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Daniela Böhle, Paul Bokowski (Hrsg.)

DIE LETZTEN
WERDEN
DIE ÄRZTE
SEIN

35 GESCHICHTEN, KRANK GESCHRIEBEN

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Herausgeber und Verlag danken Sebastian23 für die Idee zum Buchtitel.

E-Book-Ausgabe Juni 2014

© Satyr Verlag Volker Surmann, Berlin 2014
www.satyr-verlag.de

INHALT

Daniela Böhle & Paul Bokowski: Vorwort

Sebastian Lehmann: Krankheit als Weg

Christian Ritter: Guten Rutsch

Horst Evers: Placebopsychologie

Kirsten Fuchs: Gesundheit als Krankheit

Ahne: Im Volksmund

Robert Rescue: Gespräch beim Arzt

Volker Surmann: Bei Ärzten

Uli Hannemann: In eigener Sache

Daniela Böhle: Patientenvollmacht

Marvin Ruppert & Alex Burkhardt: Schöne Menschen

Heiko Werning: Beim Orthopäden

Michael-André Werner: Patellaluxation

Sylvia Falkenstraat: Die Zahnärztin

André Herrmann: Vielleicht Schicksal

Andreas Scheffler: Mit Enalapril am Boden

Mareike Barmeyer: Unter Hypnose

Bov Bjerg: Herzkrank

Michael-André Werner: Haase & Igel

Christian Bartel: Beim Arzt

Sarah Schmidt: Einmal Kreuzberg und zurück, bitte

Enno Park: Narkoseschwester

Andreas Kampa: Protokoll eines Aufschnitts

Heiko Werning: Eine Familiengeschichte

Gerlis Zillgens: Angelina Jolie hat sich die Brüste amputieren lassen

Thilo Bock: Wenn die Zahnärztin nicht mehr lächelt

Paul Bokowski: Dicker als Wasser

Rita Apel: Zahlungsempfänger vs. Strahlungsempfänger

Tilman Birr: Die Gedanken sind frei

Joachim Zawischa: Aus dem Tagesablauf eines Hypochonders

Frank Sorge: Doktor Obst

Ninia LaGrande: Babys für die Gesellschaft

Horst Evers: Dr. Molde

Torsten Wolff: Unter Schmerzen

Jochen Schmidt: Refugium der Erfolglosen

Thilo Bock: Freunde bis auf die Knochen

Christian Ritter: Kurzer Dialog

Die Autorinnen und Autoren

VORWORT

von Daniela Böhle und Paul Bokowski

Lieber Paul,

ich finde ja, es fehlt Eiter. In unserem Buch kommt überhaupt kein Eiter vor. Oder?

Liebe Daniela,

stimmt schon. Wir haben wenig Eiter. Aber eigentlich bin ich ganz froh darüber. Wird Eiter nicht vollkommen überbewertet? Was kann der denn, dieser Eiter? Gibt es keinen besseren Einstieg in dieses Vorwort als ausgerechnet Eiter?

Es ist ein Buch über Medizin! Möchtest Du über amputierte Beine sprechen? Oder wenigstens amputierte Zehen? Haben wir auch keine. Oder?

Persönlich hätte ich mir etwas mehr Lepra gewünscht. Unsere Autoren haben viel zu wenig Lepra! Oder Erfrierungen vielleicht. Das wäre doch vielleicht ein guter Kompromiss in Sachen Zehen. Aber eigentlich darf ich mich nicht beschweren, immerhin habe ich selbst nur über Nasenbluten geschrieben. Wir haben ohnehin ziemlich viel, was sich oberhalb des Halses abspielt.

Im Mund, meinst Du, oder? Gehirnoperationen fehlen auch.

Stimmt. Zumindest äußerst eifrige Zahnarztgänger scheinen unsere Autoren jedenfalls zu sein.

