001

Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Buch
Tess Byrne hütet ein schreckliches Geheimnis. Zehn Jahre war das autistische Mädchen in einer psychiatrischen Anstalt eingesperrt, da sie des Mordes an ihrem Vater für schuldig befunden wurde. Mit einundzwanzig Jahren kehrt Tess zu ihrer Familie in das kleine irische Dorf Árd Glen zurück, doch gefangen ist sie noch immer. Eine Gefangene ihrer sprachlosen Angst, umgeben von hohen Mauern des Schweigens.
Viele hätten einen Grund gehabt, den für seine Trunksucht und Brutalität bekannten Michael Byrne zu töten, und so ist niemand daran gelegen, dass durch Tess’ Rückkehr an der alten Geschichte gerührt wird. Die einzige Ausnahme macht der ehrgeizige Lokalreporter Sam Moran, der den Mordfall wieder aufrollt, um mit dieser vermeintlichen Sensationsstory seinen beruflichen Durchbruch zu schaffen. Doch auch wenn es Moran gelingt, einzelne Puzzlestückchen des Verbrechens zusammenzusetzen, ist es der Schock einer zufälligen Begegnung, durch den Tess die Ketten ihres inneren Gefängnisses sprengt. Nach all den Jahren kommt die Wahrheit ans Licht – und die alten Wunden beginnen zu heilen …

Autorin
Carol Coffey lebt im irischen County Wicklow, wo auch ihr atmosphärisch-spannendes Debüt Das Mädchen mit den Schmetterlingen angesiedelt ist. Bevor sie sich ihrer schriftstellerischen Karriere zuwandte, sammelte sie viele Erfahrungen in Pflegeberufen, so auch in einem Heim für autistische Jugendliche, was ihrem Schreiben große Authentizität verleiht. Derzeit arbeitet Carol Coffey an ihrem zweiten Roman.

001

Für Dave
und seine uneingeschränkte Unterstützung

Kapitel 1
1981
Eigentlich hatte sich Tess Byrne auf eine schlaflose Nacht eingestellt, doch dann wurde sie vom Geräusch der Putzfrauen geweckt, die den langen Korridor vor ihrer Zimmertür wischten. Es war ein beruhigendes Geräusch, an das sie sich während ihrer zehn Jahre in dieser Anstalt gewöhnt hatte. Sie stellte ihre nackten Füße auf die kalten Fliesen und ging auf Zehenspitzen zum Fenster hinüber, um in den hellen, frostkalten Februarmorgen hinauszublicken. Tess genoss ihr morgendliches Ritual, freute sich, immer die gleichen Dinge zu sehen: die Autos auf der Straße, die Fahrradfahrer, die auf dem Weg zur Arbeit die Abkürzung über das Anstaltsgelände nahmen, die Krankenschwestern, die nach und nach eintrafen. Doch dieser Morgen war anders. Dieser Morgen war der letzte, an dem sie das alles beobachten würde, es war der letzte Tag, den sie hier verbringen würde. Heute war der Tag ihrer Entlassung.
Langsam und systematisch zog Tess sich an, wobei sie gewissenhaft jedes Kleidungsstück einzeln auseinanderfaltete. Sie holte den kleinen Koffer unter ihrem Bett hervor und packte schweigend ihre Sachen. Viel gab es nicht zu verstauen, hauptsächlich ihre Zeichnungen und die Buntstifte, zusammen mit ein bisschen Wäsche. Als sie fertig war, setzte sie sich aufs Bett und ließ den Blick durch das spärlich eingerichtete Zimmer schweifen. Außer ihrem Bett und dem Schrank gab es nur noch eine alte Holzkommode, die nach Mottenkugeln roch. Die kleine Kammer war weiß getüncht, was den stillen Raum kälter wirken ließ, als er eigentlich war. Abgesehen von einigen Zeichnungen, die sie hierlassen wollte, hing an den Wänden nur eine runde weiße Plastikuhr und ein großes hölzernes Kruzifix, an das sie sich erst nach geraumer Zeit gewöhnt hatte. Was ihr an ihrem Zimmer am besten gefiel, war das große Fenster mit den Fensterläden und der breiten Fensterbank, auf der sie oft gesessen und gemalt hatte.
Tess setzte sich, erst in einer guten halben Stunde würde man sie zum Frühstück rufen. Sie holte ein kleines Notizbuch aus ihrem Koffer und schlug die erste Seite auf. Unter der in Schönschrift verfassten Überschrift »Entschuldigen« war dort in großen, roten Buchstaben eine Liste zu lesen.
ENTSCHULDIGEN
Seán
 
Kate
 
Ben
Dr. Cosgrove hatte sie oft gefragt, was diese Liste zu bedeuten hatte, aber sie hatte es ihm nicht verraten. Das war ihr Geheimnis, und Geheimnisse darf man nicht weitersagen. Sie legte das Notizbuch in den Koffer zurück und holte einmal tief und zufrieden Luft. Heute begann ein neues Leben. Sie kehrte nach Hause zurück und hatte dort einiges zu erledigen.
 
