Katzen ahoi!

Ohne Katzen sähe die Weltkarte heute anders aus; ohne sie wären die großen See-Expeditionen und Entdeckungsfahrten kaum möglich gewesen: Auf den wochenlangen Fahrten über den Atlantik waren die Schiffskatzen lebenswichtige Begleiter, denn sie schützten die Lebensmittelvorräte vor Ratten und Mäusen. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein war deshalb ihre Anwesenheit auf Handels- und Kriegsschiffen, Expeditionen und Passagierfahrten selbstverständlich. Eine französische Versicherung forderte sogar die Anwesenheit einer Katze an Bord des Schiffs, andernfalls ging der Versicherungsschutz verloren. Die Tradition, eine Katze mit an Bord zu nehmen, wird bis heute vielerorts beibehalten.

Detlef Bluhm hat die Geschichte der Schiffskatzen rekonstruiert und erzählt von ihrem Leben an Bord, von wagemutigen Landgängen, abenteuerlichen Expeditionsreisen und riskanten Rettungsaktionen über Bord gegangener Schiffskatzen.

Detlef Bluhm, 1954 in Berlin geboren, war lange Jahre im Buchhandel und in Verlagen tätig und ist seit 1992 Geschäftsführer im Börsenverein des Deutschen Buchhandels Landesverband Berlin-Brandenburg e. V.Zudem ist er Vorsitzender des Literaturhauses Berlin e. V. Er hat mehrere Bücher zur Kulturgeschichte der Katze veröffentlicht.

Im insel taschenbuch sind von ihm erschienen: Das große Katzenlexikon (it 3653), Von Katzen und Frauen (it 4212), Was Sie schon immer über Katzen wissen wollten (it 4245), Mit Katzen durch das Jahr. Ein immerwährender Kalender (it 4250) und Nur der Kater war Zeuge. Erzählungen (it 4291).

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Detlef Bluhm

Schiffskatzen

Mit Abbildungen

Insel Verlag

eBook Insel Verlag Berlin 2014

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des insel taschenbuchs 4311.

Originalausgabe

© Insel Verlag Berlin 2014

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Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München

Umschlagabbildung: Edward Carlile/Getty Images; shutterstock

eISBN 978-3-458-73649-3

www.insel-verlag.de

INHALT

Angeheuert: Die Geburtsstunde der Schiffskatze

Trim

Auf hoher See

Madame Moumoutte Chinoise

In der Hängematte

Mrs. Chippy

Überleben an Bord

Oskar

In fremden Häfen

Simon

Abgemustert: Abschied von der Schiffskatze

Literaturverzeichnis

Bildnachweis

Für Rolf-Peter Baacke

»Der weiße Kater tänzelte akrobatisch die Reling entlang, auf rosafarbenen Tatzen seinen Spitzentanz vollführend, den Schweif wie eine zitternde Balancestange hochgereckt. Er vollführte sein makelloses künstlerisches Programm rund um die Reling.

In Kuba haben die Spanier eine Katze der Eingeborenen vors Kriegsgericht gestellt, nachdem sie einen ihrer Papageien zerfetzt hatte, und sie hinrichten lassen«, sagte der vierzigjährige Kapitänleutnant zu Maritsa. Die tägliche Vorstellung des Katers brachte regelmäßig historische Einzelheiten aus dem unerschöpflichen Fundus zum Thema Katzen zum Vorschein.«

Ioanna Karystiani / Die Augen des Meeres

»Vielleicht wird einmal noch das Hohelied eines seltsamen, geheimnisvollen Tiervolkes gesungen, das Lied von den Schiffskatzen.«

Gustav Schenk / Seefahrer Kador

ANGEHEUERT:
DIE GEBURTSSTUNDE DER SCHIFFSKATZE

Bubastis

Die Ägypter kamen aus allen Teilen des Landes, zu Hunderttausenden machten sie sich auf den Weg. Sie reisten mit ein- oder zweimastigen Flussbooten über den Nil an. Ihr Ziel war Bubastis, die Hauptstadt des Nildeltas, etwa hundert Kilometer nordöstlich der großen Pyramiden von Gizeh gelegen. Sie vergnügten sich schon während der Fahrt: Frauen klapperten mit Kastagnetten, Männer spielten die Flöte. »Die übrigen lachen, singen und klatschen in die Hände«, berichtete der griechische Geschichtsschreiber Herodot vor fast 2 500 Jahren. »Einige tanzen, dabei heben manche Frauen ihre Gewänder und zeigen schamlos ihre Blöße. In Bubastis angekommen, feiern sie und bringen Opfer dar. Bei diesem Fest wird mehr Wein getrunken als im ganzen übrigen Jahr. Mehr als 700 000 Männer und Frauen kommen so zusammen, sagen die Einheimischen.«

