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Franz Loquai (Hrsg.)

Land des Lichts


Ein Provence-Lesebuch

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PeP eBooks erscheinen in der Verlagsgruppe Random House

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ISBN 3-89480-680-X

Inhaltsverzeichnis










































Klassische Wege I

Ernst Moritz Arndt

Von Nizza nach Marseille

3. Mai 1799

Endlich nach einer langen Quarantaine, die ich hier hatte halten müssen, reisete ich den 3. Mai ab des Nachts um 2 Uhr. Ich nebst zwei Officieren der Marine ging mit dem Kourier der Nationaldepeschen und außerdem waren noch drei Wagen, mit Officieren der italiänischen Armee, mit einigen Weibern und Kaufleuten beladen, so daß wir in allem wohl an 30 Mann ausmachen mogten. Die erste Fahrt im Dunkeln ging durch bekannte und oft durchwanderte Gegenden bis an den Var-Strom, der vormals die Gränze zwischen Frankreich und Italien machte. Als wir über die Brücke St. Laurent jenseits des Var gefahren waren grade bei der Tagesdämmerung, stiegen wir aus und marschirten gerüstet durch die Hohlwege und das Gesträuch der Anhöhen, weil die Gegend oft durch Räuber feindselig und unsicher gemacht ist. Als es tagte, setzte sich alles wieder, Nachtigallen und Lerchen begrüßten den Morgen und unser Weg ging durch fruchtbares und wohlbebautes Hügelland, mit Korn, Oel- und Feigenbäumen bedeckt. Gegen fünf Uhr fuhren wir Antibes vorbei, einem freundlichen und netten Seestädtchen mit einem Hafen und Fort, die aber beide sehr verlassen da standen. Von hier ging es durch eine freundliche Ebene auf Cannes zu. Wiesen und Felder und Weiden sah ich nach kurzer Zeit im schönsten Grün des Frühlings lustig wechseln, Heerden weideten in kleinen Feldbüschen, aus welchen Nachtigallen schlugen – denn die Provence ist seit Petrarka und Laura das Land der Nachtigallen – und Rebenstöcke schlangen sich hie und da italiänisch um die Bäume, oder waren auch in einer langen Reihe an Stäben gezogen, mit Korn und Sämereien in der Mitte. Bei Cannes gewährt das Meer mit seinen grünen und buschigten Inseln, Skt. Marguerite und Skt. Honorat, einen gar freundlichen und lieben Anblick. Mir war, als wünschte ich mir Floßen, um hinüber zu einer ruhigen Einsiedelei zu schwimmen. Aber das Schicksal und die Zeit versagten beides, Floßen und Boot. Cannes liegt längst dem Meere hin wie eine einzige lange Gasse mit einem alten Thurm und Schlosse auf der Höhe, nett und heiter anzusehen, wie weiter unten Joigny an der Yonne. Hier ward die ganze Reisekaravane nun erst recht am Tageslichte zusammengebracht und konnte nähere Bekanntschaft bei einem muntern Frühstück machen. [...]

Von Cannes ging nun der Weg allmälig bergan, bis man an den Wald von Estrelles kömmt. Hier machten wir halt, jeder stieg aus und waffnete sich mit Säbel und Pistolen, weil in diesem Walde alle Tage fast Plünderungen und alle Wochen Mordthaten vorfallen. Kaum waren wir 500 Schritte gewandert, so kamen ein Paar Eselein mit Säcken, denen weit hinten der Führer folgte. Hier versah sich die kurzsichtige Furcht eines unserer Officiere an den langen Ohren und schrie: oh Messieurs voilà des coquins à Enfils. Wir lachten lange über die possierlichen Flintenläufe und fanden überall unsre Bewaffnung unnöthig: denn die ganze Straße durch dieses Holz war mit Konskribirten bedeckt, die uns truppweise zu hunderten vorbei defilirten. Übrigens ist es ein Paß recht für Räuber gemacht, wie für die Eber und Wölfe, welche letztere hier gegen den Winter von den höhern Alpen herabkommen. Die Wege sind jetzt über alle Beschreibung scheußlich; und obgleich wir alle zu Fuße waren, konnten doch die Gaule oft den Wagen nicht durch die Steine schleppen, die vormals einen Straßendamm machten und jetzt in einzelnen Klumpen da liegen. Uebrigens ist dies ein lustiger und romantischer Pfad. Ungeheure Felsklumpen hängen mit alten Tannen herab. Bäche rieseln über den Weg und Bergströme brausen durch die tiefen Thäler und Schluchte, die auch ihre Nachtigallen haben; Abgründe laufen steil vom Fuße des Wanderers hinab und wechseln mit grünen Felsenwänden, vom Wasser durchströmt und Epheu umgrünt. So kamen wir durch diese große und schauerliche Natur an das Oertchen Estrelles, eine rechte Alpenwirthschaft. Sanft läuft in dem Gütchen der Berg hinab, oben mit Luzerner und Korn und unten mit schön gewässerten Wiesen, in welchen einzelne Kühe graseten. Oben an seiner sanftern Spitze liegt die kleine Wirthschaft, dicht von hohen Ulmen umschattet, und hoch über ihr links ist wieder fürchterliches Felsengebirg mit einzelnen alten Bäumen und Sträuchen. Wir machten hier Nachmittags um 2 Uhr lustige und frohe Tafel und hatten guten Schmaus und treffliche Erdbeeren zum Nachessen. Wir gingen indessen immer noch gerüstet fort und in muntern Gesprächen bis zum Ausgange des Waldes in die Ebne von Frejus. [...]

