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Kathleen Tessaro

Debütantinnen

Roman

Aus dem Englischen
von Elvira Willems

GoldmannManhattan_innen.tif

Buch

Die junge Kunsthistorikerin Cate hat sich bislang in New York damit über Wasser gehalten, Repliken von alten Meistern anzufertigen. Doch als sie durch eine Affäre in finstere Machenschaften hineingezogen wird, entschließt sie sich, nach London zu ihrer Tante Rachel zu flüchten und unter die Schrecken der jüngsten Zeit einen Schlussstrich zu ziehen. Rachel, die ein Auktionshaus besitzt, hat für Cate auch gleich einen spannenden Job: Sie soll zusammen mit Rachels Kollegen Jack nach Devon in das gregorianische Anwesen von Endsleigh fahren, um dort Antiquitäten zu katalogisieren. Doch in Endsleigh findet Cate nicht nur kostbare Möbel, sondern auch eine alte Schachtel, die rätselhafte Schätze birgt: Tanzschuhe aus den 1930ern, eine Brosche, das Foto eines jungen Matrosen, eine Ballkarte und ein Armband von Tiffany’s. Cate begibt sich auf die Spur der damaligen Bewohner des Hauses, zwei Schwestern, die einst als Debütantinnen für Furore gesorgt haben, und stößt auf ein Geheimnis über eine verbotene, leidenschaftliche Liebe …

Autorin

Kathleen Tessaro ist in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren, machte eine Ausbildung zur Tänzerin und Schauspielerin und ging später nach London. Sie schrieb etliche Erzählungen, bis sie in einem Antiquariat auf eine Ausgabe von »Elégance« stieß, jenen Stilratgeber, den Geneviève Antoine Dariaux, die ehemalige Directrice von Nina Ricci in Paris, in den sechziger Jahren verfasste. Von diesem Buch inspiriert entstand Kathleen Tessaros enthusiastisch gefeierter Debütroman »Elégance«.

Kathleen Tessaro lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in London.

Von Kathleen Tessaro außerdem bei Goldmann lieferbar:

Elégance. Roman (46073)
Der Flirt. Roman (54279)

Die Originalausgabe erschien 2010
unter dem Titel »The Debutante«
bei HarperCollins Publishers, London

1. Auflage
Deutsche Erstveröffentlichung Dezember 2010
Copyright © der Originalausgabe 2010 by Kathleen Tessaro
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München,
nach einer Vorlage von Amanda Kain
Umschlagillustration: Kynala/Shutterstock Images
und leador/Shutterstock Images
Redaktion: Ilse Wagner
KA
- Herstellung: Str.
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-04606-4

www.goldmann-verlag.de

Für Annabel

Gefährlich ist die Stille solcher Stunden;
Das Schweigen gibt der vollen Seele Raum
Sich ganz zu öffnen, während ihr entwunden
Zu Boden sinkt der Selbstbeherschung Zaum;
Schönheit und Wonne strömen sanft verbunden
Im Silberschimmer über Burg und Baum
Und auch ins Herz, bis du versunken bist
In müde Sehnsucht, die kein Ruhen ist.

Lord Byron, Don Juan


Lord Byrons Werke,
übersetzt von Otto Gildemeister, Band 5, Berlin, 1877.

ERSTER TEIL

* * *

Im Herzen der City of London, versteckt zwischen den verwinkelten Straßen hinter dem Gray’s Inn Square und der Holborn Station, liegt ein schmaler Durchgang, bekannt unter dem Namen Jockey’s Fields, ein holpriges Gässchen, in dem sich seit dem Großen Brand von London nicht viel verändert hat. Regency-Kutschen wurden von viktorianischen Droschken abgelöst, und heute rasen Fahrradkuriere das abfallende Kopfsteinpflaster hinunter, jagen zwischen den Fußgängern hindurch.

Es war Anfang Mai und für die Jahreszeit ungewöhnlich heiß − erst neun Uhr am Morgen und schon vierundzwanzig Grad. Die weiße Kuppel der St. Paul’s Cathedral prangte in der Ferne vor einem wolkenlos blauen Himmel. Auf den Bürgersteigen drängte sich das Heer der Berufstätigen, die aus der nahe gelegenen U-Bahn-Station strömten − junge Frauen in sorbetfarbenen Sommerkleidern, Männer in Hemdsärmeln, Jackett über dem Arm, einen Becher mit starkem Kaffee in der einen Hand, die Zeitung in der anderen −, und der Rhythmus ihrer Absätze trommelte unablässig über das Pflaster.

Jockey’s Fields Nummer 13 war ein schiefes georgianisches Gebäude, vor vielen Jahren mit einem schwarzen Anstrich versehen, der dringend der Erneuerung bedurft hätte, eingezwängt zwischen einem Wettbüro und einer Anwaltskanzlei. Die Tür des Auktionshauses Deveraux & Diplock wurde in der Hoffnung, eine Bö frischer Morgenluft in das Ladenlokal zu locken, von einem kleinen chinesischen Elfenbeinmops offen gehalten, der wahrscheinlich aus dem achtzehnten Jahrhundert stammte, aber äußerst reparaturbedürftig war. Goldene Sonnenstrahlen schienen durch die bleiverglasten Fenster, Staub trieb, in den Sonnenstrahlen deutlich sichtbar, durch die Luft und legte sich auf das einst glanzvolle, inzwischen leicht schäbige Interieur eines der weniger bekannten Auktionshäuser Londons. Der Orientteppich, ein exquisites handgeknüpftes Exemplar aus dem Norden Pakistans aus dem letzten Jahrhundert, war fadenscheinig. Die Pflanzgefäße aus Delfter Porzellan, die den Kaminsims schmückten und aus denen stark duftende Hyazinthen quollen, waren ein bisschen zu angeschlagen, um sich noch mit Gewinn verkaufen zu lassen, die Sitze der lederbezogenen Clubsessel am Kamin hingen fast bis zum Boden durch, und ihre Federn stachen durch die Rosshaarfüllung. Canaletto-Reproduktionen hingen neben gar nicht mal so schlechten Aquarellen längst toter Landhaus-Ladys: Landschafts- und Blumenstudien und naive Versuche in Kinderporträts. Denn an Deveraux & Diplock wandten sich diejenigen einst aristokratischen Familien, deren Vermögen nicht mehr Schritt hielt mit der zahlreichen Nachkommenschaft und die ihre Familienerbstücke schnell und diskret verkaufen wollten, um sie nicht in den öffentlichen Katalogen von Sotheby’s und Christie’s abgedruckt sehen zu müssen. Mund-zu-Mund-Propaganda hatte sie bekannt gemacht, und sie hatten sich den Ruf erworben, seit Jahrzehnten mit denselben europäischen und amerikanischen Antiquitätenhändlern zusammenzuarbeiteten. Sie boten eine aussterbende Dienstleistung für eine aussterbende Klasse, eine Art Bestattungsunternehmen für Antiquitäten, geleitet von Rachel Deveraux, deren verstorbener Mann Paul das Geschäft übernommen hatte, als das Paar vor sechsunddreißig Jahren geheiratet hatte.

