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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Buch
Liam Satander kann nicht glauben, dass sich sein Vater eine solche Nacht entgehen lässt. Ein Gewitter wütet über der Metropole Bradost, und Liam fängt einen Blitz nach dem anderen. Für Blitzsammler, wie er und sein Vater Fellyn es sind, ein lukratives Geschäft. Erst am nächsten Morgen kehrt Fellyn nach Hause zurück – doch die gefürchteten Spiegelmänner sind ihm auf den Fersen. Bevor er von ihnen ermordet wird, bittet er seinen Sohn, unter allen Umständen das Gelbe Buch von Yaro D’ar zu beschaffen. Liam versteht die Welt nicht mehr. Warum musste sein Vater sterben? Und was hat es mit diesem rätselhaften Buch auf sich? Entschlossen, Antworten zu finden, lässt er sich mit Hilfe des Erfinders Nestor Quindal in den Palast von Lady Sarka einschmuggeln. Ein wahnwitziges Unterfangen, denn die Herrscherin ist grausam und machtgierig. Leibwächter mit schrecklichen Kräften schützen sie. Krähen kreisen über der Stadt und spionieren ihre Untertanen aus. Gerade erst hat sie den jungen Schlammtaucher Jackon aufgenommen, dem man nachsagt, er könne die Träume anderer Menschen beeinflussen. Trotzdem verfolgt Liam unbeirrt sein Ziel. Dabei erhält er unerwartet Hilfe von Quindals eigensinniger Tochter Vivana. Doch was die beiden schließlich in den schattenhaften Fluren und Hallen entdecken, übertrifft selbst Liams schlimmste Erwartungen …

Autor
Christoph Lode, geboren 1977, ist in Hochspeyer bei Kaiserslautern aufgewachsen und lebt heute mit seiner Frau in Mannheim. Er studierte in Ludwigshafen am Rhein und arbeitete in einer psychiatrischen Klinik bei Heidelberg. Heute widmet er sich ganz dem Schreiben. Bisher ist er als Autor erfolgreicher historischer Romane bei Page & Turner in Erscheinung getreten. Nun hat er seine »phantastische« Seite entdeckt und legt mit »Pandæmonia« seine erste Fantasy-Trilogie bei Goldmann vor.
 
Außerdem von Christoph Lode lieferbar:
Der Gesandte des Papstes. Roman (46799)
Das Vermächtnis der Seherin. Roman (46798)

002

1
In den Kanälen
Überall Krähen.
Sie hockten auf Regentraufen und Mauervorsprüngen, auf Fenstersimsen und Kaminen, durchsuchten die Dachrinnen nach Ungeziefer, krächzten gelegentlich und spreizten dabei ihr schillerndes Gefieder. Schwarze Knopfaugen starrten in die Gasse hinab.
Jackon wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihn beobachteten.
Voller Unbehagen ging er die menschenleere Gasse mit ihren heruntergekommenen Fassaden, leer stehenden Stadthäusern und Torbögen voller Schutt entlang. Er konnte die durchdringenden Blicke der Krähen beinahe spüren, und jedes Mal, wenn er Flügelschlagen hörte, lief ihm ein Schauder über den Rücken.
Seit Tagen ging das so. Kaum verließ er die Kanäle, erwarteten ihn die schwarzen Vögel bereits, als folgten sie ihm auf Schritt und Tritt. Im Viertel hatte es schon immer Scharen von Krähen gegeben. Der Fischmarkt am Flussufer lockte sie an und der Bettlerfriedhof, wo nur eine dünne Erdschicht die Toten bedeckte. Doch normalerweise verhielten sie sich nicht so merkwürdig.
Seine Hand schloss sich um den Stein in seiner Hosentasche.
Er dachte an die Geschichten, die man sich in den Kanälen erzählte. Lady Sarka kann durch ihre Augen sehen, sagten die Schlammtaucher. Töte nie eine Krähe, sonst holen dich die Spiegelmänner, und du verschwindest auf Nimmerwiedersehen in ihrem Kerker unter dem Ministerium der Wahrheit. Die Bewohner der Kanäle erzählten ständig solche Dinge, und Jackon hatte nie viel auf ihr Gerede gegeben. Inzwischen war er sich jedoch nicht mehr so sicher.
Einige Schritte vor ihm landete eine Krähe. Aus einer Ritze im Kopfsteinpflaster zog sie einen Regenwurm, der sich in ihrem Schnabel wand, bevor sie ihn verschlang. Dann blickte sie Jackon an, die Augen von einer beinahe menschlichen Intelligenz erfüllt.
»Haut endlich ab!«, rief er.
Der Vogel flatterte auf und ließ sich auf einem Erker nieder, gefolgt von einigen Artgenossen. Jackon warf seinen Stein, der von einem vernagelten Fenster abprallte. Zwei Krähen flogen davon, doch die anderen rührten sich nicht vom Fleck. Ihr Gekrächze klang spöttisch.
Jackon ergriff die Flucht.
So schnell er konnte, rannte er durch die verlassenen Straßen, sprang über eingestürzte Mauern und hetzte durch dunkle Hinterhöfe, ohne sich ein einziges Mal umzusehen. Erst als er den Platz vor der Alten Glasbläserei erreichte, machte er langsamer. Während er Atem schöpfte, blickte er zu den Dächern auf.
Keine Krähen zu sehen. Er hatte sie abgehängt. Wenigstens vorläufig.
Es war ein heißer Tag, und sein Spurt trieb ihm den Schweiß aus allen Poren. Er schlurfte zu einer Nische zwischen zwei verfallenen Häusern, wo frisches Wasser aus einem rostigen Rohr sprudelte, in ein zerbrochenes Steinbecken plätscherte und sich von dort aus auf das Pflaster ergoss. Fliegen schwirrten über der Pfütze. Jackon legte seinen Beutel ab, wusch sich das Gesicht und löschte seinen Durst. Er genoss jeden Schluck, denn sauberes Wasser war in den Kanälen schwer zu bekommen. Anschließend konnte er wieder klar denken – und kam sich wie ein Narr vor. Jetzt fürchtete er sich schon vor ein paar Krähen. Hatte er nicht bereits genug Sorgen? Dies war die Grambeuge und er nur ein kleiner Schlammtaucher, dessen Leben noch weniger zählte als das eines Bettlers. Er täte gut daran, die Augen offen zu halten, damit man ihm nicht seine Sachen stahl, bevor er sie verkaufen konnte. Es wäre nicht das erste Mal.
Als hätte er sie mit seiner Wachsamkeit heraufbeschworen, erschienen Gesichter in den Durchgängen der Arkaden, die den kleinen Platz umgaben. Manche der verfallenen Häuser waren bewohnt, von Huren, Opiumsüchtigen, Tagelöhnern und Halsabschneidern. Hastig nahm er seinen Beutel an sich und eilte zur Alten Glasbläserei, lief die Rampe zum Gewölbekeller hinab und war erleichtert, als die Schatten ihn vor den feindseligen Blicken verbargen.
Es sah so aus, als wäre er der letzte Schlammtaucher, der heute Abend eintraf. Die anderen saßen und standen bereits allein oder in kleinen Gruppen herum und warteten auf Asher und dessen Kumpane. Niemand beachtete ihn. Jackon hatte nichts dagegen. Selbst unter Seinesgleichen war er bestenfalls geduldet, weshalb er sich von den zerlumpten Männern und Frauen fernhielt und sich in einem Winkel niederließ, wo er keine Aufmerksamkeit erregte. Nur schnell die Funde des Tages verkaufen und wieder verschwinden, bevor es Ärger gab – so lebte es sich am ungefährlichsten.