Dr. Martin Cosgrove ließ seinen massigen Körper in den schwarzen Ledersessel sinken und blickte aus seinem stickigen Büro auf den Innenhof der Anstalt hinunter. Er beugte sich vor, wobei seine blonden Haare über die dunkel gerahmte Brille fielen, und beobachtete die Kinder, die unter der Aufsicht zweier Pfleger draußen im Hof spielten. Er seufzte, als er an die Verantwortung dachte, die seine Arbeit mit sich brachte, gab es doch keinerlei Gewissheit, ob er irgendeinem der vielen hundert verhaltensgestörter Kinder, die diese Anstalt durchlaufen hatten, wirklich hatte helfen können.
Das galt auch für Tess Byrne. Bei der Durchsicht ihrer Akte konnte er kaum glauben, dass sie einem anderen Menschen etwas angetan haben sollte. In den ersten Jahren hatte es ein paar kleinere Zwischenfälle gegeben, sodass man ihr schließlich ein Einzelzimmer zugewiesen hatte. Als sich ihr Verhalten dann gebessert hatte, wollte keines der anderen Kinder mit ihr zusammenwohnen. Sie sagten, Tess würde sich seltsam benehmen und sie die ganze Zeit anstarren. Über Jahre hatte er versucht, mit der stummen Einzelgängerin ins Gespräch zu kommen, und das durchaus mit einem gewissen Erfolg. Und doch konnte er die wenigen Male, an denen sie in den letzten zehn Jahren ein paar zusammenhängende Sätze gesprochen hatte, fast an einer Hand abzählen. Cosgrove seufzte laut. Tess würde heute von ihren Angehörigen, die in einem entlegenen Teil von County Wicklow einen Hof bewirtschafteten, abgeholt werden, und es sah ganz danach aus, als würde sie den Rest ihres Lebens ohne Kontakt zur Außenwelt verbringen. Aber ihm waren die Hände gebunden.
Sie war einundzwanzig Jahre alt und zeigte, abgesehen von ihrem apathischen Wesen und den gelegentlichen Gefühlsausbrüchen, keinerlei Anzeichen für eine Geisteskrankheit. Er kannte sich ein wenig mit ihrem Leiden, Autismus, aus und wusste auch, dass ihr jüngerer Bruder deutlich stärker davon betroffen war, aber er konnte nicht behaupten, dass er verstand, was in Tess wirklich vorging. Alle Kinder, die bei ihm im Büro landeten, waren verhaltensauffällig, die meisten aufgrund einer psychischen Störung, dennoch hatte er das Gefühl, dass Tess eigentlich nicht hierhergehört hätte. Das stimmte den erschöpften Psychiater traurig, und er wünschte, er hätte im Lauf der Jahre mehr für sie tun können.
Zu seinem Bedauern hatten sich Tess’ Geschwister nie hier sehen lassen, weshalb er sich an den Arzt ihres Heimatortes gewandt hatte. Von ihm erfuhr er, dass zwar Tess’ älterer Bruder Alkoholiker sei, ihre Schwester aber eine tüchtige Frau, die sich sicherlich gut um Tess kümmern würde. Da Cosgrove auch persönlich mit ihren Geschwistern sprechen wollte, rief er sie an. Kate Byrnes leise Stimme ließ eher auf eine leichte Depression schließen als auf die Stärke, von der Dr. Doyle gesprochen hatte, was Cosgrove beunruhigte. Tess stand ein bedeutender Schritt, bevor und er musste sicher sein, dass alles, was er veranlasste, zu ihrem Besten war. Cosgrove beschloss, die Gemeindeschwester anzurufen und sie zu bitten, sich um Tess zu kümmern. So konnte er sie ein wenig im Blick behalten, bis er wirklich überzeugt war, dass es ihr gut ging.
Als er mit Tess über ihren bevorstehenden Abschied gesprochen hatte, hatte sie ihn wortlos angestarrt und an ihrem Pullover gezupft, während sie die Neuigkeit verarbeitete. Tess war zu einer schönen jungen Frau herangewachsen, ihr porzellanfarbener Teint war umrahmt von kräftigem, schwarzem Haar. Ihr unbewegtes Gesicht wirkte fast wie das einer Puppe.
»Freust du dich, Tess?«, hatte er lächelnd gefragt. Das Mädchen hatte keine Miene verzogen, wie üblich starr an ihm vorbeigeblickt und mit einem kurzen Nicken sein Büro verlassen.
Cosgrove stemmte sich langsam aus seinem Sessel. Er blieb in Gedanken versunken stehen und umklammerte Tess’ Krankenakte, bis ihn das Schrillen der Schulglocke aufschreckte. Er steckte die Akte langsam in den großen, metallenen Aktenschrank. Behutsam schloss er die Schublade, griff nach den Akten der beiden Kinder, die heute neu eingetroffen waren, und bereitete sich auf seine Visite vor.
 
