001

Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Buch
Detective Robert Miller und sein Partner Detective Albert Roth ermitteln in Washington D.C. in mysteriösen Serienmordfällen. Jüngstes Opfer ist die 49-jährige Catherine Sheridan, vor ihr mussten bereits drei weitere Frauen sterben. Inmitten der heißen Wahlkampfphase will man in Washington eigentlich nichts von einem Serienkiller hören. Doch nach dem vierten Mord sind auch die Medien nicht mehr zurückzuhalten. Für Detective Robert Miller sind allerdings nicht nur Motiv und Täter rätselhaft, auch die Opfer stellen ihn vor Fragen. Denn die vier ermordeten Frauen existierten offiziell gar nicht. Je weiter Miller nachforscht, desto mysteriöser wird der Fall. Schließlich gerät er in ein Netz so dunkler Machenschaften, dass er um sein eigenes Leben bangen muss …

Autor
Roger Jon Ellory wurde 1965 in Birmingham geboren und wuchs als Waise in einem Internat, später bei seiner Großmutter auf. Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt wegen Wilderei und einer Karriere als Gitarrist einer Rockband fand er zum Schreiben. Seine Bücher wurden für den »Steel Dagger« nominiert und für die »Richard & Judy Book Club selection« ausgewählt.
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001

Für meine Frau Vicky und meinen Sohn Ryan, die meine Empfindlichkeiten tolerieren und wissen, dass sie sich meiner unbedingten Liebe gewiss sein können.

Durch Mord ist der Lauf der Weltgeschichte noch nie verändert worden.
Benjamin Disraeli

Prolog
Sie steht in der Küche; hält für einen Augenblick den Atem an.
Kurz nach fünf Uhr nachmittags. Schon dunkel draußen, und obwohl sie bereits tausendmal am selben Platz gestanden hat – vor ihr das Spülbecken, zur Rechten die Arbeitsplatte, links die Tür zum Flur -, ist etwas anders.
Vollkommen anders.
Dieselbe Luft, aber anscheinend schwerer zu atmen. Über ihr dasselbe Licht, aber irgendwie grell und aggressiv. Sogar ihre Haut, nie beachtet, fühlt sich straffer an. Die Kopfhaut beginnt zu jucken, als Schweiß austritt, sie spürt den Druck ihrer Kleider, das Gewicht der Arme, die Spannung, die von den Ringen an den Fingern und der Armbanduhr ausgeht; sie spürt ihre Unterwäsche, ihre Schuhe, ihre Halskette, ihre Bluse.
Es ist so weit, denkt sie.
Mein Name ist Catherine. Ich bin neunundvierzig Jahre alt, und es ist so weit.
Scheiße.
Sie bewegt sich nach rechts. Streckt die Hand aus, berührt die kühle Oberfläche des Beckenrands. Greift danach, benutzt ihn als Stütze, wendet sich langsam zur Tür um.
Sie weiß nicht, ob er schon im Haus ist.
Sie weiß nicht, ob sie stehen bleiben und warten oder ob sie herumgehen soll.
Sie weiß nicht, was er von ihr erwartet.
Sie braucht eine ganze Weile für eine Entscheidung, aber als sie getroffen ist, bleibt sie dabei.
Sie geht quer durch die Küche in das vordere Zimmer des Hauses – sachlich, direkt; sie nimmt eine DVD aus dem Bücherregal an der Wand, die Fernbedienung schon in der Hand, öffnet den Player, legt die Disc ein, schließt den Player, drückt auf Knöpfe, wartet auf den Ton … und dann kommt das Bild, und sie zögert.
Musik.
Sie stellt den Ton lauter.
Musik von Dimitri Tiomkin.
Ist das Leben nicht schön?
Sie erinnert sich an das erste Mal, dass sie den Film gesehen hat. Erinnert sich an jedes Mal, dass sie den Film gesehen hat. Ganze Passagen weiß sie auswendig, Satz für Satz. Wortwörtlich. Wie für einen Test eingepaukt. Erinnert sich an die Menschen, mit denen sie zusammen war, was sie gesagt haben, wer geweint hat und wer nicht. Erinnert sich in einem solchen Moment an so etwas. Hatte gedacht, sie würde sich an die wichtigen Dinge erinnern.
Scheiße, vielleicht sind das die wichtigen Dinge.
Das Herz riesengroß in ihrer Brust. So groß wie eine geballte Faust? Sicher nicht. Nicht in ihrem Fall. Das Herz so groß wie zwei geballte Fäuste, so groß wie ein Fußball? So groß wie …
Wie was?, denkt sie.
Wie groß genau?
Schaut auf den Bildschirm. Hört den Schlag der Glocke, dann die verspielte Melodie der Geigen. Das Schild, auf dem JETZT SIND SIE IN BEDFORD FALLS steht. Das Postkartenidyll einer Straße. Schnee rieselt herab …
Catherine Sheridan beginnt es zu spüren. Es ist nicht Angst, über ein Gefühl wie Angst ist sie längst hinaus. Es ist nichts unmittelbar Definierbares – wie ein Verlust oder so etwas wie Sehnsucht, etwas wie Wut oder Ärger oder Verbitterung darüber, dass es so enden musste.
»Ich habe George Bailey alles zu verdanken«, sagt die Stimme aus dem Fernsehgerät. »Heiliger Vater, steh ihm bei. Joseph, Maria und Jesus … steht meinem Freund George Bailey bei …«
Die Stimme einer Frau: »Steht meinem Sohn George heute Nacht bei.«
Die Kamera macht einen Schwenk zum Himmel, weg vom Haus, hinauf in den Weltraum.
Es ist alles, und zugleich ist es nichts. Catherine Sheridan sieht ihr ganzes Leben zusammengeschoben wie eine Ziehharmonika und dann wieder auseinandergezogen, bis jeder Abschnitt klar zu erkennen ist.
Sie schließt die Augen, schlägt sie wieder auf, sieht Kinder auf Schaufeln Schlitten fahren, die Szene, in der George Harry aus dem eisigen Wasser rettet. Und dabei holt er sich den Virus in sein Ohr, und so verlor er sein Gehör …
In dem Moment hört Catherine etwas. Sie denkt daran, sich umzudrehen, aber wagt es nicht. Ein plötzlicher Druck tief unten im Bauch. Jetzt will sie sich umdrehen. Will sich umdrehen und ihm in die Augen schauen, aber sie weiß, wenn sie es tut, wird sie schreien und weinen und betteln, dass es auf andere Art passiert, und es ist zu spät, zu spät zurückzugehen … zu spät, weil alles schon passiert ist, alles, was sie getan haben, alles, was sie erfahren haben und die Folgen von allem …
Und Catherine denkt: Was zum Teufel haben wir uns gedacht? Für wen haben wir uns gehalten? Wer zum Teufel hat uns das Recht gegeben zu tun, was wir getan haben?
Sie denkt: Wir selbst haben uns das Recht gegeben. Wir haben uns ein Recht angemaßt, das nur Gott gewähren kann. Aber wo zum Teufel war er? Wo war Gott, als diese Leute gestorben sind?
Und jetzt muss ich sterben.
Einfach so.
Jetzt gleich, in meinem eigenen Haus.
Früher oder später muss man für alles bezahlen.