Von Estrelles senkt sich der Weg immer abwärts und zeigt endlich den Anblick des Meeres mit allen Landbuchten, den schönsten und letzten auf diesem Wege; denn bei Cannes hat mann bei aller Lieblichkeit der Ufer und der Inseln doch die Höhe des Standpunktes nicht. So kamen wir in das kleine räuchrige Frejus hinab, das darum doch ein liebliches Oertchen ist, denn eine reichere und lustigere Natur, als seine Umgebungen, kann sich die üppigste Fantasie kaum denken. Diesseits hatten wir die alten ehrwürdigen Arkaden eines römischen Wasserleiters, die einzeln im Felde da standen, wie das Bild der Vergänglichkeit unter der Blüthe, indem Rocken und Weizen in vollen Ähren umher wogten und Maulbeerbäume mit ihrem breiten Laube um die alten Steine säuselten. Jenseits im Südwest sind Wiesen und Gärten mit Feigen, Kirschen, Mandeln und Obstbäumen und mit allen Gewächsen der Küche und der Nase reichlich versehen; Reben winden sich fast um jeden Baum mit ihren blühenden Armen. Die Kirschbäume sind jetzt roth und Erdbeeren duften hinter den Hecken. Ich dachte hier an den alten Fleury, den der Ehrgeiz aus diesem reitzendsten Fleck des Erdbodens hinaustrieb, um seine letzten Lebensjahre in den Ungewittern des stürmischen Hofes zu vergrämen.

Unsre Begleitung fuhr hier voraus. Wir konnten anfangs keinen Postillion kriegen und warteten und warteten, bis endlich, da keiner zu haben war, der Kourier selbst dieses Amt übernehmen mußte. So ging uns die Sonne unter und unsre Gesellschaft war schon weit voraus. Düfresne jubilirte, als er unsre drei Pferde sahe, besonders eines von ungeheurer Größe, welches in die Mitte gespannt ward und die Bäume des Fuhrwerks tragen mußte. Wir fuhren nun aus Kräften bergan auf dem abscheulichsten Wege und alles mußte schreien und schlagen, damit die drei Gaule unter der Leitung des unerfahrnen Kouriers nur vorwärts gingen; denn wenn sie einmal im Stillstehen waren, so kostete es Mühe, sie wieder ins Gehen zu bringen. Da zu unserm Elend ging nun auf einer holprigen Stelle der mittelste Gaul mit dem Kourier kopfüber und die ganze Last des Wagens mit den Bäumen lag auf ihm. Wir Viere suchten ihm aufzuhelfen, umsonst; keine Axt noch andres Geräth, die Kette zu sprengen, die die Wagenbäume hielt, und das kolossalische Roß ersticken wollte, welches stöhnend die Zunge lang ausstreckte. Das war ein Fluchen und Schreien, worin des Kouriers klägliche Ausrufungen: il se tue, il se tue! klangen. Endlich ward ein Pferd von den andern beiden abgespannt und Düfresne sprengte nach dem nächsten Dorfe, um Menschen herbeizuhohlen. Wir andern drei hielten keichend die Bäume empor, damit das hohe Thier nicht krepirte, und sahen aus von Schmutz und Schweiß wie die Missethäter. Endlich kamen nach einer halben Stunde die Dörflinge mit Düfresne, wir hoben Wagen und Thier wieder auf und so ward mit tausend Spaßüber unser stattliches Roß in das Dorf eingefahren. Auch da mußten wir wenigstens eine Viertelstunde peitschen, ehe wir bergan kamen, und nun ward die Sache recht methodisch bis zur nächsten Station le Muy durchgeführt. Düfresne setzte sich auf den Schreckenrosinante und arbeitete ächt französisch mit Peitsche, Händen und Füßen, daß die Thiere nicht aus dem Trab kamen; denn sonst wäre es um uns geschehen gewesen; ein einziges Halt, und wir konnten die Nacht halten bleiben und uns am Ende noch von Spitzbuben ausplündern lassen. Wir andern liefen nun mit Stöcken treufleißig durch Dick und Dünn bei dem Wagen her, halfen schieben, sobald ein schlimmes Geleise kam und wir fürchten mußten, stecken zu bleiben, peitschten und schrieen mit, und so kamen wir glücklich um eilf Uhr zu le Muy, wo unsre andre Wagen schon um neun angelangt waren. Der arme Düfresne fand sich am Hintern und an den Fingern geschunden, wir andern alle so beschmutzt, daß wir sogleich zur Pumpe mußten. Unsre Gesellen lagen zum Theil schon auf dem Ohre und ruhten ein wenig. Uns schmeckten Wein und Braten herrlich, und dann führte die freundliche Wirthin mit ihren muntern Töchtern uns in den Rosengarten, worüber der Mond schien, und Nachtigallen hinten im Gehäge sangen. Hier war alles Laufen, aller Ärger vergessen. Wir waren in einem recht petrarkischen Winkel, und ich durch den Mond und die Nacht, vielleicht auch, durch den Wein etwas petrarkisch gestimmt. So saß ich ein halbes Stündchen unter den hohen Rosenbüschen und Düfresne trillerte mit den Dirnen Arietten, die im provenzalischen Munde, der ein Gemisch vom Italiänischen und Französischen ist, allerliebst klangen. Diese Mundart hat außerordentlich viel Weiches und Mildes und alles Gurgelnde und Schnarrende der französischen verklingt in ihr. In dem Munde des gemeinsten Schlages Menschen ist es aber für den Fremdling ein patois, wovon er nicht viel mehr versteht, als der Baier, wenn man ihn plötzlich nach Mecklenburg und Pommern in eine Bauernschänke brächte. [...]

