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Sandra Schönbein

Vorstadtkrokos_2.psd

Nach dem Drehbuch
von Neil Ennever & Christian Ditter


basierend auf den Figuren
von Max von der Grün

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ist der Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Erstmals als cbj Taschenbuch Dezember 2013

© 2010 cbj Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle Rechte vorbehalten

»Vorstadtkrokodile 2« film © 2010 – Westside Filmproduktion/
Rat Pack Filmproduktion/Constantin Film

Nach einer Drehbuchvorlage von Neil Ennever und Christian Ditter

basierend auf den Figuren von Max von der Grün

Redaktionelle Bearbeitung: Sandra Schönbein

Umschlagbild: Katharina Lindenblatt

Umschlaggestaltung: Init GmbH

MI · Herstellung: ReD

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-04609-5
V003

www.cbj-verlag.de

1. Kapitel

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»Hier geht’s rein!« Hannes spähte durch einen schmalen Spalt in der Bretterwand, die verhindern sollte, dass Unbefugte das alte, stillgelegte Bergwerk betraten. Es lag gleich hinter der Fabrik, in der Ollis und Marias Eltern arbeiteten.

Maria schob sich neben ihn und versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. »Aber wie denn? Ist hier irgendwo ’ne Tür?« Im nächsten Moment krachte es neben Maria so laut, dass sie zusammenzuckte.

»Tür genug, Maria?« Olli klopfte sich lässig den Staub von der Hose, den das eingetretene Brett aufgewirbelt hatte. Doch noch während er seine Schwester stolz angrinste, brach auch die restliche Bretterwand mit einem ohrenbetäubenden Lärm in sich zusammen.

Als der Staub sich endlich gelegt hatte, standen sieben völlig verdreckte Krokodile breitbeinig vor dem nun unverbauten Stolleneingang und starrten neugierig hinein. Alle trugen sie um den Hals einen Anhänger mit ihrem Bandensymbol – dem Krokodil. Nur Maria, das einzige Mädchen der Bande, trug ihr Krokodil an einem Armband um ihr Handgelenk.

»Ganz schööön u… u…«, stotterte Peter.

»Unterirdisch, genau!«, unterbrach ihn Hannes. »Damit diesmal auch wirklich niemand mehr das Hauptquartier finden, abbrennen oder in die Luft sprengen kann.« Und mit diesen Worten marschierte er geradewegs in die dunkle Öffnung. Die anderen Krokodile folgten ihm, ohne zu zögern.

Nur Peter rührte sich nicht von der Stelle. »U… u… unstabil, mein ich!«, rief er den anderen hinterher. Doch die waren schon weitergegangen und ignorierten seine Warnung. »S… sehr u… unstabil«, wiederholte Peter noch einmal leise, mehr zu sich selbst. Dann seufzte er tief und zog seinen blauen Fahrradhelm über die blonden Stoppelhaare, bevor er seinen Freunden mit unsicheren Schritten hinterherstolperte.

Die Sonnenstrahlen, die von draußen hereindrangen, wurden immer schwächer, der Gang immer dunkler. Olli, Hannes und Maria, die den anderen vorausgingen, knipsten ihre Taschenlampen an.

»Guck mal, die sind hier früher mit einem Zug langgefahren«, meinte Olli erstaunt.

»Klar«, bestätigte Hannes. »Die Gänge gehen ja kilometerweit unter die Erde.«

Olli ließ seine Taschenlampe an dem alten Bergwerkszug entlanggleiten. Er war von oben bis unten mit einer dicken Staubschicht bedeckt und mit Spinnenweben überzogen. Auf dem Boden entdeckte Olli Schienen. Sie bogen nach links ab. Er folgte ihnen ein Stück. Doch er kam nicht weit. Sie endeten bereits nach einigen Metern in einem Bretterverschlag. »Sackgasse«, rief er den anderen zu.

»Da hinten geht’s weiter. Lasst uns da langgehen!« Hannes leuchtete mit seiner Taschenlampe in die Dunkelheit vor ihm. Die anderen folgten ihm.