Bubastis war nicht nur die politische Hauptstadt des Deltas, sondern vor allem die Metropole der Katzengöttin Bastet, der beliebtesten Gottheit Ägyptens. Ihr zu Ehren fand alljährlich im Sommer ein mehrtägiges Fest statt, ihretwegen kamen die Pilger zusammen. Bastet war die Göttin der Fruchtbarkeit und der Liebe, der Freude, des Tanzes und der Musik; auf ihrem Fest wurde der Alltag aus den Angeln gehoben.

Im Juni des Jahres 978 v. Chr. kam das Handelsschiff aus Byblos nur mühsam den östlichen Nilarm des Deltas flussaufwärts voran. Weil die Segel bei der Flaute schlaff in den Rahen hingen, musste die Besatzung der Tyros in der Gluthitze des Tages rudern. Sidon stand mit seinem Sohn Mago am hochgezogenen Vordersteven, den ein Widderkopf zierte. Der Kapitän fixierte das linke Nilufer. Sahrajt Al Kubra musste jeden Moment in Sicht kommen. Von dem schäbigen Fischerdorf führte ein Kanal direkt nach Bubastis, dem Ziel ihrer Reise. Ihr Schiff war mit Zedernholz, Harz, Purpurstoffen und Wein schwer beladen und lag tief im Wasser. Trotz der Flaute blieb ihnen noch genug Zeit: Das Fest der Bastet begann erst morgen. Der vierzehnjährige Mago trat aufgeregt von einem Fuß auf den anderen. Er war zum ersten Mal mit seinem Vater in Ägypten. Seit ihrem Aufbruch vom Ostufer des Mittelmeeres hatten sie bei günstigem Wind zwei Tagesreisen zurückgelegt, immer in Küstennähe, und nun lag ihr Ziel in greifbarer Nähe. Mago freute sich auf die Tiere, von denen der Vater so oft erzählt hatte. Zahme Katzen, die man nirgendwo sonst auf der Welt kannte.

Bevor Bubastis in Sicht kam, erblickten sie den Tempel der Bastet. Seine Portale ragten fast zwanzig Meter in die Höhe, flankiert von Statuen in doppelter Menschengröße. Der Tempel stand im Zentrum der Stadt auf einer künstlichen Insel, die durch Kanäle begrenzt wurde. Er war etwa einhundertfünfzig Meter lang, von gleicher Breite und wurde von einer hohen Steinmauer voller Reliefs mit Katzendarstellungen umschlossen. Vom Tempeleingang führte eine dreißig Meter breite Allee direkt zum Basar. Man konnte den Tempel von jeder Stelle der Stadt aus sehen – er war ihre Mitte, ihr Antlitz, ihr Gewicht.

Während sein Vater das Löschen der Ladung beaufsichtigte und mit den Händlern feilschte, erkundete Mago die von Pilgern überlaufene Stadt, in der er viele dieser fremden und faszinierenden Tiere beobachten konnte, die er aus den Erzählungen seines Vaters und anderer Seefahrer kannte. Oft hockte Mago sich hin, um Katzen anzulocken und ihnen, verwundert darüber, dass manche tatsächlich auf seine Lockrufe hin kamen, mit der Hand das seidige Fell zu streicheln. Er geriet immer wieder in Erstaunen darüber, dass sich diese kleinen Tiere, die wie ihre großen gefährlichen Verwandten aussahen, so zutraulich verhielten. Er hatte zwar nicht an den Worten seines Vaters gezweifelt, aber nun, da er selbst erlebte, wie sich die kleinen ägyptischen Katzen ihm näherten, wie sie sich schnurrend streicheln und kraulen ließen, erst jetzt merkte er, wie wunderbar diese Tiere waren. Er kannte bisher nur die großen Katzen, die wilden, vor denen man sich in Acht zu nehmen hatte. Nun war er sich ganz sicher, dass er seinen Plan, den er sich sorgfältig überlegt hatte, auch wirklich umsetzen würde. Erst als der Abend dämmerte, kehrte er zum Schiff zurück.