Der Satz könnte von Robey sein: »Früher oder später muss man für alles bezahlen, Catherine.«
Und sie hätte gelächelt und gesagt: »Du bist schon immer ein Scheißbuddhist gewesen. Bei deinem Job und allem, was du gesehen hast, meinst du immer noch, du könntest mir mit irgend so einer egozentrischen, gedankenlosen Plattitüde kommen. Zum Teufel mit dir, John Robey … Hörst du dir manchmal selber zu?«
»Nein«, hätte er geantwortet: »Nein … nein, ich höre mir nicht selber zu, Catherine. Dazu fehlt mir der Mut.«
Und sie hätte genau gewusst, wie er das meint.
Nach einer Weile verschließt man die Augen vor dem, was man macht. Man verschließt zähneknirschend die Augen, ballt die Fäuste und redet sich ein, dass alles schon gut ausgehen wird.
So macht man das.
Bis zu einem Moment wie diesem.
Man steht in seinem eigenen Vorderzimmer, Jimmy Stewart auf dem Bildschirm, und weiß, er ist direkt hinter einem. Man weiß, dass er direkt hinter einem ist. Und man hat eine ungefähre Vorstellung davon, wie er es machen wird, weil man in der Zeitung darüber gelesen hat …
Catherine schaut auf das Fernsehgerät.
George ist vor der Bank.
»Aufpassen, Captain … Wohin so eilig?«
»Papa besuchen, Onkel Billy.«
»Ein andermal, George.«
»Es ist wichtig.«
»Die ersten Windstöße da drinnen, das wird ein Orkan.«
Und Catherine spürt ihn hinter sich, direkt hinter sich … Würde sie die Hand im Dunkeln nach hinten ausstrecken, könnte sie ihn berühren. Sie kann sich vorstellen, was in seinem Herzen, seinem Kopf vor sich geht, was für ein Ansturm der Gefühle muss das sein. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist er härter als ich. Viel härter, als ich geglaubt habe. Aber dann hört sie das leichte Stocken in seiner Kehle, als er Luft holt. Hört es und weiß – sie weiß es -, dass er diese Sache genauso heftig empfindet wie sie.
Sie schließt die Augen.
»Es ist ein gutes Gesicht«, sagt die Stimme aus dem Fernsehgerät. »Ich mag es. Ich mag George Bailey. Sag … hat er je jemandem von den Pillen erzählt?«
»Keiner Menschenseele.«
»Hat er das Mädchen je geheiratet? Ist er je auf Forschungsreise gegangen?«
»Ach … warte es ab …«
Catherine Sheridan schließt die Augen, beißt die Zähne zusammen, ballt die Fäuste, fragt sich, ob sie sich wehren soll. Ob es klug ist, sich zu wehren. Ob es überhaupt noch etwas gibt, das klug ist.
Lieber Gott, ich hoffe, wir sind im Recht, denkt sie. Ich hoffe, alles ist
Sie spürt seine Hand auf der Schulter. Sie erstarrt, jeder Muskel, jeder Nerv, jede Sehne, jedes Molekül ihrer Existenz zum Zerreißen gespannt.
Beinahe lehnt sie sich ihm entgegen, als sie die Finger spürt, die sich um ihren Nacken schließen. Sie fühlt die Kraft seines Griffs, die zunimmt, und sie weiß, dass er jede Unze seines Willens und seiner Selbstdisziplin braucht, um das zu tun. Sie weiß, dass es ihm viel mehr – viel viel mehr – wehtun wird als ihr.
Catherine versucht sich ein wenig umzudrehen, und selbst das, sie spürt es, dient nur der Schnelligkeit, mit der die Sache erledigt wird. Vielleicht will sie sich deshalb umdrehen. Sie fühlt den Druck seiner Fingerspitzen, fühlt die Veränderung, als er sich nach rechts bewegt, nicht nachlässt im Druck auf ihre Kehle, das Tempo forciert, den Druck erhöht, zurückweicht, ihr mit dem Unterarm den Kopf nach links drückt … Ihr brennen die Augen, als Tränen die unteren Lider füllen, und sie weint nicht einmal. Es ist eine Art autonome Reaktion, die Spannung in ihrer Brust steigt, als die Lunge sich gegen den Sauerstoffentzug zu wehren beginnt … und ihr wird schwindelig, und als die Lider zu flattern beginnen, sieht sie tiefe Stürme nicht identifizierbarer Farben …
Ein Geräusch bricht aus der Mitte ihrer Brust hervor. Ein beschissenes, roh rot donnerndes Geräusch. Bricht aus der Mitte ihrer Brust hervor und bleibt am Eingang zur Kehle stecken.
O mein Gott, denkt sie. O mein GottO mein GottO mein Gott
Fühlt das ganze Gewicht ihres Körpers, als er zu fallen beginnt, fühlt, wie er versucht, sie aufrecht zu halten, und obwohl sie weiß, dass es bald vorbei sein wird, ist da etwas in ihr – etwas Genetisches, Grundlegendes, ein Instinkt, fest eingewoben in ihr Wesen -, das immer noch um ihr Leben ringt, dabei weiß sie, dass es alles längst keinen Sinn mehr hat …
Ihre Augen scheinen voller Blut zu sein, sie sieht nur noch rot, riesige, phantastische burgunderrote, rosarote, scharlach- und karmesin- und bordeauxrote Flächen …
O mein Gott
Sie fühlt das Gewicht ihres Kopfes, als er nach vorn kippt.
Sie weiß, selbst wenn er sie jetzt loslassen würde, wenn Sanitäter hereingestürmt kämen, um sie auf eine Trage zu schnallen und ihr eine Maske über das Gesicht zu stülpen und sie anzuschreien, Atmen Sie, um Himmels willen, Sie müssen atmen! Selbst wenn sie reinen, makellos sauberen Sauerstoff in sie hineinströmen lassen und sie mit Blaulicht ins Columbia Hospital oder in die Universitätsklinik fahren würden … selbst wenn das alles geschehen würde, wäre sie nicht mehr zu retten …
In ihrem letzten Augenblick zwingt sie sich, die Augen zu öffnen, und sieht George Baileys Gesicht, das sich beim Tanzen aufhellt, als Mary seinen Blick erwidert, und es ist einer dieser Momente des Erstarrens vor Schreck über die Liebe auf den ersten Blick, die immer nur den besten Menschen widerfahren, und das auch nur ein Mal im Leben. Und wenn man auf diesen Moment nicht eingeht, auf diesen Ansturm spontaner Magie, die einem das Herz, den Geist, jeden kleinsten Winkel des Seins erfüllt … Wenn man auf diesen Moment nicht eingeht, wird man ihn sein Leben lang als die Gelegenheit erinnern, die man hätte ergreifen sollen, die einzige Gelegenheit, die man wirklich hätte ergreifen sollen, die womöglich das ganze Leben verändert, es lebenswerter gemacht, ihm mehr Sinn gegeben hätte, als es letztendlich gehabt hat …
Und James Stewart sagt: »Na, hallo.«
Catherine Sheridan kann nicht mehr kämpfen. Will nicht mehr kämpfen. Ihre Moral ist gebrochen. Alles, was einmal wichtig war, zählt nicht mehr. Sie lässt los. Spürt ihren Körper zu Boden sinken, spürt, wie er sie frei gibt, und denkt: Ich werde nicht diejenige sein, die mit dem Wissen um das, was wir getan haben, weiterleben muss …
Gott sei Dank für seine kleinen Gnaden.