»Äh, Leute, wir gehen jetzt aber nicht durchs ganze Bergwerk, oder?«, nörgelte Frank.

»Wir gehen so lang, bis wir ein neues Hauptquartier gefunden haben«, wies Maria ihn scharf zurecht.

»Was ist das denn?« Olli, der sich als Anführer wieder an die Spitze der Krokodile gesetzt hatte, versuchte, mit seiner Taschenlampe den Weg vor sich auszuleuchten. Doch der kleine Lichtkegel war zu schwach. Hannes stellte sich neben ihn und schwenkte seine Taschenlampe nun ebenfalls hin und her. Doch auch Hannes’ Lichtstrahl brachte keine Erleuchtung. Alles, was sie erkennen konnten, waren vereinzelte Holzstreben, die wohl zu irgendeiner größeren Konstruktion gehören mussten.

Da drängelte Kai sich mit seinem Rollstuhl an den anderen vorbei und rollte neben Olli. Mit einem Mal wurde es um sie herum taghell. Alle sahen sich erstaunt zu Kai um. Der deutete auf einen kleinen Knopf unter seiner Sitzfläche.

»Nebelscheinwerfer«, bemerkte er stolz.

»Hast du etwa Angst, dass im Stadion mal das Flutlicht ausfällt?«, fragte Olli.

»Sicherheit im Straßenverkehr«, erklärte Kai mit einem Grinsen.

»Na, anderen Verkehr hast du ja auch nicht«, warf Jorgo ein und fand seinen Witz mal wieder so komisch, dass er gar nicht mehr aufhören konnte darüber zu lachen. Sein Lachen erstarb jedoch schnell, als Olli ihm einen scharfen Blick zuwarf und die anderen nur genervt mit den Augen rollten. Ein wenig gekränkt schob er sich die Sonnenbrille auf die Nase.

»Die Brücke sieht ganz schön morsch aus. War ja klar«, versuchte Maria, die Aufmerksamkeit der Krokodile wieder auf das zu lenken, was nun im hellen Licht der Nebelscheinwerfer vor ihnen lag: eine marode, alte Holzbrücke, bei der bereits einige Planken fehlten. Und auch die verbliebenen Bretter wirkten so verwittert, dass die Brücke aussah, als könnte sie beim kleinsten Lufthauch zusammenstürzen.

Olli setzte vorsichtig einen Fuß auf die erste Planke, zog ihn jedoch schnell wieder zurück, als die Brücke ein beängstigendes Knarren von sich gab.

»Okay, wer geht vor?« Olli blickte herausfordernd in die Runde.

»Er!«, schrien die Krokodile im Chor. Jorgo deutete auf Frank, Franks Finger zeigte auf Jorgo. Maria hatte Frank im Visier. Kai wiederum Jorgo.

»Also ich finde, Jorgo sollte als Erstes gehen. Wenn die Brücke ihn aushält, hält sie alle«, schlug Frank vor.

»Du bist doch viel fetter als ich, Mann!«, wehrte sich Jorgo empört.

»Bei mir sind es wenigstens alles Muskeln, nicht nur Souvláki und Gyros!«

»Besser als Pommes und Ketchup!«

»Hey Leute«, unterbrach Hannes die beiden Streithähne. »Keine Angst. Mit Brücken kenn ich mich aus und die hier ist total stabil!«, versicherte er dann fröhlich und sprang demonstrativ auf und ab. Die Planken gaben bedrohlich knarrende Geräusche von sich. Die anderen waren mit einem Schlag still und sahen erschrocken zu ihm herüber. Dann brüllten alle wild durcheinander.

»NEEEIIINNN!«

»Hör sofort auf damit!«

Und Maria wies ihn streng zurecht: »Das ist NICHT lustig, Hannes.«

Hannes ließ sich jedoch nicht beirren, warf Maria einen verschmitzten Blick zu und balancierte dann vorsichtig über die ersten Planken der Brücke. Die anderen Krokodile blieben unschlüssig stehen.