Denkst Du, Paul, dass man am Beispiel unseres Buches herausfinden kann, wie Humor funktioniert? Weil Humor so funktioniert, wie er funktioniert, konnte keiner über Eiter schreiben. Oder über Lepra. Wäre es nicht großartig, wenn wir das später mal unseren Enkeln erzählen könnten? Also, Kinder, wir wüssten bis heute nicht, wie Humor funktioniert, wenn Paul und ich damals nicht ... Und die Enkelkinder würden große Augen machen. So wie sie sich heute wundern, dass Oma und Opa nur zwei Fernsehsender hatten. Oder drei.

Ihr hattet nur zwei Fernsehsender!?

Wir haben außerdem unsere Wäsche noch im Fluss gewaschen.

Im Fluss. Na super. »Krankheit durch mangelnde Hygiene«. Haben wir dazu eigentlich was? Humor jedenfalls steckt in diesem Buch. Eine ganze Menge. Ist ja die Zivilisationskrankheit schlechthin, dieser Humor. Wie viele Symptome und Erscheinungsbilder es da gibt. Da bin ich selbst ein bisschen überrascht gewesen. Und solange meine Enkel auf die Behauptung, ich hätte mal Humor gehabt, nicht reagieren, als hätte ihr Großvater die Spanische Grippe oder den Englischen Schweiß überlebt, bin ich ganz zufrieden. Übrigens auch mit diesem Buch. Obwohl wir keinen einzigen Beitrag zum Englischen Schweiß haben, fällt mir grade auf.

Englischer Schweiß? Das hast Du Dir doch gerade ausgedacht!

Keineswegs. Übrigens nicht zu verwechseln mit der »Englischen Krankheit«. So nennt man die Syphilis. Aber nur in Schottland. Bei uns hieß sie mal die »Franzosenkrankheit«. Während man sie in Polen die »Deutsche Krankheit« nennt und in Russland die »Polnische Krankheit«. Quasi die Wanderniere unter den Geschlechtskrankheiten. Aber auch darüber hat niemand was geschrieben!

Offenbar kann oder mag man nicht über Ekliges lachen. Und nicht über Schlimmes. Deswegen hängen die meisten Geschichtenfiguren dieses Buches im Wartezimmer herum, da ist es höchstens mitteleklig, darüber kann man beruhigt lachen. Es gibt allerdings einen Wurm unter der Haut, den hatte ich vergessen. Der ist eklig UND lustig.

Aber glaubst Du nicht, dass Ekelempfinden ähnlich vielfältig ist wie Humorempfinden? Ich jedenfalls finde Wartezimmer ziemlich eklig!

Was daran? Die Menschen?

Und das Interieur! Aber da sind die Grenzen ja fließend.

Wir haben jedenfalls ein paar richtig schöne Wartezimmergeschichten in unserem Buch.

Stimmt! Lässt das denn den Rückschluss zu, dass unsere Autoren kränker sind als andere Menschen?

Sie sind auf jeden Fall unterhaltsamer krank. Da fällt mir ein: Wenn dies hier das Vorwort ist, sollten wir nicht mal langsam unsere Leserinnen und Leser begrüßen? Herzlich willkommen zu unserem Buch! Oder wozu, würdest Du sagen, ist so ein Vorwort da?

In unserem Falle? Vielleicht bei Fragen zu Risiken und Nebenwirkungen!

Ah! Soll ich mal die statistischen Vorgaben machen?

Bitte nicht! Wir wollen doch nicht, dass das Vorwort so lang und trocken wird wie ein Beipackzettel.

Ehrlich gesagt, hatte ich mich darauf gefreut. Ich hatte gehofft, Du würdest etwas Nicht-Peinliches zu Risiken und Nebenwirkungen schreiben. Weil es so unglaublich leicht ist, zum Thema Beipackzettel und Humor etwas Peinliches zu schreiben. Ich würde Dir gern ein Beispiel schicken, aber alle Möglichkeiten sind so schlimm, dass ich spontan eine Rechte-Hand-Lähmung bekomme, wenn ich nur daran denke.

Eben! Wir sollten dem Leser etwas anderes mit auf den Weg geben. Gute Besserung?