Hier ist es Zeit, im Allgemeinen ein Wort von den Provenzalen zu sagen, worunter ich alles verstanden haben will, was ich von Menschen seit Nizza bis hinter Avignon gesehen habe. Diese Provenzalen gehören mit zu den stärksten und schönsten Körpern, die man sehen kann. Alles ist Nerve und Muskel, und der Körper hat die Rundung und Wölbung, die man nur bei den Kalabresen und einigen andern Italiänern findet. Die Augen, wie die ganze Gestalt, brennen von Feuer und Leben, und haben die französische Geradheit, die man leider bei dem Italiäner nicht immer findet. Unter den Weibern habe ich so reizende und zugleich kühne Gestalten gesehen, als ich sie im mittlern und nördlichen Frankreich selten fand. Eine Laura indessen war nirgends, nirgends nur eine Bildung, die jene Sanftheit und Stille unter diesem heißen und wohllüstigen Himmel hätte ahnden lassen. Alles, Mann und Weib, trägt bloß den Ausdruck des hervordringenden und kräftigen Lebens. Dieser heftige und aufbrausende Karakter hat sich in diesen letzten Revolutionsjahren auch kühn und auszeichnend genug offenbart, und bei der Gesetzlosigkeit ist alles Gesetzlose und Wilde hier schneidender und greller ans Licht gekommen; so daß jetzt die Provence nächst den westlichen Departements wegen Räubereien und Plünderungen am meisten verrufen ist. Diese Berge der Provence längst der See sind bis an die Rhone gleichsam eine Fortsetzung der Kette des Apennin, der die Genueser am Meer einengt. Das hiesige Volk trägt vieles von dem Karakter des Liguriers, ist eben so berufen wegen seiner Treulosigkeit und Raubsucht; eben so heftig in Feindschaften, abgerechnet, was die französischen Sitten verbessert haben. Man vergesse aber nicht, daß unter diesen Gemüthern der edle Mann es drei- und vierfach vor andern seyn müsse. Denn aus größter Stärke wird nur größte Güte. Die Sprache selbst giebt hier den Mittelkarakter zwischen dem Franzosen und Italiäner an. [...]