Hannes war noch nicht sehr weit gekommen, als unter seinen Schritten ein morsches Brett nachgab und er abrutschte. In letzter Sekunde fand er Halt an einem Stahlseil, das sich als eine Art Geländer über die gesamte Konstruktion spannte und gleichzeitig auch als Aufhängung der Brücke diente. Angstvoll beobachteten die anderen, wie Hannes sich wieder hochrappelte und seinen Weg fortsetzte.

Zwischen den Brettern gähnten große Löcher. Der schwarze Abgrund schien ewig in die Tiefe zu reichen. Auf den letzten Metern der Brücke gab es immer weniger Planken, und Hannes musste große Schritte machen. Das letzte Loch meisterte er mit einem kühnen Sprung und landete schließlich sicher auf der anderen Seite. Er warf seinen Freunden einen stolzen Blick zu und rief aufmunternd: »Ach kommt schon, Leute! Ohne Hauptquartier sind wir keine richtige Bande!«

»B… B… Besser keine Bande als ’ne tote B… Bande«, stammelte Peter und blieb wie festgefroren stehen.

»Jetzt entspann dich mal, Peter. Es passiert schon nix«, sagte Olli und kletterte dann betont lässig auf die marode Holzkonstruktion. Cool, als würde er über festen Boden schlendern, erreichte Olli ohne weitere Zwischenfälle die andere Seite.

Jetzt wagten sich auch Maria und Peter auf die Brücke, doch ein plötzliches Knacken ließ sie innehalten. Eine kleine Staubwolke rieselte in den Abgrund.

»W… W… Was war das?« Peter blickte sich ängstlich um.

»Nicht denken. Gehen!«, befahl Maria, aber auch ihre Stimme klang beunruhigt. Vorsichtig stiegen die beiden weiter über die Löcher im Boden.

»Piep, Piep, Piep« kam es da leise aus Kais Richtung. Maria und Peter wandten sich ruckartig zu ihm um. In diesem Augenblick begann das Licht zu flackern und wurde immer schwächer. Das kleine rote Lämpchen an Kais Rollstuhl blinkte hektisch.

»Meine Batterie ist gleich alle! Beeilt euch!«, rief Kai den anderen zu. So wagte sich jetzt auch Frank auf die Brücke, dicht gefolgt von Jorgo.

»Nicht alle gleichzeitig!«, warnte Olli von der anderen Seite.

Dann wurde es dunkel. Die Scheinwerfer gaben nur noch ein ganz schwaches Leuchten von sich. Auf der Brücke war nichts mehr zu erkennen. Alle blieben stehen.

»Licht an!«, brüllte Frank.

»Oh, nein …«, zischte Kai. Im letzten Flackern der Scheinwerfer konnte er gerade noch erkennen, wie die Aufhängung der Brücke langsam nachgab. Das Halteseil begann ganz allmählich aus seiner Verankerung zu rutschen. »Schnell, alle runter da!«, schrie er.

»Ist das dein Ernst? Ich seh nichts, Mann!«, brüllte Frank.

Jorgo leuchtete mit seinem Handy auf den durchlöcherten Boden vor sich und schluckte. »Sei froh!«, meinte er dann zu Frank.

»Komm, leucht mal für mich mit!«, forderte Frank ihn auf.

Vorsichtig näherte sich Jorgo Frank. Bei jedem seiner Schritte knarrte und quietschte es.

»Nicht so nah, Mann, nicht so nah!«, rief Frank panisch.

Maria war nur noch einige Meter vom Brückenende entfernt. Sie knipste ihre Taschenlampe an und leuchtete auf den Boden vor sich. Bedächtig setzte sie einen Schritt vor den anderen. Die anderen folgten ebenso vorsichtig. Doch mit jeder Bewegung auf der Brücke rutschte das Halteseil ein wenig mehr aus seiner Befestigung.

