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Meiner alten Katze Blackie
November 1989 – 23. April 2007
 
 
That would be waving and that would be crying,
Crying and shouting and meaning farewell, …
 
WALLACE STEVENS

ROTE SOHLEN

1. KAPITEL
Es stand bereits in den dämlichen Londoner Klatschzeitungen, da war der Fall noch keine drei Tage alt. Und ein Bild von ihm war auch dabei, obwohl für den Fall eigentlich die Polizei von Thames Valley zuständig war und nicht die Metropolitan Police.
Superintendent Richard Jury, ranghoher Detective bei der Metropolitan, der die Sprossen der Dienstleiter erklommen hatte, ohne seinen Rang allzu wichtig zu nehmen, stand in diesem Moment in High Wycombe in der Gerichtsmedizin und betrachtete die Leiche einer bislang noch nicht identifizierten Frau.
Das Faszinierende an der ganzen Geschichte, mutmaßte er, war nicht bloß, dass das auffallend hübsche Mädchen (oder eher: die Frau, nur machte »Glamour-Girl« sich in den Zeitungen eben viel besser) auf dem Grundstück eines Pubs vor den Toren Londons erschossen worden war, sondern auch der Umstand, dass die Polizei nach achtundvierzig Stunden immer noch nicht herausgefunden hatte, wer sie war.
Jury betrachtete die Leiche und fragte sich, wieso ihm dabei das berühmte Porträt des toten Chatterton in den Sinn kam. Dann fiel ihm ein, dass auch Millais seine Ophelia als Sterbende gemalt hatte, oder jedenfalls so, wie er sie sich im Wasser treibend vorgestellt hatte. Das war typisch für die Zeit der Präraffaeliten, jene romantische Ära eines Rossetti, Holman Hunt und Millais: diese reiche Einbildungskraft, diese leuchtenden Farben, dieses Fasziniertsein vom Tod in der Jugend. Die Präraffaeliten hatten es wirklich mit dem frühen Sterben.
Dr. Pindrop: den Namen – man konnte die Stecknadel förmlich fallen hören – fand Jury köstlich, obwohl er überhaupt nicht zu dem Arzt passte. Schweigen war nämlich die Sache des Gerichtsmediziners nicht. Er verhaspelte sich beim Reden und erweckte den Anschein, als würde er gleich aus der Haut fahren und sich nur mit äußerster Mühe zurückhalten können.
»Zwei Schüsse«, sagte Pindrop, »einer davon knapp vorbei an den lebenswichtigen Organen …« Er deutete auf die schwerverwundete Schulter für den Fall, dass Jury blind war. »Der zweite in den Brustkorb, der hat es ihr dann gegeben.«
Jury nickte schweigend und versuchte, sich das klassisch gemeißelte Gesicht der Frau einzuprägen.
»Superintendent?«
Jury hob den Blick.
»Sie haben die Leiche ja ausgiebig studiert. Kann ich sie jetzt zudecken?«
Jury nahm an, dass die Irritation den üblichen Grund hatte: Wieso schickte New Scotland Yard eigentlich Leute her? »Nein. Lassen Sie sie noch einen Augenblick.« Jury setzte seine »ausgiebige« Betrachtung der Toten fort. Laut Gerichtsmedizin war die Tat mit einer.38er begangen worden. Eine Schusswaffe hatte man nicht gefunden, wohl aber ein paar leere Patronenhülsen.
Der Arzt hatte ihm die Kleidung gezeigt, die sie getragen hatte: Designerkleid, Schuhe, Handtäschchen.
»Das Etikett ist angeschmutzt. Sieht nach Lanvin aus. Das ist dieser Franzose.«
»Nein. Das Kleid ist von Saint Laurent. Der andere.« Pindrop grinste. »Ah, Sie wissen ziemlich gut Bescheid über diese Franzosen, was?«
»Ich weiß eine ganze Menge.« Jury verkniff sich das Lachen.
Der Arzt stieß einen knurrigen Lacher aus. Es klang wie Dr. Watson, gespielt von Nigel Bruce.
Das Kleid war wunderschön. Sehr gediegen und dann doch wieder nicht. Den Ausschnitt bildeten mehrere Lagen von Rüschen. Die Ärmel waren durchsichtig wie Glas und reichten fast bis zum Ellbogen. Das Kleid hatte fast dieselbe Farbe wie ihr Haar, ein sattes Kupferrot. Es war aus Seide gemacht oder aber aus Luft. Noch nie hatte er ein Kleid gesehen, das so züchtig und gleichzeitig so sexy aussah. Die Schuhe waren von Jimmy Choo. Der Name des Designers stand in großen Buchstaben quer auf der Innensohle einer hochhackigen Sandale mit reizvoll überkreuzten, schmalen Lederriemchen in einem schillernden Kupferton. Die Tasche war von Alexander McQueen. Den kannte Jury zwar nicht, konnte sich aber denken, dass er zu den anderen Nobelläden an der Upper Sloane Street gehörte. Das gesamte Outfit, mochte er wetten, käme gut und gern auf einige Tausend Pfund.
»Teuer«, sagte der Arzt. »Muss gut betucht gewesen sein.«
»Oder sonst jemand.« Er hob den Blick. »Wohnen Sie in Chesham. Dort, wo der Mord verübt wurde?«
»Nein, in Amersham. In Old Amersham, nicht das auf dem Hügel.«
Offensichtlich ein bedeutsamer Unterschied. »Dann können Sie also nicht sagen, ob die Frau möglicherweise aus Chesham stammt?«
Dr. Pindrop fuhr sich mit der Hand durch sein schütter werdendes Haar. Jury schätzte ihn auf Ende sechzig. »Ich könnte schwören, ich hab sie schon mal gesehen.«
Diese Bemerkung überraschte Jury, da ein gewisses Mitgefühl aus den Worten des Arztes herauszuhören war, das er bis dahin nicht an den Tag gelegt hatte.
»Sie kommt Ihnen also bekannt vor.« Das war doch wenigstens schon mal etwas.
»Ja. Irgendwie schon. Vielleicht stammt sie von hier. Wenn nicht aus Chesham, dann vielleicht aus Amersham, Berkhamsted … na ja, Sie wissen schon.«
»Ich kenne mich in der Gegend nicht aus.«
Der Arzt zog das Laken hoch und ließ es über das Gesicht der Toten fallen. »Und warum sind Sie dann hier?«