Ich habe hier acht sehr angenehme Tage verlebt, die mir durch die Güte des schwedischen Konsuls, Herrn Jölsch, und einiger anderer Häuser, an welche ich von Livorno Empfehlungen hatte, noch angenehmer gemacht wurden. Meine alten Gesellen hatten sich in Aix und hier von mir verloren, doch sollte ich einige in Toulon, einige nachher in Aix wieder sehen. Für Toulon nämlich wurden einige Tage abgebrochen, um Toulon und die Flotte, die gerade von Brest angekommen war, Hières und seine Zitronenwälder und die Inseln gegenüber, diese lieblichen Inseln, ach! nur von ferne, zu sehen, weil es in den ersten Tagen der Ankunft der Flotte verboten war, von den Küsten zu fahren. Dies waren frohe und elyseische Tage, wie die Gegend, dieses Paradies Frankreichs, wo ehedem in den Monaten des Spleens so viele Engländer zu wohnen pflegten und manche andere Schwächlinge des Nordens, die hier Grillen verjagen und böse Übel heilen wollten. Doch dieser reizende Erdfleck ist so oft schon beschrieben, als daß ich ihn noch einmal entweihen sollte. Er gehört zu den wenigen, die so viel Unaussprechliches im Gefühle erwecken, so viele Ahndungen eines alten Daseins vor diesem Rock aus Ton, so viele Erinnerungen der originessischen Präexistenz der Seele geben, daß man bei allen diesen schwellenden Gefühlen und dunklen Ahndungen selbst nur ein schwebendes und flatterndes Bild des Schönen vor seiner Seele behält. Blüht ihr lieblichen Eilande! und mögen an euren Küsten nie die Schrecken des Krieges donnern, noch die Wehklage des Elends diese liebliche Natur entheiligen! Mögen in deinem freundlichen Hafen, Toulon, nur friedliche Segel einflaggen!

Ich hatte von Marseille ein ganz einziges und eigenes Bild, das sich seit dem Julius Cäsar meiner Schuljahre festgesetzt hatte. Ich liebte die alten Phocäer, die aus Tyrannenhaß die schönen Küsten Asiens verließen und neue Sitze suchten, und endlich, von Korsika und Sardinien vertrieben, hier die mächtige Massilia gründeten. Die Stadt ward mir merkwürdig durch den verzweifelten Widerstand, den sie Cäsars siegreichen Legionen und Flotte leistete. Sie behauptete auch, als die Republik durch die scheußlichste Sittenverderbnis dem Despotismus der Soldaten und Regenten preisgegeben war, diese Festigkeit des Charakters und die Alten nennen Massilia mehr als einmal eine der frugalsten und gesittetsten Städte des Reichs, als sie schon lange eine der reichsten war. Auch in dem neuen Frankreich ist sie immer die zweite oder dritte Stadt des Reichs mit Lyon und Bordeaux genannt worden, und diesen Vorzug hat sie und Lyon freilich teuer genug bezahlen müssen.