»Hey Leute, der Kinderkram hier ist mir zu langweilig. Ich geh jetzt zurück«, versuchte Jorgo mal wieder, die brenzlige Situation mit einem schlauen Spruch zu überspielen. Vorsichtig begann er sich rückwärts zu tasten.

In diesem Moment ertönte ein lautes Krachen, gefolgt von einem schrillen Schrei. Das morsche Brett unter Frank hatte nachgegeben und er rutschte vor den Augen der anderen in die Tiefe. In letzter Sekunde fand er Halt an einer Planke, an der er sich verzweifelt festklammerte.

»Frank!« Ohne zu überlegen, machte Jorgo einen Schritt auf seinen Freund zu. Doch er bewegte sich zu schnell. Und so gab auch unter ihm das Brett nach und Jorgo sackte ebenfalls ab. Zusammen mit Frank baumelte er nun in der Luft, die Finger verzweifelt in das Holz des letzten heilen Brettes zwischen ihnen gekrallt.

»Keine Angst, wir holen euch!«, rief Hannes vom Ende der Brücke herüber.

»Hannes, nicht auf die Brücke!«, warnte ihn Kai von der anderen Seite.

»Wieso?!«, kreischten Frank und Jorgo im Chor.

Maria drehte sich um. Der Lichtstrahl ihrer Taschenlampe fiel in Richtung Kai und dann auf das Stahlseil, das sich inzwischen beinahe völlig aus seiner Halterung gelöst hatte. Nur noch ein paar letzte dünne Stränge hielten inzwischen das Gewicht der Brücke mit den vier Krokodilen, die langsam immer weiter in die Tiefe sackte.

»L… L… Laaauf!«, schrie Peter, dessen Blick dem Lichtstrahl ebenfalls gefolgt war. Panisch rannte er los, ohne auf die anderen zu achten, sprang über die Löcher vor ihm, als wären es Pfützen auf dem Schulweg, und erreichte schließlich mit einem letzten großen Satz den sicheren Boden am Ende der Brücke. Während er mit einem dumpfen Aufprall neben Hannes und Olli landete, riss das Seil.

»Mariaaaa!!!« Hannes’ Schrei gellte durch die Dunkelheit. Er hechtete Maria entgegen und streckte die Hände aus. In letzter Sekunde bekam Maria Hannes’ Finger zu fassen, bevor sich die Brücke unter ihr in die Tiefe senkte.

Mit aller Kraft klammerten sich Frank und Jorgo an der Planke fest, während sie auf die gegenüberliegende Felswand zuschwangen. Als die Brücke mit voller Wucht gegen die Felsen donnerte, krachte Frank gegen Jorgo, der laut aufjaulte. Aber keiner der beiden ließ los.

Maria baumelte an Hannes’ Hand. Die Taschenlampe glitt ihr aus den Fingern und plumpste in die Tiefe. Es dauerte erschreckend lange, bis sie endlich auf dem Boden aufschlug.

»Keine Angst, ich hab dich!«, redete Hannes beruhigend auf sie ein, dann begann er mit Ollis Hilfe, sie langsam nach oben zu ziehen.

Kai, der in seinem Rollstuhl von der anderen Seite des Abgrunds alles beobachtet hatte, atmete erleichtert auf, als er sah, dass wenigstens Maria wieder festen Boden unter sich hatte. Frank und Jorgo baumelten dagegen noch immer an den Brückenplanken. Mit letzter Kraft schafften sie es aber, sich ein wenig hochzuziehen, und fanden schließlich Halt auf den wenigen noch verbliebenen Brettern der Brücke, die nun wie eine Leiter an der Felswand klebte.

»Nächstes Mal treffen wir uns wie die anderen beim Burgerladen um die Ecke«, feixte Jorgo, schon wieder ganz der Alte, und begann, sich Planke um Planke nach oben zu ziehen. Schließlich hatten auch Frank und er den sicheren Felsvorsprung erreicht.