2. KAPITEL
Es war die gleiche Frage, die Jury gestellt und die Detective Chief Superintendent Racer beantwortet hatte, mehr oder weniger jedenfalls. »Weil sie darum gebeten haben.«
Ach tatsächlich, dachte Jury. Er wartete auf Racers weitere Ausführungen. Die aber nicht kamen. »War’s das? Ist das alles? Wer sind ›sie‹? Und warum? Die Polizei von Thames Valley ist die Beste, auf jeden Fall landesweit die Größte außerhalb von London. Und die soll uns brauchen?«
Racer schlug unwirsch mit der Hand nach Jury, dem Einfaltspinsel. »Nein, nein. Die sind selbstverständlich absolut fähig. Der Chief Constable ist ein Freund von mir. Er hat um äußerste Diskretion gebeten. Sie wissen ja, wie das so ist.« Er begann, die Papiere auf seinem Schreibtisch herumzuschieben, was gar nicht so einfach war, da es nur drei oder vier waren.
Wieder wartete Jury ab. Das »Warum?« hing immer noch in der Luft, obwohl er offenbar der Einzige war, der das merkte. Er ließ es dabei bewenden. »Wann ist denn das alles passiert?«
»Sie meinen, der Mord an dieser Frau? Samstagabend, so weit sie festgestellt haben.«
Jury sah ihn an. »Heute ist Montag.«
»Ich habe einen Kalender, Mann. Ich weiß, welcher Tag heute ist.« Noch mehr Papiergeschiebe.
Außerdem wusste er sehr gut, wie kalt die Spur inzwischen war.
Racer funkelte ihn wütend an. »Tut mir leid, dass wir keine taufrische Leiche für Sie haben, Freundchen. Aber so ist es nun mal. Es wurde schon genug Zeit verschwendet …«
Als ob Jury der Zeitverschwender wäre.
»Dann machen Sie sich jetzt mal auf die Socken. Die hängt schon eine ganze Weile in der Warteschleife.«
Warteschleife! Als hätte die Ärmste einen Telefonanruf getätigt statt ermordet zu werden.
»Chesham ist in der Nähe von Amersham in Buckinghamshire. Ich rufe bei der Polizei dort kurz an, damit jemand Sie abholt.«
»Das ist also alles, was Sie mir zu der Ermordeten sagen können? Aber wenn die Polizei von Thames Valley nicht weiß, wer sie ist, sehe ich eigentlich nicht ein, wieso man diskret sein müsste.«
»Sie selbst sind ja auch nicht gerade ein Meister der Diskretion, Mann!«, kam die völlig unlogische Erwiderung.