Man erhält schon, wenn man eine halbe Meile von der Stadt auf den Anhöhen von Aix her auf sie und auf das Meer hinabsieht, eine große Idee von ihr, und diese wird in der Wirklichkeit nicht betrogen. Die Stadt liegt wie im Halbmond um die Bai herum, deren äußerste Spitze ihren schönen Hafen bildet, so daß man von allen Punkten der Mauer sanft zu dem Hafen hinabsteigt. Ihre äußersten Gegenden sind verfallen, besonders die östliche und nordwestliche Landseite, und nur wenn man in die Mitte und näher nach dem Hafen kommt, findet man das schöne Marseille. Die nördliche Seite über dem Hafen ist eng, hügelig und häßlich, so wie die östliche Mauerseite. Die schönsten Häuser sind von den Allees de Meilhan bis zum Hafen hinunter, und vom Hafen etwa drei, vier Straßen südlich hinaus, und um den Hafen, ferner der Cours und die Straße des cours und die Straße und der Platz de la Canebiere. Diese Straßen und Häuser gehören zu den schönsten und machen die Stadt zu einer der freundlichsten. In diesem Geschmack sind auch die Gasthäuser und Kaffeehäuser, von denen man in diesem Quartiere die besten und besuchtesten findet. Eben so wohl erhalten ist in diesem das Pflaster mit Fliesen zur Seite für die Fußgänger. Einen sichereren Hafen und bequemeren als diesen, muß es aber in der Welt nicht geben. Er läuft in Gestalt eines Flaschenkürbisses, den Hals vorn, in die Stadt hinein und erweitert sich sogleich zu einem ziemlichen Oblongum, so wie er weiter eintritt. Am Eingange sind die beiden Forts St. Jean und St. Esprit. Hier lagen die Schiffe dicht an den Zollhäusern. Kleinere laufen auch noch an der Südseite des Hafens in Kanälen weiter in die Stadt aus und füllen die großen Magazine, ohne Wagen oder Träger nötig zu haben. Dieser Hafen, still und sicher wie eine Kammer, ist leider jetzt auch eben so tot. Wenige Neutrale kommen, weil man auch diese, wie alles klagt, durch die neuen Prisengesetze weggejagt und scheu gemacht hat, und was aus- und einläuft, das ist etwa ein kleiner Kaper und von den leichtesten Schiffen, die längs den Küsten fahren. Die ungeheuren Levanteschiffe liegen in großer Anzahl für die Würmer nun schon seit fünf Jahren da und wer weiß, wie lange sie es noch werden. Sie haben das Ansehen von Ruinen und mit ihnen stockt der Reichtum und die Tätigkeit dieser sonst lebendigsten Stadt Frankreichs! Die Nordseite des Hafens ist bei weitem die schönste, sowohl an Häusern als an Gewimmel und Lebendigkeit der Menschen. Hier ist die Börse, ein stattliches Gebäude, hier das Gemeindehaus, hier die lustigsten Kaffeehäuser und eine Promenade, die vom Morgen bis spät in die Nacht dauert. Von anderen öffentlichen Gebäuden und Werken läßt sich nun nichts mehr sagen. Die Kirchen sind entweiht und ihre Zierraten und Kunstwerke verschleppt, ja selbst die Gräber hat man aufgewühlt. Auch sind in diesen für die Handelsstädte und den Reichtum heillosen Zeiten Orte, wie Marseilles, – gerade am meisten mitgenommen worden. Nicht allein die alten Schiffe, die sonst Gold und Leben in die Adern des Staates brachten, stehen entmastet und entleert da, sondern den neuesten und besten Häusern geht es ebenso und fast an allen Türen und Fensterläden liest man: à louer und à vendre. Wie sollen auch die Menschen bleiben, wenn ihnen alle Mittel zu leben abgeschnitten sind, wenn die Schiffahrt liegt und die Revolutionssense die ersten Häuser niedergemäht hat. Wenn man den jetzigen Marseillern ihren Hafen rühmt und die Stadt, so wissen sie nichts als: »Vor der Revolution! o, vor der Revolution, da war Marseilles noch etwas! Jetzt sind wir arm und haben über ein Drittel unserer Menschen verloren.« So sehr hat die Guillotine und die Gewerblosigkeit die Stadt entvölkert. Ich schauderte, als man mir auf der Straße de la Canebiere erzählte, dort seien zur Schreckenszeit 600 Männer und meistens die reichsten unter der Guillotine gefallen. Dafür haben sie nun ein Champ de Marathon und die meisten Kaien und Gassen haben die Namen berühmter Revolutionäre und alter Feldherrn und verdienter Gelehrten und Philosophen erhalten, die den Fremden oft in große Verlegenheit setzen, weil die einen im Volk die alten, die andern die neuen Namen vorziehen, manche selbst die neuen nicht einmal kennen und einen auslachen, wenn man nach einem Quai de Barth oder Rue de Montesquieu fragt.

Die unterste Gegend der Stadt ist, wie gesagt, der Hafen und seine Nähe. Um ihn ist das lebendigste und fröhlichste Menschengewimmel, um ihn das bißchen Tätigkeit, was hier noch übrig ist, um ihn geht der ehrbare Schiffer, der stattliche Kaufmann und der spekulierende Gauner, während der Stutzer, jetzt in eine etwas keckere Form umgegossen, und die zierliche Dienerin der demokratischen Venus leicht unter ihnen hinschlüpft. Vom Hafen geht man wenige Schritte hinauf, so hat man den weiten und hellen Corso, von hohen Bäumen umgeben, und eine der längsten und schönsten Straßen in Marseilles bildend. Auch hier ist es nie leer. In der Mitte, die mit einem eisernen Geländer eingeschlossen ist, spaziert es den ganzen Tag auf und ab und eine lange Reihe von Läden, Tischen und Bänken mit zierlichen und eßlichen Dingen steht für den Liebhaber zum Verkauf ausgelegt da. Alte Männer und Mütterchen sitzen hier auf Stühlen und sonnen sich am schönen Frühlingsstrahl, und Ammen und Wärterinnen tragen hier das junge Leben in Sicherheit vor den Karren und Menschen und Pferdehufen und lassen sich, während die Kleinen im Staube wühlen oder mit etwas spielen, von einem hübschen Husaren oder Grenadier Süßigkeiten sagen oder zu Süßigkeiten einladen. So ungleichartig zusammengesetzt dieser Anfang und die Mitte des Corsos ist, so sehr ist es sein Ende. Dieses ist nämlich ein ordentlicher Markt, wo das häßlichste und schönste, was es für die Sinne gibt, zusammen ausgestellt ist. Hier steht an einer Seite der schmutzige und garstige Haufe der Fischweiber mit ihren Butten und Eimern, dort die Schlächter mit Fleisch auf langen Tischen, welche Fliegen und andere unverschämte Tiere umschwärmen; hier sitzen mit Bauern und Körben andere mit Tauben und Vögeln, die sie für das Auge und den Magen feil bieten. Mitten unter diesem Schmutz und Gestank steht oft ein Obst- und Fruchtschragen, der das Seinige für Nase und Auge wohlgefällig ausgestellt hat. Dann kommen feine Blumenmädchen, welche eine Menge Blumen in Töpfen und an Stöcken um sich und die Rosen, Veilchen und Nelken der Provence mit duftenden Erdbeeren in netten Körben neben sich stehen haben. Diese schellen, schreien, rufen und bitten unter einander und wie diese wilden Töne, so treffen Blumen, Fleisch-, Fisch- und Obstgerüche wunderseltsam unter einander und machen diesen Obst-, Fisch-, Kraut- und Blumenmarkt mit seiner lebendigen und toten Welt dem Fremdling äußerst interessant. Ich habe regelmäßig alle Morgen ein halbes Stündchen darauf verwandt und mich königlich ergötzt. So ein Menschenstrudel, sobald er verschlingend wird, ist doch zuweilen dem Menschen das Notwendigste wie das Erhebendste, wenn man aus aller der Verwirrung und streitenden Kraft endlich Ordnung als Lösende und Bindende hervorgeht.