Rostige Ketten hingen von der Gewölbedecke. Es roch nach Asche und alter Schlacke. Enge Rampen führten zu den oberen Stockwerken des leer stehenden Gebäudes; Schutt türmte sich in eingestürzten Kellergängen auf, schwarze Schächte gähnten zwischen den Pfeilern aus brüchigen Ziegelsteinen. Fackeln verströmten flackerndes Licht. Als Asher und seine beiden Handlanger hereinkamen, wuchsen ihre Schatten an den Wänden empor, bis sie die wartenden Schlammtaucher wie riesenhafte Dämonen überragten.
Genau das sind sie, dachte Jackon verdrießlich. Drei hässliche, stinkende, nimmersatte Dämonen.
Asher setzte sich; sein goldener Ohrring baumelte glitzernd hin und her. Während er in aller Seelenruhe seinen Becher mit Ale füllte, bildeten die Wartenden eine Schlange vor seinem Tisch. Jackon versuchte gar nicht erst, nach vorne zu gelangen. Mit seinen fünfzehn Jahren war er der jüngste, kleinste und schwächste Schlammtaucher. Hätte er sich vorgedrängelt, hätten die anderen ihn verprügelt oder, schlimmer noch, fortgejagt. Also nahm er das Unvermeidliche hin und stand ganz am Ende der Schlange.
Schritt für Schritt rückten die Schlammtaucher vor, legten ihre Funde auf den Tisch, ließen sie von Asher schätzen und zogen mit ein paar Münzen in der Hand von dannen. Einer von Ashers Gehilfen schob sich eine dampfende Kartoffel in den Mund, kaute mit vollen Backen und spülte den Bissen mit Ale herunter. Der Anblick erinnerte Jackon daran, wie hungrig er war. Sein Magen knurrte so laut, dass es jeder im Keller hören musste. Er sehnte sich so sehr nach einer heißen Kartoffel, dass es schmerzte. Er wünschte, er hätte wenigstens ein bisschen Brot. Oder überhaupt irgendetwas zu essen.
Um sich abzulenken, lutschte er einen Kieselstein und hörte den geflüsterten Gesprächen der anderen Schlammtaucher zu. Angeblich kam es wieder zu Unruhen, diesmal in Scotia und bei den Aetherküchen am Stadtrand, und die Geheimpolizei der Lady suchte seit Tagen ohne Erfolg nach den Rädelsführern. Für Jackon waren das Geschichten aus einer anderen Welt. Er war noch nie auf der anderen Seite des Flusses gewesen. Was kümmerte es ihn, was dort geschah?
Sehr viel größere Sorgen bereiteten ihm die neusten Gerüchte über die Ghule.
Der Mann vor ihm, ein dürrer Kerl mit einem Geschwür unter dem linken Auge, raunte seinen Kumpanen zu, in der vergangenen Nacht hätten die Ghule wieder jemanden geholt: die schwangere Alys, die so dumm gewesen war, sich beim Hauptsammler herumzutreiben. Als ihr Mann sich auf die Suche nach ihr machte, hörte er ihre Schreie und sah fahle Augenpaare in der Dunkelheit, bevor er Hals über Kopf floh. Niemand machte ihm einen Vorwurf. Gegen die Ghule konnte selbst der stärkste Mann nichts ausrichten. Außerdem war es Alys’ eigene Schuld.
Jackon schluckte. Er hatte Alys gekannt. Und sein Unterschlupf befand sich ganz in der Nähe der Pumpstation. Nacht für Nacht hörte er das Stampfen und Zischen der riesigen Pumpen, aber manchmal drangen auch andere Geräusche aus dem schwarzen Abgrund des Hauptsammlers herauf, unheimliche Geräusche, und er hoffte stets, dass es nur die Ratten waren.
»Na los, Junge, lass sehen, was du hast.«
Jackon schrak auf. In seiner Besorgnis hatte er gar nicht bemerkt, dass er an der Reihe war.
Asher hatte die obersten Knöpfe seines Wamses geöffnet und die Ärmel hochgekrempelt und glotzte Jackon ungeduldig an. Der bullige Lumpenhändler hatte ein gerötetes Gesicht, denn er schüttete becherweise Ale in sich hinein, während er die Sachen der Schlammtaucher begutachtete. Jackon machte sich auf unangenehme Verhandlungen gefasst. Betrunken war Asher noch geiziger als sonst.
Er öffnete seinen Beutel und schüttelte den Inhalt heraus.
»Was soll das sein?«, knurrte Asher, als er aus den Knochen und Leinenresten einen Brocken Holz herausfischte.
»Ein Stück von einer Wetterfahne«, sagte Jackon.
Der Lumpenhändler schnaubte. »Schaut euch diese Rotznase an«, sagte er. »Bringt uns eine halbe Wetterfahne.«
Seine beiden Helfer grinsten verächtlich.
Ashers Augen verengten sich. »Verrate mir mal, Junge, was ich mit einer halben Wetterfahne anfangen soll.«
Jackon schwieg. Dass seine heutige Ausbeute nicht gerade berauschend war, wusste er selbst.
»Na schön«, meinte der Lumpenhändler. »Für die Knochen und das Leinen kriegst du einen Viertelschilling.«
»Was? Letzte Woche gab’s für die gleiche Menge noch einen halben!«
»Letzte Woche, letzte Woche«, wiederholte Asher unwirsch. »Die letzte Woche ist vorbei, Junge, falls du’s noch nicht gemerkt hast. Ich brauch deine Knochen nicht. Krieg das Zeug karrenweise. Es gibt ja immer mehr von euch.«
Damit hatte er leider nicht unrecht: Jede Woche nisteten sich neue Leute in den Abwasserkanälen ein, und die Schlange in der Alten Glasbläserei wurde von Tag zu Tag länger. Trotzdem wollte Jackon sich nicht so leicht geschlagen geben. »In der Seifensiederei könnte ich einen ganzen Schilling für die Knochen bekommen.«
»Was du nicht sagst. Warst du schon mal dort?«
»Ja«, log Jackon.
»Gut. Dann weißt du ja, dass sie am anderen Ende der Stadt liegt. Geh ruhig zur Seifensiederei. In der Zwischenzeit durchwühlen deine Nachbarn dein Schlupfloch und klauen alles, was du nicht am Leib trägst.«
»So etwas tun Schlammtaucher nicht«, gab Jackon kleinlaut zurück.
»Ach ja, richtig, die berühmte Bettlerehre.« Asher schnaubte noch einmal. »Ich geb dir einen kostenlosen Rat, Junge: Nimm den Viertelschilling und schwirr ab, bevor ich’s mir anders überlege.«
Er warf eine Münze über den Tisch. Jackon hob sie auf und steckte sie ein, obwohl er dem Lumpenhändler lieber ins Gesicht gespuckt hätte. Während er davonging, lachten die drei Männer über ihn.
Einen lumpigen Viertelschilling, für einen ganzen Tag stumpfsinniges Warten bei seinen Netzen, für stundenlanges Hoffen, dass sich endlich einmal etwas darin verfing.
Aber was hätte er tun sollen? Asher wusste genau, dass Jackon auf ihn angewiesen war. Er konnte jeden Preis zahlen, den er wollte.