Rachel, eine Zigarette in einer langen Perlmuttzigarettenspitze zwischen den Fingern, die sie bei der Räumung des Guts eines verarmten Filmstars aus den 1920er Jahren erworben hatte, saß an ihrem riesigen Rollpult und betrachtete nachdenklich den Papierberg vor sich. Sie war siebenundsechzig Jahre alt und mit ihren großen braunen Augen und dem wissenden, entwaffnenden Lächeln immer noch auffallend schön. Ihr Kleidungsstil war unorthodox, sie trug wallende Schichten aus modernen, asymmetrischen, japanisch inspirierten Gewändern. Und sie hatte eine Schwäche für rote Schuhe, die im Laufe der Jahre zu ihrem persönlichen Markenzeichen geworden waren − heute waren es Ferragamo-Pumps, zirka 1989. Sie schob sich ihr dichtes silbergraues Haar aus dem Gesicht und schaute zu dem großen, gut gekleideten Mann auf, der vor ihr auf und ab tigerte.

»Es wird lustig, Jack.« Sie atmete aus, ein langer Rauchfaden stieg auf und schwebte um ihren Kopf wie ein Gespenst. »Betrachte sie als Kameradin, als jemanden, mit dem du reden kannst.«

»Ich brauche keine Hilfe. Ich schaffe das ganz gut allein.«

Obwohl er die vierzig überschritten hatte, erweckte Jack Coates den Eindruck von Jugendlichkeit. Schlank, mit eleganten, adlerartigen Zügen, dichten Wimpern um indigoblaue Augen, bewegte er sich mit der Anmut eines Tiers. Sein dunkles Haar war kurz gehalten, sein gut geschnittener Leinenanzug makellos gebügelt, doch unter seinem polierten Äußeren pulsierte eine rohe, unberechenbare Energie. Er war ein Mann, der unablässig nach seiner eigenen Definition seiner selbst strebte. Stirnrunzelnd blieb er stehen und trommelte mit den Fingern auf den Aktenschrank.

»Ich mache es lieber allein. Es gibt nichts Langweiligeres, als sich mit Fremden zu unterhalten.«

»Die Fahrt dauert drei Stunden.« Rachel lehnte sich zurück und beobachtete ihn. »Wenn ihr dort seid, ist sie wohl kaum noch eine Fremde.«

»Ich würde lieber allein fahren«, sagte er noch einmal.

»Das ist das Problem mit dir. Du machst lieber alles allein. Das ist nicht gut für dich. Abgesehen davon«, sie streifte ein wenig Asche in eine leere Teetasse, »ist sie sehr hübsch.«

Er schaute auf.

Sie zog eine Augenbraue hoch, und die Andeutung eines Lächelns umspielte ihre Lippen.

»Und wenn schon?« Er schob die Hände in die Taschen und wandte sich ab. »Vielleicht sollte ich dich darauf hinweisen, dass wir hier nicht in einem kleinen russischen Dorf zur Jahrhundertwende sind und du keine alternde jüdische Heiratsvermittlerin bist, die sich mühsam damit durchschlägt, dass sie Fremde zusammenbringt und einen Ring dazutut. Wir sind in London, Rachel. Das Millennium dämmert herauf. Und ich bin durchaus in der Lage, die Arbeit allein zu erledigen, die ich die letzten vier Jahre auch allein erledigt habe − ohne die Assistenz deiner jungen Nichte, frisch aus New York, die an mir dranklebt.«

Rachel versuchte es mit einer anderen Taktik.

»Sie ist Künstlerin. Sie kann dir helfen. Sie hat ein ausgezeichnetes Auge.«

Er schnaubte.

»Sie hat eine harte Zeit durchgemacht.«

»Was sich grob in Sie hat sich von ihrem Freund getrennt übersetzen lässt? Wie gesagt, ich brauche keine Gesellschaft. Und erst recht keine trübsinnige Kunststudentin, die die ganze Zeit am Telefon hängt und sich mit ihrem Liebhaber streitet.«

Rachel drückte die Zigarette aus und holte ihre Lesebrille hervor. »Ich habe ihr schon gesagt, dass sie mitfahren kann.«

Er wirbelte herum. »Rachel!«

»Es ist ein großes Haus, Jack. Selbst zu zweit werdet ihr Tage brauchen, das ganze Inventar zu evaluieren und zu katalogisieren. Und ob du es zugeben willst oder nicht, du brauchst Hilfe. Du musst dich weder ausführlich mit ihr unterhalten, noch ihr dein Innerstes öffnen. Aber wenn du es über dich bringen würdest, höflich zu sein, würdest du vielleicht bemerken, dass es tatsächlich netter ist, nicht alles allein zu machen.«

Er lief hin und her wie ein Tier im Käfig. »Nicht zu fassen, dass du das gemacht hast!«

»Was?« Sie warf ihm über den Rand ihrer Brille einen strengen Blick zu. »Dass ich dir eine Assistentin besorgt habe? Ich bin deine Arbeitgeberin. Abgesehen davon ist sie klug. Sie hat am Courtauld Institute of Art studiert, am Chelesa College of Art and Design und am Camberwell College of Arts …«

»Wie viele Kunsthochschulen braucht der Mensch?«

»Nun«, sie grinste vielsagend, »angenommen wurde sie überall mit Kusshand.«

»Das ist nicht besonders hilfreich.«

Sie lachte. »Betrachte es als Abenteuer!«

»Ich will kein Abenteuer.«

»Sie hat sich verändert.«

»Ich arbeite allein.«

»Tja«,Rachel blätterte auf der Suche nach etwas in den Stapeln mit Rechnungen und Quittungen, »und jetzt hast du eine Assistentin, die dir hilft.«

»Das ist Nepotismus, schlicht und ergreifend!«

Sie schaute auf. »Bei Katie ist nichts schlicht und ergreifend. Je eher du das begreifst, desto leichter wird es.«