Lange nach Mitternacht, aber einige Stunden vor dem Erwachen der Besatzung, schlich sich Mago mit einem Weidenkorb vom Schiff. Er hatte während des Abendessens gebratenen Fisch und gekochtes Hammelfleisch beiseitegeschafft. Zum Glück schien der Mond hell genug. An Land holte er das Futter aus dem Korb, teilte Fisch und Fleisch in kleine Stücke und rieb sie mit pulverisiertem Blaumohn ein. Den gab die Mutter immer seinem kleinen Bruder, wenn er nicht einschlafen konnte. Von ihr kannte Mago die betäubende Wirkung der Pflanze. Er schnalzte mit der Zunge, ganz so, wie er es tagsüber beobachtet hatte. Und tatsächlich, bald tauchten einige Katzen auf. Zuerst sah er nur ihre unheimlich leuchtenden Augen und erschrak. Erst als sie schnurrend und maunzend näher kamen, konnte er sie genauer sehen. Es waren vier Tiere, drei Katzen und ein Kater, den er an seinen Bällchen zwischen den Beinen erkannte. Er breitete das Futter vor sich auf dem Boden aus. Ob sie fressen würden? Die Katzen schnupperten, dann nahmen sie ein Stück nach dem anderen auf. Jetzt musste Mago nur darauf achten, dass die Tiere ihm nicht entwischten. Doch seine Sorge war unbegründet. In der Hoffnung auf mehr Futter blieben sie bei ihm, maunzten ab und zu, strichen um ihn herum und rieben ihre Köpfe an seinen Beinen. Minuten vergingen. Eine Katze wurde plötzlich unsicher, stieß einen spitzen Schrei aus und knickte ein. Kurz darauf lag sie bewegungslos auf der Seite. Die anderen folgten ihr schnell in den Schlaf. Mago legte die Katzen vorsichtig in den Korb, verschloss ihn mit Bändchen aus Leder und kehrte auf das Schiff zurück. Nachdem er den Korb an seinem Schlafplatz bei der Reeling verstaut hatte, legte sich Mago auf eine Decke und schloss die Augen. Von nun an, dachte er, werden die Katzen unsere Vorräte und Handelswaren gegen Ratten und Mäuse verteidigen. Und für die Jungen unserer Katzen können wir gutes Geld verlangen. Sie werden andere Schiffe beschützen, oder Kornspeicher. Der Sohn des Kapitäns schlief zufrieden ein.

So oder so ähnlich könnte sich die Geburtsstunde der Schiffskatze zugetragen haben. Doch wie Katzen tatsächlich an Bord kamen und zu Schiffskatzen wurden, wissen wir nicht. Vielleicht haben sie sich eines Tages an Bord eines phönizischen Schiffes geschlichen, neugierig, wie Katzen nun einmal sind, oder vom Geruch gebratener Fische angezogen. Die Geschichte der Schiffskatze beginnt in unbekannten Gewässern.

Wir wissen zumindest, dass die Ägypter zu den wichtigsten Handelspartnern der Phönizier zählten, dass die seefahrenden Händler in Ägypten Laute und Bogenharfe eingeführt und damit die Musikkultur im Reich der Pharaonen bereichert haben. Und dass sie auf ihren Handelsreisen in Ägypten die domestizierte afrikanische Falbkatze kennenlernten. Deren Vertrautheit mit den Menschen und ihre ausgeprägte Fähigkeit zum Mäuse- und Rattenfang muss die Seefahrer verblüfft haben – solch eine Katze gab es in der übrigen Welt nicht. Wir wissen auch, dass in Ägypten ein Ausfuhrverbot für Katzen bestand und dass seine Missachtung streng bestraft wurde. Die Phönizier schafften es wohl trotzdem, Katzen an Bord und außer Landes zu schmuggeln, um endlich über eine wirksame Waffe gegen die lästigen Nager zu verfügen. Ob sie dann selbst auf die Idee kamen, mit dem Katzenhandel einen neuen Markt im mediterranen Raum zu erschließen oder ob ihre Handelspartner sie darauf brachten, ist ebenfalls nicht überliefert. Jedenfalls scheint festzustehen, dass die Phönizier den internationalen Handel mit Schiffskatzen erfanden und dass sie in erheblichem Umfang davon profitierten. In dieser ersten Phase der feliden Kolonisation unserer Erde, der Eroberung des Mittelmeerraumes, sind wir auf äußerst spärliche Quellen und deshalb weitgehend auf Vermutungen angewiesen.