3. KAPITEL
Detective Sergeant David Cummins von der Kriminalpolizei Thames Valley holte Jury an der U-Bahnstation Chesham ab. Für Ortsansässige, die in London arbeiteten, war die U-Bahn ein Geschenk des Himmels. Dass einem dadurch der Londoner Autoverkehr erspart blieb, war ein wahres Wunder. Außerdem konnte der erschöpfte Geschäftsmann hier draußen fast auf dem Lande ein idyllisches Leben führen.
Sergeant Cummins war freundlicherweise in das Café neben dem Bahnhof gesaust, um Jury einen kleinen Imbiss zu besorgen. Cummins war offenkundig schwer beeindruckt, nicht nur, einen Kriminalpolizisten von New Scotland Yard dazuhaben, sondern sogar einen Superintendenten. Sehr viel höher ging es nicht.
Jury sah davon ab, ihm zu sagen, dass sein Chef noch eine Stufe höher war. Er überlegte, wann Racer eigentlich das letzte Mal tatsächlich an einem Fall gearbeitet hatte.
»Was können Sie mir erzählen?«
Cummins holte tief Luft, als wollte er gleich eine lange und komplizierte Geschichte vom Stapel lassen. »Nicht viel, Sir. Ein Taxi hat sie am Bahnhof Chesham mitgenommen, sollte sie am Black Cat absetzen, sagte er, und dass er so nah ranfuhr, wie er konnte, weil sie dort bei den Bauarbeiten doch die Rohre freigelegt haben, an der Straße vor dem Pub.«
Cummins fuhr fort: »Von einer Party oder so was hätte sie nichts gesagt, meinte er. Sie werden wahrscheinlich mit ihm reden wollen. Die Leiche wurde von einer Frau gefunden, die dort mit ihrem Hund spazieren war, einer gewissen Emily Devere.«
»Jemand aus dem Ort?«
»Nein. Sie wohnt im Amersham.«
»Ihren Hund hat sie aber in Chesham ausgeführt?«
»Es ist ein öffentlicher Spazierweg, den sie besonders mag. Und das Black Cat war schon immer eins von ihren Lieblingspubs, sagt sie.«
Das Anziehende, vermutete Jury, war wohl eher das Pub als der Pfad.
»Haben Sie was Brauchbares aus ihr herausbekommen?«
Cummins schüttelte den Kopf. »Die ganze Sache hat sie ziemlich erschüttert. Im Pub war keiner aufzutreiben gewesen, also rief sie von ihrem Handy aus die Polizei an.«
»Auf welchem Weg gelangte sie auf die Terrasse mit den Tischen?«
»Sie ging oft vom Fußweg hinter dem Pub herüber und dann durch die Bäume nach hinten zur Terrasse. Es sind ja eigentlich bloß ein paar Bäume hinter dem Pub, gar kein richtiges Wäldchen. Sie hätte eine Katze in die Bäume laufen sehen, sagte sie, eine schwarze Katze. Vermutlich die Katze vom Pub.« Cummins redete tapfer weiter. »Also, was die Party betrifft: ein wohlbetuchtes Ehepaar namens Rexroth hatte eine Riesenfete veranstaltet, bei sich zu Hause, das ist nicht weit vom Pub. Im Deer Park House. Die behaupten, sie hätten die Frau noch nie gesehen, wüssten nichts über sie. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie die Wahrheit sagen.«
»Wie groß war denn die Party?«
»Gut achtzig Leute, vermutlich mehr. In der Hinsicht waren sie etwas vage.«
Jury lächelte. »Wenn ich achtzig Leute im Haus hätte, wäre ich mehr als nur vage, da wäre ich sturzbesoffen.«
Cummins gefiel seine lässige Tonart. »Zu bechern gab’s auch reichlich, sagten sie. Gutmütige Leute, die Rexroths.«
»Dann werden sie sich bestimmt freuen, uns zu sehen.«
Das Black Cat lag an der Lycrome Road am Ortsrand von Chesham. Sie fuhren auf den kleinen Parkplatz. Das Pub selbst war blassgelb getüncht, wirkte freundlich und unaufdringlich. Die Polizei hatte den rückwärtigen Teil mit Absperrband abgeriegelt.
»Das Lokal ist seither geschlossen«, sagte Cummins. »Ich nehme aber an, dass das Band jetzt entfernt wird. Kein Grund, länger als unbedingt nötig das Geschäft zu behindern. Die Besitzer sind auf einer längeren Ferienreise, eine Freundin von ihnen kümmert sich um den Laden. Sally Hawkins heißt sie, wohnt in Beaconsfield, hilft aber bei Bedarf aus. Ein Kind wohnt bei ihr – ihre Nichte, glaube ich.«
Jury wandte sich von dem Baumgrüppchen herüber, um das Pub in Augenschein zu nehmen. »Ist Ms. Hawkins da?«
»Müsste da sein. Ich habe angerufen und gesagt, Sie würden sie sprechen wollen. Sehr erfreut war sie nicht.«
»Das sind sie nie. Zeigen Sie mir die Stelle, wo die Devere die Leiche gefunden hat.«
Sie überquerten den Parkplatz und eine regennasse Rasenfläche, die dringend gemäht werden musste, bis zu einer Terrasse, wo für Schönwettergäste mehrere Tische aufgestellt waren. Auf jedem stand ein, momentan eingerollter, Sonnenschirm. Auf einem der Tische lag eine schwarze Katze, ebenfalls eingerollt, dachte Jury, fest zusammengerollt und friedlich schlafend. Jury ließ seine Hand über den Rücken der Katze gleiten. »Hallo, Katze«, sagte er. Und zu Cummins: »Die Pubkatze?«
»Würde mich nicht wundern. Na ja, die müssen ja eine schwarze Katze haben, nicht?«
Das Lokal wirkte verlassen, aber welches Lokal täte das nicht, dachte Jury, wenn Polizeiabsperrband quer über den Parkplatz flatterte.
»Der Tisch hier war es«, sagte Cummins und ging auf den am weitesten vom Parkplatz entfernten Tisch zu. »Da musste sie gesessen haben, sicher wissen wir es nicht, aber gefunden wurde sie dahinter, ausgestreckt am Boden liegend. Mit dem Körper größtenteils auf der Terrasse, Schultern und Kopf im Gras. Es war, als wäre sie durch den Rückstoß vom Sitz gefallen. Der Kollege von der Gerichtsmedizin sagt, der Schütze stand vermutlich aufrecht da, der Flugbahn der Kugel nach, wie sie das Opfer getroffen hat.« Cummins hob die Hand, deutete eine nach unten gerichtete Waffe an.
»Standen Getränke auf dem Tisch?«
Cummins schüttelte den Kopf. »Nein. Nichts.«
»Scheint demnach ja nicht so, als wären es gute Freunde gewesen, die in Ruhe zusammen ein Gläschen heben wollten.«
Cummins musterte ihn ernst. »Scheint ganz so, als wären es keine Freunde gewesen.«
Jury lächelte. Die dezente Zurechtweisung gefiel ihm. »Dann unterhalten wir uns doch kurz mit Ms. Hawkins.«
Sie gingen durch die Seitentür neben der Steinterrasse in einen kleinen Eingangsbereich und von dort in die Bar, einen lang gestreckten, schmalen, nicht besonders großen, aber freundlichen Raum. Jury hörte Absätze auf den Treppenstufen klacken, dann betrat eine blonde Frau den Raum.
Sie sah gar nicht schlecht aus, vielleicht ein wenig streng. Ihre Augen waren schiefergrau, ihr blondes Haar schimmerte messingfarben, wirkte etwas unnatürlich durch die zusätzlich aufgetragene Farbe aus der Flasche. »Hab Sie beide draußen rumstehen sehen, da dachte ich mir, ich komm runter.«