 
Als er anfing, noch andere Dinge mit Catherine anzustellen, war sie längst tot.

1
Washington D. C. war nicht der Nabel der Welt, auch wenn ein nicht geringer Prozentsatz der Washingtoner es glaubte.
Detective Robert Miller zählte nicht dazu.
Hauptstadt der kontinentalen Vereinigten Staaten, Sitz der Bundesregierung, eine Geschichte, die nach Jahrhunderten zählte, und doch, trotz historischer Tiefe, trotz Kunst und Architektur, dreispuriger Straßen, Galerien, Museen, trotz des leistungsfähigsten Untergrundbahnnetzes aller amerikanischen Städte, hatte auch Washington seine dunklen Seiten und scharfen Kanten und stumpfen Spitzen. Tag für Tag wurden dort Menschen ermordet.
Der 11. November war kalt und ungemütlich, in vielerlei Hinsicht ein Tag melancholischer Reminiszenz. Um fünf Uhr fiel die Dunkelheit wie ein Stein auf die Stadt herab, die Temperatur nur wenig über null, die Straßenlaternen, in parallelen Linien verlaufend, so weit das Auge reichte, waren nicht viel mehr als eine Einladung, ihnen zu folgen und wegzugehen. Detective Robert Miller hatte oft daran gedacht wegzugehen, sich einen anderen Job in einer anderen Stadt zu suchen, und es gab bestimmte und sehr persönliche Gründe, einen solchen Schritt in Erwägung zu ziehen. Die Gründe waren zahlreich – und sie waren schlecht -, und er hatte Wochen gebraucht, um sie sich aus dem Kopf zu schlagen. Aber in diesem Augenblick stand er im Garten hinter dem Sheridan-Haus in der Columbia Street NW. Das rote und blaue Flackern der Lichtbalken auf den geparkten Streifenwagen wurde von den Fensterscheiben reflektiert, das Stimmengewirr und Durcheinander zu vieler Leute mit zu vielen Anliegen – uniformierte Beamte, Kriminaltechniker, Tatortfotografen, Nachbarn mit Kindern und Hunden und Fragen, auf die sie keine Antwort bekamen, das Knistern und Knacken der Walkie-Talkies und Funksprechgeräte in den Streifenwagen … Am Ende der Straße herrschte ein Karneval aus Lärm und Chaos, aber Miller nahm durch das alles nur den Tempowechsel wahr, von dem er gewusst hatte, dass er kommen würde. Sein Puls ging schneller. Er spürte sein Herz in der Brust und die Nerven am Grund des Magens. Für drei Monate suspendiert – ein Monat zu Hause, die Monate zwei und drei hinter einem Schreibtisch verbracht -, und jetzt stand er hier. Noch keine Woche zurück im aktiven Dienst, und schon hatte die Welt ihn wiedergefunden. Er war aus dem Tageslicht direkt in Washingtons finsteren Unterleib hinabgestiegen und wie ein lange verlorenes Familienmitglied begrüßt worden. Und als Dank für seine Rückkehr hatten sie ihm einen geschundenen Kadaver in ein Schlafzimmer mit Blick auf die Columbia Street North West gelegt.
Miller war schon im Haus gewesen und hatte gesehen, was er sehen wollte, vor allem aber, was er nicht sehen wollte. Das Mobiliar des Opfers, die Bilder an den Wänden, Erinnerungen an ein Leben, das einmal gewesen war. Jetzt war dieses Leben vorbei, ausgelöscht mit einem Herzschlag. Er war zur Hintertür in der Küche hinausgegangen, weil er frische Luft brauchte, einen Tempowechsel. Da drinnen arbeiteten Kriminaltechniker, sachlich und emotionslos, und Miller brauchte ein wenig Abstand. Es war bitterkalt, und trotz des Mantels und Schals und der tief in den Manteltaschen vergrabenen Hände spürte er etwas noch viel Eisigeres als die Witterung. Er stand still in dem gesichtslosen Hinterhof und sah den Wahnsinn um sich herum Gestalt annehmen. Er lauschte auf die scheinbar teilnahmslosen Stimmen der Männer, für die solche Dinge Alltag waren. Er hatte sich für unberührbar gehalten, und es hatte ihn doch erwischt, mit Leichtigkeit, und das machte ihm Angst.
Robert Miller – ein Mann von unauffälligem Äußeren, der sich wenig von vielen anderen Männern unterschied – wartete auf seinen Partner, Detective Albert Roth. Miller hatte fast zwei Jahre mit ihm zusammengearbeitet. Sie hätten sich nicht unähnlicher sein können, und trotzdem war Al Roth, ein geradezu peinlich professioneller Mensch, der sich streng an Regeln und Etikette hielt und wenn nötig für sie beide dachte, ihm ein Halt.
Miller hatte durchgehalten bei der Mordkommission, aber der Sinn, den er in der Arbeit gesehen hatte, war von jüngsten Ereignissen überwuchert und darunter begraben worden. Die Kenntnisse, die er sich angeeignet hatte, kamen ihm ungefähr so sinnvoll vor wie Stockfisch oder Frischluft. Er hatte vorsichtshalber mal bei der Sitte und beim Drogendezernat vorgefühlt, sogar in der Verwaltung, sich aber nicht entscheiden können. Der August war ein schlechter Monat gewesen, der September ein noch schlechterer, und auch jetzt – noch immer taumelnd nach allem, was passiert war, als hätte er mit knapper Not einen bösen Autounfall überlebt – begriff er noch nicht richtig, wie ihm geschehen war. Er und Roth redeten nicht über die letzten drei Monate, es war etwas Gefühltes, und nicht einmal die Ahnung, dass ein Gespräch vielleicht hilfreich wäre, ließ Miller den Anfang finden.
Miller war im Zweiten Revier gewesen, als die Meldung hereinkam. Al Roth hatten sie bei sich zu Hause erwischt, und als er in der Columbia Street NW eintraf, standen er und Miller schweigend im Garten der Toten. Nur einen Moment lang, vielleicht als Geste des Repekts.
Sie betraten das Haus durch die Küche auf der Rückseite. Der untere Flur war bevölkert von Männern, auch auf der Treppe waren Leute; Orchestermusik untermalte das Stimmengewirr und vereinzelte Blitzlichter. Einen Moment lang standen sie schweigend da, dann fragte Roth: »Was zum Teufel ist das?«
Miller deutete mit dem Kopf zum Vorderzimmer. »Da läuft’ne DVD. Ist das Leben nicht schön – ausgerechnet.«
»Wie pietätvoll«, meinte Roth. »Ist sie oben?«
»Ja, erstes Schlafzimmer rechts.«
»Wie, sagst du, war ihr Name?«
»Sheridan«, antwortete Miller. »Catherine Sheridan.«
»Ich geh dann mal rauf.«
»Tritt nicht auf die Pizza«, sagte Miller.