»Was hat sie überhaupt in New York gemacht?«

»Weiß ich nicht so genau.«

»Ich dachte, ihr würdet euch nahestehen.«

»Ihr Vater war gerade gestorben. Er war jung, Alkoholiker. Sie wollte einen Neuanfang, und wir hatten Verbindungen dort; Paul kannte ein oder zwei Händler, die bereit waren, ihr dabei zu helfen, sich freizuschwimmen. Tim Billes, Derek Constantine …«

»Constantine?« Jack blieb stehen. »Ich dachte, der würde sich nur um die Superreichen kümmern.«

»Ja, nun. Er hat sie ins Herz geschlossen.«

»Jede Wette!«

Sie warf ihm einen scharfen Blick zu. »Ich glaube nicht, dass er derlei Neigungen hat.«

»Ich bin überzeugt, dass seine Neigungen immer dahingehen, wo das Geld ist, und das macht ihn mir nicht unbedingt sympathischer.«

»New York ist keine Stadt, in die eine junge Frau einfach so hineinspazieren kann. Man braucht Kontakte.« Sie öffnete die oberste Schreibtischschublade und kramte darin herum. »Ich kann nur raten, aber ich nehme an, du kannst ihn nicht leiden.«

»Mein Vater hatte mal mit ihm zu tun. Vor Jahren. Also …«, er wechselte das Thema, »sie wohnt bei dir, oder?«

»Vorerst. Ihre Mutter lebt in Spanien.« Sie seufzte, und ihre Züge verhärteten sich. »Sie ist so anders. So durch und durch, vollkommen verändert. Ich hatte seit Monaten nichts von ihr gehört … nicht einmal ein Anruf, und aus heiterem Himmel war sie da.«

Plötzlich schoss, wie eine gigantische Wespe summend, in halsbrecherischem Tempo ein Fahrradkurier an der Tür vorbei.

»Gütiger Himmel!« Jack drehte sich um und sah, wie er beinahe zwei junge Frauen umriss, die aus einem Café kamen. »Die sind eine echte Gefahr. Eines Tages passiert noch was!«

»Jack.« Rachel legte ihre Hand auf die seine und schenkte ihm ihr einnehmendstes Lächeln. »Tu’s für mich, ja? Ich glaube, es wird ihr guttun; eine Reise aufs Land, Zeit mit jemandem, der eher in ihrem Alter ist.«

»Ha!« Er drückte leicht ihre Finger, bevor er seine Hand zurückzog. »Ich bin kein Babysitter, Rachel. Wo ist dieses Haus überhaupt?«

»In Devon, an der Küste. Endsleigh. Hast du je davon gehört?«

Er schüttelte den Kopf. »Du weißt doch, dass ich nicht … besonders gut mit Menschen umgehen kann.«

»Vielleicht. Aber du bist ein guter Kerl.«

»Ich bin ein komischer Kauz«, verbesserte er sie und ging zum Kamin hinüber.

»Sei unbesorgt, Katie wird dir keine Schwierigkeiten machen, versprochen. Vielleicht findest du ja sogar Spaß daran.« Sie erhaschte seinen Blick in dem Spiegel über dem Kaminsims. Ihre Stimme wurde weicher. »Du musst dir jetzt ein bisschen Mühe geben.«

»Ja, das kriege ich öfter zu hören.«

Rachel schwieg. Eine Brise ließ die Papiere auf dem Schreibtisch rascheln.

»Na schön«, schloss Jack, nahm seine Aktentasche von dem durchgesessenen Ledersessel, auf dem er sie abgestellt hatte, und eilte zur Tür. »Ich habe zu arbeiten.«

»Jack …«

»Sag deiner Nichte, wir fahren morgen früh um halb neun los.« Er drehte sich um. »Und ich vergeude nicht den ganzen Vormittag damit, auf sie zu warten, sie sollte also fertig sein. Oh«, er hielt auf der Schwelle inne, »und wir werden auf dem Weg runter Die Hochzeit des Figaro hören, Konversation ist also nicht vonnöten.«

Sie lachte. »Und wenn sie keine Opern mag?«

»Sie muss ja nicht mitkommen!« Er winkte, wandte sich ab und verlor sich rasch in dem Strom der Passanten auf Jockeys Fields.

Rachel setzte ihre Brille ab und rieb sich die Augen. Sie schmerzten, sie hatte in der Nacht nicht gut geschlafen.

Sie kramte in ihrer Handtasche nach ihren Zigaretten.

Diese Arbeit tat ihm nicht gut. Er sollte irgendwo sein, wo er unter Menschen war, mitten im prallen Leben, und nicht die Habseligkeiten von Toten sortieren. Vielleicht sollte sie eine Sekretärin einstellen. Eine gut gelaunte junge Frau, die ihn aus der Reserve lockte. Vielleicht eine Rothaarige?

Ertappt lächelte sie. Er hatte recht, sie war keine jüdische Heiratsvermittlerin.

Sie wirbelte auf ihrem Stuhl herum und blätterte auf der neuerlichen Suche nach der Telefonnummer die Papierstapel durch. Ihr verstorbener Mann hatte immer behauptet, eines Tages würde ihr ausgesprochen unverwechselbares Ablagesystem sie im Stich lassen. Doch dieser Tag war nicht heute, denn heute musste sie unbedingt mit ihrer Schwester Anna sprechen. Besonders jetzt, da Katie zurückgekommen war. Annas starke Seite war die Rolle der Matriarchin. Rachel war für die Boheme zuständig, Anna für das Häusliche. So war es immer schon gewesen. Wenigestens war es so gewesen, bis Anna vor kurzem in eine Kleinstadt in der Nähe von Malaga gezogen war, wodurch sich Rachel unerwartet im Stich gelassen und seltsam gekränkt fühlte. Ihr Schock war ganz und gar egoistisch, das war ihr durchaus bewusst. Ihre Schwester hatte es gewagt, ihr zerfleddertes Rollenbuch abzuändern, ohne sie vorher zu Rate zu ziehen, und hatte ihr altes Leben abgelegt wie ein Gewand, das vom zu häufigen Tragen formlos geworden war und nicht mehr richtig saß.