Viel Vergnügen! Schenkt Euren Ärztinnen und Ärzten dieses Buch! Schenkt es allen Menschen, die krank sind, schon mal krank waren oder beabsichtigen, irgendwann mal krank zu werden!

Und schenkt es den Gesunden. Zur Mahnung. Und zur Vorfreude. Kann ja doch, hin und wieder, ziemlich aufregend sein, so eine Gürtelrose, Leberruptur oder Nasenbluten in einem polnischen Überlandbus.

Viele Grüße jedenfalls und ganz viel Freude an diesem Buch wünschen Ihnen und Euch

Daniela Böhle und Paul Bokowski

KRANKHEIT ALS WEG

von Sebastian Lehmann

Ich bin krank. Immer bin ich krank. Obwohl ich doch gar nicht arbeite und mich nie verausgabe. Ich habe Kopfschmerzen. Ich habe Halsschmerzen. Ich werde sterben müssen. Und das schon seit drei Jahren. Ich liege in meinem Bett und kann mich fast nicht bewegen. Da klingelt das Telefon. Ich stehe schwerfällig auf und schleppe mich zum Telefon.

»Guten Tag, Herr Lehmann«, begrüßt mich eine weibliche Stimme. »Hier ist die Telekom, Ihr Telefonanbieter. Wie geht es Ihnen heute?«

»Ich bin krank«, huste ich.

»Na, das tut uns aber wahnsinnig leid«, sagt die Frau. »Aber wir haben da ein prima Angebot für Sie: die T-Net-Box. Das ist ein ins Telefon integrierter, intelligenter Anrufbeantworter. Wenn Sie jemand angerufen hat, als Sie nicht da waren, ruft die T-Net-Box Sie völlig kostenfrei an, für nur zwanzig Euro im Monat. Wäre das was für Sie?«

»Ich bin doch sowieso immer zu Hause«, sage ich.

»Aber das ist wirklich ein prima Angebot«, schreit die Frau hysterisch.

»Ach, machen Sie doch, was Sie wollen«, sage ich. »Bevor die erste Rechnung kommt, bin ich eh schon tot.« Ich lege auf.

Um den Tod doch noch ein wenig hinauszuzögern, gehe ich zum Arzt. Dort muss ich mich auf eine große Liege legen, die mit einer klebrigen, gelblichen Plastikschutzfolie bezogen ist, damit ich auch die Krankheiten meiner Vorlieger bekomme. Dann kommt der Arzt. Er grinst mich an, als würden wir uns schon Jahre kennen. Wir kennen uns schon Jahre.

»Na, junger Mann, was fehlt uns denn heute?«

»Ich bin krank, Arzt«, sage ich matt.

»Na, was haben Sie denn für Beschwerden?«, fragt der Arzt immer noch offensiv fröhlich.

»Ich werde sterben müssen«, sage ich.

»Aber mein Sohn«, sagt der Arzt beruhigend, »da wollen wir nicht mal gleich übertreiben. Ich verschreibe Ihnen hier diese schönen Tabletten.«

»Von den letzten Tabletten habe ich aber Ausschlag am ganzen Körper bekommen«, sage ich.

»Na, dann hab ich da noch andere Tabletten, die sind gegen den Ausschlag. Und wenn Sie beide Tabletten nehmen, dann sind Sie bald wieder gesund. Na, wie ist das?«

Der Arzt grinst mich an.

»Ich weiß nicht, wie es ist, gesund zu sein«, murmle ich.

»Na, gesund sind Sie, wenn der Tag Sie anlacht, und Sie springen fröhlich wie ein junges Reh durch die Blumen über eine Wiese und fühlen sich frei«, ruft der Arzt enthusiastisch.

»Dann will ich gar nicht gesund sein«, sage ich.

Er gibt mir die Tabletten, und ich gehe wieder nach Hause. Ich lege mich in mein Bett und starre an die Decke. In meinen Fieberschüben verliere ich jegliches Zeitgefühl. Irgendwann kommt meine Freundin.

