt nicht nur durch unsere Augen und Ohren, sondern auch durch Gefühle und kraft unserer Intuition wahrnehmen. Wir haben Instinkte, die uns mit der Welt verbinden. Jetzt sehen wir: Es gibt sehr viel mehr Informationen, die wir von der Welt empfangen, als wir dachten. Die Quantenphysik zeigt, dass alle Quanten und Atome miteinander verbunden sind und über große Entfernungen aufeinander reagieren. Mittlerweile wird in der Quantenbiologie, der Gehirnforschung und Psychiatrie deutlich, dass diese Quantenresonanzeffekte nicht auf die Mikroebene beschränkt sind, sondern auf der Ebene der lebenden Welt Auswirkungen haben. Es gibt experimentelle Beweise dafür, dass Quanteneffekte überall in den Zellen und im Gehirn stattfinden. Jüngst hat man entdeckt, dass auch bei der Photosynthese Quanteneffekte da sind. Das heißt, der Ursprung des Lebens auf dieser Erde wäre ohne Quanteneffekte gar nicht möglich gewesen.
Sind solche Erkenntnisse – vergleichbar mit der »Gegenkultur« – eine »Gegenwissenschaft«? Oder sind wir an einer Grenze, wo solche Positionen zum wissenschaftlichen Mainstream werden?
 
Wir sprechen hier schon noch von der vordersten Front der wissenschaftlichen Erkenntnis, dem cutting edge. Es ist ein verhältnismäßig langsamer Prozess, bis sich neue Paradigmen im Mainstream durchsetzen und schließlich auch überall an den Universitäten gelehrt werden. Aber auf der führenden Ebene hat er schon längst begonnen. Und ich glaube, innerhalb weniger Jahre wird es auch im Mainstream der Wissenschaft angekommen sein.
 
Wovon spricht die Systemtheorie, wenn sie von »Systemen« spricht?
 
Jeder Organismus ist ein System. Aber es gibt natürlich auch Systeme, die keine biologischen Organismen sind. Es gibt Galaxien, die Systeme sind, es gibt molekulare Einheiten oder Ökosysteme, die nicht Organismen als solche sind, aber es sind Systeme. Menschliche Kulturen, menschliche Gemeinschaften sind Systeme, die ganze Menschheit, die ganze Einheit von Menschheit und Natur auf diesem Planeten bilden ein sich selbst regulierendes System. Aber es ist kein Organismus im engsten Sinne des Wortes. Ein System ist formal die Summe seiner Teile. Aber zugleich ist es mehr: nicht eine einfache Summe, sondern ein zusammengesetztes Ganzes, das das System als Ganzes regelt.
 
Kann man zwischen individueller und kollektiver Entwicklung unterscheiden?
 
Jedes System ist ein Holon, sowohl ein Teil als auch ein Ganzes. Also ist es aus der einen Richtung gesehen ein Subsystem oder ein Teil von einem größeren System. Von der anderen Richtung gesehen ist es aber zugleich ein ganzes System, das seine eigenen Subsysteme hat: Natürlich ist der Mensch ein übergeordnetes ganzes System, wenn man ihn von seinen Organen, Zellen, Molekülen und Atomen aus sieht. Aber er ist natürlich von der Familie, von den Gemeinschaften, von der Natur, von der Biosphäre und auch von dem Kosmos aus gesehen ein Subsystem. Man kann also nicht sagen, dass nur eine Gesellschaft ein ganzes System ist und das Individuum nur ein Teil. Das Individuum ist auch ein ganzes System und seine Organe und seine Zellen sind die Teile. In diesen komplexen zusammengesetzten Systemen hat auf der organisatorischen Ebene der Selbsterhaltung immer das übergeordnete System den höchsten Wert. Das Ganze regelt sich so, dass die Teile eine gewisse Freiheit haben, sich fügen, aber sich zusammen so fügen, dass das obere System, also das Supersystem sich erhält. Das ist die große Herausforderung auch beim Konkurrenzkampf, dass man nicht so konkurrieren darf, dass man das ganze System, das man gemeinsam bildet, zugrunde richtet.
 
Was bedeutet dieses Bild für eine nachhaltige Zukunft?
 
Man kann vieles davon ableiten. Zum Beispiel, dass es nicht einfach nur ein Wertsystem gibt, das aus einem System erwächst, sondern ein ganzes hierarchisches System von Werten. Deutlich wird dabei auch, dass der Mensch nicht das höchste System auf dieser Erde ist. Das höchste System sind eben Mensch und Natur zusammen. So eine Sichtweise steht im deutlichen Gegensatz zu einer Sichtweise isolierter Individuen. Im Extrem entsteht aus der mechanistischen Sicht ein Egoismus, der nicht auf seine Umgebungssysteme achtet und zu einer Art Krebs für das größere System mutiert, weil er nur für sich selbst wächst. Andere Systeme könnten im Extrem aber auch eine für das Individuum gefährliche selbst aufopfernde Haltung einnehmen, wo eben gesagt wird: Das System ist alles, und ich muss mich opfern, wenn das System es so will. Gefragt ist deshalb ein gesundes Verhältnis zwischen diesen Extremen, wo man sich selbst innerhalb eines Rahmens verwirklicht, in dem andere sich auch verwirklichen können. Und wo sich gleichzeitig das System, das man mit den anderen bildet, weiterentwickeln kann.
 
Wie determinierend sind dann nach den Gesetzen der Systemtheorie unsere Möglichkeiten, ein System umzugestalten?
 
Man hat im Systembild ein organisiertes, sich selbst entwickelndes Ganzes. Darin gibt es so etwas wie einen Makrodeterminismus und eine Mikrofreiheit. Das heißt, das Ganze ist einigen Prinzipien unterstellt. So gibt es zum Beispiel das Prinzip der Homöostase im Körper, wo eine Selbsterhaltung in fließender Balance funktioniert, um das Leben möglich zu machen. Wie diese Balance aber hergestellt wird, ist von dem Ganzen nicht determiniert. Verschiedene Zellen des Körpers können sich anpassen oder Arbeit teilen. Also ist das Ganze als solches ein fast determiniertes System, aber seine Teile haben unter sich eine Bewegungsfreiheit, um selbst die notwendigen Funktionen zu erfüllen.
 
Hat dann das größere System, das den Menschen umschließt, eine eigene Intelligenz, eine eigene Seele oder ein eigenes Bewusstsein?
 
Die Naturwissenschaften haben große Mühe mit Begriffen wie der Seele. Aber man darf sie deshalb nicht ausklammern und sagen, sie existieren nicht. Sondern man muss die Stelle finden, an der bei bestimmten komplexen Systemen Eigenschaften auftreten, die geistig oder seelenartig sind. Vielleicht reichen die Wurzeln solcher Phänomene in einfachere Systeme zurück. Aber sie treten erst bei einem bestimmten Komplexitätsgrad in Erscheinung. Sicher ist: Dort, wo es ein Bewusstsein gibt, gibt es auch Elemente der Geistigkeit, der Seele und so weiter. Ich würde von der naturwissenschaftlichen Seite her nicht sagen, dass die Seele etwas Übernatürliches ist, sondern es ist eine Erscheinung, die innerhalb der Evolution in natürlichen Systemen in Erscheinung tritt.
 
Dann hätten komplexe Systeme eine Art von kollektiver Intelligenz?