Jackon war zu hungrig, um sich in Selbstmitleid zu ergehen. Die Münze sicher in der Faust verwahrt, kehrte er der Glasbläserei den Rücken und eilte durch die unbewohnten Gassen, bis er zum Flussufer kam. Die Fischhändler bauten bereits ihre Stände ab und verstauten Kisten und Körbe auf ihren Booten. Möwen tummelten sich auf den alten Piers und Anlegestegen und stritten sich kreischend um die Fischabfälle. Vor den Garküchen am Rand des Hafenviertels herrschte Gedränge; Matrosen und Hafenarbeiter machten sich gierig über ihren Gerstenbrei oder Salzfisch her.
Jackon lief das Wasser im Mund zusammen, als er den geräucherten Stockfisch roch, der auf den Tischen auslag. Er stellte sich irgendwo an, wurde jedoch verjagt, bevor er beweisen konnte, dass er Geld besaß. Schließlich fand er eine Garküche, wo auch Schlammtaucher bedient wurden. Der Viertelschilling reichte gerade einmal für etwas lauwarme Erbsensuppe und ein Stück knochenhartes Brot. Er hielt seinen Holznapf hin und bettelte so lange, bis ihm der Verkäufer eine halbe Kelle mehr gab und ihn mit einem Fluch zum Teufel schickte.
Er suchte sich einen Platz auf der Ufermauer, wo er ungestört essen konnte, und ließ die Beine baumeln. Jeden Bissen kaute er so oft wie möglich; trotzdem quälte ihn der Hunger anschließend schlimmer als vorher. Er war schon jetzt recht mager. Wenn das so weiterging, bestand er bald nur noch aus Haut und Knochen. Wenigstens bin ich dann kein Leckerbissen für die Ghule mehr, dachte er grimmig.
Nachdem er aufgegessen hatte, blieb er noch eine Weile sitzen, um die letzten Sonnenstrahlen zu genießen. Er mochte das Flussufer. In seinem Rücken erstreckte sich die Grambeuge mit der Alten Glasbläserei, deren Bleidächer matt in der Sonne schimmerten, den alten Stadthäusern und den Hütten aus Holz, rostigem Blech und Segeltuch: ein Sammelsurium aus abenteuerlichen Konstruktionen, die gegen alle Erwartung dem Wind trotzten. Der Rauch von den Müllfeuern und Kohlepfannen vermischte sich manchmal mit den seltsamen Gerüchen vom Chymischen Weg, wo Alchymisten, Giftmischer und Wunderheiler Tag und Nacht mit exotischen und tödlichen Substanzen hantierten. Im Süden grenzte die Grambeuge an das Hafenviertel; die Bretterbuden wichen Lagerhallen, Werften und Tavernen mit Bleiglasfenstern, in denen Seeleute aus aller Herren Länder ein und aus gingen: dunkelhäutige Männer mit gezwirbelten Bärten aus Yaro D’ar, Kapitäne der aetherbetriebenen Schaufelbarken, die den Rodis hinauf- und hinunterschipperten, Walfänger aus Torle und Matrosen aus Ländern, die so fern und fremdartig waren, dass Jackon ihre Namen nicht aussprechen konnte. Auf der anderen Seite des Flusses lag der Luftschiffhafen Bradosts mit seinem Wald aus Ankermasten und den Hallen, die riesigen Muscheln ähnelten. Vom Flugfeld stiegen unaufhörlich Fesselballons und Luftschiffe auf und schwebten am glühenden Abendhimmel wie Untiere aus grauer Vorzeit.
Als die Sonne hinter dem Phönixturm versank, machte Jackon sich auf den Weg zu den Kanälen. Er entschied sich für einen Zugang im Hafenviertel, obwohl dies einen kleinen Umweg bedeutete. Aber nach dem Ärger mit Asher hatte er keine Lust, anderen Schlammtauchern zu begegnen. Schlimm genug, dass er jeden Abend mit ihnen in der Glasbläserei zusammentraf. Heute hatten sie ihn in Ruhe gelassen, vermutlich weil ihnen der Vorfall mit den Ghulen zu schaffen machte. An den meisten anderen Tagen hatte er nicht so viel Glück.
Bei den Kais stieg er eine steile Treppe hinab. Keinen halben Schritt über dem Fluss war ein schmiedeeisernes Tor in die Ufermauer eingelassen; braunes Wasser schwappte gegen die Schwelle. Jackon schlüpfte durch den Spalt zwischen den rostigen Torflügeln und betrat die Unterwelt von Bradost.
Er war in den Abwassertunneln aufgewachsen und kannte sie wie seine Westentasche; er brauchte kein Licht, um sich darin zurechtzufinden. Außerdem war offenes Licht gefährlich: Manchmal bildeten sich faulige Dämpfe in den Tunneln, die sich leicht entzündeten und Gänge zum Einsturz brachten, wenn sie explodierten. Deshalb hausten die meisten Schlammtaucher in den Katakomben unter der Altstadt oder in Flussnähe, wo frische Luft in die Tunnel drang. In der Nähe des Hauptsammlers, wo es besonders gefährlich war, lebten nur die Ausgestoßenen: Mörder, Verrückte, Cholerakranke, Leute, die sich vor den Spiegelmännern versteckten – und Jackon.
Er gelangte in eine Abwasserleitung, der er stadteinwärts folgte, indem er sich auf dem steinernen Steg neben dem Abwasserstrom hielt, seine Schritte zählte und auf die Geräusche in der Dunkelheit achtete. Als er den breiteren Haupttunnel erreichte, stieg er eine eiserne Leiter hinab und zwängte sich durch die zertrümmerten Überreste eines hydraulischen Tores. Sein Weg führte ihn durch Gänge und Hallen, die nur noch teilweise zum Abwassersystem Bradosts gehörten: uralte Zisternen, Keller und Schächte aufgegebener Manufakturen, vom Fluss ausgewaschene Höhlen, Kasematten vergessener Festungsanlagen. Nicht einmal Jackon wusste, wohin all diese Tunnel und Stollen führten. Einige waren viele Meilen lang und erstreckten sich angeblich bis zu den alten Grabgängen und Beinhäusern tief unter der Stadt.
Schließlich hörte er ein vertrautes Rauschen, das sich zu einem ohrenbetäubenden Tosen steigerte, als der Tunnel in den Hauptsammler mündete.
Obwohl Jackon daran gewöhnt war, raubte ihm der Gestank schier den Atem. Aus mehr als einem Dutzend Leitungen stürzten die Abwässer in die gewaltige Zisterne, die mit ihren gemauerten Bögen und steinernen Rippen einer unterirdischen Kathedrale ähnelte. Fahles Licht aus einem Deckenschacht fiel auf Simse, Treppenfluchten und gusseiserne Geländer, bis es sich in der Dunkelheit verlor.
Jackon fürchtete sich nicht vor der Finsternis; dennoch pochte sein Herz bis zum Hals, als er einem der Simse folgte. Denn er kannte die Gefahren, die dort unten in der Tiefe lauerten, nur zu gut.
Er kletterte in eine mannshohe Abwasserleitung, und Erleichterung durchströmte ihn beim Anblick des fernen Lichtscheins. Einige Tunnelbewohner besaßen Gaslaternen, bei denen keine Gefahr bestand, dass sie die Dämpfe in den Gängen entzündeten. Ihre Besitzer löschten sie nie – die Ghule hassten helles Licht.