Dermot Lynch war ein ernsthafter Mann. Im Alter von dreißig Jahren stand er nach einer Auseinandersetzung mit seinem starrsinnigen, dominanten Vater von einem Tag auf den anderen nicht nur ohne Land, sondern auch ohne Dach über dem Kopf da. Dan Lynch war längst im Ruhestand, trotzdem hatte er sich ständig eingemischt und seinem ältesten Sohn vorgeschrieben, wie er den Hof zu führen hatte. Bis Dermot schließlich die Nase voll hatte.
Dermot hatte mit dem Gedanken gespielt, nach London oder New York, ja, vielleicht sogar nach Sydney zu gehen, wo überall Verwandte von ihm lebten. Aber er wusste auch, dass er nicht für das Baugewerbe geschaffen war, und für ein Leben als Fabrikarbeiter erst recht nicht. Stattdessen war er hierher nach Wicklow gekommen, wo er im Pub seiner Tante und seines Onkels arbeitete und außerdem halbtags als Knecht auf dem Hof der Byrnes. Der Hof würde ihm zwar nie gehören, aber die Arbeit machte ihm Spaß. Wie zu Hause in Galway galt es, das Vieh zu versorgen. Das Klima im Osten war milder, und es regnete deutlich weniger. Er fühlte sich wohl hier, arbeitete hart und ging seinen Arbeitgebern aus dem Weg, obwohl er durchaus nichts gegen sie hatte. Der Bruder, Seán, hatte offenbar ein Alkoholproblem und packte nur selten mit an. Die Schwester, Kate, sah nicht schlecht aus, machte den Haushalt und kümmerte sich um ihren kleinen Bruder Ben, der stumm war wie ein Fisch, sich ständig zu irgendwelchen unhörbaren Klängen wiegte und vor sich hin summte. Die Stille im Haus war mit Händen zu greifen, und Dermot hielt sich dort so wenig wie möglich auf. Er aß, was ihm vorgesetzt wurde, und versuchte, dem starren Blick des Jungen auszuweichen, bevor er sich hastig wieder an seine Arbeit machte. Im Grunde genommen störte ihn die merkwürdige Atmosphäre aber nicht. Niemand stellte ihm Fragen, was ihm nur recht war. Das Letzte, was er gebrauchen konnte, war, dass im Dorf darüber getratscht wurde, dass er den eigenen Hof an seinen jüngeren Bruder verloren hatte. Man schrieb zwar das Jahr 1981, aber in Irland gingen die Uhren langsamer, und er hatte keine Lust, Thema des Dorfklatsches in dem kleinen Ort zu sein, den er mittlerweile sein Zuhause nannte.
Dermots Tage verliefen immer gleich. Er kümmerte sich um das Vieh, mistete die Ställe aus, und wenn Seán Byrne nüchtern genug war, gingen sie zusammen auf den Markt. Doch heute Morgen war alles anders. Dermot wunderte sich, dass Seán und Kate Byrne nicht selbst nach Dublin fuhren, um ihre Schwester abzuholen, die, wie er dem Dorfklatsch entnehmen konnte, »nicht alle Tassen im Schrank hatte«. Diese Aufgabe war ihm unangenehm, und es wäre ihm ausnahmsweise lieber gewesen, wenn einer der Byrnes ihn begleitet hätte. Warum holten sie sie nicht selber ab? Warum lebte sie überhaupt in so einer Anstalt? War sie vielleicht wirklich nicht ganz dicht und wurde auf der Rückfahrt womöglich handgreiflich?
All diese Fragen verdüsterten Dermots normalerweise heiteres Gemüt, bis er mit Kopfschmerzen und Magenkrämpfen die Anstalt erreichte. Sein Vater hätte sich totgelacht, wenn er gewusst hätte, was sein Sohn an diesem Morgen trieb. Allein der Gedanke daran machte Dermot wütend.
Im Wartebereich der Klinik trat er unruhig von einem Fuß auf den anderen. Schließlich erschien ein stattlicher Mann, der aussah, als hätte er hier etwas zu sagen. Sein Lächeln wirkte eher nervös als freundlich.
»Guten Tag, ich bin Dr. Cosgrove«, stellte er sich vor und schüttelte Dermot ein wenig zu enthusiastisch die Hand. »Ich bin Psychiater. Und Sie müssen Seán sein, der Bruder von Tess?«
Dermot spürte, wie er rot wurde. Er war es nicht gewöhnt, mit gebildeten Menschen wie diesem Psychiater zu sprechen, und außerdem hatte der Mann anscheinend Dermots Arbeitgeber erwartet.
»Ähm, nein, ich … ich meine … ich arbeite für die Familie Byrne … sie haben mich hergeschickt, um sie abzuholen … also, Tess, meine ich.« Dermot bemerkte die entsetzte Miene des Arztes und wusste beim besten Willen nicht, was er noch sagen sollte.
Nach einer Ewigkeit, wie es ihm schien, entgegnete der Arzt: »Sind die Angehörigen denn krank geworden … ist etwas passiert?«
»Nein«, erwiderte Dermot. Er wusste nicht, welche Antwort seine Arbeitgeber in ein halbwegs freundliches Licht hätte rücken können, schließlich empfand auch er es als äußerst unhöflich, dass sie nicht selbst hergekommen waren. »Sie haben mich nur gebeten, hierherzufahren. Ich heiße Dermot Lynch und arbeite auf dem Hof …« Seine Stimme wurde immer leiser, je weiter sich das ungläubige Staunen auf dem Gesicht des Arztes ausbreitete.
»Aber sie kennt Sie doch, sie hat Sie schon einmal gesehen, oder?«
»Nein, Sir, ähm, Herr Doktor … ich hab erst vor ein paar Monaten dort angefangen. Wollen Sie sie anrufen? Ich meine … nachprüfen, wer ich bin und so weiter?«
Dr. Cosgrove starrte den jungen Mann ungläubig an. Er konnte nicht glauben, dass Tess’ Angehörige, die doch um ihren Zustand wussten, sie von einem völlig fremden Menschen abholen ließen. Plötzlich kamen ihm schwere Bedenken gegen ihre Entlassung, aber er wusste, dass er letztlich machtlos war. Sie war schließlich erwachsen und konnte nicht länger auf dieser Station bleiben. Eigentlich hätte sie schon nach ihrem achtzehnten Geburtstag in die Erwachsenenabteilung verlegt werden müssen, aber er hatte alles in seiner Macht Stehende unternommen, um das zu verhindern, und darauf verwiesen, dass die Erwachsenenabteilung für ihre Störung ungeeignet war. In den ersten Jahren hatte er immer wieder befürchtet, dass sie dort enden und den Rest ihres Lebens in einer Pflegeeinrichtung verbringen würde, aber irgendwann hatte sie sich eingelebt, und so hatte er keinen Grund gesehen, sie nicht in den Schoß ihrer Familie zu entlassen. Bis jetzt. Es hatte ihn zwar beunruhigt, dass ihre Angehörigen sie in all den Jahren nie besucht hatten, aber er wusste auch, dass Tess’ Geschwister durch den Tod ihrer Eltern, die alleinige Verantwortung für den Hof und die Pflege des jüngeren Bruders sehr belastet waren. Eigentlich hätte Tess schon vor einigen Jahren entlassen werden können, aber ihre Geschwister hatten nie auf seine Bitten reagiert, sich an den Entwicklungsgesprächen zu beteiligen. Die große Schwester schickte zu jedem Geburtstag und zu Weihnachten ein Geschenk, aber Cosgrove hatte sich doch gefragt, warum sie Tess nicht wenigstens gelegentlich besuchten. Und jetzt das! Sie brauchte doch ein vertrautes Gesicht und nicht das eines Fremden, vor dem sie mit Sicherheit Angst hatte. Der Arzt fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und wandte sich ab. Sein Blick wanderte durch das weitläufige Foyer, als ließe sich in der einen oder anderen unwirtlichen Ecke vielleicht eine Antwort finden – und dann sah er sie. Dort stand sie neben ihrem Gepäck, abwartend, beobachtend.
»Tess! Ähm … das ist Mr. …, Entschuldigung, wie, sagten Sie, war Ihr Name?«
»Dermot, Dermot Lynch.«
»Mr. Lynch. Er ist gekommen, um dich nach Hause zu bringen. Wie bist du hierhergekommen?«
Das war auch so eine Geschichte. Er begegnete Tess immer wieder auf Treppen, auf denen sie nichts zu suchen hatte, in Zimmern, zu denen ihr der Zutritt verboten war, und das Personal wusste nie, wie sie dort hingeraten war. Nach mehreren Vorkommnissen dieser Art hatte er aufgehört, sie danach zu fragen, da sie niemals das Gelände verließ und auch sonst nichts Verbotenes tat. So hatten sie sich alle daran gewöhnt, dass Tess immer da war, wo sie eigentlich nicht sein sollte, und nie dort, wo man sie erwartete.
»Tut mir leid, Tess. Ich war eigentlich davon ausgegangen, dass dein Bruder oder deine Schwester dich abholen. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber ich rufe sofort bei ihnen an und bitte sie, dich an einem anderen Tag abzuholen.«
Tess schüttelte den Kopf und ging langsam auf den verlegenen jungen Mann zu.
Dermot kam sich vor wie in einer Fernsehsendung, in der einem irgendeine Falle gestellt wird und die ganze Welt zuschauen kann, wie man veräppelt wird.
Dr. Cosgrove glaubte, dass sie ihn nicht richtig verstanden hatte. »Tess, das ist nicht dein Bruder, aber ich rufe ihn gleich an und kläre das Ganze. Es tut mir leid, Tess.« Er wusste, wie sie sich auf diesen Tag gefreut hatte.
»Ich gehe«, erklärte Tess nüchtern.
Dr. Cosgrove war verdutzt, fasste sich aber schnell wieder. »Es tut mir leid, Tess«, sagte er noch einmal, wobei ihm bewusst war, dass er sich nicht für das momentane Durcheinander entschuldigte, sondern für all die Jahre, in denen er ihr nicht wirklich hatte helfen können. »Auf Wiedersehen. Melde dich mal wieder. Und falls du irgendetwas brauchst oder …«
Sie war bereits auf dem Weg zum Ausgang, vorbei an den Krankenschwestern und Pflegern, die so viele Jahre ein Teil ihres Lebens gewesen waren. Sie schaute weder rechts noch links, sondern ging mit dem Koffer in der Hand schnurstracks geradeaus. Flink stieg sie in den Lieferwagen und warf nur einen kurzen Blick zurück auf ihr Zimmerfenster, um es auch einmal von außen zu betrachten. Das hatte sie sich fest vorgenommen, auch wenn sie nicht wusste, warum, und dachte darüber nach, als der Lieferwagen sich in Bewegung setzte und sie sich auf den Weg nach Hause machten.
 