»Was ist denn los, mein Kleiner?«, ruft sie, als sie mich vollkommen ermattet im Bett liegen sieht. »Du siehst so blass aus.« Sie zwickt mich mit ihren Fingern in meine Backen, wie es meine Mutter früher gemacht hat. Aber mit meiner Mutter hatte ich keinen Sex. Das Zwicken tut auch weh.

»Ich bin krank«, sage ich.

»Och, das tut mir aber leid, mein Kleiner. Dann gehen wir am besten gleich schlafen. Ich hab sogar eine Bibi-Blocksberg-Kassette mitgebracht, die können wir hören. Die Folge heißt ›Bibi ist krank‹.«

Meine Freundin kann nur schlafen, wenn jemand redet. Beziehungsweise, sie schläft immer ein, wenn jemand redet. Sie schläft also vor allem im Kino, im Theater oder auf Lesungen. Wenn ich rede, schläft sie auch ein. Wir streiten uns nie.

Jetzt schläft sie natürlich auch sofort ein, weil die Bibi-Blocksberg-Kassette läuft. Ich finde die Kassetten aber immer so spannend, dass ich sie ganz hören muss. Als Bibi sich gesund gehext hat und die Kassette zu Ende ist, bekomme ich einen mehrstündigen Hustenanfall. Meine Freundin wacht nicht auf, weil sie auch gut schlafen kann, wenn jemand hustet. Gegen 5 Uhr in der Frühe schlafe ich endlich ein. Da klingelt das Telefon. Ich stehe schwerfällig auf, schleppe mich zum Telefon, es könnte ja die Marktforschung sein. Es ist aber die T-Net-Box.

Die T-Net-Box sagt: »Vor fünf Stunden rief Sie folgende Nummer an: Nummer unbekannt. Der Anrufer hinterließ folgende Nachricht für Sie: keine Nachrichten gespeichert.«

Ich lege auf und kann nicht wieder einschlafen. Am nächsten Morgen bemerke ich, dass ich über Nacht am ganzen Körper Ausschlag bekommen habe.

Ich gehe also wieder zum Arzt. Da muss ich mich abermals auf die gelbliche Liege legen, bis der Arzt kommt.

»Na, was fehlt uns denn heute?«, fragt der Arzt, als hätten wir uns nicht vor vierundzwanzig Stunden das letzte Mal gesehen. Da erwachen meine Lebensgeister, ich springe von der Liege auf und rufe: »Was uns fehlt, ist eine gemeinsame Grundlage, eine Grundlage, auf der wir beide gleichberechtigt existieren können. Sie, der Arzt, verdienen an meiner Krankheit. Sie haben also überhaupt gar kein Interesse daran, dass ich, der Patient, gesund werde. Ich werde mich jetzt zu meiner Krankheit bekennen. Ich werde nicht mehr versuchen, gegen meine Natur gesund zu werden. Krankheit als Weg!«

Ich hüpfe vor dem Arzt rum und rufe stolz: »Ich bin krank! Ich bin krank!«

Dann sacke ich wieder zusammen. Das war jetzt doch ein bisschen zu anstrengend.

»Sie werden wunderlich«, sagt der Arzt und schaut mich zum ersten Mal, seit wir uns kennen, mitleidig an. »Sie sind doch Kassenpatient. Ich verdiene gar nichts an Ihnen.«

»Das tut mir leid«, sage ich leise.

»Hier ham Sie noch Tabletten«, sagt der Arzt und hält mir ein paar bunte Pillen vor die Nase.

»Danke«, sage ich und lege mich wieder auf die Liege. »Ich bin ja auch irgendwie ganz gerne krank.«

»Ich weiß«, sagt der Arzt.

»Ich bin krank«, sage ich noch mal ganz leise, dann schlafe ich friedlich auf der gelblichen Liege ein.

GUTEN RUTSCH

von Christian Ritter

»Hey, Zivi«, rufe ich dem Jungen nach, der gerade mit meiner gut gefüllten Urinflasche verschwinden will. Ich habe die Absicht, ihn mit dem Schmuggel einer Flasche Schnaps zu beauftragen.