Jackons Behausung befand sich am äußersten Rand der beleuchteten Tunnel, denn nicht einmal die Ausgestoßenen duldeten ihn in ihrer Nähe. Im Kanal waren seine Netze aufgespannt. Er überprüfte, ob sich etwas darin verfangen hatte, während er fort war, fand zu seiner Enttäuschung jedoch nur ein paar Knochen. Er stopfte sie in seinen Beutel, kletterte über die Planke, die über dem Abwasserstrom lag, und schlüpfte in eine Öffnung in der Tunnelwand. Dahinter befand sich sein Zuhause: eine kleine Kammer mit einigen Kisten, einem Bett aus strohgefüllten Säcken und einer rostigen Leiter, die zu einem Luftschacht führte.
Er hatte im Tunnel keine Dämpfe gerochen und entschied, dass er ein wenig Licht riskieren konnte. Er zog eine Kiste hervor, die seine Schätze enthielt; Dinge, die er im Lauf der Jahre gefunden, gestohlen oder aus dem Kanal gefischt hatte: einen Kavalleriesäbel mit abgebrochener Klinge, ein Ersatznetz, eine löchrige Hose, einen Feuerstein und einen Kerzenstummel.
Mit dem Feuerstein und einigen Holzspänen zündete er die Kerze an und setzte sich auf das Schlaflager.
Aus der Dunkelheit seiner Kammer schälte sich eine Gestalt.
Jackon keuchte vor Entsetzen auf und griff nach dem Säbel; dabei ließ er die Kerze fallen. Er hörte ein wütendes Knurren, dann packten ihn kräftige Hände am Hemdkragen und zogen ihn auf die Füße, bevor er den Säbel zu fassen bekam.
Der flackernde Kerzenschein fiel auf ein entstelltes Gesicht. Hinter der fliehenden Stirn standen die Haare in alle Richtungen ab. Ein fauliger Geruch, widerwärtiger noch als der Gestank des Abwassers, schlug ihm entgegen.
»Da bist du ja, du Wicht. Dachte schon, du hättest dich vor Angst verkrochen.«
Darren!, begriff Jackon erleichtert, während er nach Luft schnappte. Es ist nur Darren!
Dann wurde ihm klar, dass dies nicht unbedingt Anlass zur Erleichterung bot.
Seine Füße scharrten über den Boden. Vergeblich versuchte er, sich aus dem eisernen Griff zu befreien.
»Wie oft hat Darren dir gesagt, du sollst ihn in Ruhe lassen? Na?«
»Hab nichts gemacht«, ächzte Jackon, was den Eindringling veranlasste, ihn so heftig zu schütteln, dass seine Zähne aufeinanderschlugen.
»Dreckiger Lügner! Gestern Nacht warst du wieder in Darrens Kopf.«
»Ich weiß nicht, was du …« Der Rest des Satzes blieb Jackon im Hals stecken, als Darren ihn auf die Strohsäcke schleuderte. Dann beugte sich der Hüne über ihn und bleckte seine verfaulten Zahnstümpfe. Die beiden Hälften seines Gesichts passten nicht richtig zusammen: Das rechte Auge befand sich nicht auf der gleichen Höhe wie das linke, eine Wange hing herunter, als gäbe es keine Muskeln, die ihr Form verliehen.
»Das passiert, wenn man Darren wütend macht«, knurrte der Missgestaltete und trat gegen eine Kiste, sodass sie in den Kanal fiel.
»Nicht meine Sachen!«, rief Jackon. Er stürzte zum Ausgang der Kammer, bekam die Kiste jedoch nicht mehr zu fassen und konnte nur noch dabei zusehen, wie sie fortgespült wurde.
Darren packte ihn am Nacken und zog ihn zurück in die Kammer, wo er ihn auf den Boden schleuderte. »Merk dir das, du kleiner Hurensohn. Beim nächsten Mal wirft Darren dich hinein.«
Mit schweren Schritten stapfte der Hüne über die Planke und beförderte das Brett mit einem Tritt in die Brühe, bevor er davonschlurfte und Jackon die Ghule an den Hals wünschte.
Jackon rieb seinen schmerzenden Nacken … bis er verbranntes Stroh roch. Fluchend wirbelte er herum, schüttelte die Kerze vom Strohsack herunter und trat die Flammen aus. Dann hob er die Kerze auf, die in dem ganzen Durcheinander erloschen war, zündete sie an einem glimmenden Halm an und stellte sie behutsam in eine kleine Nische im Mauerwerk. Sie war alles, was er noch besaß, abgesehen von den Säcken und den Kleidern am Leib. Seine Kiste, der Säbel und der Rest seiner Sachen waren im Schlund des Hauptsammlers verschwunden. Nicht einmal die Planke hat er mir gelassen, dachte er niedergeschlagen.
Er setzte sich auf sein Schlaflager und versuchte, seinen knurrenden Magen zu ignorieren.
Wenigstens das Netz hatte er noch. Ohne das Netz taugte er nicht einmal mehr zum Schlammtaucher und könnte sich ebenso gut in den Hauptsammler stürzen. Er konnte nur hoffen, dass sich in den nächsten Tagen ein paar brauchbare Dinge darin verfingen, denn er benötigte dringend eine neue Planke und vor allem etwas zu essen. Allein mit den Knochen und Leinenresten kam er nicht mehr weit, denn es war abzusehen, dass Asher die Preise weiter drücken würde.
Heute war wahrlich nicht sein Glückstag.
Wenn er nur wüsste, was er tun könnte, damit Darren und die anderen Ausgestoßenen ihn in Ruhe ließen …
Es war nicht der erste Vorfall dieser Art. Früher, als er noch in Flussnähe gelebt hatte, war keine Woche vergangen, in der man ihm nicht vorwarf, er hätte die anderen Bewohner der Abwasserkanäle nachts belästigt und im Schlaf heimgesucht. Er dachte, es würde besser werden, nachdem er sich eine andere Unterkunft gesucht hatte, weit weg von den Quartieren der Schlammtaucher. Ein Irrtum. Seitdem brachte er die Ausgestoßenen gegen sich auf, was noch schlimmer war, denn bei den meisten handelte es sich um gewalttätige Verrückte wie Darren.
Er wollte niemanden belästigen, tagsüber nicht, und erst recht nicht nachts. Er wollte sich nur um seine Netze kümmern, in der Hoffnung, mit seinen Funden etwas Geld zu verdienen. Und er trieb sich auch nicht in den Köpfen anderer Leute herum. Wie sollte so etwas überhaupt möglich sein?
Plötzlich war er so erschöpft, dass er sich hinlegen musste. Er schloss die Augen und hätte gerne gebetet, doch ihm fiel kein einziges Gebet ein.
 
Er musste eingeschlafen sein, denn als er die Augen öffnete, war es dunkel in seinem Schlupfwinkel. Von draußen drang Gaslicht herein. In der Ferne rauschte der Hauptsammler.
Er sah nach seiner Kerze. Lediglich ein unbrauchbarer Stummel war noch davon übrig. Er verfluchte sich dafür, dass er in seinem Elend vergessen hatte, sie rechtzeitig zu löschen. Jetzt hatte er kein Licht mehr.
Dunkelheit lockte die Ghule an …
Es musste nur die Gaslaterne am Zugang des Tunnels ausfallen, und schon wäre der gesamte Gang stockfinster.