Árd Glen war eine kleine Bauerngemeinde im Südwesten von County Wicklow. Trotz der bezaubernden Lage, umgeben von Bergen und Seen, hatte sich die Zahl der rund dreihundert Einwohner über die Jahre nie nennenswert verändert. Es gab kaum Arbeit, und die meisten Familien betrieben eine kleine Viehzucht, da das Land für den Getreideanbau zu hügelig war. Im Frühling musste man sich um die neugeborenen Lämmer kümmern und im Sommer kamen für gewöhnlich ein paar, überwiegend amerikanische, Touristen, auf der Suche nach dem Grab ihrer Urgroßeltern vorbei. Doch im Herbst und Winter legte sich der Himmel wie eine schwere, graue Decke über das Dorf und überließ die Bewohner ihren Erinnerungen, den guten wie den schlechten.
Die Erinnerungen waren es auch, die Seán Byrne unruhig in der Küche des bescheidenen Hauses auf und ab laufen ließen, in dem er seit seiner Geburt lebte. Das Haus teilte ein lang gezogener, dunkler Flur. Das Zimmer zur Linken, ein ehemaliges Schlafzimmer, war zu einem Wohnzimmer umfunktioniert worden, das jedoch kaum benutzt wurde. Das Zimmer auf der rechten Seite bewohnten Seán und Ben, während Kate und Tess sich einen Raum am hinteren Ende des Flurs teilten, der dem kleinen Badezimmer gegenüberlag, das Seán hinten ans Haus angebaut hatte. Sein Vater war viel zu geizig gewesen, um seiner Familie zu seinen Lebzeiten einen derartigen »Luxus« zu gönnen. Das linke Flurende führte in die Küche. Sie wurde von einem riesigen, altmodischen Küchenofen beherrscht, der die einst weißen Wände schwarz gefärbt hatte. Unter dem Fenster mit Blick auf den Hinterhof stand die Spüle, links und rechts flankiert von zwei Schränken, deren Lack überall abblätterte. Den Raum in der Mitte der Küche nahmen ein altmodischer Holztisch und vier abgewetzte Polsterstühle ein.
Seán war stolz auf die Veränderungen, die er als junger Mann an Haus und Hof vorgenommen hatte. Die Arbeit auf dem Hof war ihm schon immer lieber gewesen, als für die Schule zu lernen, und so hatte er den Büchern mit dreizehn Lebewohl gesagt. Seine Familie genoss im Dorf nicht den besten Ruf, und er hatte im Lauf der späteren Sechzigerjahre viel Mühe daran gesetzt, das zu ändern. Vergebens. Seine ganze Jugend hatte er dem Versuch gewidmet, sich einen Hof und einen guten Ruf aufzubauen, der schneller wieder ruiniert war als ein Feuer sich durch einen Heuschober frisst. Er konnte sich selbst schon kaum mehr daran erinnern, wie er damals gewesen war – jung, voller Kraft und voller Hoffnung. Jetzt verbrachte er seine Tage damit, seinen Alkoholkonsum vor seiner mittlerweile ständig nörgelnden Schwester und dem Knecht zu verbergen, der zwar nichts sagte, aber sehr wohl bemerkt hatte, dass sein Arbeitgeber trank. Während der vergangenen zehn Jahre war es ihnen gelungen, eine Art Scheinnormalität zu wahren: Seán arbeitete auf dem Hof, so gut er konnte, damit wenigstens ein bisschen Geld hereinkam. Kate besorgte übellaunig den Haushalt und kümmerte sich um Ben, der nie ein Mann werden und noch lange nach ihrem Tod auf Pflege angewiesen sein würde. Trotzdem waren sie immer irgendwie über die Runden gekommen. Und ausgerechnet jetzt, wo es so aussah, als bekämen sie wieder Boden unter die Füße und könnten Vergangenes vergessen sein lassen, erhob die Vergangenheit in Gestalt ihrer kleinen Schwester wieder ihr hässliches Haupt. Im Dorf würde man die alte Geschichte wieder ausgraben, und das ganze Gerede ginge von vorne los. Wenn sie sie doch bloß nicht zurücknehmen müssten. Wenn die Anstalt sie doch bloß behalten würde oder sie in der Lage wäre, in Dublin oder in einer betreuten Wohngemeinschaft ihr eigenes Leben zu führen. Er hatte ja versucht, diesen aufdringlichen Psychiater abzuwimmeln, hatte die Briefe mit den Berichten über ihre Entwicklung in den Papierkorb geworfen, hatte sie nie besucht. Das hätten die dort doch kapieren müssen. Aber nein. Er konnte ja schlecht sagen: »Wir wollen sie nicht wiederhaben.« Das hätte einen schlechten Eindruck gemacht, und die Leute hätten erst recht angefangen, sich das Maul zu zerreißen.
Er spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg, und wusste selbst nicht genau, ob aus Wut oder Scham, als Kate seine Gedanken unterbrach.
»Es nützt alles nichts, wir müssen das Beste draus machen. Vielleicht hat sie sich ja verändert, ist ein bisschen ruhiger geworden. Sie war ja noch ein Kind, musst du bedenken. Womöglich kann sie uns sogar mit dem Jungen zur Hand gehen. Weiß Gott, wahrscheinlich versteht sie ihn besser als ich.«
Kate wusste immer ganz genau, was er dachte, ja, sogar, was er fühlte. Kate war ihm immer einen Schritt voraus, kühl und berechnend und klüger, viel klüger. Seán betrachtete seine Schwester. Sie erinnerte ihn an seine Mutter, in sich ruhend und wunderschön. Ihm war immer bewusst gewesen, wie stark er sich äußerlich von seinen Geschwistern und Eltern unterschied. Er war der einzige Rotschopf in einer schwarzhaarigen Familie. Er hatte grüne Augen und Sommersprossen, seine Geschwister dagegen blaue Augen und helle, weiße Haut, die weder rot noch braun wurde. Er beneidete Kate um ihre Gelassenheit. Seine Schwester hätte viel mehr Grund gehabt als er, Tess’ Rückkehr zu bedauern – sie war zum Zeitpunkt des »Unfalls«, wie sie es zu nennen pflegten, verlobt gewesen. Damals war Kate noch eine ganz andere Frau, allseits beliebt und kurz davor, den ältesten Sohn der Moores zu heiraten, der einmal einen großen Hof und dazu noch einen Batzen Geld erben würde. Aber es war mehr als das. Sie hatte Noel Moore geliebt. Seine Familie war anfangs nicht besonders glücklich über diese Verbindung, aber Kate hatte sie schon bald auf ihre Seite gezogen, sogar Noels Mutter, für deren Ältesten keine gut genug sein konnte. Kate hatte eine strahlende und glückliche Zukunft vor Augen gehabt, doch hinter den Kulissen hatte Tess gelauert und alles zerstört.
 
Beklommen hockte Dermot auf dem Fahrersitz des verbeulten Lieferwagens und warf Tess ein unsicheres Lächeln zu. Sie machte nicht gerade einen gefährlichen Eindruck. Sie war klein und sah, genau wie ihre große Schwester, nicht übel aus. Wie eine jüngere Ausgabe von Kate, das lange Haar so schwarz, dass ihre weiße Haut noch bleicher wirkte. Es fiel ihm auf, dass sie ihn nicht ansah, wenn er sprach, und dass in ihren dunkelblauen Augen weder Freude noch Traurigkeit zu lesen war. Er hatte sich, ohne es zu merken, allerhand Gedanken gemacht, wie sie wohl darauf reagieren würde, die Anstalt zu verlassen und nach Hause zu kommen, aber es schien sie nicht sonderlich zu berühren. Jedenfalls starrte sie die ganze Fahrt über aus dem dreckverkrusteten Seitenfenster des Lieferwagens.
Die Stille machte Dermot nervös.
»Um diese Zeit werden wir nicht lange brauchen, bei dem bisschen Verkehr.«
Keine Reaktion.
»Du freust dich bestimmt auf deine Familie. Es ist ja lange her.«
Schweigen.
»Gibst du denn keine Antwort, wenn man dich was fragt?«
»Doch.«
»Aber warum antwortest du dann nicht auf meine Fragen?«
»Du hast mir keine Frage gestellt. ›Um diese Zeit werden wir nicht lange brauchen, bei dem bisschen Verkehr‹ und ›Du freust dich bestimmt auf deine Familie. Es ist ja lange her‹ sind keine Fragen.«
Dermot starrte das seltsame Mädchen an und wunderte sich, dass sie seine Sätze Wort für Wort wiedergegeben hatte. Außerdem ärgerte er sich ein wenig darüber, dass sie Recht hatte: Er hatte ihr keine Frage gestellt.
»Tut mir leid«, erwiderte er. »Du hast Recht. Das waren keine Fragen.«
»Ich weiß«, entgegnete Tess kühl und sah wieder aus dem Fenster.
Sie wollte nicht mit diesem Mann reden, den sie noch nie gesehen hatte. Sie wollte jede Minute dieser Fahrt genießen, rasch das lärmende Dublin hinter sich lassen und Wicklow mit seinen Bergen und Seen wiedersehen. Hoffentlich war noch alles so wie in ihrer Erinnerung. Dermot spürte, dass sie in Ruhe gelassen werden wollte und trat aufs Gas. Er war ohnehin nicht der geborene Unterhalter, aber hier war Hopfen und Malz verloren. Mit ihr war gar keine Unterhaltung möglich. Er wollte diese Aufgabe so schnell wie möglich erledigen und sich wieder der Tätigkeit widmen, die ihm die liebste war: die Tiere versorgen.