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2 Diese Münze wurde etwa 400 v. Chr. geprägt und als Zahlungsmittel in den griechischen Kolonien Süditaliens in Umlauf gebracht. Auf der Vorderseite versucht eine Katze mit ihren Vorderpfoten das Spielzeug zu erreichen, das ihr der Mann auf dem Stuhl hinhält. Die Darstellung der damals noch seltenen und wertvollen domestizierten Katze auf dem Geldstück verweist auf den hohen sozialen Status des abgebildeten Menschen und auf die Wertigkeit der Münze.

Von Afrika nach Europa und über die Sieben Meere

Die alten Ägypter verhängten nicht nur ein Ausfuhrverbot für Katzen. Antike Autoren wie Diodor berichten auch von Lösegeldzahlungen zur Heimholung entführter Katzen. In einigen Texten ist sogar von militärischen Interventionen in benachbarten Ländern die Rede. Doch das uralte Gesetz von Angebot und Nachfrage siegte über alle Versuche, den Exodus der Katze zu verhindern. Die Kunde von der zahmen Mäusefängerin verbreitete sich wie ein Lauffeuer und weckte überall Begehrlichkeiten. Auf den Schiffen der Phönizier eroberte die Katze den gesamten Mittelmeerraum. Aus dem 11. Jahrhundert v. Chr. stammt ein Katzenkopf aus Terrakotta, der auf Kreta gefunden wurde. Eine Bronzekatze aus dem 7. Jahrhundert stammt von der Insel Samos. Etwa 500 v. Chr. entstand ein Marmorrelief mit Hund und Katze in Athen, und hundert Jahre später wurden griechische Münzen in Umlauf gebracht, auf denen eine spielende Katze dargestellt war. Über das Mittelmeer gelangte die Katze schließlich auch nach Rom. Schriftliche Zeugnisse und Reliefs, Mosaike, Grabsteine und Stelen mit Katzendarstellungen belegen, dass Katzen spätestens zur Zeit Julius Cäsars im Alltag der römischen Bevölkerung fest integriert waren.

Die weitere Verbreitung der Katze erfolgte zunächst über den Landweg. Mit den römischen Legionären zog sie nach Norden, aber im Unterschied zu den menschlichen Eroberern machte sie am Limes nicht Halt. Die Katze sicherte sich schnell die Wertschätzung unserer germanischen Vorfahren, und der Weg auf die englische Insel war für sie nur noch ein Katzensprung. Dort endlich begegnen wir der ersten Schiffskatze auf großer Fahrt:

In den fünfziger Jahren des 14. Jahrhunderts wurde Dick Whittington in ärmlichen Verhältnissen geboren. Seine Eltern starben, als er noch fast ein Kind war. Da der Waisenjunge keine Angehörigen mehr hatte, beschloss er, den Heimatort Gloucester zu verlassen und sein Glück in London zu suchen. Dort fand er bei einem reichen Händler, Mr. Fitzwarren, eine Anstellung als Küchengehilfe. Zu seinem Kummer stand sein Bett auf dem Dachboden, wo es von Mäusen nur so wimmelte. Deshalb kaufte er sich für einen Penny eine Katze, die alle Nagetiere erfolgreich vertrieb. Kurz darauf rüstete Mr. Fitzwarren ein Handelsschiff aus, das die afrikanische Küste entlangsegeln sollte. Wie damals üblich, gab er seinen Knechten, Lehrlingen und Gesellen die Möglichkeit, eigene Tauschwaren mitzuschicken. Da Dick nichts außer seiner Katze besaß, gab er sie in die Obhut des Kapitäns.

An einem der angelaufenen Handelshäfen Westafrikas lud der König eines kleinen Sultanats den Kapitän zu einem Festessen in seinen Palast ein. Als der Tisch gedeckt war, erschienen plötzlich wie aus dem Nichts Hunderte von Ratten und Mäusen, fielen über die Speisen her und verschlangen sie vor den Augen der entsetzten Gesellschaft. In seiner Machtlosigkeit bebte der König vor Zorn. Da ließ der Kapitän Dicks Katze kommen, die alle Nager gnadenlos tötete. Zum Dank übernahm der König die gesamte Schiffsladung und kaufte dem Kapitän für den zehnfachen Betrag, den er für alle Handelswaren bezahlt hatte, auch die Katze ab. So kam Dick durch seine Katze in den Besitz einer großen Kiste voller Gold und Juwelen, heiratete die Tochter von Mr. Fitzwarren und wurde später sogar Bürgermeister von London. Dies ist der Kern einer in England noch heute bekannten volkstümlichen Legende, die nach wie vor Kinderbuchautoren zu neuen Adaptionen inspiriert.