Jackon schluckte trocken. Er durfte jetzt nicht in Panik verfallen. Es war schon schlimm genug, dass er beinahe verhungerte.
Er brauchte eine neue Unterkunft. Hier, so nahe bei der Pumpstation, durfte er nicht bleiben. Alys hatte die Ghule gewiss nicht satt gemacht. Möglich, dass nun ihre Gier erwacht war und sie die Tunnel durchstreiften, auf der Jagd nach neuer Beute.
Er holte seine Netze ein und stopfte sie in den Beutel. Die Säcke musste er hierlassen, denn sie würden ihn bei einem langen Marsch durch die Tunnel nur behindern. Da er keinen Wert darauf legte, Darren zu begegnen, beschloss er, die Kammer durch den Luftschacht zu verlassen. Vielleicht konnte er im Hafenviertel schlafen, bis er eine neue Kerze aufgetrieben hatte.
Gerade als er die Leiter hinaufkletterte, ertönte ein grässlicher Schrei. Jackon erschrak so sehr, dass er abrutschte und mit dem Rücken auf die Säcke fiel.
Was, bei allen Namen Tessarions, war das?
Er wälzte sich herum und starrte zum Eingang der Kammer hinaus.
Schatten tanzten über die Kanalwände. Zuckende Schemen, wie gewaltige Schwingen. Noch einmal ertönte der Schrei. Ein unmenschliches Krächzen, das ihm schier das Blut gefrieren ließ.
Steh auf!, sagte er sich. Steh auf und lauf! Doch seine Beine wollten ihm nicht gehorchen. Sämtliche Kraft schien seinen Körper verlassen zu haben.
Die Schatten wurden kleiner, verschwanden. Das sind keine Ghule, durchfuhr es ihn plötzlich. Dieses Krächzen … Das ist nur …
Eine Krähe. Sie landete in der Öffnung und blickte ihn unverwandt an.
Jackon war so verblüfft, dass er wie erstarrt liegen blieb. Vor lauter Hunger und Ärger mit Asher und Darren hatte er die Sache mit den Krähen völlig vergessen. Doch ganz offensichtlich hatten sie ihn nicht vergessen. Und jetzt folgten sie ihm schon in die Kanäle.
Jackons Entsetzen wich Zorn – Zorn darüber, dass ein dummer Vogel es geschafft hatte, ihm Todesangst einzujagen. Er federte hoch und holte mit seinem Beutel aus. Doch bevor er ihn werfen konnte, veränderte die Krähe ihre Gestalt. Sie wuchs und verschwamm zu einer unförmigen schwarzen Masse, aus Flügeln wurden Arme, aus Krallenfüßen Beine, aus einem Schnabel und zwei Knopfaugen bildete sich ein menschliches Gesicht, alles innerhalb eines Herzschlags.
Jackon ließ den Beutel fallen und taumelte keuchend zurück.
Wo eben noch der Vogel gesessen hatte, stand nun ein Mann. Sein Mantel war so schwarz wie Krähengefieder, sein haarloser Schädel leichenblass.
Seine Hand schnellte vor und schloss sich um Jackons Arm.
Jackon schrie.

2
Der Zweikampf
Lucien saß auf der Spitze des Phönixturms hoch über den Dächern Bradosts, rauchte Pfeife und genoss die laue Abendluft. Dies war sein Lieblingsplatz. Von hier oben überblickte man die ganze Stadt.
Sie war riesig, größer als jede andere Metropole der bekannten Welt. Von der Mündung des Rodis dehnte sie sich meilenweit über das Land aus, im Süden begrenzt von der Steilküste, im Osten und Westen von den Plantagen und im Norden von Karst, einer zerklüfteten Hochebene, durch die beharrlich der Wind heulte. Bradost selbst glich einem Flickenteppich aus Schiefer- und Bleidächern, aus Höfen, kleinen Gärten mit glitzernden Springbrunnen, Gassen, Treppen und Brücken. Der Fluss speiste zahllose Kanäle, die wie stahlblaue Adern zwischen den Hügeln verliefen. Von den Aetherküchen stieg goldener Dunst auf und vermischte sich mit dem Rauch aus den Schloten der Manufakturen. Wetterfahnen und Kuppeln gleißten in der Abendsonne. Wasserspeier und geflügelte Steinlöwen auf Erkern und Giebeln warfen lange Schatten, als belauerten sie die winzigen Menschen auf den Straßen.
Lucien liebte diese Stunde des Tages: wenn über den Dächern ein glutfarbener Schimmer lag, der dem Anblick etwas Unwirkliches verlieh, als sei Bradost ein verwunschener Ort, der jeden Moment in den Abgründen von Zeit und Raum verschwinden konnte.
Wind bauschte sein schlohweißes Haar auf und verwehte den Pfeifenrauch. Über den Felsenkämmen von Karst ballten sich Wolken zusammen. Es roch nach Regen.
Er seufzte leise, nahm einen letzten Zug und klopfte die Pfeife aus. Aber es war ohnehin höchste Zeit, dass er sich auf den Weg machte.
Die Turmspitze bestand aus sechs gemauerten Rippen, die eine Art riesige Laterne bildeten. Er ließ sich vom Schlussstein gleiten, bekam einen der Bögen zu fassen, schwang zurück und landete geschmeidig im Innern des Steingebildes. Der Phönixturm besaß keine Treppe, keine Rampe oder Leiter, weswegen es Menschen ohne Hilfsmittel nicht möglich war, hier herauf zu gelangen. Lucien aber war kein Mensch. Er trat zwischen zwei Steinbögen, bis seine Zehenspitzen über den Rand ragten. Viele hundert Fuß unter ihm kroch der Schatten des Turms über die Dächer wie der Stundenzeiger einer gewaltigen Sonnenuhr. Der Wind riss an seinem mondstaubfarbenen Wams.
Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und machte noch einen Schritt.
Statt in die Tiefe zu stürzen, stand er im nächsten Moment auf einer Straße aus verwitterten Steinplatten. Bradost war verschwunden; Gewitterwolken und Abendsonne waren einem blauschwarzen Firmament ohne Mond und Sterne gewichen. Vor ihm erhob sich ein Palast, größer und Ehrfurcht gebietender als alles, was Menschen jemals erbaut hatten. Lucien blieb einen Moment stehen und blickte zu den Mauern und Zinnen aus blau schimmerndem Gestein auf, betrachtete die verschachtelten Flügel und Dächer und Minarette, um die silbriger Staub wirbelte, ehe er durch das Tor trat.
Stille erfüllte die Säle und Treppenfluchten. Seine Schritte hallten. Er ging durch die einsamen Flure, bis plötzlich eine Stimme erklang.
»Du hier?«
Eine Frau erschien zwischen den Säulen. Genau wie er besaß sie nachtschwarze Haut und langes weißes Haar. Der Saum ihres Gewandes strich leise über den Boden.