Kapitel 2
1970
Der Sommer in Árd Glen war immer eine herrliche Zeit. Alle Welt schien fest entschlossen, den trübseligen Winter und die harte Arbeit des Frühjahrs zu vergessen, sich zu entspannen und die Früchte der Arbeit zu genießen. Bei den Byrnes jedoch war es anders, bei den Byrnes war immer alles anders. Maura Byrne hütete seit nunmehr über einem Jahr das Bett, weil sie nach der Geburt ihres jüngsten Sohnes von einer schweren Depression befallen worden war, die nicht weichen wollte. Später diagnostizierten die Ärzte bei ihr eine seltene Krankheit, die die Betroffenen vorzeitig altern und verwirrt werden ließ. Präsenile Demenz, wie es hieß. Anfangs stand sie manchmal mitten in der Nacht auf und verließ das Haus, immer auf der Suche nach etwas, das sie nicht in Worte fassen konnte. Später fand sie überhaupt keine Worte mehr und murmelte nur noch vor sich hin. Manchmal fing sie plötzlich an zu schreien, weil sie sich bedroht fühlte, und war schließlich völlig ans Bett gefesselt, wo Kate und Tess sie Tag und Nacht pflegten. Immer, wenn Maura zum Arzt gefahren werden musste, war Michael Byrne in der Dorfkneipe zu finden, und wenn er dann noch nüchtern genug war, brachte er seine Frau in die nächstgelegene Stadt, wo der einzige Arzt im Umkreis von dreißig Kilometern wohnte. Angesichts der zahlreichen Tierärzte in der näheren Umgebung war es ein gängiger Scherz unter den Dorfbewohnern, dass eine kranke Kuh in Árd Glen besser dran war als ein kranker Mensch.
Als Maura ihren letzten Atemzug tat, weinte niemand außer Kate. Ihr Vater hielt reumütig den Kopf gesenkt und stank nach dem Whiskey, mit dem er sich bis in die frühen Morgenstunden hatte volllaufen lassen. Wie sie da in dem billigen Holzsarg lag, erinnerte nichts mehr an die strahlende Dorfschönheit, die sie einst gewesen war. Ihr fast vollständig ergrautes Haar war früher rabenschwarz gewesen, ihre dunkelblauen Augen von einem blassen, makellosen Teint umgeben. Jetzt hatte das Elend ihres Ehelebens tiefe Furchen in ihr Gesicht gegraben, und auf ihre fahle Haut fielen dunkle Schatten, als der Sargdeckel zugeklappt wurde.
Kates Tränen galten in Wirklichkeit weniger ihrer Mutter als ihr selbst. Sie hatte im Stillen gehofft, dass ihre Mutter diese seltsame Krankheit überwinden und die Verantwortung für den Haushalt wieder übernehmen würde. Was sollte nun ohne Maura aus dem Baby werden, dazu Tess mit allen ihren Problemen? Sie wusste, dass Noel, so herzensgut er auch sein mochte, den Kleinen nicht bei sich aufnehmen wollte.
Seán stand aufrecht und in Gedanken versunken neben der Toten. Seine Mutter hatte ihn immer vor seinem Vater beschützt, hatte sie alle beschützt. Jetzt war sie nicht mehr da, und er fragte sich, ob sein Vater den Hof durch die Trinkerei wohl zugrunde richten würde, den Hof, der nach den Worten seiner Mutter von Rechts wegen ihm gehörte und der seine einzige Chance auf eine Zukunft war.
Tess ließ den Blick über die kleine, schwarz gekleidete Trauergemeinde schweifen. Manche Leute hatte sie noch nie gesehen. Sie hätte am liebsten alle nach ihrem Namen gefragt, weil sie immer gerne wusste, wie die Leute hießen. Sie lauschte, als der Priester Gebete aus einem wunderschönen schwarzen Buch mit goldener Schrift anstimmte. Wie aber sollte ihre Mutter wieder aus dieser großen Kiste klettern, wenn es ihr besser ging? Ihr war klar, dass sie auch diese Frage für sich behalten musste, aber sie war zehn Jahre alt und ihr Kopf voll mit solchen Fragen. Wann würde ihre Mutter wohl wiederkommen? Schließlich war sie die Einzige, die ihr die Haare genau so frisierte, wie sie es haben wollte. Niemand kam auf den Gedanken, ihr zu erklären, dass ihre Mutter nie wieder zurückkommen würde.
Nach der Beerdigung verliefen die Tage für die Kinder der Familie Byrne eintönig und vorhersehbar. Seán versorgte den Hof, während sein Vater sich von seinem letzten Kater erholte. Kate und Tess kümmerten sich um den Haushalt und das Baby, obwohl Tess nur ungern auf Ben aufpasste und jedes Mal, wenn er anfing zu schreien, die Finger in die Ohren steckte. Sie wusste, dass der Kleine, genau wie sie, nicht gerne angefasst wurde, und fragte sich, ob er später die gleichen »Probleme« haben würde wie sie. Ihrer Familie würde das nicht gefallen, so viel war klar. Sie schien für alle eine Last zu sein, was sie nicht begreifen konnte. Sie wusste, dass sie anders war, aber wieso war sie ein Problem? Sie war doch genau so fleißig wie Kate, oder etwa nicht?
Außer Babygeschrei gab es noch mehr, was Tess nicht mochte. Zum Beispiel den Geruch von Whiskey oder wie ihr Vater sich aufführte, wenn er getrunken hatte. Tess hatte es gern, wenn die Dinge berechenbar waren, aber jetzt versteckte sie sich zum Ärger ihrer Schwester immer öfter in der Scheune und summte vor sich hin. Tess wusste, dass Kate sie verlassen wollte, dass sie Noel heiraten und eine eigene Familie gründen wollte, aber war das hier nicht ihre Familie? Tess wollte sich nicht um das Baby kümmern und wollte auch nicht mit ihrem betrunkenen Vater allein bleiben. Seán konnte ihr nicht helfen. Er musste ihren Vater bei Laune halten, schließlich sollte er ja den Hof bekommen, wenn Daddy tot war. Tess hatte all diese Gespräche mitbekommen – Kate muss heiraten, Seán muss den Hof bekommen, und das Baby muss auf den Arm genommen werden -, aber irgendwie ergab das alles keinen Sinn. Sie strengte sich an, um diese vielen wichtigen Dinge im Kopf zu behalten und sich normal zu benehmen, aber was sollte daran denn so wichtig sein? Sie wollte eigentlich nur, dass alles so blieb, wie es war. Sie war zwar erst zehn Jahre alt, aber trotzdem war Tess sich darüber im Klaren, dass sie nicht alles verstehen konnte, was sie verstehen sollte. Die seltenen Besucher schüttelten den Kopf und sagten zu ihrer Schwester: »Gott im Himmel, Kate, du hast wirklich alle Hände voll zu tun.« Aber Tess wusste, dass einzig und allein Daddy ein Problem darstellte. Er war schuld daran, dass Mammy mit einem neuen Baby krank geworden war und Seán so hart arbeiten musste, weil er nämlich abends in den Pub ging, und wenn Mammy nicht krank geworden wäre, hätte Kate heiraten können, und es gäbe auch kein Baby, dessen Geschrei Tess zwang, sich die Ohren zuzuhalten, was alles noch verschlimmerte. Wenn Tess das durchschauen konnte, obwohl sie angeblich »Probleme« hatte, warum konnten die anderen das nicht durchschauen?
Das war eine vernünftige Frage, fand Tess und ging in die Küche. Noel war gerade zu Besuch, zusammen mit seiner Mutter und seiner Tante, einer Schneiderin aus Dublin, die Kates Hochzeitskleid nähen sollte.
Als Tess die Küche betrat, wurde Kate nervös, wie immer, wenn Besuch da war. Sie wusste nie, was ihre eigenartige Schwester im nächsten Moment von sich geben würde. Die Kleine gab sich die größte Mühe, und nach allem, was sie von der Sonderschule zu hören bekam, hätte sie sehr viel schwieriger sein können. Manchmal empfand Kate Mitleid für ihre Schwester, die vermutlich irgendwann in einem Heim landen würde, sobald Seán sich aufraffen konnte zu heiraten. Kate konnte sie ja schlecht zu sich nehmen. Sie hoffte, dass Seáns Frau sich zumindest um das Baby kümmern würde, aber für die bedauernswerte, seltsame Tess würde dann kein Platz mehr sein, so viel stand fest. Kate hatte versucht, Tess beizubringen, den Haushalt zu führen und sich um Ben zu kümmern, aber sie verkroch sich ständig unter irgendwelchen Möbeln und hielt sich die Ohren zu. Alle möglichen Geräusche störten sie – der Traktor und sogar das Radio, wenn es nicht sauber eingestellt war. Tess lebte nach ihren eigenen Regeln – wann es Zeit war, ins Bett zu gehen, wann es Zeit war zu schlafen, welche Kleider nur am Sonntag angezogen wurden. Man hätte Tess jederzeit für Stunden zum Schweigen bringen können, wenn man behauptete, das sei jetzt eine neue Regel. Kate, die Tess unentwegt auftragen musste, was sie zu tun hatte und wann sie es zu tun hatte, seufzte und schlug einen sanften Ton an, als sie ihre Schwester ein wenig unbeholfen im Türrahmen stehen sah. Sie wusste, dass Tess wieder eine ihrer »Fragen« hatte.
»Ja, Tess, was möchtest du denn wissen?«
»Wann stirbt Daddy eigentlich, Kate? Wie lange dauert es noch, bis Seán den Hof bekommt?«
Kate spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Sie hatte Tess eigentlich gebeten, nicht in die Küche zu kommen, solange Mrs. Moore da war, aber trotzdem … eine solche Frage sah ihr eigentlich nicht ähnlich. Wie sollte sie das aber ihrer zukünftigen Schwiegermutter und ihrem Bräutigam klarmachen?
»Tess, so etwas sagt man nicht. Daddy ist ja noch jung, und Seán möchte doch nicht, dass Daddy stirbt, nur damit er den Hof bekommt. Das weißt du doch!«
»Nein, Kate, du hast gesagt, dass wir uns irgendwie mit ihm abfinden müssen, auch wenn er betrunken ist, damit Seán den Hof bekommt, wenn er tot ist, weißt du noch?«
Kate saß in der Falle. Ein Blick in Tess’ unschuldige Miene sagte mehr als tausend Worte, und ihr fiel nichts anderes ein als ein lautes: »Tess, lass uns bitte allein!«
Tess gehorchte, und ihre Bestürzung war nicht zu übersehen. Kate setzte sich wieder und hoffte, dass ihre Besucher nicht ihre zitternden Hände bemerkten, die die Teetasse umklammerten. Mit dem Gefühl, dass sie nichts mehr zu verlieren hatte, sagte sie: »Arme Tess, sie fantasiert sich alles Mögliche zusammen, Alpträume und so weiter. Ich mache mir große Sorgen, aber sie kann nichts dafür, das ist eben ihre Behinderung.«
»Ich hoffe, das liegt nicht in der Familie«, entfuhr es ihrer Schwiegermutter eine Spur zu hastig, bevor sie die zähe Konversation mit ihrer zukünftigen Schwiegertochter wieder aufnahm.
Aber da wusste Kate noch nicht, dass weder Mrs. Moore noch Noel je wieder einen Fuß über ihre Schwelle setzen würden.
 