»Ich habe London satt«, hatte Anna erklärt, als Rachel ihr half, den Inhalt der vor zweiundzwanzig Jahren in Highgate gekauften Wohnung zusammenzupacken. »Ich will neu anfangen, ganz woanders, wo mich niemand kennt.«

An diesem Tag war sie vom Optimismus eines Kindes erfüllt gewesen und von einer Zielstrebigkeit und einer Energie, die Rachel seit Jahren nicht mehr an ihr erlebt hatte. Insgeheim hatte Rachel sie um ihren Mut, ihre Waghalsigkeit und ihre Sicherheit beneidet. Anna hatte kein leichtes Leben gehabt. Der Mann, den sie geheiratet hatte, hatte sich als Versager erwiesen, der zu einem verzweifelten, unzuverlässigen Alkoholiker mutiert war. Anna hatte alles getan, um Katie allein großzuziehen, hatte ihr Schweigen und ihre Auflehnung erduldet, gefolgt von ihrer plötzlichen Flucht nach Amerika. Kein Wunder, dass Anna das Weite gesucht hatte. Und sie verdiente ein neues Leben in einem Land, das in Sonne und warmer, mediterraner Lebhaftigkeit badete. Trotzdem war Rachel, als Anna sie in der Woche zuvor angerufen hatte, kurz angebunden gewesen, mürrisch. Mit dem festen Vorsatz, sie später in ihr Adressbuch zu übertragen, hatte sie Annas Nummer auf einen Fetzen Papier gekritzelt. Jetzt war später, und sie fand das verdammte Ding einfach nicht.

Moment mal. Was war das denn?

Sie zog an etwas, dessen Ecke unter einem Stapel alter Mehrwertsteuerformulare hervorlugte.

Eine Postkarte.

Auf den ersten Blick schien es Ingres berühmtes Gemälde Die große Odaliske zu sein. Doch bei näherer Betrachtung waren die blauen Augen der sich zurücklehnenden Kurtisane blassgrün übermalt, dasselbe klare Blassgrün wie Katies Augen. Eine Hälfte des Gesichts war in Schatten getaucht, die andere in Licht. Ihr Blick war scheu und couragiert zugleich, ihre Direktheit eine Maske, hinter der sie sich versteckte. Rachel drehte die Postkarte um und entdeckte auf der Rückseite eine Nachricht in Katies fast hieroglyphischer Handschrift.

Porträt der Künstlerin
xx K

Unten am Rand stand: Die echte Fälschung: Originalreproduktion von Cate Albion.

Cate. Sie hatte alles geändert, was sich ändern ließ − ihren Namen, ihre Haarfarbe, sogar ihren Beruf. Die Reproduktionen alter Meister, die sie jetzt machte, waren himmelweit entfernt von den riesigen Triptychen, die sie in der Kunsthochschule produziert hatte, voller Zorn und überraschender Kraft. Andererseits hatte ein Teil ihrer Begabung von jeher darin gelegen, sich selbst ständig neu zu erfinden, eine breite Palette von Stilen und Ikonografien zu plündern, und zwar mit schier beängstigender Skrupellosigkeit und Geschwindigkeit.

Nichts an Katie war schlicht und ergreifend. Selbst ihre Karriere war von Illusion und Doppeldeutigkeiten überlagert.

Es war nicht das, wonach sie gesucht hatte, doch Rachel schob die Karte nachdenklich in die große lederne Handtasche zu ihren Füßen.

Die echte Fälschung.

Als Kind war Katie schüchtern gewesen, introvertiert; sie war einem vorgekommen wie aus Glas. Doch wenn plötzlich etwas kaputt war, wenn irgendwo etwas fehlte, dann hatte ausnahmslos sie dahintergesteckt. Oder wenn − später − irgendwo eine Party gefeiert wurde, während die Eltern nicht da waren, war es, wie sich herausstellte, immer Katies Idee gewesen. Das Mädchen, das nicht nur hinter dem Fahrradschuppen an der Schule beim Rauchen erwischt wurde, sondern auch beim Verkauf von Zigaretten? Katie. Ein Feuer − ein gewisser Anflug von Mutwillen, der stetig und tief unter der Oberfläche brannte und bei jeder sich bietenden Gelegenheit aufflammte. Überraschend, verrückt, oft witzig und paradox.

Rachel dachte wieder an die verlorene junge Frau, die durch ihre Wohnung in Marylebone schlich. So still, so unsicher.

Als sie Katie gefragt hatte, was sie nach London zurückgebracht hatte, hatte die nur die Achseln gezuckt. »Ich brauche mal eine Pause. Einen klaren Blick.« Dann hatte sie sich zu Rachel umgewandt, hatte plötzlich große Augen gemacht, nervös. »Es macht dir doch nichts aus, oder?«

»Nein, nein, natürlich nicht«, hatte Rachel ihr versichert. »Du kannst bleiben, so lange du willst.«

Danach hatte sie das Thema nicht mehr aufgegriffen. Doch der Ausdruck auf Katies Gesicht hatte sie eine Weile verfolgt.

Rachel zündete sich eine neue Zigarette an, stützte das Kinn in die Hand und nahm einen tiefen Zug.

Es sah Katie gar nicht ähnlich, ängstlich zu sein.

Verschlossen, ja.

Aber ängstlich? Niemals.

*

Jack fuhr in seinem ganzen Stolz, einem alten Triumph, Baujahr etwa 1963, vor der Upper Wimpole Street Nummer 1a vor. Auf der obersten Stufe stand eine junge Frau, schlank, die Haare zu einem eleganten Bob geschnitten, weißblond in der frühen Morgensonne. Ihr Gesicht war oval, ihre Augen grün, ihre Haut von einer leichten Sonnenbräune. Sie trug ein helles Leinenkleid, Sandalen und eine cremefarbene Kaschmirstrickjacke. In einer Hand hatte sie einen Handkoffer und in der anderen eine klassische Kelly-Bag von Hermès in leuchtendem Orange. An ihren zarten Handgelenken klimperten silberne Armreifen, und um den Hals trug sie eine einreihige Perlenkette in Rosa.

Sie war schön.

Bestürzend attraktiv.

Dies war keineswegs die unglückliche junge Künstlerin, die er erwartet hatte. Dies war eine Angehörige der Schickeria, ein Starlet, ein Geschöpf mit Stil, Anmut und Haltung. Als sie die Stufen herunterkam, hatten ihre Bewegungen eine leicht sexuelle Anmutung. Und als sie sich auf den Beifahrersitz schob, stieg Jack ein Duft von frisch gemähtem Gras, Minze und einem Hauch Tuberosen in die Nase, eine berauschende Mischung mit scharfen Kanten und von raffiniertem Luxus. Es war lange her, dass eine attraktive Frau neben ihm im Auto gesessen hatte. Es war eine beunruhigend sinnliche Erfahrung.