Nächst dem Corso sind die sogenannten Allees de Meilhan die besuchteste und lebendigste Promenade. Sie sind meist in der Mitte der Stadt und laufen von einem Springbrunnen an der Spitze des keilförmigen Platzes, worauf sie stehen, immer weiter auseinander und werden zuletzt durch eine Häuserreihe, die sich sehr widerlich in ihre größte Abweichung eindrängt, ganz voneinander geschieden, so daß sie einen gleichzeitigen Triangel bilden. Schöne Bäume sind umher gepflanzt und nette Häuser gebaut, kleine Kaffeehäuschen und Schenken mit Bänken und Ruhesitzen sind an den Seiten zu haben und an Sonn- und Feiertagen, dergleichen man im republikanischen Kalender eben so viele hat als zu den Zeiten der Heiligen, wimmelt es auch hier von feiner Welt.

Die Gegend umher ist freilich nicht so kahl und öde, wie in Aix, doch buschig und sanft kann man sie nicht nennen. Rund um die Stadt laufen hübsche Gärten, mit den Bäumen, Früchten und Blumen des Südens; wenige Reben und Ölbäume in der Nähe und kahle Berge in der östlichen Ferne. Im Süden ist das Meer, im Nordwest aber eine Kette von Hügeln, die über der Stadt amphitheatralisch mit Weinbergen, Gärten, Landhäusern und Cypressen und Eichen aufsteigen. Vor dem Hafen liegen in der Entfernung einer halben und Viertelmeile mehrere kleine Inseln. Sie sind fast ganz kahl, mit wenigem Buschwerk und einigen Häusern besäet. Doch geben sie von der westlichen Bai der Fischer außerhalb der Stadt immer einen hübschen Ruhepunkt für das über das Meer hinschweifende Auge. Die Marseiller machen in der schönen und heißen Jahreszeit oft kleine Spazierfahrten dahin, um ihre schöne Stadt vom Meer aus zu sehen; und in der Tat dieser Anblick ist himmlisch. Die schönste Aussicht auf die Stadt hat man von den niedlichen Landhäusern am Wege nach Aix, wo auch die reichsten Bewohner der Stadt so ein Ruhe- und Freudenplätzchen haben, wo sie von dem Staub der Stadt und dem Zank der Börse sich erholen mögen.

Es sind hier zwei Theater, die in diesen Trauerzeiten auch nur wenig besucht werden. Sonst sind oft vier für alle Klassen geöffnet gewesen. Das große Theater, nicht weit vom Hafen und dem Corso, ist recht hübsch, seine Spieler gehören aber nicht zu den Helden der französischen Bühne. Sonst hat Marseilles immer mit von den besten Schauspielern Frankreichs ernähren können. Freilich so erbärmlich, wie man sie in Deutschlands Mittelstädten und selbst in den großen alle Tage sieht, findet man deren hier nicht leicht; auszeichnend spielte aber niemand als etwa eine Madame Ronsselois, die sowohl durch Gang als Aktion die Ariadne auf Naxos trefflich darstellte.