Seán Byrne hatte keine Lust aufzustehen, was noch nie vorgekommen war, seit er denken konnte. Als Kind war er immer schon bei Tagesanbruch aufgestanden und hatte auf dem Hof gearbeitet, bevor der verhasste Schultag begann. Er war ein schlechter Schüler gewesen, aber schlau genug, um sich auf das zu konzentrieren, was er wirklich beherrschte. Im Morgengrauen hatte er gehört, wie sein Vater sich hinter dem Schuppen übergeben hatte, nachdem er wieder Geld in den Pub getragen hatte, das sie dringend für etwas anderes hätten gebrauchen können. Aber er war machtlos, er konnte nichts dagegen unternehmen. Der Hof hatte zwar ursprünglich seiner Mutter gehört, würde aber erst dann in seinen Besitz übergehen, wenn der Alte tot war. Er würde ihn niemals vorher überschreiben und vorzeitig in Ruhestand gehen, würde niemals erlauben, dass Seán dem Hof seinen eigenen Stempel aufdrückte. Nein, sein Vater hatte ihn eigentlich immer schon abgelehnt und keine Gelegenheit ausgelassen, ihn zu beleidigen oder bloßzustellen. Seán wusste von den Gerüchten im Dorf, dass Michael Byrne gar nicht sein leiblicher Vater war, sondern seine schwangere Mutter in aller Hast geheiratet hatte, um einen Skandal zu verhindern. Das Angebot, im Gegenzug den Hof zu übernehmen, war einfach zu verlockend gewesen. Als Kind hatte Seán manchmal mit angehört, wie sein Vater betrunken nach Hause gekommen war und seine Mutter angebrüllt hatte, dass er »einen Sohn will«. Dann verriegelte seine Mutter, die nach Kates Geburt etliche Fehlgeburten erlitten hatte, jedes Mal die Schlafzimmertür, worauf sein Vater sie eintrat. Und dann herrschte Stille. Seán hätte gern gewusst, was damals passiert war, aber dann war ihm das Thema immer zu peinlich gewesen, wohl wissend, dass er nur sechs Monate nach der Hochzeit auf die Welt gekommen war, einer Hochzeit, deren Jahrestag noch nie Anlass für eine Feier gewesen war. In Wirklichkeit wusste er, dass man an manche Wahrheiten am besten nicht rühren sollte. Schon als kleines Kind hatte er gespürt, dass er ihr Liebling war und ihr irgendwie näher stand als seine übrigen Geschwister.
Seán wusste, dass er jetzt, mit einundzwanzig, Manns genug war, den Hof zu führen, und dass der Alte das einzige Hindernis zwischen ihm und seiner Zukunft war. Er lag im Bett und konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass das Leben für alle sehr viel besser gelaufen wäre, wenn nicht seine arme Mutter, die immer auf seiner Seite gestanden hatte, gestorben wäre, sondern sein Vater.
 