Sie wandte sich ihm zu und reichte ihm die Hand. »Ich bin Cate.«

Ihre Hand schob sich kühl und weich in die seine. Er ertappte sich dabei, dass er sie nicht schüttelte, sondern, fast ein wenig ehrfürchtig, nur in seiner Hand hielt. Sie lächelte, dabei öffneten sich ihre Lippen langsam über einer Reihe gleichmäßiger weißer Zähne. Mit ihren grünen Augen fixierte sie die seinen. Und bevor er es wusste, lächelte er zurück, schenkte diesem goldenen Geschöpf − dessen Hand sich so perfekt in seine Handfläche schmiegte und das den Beifahrersitz seines Oldtimer-Kabrioletts so perfekt zierte − sein leicht schiefes Grinsen, bei dem sich um seine Augen Fältchen bildeten und Runzeln um seine Nase.

»Sie sind auf das hier genauso wenig scharf wie ich.« Ihre Stimme war tief, intim. »Wir müssen uns nicht unterhalten.«

Und damit zog sie ihre Hand zurück, schlang sich einen Seidenschal um den Kopf und setzte sich eine Schildpatt-Sonnenbrille auf.

Schon war sie verschwunden, von ihm abgerückt.

Er blinzelte. »Mögen Sie … Ist Oper in Ordnung? Die Hochzeit des Figaro

Sie nickte.

Er drückte auf »Play«, startete den Motor und reihte sich in den Verkehr ein. Er hatte die halbe Nacht nicht geschlafen, so sehr hatte ihm davor gegraut, sich auf der langen Fahrt mit der jungen Frau unterhalten zu müssen. Und als er am Morgen seine Tasche gepackt hatte, hatte er Rachel verflucht.

Doch als er jetzt auf die breite Allee des Portland Place fuhr, vor sich das kühle Grün des Regent’s Park, war er perplex, verwirrt. Er hatte mit einer nervösen, introvertierten jungen Frau gerechnet, mit jemandem, dessen alberne Fragen er abwehren müsste. Er hatte die Absicht gehabt, mit seinem forschen Tonfall und seinen knappen Antworten eine stillschweigende Grenze zwischen ihnen zu errichten. Doch jetzt arbeitete sein Hirn auf Hochtouren daran, was er tun konnte, um noch einmal den Klang ihrer Stimme zu hören.

Er konnte ihr natürlich einfach eine Frage stellen. Doch schweigend neben ihr zu sitzen hatte etwas Köstliches. Es war schließlich unvermeidlich, dass sie sich näherkamen: Stunden, ja, Tage, erstreckten sich vor ihnen. Er spürte, dass auch sie sich dessen bewusst war. Und das faszinierte ihn.

Er schaltete einen Gang herunter, und dabei streifte seine Hand beinahe ihr Knie. Die wilde Inbrunst der Overtüre der Hochzeit des Figaro erfüllte die Luft um sie herum mit köstlicher, frenetischer Intensität. Sie fuhren über den Outer Circle um den Park herum. Der Motor röhrte, als Jack beschleunigte und mit untypisch draufgängerischer Verve an einer langen Reihe Fahrzeuge vorbeizog.

Und plötzlich lachte sie, warf den Kopf zurück, klammerte sich mit beiden Händen an den Sitz und stieß ein unerwartet tiefes, erdiges Kichern aus.

Die Frau liebt die Geschwindigkeit, dachte er, kindisch entzückt über den Erfolg seines Manövers. Und ehe er sichs versah, überholte er weitere drei Autos, sauste auf der Marylebone Road über eine gelbe Ampel und schnitt beim Auffahren auf die Autobahn einen LKW.

Hupen dröhnten hinter ihnen her, als sie London verließen.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit war die Welt in Ordnung. Es war ein wunderschöner, sonniger Vormittag, und der ganze Sommer lag vor ihnen. Er fühlte sich attraktiv, maskulin und jung.

Und auch er lachte.

*

Hoch oben auf einer Klippe, wo die wellige, mit Kühen und Schafen gepunktete Landschaft auf die Weite des Meeres traf, stand Endsleigh ganz für sich. Es lag inmitten ausgedehnter Ländereien und bot einen atemberaubenden Blick über die Bucht und die umgebenden Hügel. Von einem jungen, ehrgeizigen Robert Adam aus blassgrauem Stein erbaut, erhob es sich wie ein kleiner römischer Tempel. Seine klassischen Proportionen verschmolzen harmonisch mit den fruchtbaren grünen Feldern, und mit seiner palladianischen Kuppel und seinen maßvollen schlanken Säulen spiegelte es die arkadische Perfektion der Landschaft wider. Auf beiden Seiten des Hauses erstreckten sich über viele Morgen hohe Steinmauern, die sowohl die formellen italienischen Rosengärten als auch die Gemüsegärten vor den stürmischen Winterwinden schützten, während die gebogene Einfahrt und der Springbrunnen, der schon lange nicht mehr plätscherte, dem Haus eine Aura raffinierter, angenehmer Symmetrie verliehen.

Endsleigh war beeindruckend und ungebärdig zugleich, denn es zeigte deutliche Spuren von Vernachlässigung. Der Rasen vor dem Haus war verwildert, im Springbrunnen sprossen vertrocknete Grasbüschel, hoch genug, um die zentrale Gestalt der Artemis mit ihrem Pfeil und Bogen fast zu verhüllen, die mitten bei der Jagd graziös auf einem Zeh balancierte. Niemand kümmerte sich darum, ob die Dachrinnen durchhingen oder die Rosen Wildwuchs trieben. Es war ein Haus ohne Hüter, sein wunderschönes Äußeres der unausweichlichen Anarchie von Natur und Zeit überlassen.

Kurz vor der Auffahrt wies ein diskretes Schild den Weg zu einem Campingplatz, der rund eine Meile den Hügel hinunter, näher an der Küste und außer Sichtweite der Bewohner des Haupthauses, auf dem Gutsgelände lag. Dahinter erstreckte sich die Bucht, sanft wie eine Umarmung, und verschmolz das Meer mit dem Himmel, ein blassgrauer Streifen, der sich mit einem gigantischen blauen Baldachin vereinigte. Er war wolkenlos, strahlend. Kühle Böen milderten die Hitze der Mittagssonne.

Jack fuhr vor, Reifen knirschten über die mit Kies bedeckte Einfahrt, und machte den Motor aus.

Sie blieben noch einen Augenblick sitzen, um das Haus in sich aufzunehmen, seine Lage, den Blick über die Landschaft und das Meer dahinter. Keiner von beiden wollte sich rühren. Dick und schwer legte sich Schweigen über sie, greifbar wie die Hitze. Es war verwirrend. Der innere Kompass eines jeden Stadtbewohners − der stete Lärm fernen Lebens, das im Hintergrund summte − fehlte.

»Es ist viel größer, als ich gedacht hatte«, sagte Cate endlich.