»Nabeth«, begrüßte Lucien sie kühl. »Lange nicht gesehen.« Ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen, und in ihrer Stimme lag ein Hauch von Spott. »Ich hätte nicht gedacht, dass du kommen würdest. Mutig von dir.«
»Du kennst mich doch. So ein Spektakel lasse ich mir nicht entgehen.«
»Lass dich ansehen. Du hast dich verändert. Und diese Kleidung – skandalös.«
»Nein. Nur Menschenkleidung.«
Nabeth hob eine Augenbraue. »Du hattest schon immer recht ungewöhnliche Vorlieben.«
Lucien hatte schon jetzt genug von diesem Gespräch. »Sind die anderen im großen Saal?«
»Ja. Warte«, sagte sie, als er losgehen wollte. »Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist? Sie werden nicht erfreut sein, dich zu sehen.«
Er lächelte dünn. »Falls es dich beruhigt: Das beruht auf Gegenseitigkeit.«
Plötzlich stand Nabeth ganz nah vor ihm. »Lucien, Lucien, ganz der Alte«, sagte sie und strich ihm mit den Fingerkuppen über die Wange. »Ein Einzelgänger wie eh und je. Wie schade, dass du damals so ein Narr gewesen bist. Dir und mir, uns hätte die Ewigkeit gehören können.«
Da lag sie falsch, aber er verzichtete darauf, sie zu korrigieren. Wer es schaffte, dreihundert Jahre an einer Illusion festzuhalten, war ganz offensichtlich immun gegen gute Worte und Vernunft. Behutsam schob er ihre Hand fort. »Lass uns gehen«, sagte er. »Ich will nichts verpassen.«
Gemeinsam durchquerten sie die Säulenhalle. Nabeth konnte ihre Enttäuschung nur schwer verbergen.
»Hast du den Harlekin gesehen?«, fragte Lucien.
»Nein. Aber er soll bereits hier sein.«
»Ist es wahr, dass er Aziel herausgefordert hat?«
»Ja.«
Also stimmten die Gerüchte. Lucien hatte bis zuletzt daran gezweifelt.
»Hat Aziel dir nichts gesagt?«, fragte Nabeth. »Ich dachte, neuerdings versteht ihr euch wieder prächtig.«
»Wie kommst du darauf?«
»Man hört das eine oder andere.«
Er hatte nicht die geringste Lust, ihr zu erklären, wie er zu Aziel stand. Sein Verhältnis zum Herrscher der Alben war kompliziert. »Du solltest nicht alles glauben, was die Leute erzählen. Sag mir lieber, wie da drin die Stimmung ist.«
»Stimmung?«
»Na wegen der Herausforderung.«
»Viele sind froh, dass es so gekommen ist, obwohl niemand es ausspricht. Sie sind dieser Welt überdrüssig. Und Aziel hat schon lange nicht mehr viele Anhänger.«
So hatte auch Lucien es eingeschätzt. Der Tag versprach, überaus interessant zu werden.
Sie kamen zum Eingang des großen Saales. Nabeth blieb unvermittelt stehen.
»Was ist?«
Sie zögerte. »Lass mich allein hineingehen. Ich will nicht, dass es Gerede gibt. Bitte versteh das.«
Sie schritt davon. Lucien konnte es ihr nicht verdenken: Niemand wollte mit einem Ausgestoßenen gesehen werden. Und ihm lag ohnehin nicht sonderlich viel an ihrer Gegenwart.
Als er in der Halle eintraf, waren die anderen Angehörigen seines Volkes bereits anwesend. Zu Hunderten standen sie auf den Galerien. Alben sahen einander sehr ähnlich; Unterschiede gab es lediglich in den Gesichtern: Manche waren hager, andere breit oder fein geschnitten, einige Männer trugen Kinnbärte, während viele Frauen ihr Haar zu langen Zöpfen geflochten hatten.
Sie bedachten ihn mit ablehnenden, sogar feindseligen Blicken. Niemand wagte zu sprechen, doch er konnte förmlich hören, was die Anwesenden über ihn dachten:
Dieb!
Ausgestoßener!
Verschwinde!
Du gehörst nicht hierher!
Unbeirrt trat er zur Galerie und legte die Hände auf die Brüstung. Trotz des Gedränges gelang den Alben in seiner Nähe das Kunststück, mehrere Schritte Abstand zu ihm zu halten, als leide er unter einer ansteckenden Krankheit.
Als sich ein Portal öffnete, galt die Aufmerksamkeit der Menge wieder der Halle.
Zwei Krieger mit Hornmasken und gezackten Lanzen postierten sich links und rechts der Pforte, aus der Aziel trat.
Der Herrscher der Alben war größer und massiger gebaut als die meisten seiner Untertanen. Ein weißer Ziegenbart zierte sein Kinn, seine Augen glitzerten wie zwei neugeborene Sterne. Eine dunkle Robe verhüllte seine Schultern und den mächtigen Brustkorb. Er entdeckte Lucien auf der Galerie, und für einen Augenblick begegneten sich ihre Blicke. Lucien zwinkerte ihm zu, woraufhin Aziel sich abrupt abwandte.
Die Menge blickte erwartungsvoll zur gegenüberliegenden Seite der Halle.
Aus dem Durchgang schlurfte der Harlekin.
Hundert Jahre Gefangenschaft hatten deutliche Spuren hinterlassen: Der ehemals stattliche und hochmütige Alb wirkte hager und ausgezehrt. Narben verunstalteten sein Gesicht, sein kurzes Haar stand in alle Richtungen ab. Statt der bunten Flickenkleidung, der er seinen Namen verdankte, trug er ein schlichtes, fast schäbiges Gewand.
Seine Augen leuchteten fiebrig, als er seinen alten Widersacher erblickte. »Schön, dich zu sehen, Aziel«, sagte er mit einem dünnen Lächeln.
Für gewöhnlich zeigten Alben ihre Gefühle nicht, und sie hätten nie zu erkennen gegeben, auf wessen Seite sie standen. Lucien jedoch hatte ein ausgeprägtes Gespür für solche Dinge, weshalb ihm die gespannte Unruhe nicht verborgen blieb, die sich beim Auftritt des Harlekins im Saal ausbreitete. Es war, wie Nabeth sagte: Die Mehrheit der Alben hatte diesen Tag herbeigesehnt, in der Hoffnung, dass die ungeliebte Herrschaft Aziels endlich ein Ende fand.
Ein Wunder, dass er sich überhaupt so lange halten konnte, dachte Lucien. Doch stark ist er, das muss man ihm lassen.
Aziels Stimme dröhnte, erfüllt von uralter Macht: »Wie konntest du entkommen?«
»Niemand kann mich ewig festhalten. Nicht einmal du.«
»Jemand hat dir geholfen.«
»Wie kannst du so etwas sagen?«, erwiderte der Harlekin liebenswürdig. »Zweifelst du etwa an der Treue deines Volkes?«
»Mein Volk ist loyal. Es hält sich an die Regeln. Im Gegensatz zu dir.«
»Ich war immer schon der Meinung, dass Regeln überschätzt werden.«
»Du bist ein Lügner«, knurrte Aziel. »Und ein Schwächling obendrein. Du hättest verschwinden sollen, statt meine Zeit zu vergeuden.«
»Spar dir die Beleidigungen und lass uns endlich kämpfen.«
»Wieso müssen wir das wiederholen? Du weißt, dass du keine Chance hast.«
»Wir werden sehen«, sagte der Harlekin und lächelte wieder, wobei eine Narbe seine Oberlippe spaltete.
Aziel schnaufte ungeduldig und machte ein Handzeichen, woraufhin ein dritter Alb aus den Schatten unter den Galerien trat. Zwischen den beiden Rivalen blieb er stehen. In der rechten Hand hielt er einen Stab, der in einer knotigen Spitze endete.