Roth kniff die Augen zusammen. »Pizza?«
»Der Lieferjunge hat sie auf den Flurläufer gelegt. Als er gekommen ist, stand die Haustür offen, sagt er, und aus dem Vorderzimmer hat er den Fernseher gehört …«
»Wie? Und dann ist er einfach reingekommen?«
»Sie haben strikte Anweisung, nicht ohne Geld wieder abzuziehen. Was weiß ich, was er sich gedacht hat, Al. Er hat gemeint, oben jemanden zu hören, und weil der Fernseher lief, konnte er sich nicht bemerkbar machen, also ist er raufgegangen. Er hat sie so gefunden, wie sie jetzt noch daliegt.« Miller schien durch Roth hindurchzuschauen, während er redete, dann erst brachte er Worte und Gedanken zusammen. »Oben wimmelt es von Leuten der Spurensicherung. Wir fliegen da hochkant wieder raus, aber geh nur rauf und sieh’s dir an.«
Roth zögerte. »Alles okay mit dir?«, fragte er.
Miller meinte, Substanz und Dunkelheit seiner eigenen Gedanken zu spüren. Er sah es in seinem Spiegelbild, die Schatten unter den Augen. »Alles okay«, sagte er, aber es schwang etwas Unbestimmtes, Unterdrücktes in seiner Stimme mit.
»Bist du fit genug für die Sache?«
»Mehr als je zuvor«, antwortete Miller im Tonfall philosophischer Resignation.
Roth ging vorbei an Miller quer durch das Foyer und stieg die Treppe hinauf. Miller folgte ihm, und sie schlängelten sich durch den Flur zum Schlafzimmer der Toten. Eine Gruppe von drei, vier Männern stand vor der Tür. Einer von ihnen – Miller kannte das Gesicht aus einer anderen Zeit, einem anderen dunklen Raum ihrer kollektiven Vergangenheit – nickte ihm zu. Sie wussten, wer Miller war. Sie wussten, was ihm zugestoßen, auf welche Weise sein Leben von den Zeitungen durchleuchtet und vor der Welt ausgebreitet worden war. Alle hätten sie ihm gern dieselbe Frage gestellt, aber niemand tat es.
Er betrat das Zimmer und hatte den Eindruck, als würden alle Kollegen aus seinem Blickfeld verschwinden. Er verhielt kurz im Schritt.
Nichts war so wie ein toter Mensch.
Nichts auf der Welt.
Lebende und tote Menschen hatten nicht die geringste Ähnlichkeit miteinander. Auch jetzt noch, trotz der vielen Toten, die er gesehen hatte, gab es diese Sekunde, in der Miller glaubte, das Opfer würde jeden Moment die Augen aufschlagen und tief Luft holen, vielleicht mit einer schmerzverzerrten Grimasse, einem schwachen Lächeln, wie um zu sagen: »Da bin ich wieder … Tut mir leid, ich muss wohl kurz woanders gewesen sein.«
Es hatte ein erstes Mal gegeben, natürlich. Aber von diesem ersten Mal war Miller etwas geblieben, das ihm jedes Mal wieder das Herz stillstehen ließ – nur für eine Sekunde, den Bruchteil einer Sekunde – und zu ihm sagte: »So etwas tun Menschen anderen Menschen an. Wieder so ein Beispiel dafür, wie das Leben jemanden von uns zerschmettern kann.«
Das Erste, was ihm diesmal auffiel, war ihre unnatürliche Haltung. Catherine Sheridan kniete, die Arme zu beiden Seiten von sich gestreckt, der Kopf ruhte auf der Matratze, seitlich, eine Wange auf das Laken gebettet. Ein zweites Laken war ihr nachlässig um die Hüften drapiert worden und verdeckte den Großteil ihrer Beine. Es sah aus, als würde sie an ihrem Körper entlang nach hinten zur Tür schauen. Eine laszive Position, die nichts Laszives mehr hatte.
Das Zweite war ihr Gesichtsausdruck. Er hätte kein Wort dafür gefunden. Er ging auf die Knie, um ihr von ganz nah ins Gesicht sehen zu können; in der glasigen Stille ihrer Augen spiegelte sich sein Gesicht. Es war fast nicht möglich, das Gefühl zu beschreiben, das dieses Gesicht ausdrückte. Hinnahme? Resignation? Vielleicht Ergebenheit? Es stand im Kontrast zu den grauenhaften Quetschungen auf Armen und Schultern. Vom Hals abwärts, und nach dem Wenigen, was er von Hüften und Schenkeln sehen konnte, war sie erbarmungslos geschlagen worden, mit einer Brutalität, die kein Mensch überlebt hätte. Das Blut war schon geronnen, die Schwellungen traten als verdickte, klumpige Flüssigkeit hervor. Die Schmerzen mussten weiter und immer weiter gegangen sein, bis sie plötzlich – segensreiche Stille nach nicht enden wollendem Lärm – aufgehört hatten.
Miller hätte die Hand nach ihr ausstrecken, sie berühren, ihr die Augen schließen, Beruhigendes ins Ohr flüstern, ihr sagen wollen, dass der Schrecken ein Ende und sie nun Frieden hatte … aber er konnte es nicht.
Es hatte eine Weile gedauert, bis das Blut ihm nicht mehr durch die Venen rauschte, das Herz keinen Schlag mehr ausließ. Mit jedem neuen Opfer kehrten auch die alten zurück. Wie Geister. Vielleicht weil sie sich erhofften, mehr über das zu erfahren, was ihnen widerfahren war.
Catherine Sheridan war seit zwei bis drei Stunden tot. Die Gerichtsmedizinerin bestätigte später, dass der Tod am Samstagnachmittag des 11. November zwischen Viertel vor fünf und sechs Uhr eingetreten war. Um zwanzig vor sechs war die Pizzabestellung eingegangen. Der Lieferjunge war um fünf nach sechs eingetroffen und hatte ein paar Minuten später die Leiche entdeckt. Kurz nach halb sieben war Miller im Zweiten Revier benachrichtigt worden und um Viertel vor sieben am Tatort gewesen. Roth war zehn Minuten später eingetroffen, und als die beiden vom Flur des ersten Stocks aus einen Blick auf Catherine Sheridan in ihrer unnatürlichen Haltung warfen, war es fast Viertel nach sieben. Sie sah kalt aus, aber die Verfärbung der Haut war nicht abgeschlossen.
»Genau wie bei den anderen«, sagte Roth. »Oder wenigstens fast genauso. Riechst du es?«
Miller nickte. »Lavendel.«
»Und der Anhänger?«
Miller trat an die Matratze heran und schaute auf Catherine Sheridan hinunter. Er deutete auf ihren Hals, die dünne Schnur, an der ein brauner Paketanhänger befestigt war. Der Anhänger war unbeschriftet wie bei einer noch namenlosen, vielleicht unbedeutenden, gerade ins Leichenschauhaus eingelieferten Frau. »Die Schnur ist weiß diesmal«, sagte er, als Roth auf der anderen Seite des Betts auftauchte.
Von seinem Platz aus konnte Miller Catherine Sheridans Gesicht genau erkennen. Sie war eine attraktive Frau gewesen, von zartem, beinahe zierlichem Körperbau, mit brünettem schulterlangem Haar und olivfarbenem Teint. Ihr Hals war blutunterlaufen, auch auf Schultern, Oberarmen, Oberkörper, Schenkeln hatte sie solche Quetschungen, manche so brutal, dass die Haut aufgeplatzt war. Nur das Gesicht war nicht entstellt.
»Schau dir mal ihr Gesicht an«, sagte Miller.
Roth kam um das Fußende des Betts herum, stellte sich neben Miller, sagte eine Weile nichts, bevor er langsam den Kopf schüttelte.