Ich habe von den Bewohnern dieser Stadt zu viel Gutes empfangen, als daß ich es über das Herz bringen könnte, von ihnen etwas Schlimmes zu sagen, auch wenn es zu sagen gewesen wäre; wie muß es mich nun freuen, viel Gutes und Liebes von ihnen melden zu können! Freilich wird in eine solche Handelsstadt, wie Marseilles, von allen Nationen des Abend- und Morgenlandes neues Blut und Geschlecht hineingebracht; aber doch ist eine Volksmenge, die in guten Tagen über hunderttausend Köpfe ausmacht, zu beträchtlich, als daß sie die allgemeine äußere und innere Bildung des Charakters und der Gestalt nicht bestimmen sollte. Eine große Handelsstadt, wo die Spekulationen nicht Knickereien sind, und die Gelder nicht in kleinen Summen einlaufen, gibt einen freien und menschlichen Geist des Gebens und Nehmens und jener Tätigkeit, die bei ihrem weiten Kreise auch Brust und Haupt erweitert. Dies habe ich fast immer gefunden. Da gilt kein Adel, keine Geburt, kein Stern vor der Brust; jeder gilt freilich am meisten, was er wert ist und im englischen Sinn, aber er gilt auch, was er als Mensch gelten kann im Leben. Dieses gibt einen liebenswürdigen und fidelen Ton der Allgemeinheit und Zutraulichkeit, die rauhen Ecken schleifen sich genug ab und werden doch nicht so blank und glatt, als sie den Augen wehtun, wie es in den Amts- und Würdenverhältnissen nur zu gewöhnlich ist. Ich muß es unverhohlen gestehen, hier und in Lyon habe ich recht liebenswürdige Franzosen gefunden; so eine Lebendigkeit, wie immer, durch die ruhige Tätigkeit gemildert; die Vorurteile gegen Fremde, die dem Franzosen fast angeboren sind; mehr verwischt durch den Umgang mit gescheuten und ungescheuten Menschen aller Nationen; dagegen tritt aus der französischen Ungezwungenheit und Freimütigkeit eine gewisse Herzlichkeit und Schonung hervor, die ich sehr häufig bemerkt habe. Man lernt hier selbst seinem Witz gebieten, sobald er dem Herzen wehtun würde, obgleich ein französicher Witzbold nie so impertinent ist als ein deutscher. Mit einem Worte, hier habe ich oft wirkliche Menschen noch in den gebildeten Ständen gesehen, nicht einseitige Maschinen, die krüppelhafter sind durch eine helle Seite als der Mann hinter dem Pfluge, der doch wenigstens alle gleich betrachtet hat, wenn sie es auch noch so wenig sind.

Was nun die äußere Bildung betrifft, so übertrifft auch darin Marseilles fast alle Städte Frankreichs, so ich gesehen habe. Es ist ganz der rüstige und stattliche Körper des Provenzalen mit dem schönen brennenden Auge und der kühnen Stirne voll Freiheit und Kraft. Man sieht hier nichts von dem Platten und Bretternen, das im nördlichen Frankreich die Menschen noch mehr auszeichnet als die weit nördlicheren Deutschen und Schweden, nichts von den Spitzköpfen und wieder von den vielen Orangutangsgesichtern, nichts von den Boxbeinen, welche bei dem Franzosen so einheimisch sind. Die Weiber sind auch hier natürlich der Maßstab, und wo findet man mehr schöne und reizende Weiber, wo einen runderen und volleren Wuchs, wo feinere Züge als in Marseille? Wer die Tummelplätze der Freude und Wollust nur einige Male besucht hat, kann sich dies nicht abstreiten. Um sie zu sehen, muß man das Theater, die Allees du Meilhan, den Corso und vorzüglich abendlich die Nordseite des Hafens besuchen, wo man alles, was sich vergnügen oder etwas gewinnen will, ausgegossen findet.

Marseille ist seiner Huren wegen selbst in Italien schon über berüchtigt und in Frankreich schilt man sie überall als eine der gefährlicheren Städte in diesem Punkte. Dies ist leicht begreiflich. Der starke Charakter des Provenzalen muß im Schlechten natürlich so weit gehen können als im Guten. Diese Heftigkeit, dieses griechische Ungestüm, dieses heißere Blut des heißen Klimas macht natürlich auch die Leidenschaften des Blutes gewaltiger und gefährlicher. Marseille ist überdem einer der größten Seehäfen. Was das sagen will, weiß jeder. Es ist noch immer ein reicher Ort, oder wenigstens dauern die Wirkungen des alten Reichtums in den Sitten noch fort. Die Revolution hat nun alle diese Dinge noch mehr an das Tageslicht gebracht, und auch sie sind aus Sklaven Freigemachte geworden, die öffentlich einhergehen. Schon im Theater sieht und fühlt man zuweilen gar etwas von dieser Freiheit. Aber will man sie in ihrem Glanze sehen, so spaziere man des Abends um 9 und 10 Uhr am Hafen, und man weiß weder Augen noch Hände zu lassen, die ersten, daß sie einen nicht ins Netz führen, die zweiten, daß sie von dem vielen Zerren und Drücken nicht abgerissen werden. Das ist ein Bienengesumm von eleganten und fröhlichen Menschen und Menschinnen, und wenn in dieses laute Leben nicht widerliche Nachempfindungen, die freilich der französische Leichtsinn selten fühlt, sich mischten, würde es noch was Besseres sein. Hier hat sich jeder zu hüten, so reizend, so äußerlich gebildet, so delikat selbst sind diese südlichen Sirenen, die mit ihren Buben und Kupplern umherflattern, oder auch in den Cafés und unter den Zelten vor denselben schäkernd und Kaffee und Limonade schlürfend sitzen. Übrigens scheucht diese Klasse nirgends in Frankreich rechtliche Leute und unter ihnen sind die wohlberüchtigtsten Frauen und Jungfrauen, die man äußerlich nicht immer unterscheidet. Auch klagt man, daß der innerliche Unterschied in den letzten Jahren gar sehr gelitten habe. Freilich war Marseille, das alte römische Marseille, seit manchem Tage nicht mehr.