Sergeant Cummins informierte Sally Hawkins, wer Jury war. »Er möchte Ihnen bloß gern ein paar Fragen stellen zu dem Samstagabend.«
Sie warf eine gelbe Haarlocke über die Schulter. »Ich hab Ihnen doch gesagt, was ich weiß, nämlich rein gar nichts. Also, ich schenk mir jetzt einen ein. Wollen Sie auch was?« Ohne großes Interesse an der Antwort trat sie hinter die Theke, griff sich gekonnt ein Glas vom Regal und hielt es bei einem weniger hochwertigen Gin unter den Dosierhahn.
Jury hätte nicht erwartet, dass sie Sambuca mit obenauf schwimmenden Kaffeebohnen trinken würde. Er setzte sich auf einen Barhocker. Cummins blieb stehen. »Tut mir leid, dass Sie alles noch mal durchkauen müssen«, sagte Jury. »Aber ein neuer Blickwinkel kann immer ganz nützlich sein.«
Ihr ungehaltenes Stöhnen bezeugte, dass sie anderer Meinung war. Ihrem Gin sprach sie dennoch munter zu.
»Sind Sie bloß vorübergehend hier?«
Sie nickte.
»Sie haben eine Nichte, die bei Ihnen wohnt?«
»Keine Nichte, eher so was wie ein Mündel.«
Eine recht vage Bezeichnung, fand er, für die Existenz eines kleinen Mädchens. Er wartete ab, doch sie ließ sich nicht weiter über »so was wie« aus.
»Ist sie grade hier?«
»Nein, in Bletchley bei ihrer Cousine. Heute Abend kommt sie wieder. Ich hab sie fortgeschickt, als das da passiert ist.« Bei diesen Worten deutete Sally Hawkins in Richtung Parkplatz.
»Bletchley?«, sagte Jury. »Da wollte ich sowieso mit einem Freund hin. Nach Bletchley Park. Ich nehme an, Sie kennen es.«
»Wo sie im Krieg mit den Codes herumgemurkst haben? Klingt furchtbar öde. Ich möchte bloß wissen, wann sie das Absperrband da draußen abmachen. Bloß lauter Schaulustige kriege ich hierher!«
»Ich nehme an, heute Abend kommt es weg«, sagte Cummins. »Sie verstehen aber doch, warum es sein musste. Wir wollen schließlich nicht, dass die Leute auf dem Tatort herumtrampeln.«
»Ach was, wer soll denn da trampeln, möchte ich wissen, bei den Bauarbeiten da draußen? Drei Viertel weniger Umsatz haben wir deswegen. Konnte ja keiner da parken bis heute. Fast eine Woche lang. Ich kann Ihnen sagen.«
Sie schüttelte den Kopf über eine Welt, die es darauf angelegt hatte, ihr das Leben schwer zu machen. Als sie schließlich nichts mehr hatte, worüber sie sich beklagen konnte, verfiel sie nur noch tiefer in Unzufriedenheit und zog eine Zigarette aus einem Päckchen auf der Theke.
Jury fragte: »Hatten Sie die Frau schon mal gesehen oder haben Sie eine Ahnung, wer sie sein könnte?«
»Natürlich nicht. Hab ich den dämlichen Bullen doch schon gesagt. Ich weiß nicht, was die da draußen gemacht hat.«
»Am Samstagabend war eine Party bei…« Jury sah zu Sergeant Cummins hinüber.
»Bei den Rexroths. Im Deer Park House, ein Stück weiter die Straße rauf.«
Jury fuhr fort: »So, wie die Frau gekleidet war, könnte es sein, dass sie dort war oder aber zumindest dorthin gehen wollte.«
»Komischer Aufzug dafür«, erwiderte Sally und verpasste Jury eine gehörige Portion Rauch direkt ins Gesicht. »Mit den Schuhen. Ich glaub’s nicht.«
»Da haben Sie recht. Jimmy Choo«, sagte Cummins. »Ha!«, machte Sally. »Hört euch das an.« Ihr Glas war leer, und sie wandte sich wieder dem Dosierhahn zu.
Cummins wurde rot. »Meine Frau. Sie hat es mit Schuhen. Wirklich. Sie liebt sie.«
»Na, dann wollen wir mal hoffen, dass sie Sie noch mehr liebt, Schätzchen«, entgegnete Sally mit dem Rücken zu ihm. »Solche Schuhe kosten ein Heidengeld.« Sie wandte sich ihnen wieder zu, zwei Fingerbreit Gin im Glas.
»Sie hätte im Black Cat ja mit jemandem verabredet sein können. War am Samstagabend jemand im Pub, irgendein Fremder?« Wenn der »Fremde« aber einen Mord geplant hätte, dann hätte er es ja wohl vermieden, sich zur Schau zu stellen.
Sally klopfte ihre Zigarettenasche in ein Blechschälchen. »Ha! Irgendein Fremder? Hier waren ja nicht mal die Stammgäste, bis auf Johnny Boy mit seinem alten Hund und Mrs. Maltese.«
Als Jury ihn fragend ansah, nickte der Sergeant. »Mit denen hat die Polizei schon gesprochen. Ohne Erfolg! Keiner von den beiden hat was gesehen …«
»Gab es denn noch eine andere Veranstaltung, für die man sich hätte fein machen müssen?«
»Verdammt unwahrscheinlich«, sagte Sally.
Die Frau musste also auf dem Weg zu der Party im Deer Park House gewesen sein – oder sie kam von dort zurück. Die Gastgeber verneinten zwar, sie zu kennen, aber vielleicht war sie ja auch nur die Freundin oder weibliche Begleitung eines geladenen Gastes. Das leuchtete ein. Man zieht nicht Yves Saint Laurent, Jimmy Choo und Alexander McQueen an und macht den weiten Weg nach Chesham, um ins Black Cat zu gehen. Pass auf: Wir treffen uns im Pub, bevor du auf die Party gehst. Oder danach, oder zwischendurch. Verschwinde einfach unbemerkt. Ich kann ja schließlich nicht allein hin. Wieso sollte der Mörder sich mit dem Opfer an einem öffentlichen Ort treffen wollen? Weil sich das Opfer andernfalls nicht zu einem Treffen bereit erklärt hätte? Das Black Cat war ein guter Treffpunkt. Selbst an einem Samstagabend wäre es dort nicht allzu voll gewesen.
»Danke, Sally«, sagte Jury. »Vielleicht fällt mir noch was ein, dann melde ich mich bei Ihnen.«
»Na, ganz bestimmt. Der Polizei fällt immer noch was ein.« Dies sagte sie jedoch in gutmütigem Ton, und sie gingen zur selben Tür hinaus, durch die sie hereingekommen waren.
Der Kies knirschte beim Gehen unter ihren Füßen. Jury sagte: »Ich vermute, sie hatte nichts damit zu tun. Dafür ist sie nicht leidenschaftlich genug.«
»Ach, ich weiß nicht.« David Cummins seufzte. »Manchmal täuscht man sich in den Leuten.«
»Ist schon oft genug vorgekommen.« Jury trat an den Tisch, um der Katze den Kopf zu tätscheln. »Was hat es also mit den Rexroths auf sich?«
»Denen gehört Deer Park House, sagte ich ja schon. Es gibt eine Deer Park Road, an der liegt das Haus aber nicht, sondern ein wenig nach hinten versetzt an der Lycrome Road. Die Rexroths hatten jedenfalls keine Ahnung, dass die Frau zu ihnen wollte.«
»Dann unterhalten wir uns doch mal mit ihnen.«
Cummins zog sein Handy hervor.
Die schwarze Katze hob den Kopf und starrte mit ihren bernsteingelben Augen unverwandt in Jurys graue.
Hast du etwas gesehen?
Jury versuchte, der Katze eine Nachricht zu übermitteln.
Sag’s mir.
Die schwarze Katze schloss die Augen und sagte ihm nichts.