»Nummer vier«, sagte Miller.
»Nummer vier«, wiederholte Roth.
Eine Stimme hinter ihnen fragte: »Ihr seid vom Morddezernat? « Miller und Roth drehten sich gleichzeitig um. Einer der Kriminaltechniker stand ihnen gegenüber, den Spurensicherungskasten in der latexbehandschuhten Hand, hinter ihm ein Mann mit Fotoapparat. »Tut mir leid, aber ihr müsst jetzt raus hier.«
Miller warf einen letzten Blick auf Catherine Sheridans fast friedvolles Gesicht und verließ auf leisen Sohlen den Raum, gefolgt von Roth; keiner von beiden sprach ein Wort, bevor sie im Erdgeschoss waren.
Miller blieb in der Tür zum Vorderzimmer stehen. Über den Bildschirm flimmerte der Nachspann von Ist das Leben nicht schön?.
»Und?«, fragte Roth.
Miller zuckte die Achseln.
»Du meinst …«
»Ich meine nichts«, fiel Miller ihm ins Wort. »Nicht bevor ich weiß, was genau hier passiert ist.«
»Was haben wir?«
Miller zog den Notizblock heraus, überflog die paar Zeilen, die er nach seiner Ankunft hingekritzelt hatte. »Keine Hinweise auf gewaltsames Eindringen in das Haus. Anscheinend ist er zur Vordertür hereingekommen, die Hintertür war verriegelt, als ich an den Tatort kam. Ich habe die Techniker Fotos von dem Riegel machen lassen, bevor wir ihn aufgeschoben haben. Keine Anzeichen eines Kampfes, nichts ist zu Bruch gegangen oder erkennbar verstellt.«
»Wie hoch ist der Prozentsatz an Tätern, die das Opfer gekannt haben? Vierzig, fünfzig Prozent?«
»Wahrscheinlich höher«, antwortete Miller. »Der Pizzajunge hat sie gefunden. King Size Pizza. Eigentlich für zwei Personen. Wenn der Mann, der das getan hat, schon im Haus war, dürfte sie ihn gekannt haben.«
»Genauso gut möglich, dass sie ihn nicht gekannt hat. Vielleicht hatte sie Heißhunger auf Pizza.«
»Es gibt ja noch die Personen von vertrautem Äußeren«, erwiderte Miller und spielte damit auf die vielen Fälle an, in denen sich Leute wie Polizeibeamte, Gasableser, Telefontechniker kleideten, um sich Zutritt zu einem Haus zu verschaffen. Beim Anblick einer vertrauten Uniform vergaßen die Menschen alle Vorsicht. Der Täter kann ungehindert hinein und seine Tat begehen, und kaum ein Zeuge erinnert sich hinterher an mehr als die Uniform. »Kein Einbruch, kein Kampf, kein erkennbarer Widerstand; wir haben es höchstwahrscheinlich mit jemandem zu tun, den sie kannte oder dem sie vertraut hat.«
»Machen wir die Runde durch die Nachbarschaft?«, fragte Roth.
Miller schaute auf die Uhr. Die Müdigkeit war wie eine Wunde auf der Seele. »Sobald die Zeitungen Wind davon kriegen, fliegt die Scheiße aus allen Richtungen.«
Roth lächelte vielsagend. »Als hätte dein Name nicht schon öfter als genug in der Zeitung gestanden.«
Millers Miene verriet Roth, dass seine Bemerkung keine wohlwollende Aufnahme fand.
Sie verließen den Hinterhof von Catherine Sheridans Haus, gingen an der Hecke zum Nachbargrundstück entlang und blieben eine Weile auf dem Gehsteig stehen.
»Würde man nicht denken, oder?«, sagte Miller. »Wenn man nicht wüsste, dass da eine Tote in dem Haus liegt …«
»Der Großteil der Menschen weiß nichts über den Rest der Welt«, sagte Roth.
Miller lächelte. »Was ist das? Jiddische Metaphysik?«
Roth antwortete nicht. Er deutete in Richtung Nachbarhaus zur Rechten. »Lass uns mit dem anfangen.«
Bei keinem der angrenzenden Anwesen kam jemand an die Tür. Das Haus gegenüber dem Sheridan-Grundstück war dunkel und still.
Zwei Häuser weiter auf der anderen Straßenseite war jemand zu Hause – ein älterer Mann mit einem schmalen Gesicht und zu tief liegenden Augen hinter dicken Brillengläsern, dem das Haar in dichten Büscheln hinter dem Ohr hervorwuchs, öffnete ihnen die Tür.
Miller stellte sich vor, zeigte die Marke.
»Sie wollen wissen, was ich gesehen habe, stimmt’s?«, fragte der alte Mann. Automatisch schwenkte sein Blick zum Sheridan-Haus; die Lichtbalken der Streifenwagen flackerten in seinen Brillengläsern, ein hektisches Feuerwerk, das man unwillkürlich mit schlechten Nachrichten in Verbindung brachte. »Es war so um vier Uhr herum, vielleicht gegen halb fünf.«
Miller runzelte die Stirn. »Was war da?«
»Da ist sie nach Hause gekommen – gegen halb fünf.«
»Wieso sind Sie so sicher?«, fragte Miller.
»Hatte den Fernseher laufen. Eine Quizshow. Hübsche Mädchen, verstehen Sie? Guck ich fast jeden Tag. Fängt um vier an und dauert’ne halbe Stunde.«
»Wenn Sie ferngesehen haben, woher wissen Sie dann, dass Miss Sheridan nach Hause gekommen ist?«
Es war bitterlich kalt auf der Türschwelle des Alten. Trotz Handschuhen knetete Roth die Hände, als wollte er etwas Kleines zerreiben. Er knirschte mit den Zähnen, den Blick zur Straße gerichtet, als wartete er, dass dort etwas anderes passierte.
»Woher ich das weiß? Kommen Sie rein.«
Miller sah Roth an. Roth nickte. Sie betraten das Haus. Es war aufgeräumt, aber eine Putzfrau hätte nicht schaden können.
Der alte Mann brachte sie ins Vorderzimmer, zeigte ihnen seinen Sessel, den Fernseher, seine Position.
»Wenn ich hier sitze, sehe ich ihr Haus.« Er wies in die Richtung. Miller beugte sich vor, auf Kopfhöhe. Durch das Fenster sah er Catherine Sheridans Haustür.
»Haben Sie sie gekannt?«
»Ein bisschen.«
»Wie gut?«
»Gott, was weiß ich? Wie einer den anderen heutzutage eben kennt. Das ist nicht mehr wie früher. Wir waren höflich. Haben uns hin und wieder hallo gesagt. Zum Abendessen hab ich sie nicht eingeladen, falls Sie das meinen.«
»Und Sie haben sie ins Haus gehen sehen?«
Der alte Mann nickte.
»Und dann?«
»So’n kleines Bürschchen mit dicken Brillengläsern hat dreitausend Dollar gewonnen und sich vor Begeisterung fast in die Hose gemacht.«
Miller sah ihn fragend an.