Jimmy Kelly saß zusammen mit seinem Sohn Liam in ihrer Stammkneipe und hing schweigend seinen Gedanken nach. Liam war zwar noch ein Halbwüchsiger, aber trotzdem sahen die beiden Männer eher aus wie Brüder, groß und hager, mit zerzausten, schwarzen Haaren und wettergegerbter Haut. Jimmy dachte an seine verstorbene Schwester Maura und an die Ereignisse, die vor über zwanzig Jahren dazu geführt hatten, dass Maura den Hof erbte, der eigentlich ihm und damit auch seinem Sohn zugestanden hätte. Er und seine Schwester hatten sich sehr nahe gestanden, zwei Verbündete in einem streng katholischen Elternhaus, wo sie fast täglich eine Tracht Prügel einstecken mussten, weil sie ein Gebot übertreten oder eine Sünde begangen hatten, und das noch bevor sie ihre Erstkommunion empfangen und überhaupt begriffen hatten, worum es dabei ging. Für die damalige Zeit war ihre Familie mit den beiden Kindern sehr klein gewesen – die meisten anderen hatten neun oder zehn Kinder -, und das hatte sie noch enger zusammengeschweißt. Jimmy war, wie viele andere in den Vierzigerjahren auch, an Tuberkulose erkrankt und in ein Sanatorium nach Dublin gebracht worden. Als sein geschundener Körper schließlich nur noch fünfzig Kilogramm wog, hatte sein Vater jede Hoffnung auf eine Genesung seines einzigen Sohnes aufgegeben. Und als er schließlich doch wieder gesund wurde, war das Geburtsrecht bereits auf seine Schwester und ihren Ehemann überschrieben worden.
Jetzt war Maura tot, und ihr trunksüchtiger Ehemann ließ den Hof verkommen. Der Junge hatte sich gut entwickelt und versuchte wohl, den Betrieb am Laufen zu halten, doch als er seinen eigenen Sohn Liam neben sich sitzen sah, dem, genau wie ihm selbst, das rechtmäßige Erbe gestohlen worden war, krampfte sich sein Herz verbittert zusammen.
Während all der Jahre hatte Jimmy meistens in Dublin Arbeit gefunden und konnte wegen der langen Arbeitszeiten abends nicht nach Hause kommen, sodass seine Frau den Jungen alleine großziehen musste. Er gab sich die Schuld daran, dass Liam so geworden war, schließlich war er nie da gewesen, um ihm die Ohren lang zu ziehen. Aus einem Jungen, der nur von einer Frau erzogen wird, konnte nichts Vernünftiges werden. Anfangs hatte er Schwierigkeiten gehabt, in der Schule Freunde zu finden, später hatte er andere schikaniert und war mit vierzehn von der Schule geflogen. Mittlerweile war Liam dafür bekannt, dass er vor der Kneipe Streit anfing, wenn er zu viel getrunken hatte. Der Bursche war zwar ein harter Arbeiter, aber er besaß auch eine Unberechenbarkeit, die Jimmy Sorgen bereitete.
Er nickte Liam zu, damit dieser sein Glas leerte, und nahm den letzten Schluck Bier. Dabei fiel ihm ein, dass er es vielleicht geschafft hätte, Maura zu überreden, die Sache wieder ins Lot zu bringen und das Land seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben, wenn nicht sie, sondern Michael Byrne zuerst gestorben wäre. Ihren Seán hätte er mit ein paar Hektar abgefunden. Bestimmt hätte seine Schwester eingesehen, dass das vernünftig war. Und so konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, dass nur ein einziges Hindernis zwischen ihm und seinem Bauernhof stand, und dieses Hindernis hieß Michael Byrne.