Eine seltsame Bemerkung. Die Schönheit des Gebäudes war augenfällig, überwältigend. Überlegte sie schon, wie lange sie hier allein sein würden?

»Ja. Vermutlich.«

Sie öffnete die Wagentür und stieg aus. Nach der langen Fahrt schien der Boden unter ihren Füßen ein wenig zu schwanken.

Jack folgte ihrem Beispiel, und zusammen gingen sie an den Rosensträuchern vorbei, die in voller Blüte standen und dufteten, lebendig vom Surren der Insekten, zur Haustür.

Er drückte auf die Klinke. Nach einem kurzen Augenblick näherten sich Schritte.

Ein großer, dünner Mann in einem dunklen Anzug öffnete die schwere Eichentür. Er war Ende fünfzig und hatte ein langes, blässliches Gesicht und schütteres graues Haar. Seine großen, traurigen Augen waren von schweren, dunklen Schatten umgeben.

»Sie müssen Mr Coates von Deveraux & Diplock sein«, mutmaßte er, ohne zu lächeln.

»Ja.«

»Willkommen.« Er schüttelte Jack die Hand.

»Und dies ist Miss Albion, meine … Assistentin«, fügte Jack hinzu.

»John Syms«, stellte der Mann sich vor und neigte den Kopf leicht in Cates Richtung, als hätte er nur ein Händeschütteln eingeplant und würde sich nicht zu einem zweiten herablassen. »Von der Kanzlei Smith, Boothroy & Earl. Wir kümmern uns im Auftrag der Familie um die Liquidation des Nachlasses.« Er wich zurück, und sie traten über die Schwelle in die Eingangshalle. »Willkommen in Endsleigh.«

Die Halle war karg und formell und wurde von schwarz-weißen Marmorfliesen und zwei riesigen Mahagonischränken mit hübschen Intarsien dominiert, in denen sich Porzellansammlungen befanden. Über dem Kamin hing ein großes, nicht weiter bemerkenswertes Ölgemälde des Hauses und seiner Umgebung. Vier Türen führten von der Halle in verschiedene Räume.

»Wie war die Fahrt?«, fragte Mr Syms forsch.

»Gut, danke.« Cate drehte sich um und betrachtete die zarten Dresdner Porzellanfigurinen in einem der Schränke. Ihre Köpfe neigten sich gespielt schüchtern einander zu, durchscheinende Porzellangesichter und aufgeworfene rosa Kirschenmünder, eingefroren in einem malerischen Tableaux von Verführung und Stelldichein.

»Ja, der Verkehr war gar nicht so schlimm«, sagte Jack und wünschte sich augenblicklich, ihm wäre etwas weniger Banales eingefallen.

Mr Syms war ein Mann weniger Worte und durch und durch mangelhafter gesellschaftlicher Umgangsformen. »Hervorragend.« Da damit alle Nettigkeiten ausgetauscht waren, öffnete er eine der Türen. »Erlauben Sie mir, Sie herumzuführen.«

Sie folgten ihm in die Haupthalle mit ihrer geschwungenen, von Familienporträts und Landschaften gesäumten Treppe. Hier trafen sie auf eine Ansammlung von Herrenhausklischees: Zwei steife gotische Stühle standen auf beiden Seiten eines gleichermaßen antiken Eichentischs, über den Türen hingen Hirschgeweihe und präparierte Fische, und unter der Treppe stand sogar ein bronzener Gong.

Cate schaute zu der spektakulären Kuppel hinauf, wo verblasste Götter und Göttinnen an einem leicht abblätternden blauen Himmel tollten. »Oh, wie schön!«

»Ja. Aber dringend renovierungsbedürftig, wie das meiste im Haus. Es gibt zehn Schlafzimmer.« Mr Syms wies energisch mit der Hand in Richtung der oberen Etagen. »Ich habe das große Schlafzimmer und die Suite Ihrer Ladyschaft für Sie herrichten lassen.«

Er marschierte weiter ins Speisezimmer, einen hallenden, traditionellen Raum mit einem langen Esstisch, der in einem Erker stand, von dem aus man den Springbrunnen und den Rasen vor dem Haus überblicken konnte. »Das Speisezimmer«, verkündete er und eilte fast augenblicklich weiter durch die nächste Tür in einen Salon mit kunstvoller Gewölbedecke, Bücherregalen, hellgelben Wänden und einem Flügel. Marmorbüsten schmückten die Säulenplatten zwischen den Bücherregalen, zwei behagliche antike KnoleSofas mit zahlreichen Kissen luden dazu ein, es sich mit einem Buch und einer Tasse Tee bequem zu machen. Eine rothaarige Katze aalte sich zufrieden in einem sonnigen Quadrat auf einer Ottomane und schnurrte laut.

»Der Salon.«

Er öffnete eine weitere Tür.

»Das Wohnzimmer.«

Und so ging es mit halsbrecherischer Geschwindigkeit weiter, durch Morgenzimmer, Arbeitszimmer, Waffenzimmer, Angelgerätezimmer, Vorratskammer, Silberzimmer und die Hauptküche mit ihrem langen Kieferntisch und dem kühlen Fliesenboden, von wo aus man in die zweite, kleinere Küche und die Kellerräume gelangte. Ein wahres Labyrinth von einem Haus. Mit noch so viel Putzerei hätte man nicht den leichten Geruch nach Staub und Feuchtigkeit vertreiben können, über viele Generationen tief eingedrungen in Teppiche, Vorhänge und Polstermöbel. Und trotz der Hitze lag ein Frösteln in der Luft, als stünden sie in einem unsichtbaren Schatten.

Mr Syms kehrte mit ihnen in das Wohnzimmer zurück und stieß die Terrassentüren auf. Sie traten hinaus in einen ummauerten Garten an der Seite des Hauses, wo ein von üppigen Blumenbeeten gesäumter, welliger Rasen zu einem kleinen Rosengarten im italienischen Stil führte. Dieser war um eine Sonnenuhr herum angelegt und hatte in jeder Ecke gemeißelte Steinbänke. In der Ferne ragte die Küstenlinie über die Bucht hinaus, das Meer funkelte im diesigen Nachmittagslicht.

Mr Syms führte sie zum hinteren Ende des Rasens, wo im kühlen Schatten einer uralten Rosskastanie ein Tisch und Stühle standen. Der Tisch war zum Tee gedeckt, eine blaue Keramikteekanne, zwei Becher, Käsesandwiches und ein Teller mit Bourbonkeksen.

»Perfekt!« Cate lächelte. »Danke!«

Mr Syms setzte sich nicht, sondern ging konzentriert eine innere Checkliste durch.