»In der Quizshow.«
»Richtig, in der Quizshow.«
»Und sonst haben Sie nichts gesehen?«
»Hätte es noch was zu sehen gegeben?«
»Vielleicht, wie sich jemand dem Haus nähert.«
»Der Kerl, der sie umgebracht hat?«
»Jemand … Irgendjemand.«
»Ich hab keinen gesehen.«
Miller überreichte ihm eine Visitenkarte. »Falls Ihnen noch was einfällt, rufen Sie uns an, okay?«
»Mach ich.«
Miller drehte sich um, schaute Roth an. Roth schüttelte den Kopf. Keine weiteren Fragen.
Der alte Mann atmete langsam ein und wieder aus. »Kaum zu glauben«, sagte er leise.
»Was?«
»Dass der da rein ist und meine Nachbarin abgemurkst hat. Ich meine, Scheiße, womit hat sie das verdient?«
Miller zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Wer hat so was schon verdient?«
Roth und Miller gingen weiter. Sie sprachen mit Nachbarn in drei Häusern ein Stück die Straße hinunter, ohne etwas zu erfahren. Niemandem war etwas aufgefallen. Niemand erinnerte sich an etwas.
»Sag ich ja«, wiederholte Roth, »der Großteil der Menschen weiß nichts.«
Sie gingen zurück zum Sheridan-Haus, um sich bei den Kriminaltechnikern zu erkundigen. Miller blieb im Parterre, sah sich um, prägte sich jede Einzelheit ein, um sie später vor Augen zu haben. Ihm fiel der Film wieder ein. So etwas sieht man mit seinen Liebsten zu Weihnachten, aber nicht beim Sterben.
Roth kam herunter, zusammen warteten sie, während die Spurensicherer Catherine Sheridans Küche und Badezimmer untersuchten, in Schubladen nachsahen, Fingerabdrücke nahmen, alles in der Hoffnung, etwas zu finden, das Licht in das Geschehene brachte. Sie suchten nach dem einen Hinweis, dem Indiz, einer Spur, der einen Sache, die einen das Monster beim Schwanz packen und ins Licht zerren ließ.
Sie würden sie finden, das war so sicher wie Weihnachten. Aber nicht wenn oder wie oder weil sie damit rechneten.
Bevor Miller ging, fragte er nach dem Chef der Kriminaltechniker und wartete, während einer der Chemiker ihn von oben holte.
»Sie leiten die Ermittlungen?«, fragte ihn der Kriminaltechniker.
»Ich war als Erster am Tatort, das ist alles«, erwiderte Miller.
»Greg Reid«, sagte der Mann. »Ich würde Ihnen die Hand geben, aber …« Er hob beide Hände, die Latexhandschuhe waren blutbefleckt.
»Ich lege meine Karte hier auf dem Tisch«, sagte Miller. »Damit Sie wissen, wer ich bin, und meine Nummer haben, falls Sie mich brauchen.«
»Geben Sie uns die nötige Zeit«, sagte Reid. »Einen Tag, vielleicht zwei … ich muss ein ganzes Haus durchackern. Reden Sie mit den Leuten, mit denen Sie reden müssen, und dann kommen Sie wieder her, okay?«
Miller nickte. »Rufen Sie mich an, wenn Sie jetzt etwas finden?«
»Ich habe schon etwas«, sagte Reid. Er deutete mit dem Kopf auf das Telefontischchen neben der Haustür. »In der Tasche steckt ihr Pass und ein Bibliotheksausweis. Sie ist heute in der Bibliothek gewesen, anscheinend, um Bücher zurückzubringen. Außer dem Passbild hab ich noch kein Bild von ihr gefunden. Sie brauchen doch ein Foto für Ihre Runde. Wenn Ihre Leute es ein bisschen aufmöbeln, sieht sie vielleicht wie ein menschliches Wesen aus.«
»Vielen Dank«, sagte Miller. »Melden Sie sich, wenn Sie noch etwas finden.«
Reid lächelte bitter. »Was denn? Einen Zettel mit Namen und Adresse von dem Kerl?«
Miller erwiderte nichts. Er war müde. Die Aufgaben der Kriminaltechniker endeten am Tatort; die Mordermittler durften sich mit dem Fall herumschlagen, bis er gelöst war.
Roth und Miller gingen durch die Hintertür hinaus, blieben im Hinterhof stehen und betrachteten die Rückseite des Hauses. Lichter brannten. In den Fenstern die Schattenrisse der Männer, die drinnen arbeiteten. Miller blieb stehen, bis ihm kalt wurde, Roth an seiner Seite, keiner sagte etwas, bis Miller seinem Partner anbot, den Wagen zu nehmen.
»Ist das dein Ernst?«, fragte Roth.
»Ich geh zu Fuß. Die Bewegung tut mir gut.«
Roth sah seinen Kollegen misstrauisch an. »Du denkst, jeder, der dich sieht, will dir Fragen stellen, oder?«
Miller zuckte die Achseln.
»Hast du was von Marie gehört?«
»Nein, nichts.«
»Ist sie nicht mal gekommen, um ihre Sachen zu holen?«
»Vielleicht ist sie verreist.« Miller schüttelte den Kopf. »Ach, Shit, jetzt verarsch ich mich schon selber. Ich denke, sie ist über alle Berge.«
»Amanda mochte sie nicht«, sagte Roth. »Zu wenig Bodenhaftung für jemanden wie dich, hat sie gesagt.«
»Sag Amanda, dass ich ihr für ihre Anteilnahme danke, aber es war schlicht und einfach ein Schuss in den Ofen. Wir alle wissen es.«
»Weißt du schon, was du jetzt machen willst?«
Miller schien für einen Moment verärgert. »Fahr nach Hause, okay?«
Roth drehte sich um zum Sheridan-Haus. »Das hier ist das Letzte, was du jetzt brauchen kannst, stimmt’s?«
Miller schaute hinunter auf den Gehsteig, antwortete nicht auf die Frage.
Roth lächelte verständnisvoll. »Dann fahr ich mal«, sagte er und setzte sich in Richtung des Autos in Bewegung.
Miller blieb noch zehn oder fünfzehn Minuten dort stehen, betrachtete die Lichter im Sheridan-Haus, bevor er die Hände in die Manteltaschen stieß und losging. Es war kurz vor zehn Uhr, als er seine Wohnung über Harriet’s Deli in der Church Street erreichte. Harriet, alt und weise, würde jetzt im Hinterzimmer sitzen, warme Milch trinken und mit Ehemann Zalman über Dinge reden, an die nur sie beide sich erinnerten. Miller stieg über die Hintertreppe in seine Wohnung hinauf, statt wie üblich durch den Laden zu gehen. In solchen Momenten hielten ihn Harriet und Zalman, so wunderbare Menschen sie waren, für eine Stunde und länger auf und ließen ihn erst gehen, wenn er Hühnerlebersandwiches und Honigkuchen gegessen hatte. An jedem anderen Abend gerne, aber nicht heute. Der heutige Abend gehörte Catherine Sheridan und der Suche nach einem Grund für ihren Tod.
Miller betrat seine Wohnung, zog die Schuhe aus, verbrachte eine Stunde damit, seine ersten Beobachtungen auf einem großen gelben Notizblock festzuhalten. Danach schaute er noch in den Fernseher, bis die Müdigkeit die Oberhand gewann.
Um elf, vielleicht später, schlossen Harriet und Zalman ihren Laden ab und gingen nach Hause. Harriet rief ihm einen Gutenachtgruß hinauf, den Miller erwiderte.