»Ich bin kein Zivi, ich bin Bufdi«, sagt der Zivi und lächelt stolz und blöde. Mit meiner Pisse in der Hand. Er startet unverlangt einen Vortrag über die Wichtigkeit des Bundesfreiwilligendienstes, gespickt mit einigen geistigen Exkursionen in den Bereich des Ehrenamts an sich, zum Beispiel DLRG, wo er auch Mitglied sei, er sei damals der Erste in seiner Klasse gewesen, der das Seepferdchen –

»Is’ ja gut«, unterbreche ich. »Fassen wir also zusammen: Du bist so was wie ein Zivi, mit dem Unterschied, dass du nicht mal Geld dafür bekommst.«

Er meint, das sei gewissermaßen eine provokative Aussage, die im Grunde genommen aber stimme.

Ich frage ihn, ob er mir eine Flasche Schnaps reinschmuggeln könne. Er sagt, das widerspreche seinen Prinzipien. Ich beschließe, dass aus dem Jungen nie was werden wird, und frage ihn nach seinem netten Kollegen. Der von vorgestern und gestern, der einem für fünf Euro Trinkgeld alles besorgt und auch nicht aufmüpfig protestiert, wenn man ihn Zivi nennt.

»Den Konrad meinen Sie?!«, sagt der Zivi. »Der wurde gefeuert, weil er einem Patienten Haschplätzchen und Feuerwerksböller verkauft hat.«

Oh nein. Das zieht mich wirklich runter.

»Wie konnte er nur!«, rufe ich entsetzt aus.

Hoffentlich musste er nicht seinen ganzen Großhandel und seine Auftraggeber aufdecken. Nun ja, schade um Konrad, aber mit seinen Fähigkeiten wird er seinen Weg schon machen. Man wächst an Rückschlägen, das mag gar nicht so schlecht sein für den jungen Mann und sein zukünftiges Unternehmen. Zum Glück hat man hier auch ganz offiziell Zugriff auf guten Stoff.

»Wann kommt die Schwester denn mit der nächsten Runde Schmerzmittel?«, frage ich.

Der Zivi erklärt mir, dass er den Zeitplan der Gesundheitspflegerinnen und Gesundheitspfleger leider nicht im Kopf habe. Er könne mir aber einen Kamillentee für die Wartezeit bringen, dazu sei er befugt.

»Ja, und zum Füßewaschen und Rollstuhlschieben, ich weiß«, sage ich.

Ich kenne mich aus, ich war auch mal Zivi im Krankenhaus. Sogar genau da, wo ich jetzt wieder gelandet bin, auf der Orthopädie. Das war auch mein letztes regelmäßiges Einkommen. Solide Arbeit, zehn Monate am Stück, das soll mir erst mal jemand nachmachen! Und es gab zusätzliche Verdienstmöglichkeiten en masse. Nicht verwunderlich, dass mir Konrad so sympathisch war, ich habe damals so ziemlich genau dasselbe gemacht.

Korruption wäre vielleicht der falsche Ausdruck. Aber irgendwann hatte es sich unter den Patienten herumgesprochen, dass sich die Chancen, direkt nach dem Ausflug zum Röntgen oder ins MRT wieder von mir abgeholt zu werden und nicht eine Stunde verloren und frierend im Rollstuhl auf dem Flur herumstehen zu müssen, drastisch erhöhen, wenn man sich mir ab und an erkenntlich zeigte. Hier mal ’ne Mark, da mal ’nen Schein, danke fürs Wenden, bitte die Bettpfanne, wie stehen die Chancen, dass morgen ein Kümmerling zum Abendbrot gereicht wird? Da war eigentlich alles drin.

Was man als Stationszivi zu erledigen hat, füllt ja nun auch keinen Achtstundentag aus. Essen reintragen, Tabletts raustragen, Urinflaschen ausleeren, Rollstühle und Betten durch die Gegend schieben, leer und mit Inhalt, Füße waschen, Thrombosestrümpfe über adrige Beine zwängen. Das war’s schon. Genug Zeit, um einen gut laufenden Roomservice zu etablieren.