»Die Haushälterin, Mrs Williams, dachte, Sie könnten etwas essen wollen. Ihre Wohnung liegt dort.« Er zeigte auf ein niedriges Cottage am hinteren Rand des Grundstücks. »Für heute Abend hat sie eine Shepherds Pie vorbereitet. Und sie entschuldigt sich, falls jemand von Ihnen Vegetarier ist.« Er schaute auf seine Uhr. »Ich fürchte, Mr Coates, dass ich noch einen Termin habe und mich verabschieden muss. Wenn ich es richtig verstanden habe, werden Sie und Miss Albion eine, womöglich auch zwei Nächte hier verbringen, während Sie das Inventar des Hauses evaluieren und katalogisieren. Ist das korrekt?«

»Ja.«

»Hier sind die Schlüssel und meine Karte. Falls Sie etwas brauchen, solange Sie hier sind, zögern Sie bitte nicht, mich anzurufen. Ansonsten können Sie die Schlüssel bei Ihrer Abreise Mrs Williams übergeben, und ich erwarte, in absehbarer Zeit von Ihnen zu hören, was den Wert und den Verkauf der beweglichen Gegenstände angeht.«

Jack nahm die Schlüssel und runzelte die Stirn. »Und es soll alles verkauft werden? Die Familie will gar nichts behalten?«

»Von der Familie lebt niemand mehr in diesem Land, Mr Coates. Das ganze Anwesen wurde von Bauunternehmern gekauft, die es zu einem Luxushotel umbauen möchten. Der Verkaufserlös geht an eine Reihe von wohltätigen Einrichtungen. Also, traurigerweise, nein. Noch einmal, falls ich Ihnen behilflich sein kann …«

»Verzeihen Sie, aber wer waren diese Leute?«, unterbrach Cate ihn und setzte sich auf einen Stuhl. »Wer hat in Endsleigh gelebt?«

In dem Blick, den Mr Sims ihr zuwarf, lag sowohl Überraschung als auch leises Misstrauen. »Ich dachte, das wäre allgemein bekannt. Die verstorbene Lady Avondale hat hier gelebt, bekannter unter ihrem Mädchennamen, Irene Blythe. Sie ist vor zwei Monaten im Alter von zweiundneunzig Jahren gestorben. Sie war eine wunderbare Frau, sehr stilvoll und äußerst großzügig. Lady Avondale hat sich bewundernswert rührig für wohltätige Zwecke für Kinder eingesetzt, insbesondere für die UNICEF. 1976 hat sie ihren Order of the British Empire bekommen. Bedauerlicherweise ist es natürlich ihre Schwester, die jeder kennt. Aber so ist es eben, nicht wahr?«, sagte er seufzend. »Die Guten in dieser Welt sind niemals so glamourös wie die Schlechten. Es tut mir leid, aber ich muss jetzt wirklich gehen. Ich habe in einer Stunde in der Nähe von Hook ein Testament zu verlesen.« Er nickte ihnen zu. »Es war mir ein Vergnügen, Sie beide kennenzulernen. Mrs Williams ist stets zu Diensten, falls Sie etwas brauchen. Ich hoffe, Sie genießen Ihren Aufenthalt.« Dann verabschiedete er sich mit einer leichten Verbeugung und ging mit langen Schritten über den Rasen.

»Kommt es mir nur so vor oder läuft er tatsächlich weg?« Cate schenkte noch zwei Becher Tee ein. »Zucker?«

»Nein danke.« Jack nahm sich ein Sandwich. »Er wäre nicht der Erste. Ich habe diese Wirkung auf Menschen.«

»Ich habe noch nie von den Blythes gehört.« Sie schob ihm einen Becher über den Tisch. »Und wer ist diese verrufene Schwester?«

»Diana Blythe. Die schönen Blythe-Schwestern. Sie waren Debütantinnen, berühmt dafür, zwischen den beiden Weltkriegen berühmt zu sein. Haben Sie wirklich noch nie von ihnen gehört?«

Cate schüttelte den Kopf. »Bin ich wirklich so mit Unwissenheit geschlagen? Erzählen Sie mir alles, was Sie wissen.«

»Nun«, musste er eingestehen, »wenn ich ehrlich bin, wars das schon. Ich weiß, dass Diana während des Krieges als vermisst galt und nie gefunden wurde. Manche sagen, sie ging nach Amerika, um dort zu leben. Andere glauben, sie wurde ermordet. Ich bin überrascht, dass Sie noch nie von ihr gehört haben.«

»Offensichtlich eine Bildungslücke.« Cate trank ihren Tee. »Wie seltsam und romantisch!«

»Sie haben eine sehr merkwürdige Vorstellung von Romantik.«

»Ich habe merkwürdige Vorstellungen von vielen Dingen.« Der Wind fegte über den Rasen und zupfte an ihrem Rock. »Was für ein altes Relikt!«

»Das Haus?«

»Hmm.«

»Finden Sie es nicht charmant?«

»Ja, kann sein. Aber es ist auch traurig. Und so seriös, ein großes, fettes Klischee von einem Haus.«

»Diese Häuser weisen alle eine gewisse Einförmigkeit auf. Ich habe im Laufe der Jahre Dutzende gesehen. Aber die Lage und die umgebenden Ländereien machen dieses hier zu etwas Besonderem. Ich liebe den Blick über das Meer. Und auch wenn es nur klein ist …«

»Klein!«

»Zehn Schlafzimmer sind gar nichts.« Er setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber. »Ich meine, es muss toll gewesen sein, hier Gäste zu empfangen, aber besonders groß ist es nicht, ehrlich nicht.«

»Jetzt sind nur noch Sie und ich und Mrs Williams hier.« Cate schloss die Augen. »Es ist friedlich.« Sie seufzte. »Und der Name ist sinnträchtig. Endsleigh!«

Das Meer war zu weit weg, um es hören zu können, doch das Rascheln des Windes in den Bäumen, die Vögel und der warme Duft frisch gemähten Grases, das in der Sonne trocknet, übte eine besänftigende Wirkung auf sie aus.

»Es ist friedlich«, stimmte Jack ihr zu.

Das dumpfe, beharrliche Klingeln eines Handys drang aus ihrer Handtasche.

Sie schlug die Augen auf.

Es klingelte weiter.

»Wollen Sie nicht rangehen?«

»Ich hätte nicht gedacht, dass man hier überhaupt Empfang hat.«

Schließlich hörte es auf.

»Ah«, Jack grinste, »Sie gehen jemandem aus dem Weg?«

Ihre Miene war kalt, als hätte man ihr einen Eimer Eiswasser über den Kopf geschüttet.