Er konnte nicht schlafen. Er lag mit geschlossenen Augen da und dachte über Catherine Sheridan nach. Wer sie war. Warum sie sterben musste. Wer sie getötet hatte. Er dachte über diese Dinge nach und sehnte sich nach dem Morgen, denn der Morgen brachte das Tageslicht, und das Tageslicht entfernte ihn ein Stück von seinen Geistern.
002
Nehmt ein Messer. Messermorde sind persönlich. Fast immer. Mehrere Stiche in Brust, Bauch, Hals – manche flach, abgebremst von den Rippen, andere so tief, dass das Heft ovale Blutergüsse hinterlässt. Man muss den Eindruck unbezähmbarer Wut, der Raserei, des Hasses und der Rachsucht erwecken. Um zu verwirren, das Wasser zu trüben, die Fragestellungen der forensischen Pathologie und Psychologie und Profilerstellung einzunebeln. Alles muss anders erscheinen, als es ist.
Wer weiß schon, dass weniger als die Hälfte aller Vergewaltigungen von der Polizei aufgeklärt werden? Und das trotz der Tatsache, dass der Täter in der Mehrzahl der Fälle gut bekannt mit dem Opfer ist. Dass weniger als zehn Prozent den Weg in die kriminalistischen Labors finden? In nur sechs Prozent dieser Fälle wird DNS gefunden und untersucht. Mag man glauben, dass bei einer Zahl im Bereich von einer Viertelmillion Fällen jährlich nur etwa fünfzehntausend Opfern Gerechtigkeit widerfährt?
Es gibt Menschen, die sich mit solchen Dingen auskennen. Man kann sie im Internet nachlesen. Das ist nicht schwierig. Im allmächtigen World Wide Web finden sich hundert verschiedene Methoden, ein Verbrechen zu vertuschen. Haushaltsbleichmittel entfernen Fingerabdrücke, Speichel- und Samenspuren, DNS. Und bitte nicht vergessen, Handschuhe zu tragen, aber auf keinen Fall welche aus genarbtem Leder, sondern Latexhandschuhe wie ein Arzt, ein Chirurg oder Kieferorthopäde. Die bekommt man überall, und sie kosten nicht die Welt. Und tragt keine eigenen Schuhe. Kauft euch neue Turnschuhe. Möglichst billige. Zieht nicht in 300-Dollar-Nikes los, wenn ihr Leute umbringen wollt, denn allen physischen Dingen sind zwei konstituierende Merkmale eigen: Klasse und Individualität. Ein billiger Sportschuh trägt Klassenmerkmale. Er ist ein Artikel der Massenproduktion, millionenfach im Gebrauch, einer sieht aus wie der andere. Je teurer ein Sportschuh, desto ungewöhnlicher das Profil der Sohle, desto geringer die Zahl seiner Träger. Und werft einen Blick auf eure Schuhsohlen, bevor ihr euch auf den Weg macht. Profile nehmen Dinge auf, halten sie fest. Teppichfasern, Dreck aus eurer Wohnung, von der Straße. Wie gesagt, es ist nicht schwierig. Einige Gegenstände, zum Beispiel Autoreifen, tragen sowohl Klassen- als auch individuelle Merkmale. Die Klasse ist das Profil des Reifens, die Mulden und Rillen und Muster. Ihre individuellen Merkmale sind die Spuren der Abnutzung, die abhängig sind vom Fahrzeugtyp und der Beschaffenheit des Terrains, das sie überquert haben. Es gibt Fälle, da sorgt die Kombination solcher Faktoren für eine Einzigartigkeit, man kann sie einem bestimmten Fahrzeug zuschreiben, und somit auch einem bestimmten Fahrer. Das ist deine Individualität. Wenn man die Typen im Fernsehen sieht – zum Beispiel in Dem Täter auf der Spur -, glaubt man, denen könnte niemand etwas vormachen. Aber keine Angst. Man muss sich nur vorsehen, seinen gesunden Menschenverstand einsetzen. Die Dinge gründlich durchdenken. Und bloß nicht zu kompliziert denken. Je komplizierter man denkt, desto mehr Dinge können schieflaufen. Der Trick ist es, vom Ende aus auf den Anfang zu schauen. Verstanden? Schaut man sich das Ergebnis an, die Szene, wie sie von jemandem vorgefunden wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass man sich an die Zigarette erinnert, die man am Ende der Straße geraucht hat und deren Kippe man ins Gebüsch geschnipst hat, an das Kaugummipapier, die glatte, glänzende Staniolfolie, auf der jeder Fingerabdruck zu sehen ist … Habt ihr es jetzt begriffen? Habt ihr begriffen, worauf ich hinauswill?
Wenn man kein Blut vergießen möchte, muss man sie erdrosseln. Zu Tode würgen. Es gibt keine bessere Waffe als die eigenen Hände. Und dann verschwinden. Machen, dass man wegkommt, denn wenn sie einen nicht erwischen, haben sie keine Tatwaffe.
Ich sollte Seminare halten. Wie wäre das, Freunde und Nachbarn? Ein Proseminar an der George Washington University? Einführung in Mord und Totschlag.
Der Hammer.

2
Das Leben ist viel härter, wenn man eigentlich schon tot ist.
Das klang wie die Zeile aus einem Song. Melodie und Rhythmus prägten sich ein. Irgendwann hatte sie sich in Millers Kopf eingenistet und war nicht wieder herauszubekommen. Wie ein Geschoss aus dem kurzläufigen, von der Mafia bevorzugten.22er Revolver: Die Durchschlagskraft reicht aus, es durch die Schädelwand zu treiben, aber nicht, um es auf der anderen Seite wieder austreten zu lassen, also prallt das Stück Blei im Wert von zehn Cent zwischen den Schädelwänden eines armen Schluckers hin und her, bis sein Gehirn Mus ist. So machte es dieser Gedanke, und er musste ihn stoppen. Er dachte an die Frau, die ermordet worden war, an die Frau, die ihn verlassen hatte, an die internen Ermittlungen, die Zeitungen. Er dachte an diese Dinge, wie er es während der letzten drei Monate dauernd getan hatte, und versuchte, sie unbedeutend und nebensächlich zu machen. Er saß im Büro des Captains des Zweiten Washingtoner Reviers, Frank Lassiter, konzentriert auf das, was er am Abend zuvor im Sheridan-Haus gesehen hatte, wartete er geduldig auf das, was ihm bevorstand.
Lassiter kam wie ein Orkan zur Tür hereingefegt, knallte sie hinter sich zu, ließ sich in seinen Sessel fallen. Finsteren Blickes schüttelte er den Kopf, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und zögerte, als hätte er es sich anders überlegt.
»Sie wissen, was das ist, oder?«, lautete die Frage, die er dann stellte.
»Die Serie oder diese Frau im Besonderen?«, erwiderte Miller.