»Gekämpft wird nach den alten Regeln«, rief er zu den Galerien hinauf. »Kein Alb tötet einen anderen.«
»Kein Alb tötet einen anderen!«, wiederholte die Menge wie mit einer Stimme.
»Der Kampf endet, wenn ein Kämpfer aufgibt.«
»Der Kampf endet, wenn ein Kämpfer aufgibt!«
»Wer siegt, ist neuer Herrscher der Alben.«
»Wer siegt, ist neuer Herrscher der Alben!«, hallte es von den Saalwänden wider.
Der Richter zog sich in den Schatten zurück, und die beiden Rivalen brachten sich in Position. Obwohl mehr als hundert Jahre seit ihrem letzten Kampf vergangen waren, erinnerte Lucien sich noch gut daran. Auch der Harlekin konnte seine vernichtende Niederlage nicht vergessen haben; dennoch lächelte er nach wie vor. Er führt etwas im Schilde, dachte Lucien, der es einem Mann ansah, wenn er ein Ass im Ärmel hatte. Nur was?
Schweigen herrschte in der Halle, als Aziel und der Harlekin einander belauerten. Dann streckte Aziel den Arm aus, und auf seiner Handfläche bildete sich ein Traum.
Anfangs hatte er die Form einer schillernden Blase. Sie dehnte sich aus, fiel von Aziels Hand, rollte über den Boden und begann, Auswüchse zu bilden. Es sah aus, als versuche jemand, sich aus einem Gummiballon zu befreien. Das Geschöpf, das sich schließlich aufrichtete, war schwarz wie der tiefste Abgrund und schien ganz aus Dornen und Klingen zu bestehen.
Ein Albtraum von der schlimmsten Sorte. Lucien hatte mit so etwas gerechnet. Offenbar wollte Aziel rasch eine Entscheidung herbeiführen.
Der Albtraum stürzte sich auf den Harlekin, packte ihn am Hals und hob ihn hoch, als wäre er nicht schwerer als eine Puppe. Der Harlekin setzte sich zur Wehr, indem er einen eigenen Traum erschuf, allerdings brachte er nur ein krötenähnliches Geschöpf zustande, das ein speicheltriefendes Maul besaß und nicht größer als ein Hund war.
Aziels Albtraum fuhr herum und erblickte das Wesen. Der Harlekin nutzte die Gelegenheit und befreite sich. Er stürzte zu Boden und brachte sich kriechend in Sicherheit, während der schwarze Nachtmahr das Krötenwesen mit einem einzigen Tritt zerstampfte.
Weitere Traumblasen umgaben Aziel, wuchsen in die Höhe und wurden zu Albträumen, einer schrecklicher als der andere. Lucien erblickte eine riesige Spinne mit einer menschlichen Fratze auf dem Rücken. Das Geschöpf daneben besaß elefantenähnliche Beine und einen Rachen voller Tentakel. Ein drittes bestand ganz aus Dunkelheit, die unablässig die Form veränderte: Mal waren gewaltige Schwingen zu erkennen, mal Krallen, dann wieder ein Kopf mit einem glühenden Schlund.
Der Harlekin kämpfte unterdessen um sein Leben. Der dornenbewehrte Nachtmahr versetzte ihm einen Schlag, der ihn quer durch die Halle schleuderte. Er prallte gegen eine Wand und blieb ächzend liegen. Bevor der Albtraum ihn abermals packen konnte, streckte der Harlekin den Arm aus, woraufhin sich der Traum in eine formlose Blase zurückverwandelte und in seiner Handfläche verschwand.
Diesen Gegner hatte der Harlekin bezwungen, aber Lucien sah ihm an, wie viel Kraft es ihn gekostet hatte. Mit Aziels anderen Träumen würde er nicht so leicht fertig werden.
Genau wie damals. Warum wollte er kämpfen, wenn er Aziel nicht gewachsen ist? Es ergibt keinen Sinn …
Aziels Albtraumhorde begann, den Harlekin einzukreisen. Um sie aufzuhalten, erschuf er mehrere Träume. Schillernde Blasen dehnten sich aus, doch jede einzelne wurde von den heranrückenden Nachtmahren zerstampft und verschlungen, bevor sie ihre endgültige Form annehmen konnte.
»Gib endlich auf!«, brüllte Aziel.
»Nein«, sagte der Harlekin schwach.
»Das ist Irrsinn. Du verlierst wieder.«
»Da wäre ich mir nicht so sicher.«
Mit letzter Kraft richtete sich der Harlekin auf. Die Nachtmahre warteten auf Aziels Befehl, doch der Herrscher der Alben zögerte. Die Selbstsicherheit seines Rivalen im Angesicht der unabwendbaren Niederlage beunruhigte ihn offenbar.
»Wenn du aufgibst, lasse ich dich gehen«, sagte er. »Kein Gefängnis mehr. Du wärst frei.«
Trotz seiner Schmerzen brachte der Harlekin ein schiefes Grinsen zustande. »Wieso auf einmal so vorsichtig? Hast du Angst?«
»Sei kein Narr. So eine Chance bekommst du nicht noch einmal.«
»Lass gut sein. Ich verlasse diesen Palast entweder als König oder gar nicht.«
Daraufhin flüsterte Aziel einen Befehl, und die Albträume griffen an.
Der Harlekin versuchte nicht zu fliehen. Er erschuf keine neuen Träume, er blieb einfach stehen. Aus einer Falte seines Gewands zog er einen kleinen Gegenstand: einen länglichen Kristall, eingefasst in einen Kegel aus feinem Kupferdraht.
Nacktes Entsetzen packte Lucien, als er begriff, was der Harlekin in der Hand hielt. »Passt auf!«, schrie er. »Er hat Jernigans Lampe …«
Die Warnung kam zu spät. Der Harlekin schirmte sein Gesicht ab, und gleißende Strahlen schossen aus seiner geballten Faust hervor.
Bevor Lucien sich hinter die Brüstung warf, sah er noch, wie das Licht die Träume zerfetzte, er hörte Aziel und viele anderen Alben schreien, dann wurde die Welt weiß.
Wie lange er auf dem Boden gelegen hatte, konnte er nicht sagen. Als er sich benommen aufrappelte, war das gleißende Licht verschwunden – und mit ihm jede Spur der Träume. Blitze tanzten vor seinen Augen. Auf den Galerien lagen die anderen Alben, als hätte eine Sturmböe sie weggefegt. Die schwächeren waren bewusstlos und würden Tage brauchen, um sich zu erholen.
Jernigans Lampe, dachte Lucien. Licht, das keinen Schatten wirft. Er muss den Verstand verloren haben …
Aziel hatte es am schlimmsten getroffen – als die Lampe aufgeflammt war, hatte er genau hineingesehen. Er lag auf dem Boden der Halle und war bei Bewusstsein, aber selbst die kleinste Bewegung schien ihm Schmerzen zu bereiten.
Der Harlekin kroch auf ihn zu. Auch ihn hatte das Licht geschwächt, doch bei Weitem nicht so sehr wie seinen Rivalen. Dass er darauf vorbereitet gewesen war, hatte ihn vor dem Schlimmsten bewahrt.