Richard Whittington hat jedoch wirklich gelebt. Er wurde 1370 von seinem wohlhabenden Vater zu einem befreundeten Londoner Händler in die Lehre geschickt. Nur neun Jahre später gründete er sein eigenes Unternehmen und spezialisierte sich auf den Handel mit Samt, Damast und anderen Luxusgütern, mit denen er die bürgerliche Oberschicht, den Adel und das Königshaus belieferte. Seine Schiffe fuhren bis nach China, um entsprechende Waren einzukaufen. Er trieb auch Devisenhandel mit dem König und stieg schnell zum mächtigsten Händler seiner Zeit auf. Viermal versah er das Amt des Bürgermeisters von London, sein soziales und karitatives Engagement war außergewöhnlich für diese Zeit.

Die Geschichte von Dick Whittingtons Katze gehört zu den bekanntesten Legenden der gesamten angelsächsischen Welt. Von England aus wurde sie sogar bis nach Indien getragen, wo man sie im späten 18. Jahrhundert einem islamischen Schah andichtete, der in einem ähnlichen Zusammenhang die Katze nach China gebracht haben soll. Der Topos der rattenverschlingenden Katze, für die ein riesiges Vermögen bezahlt wird, ist zwar längst weltweit verbreitet, bleibt aber dennoch eine Legende. Der englische Priester und Ethnologe Alfred Thomas Bryant hat die Sprache und Kultur der Zulus im östlichen Südafrika erforscht. In seinem Klassiker der Wissenschaftsliteratur, Olden Times in Zululand and Natal, hat er sich in einer längeren Passage über den Handel mit Schiffskatzen ausgelassen. Zusammenfassend stellt er darin fest: »Wäre beispielsweise dem König von Tembé bei einem Schiffsbesuch eine Katze aufgefallen, hätte er sicherlich eine Probe ihres Könnens erbeten – um anschließend den Besitz von Katzen und den Handel mit ihnen unter ein königliches Monopol zu stellen. Dies schon allein deshalb, weil nichts auf der Welt so einzigartig ist wie die Geschicklichkeit einer Katze auf Mäusejagd.« Die Vorstellung, afrikanische Fürsten würden europäischen Händlern für eine Katze ein Vermögen zahlen, ist wohl eine eher kolonialistische Projektion.

Ein Portrait zeigt Dick Whittington mit einer Katze in seinem rechten Arm. Der englische Portraitmaler Reginald Elstrack hat es im späten 16. Jahrhundert angefertigt. Man hat jedoch herausgefunden, dass die dort abgebildete Katze erst später hinzugefügt worden ist. An ihrer Stelle befand sich ursprünglich ein Totenschädel, also ein Symbol für die Vergänglichkeit. Im frühen 18. Jahrhundert entstand ein Bühnenstück über Richard Whittingtons Leben, in dem die Katze als Glücksbringer bereits ihre entscheidende Rolle spielte. Spätestens hier deutet sich die Veränderung der Wahrnehmung der Katze in der Öffentlichkeit an. Die dunkle Welt des Mittelalters und die Zeit der Verfolgung der Katze sind endgültig vorbei. Sie wird zu einem positiv besetzten Tier. Der Handel befreit sich aus klerikalen und aristokratischen Beschränkungen, eine bürgerliche Oberschicht befindet sich auf dem Weg zur Emanzipation, und die nun mit anderem Blick betrachtete freiheitsliebende Katze wird zu einem ihrer Symbole.

Im heutigen London findet man noch zahlreiche Spuren, die Dick Whittington hinterlassen hat. In der von dem bedeutendsten Baumeister seiner Zeit, Sir Christopher Wren, im späten 17. Jahrhundert erbauten Kirche St. Michael Paternoster Royal erinnert ein Gedenkstein daran, dass Dick Whittington hier begraben liegt. Ferner ist ein modernes Buntglasfenster von John Hayward zu sehen, das Dick mit seiner Katze zeigt. Die Kirche ist übrigens der Mission der Seefahrer gewidmet. Und das Motiv von Dick Whittington und seiner Katze hat das stadthistorische Museum of London als sein Logo adaptiert.