Zwar war das Annehmen von Trinkgeldern durch den Zivildienstvertrag streng verboten, gewerbliche Nebentätigkeiten waren aber nicht ausdrücklich erwähnt, nach meiner Interpretation also auch nicht untersagt.

In eine Bild-Zeitung lässt sich so einiges einwickeln, und die war und ist noch immer das meistgehandelte Gut im Krankenhaus. Kann man was dagegen haben, bringt aber nichts. Man kann auch was gegen Asphalt haben. Der hält sich auch ewig, obwohl die Auflage bröckelt.

Ich hab es noch im Ohr, als wäre es gestern gewesen: »Junge, Zivi, Handlanger, bringst mir mal aus dem Lädchen ’ne Bild, und ...«, dann wurden die Stimme gesenkt und die geheimen Wünsche offenbart. Schnupftabak, zwei Kästen Bockbier, den Pullover von Ausbildungsschwester Annegret zum Dran-Riechen. Alles war möglich.

»Warum schauen Sie denn so, so entrückt und glücklich?«, fragt der Zivi.

»Könntest du mich vielleicht duzen, damit ich mich nicht so alt fühle?«, frage ich zurück.

Er sagt, das widerspreche seinen Prinzipien. Ich werde wütend und werfe eine Orange nach ihm. Er weicht geschickt aus, hat er sicher bei der DLRG gelernt.

»Na na na«, sagt er. »Sie sollten sich nicht so aufregen in Ihrem Alter. Ich werde dann mal Ihren Urin entsorgen. A tout à l’heure.«

Und weg ist er.

Zum Glück ist man als Kassenpatient im Krankenhaus nie allein. Ich teile mein Zimmer mit drei anderen Haudegen, die sich auch alle das Becken gebrochen haben. Vom Personal werden wir deswegen »Die Beckenrecken« genannt, das schweißt zusammen. Allerdings schlafen die anderen gerade alle, vielleicht ist einer von ihnen auch schon tot. Sie sind im Schnitt zwanzig Jahre älter als ich, da kann jeder Atemzug der letzte sein. Außerdem beneiden sie mich, nicht nur wegen meiner dreißigjährigen Jugendlichkeit, auch wegen meiner Art des Bruchs, die hier drin mit Abstand die harmloseste ist. Ich bin ein Gewinner!

Ich habe eine stabile Beckenfraktur, Typ A, linksseitig. Einmal ordentlich und gerade zerteilt, nach dem kleinen Unfall mit dem Schlitten und der etwas steilen Rampe, die ich für meine Neffen gebaut hatte und gleich selbst einweihen wollte, um zu demonstrieren, wie viel Spaß sie bereiten kann.

Herrmann, mit dem ich Füße an Füße liege, hat eine Typ B-Fraktur, auch Open Book genannt, weil sich die Beckenschaufeln jetzt nach außen aufklappen lassen beziehungsweise ließen, wenn nicht noch Teile Herrmanns drumherum lägen. Die anderen armen Gestalten neben uns haben einen Bruch vom Typ C, rotationsinstabil und vertikal instabil. Die muss man erst mal ordentlich ausschaben und ihnen ganz neue Ersatzteile einsetzen, wenn das noch mal klappen soll mit der selbstbestimmten Fortbewegung. Das hat alles der Arzt so gesagt, ziemlich wortwörtlich, als er zuletzt bei uns war, vor etwa einer Woche. Ich glaube, es war sogar an Heiligabend. Seitdem läuft der Betrieb ein bisschen auf Sparflamme. Der Chirurg, der uns operieren sollte, macht Urlaub auf Fuerteventura, sein Stellvertreter hat sich beim Schlittenfahren das Becken gebrochen. Es ist ein wirklich schöner, schneereicher Winter draußen. Und sehr kalt. Aber in unseren Gipsbetten sind wir sicher.