4. KAPITEL
Bei den Rexroths, Kit und Tip (wobei die Herausforderung darin bestand, sich zu merken, wer er und wer sie war), handelte es sich um ein älteres Ehepaar in Tweed, Kaschmir und vernünftigen Schuhen. Man konnte sehen, dass sie robuste Spaziergänge schätzten, ihre Gesichtsfarbe deutete darauf hin, dass sie jeden Morgen ihres langen Lebens putzmunter begrüßt hatten.
»Sie kämen doch wohl nicht auf den Gedanken, ich meine, wenn Sie uns so anschauen, dass wir der Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen Lebens von Chesham sind, oder?« Kit Rexroths Augen glitzerten wie Pailletten.
Die Rexroths waren alt und gertenschlank. Aus ihren Gliedern hätte man Flöten schnitzen können. »Kann ich mir gut vorstellen. Sie wirken so vital wie sonst Leute, die halb so alt sind wie Sie.« Jury hoffte, dass sich das nicht herablassend anhörte, denn man verfiel oft in eine gewisse Herablassung Alten gegenüber, nicht immer jedoch alten Reichen gegenüber, als wäre es recht bemerkenswert, dass sie überhaupt am Leben waren, und man müsste sie achtsam behandeln.
Er staunte über die Art, in der Tip und Kit wie im Tandem agierten, wie ein Stepptänzerpaar. Füße im perfekten Gleichschritt, Hütchen keck ins Gesicht geschoben, Spazierstöckchen glatt über die Finger gleitend. Jury lächelte. Er hatte noch nie ein so synchron agierendes Paar gesehen. Wenn einer von ihnen Mord für eine gute Idee hielt, würden ihn beide begehen.
»Sie sind«, sagte Kit und streckte den Arm mit der Kaffeetasse aus, als wollte sie die Tatsache hochleben lassen, »wegen des Mordes hier.«
»Ja, das stimmt. Oh, nein, danke …« Letzteres war an Tip gerichtet, der abwartend die Kaffeekanne in die Höhe hielt. Cummins dagegen nahm eine Tasse.
»Ich weiß, Sie haben bereits mit Sergeant Cummins gesprochen, möchte mir aber doch selbst noch ein klareres Bild verschaffen. Diese Frau trug ein Kleid von Yves Saint Laurent, ein apricotfarbenes. Ihr Haar hatte fast die gleiche Farbe, ein etwas dunkleres Kupferrot. Sie war einen Meter dreiundsiebzig groß. Und ziemlich schön. Die Tatortfotos werden ihr eigentlich gar nicht gerecht. Sind Sie in der Lage, sie sich anzusehen?«
Sie nickten mit etwas unangebrachter Begeisterung.
Jury legte das am wenigsten grausige Foto hin.
Kit Rexroth sah es sich an, beugte sich über ihre Hände, mit denen sie die Knie umfasst hielt, und brachte ihr Gesicht fast auf gleiche Höhe mit dem Tisch. Jury fragte sich, ob sie vielleicht kurzsichtig war.
»Ein bisschen bekannt kommt sie mir schon vor … Dir auch, Tip?« Sie schob ihm das Foto hin.
Tip brummte, schob sich die Brille auf dem Nasenrücken hoch und schaute genauer hin. »Glaub ich nicht… oder doch …« Er drehte das Foto hin und her, betrachtete es eingehend. Dann schüttelte er den Kopf. »Nein.«
Jury nahm das Foto in die Hand. »Ihre Party war anscheinend die einzige im Ort, zumindest die einzige offizielle.«
»Wie aufregend«, sagte Kit Rexroth. »Sie glauben also, sie war hier.« Kit schüttelte den Kopf. »So eine Frau, also, die würde man doch vorführen und nicht draußen auf die Terrasse verpflanzen und mit einem Gin abspeisen.«
Jury fragte: »Wie viele Leute waren denn hier?«
»Ach, so ungefähr achtzig«, sagte Kit. »Obwohl wir bloß die Hälfte davon eingeladen hatten.« Sie klang äußerst erfreut.
Diese Bemerkung machte es nur noch wahrscheinlicher, dass die Tote auf dem Weg hierher gewesen war, ob eingeladen oder nicht, denn keiner der beiden Rexroths schien genau zu wissen, wer alles auf der Party war.
»Es ist die Art von rauschendem Fest, wo das Haus fast aus den Nähten platzt.«
Sie lachten beide.
»Das könnte aber in einer ziemlichen Wüstenei enden, Mr. Rexroth.«
Nun blickten sie doch etwas beunruhigt, sahen dann, dass Jury scherzte, und lachten erneut.
»Was ist mit den Nachbarn?«, wollte Cummins wissen. »Beschweren die sich denn nicht?«
»Würden sie schon«, sagte Kit, »bloß waren die Nachbarn ja auch hier!«
Wieder schallendes Gelächter. Jury überlegte, ob die Rexroths sich vielleicht selbst zum Totlachen fanden.
»Ich dachte, ob ich vielleicht eine Kopie der Gästeliste haben könnte …«
Cummins schaltete sich ein. »Haben wir, Sir. Tut mir leid, ich hätte sie Ihnen geben sollen.«
Kit winkte ab. »Ach, das ist kein Problem. Hier, ich habe sie Ihnen kopiert.« Sie übergab ihm ein paar Blätter, die auf dem Couchtisch gelegen hatten.
Es handelte sich um ein ganzes Bündel Papiere, auf denen in Schreibschrift Namen notiert waren.
»Die ist unterteilt in unsere Freunde und in Tips Kollegen im Finanzdistrikt. Er arbeitet nämlich in der Cannon Street. Zuerst die Leute, die wir persönlich eingeladen hatten; dann die Gäste, bei denen uns unsere Gäste fragten, ob sie sie mitbringen könnten, und schließlich die Gäste, die einfach ungefragt mitgebracht wurden. Dann die Leute, die der eine oder andere von uns vielleicht eingeladen hatte, ohne sich im Nachhinein daran erinnern zu können. Oder die wir vorgehabt hatten, einzuladen … Na, Sie wissen schon, was ich meine …«
Das tat Jury aber nicht.
»… und dann Tips Trinkgenossen in sämtlichen Pubs in der City, dann die Leute, von denen wir nicht wussten, dass sie kommen, die wir aber im Lauf des Abends gesichtet hatten …« Bei diesen Worten legte sie die Hand über die Augen, als stünde sie tatsächlich am Bug eines Schiffes und suchte den Horizont ab.
Jury blätterte die Seiten durch. Gab es denn so viele Menschen in London? »Wenn diese Frau sich auf dem Weg zu Ihrer Party befand, fällt sie vielleicht in die Kategorie der Begleitpersonen, die Ihre Gäste ungefragt mitgebracht haben. Hat jemand nach einer Frau gesucht, die dann nicht kam?«
Kit und Tip runzelten beide nachdenklich die Stirn. »Nein, ich kann mich nicht erinnern … da war doch Neal, nicht?« Kit sah ihren Gatten an. »Hat der nicht nach einem Mädchen gefragt?«
»Hmm. Ja, ich glaube, du hast recht.«
Cummins sagte: »Also dieser Neal Carver, den Sie erwähnten.«
Die Rexroths musterten Cummins. »Haben wir das?«, wunderte sich Kit. »Na, dann wird es wohl stimmen. Und Rudy … Rudy – wie heißt er noch gleich?«
Tip überlegte, kam aber nicht drauf. »Müsste auf der Liste stehen.«
Cummins sagte: »Ich glaube, Sie sagten Lands, Rudy Lands.«
»Ach?«, Tip hob erstaunt die Augenbrauen, als wäre es Cummins, nicht er, der Rudy eingeladen hatte.
Jury lächelte. Die Rexroths waren ein wenig zu unbestimmt für seinen Geschmack. Und ein bisschen zu leicht beeinflussbar. Er nickte Cummins knapp zu, und beide erhoben sich. »Haben Sie vielen Dank. Wir melden uns wieder.«
Im Wagen sagte Jury: »Was ist mit Neal Carver und Rudy Lands?«
»Mit beiden haben wir gesprochen. Dieser Lands sagte, seine Freundin sei plötzlich krank geworden. Und Carver musste offensichtlich wieder nach London zurückfahren, um seine Begleiterin in ihrer Wohnung in Chelsea abzuholen. Eine gewisse Miss Helen Brown-Brody. Eine kleine Brünette, die das mit der Party aber völlig vergessen hatte, et cetera. Das ist nicht die Unbekannte, nach der wir suchen. Außerdem habe ich Emily Devere angerufen, die Frau, die die Leiche gefunden hat. Sie freut sich auf Ihren Besuch.«
»Die Sache bereitet ihr also genauso viel Vergnügen wie den Rexroths?«
Cummins lachte. »O ja.«
 