Lassiter schüttelte den Kopf, zog die Stirn in Falten. »Die sprichwörtliche größte anzunehmende Katastrophe ist das, und nichts anderes.«
»Wir vermuten, dass der Modus Operandi der gleiche ist wie …«
Lassiter fiel ihm ins Wort. »Gar nichts vermuten wir. Ich habe noch nichts von der Spurensicherung. Ich habe noch keinen Obduktionsbericht. Ich habe eine ermordete Frau, die zweite im Zuständigkeitsbereich dieses Reviers, und weil die anderen beiden außerhalb unserer Zuständigkeit waren, weil dieses ganze System ein Puzzle aus Schwachsinn und Bürokratie ist, habe ich nicht den leisesten Anhaltspunkt. Ich weiß nur, dass der Polizeipräsident mich heute Morgen um sieben angerufen hat, um mir mitzuteilen, dass die ganze Geschichte jetzt mein Problem ist, dass ich meine besten Leute darauf ansetzen und Ordnung in die Sache bringen soll … Sie dürften den Sermon inzwischen auswendig kennen.«
Miller lächelte süffisant.
»Also, so stehen die Dinge«, sagte Lassiter.
»So stehen die Dinge«, wiederholte Miller.
»Und was ist das für ein Unsinn mit der Versetzung in eine andere Abteilung?«
»Weiß ich nicht, Captain, irgend so ein Unsinn mit einer Versetzung in eine andere Abteilung.«
»Sparen Sie sich Ihren Sarkasmus, Detective. Sie wollen uns also verlassen?«
»Ich weiß nicht. Vielleicht dachte ich …«
Lassiter lachte auf. »Was dachten Sie? Es geht um tote Menschen, und sonst nichts. Deshalb heißt es Morddezernat.« Er legte die Hände auf die Armlehnen, als wollte er sich erheben. Einen Augenblick lang sah er Miller prüfend an. »Sie sehen nicht gut aus«, sagte er.
»Ein bisschen müde.«
»Noch Schmerzen?«
Miller schüttelte den Kopf. »Es war nur eine Prellung, Schulter ausgekugelt, nichts Dramatisches.«
»Bekommen Sie Physiotherapie?«
»Reichlich.«
Lassiter nickte langsam.
Miller spürte die unausweichliche Spannung dessen, was da kommen musste.
»Es war ein Spießrutenlauf, stimmt’s? Wissen Sie, wie oft Ihr Name in der Zeitung gestanden hat?«
Miller schüttelte den Kopf.
»Ich auch nicht. Aber oft, öfter, als gut ist. Das sind Geier. Nichts anderes. Flattern um den Kadaver herum und picken sich raus, was sie brauchen.« Lassiter schüttelte den Kopf. »Aber was soll’s. Wir schweifen ab.« Er ging zum Fenster. »Ich habe eine Scheißwut auf euch«, sagte er, »weil ihr euch gestern Abend einfach verdrückt habt. Hab euren Bericht gelesen. Wie lange wart ihr draußen,’ne halbe Stunde?«
»Spurensicherung«, erwiderte Miller. »Das war ein frischer Tatort, wir waren im Weg. Wir haben unsere Runde durch die Nachbarhäuser angefangen, aber niemand hatte Wichtiges mitzuteilen.« Und nach einer kurzen Pause: »Wir waren übrigens keine halbe Stunde, sondern fast drei Stunden draußen.«
»Drei Häuser, Robert. Armselige drei Häuser. Dass ich nicht lache. Wenn mir etwas auf den Sack geht, ist es mangelnde Professionalität. Das ganze Gejammer über die vielen Überstunden und die geringe Bezahlung und dass man Frau und Kinder und den Hund und die Geliebte nicht mehr zu sehen bekommt, kann ich ja verstehen, aber wenn’s an der Sorgfalt fehlt …«
»Ist angekommen«, fiel Miller ihm ins Wort.
»Den Sermon hören Sie nicht das erste Mal, stimmt’s?«, sagte Lassiter.
»In der Tat«, sagte Miller.
»Und was wollen Sie jetzt tun? Kündigen? Sich versetzen lassen?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht denke ich Ende des Monats darüber nach. Vielleicht erst nach Weihnachten.«
»Ich brauche Sie für diesen Fall.«
Miller sagte nichts.
»Der Chef will uns die ganze Geschichte übergeben. Alle vier Morde. Dabei wissen wir noch nicht mal, ob es derselbe Täter ist. Nach Ihrem Bericht sieht es so aus, aber Eventualitäten bringen uns nicht weiter. Die Strangulation, die Schläge, die Schnur mit dem Paketanhänger, das alles. Es scheint derselbe Modus Operandi zu sein, oder?«
»Es sieht so aus.«
»Die Erste, wie hieß die noch gleich … Mosley?«
»Ja, Margaret Mosley, im März.«
»War das Ihr Fall?«
»Nein, nicht meiner. Ich war als Erster draußen, weil ich zufällig Dienst hatte«, erklärte Miller. »Soviel ich weiß, hat Metz ihn am Ende übernommen.«
»Nein … Jetzt fällt es mir ein. Metz sollte übernehmen, hat aber nicht. Der Fall ist schließlich beim Dritten Revier gelandet.«
»So hatten alle was davon, oder?«
Lassiter lächelte bitter. »Scheint so.«
»Und warum jetzt wir? Das Zweite?«
Lassiter zuckte die Achseln. »Die Erste lag in unserem Revier, die Zweite im Vierten, die Dritte im Sechsten, Nummer vier wieder im Zweiten. Zwei gehören uns. Oder der Präsident hat uns lieb, oder er kann uns nicht leiden. Himmel, was weiß ich? Er will, dass wir es übernehmen, macht uns zur Zentrale für alle vier Ermittlungen. Die Sache beginnt hochzukochen. Er will sie als einen Fall behandelt sehen. Leuchtet ja auch ein. Bis jetzt haben sich drei Reviere mehr oder weniger nicht darum gekümmert. Die Zeitungen sind voll darauf abgefahren, was zu erwarten war, und vielleicht will er uns die Chance geben, unseren Ruf zu polieren, nach der ganzen Scheiße, die Sie aufgerührt haben.«
»So ein Unsinn …«
Lassiter hob die Hand. »Dabei geht es um Politik und Strategie, weiter nichts. Klingt persönlicher als es ist.«
»Hat der Präsident gesagt, ich soll es machen, weil das andere passiert ist?«
»So direkt nicht …«
»Aber?«
Lassiter verließ das Fenster und nahm wieder in seinem Sessel Platz. »Kapiert endlich, dass sich überall ein liberaler Quatschkopf mit sozialem Gewissen findet, der davon überzeugt ist, dass wir nichts Besseres zu tun haben, als unbescholtenen Bürgern die Fresse zu polieren.«
Miller lächelte bitter. »Die Politik des Department ist mir bekannt. Da brauch ich keine Nachhilfe …«
»Umso besser, dann kann ich mir Erklärungen sparen. Wenn Sie hier sind, sind Sie im Dienst. Und wenn Sie im Dienst sind, müssen Sie die Fälle bearbeiten, die ich Ihnen zuteile. Und diesen Fall teile ich Ihnen zu, und solange Sie mir nicht hier und jetzt den Job vor die Füße werfen, können Sie herzlich wenig dagegen tun.«
»Ich hab Sie auch lieb, Captain«, sagte Miller.
»Dann gehen Sie jetzt mit dem FBI reden.«
Miller zog die Augenbrauen hoch. »Wie bitte? FBI?«
»Ich fürchte, ja … Der Präsident hat das FBI um Amtshilfe gebeten. Und die haben jemanden geschickt, der uns zeigt, wie wir mit dem Quatsch umzugehen haben.«
»Das ist doch keine Bundesangelegenheit … heilige Kacke, was haben die Feds damit zu tun?«