»Wie kannst du es wagen … diese Lampe … herzubringen?«, ächzte Aziel. »Das ist … Frevel.«
»Frevel?« Der Harlekin lachte schwach. »Jetzt sei kein schlechter Verlierer.«
»Ich habe … nicht … verloren. Du hast … betrogen.«
»O nein, mein Freund. Du kennst die Regeln. Ich habe gegen keine einzige verstoßen.«
»Es war … ein schmutziger … Trick.«
»Tricks sind nicht verboten.«
Schwankend stand der Harlekin auf. Seine Hand, mit der er die Lampe gehalten hatte, war eine einzige Brandwunde. Mit dem Fuß drehte er Aziel auf den Rücken. »Ergibst du dich?«
»Niemals.«
»Dann steh auf. Kämpfe gegen mich.«
Aziel versuchte, sich zu erheben, doch es gelang ihm nicht einmal, sich aufzusetzen. Er blieb liegen und atmete schwer.
»Komm schon, Aziel. Wo ist dein Kampfgeist?«
Lucien blickte sich auf den Galerien um. Die meisten Alben hatten sich inzwischen erholt und verfolgten das Geschehen mit höchster Aufmerksamkeit. Mit dem Einsatz der Lampe mochte der Harlekin manche seiner Anhänger gegen sich aufgebracht haben, dafür gewann er dank Aziels Hilflosigkeit gerade neue hinzu. Denn wenn die Alben bei einem Herrscher eines nicht duldeten, dann Schwäche.
Aziel unternahm einen weiteren Versuch, sich aufzurichten. Diesmal schaffte er es, auf die Füße zu gelangen.
»Wieso rufst du nicht deine Nachtmahre?«, höhnte der Harlekin.
Aziels Gesicht verzerrte sich vor Schmerz. Eine Traumblase bildete sich in seiner Hand. Sie verschwand, noch bevor er ihr Form geben konnte.
»Ist das alles?«
Der Harlekin erschuf zwei Träume. Sie wirkten klumpig, grau und unfertig, ihnen fehlten Gesichter, Augen und Finger, denn für derartige Einzelheiten reichten seine Kräfte nicht mehr aus. Allerdings besaßen sie genug Substanz, um Aziel zu packen und zu Boden zu werfen. Als sie ihre teigigen Arme ein weiteres Mal nach ihm ausstreckten, hob er abwehrend die Hand.
Die Träume hielten inne. Aziels Lippen bewegten sich, als er seinem Gegner etwas zuflüsterte.
»Sag es so laut, dass jeder es hört«, befahl der Harlekin herrisch.
Scham und Qual rangen in Aziels Gesicht miteinander. Seine Stimme war so leise, dass sie kaum zu den Galerien drang. Dennoch verstand Lucien genau, was er sagte: »Ich gebe … auf.«
Es gab keinen Jubel, kein Freudengeschrei, doch die Euphorie, die von der Menge Besitz ergriff, war mit Händen zu greifen. Tausendfaches Flüstern erfüllte den Saal, dann strömten die Alben zu den Treppen. Kurz darauf umringten sie den Harlekin und erwiesen ihrem neuen Herrscher die Ehre.
Lucien blieb allein auf der Galerie zurück. Er entdeckte Aziel, der sich in eine Ecke der Halle zurückgezogen hatte, wo er mit schmerzverzerrtem Gesicht kauerte, schwach, gedemütigt, von niemandem beachtet. Lucien empfand keine Häme für den gefallenen König, obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte.
Er seufzte und stieg die Treppen hinab. Irgendwer musste sich schließlich um den alten Kauz kümmern.

3
Der Blitzhändler
In geschlossener Formation rückten die Soldaten vor und drängten die wütende Menge mit den Schäften ihrer Piken zurück. Ein Hagelschauer aus Unrat prasselte auf sie nieder, Flaschen, faulige Kartoffeln und Steine prallten von Helmen und Brustpanzern ab. Gebrüll erfüllte den kleinen Platz, Männer schüttelten ihre Fäuste, riefen Beleidigungen und schwenkten Äxte, Schmiedehämmer und Schaufeln. Andere hatten das Dach einer Taverne erklommen und leerten ein Müllfass über den Soldaten aus.
Liam Satander beobachtete den Tumult von einer dunklen Sackgasse aus, wo er sich hinter einem Stapel aus Gemüsekisten und leeren Weinfässern versteckte. Leise fluchte er vor sich hin. Wenn er die Gasse verließ, geriet er genau zwischen die Soldaten und die Menge. Über die Mauer in seinem Rücken klettern konnte er auch nicht – nicht mit seinem Handkarren und den beiden Kupferfässern. Und den frischen Aether hier zurückzulassen war einfach undenkbar. Er hatte gerade über zwanzig Schilling dafür bezahlt.
Keine Frage, er saß gründlich in der Klemme. Dabei hatte er schon auf dem Hinweg gespürt, dass sich im Viertel etwas zusammenbraute. Er hätte sich auf sein Gefühl verlassen und von der Aetherbörse durch die Randbezirke Scotias gehen sollen. Das war zwar ein Umweg, aber dann wäre er wenigstens nicht hier hineingeraten.
Jede Woche dasselbe, seit Monaten. Wenn es keine Unruhen wegen einer neuen Steuer gab, zündete jemand ein Wachhaus an, aus Protest gegen die Willkür der Geheimpolizei. Oder eine wütende Meute verlangte die Freilassung ihres Gildemeisters. Oder hungernde Plantagenarbeiter besetzten die Aetherküchen. Worum es diesmal ging, konnte Liam nicht einmal genau sagen. Offenbar war ein Zeitungsartikel aufgetaucht, in dem unschöne Dinge über Lady Sarka standen, woraufhin die Spiegelmänner die verantwortlichen Drucker ins Gefängnis geworfen hatten. Zumindest hatte sein Vater so etwas erzählt. Allerdings war dieser schon seit einer ganzen Weile keine verlässliche Quelle mehr, was solche Dinge betraf.
Ein Soldat ging zu Boden, als ihn eine Flasche im Gesicht traf. Während man ihn wegtrug, klaffte eine Lücke in der Formation auf, und es kam zum Handgemenge zwischen Soldaten und Aufrührern. Weitere Bewaffnete eilten herbei und schlugen mit Knüppeln und Reitpeitschen auf die Menge ein.
Liam schluckte nervös. Wenn das so weiterging, nahm der Aufruhr ein blutiges Ende. Er konnte nur hoffen, dass niemand ihn in seinem Versteck bemerkte.
Er blickte zu den dunklen Wolken über den Dächern im Norden des Viertels. Zu allem Überfluss lief ihm die Zeit davon. Noch höchstens eine Stunde, dann brach das Gewitter los. Wenn er dann nicht zu Hause war, entging ihm das Geschäft des Monats.
Ein Pistolenschuss donnerte. Zwei berittene Soldaten erschienen auf der einen Seite des Platzes, zügelten ihre Pferde und feuerten in die Luft; Pulverdampf waberte über den Köpfen. Augenblicklich wich die Menge zurück und rannte die Straße hinauf. Die Fußsoldaten setzten ihr nach, angetrieben vom Gebrüll der beiden Reiter.
Liam hielt den Atem an. Als die Soldaten aus seinem Blickfeld verschwanden, beschloss er, die Gelegenheit zu nutzen, und schob seinen Karren im Laufschritt zum Platz. Die Aufrührer flohen ins unübersichtliche Gassengewirr Scotias. Vom Phönixturm näherten sich weitere Soldaten. Liam legte keinen Wert darauf, ihnen zu begegnen. Also lief er die Gasse neben der Taverne entlang und folgte ihr, bis er das Geschrei der Bewaffneten nicht mehr hörte.