Es sei zwar demnächst Zeit zum Abendessen, teilte ihm Emily Devere mit, aber keine Sorge, auf diese Weise konnte sie ihr Cocktailstündchen verlängern, und ob er denn gern einen Drink hätte? Ihr braunweißer Hund, eine Art Kiste auf Beinen, bedachte Jury mit einem griesgrämigen Blick, der ihm riet, abzulehnen, wenn er wusste, was gut für ihn war.
Jury lehnte dankend ab. »Lassen Sie sich von mir aber nicht abhalten«, fügte er hinzu.
»Keine Sorge.« Emily Devere schenkte sich einen Whisky ein, gab klirrend einen Eiswürfel dazu und setzte sich ihm gegenüber hin. Miss Devere hatte darauf hingewiesen, dass sich ihr Haus nicht in Amersham-on-the-Hill, sondern in Amersham Old Town befand. »In der Hinsicht bin ich ein Snob. Für meinen Geschmack kann ein Ort gar nicht alt genug sein. Wie mein Whisky.« Sie hob lächelnd ihr Glas. »Manchmal komme ich mir vor wie der Junge, der den Finger in das Loch im Deich steckt. Alles Moderne drängt sich immer weiter in meine Welt hinein.«
Emily Devere ging auf die achtzig zu, besaß eine wunderschön zarte, rosige Haut und trug einen schlichten Rock und dazu eine braune Strickjacke. Ihr ergrauendes Haar war im Nacken zu einem Knoten geschlungen.
Sie saßen vorn im Wohnzimmer ihres kleinen, freundlichen Cottage an der School Lane. Das Cottage war voll mit blumigen, chintzgepolsterten Sesseln, Häkelteppichen und bestickten Fußschemelchen. Auf einem davon hatte ihr Hund sich zusammengerollt und starrte Jury grimmig an. Das Gesicht mit den Hängebacken ließ darauf schließen, dass er teils Bulldogge war.
»Man kann den Fortschritt natürlich nicht aufhalten. Trotzdem würde ich gern einen Fuß ausstrecken und ihn zum Stolpern bringen. Diese abscheulichen Mobiltelefone! Die ganze Welt ist meine Fernsprechzelle.« Eine Hand flog an ihre Stirn.
Jury lächelte. Miss Devere verstand sich auf dramatisches Gehabe.
Genauso rasch verwandelte sie sich aber auch wieder in die nüchterne, sachliche Frau, die vor Kurzem eine Leiche gefunden hatte. »Ich hatte schon immer eine Vorliebe für dieses Pub. Ich gehe gelegentlich hin, obwohl es ja ein bisschen abgelegen ist. Über die Frau, die es übernommen hat, solange die Besitzer in Urlaub sind, kann ich nicht viel sagen. Sally Sowieso. Kommt mir ein wenig verschlagen vor.« Sie trank ihren Whisky, schürzte die Lippen. »Die ist Gott sei Dank bloß vorübergehend dort. Na, jedenfalls nehme ich Drummond gern mit auf einen Spaziergang. Den Fußweg, der an dem Bauernhof vorbeiführt, mag Drummond besonders gern.«
Drummond, dachte Jury, sah nicht so aus, als würde er sich irgendwohin gern mitnehmen lassen. Jedenfalls nicht gegen seinen Willen. »Was hat er denn gemacht?«
»Wie bitte?«
»Drummond. Als er die Leiche dieser Frau entdeckte.«
»Hmm … ob Sie’s glauben oder nicht, ich weiß es nicht. Die ganze Sache hat mich dermaßen geschockt, dass ich gar nicht drauf geachtet habe.« Sie beugte sich in ihrem Sessel vor. »Glauben Sie, er weiß etwas?«
Jury musste fast lachen. Sie meinte es ernst. »Sie hatten die Frau vorher noch nie gesehen, Miss Devere?«
»Nein, natürlich nicht. Das hätte ich doch gesagt.« Sie bettete ihren Kopf auf das kleine Kissen, das oben über ihrer Sesselkante hing und sah verwirrt hoch, als würde sich die Zimmerdecke merkwürdig benehmen.
»Ist irgendwas?«
»Nun, wie ich bereits sagte, ich glaube nicht, dass ich sie schon mal gesehen hatte. Trotzdem kam sie mir irgendwie bekannt vor.«
Jury musste an die Bemerkung des Arztes denken, »Ich könnte schwören, ich hab sie schon mal gesehen«, und an Kit Rexroths ähnlichen Eindruck.
»Das Kleid«, fuhr sie fort, »war aus apricotfarbenem Crêpe, in so einem schwingenden, luftigen Stil. Hat bestimmt eine Stange Geld gekostet. Sehr hübsch.«
»Sie sind eine gute Beobachterin, wenn Ihnen das aufgefallen ist, unter den Umständen.«
»Als ich jünger war, hat mich die Upper Sloane Street immer fasziniert. Harvey Nichols, die feinen Modegeschäfte. Sie wissen schon.« Ein schiefes, schwaches Lächeln.
»Die Polizei sagte, Sie hätten dort eine schwarze Katze gesehen. Die Pubkatze, nicht?«
»Nehme ich an. Die ist beim Anblick von Drummond abgehauen. Schwarze Katzen sehen doch mehr oder weniger alle gleich aus.«
Jury war sich nicht so sicher. Er stand auf. »Danke, Miss Devere. Ich werde mich wieder melden.«
»Das hoffe ich. So viel Spaß hatte ich schon ewig nicht mehr.«
 