Der Zivi kommt wieder rein und bringt eine neue Urinflasche. Zu meiner Zivi-Zeit haben wir die mitgehen lassen und sie im Wohnheim in Trinkspiele eingebunden. Wir hatten ja sonst nichts damals. Die Zeit vertrieben wir uns mit Rollstuhlrennen, Wetten auf den nächsten Toten, Saufen aus Urinflaschen und gelegentlichen Ausflügen in die Homoerotik. Ich war in einem katholischen Krankenhaus.

»Ich hab’s mir überlegt«, sagt der Zivi. »Ich werde Sie nicht duzen, aber ich leiste Ihnen gern Gesellschaft. Sie sehen so einsam und traurig aus, und immerhin ist heute Silvester. Wir könnten zusammen Dinner for One schauen. Das kommt gleich zum vierten Mal heute.«

Ich werde wieder wütend und werfe eine weitere Orange nach ihm. Diesmal treffe ich.

»Das sag ich!«, ruft er und rennt raus.

»Huch, war was?«, sagt Herrmann, der wohl gerade aufgewacht ist.

»Ich hab den Zivi mit einer Orange erwischt.«

»Die heißen heute Bufdis.«

»Ich weiß.«

»Das wird Konsequenzen haben, Typ A.«

»Was soll mir denn schon passieren? Ich lieg hier in meiner Gipshose im Bett und kann mich nicht bewegen. Schlimmer kann’s ja wohl nicht kommen.«

»Wirst schon sehen.«

Als wäre Herrmann der Erzähler dieser Geschichte, leitet er mit diesem Satz das Grande Finale ein, das ich so nicht erwartet hätte. Der Zivi erscheint in Begleitung einer robusten Krankenschwester wieder im Zimmer, sie übernimmt das Kommando: »Ich habe gehört, hier kann sich jemand nicht beherrschen? Braucht da jemand eine kleine … Auszeit?«

Oh nein. Leider weiß ich von früher noch ganz genau, was das bedeutet. Sie wird das härteste Mittel anwenden, das einer Krankenschwester ohne ärztliche Anweisung zur Verfügung steht: die Fixierung.

»Bitte nicht«, flehe ich. »Ich gebe Ihnen ganz viele Orangen!«

»Da hätte er mal früher drüber nachdenken … ICH KENNE DICH DOCH!«

»Was? Wie?« Scheiße. Man sieht sich immer zweimal im Leben.

»Du warst doch damals Zivi und hast von den Patienten Geld dafür genommen, dass sie sich an meinen Pullovern aufgeilen können.«

»Daran riechen«, korrigiere ich.

»Mach deinen Mund auf!«, befiehlt sie und greift zu einer Orange.

Ohne nennenswerte Gegenwehr ist ein Patient recht schnell fixiert. Keine zwei Minuten später bin ich nicht nur in der Hüftregion, sondern an vier weiteren Stellen ans Bett gegurtet. Den Kopf kann ich noch ein bisschen drehen, allerdings hat sie mir auch das Kopfkissen weggenommen, sodass mein Sichtfeld von links nach rechts das Waschbecken, die Decke und einen Typ-C-Beckenbruch zeigt. Die Orange hat sie mir aus Fürsorge wieder aus dem Mund genommen, als alles vorbei war. Sie hat sie durch einen Ballknebel ersetzt, den ich bislang nur aus schüchternen Ausflügen in die SM-Szene kannte.

»Ordentliche Arbeit«, sagt sie, klatscht sich die Hände ab und geht nach draußen. Der Zivi hinterlässt noch den Hinweis, dass Dinner for One gleich zum fünften Mal laufe, falls sich das jemand anschauen wolle.

»Hab’s dir ja gesagt«, sagt Herrmann, als sie verschwunden sind. »Um zwölf kommt übrigens die Stripperin mit der Bierbong. Hab ich gestern noch bei Konrad bestellt.«

Ich hebe als Antwort meinen kleinen Finger.

»Guten Rutsch!«, sagt er.