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3  Der Kupferstich nach Reginald Elstrack (1570 - 1625) zeigt das Vera Effigies (wahre Gesicht) von Dick Whittington (1354 - 1423). Aber so ganz wahr ist die Abbildung nicht, denn der Londoner Drucker und Kunsthändler Peter Stent (1613 - 1665) hat den Totenschädel, den Whittington auf dem ursprünglichen Porträt in der rechten Hand hielt, aus verkaufsfördernden Gründen durch eine Katze ersetzt.

Die erste wirklich große, also interkontinentale Fahrt einer Schiffskatze fand vermutlich 1492 auf der Santa Maria statt, mit der Christoph Kolumbus den Seeweg nach Indien auf der Westroute erkunden wollte und dabei Amerika entdeckte. Doch in seinem ansonsten sehr ausführlichen Bordbuch wird keine Schiffskatze erwähnt. Dennoch ist es sehr unwahrscheinlich, dass der Genuese in spanischen Diensten ohne Schiffskatze in See gestochen ist. Seine erste Reise nach Amerika dauerte insgesamt über sieben Monate, allein für die Atlantiküberquerung von der kanarischen Insel Gomera bis zur Ankunft auf der Antilleninsel San Salvador benötigte die Santa Maria fünf Wochen ohne zwischenzeitliche Landberührung. Ohne Schiffskatze hätten sich in dieser langen Zeit Ratten und Mäuse ungehindert vermehren und der Vorräte bemächtigen können – Menschen waren ja nur unzureichend in der Lage, dem hungrigen Treiben der Nager Einhalt zu gebieten. Als erfahrener Seemann musste Kolumbus also wissen, dass eine so lange Reise ohne Schiffskatze fast ein Ding der Unmöglichkeit war. Er kannte mit Sicherheit auch die rechtlichen Regelungen, die das Mitführen von Katzen auf Schiffen zwingend vorschrieben – worauf in einem späteren Kapitel noch ausführlich eingegangen wird. Mensch und Katze hatten also bereits in dieser Zeit einen formlosen Vertrag miteinander: Der Mensch nahm die Katze mit in die Ferne und trug so zu ihrer weltweiten Verbreitung bei, die Katze bewachte dafür die Vorräte und Handelswaren auf diesen langen Reisen.

»Es erscheint undankbar«, schrieb der französische Katzenbuchautor Jean-Louis Hue, »wenn die Katze das Wasser nicht mag. Ihm verdankt sie, dass sie im Kielwasser des Menschen, als alter Seebär, die ganze Erde kolonisiert hat.« Die allermeisten Katzen, vor allem unsere Hauskatzen, mögen Wasser nicht besonders gern – obwohl die Weltmeere das Medium ihrer globalen Verbreitung waren. Sie lieben festen Boden unter den Füßen und das Leben in einem fest definierten Revier. Diese Ortsverbundenheit der domestizierten Katze ist sprichwörtlich. Ob sie in einer Wohnung, auf einem Bauernhof oder als Streunerin lebt: Die Katze richtet sich in ihrem Revier ein und bleibt ihm verbunden, wenn man sie nicht daran hindert. In den vergangenen 3 000 Jahren hat es jedoch immer wieder Katzen gegeben, die sich ein Schiff zur Heimstatt erkoren und damit die Entscheidung für einen sehr begrenzten Lebensraum getroffen haben. Eines mag sie daran gereizt haben: Katzen sind bekanntlich gute Kletterer und lieben es, sich die Welt von oben anzusehen. Auf Schiffen können sie wunderbare Aussichtsplätze in der Takelage finden und dort ihrer distanzierten Weltbetrachtung frönen. Unzählige Schiffskatzen haben im Lauf der Jahrtausende auf ihrem schwimmenden Revier die Welt bereist und dabei Unglaubliches erlebt. Diesen mutigsten und verwegensten Vertretern ihrer Art wollen wir nun auf ihrem abenteuerlichen Weg durch die Welt folgen.

TRIM

Unweit der Westküste Englands wurde 1774 Matthew Flinders in Donington, einem kleinen Ort der Grafschaft Lincolnshire, geboren. Schon als Junge hatte er nach der Lektüre des Robinson Crusoe beschlossen, zur See zu gehen. Von 1801 bis 1803 umsegelte Flinders als erster Seefahrer ganz Australien und ging mit dieser Pionierfahrt in die maritime Geschichte ein. Eine frühere Forschungsreise hatte ihn auf der HMS Reliance vom Kap der Guten Hoffnung nach Sydney geführt. Auf dieser Fahrt wurde 1799 im Indischen Ozean ein Kater geboren. Der Seefahrer gab ihm zu Ehren seines mitreisenden Onkels den Namen Trim.