Es wurde allmählich dunkel, als sie am Bahnhof von High Wycombe vorfuhren. David Cummins meinte: »Sie könnten doch hier übernachten. Das Crown’s ist recht nett oder das King’s Arms. Wenn wir Platz hätten, würde ich ja sagen, Sie kommen zu uns. Wir wohnen auch an der Lycrome Road, nicht weit von dem Pub. Sie müssen Chris kennenlernen, meine Frau.«
»Danke, aber ich habe ein paar Sachen in London zu erledigen. Eine Freundin im Krankenhaus besuchen. Heute Abend oder morgen früh.«
»Oh, hoffentlich nichts Ernstes.«
»Ernster geht’s nicht mehr. Danke.« Draußen klopfte Jury in einer freundlichen Abschiedsgeste aufs Autodach.
 
Jury mochte Züge, selbst in kleiner Ausführung wie dieser, der ihn an eine Spielzeugeisenbahn erinnerte, mit den engen Sitzen, immer drei einander gegenüber und kaum voneinander abgetrennt und ohne Armlehne. Heute Abend hatte er die drei schmalen Sitze ganz für sich. Bis Marylebone waren es dreißig oder vierzig Minuten und weiß Gott viel besser, als sich im Auto auf der M25 abzuplagen. Während der Stoßzeiten waren diese Pendlerzüge vermutlich überfüllt, auf den Autobahnen aber war die Hölle los.
Was ihm daran so gefiel, war das Gefühl, mittendrin zu sein. Sicher, es waren lauter Fremde, aber die Blicke – gleichgültig, verdrossen, abweisend, verärgert – waren wenigstens die Blicke, die man freiwillig wählte, nicht die Blicke, die man gezwungen war aufzusetzen. Man konnte seinen eigenen Gedanken nachhängen und hinschauen, wo man wollte, und der Rest der Welt konnte einem getrost den Buckel runterrutschen.
Er sollte sich gedanklich eigentlich mit dieser kostspielig bekleideten und beschuhten jungen Frau beschäftigen, die gekommen war, um sich mit jemandem zu treffen, und die an den Falschen geraten war. Er hätte mit dem Taxifahrer am Bahnhof sprechen sollen, aber das konnte er morgen noch erledigen. Er vermutete, dass es sich um eine Frau aus der näheren Umgebung handelte, obwohl sich niemand gemeldet hatte, um sie zu identifizieren. Drei Leute hatten gesagt, sie käme ihnen bekannt vor. Es hatte diesen kurzen Funken des Wiedererkennens gegeben, aber kein Feuer, das hell genug gebrannt hätte für die Behauptung: »Ja, das ist doch die Soundso. Die kenne ich schon mein Leben lang.«
Plötzlich musste er komischerweise an die typischen schwarzen Londoner Taxis denken, denn inzwischen gab es ja gelegentlich auch ein silbern oder blau lackiertes Taxi. Jede Farbe außer schwarz war für ein Londoner Taxi aber unangebracht. Der Gedanke führte ihn zu der Frage, ob die Tote vielleicht die falsche Farbe gewählt hatte? Bei ihrer Designerkleidung, die ein paar tausend Pfund wert war?
Er zog Kit Rexroths Gästeliste hervor, ließ den Blick über die erste, dann über die zweite Seite schweifen. Es waren sechs, nein, sieben Seiten, geschrieben in ihrer großen, aber sauberen Handschrift. Die Eingeladenen, die Uneingeladenen (auf Seite vier, fünf, sechs), die gesichteten, die nicht-gesichteten Gäste – nein, Letztere wären ja schließlich… nicht zu sehen gewesen. Und Tips Trinkgenossen in sämtlichen Pubs in der City.
Jury blätterte zur sechsten Seite zurück und traute seinen Augen nicht. Aber doch, da stand der Name: Harry Johnson. Ach was, es gab bestimmt Dutzende von Harry Johnsons in London. Jury lächelte. Es gab ganz bestimmt nur den einen.
Die Fahrt war zu kurz für ein Imbisswägelchen, was er, wie er zu seiner Überraschung feststellte, aber doch vermisste. Das leise Geklapper, wenn es den Gang entlang näher kam, hatte irgendwie etwas Tröstliches. Es erinnerte an ein Ritual. Die Menschen brauchten das, dachte er, man braucht diese Erdung. Wir sind wie Zelte, die festgezurrt werden müssen, um nicht davongeweht zu werden. Rituale, und die Dinge, die an Rituale erinnerten. Es würde nicht lange dauern, bevor sie die Doppeldeckerbusse abschafften. Bald hieße es, Abschied zu nehmen von den missmutigen Schaffnern mit ihren Fahrkartenrollen. Schwarze Taxis. Es war in Ordnung, ab und zu ein silbernes oder blaues oder gemustertes zu sehen, aber bitte nicht alle. Nicht alle so. Statt an das abwesende Imbisswägelchen sollte er eigentlich an Lu im Krankenhaus denken …
Geh nicht hin.
Er ging hin.

5. KAPITEL
St. Bart’s Hospital lag in der City, in der Nähe von Smithfield Market, gleich neben der wunderschönen Kirche St. Bartholomew. Als er Carol-Anne Palutski, seiner Nachbarin von oben, von der Nähe des Krankenhauses zum Smithfield Market erzählt hatte, meinte sie, er solle doch dort vorbeigehen und ein paar anständige Würstchen für ein Bauernfrühstück besorgen. Gut, hatte er gesagt, dann fahre ich dort gleich mit dem Laster vor.
So viel Humor konnte er mit knapper Not aufbringen.
 
Als er Lu Aguilar das letzte Mal gesehen hatte, hatte sie ihm ihren Entschluss mitgeteilt, nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus nach Brasilien zurückzukehren. Ihre Familie sei dort, sagte sie, nicht hier.
Jetzt wiederholte sie, was sie damals schon gesagt hatte: »Ich glaube nicht, dass ihr eine Polizistin im Rollstuhl gebrauchen könnt.«
Jury beugte sich über das Bett. »Ich nehme die Polizistin so, wie ich sie kriegen kann.« Er hielt ihre Hand, rieb mit dem Daumen über die nun so zarten, zerbrechlichen Knochen. Lu hatte abgenommen, unnötigerweise. Wegen des Unfalls würde sie nie wieder richtig laufen können. Es war ein normaler Verkehrsunfall gewesen, zwei Autos, die bei Gelb über eine Kreuzung auf der Upper Street hatten fahren wollen. Das eine geradeaus, das andere beim Abbiegen. Der Fahrer des anderen Wagens war gleich an Ort und Stelle gestorben. In der kurzen Zeit seit dem schweren Zusammenstoß – vor drei, vier Wochen? – hatte sie bestimmt zwanzig Pfund verloren, aber nichts von ihrer Schärfe und Direktheit. Auf sein Kompliment von vorhin erwiderte sie lachend: »Oh, nein, würdest du nicht.«
Jury lehnte sich überrascht zurück. »Wieso? Hältst du mich für so oberflächlich?«
»Natürlich.«
Ihm war klar, dass sie ihn nicht für oberflächlich hielt. Es war die einfachste Art, ihm zu sagen, dass er nicht ehrlich war.
»Du irrst dich«, sagte er. »Polizeiarbeit ist schon oft vom Rollstuhl aus gemacht worden. Wir schätzen dich schließlich nicht wegen deiner Fähigkeit, in Polizeiautos rein- und rauszuhüpfen. Du machst schließlich kein Geländerennen, sondern führst Ermittlungen.«
»Oh, bitte.«
Sie wandte sich ab, und Jury kam sich vor wie geohrfeigt. In dem Augenblick hasste er sie. Das Gefühl überflutete ihn und verschwand, wie eine Welle, die gleich wieder zurückweicht.
Anders als ihr Hass auf ihren Zustand. Die Luft knisterte förmlich davon.
Der Neurochirurg, der sie behandelt hatte, hatte Lu zweifellos das Leben gerettet. Das wusste er von Phyllis Nancy. Sie selbst war als Ärztin am Unfallort gewesen. Die unerschütterliche Phyllis Nancy. Er fragte sich, wie sie mit den zwei Vornamen eigentlich die Schule überstanden hatte. An Phyllis Nancy konnte er nie denken, ohne dabei zu lächeln.
»Worüber lächelst du?«
Jury fuhr zusammen. »Was? Über gar nichts.« Er schämte sich.
»Das war aber kein Garnichtslächeln, und es galt auch nicht mir.«
»Du bist ja schon viel besser im Gedankenlesen, Lu.« Wieder lächelte er, ein verwerfliches Lügenlächeln.
»Ach, das konnte ich doch schon immer. Besonders deine.«
Er spürte ihren Blick.
»Du kannst es abhaken, Richard, du bist mich los.«
Er wollte es wie einen weiteren Schlag ins Gesicht spüren, wie etwas, was er nicht verdiente. Ihm war nicht recht wohl bei dem Gedanken, dass er es doch tat.
Sie bemerkte seinen Blick, konnte ihn nicht genau deuten, sah jedoch Unsicherheit und Gespaltenheit. »Ach was, hör auf«, sagte sie. »Wir haben uns doch nie – Mann, wir lieben uns doch nicht.« Sie versuchte sich aufrecht hinzusetzen, und es sah aus, als würde ihr empfindlicher Rücken vor Schmerzen gleich explodieren. »Oh, Mann! Hat denn hier keiner einen Drink oder wenigstens eine gottverdammte Zigarette?«
 