PLACEBOPSYCHOLOGIE ODER: WIE VIEL VON DEN MILLIARDEN FORSCHUNGSGELDERN KOMMT DENN BEIM PATIENTEN AN?

von Horst Evers

Ich habe mir den Rücken gebrochen. Also quasi, weil ich einem Freund beim Umzug geholfen habe. Da habe ich mir beim Anheben der Waschmaschine zumindest mal sämtliche Bänder, Muskeln, Sehnen, und was immer es so im Rücken gibt, gerissen. Aber voll. Den Schmerzen nach, hab ich mir das alles vermutlich sogar mehrfach gerissen. Wenigstens drei- oder viermal. Klingt heftig? Ist es auch! Alles mehrfach gerissen. Aber hallo!

Die Rückenärztin bestätigt meine Diagnose im Groben, bringt das Ganze formulierungsmäßig aber auf eine übliche medizinische Fachformel, indem sie sagt: »Na ja, da haben Sie sich wohl einen Nerv eingeklemmt, was?«

Gut, ich will nicht angeben, aber ich finde, meine Beschreibung meines kompletten Rückendurchrisses macht eindeutig mehr her. Zumal ihr gelangweilter Ton für einen derart zerschmetterten Patienten wie mich auch recht irritierend ist.

»Müssen Sie denn demnächst irgendwas machen?«

Was für eine Frage! Ob ich was machen muss? Ich muss leben! Existieren! Vielleicht auch mal einfach nur so stehen! Möglichst gerade! Da hab ich Spaß dran! So einer bin ich! Geradestehen ist meine Leidenschaft! Also Geradestehen, ohne vor Schmerzen jämmerlich heulen zu müssen. Find ich Hammer! Rumstehen und Heulen ist echt nur halb so cool! Auch Frauen spricht das meistens nicht besonders an! Ich habe es probiert. Aber diese Legende, dass Frauen weinende Männer toll finden, gilt wohl nur, wenn überhaupt, wenn die Männer wegen ihnen oder zumindest der Familie heulen. Ansonsten sind sie, auch wenn sie es nicht zugeben würden, eigentlich eher neidisch auf den Fußballverein oder auf den Hammer, der dem Mann gerade auf den Finger geschlagen hat. »Wegen Fußball oder einem abgeschlagenen Finger heulste, doch ich bin dir offensichtlich wohl völlig egal.«

Das alles könnte ich auf ihre Frage, ob ich denn »demnächst was machen muss« antworten, tue es jedoch nicht, da ich aus unerfindlichen Gründen möchte, dass sie mich mag. Stattdessen spiele ich nur den Ball unverbindlich zurück: »Wie meinen Sie das, ob ich was machen muss?«

»Na, mit dem Rücken, ist der demnächst stärkeren Belastungen ausgesetzt?«

Was sind denn »stärkere Belastungen«? Was denkt die denn, wofür ich meinen Rücken brauche? Nee, Frau Ärztin, ist kein Problem. Hier so Schultern, Arme und Kopf kann ich ja demnächst auch einfach mal am Knie tragen. Dann kann sich der Rücken mal ein bisschen von den stärkeren Belastungen erholen. Muss man dann nur wieder aufpassen wegen Meniskus; wenn das alles am Knie hängt, wird dem das ja womöglich auch wieder zu viel, und dann …

Aber auch das sage ich nicht. Nein, weil ich eben ein unkomplizierter, vorbildlicher Patient sein möchte, der nicht unnötig provoziert, sondern einfach klare, kurze, sachliche Antworten gibt, sage ich natürlich: »Ja, ich muss demnächst als Pferd arbeiten.«

»Was?«

»Na, wissen Sie doch. Die Grünen wollen das jetzt doch abschaffen. Das Ponyreiten auf Jahrmärkten. Wegen Tierschutz. Und deshalb haben sich die Jahrmarktbetreiber überlegt, engagieren sie statt der Ponys eben Kleinkünstler, satteln quasi um. Und da hab ich jetzt ein paar gute Jobs als Pony an Land gezogen. Und da brauch ich natürlich den Rücken für.«

Sie nickt.

»Ja dann.«