»Es war nur …«

»Egal.« Sie stand auf. »Es ist viel zu heiß hier draußen. Ich gehe rauf und packe aus. Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie anfangen möchten.«

Er versuchte es noch einmal. »Hören Sie, es tut mir leid, wenn ich …«

»Ach was«, unterbrach sie ihn. »Es ist überhaupt nicht wichtig.«

Sie nahm ihre Handtasche und spazierte über den Rasen. Jack sah zu, wie sie zwischen die hauchdünnen Vorhänge trat, die an den Terrassentüren in der Brise flatterten, und im Haus verschwand.

* * *

17, Rue de Monceau

Paris

13. Juni 1926

Meine liebste Wren,

Muv hat mir eine Kopie des Artikels aus der Times mit deinem reizenden Foto geschickt. Miss Irene Blythe − eine der Debütantinnen der Saison! Und zu Recht! Wie hast Du nur die Haare so hingekriegt? Hast Du sie Dir schneiden lassen? Denk daran, dass ich alles wissen will, jede winzige Kleinigkeit, besonders alles, was Dir WIDERFÄHRT − selbst ein kurzes Gefummel im Flur ist aufregend für mich, schließlich bin ich bis nächstes Jahr im EXIL.

Was mich angeht, ich langweile mich zu Tode, trotz der Romantik der »phantastischsten Stadt Europas«. Das leiert Madame Galliot täglich tausendmal herunter. »Ihr Mädchen werdet verwöhnt! Hier seid ihr in Paris, der phantastischsten Stadt Europas − eure Eltern geben ein Vermögen für euch aus« … und so weiter und so fort … Natürlich erlaubt sie uns nicht, irgendwohin zu gehen, und das ist sehr ärgerlich. Abgesehen von unserem Zeichenunterricht und Ausflügen zu Ladureé (die Franzosen können einfach keine anständige Tasse Tee aufbrühen) und endlosen Kirchgängen − Du siehst, sie strengt sich richtig an für meine Ausbildung − ist es uns nur selten erlaubt, einen Fuß in die Stadt zu setzen, etwa in ein Theater oder einen Nachtclub oder gar in Les Folies Bergère. Dazu hat sie ein Hohnlächeln perfektioniert, das ganz allein mir vorbehalten ist, wenn sie Sachen sagt wie: »Es gibt gewisse subtile Feinheiten, die man schlicht nicht lehren kann« (Stichwort besagtes Hohnlächeln), womit sie natürlich darauf anspielt, dass wir beide nicht in unsere Klasse hineingeboren wurden, sondern ihr vielmehr aufgedrängt wurden. Für sie werden wir immer Fälschungen sein. Deshalb ist es besonders aufregend, Zeitungsausschnitte aus der Times so zu platzieren, dass sie darüber stolpert!

Unter ihrer Anleitung habe ich genau drei Dinge gelernt:

* Wie man Austern isst.

* Wie ich meinen Hut verführerisch keck aufsetze.

* Wie ich auf der Straße verstohlen Augenkontakt mit Männern aufnehme, die, da sie Franzosen sind, bereitwillig mit mir liebäugeln.

Sie hat noch zwei andere englische Mädchen in ihrer Obhut − Anne Cartwright, die charmant ist, sehr lustig und kein bisschen hochnäsig (sie hat mir beigebracht, wie man richtig raucht, ohne dass man das kleinste bisschen würgen muss), und Eleanor Ogilvy-Smith, die ein unbeholfener Klotz ist. Eleanor lebt in Angst und Schrecken vor jeder möglichen Form von Vergnügen und Freiheit, und jedes Mal, wenn Anne und ich uns für ein winziges bisschen Freiheit stark machen, hält sie sich augenblicklich an Madame Galliot und schlägt einen weiteren Ausflug religiöser Natur vor. Sie verbringt auch viel zu viel Zeit im Bad. Anne und ich haben schon Wetten abgeschlossen, was sie da drin wohl macht − das eine wie das andere würde Dir die Schamesröte ins Gesicht treiben.

Also, bitte! Mehr Neuigkeiten über die Saison und sämtliche Männer, mit denen Du tanzt, und jedes einzelne Kleid, das Du trägst, und was Du zum Abendessen isst (Gang für Gang) und wie viele Heiratsanträge Du diese Woche bekommst und ob sie sich hinknien und erröten und angesichts Deiner überwältigenden Schönheit nervös herumstottern etc. oder schlicht in Ohnmacht fallen. Und, bitte, bitte, erteil mir irgendeinen kleinen Auftrag hier in Paris, damit ich einen stichhaltigen Grund habe, den Fuß in die »verbotenen Zonen« zu setzen − brauchst Du zum Beispiel Handschuhe aus dem Pigalle? Oder Strümpfe aus dem Lido?

Ich bin unglaublich stolz auf Dich, Schatz. Und ich glaube, Fa wäre es auch. Wie soll ich es je mit meiner schönen Schwester aufnehmen? Jai malade de jalousie! (Siehst Du, mein Französisch wird schon besser!)

Richte Mama Grüße von mir aus. Sie empfindet den Kampf, auf der einen Seite dafür zu sorgen, dass Ihr beide gesittet bleibt, und Dich auf der anderen Seite mit halsbrecherischer Geschwindigkeit zu verheiraten, sicher als erfrischendes moralisches Dilemma. Sie schreibt, wie immer, die phantastischsten, langweiligsten Briefe. Sie lesen sich mehr wie Haushaltsführungsberichte als wie etwas anderes. Wie konnte eine so langweilige Frau sich so gut verheiraten? (Anne meint, sie müsse verborgene Begierden haben, was ziemlich empörend ist, besonders wenn man bedenkt, wie unser Stiefvater wahrscheinlich ohne Kleider aussieht. Ich habe ihr gesagt, so etwas sollte zwischen älteren Menschen unbedingt verboten werden, und abgesehen davon hat ma chère maman die Masche mit der jungfräulichen Königin ziemlich gut drauf − ihr armer Gatte muss jetzt mit Jesus wetteifern. Ich frage mich, ob sie jetzt, da wir so schrecklich reich sind, nicht in ein lebensgroßes Kruzifix investiert, um es über das Bett zu hängen.)

Oh! In London zu sein!

Ich wäre soooo gern bei Dir und endlich mitten im Leben!

Stets Deine

Diana

PS: Ich habe gerade versucht, mir mit einer Stoffschere die Haare zu schneiden, und jetzt sehe ich aus wie der Junge, der für den Metzger ausliefert. Anne hat mir freundlicherweise einen Cloche geliehen. Bete für mich.