Jury fiel jeder Schritt den weißen Korridor hinunter fast genauso quälend schwer wie ihr der Umstand, gelähmt in jenem Bett zu liegen.
Grade noch mal davongekommen.
Er wollte das Gefühl, das ihn dabei überkam, nicht näher erkunden. Es fühlte sich eindeutig nach Erleichterung an. Er hatte tatsächlich in einer Zwickmühle gesteckt. Ihm war inzwischen klargeworden, dass ihn lediglich etwas Sexuelles mit Lu verband. Falls sie beabsichtigt hätte, hierzubleiben, vielleicht sogar wieder bei der Kriminalpolizei Islington zu arbeiten – was hätte er dann gemacht? Sie geheiratet? Sich irgendwie um sie gekümmert? Dass Lu sich darauf eingelassen hätte, konnte er sich nicht vorstellen. Sie hätte gemerkt, dass er es aus Schuldgefühl tat. Oder aus Mitleid oder Verpflichtung.
Der weiße Korridor schien kein Ende zu nehmen. Die Reihe von Aufzügen, das leuchtend rote »Ausgang«-Schild kam überhaupt nicht näher.
Das hatte es so an sich, wenn man nach einem Ausweg suchte.

6. KAPITEL
Er hatte die Wohnung am nächsten Morgen für ganze zwanzig Minuten verlassen, um Milch für seinen Tee zu holen. Bei seiner Rückkehr, als er die Milch in den Kühlschrank stellen wollte, fand er eine Nachricht vor, die mit einem kleinen Magneten in Form einer Banane an die Kühlschranktür geheftet war.
In seiner Abwesenheit war Carol-Anne bei ihm ans Telefon gegangen. Vermutlich auf dem Weg zur Arbeit hatte sie es heute Morgen läuten hören und war schnell hereingekommen, um dranzugehen. Jury schloss selten seine Wohnungstür ab.
Die Nachricht war in Carol-Annes unnachahmlichem Stil abgefasst. Wenn der Engel Gabriel Botschaften wie die von Carol-Anne überbracht hätte, hätte das Christentum wohl nie Fuß gefasst.
»S.W. hat anger sgte high w. ds meld. verm. Fr. in Chess. Dachte S. sollten wissen.«
Jury überlegte. Vielleicht hatte »S.W.« ja auch auf seinem Handy angerufen. Er sah nach und stellte fest, dass der Akku leer war. Er schalt sich, weil er vergessen hatte das Gerät aufzuladen, und grübelte erneut über die Nachricht nach. Dann ließ er sie liegen, um sich Tee zu machen und in die Zeitung zu schauen, die er zusammen mit der Milch erstanden hatte.
Der Mord in Chesham hätte mittlerweile niemanden mehr groß interessieren sollen. Doch nein, die Londoner Zeitung hatte die Geschichte sogar noch weiter aufgeplustert. Passierte im Londoner Zentrum eigentlich nicht genug, um einen Mord in einem Dorf in Buckinghamshire dagegen verblassen zu lassen?
Offenbar nicht. Jedenfalls holten die Zeitungsschreiber immer noch aus der Sache heraus, was sie konnten, und ließen sich ein weiteres Mal lang und breit über Jurys Suspendierung wegen der Geschichte in der Hester Street vor ein paar Monaten aus; ein Schuss, der ja bekanntlich nach hinten losgegangen war. Es hatte ein paar öffentliche Proteste dagegen gegeben, dass dieser Detective dafür bestraft worden war, den armen, kleinen Mädchen das Leben gerettet zu haben. So war Jury zum edlen Ritter der Metropolitan Police hochstilisiert worden, zum Retter der vom Unglück Verfolgten.
Oh, Mann! Jury schmiss die Zeitung auf den Sofatisch, nahm einen herzhaften Schluck aus seinem Teebecher und las die Nachricht noch einmal durch. »S.W. hat anger …« Sergeant Wiggins hat angerufen. Das musste es sein. Nun, in ein paar Minuten würde er diesen Sergeant Wiggins sehen, falls er der Anrufer war.
Jury trank seinen Tee vollends aus, griff nach Mantel und Schlüssel und verließ die Wohnung.
 
Sergeant Wiggins rührte mit einer Lakritzwurzel in seinem Tee und zog erstaunt die Augenbrauen hoch, als Jury ins Büro trat. »Haben Sie meine Nachricht bekommen?«
»O ja, eine Nachricht oder etwas in der Art habe ich bekommen, von Carol-Anne.« Er zog sie hervor und las vor, so lautschriftlich er konnte: »S.W. hat anger sgte high w. ds meld. verm. Fr. in Chess. Dachte S. sollten wissen.« Er hob den Blick und bemerkte Wiggins’ tiefe Stirnfalten. »Schließlich bin ich draufgekommen, dass mit S.W. Sie gemeint sein könnten.«
»Ja, aber was …« Ihm ging ein Licht auf. »Natürlich. Dieses ›verm. Fr. in Chess‹: das soll heißen, ein Detective Sergeant vom Hauptquartier in High Wycombe hat angerufen, um Ihnen mitzuteilen, dass eine Frau als vermisst gemeldet wurde.«
»Weiß man denn, wer?«
»Nein. Die Meldung kam von einer Tante, die ihre Nichte seit drei Tagen nicht gesehen hat, fast vier, wenn man heute früh mitzählt …«
Jury runzelte die Stirn. »Hat ja ganz schön lange damit gewartet.«
»Es ist so, dass die vermisste Nichte oft übers Wochenende nach London fährt, die Tante also annahm, sie wäre dort. Na, ihre Nichte war jedenfalls nicht die Tote, die beim Black Cat gefunden wurde. Das Mädchen stammt aus dem Ort.«
»Das Mordopfer vielleicht auch.«
»Nicht in diesem Fall.« Wiggins tippte mit der Wurzel an seinen Henkelbecher. »Die Tante – sie heißt Cox, Edna Cox – verständigte gestern die Polizei und sagte, ihre Nichte hätte Sonntagabend zu Hause sein sollen, sie würde montags nie bei der Arbeit fehlen und hätte auch nicht angerufen. Die Cox war dann in der Gerichtsmedizin und sagte, nein, das sei sie nicht, und überhaupt würde ihre Mariah – also Mariah Cox, die Nichte – niemals solche Kleider tragen. Die Polizei benutzt die Aufmachung als Identifizierungshilfe. Ich meine, wie viele Frauen in der Gegend würden denn so ein Kleid tragen und solche spitzen Schuhe von …«
»Jimmy Choo. Und wann ist Mariah Cox verschwunden?«