Kapitel 3
1948
Während Jimmys Erkrankung blieben seine Eltern die meiste Zeit in Dublin und ließen die siebzehnjährige Maura schweren Herzens auf dem Hof zurück, den sie mit Unterstützung eines Burschen aus Dublin, eines gewissen Éamonn McCracken, bewirtschaften sollte.
Éamonns Mutter stammte aus Árd Glen und war nach ihrer Heirat mit einem Burschen aus Derry, den sie in Dublin kennengelernt hatte, in den Norden gezogen. Als es die Familie dann wieder in den Süden verschlug und sie sich schließlich in Dublin niederließ, hieß es, dass sie Derry Hals über Kopf verlassen mussten, weil sie mit der republikanischen Bewegung in Verbindung standen.
Mauras Vater war auf einen engeren Kontakt mit Éamonns Familie nicht erpicht, doch der Bursche machte auf ihn einen ordentlichen Eindruck, und er verstand etwas von der Arbeit auf dem Hof. Der Sohn seines Nachbarn, Michael Byrne, wäre ihm lieber gewesen, aber der hatte in diesem Sommer auf den Feldern seines Vaters genug zu tun. Er musste also mit Éamonn vorliebnehmen, der die Sommerferien in der Regel gemeinsam mit seiner Schwester Brigid in Árd Glen bei der Familie seiner Mutter verbrachte und Maura und Jimmy schon oft besucht hatte.
Nach der Abreise ihres Vaters ließ die rebellische Maura wochenlang sämtliche Arbeit für Éamonn liegen, radelte zusammen mit Brigid ins Dorf und genoss ihre Freiheit in vollen Zügen. Allmählich verloren die Streifzüge durch das öde Nest ihren Reiz, sie verbrachte mehr Zeit auf dem Hof und half Éamonn, der sich, obwohl in Dublin aufgewachsen, sehr schnell an das Landleben gewöhnt hatte. Maura gefiel sein breiter Dubliner Akzent, und sie fühlte sich zu dem selbstbewussten jungen Mann hingezogen. Mit seinen roten Haaren und den vielen Sommersprossen war er zwar keine Schönheit, aber Maura war fasziniert von der Zielstrebigkeit des jungen Mannes, der mit gerade einmal achtzehn Jahren bereits ein Stipendium für das University College in Dublin in der Tasche hatte. Dort wollte er Rechtswissenschaften studieren, und die Arbeit dieses Sommers sollte einen Teil der Kosten decken. Er war der Erste in der Familie, der studierte. Er konnte stundenlang reden, wovon er ausgiebig Gebrauch machte, über angemessene Bildung und Unterkunft für die Armen und ganz besonders leidenschaftlich über die irische Geschichte. Wenn Maura seiner Tiraden überdrüssig war, neckte sie ihn und nannte ihn einen Aufrührer, worauf er sie über die Wiesen jagte, genau wie früher, als sie noch Kinder gewesen waren.
Als Éamonn kein körperliches Interesse an Maura zeigte, war sie es, die – befreit von den stets wachsamen Augen der Eltern – ihm bis zu den abgelegenen Feldern folgte, sein sonnenverbranntes Gesicht berührte und ihm einen Kuss auf die Wange hauchte, bevor sie zum Haus zurücklief. Er folgte ihr nicht. In den nächsten Tagen lag eine gewisse Spannung zwischen den beiden in der Luft. Maura erledigte ihre Aufgaben rund um das Haus, während Éamonn dem schönen jungen Mädchen, an das er seit seiner Rückkehr nach Árd Glen allnächtlich gedacht hatte, aus dem Weg ging. In der dritten Nacht verließ er das bescheidene Häuschen seiner Großeltern, das keine anderthalb Kilometer entfernt stand, und machte sich unter dem mitternachtsblauen Sommerhimmel auf den Weg zum Hof von Mauras Eltern.
Mit gesenktem Kopf betrat Éamonn die kleine Kate, die nie abgeschlossen war. Als er die Tür des Schlafzimmers aufstieß, schien Maura nicht im Geringsten verwundert. Sie lächelte, als hätte sie ihn erwartet. Unschlüssig stand er mitten in dem winzigen Zimmer. Wie war er eigentlich hierhergeraten? Hatte er den Verstand verloren? Er kannte den alten Kelly nur zu gut, der ihn mit Sicherheit umbringen würde, wenn er hiervon Wind bekam.
Éamonn betrachtete sie, und auch das trübe Licht konnte ihrer Schönheit nichts anhaben. Sein Herz klopfte laut. Maura, immer noch lächelnd, schlug die Decke zurück, und er legte sich zu ihr ins Bett. Als sein Körper den ihren berührte, überfiel ihn eine plötzliche Anspannung, nicht etwa, weil er noch nie zuvor bei einer Frau gelegen hatte – obwohl auch das zutraf -,sondern weil er klarstellen musste, dass er Maura auf jeden Fall verlassen würde.
»Maura, im Herbst muss ich nach Dublin, aufs College. Das ist mein großer Traum.«
»Ich weiß«, erwiderte sie leise. Sie war froh, dass noch fast zwei gemeinsame Monate vor ihnen lagen und schüttelte unwillkürlich ihren schwarzen Haarschopf, als wollte sie die Zweifel abschütteln, die in ihrem Kopf rumorten.
»Maura, du weißt, dass dein Vater mich nicht mag.«
»Ich weiß. Vielleicht mag ich dich deshalb umso mehr!«, lachte sie.
Der Missbilligung ihres Vaters gewiss, wollte sie die verbleibenden zwei Monate genießen, als wären es ihre letzten. Sie malte sich immer wieder aus, dass Éamonn ihr Mann war und sie den Hof gemeinsam bewirtschaften und ihre Kinder großzogen. Manchmal erkannte sie sich selbst nicht wieder, denn eigentlich hatte sie sich nie in der Rolle der Bauersfrau und Mutter gesehen. Sie hatte geplant, im Anschluss an die Schule nach Dublin oder London zu ziehen und zu heiraten, wann es ihr passte, und ganz gewiss keinen armen Schlucker. Manchmal beschlich sie der Hauch eines schlechten Gewissens wegen Jimmy, der in Dublin im Sterben lag, während sie hier eine Todsünde nach der anderen beging, doch diese Momente gingen schnell vorüber. Die Ärzte kümmerten sich um Jimmy und taten alles, was in ihrer Macht stand. Maura veränderte sich. Eine Heirat in gesicherte finanzielle Verhältnisse erschien ihr mittlerweile nicht mehr so wichtig. Sie konnte Éamonn ja heiraten, wenn er sein Studium beendet hatte. Sie konnte warten. Doch an manchen Tagen wurde ihr übel aus Angst vor dem Tag, an dem er gehen musste, und sie stürzte zur Toilette im Hof. Liebe, dachte sie, während sie sich den lange vernachlässigten Haushaltsarbeiten widmete, da die Rückkehr ihres Vaters bevorstand. Brigid, die die beiden Turteltauben nicht stören wollte, ließ sich immer seltener blicken. Ihren Großeltern verriet sie nichts, obwohl ihr klar war, dass es eigentlich ihre Pflicht gewesen wäre, doch die Tatsache, dass sie an einem solchen Geheimnis Anteil hatte, war für den sommersprossigen Wildfang das aufregendste Erlebnis des ganzen Sommers. Die Wochen bis zum Oktober vergingen wie im Flug, wie es eben ist, wenn man glücklich ist, bis Mauras Vater schließlich auf den Hof zurückkehrte und seine Frau in Dublin zurückließ, um an Jimmys Bett zu wachen.
Als Éamonn sich verabschiedete, um sein Studium aufzunehmen, versprach Maura, so oft wie möglich nach Dublin zu kommen. Ihre Ausrede, Jimmy besuchen zu wollen, wurde von den Eltern widerspruchslos hingenommen. Als ihre Übelkeitsattacken nicht aufhören wollte, ging sie zum Arzt, der ihren Verdacht bestätigte. Maura war schwanger. Sie war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, wegzulaufen und zu Éamonn nach Dublin zu ziehen oder aber ihre Eltern um Hilfe zu bitten, so lange, bis er sein Studium beendet hatte. Sie wollte seinen Traum nicht zerstören. Eine Heirat zum jetzigen Zeitpunkt hätte höchstwahrscheinlich das Ende seines Studiums bedeutet. Sie konnte sich aber auch nicht durchringen, das Baby wegzugeben, in einem Mädchenheim Zuflucht zu suchen und ihr Kind nie wiederzusehen. Es war das Beste, ihre Eltern um Hilfe zu bitten. »Selig sind die Barmherzigen«, wie ihr Vater immer sagte.
Während seines täglichen Rosenkranzgebetes passte Maura ihn ab. Er kniete neben dem Bett und die alten Holzperlen baumelten hin und her, während er ohne Unterbrechung die immer gleichen Gebete vor sich hin murmelte. Maura wartete, bis er mit den Fürbitten für die Kranken und Sterbenden des Dorfes begonnen und deren Leiden der Gnade des Herrn anvertraut hatte. Sie wusste, dass dies das Ende des täglichen Rituals einleitete. Sie schlich in sein winziges Zimmer und stellte sich hinter ihn, während er auf dem Steinfußboden kniete. Er war ein kleiner, schmaler Mann, der spät geheiratet hatte und älter wirkte, als seine achtundfünfzig Lebensjahre vermuten ließen. Seine dichte graue Mähne bildete einen auffallenden Kontrast zu seiner schmächtigen Erscheinung. Auf Knien, die blauen Augen fest geschlossen, brachte er gerade sein eigenes Leid vor Gott.