Was nun die untere Klasse betrifft, das heißt, alle die, welche mit ihren Händen oder ihrem Rücken um den täglichen Schilling dienen und heute fröhlich verzehren, was sie gestern mühselig verdient haben, so muß man gestehen, daß dieser Schlag selbst vieles von dem Seeleben und dem Charakter des Seelebens an sich trägt. Grob und gerade, dabei ungestüm und auf die Stärke seiner Fäuste und Beine pochend. Diese Menschen, einmal aufgerührt, mußten den Charakter des Südländers in Paris zeigen, zumal wann Henkersknechte und Galeerensklaven an ihrer Spitze standen. Im äußeren Leben der Tabernen und Popinen ist alles noch sehr italienisch. Solche Dinge bestimmt der Himmel, wie die Kleidung. Der südliche Franzose des geringen Schlages trägt lange, weite Hosen aus Tuch, die bis unten auf die Knöchel fallen, dabei Schuhe, worin nicht immer Strümpfe sind, eine Jacke, die er meistens bei sich liegen hat oder auf dem Arm trägt und einen runden Hut, oder eine runde tuchene rote Mütze, das Urbild der fürchterlichen Rotmützen in Paris. Für Regen und Ungewitter dient ihm sein Mantel, wenn er einen bezahlen kann. Mit Wohnung und Hausrat ist er ebenso leicht versehen als der Italiener dieser Gattung.

Wie diese Stadt durch die Revolution gelitten habe, ist zum Teil angedeutet, der Krieg mit England hat das übrige getan. Die Straße de Canebierre und die Namen der Barras und Antonelle (der jetzt im Rat der Fünfhundert sitzt, von hier deputiert) werden scheußlich in dem Andenken dieser Stadt leben. Die Millionen, die man weggeschleppt hat, der gesperrte Levantehandel, die Mutlosigkeit jedes Reichen, sich auf weite Spekulationen einzulassen in dieser unsicheren Zeit, die Gefahr selbst, sein Vermögen nur einigermaßen zu offenbaren, alles dieses hat das lebendigste und reichste Marseille ziemlich tot und öde gemacht. Was ist natürlicher, als daß alles eine gewisse Unbehaglichkeit und Verdrossenheit zeigt, die bei den meisten wohl selbst nicht weiß, was sie will und wen sie anklagen soll? Frieden, Frieden! schreit der Kaufmann und Fabrikant. Welche Regierung, welches System dazu helfe, das weiß er nicht mehr, so viel hat man ihm versprochen und so wenig gehalten. Es ist eine dumpfe Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit, die sich zuweilen dadurch Luft macht, daß sie alle Generäle und Regierenden Räuber und Spitzbuben nennt, doch wahrlich dieses nicht öffentlich. Der Pöbel ist immer ein blindes Ungeheuer, das bei hundert Augen alles verwirrt sieht. Er schlägt heute tot, den er gestern anbetete, und kann also kein festes Urteil haben, noch geben. Dieser ist hier bei dem brennenden und wilden Charakter gefährlich, und deswegen und weil selbst unter den anderen Klassen keineswegs dem politischen Frieden zu trauen ist, liegt immer viele Besatzung hier, und die Polizei ist äußerst strenge. Wer nicht Soldat ist, darf bei schwerer Strafe keine Waffen und statt des Stabes kaum eine Rute führen, und nur Lahmen und Greisen erlaubt man eine Stütze. Eine böse Zeit für die dicken Bäuche! Nach zehn Uhr umzugehen, ist nicht ganz sicher für den Fremden, und ohne Laterne nach diesem Glockenschlage zu gehen, bringt in Verhaft.

Arthur Schopenhauer

Ausflug von Marseille

Sonntag. d. 8ten April [1804]

Nachdem wir zehn Tage in Marseille gewesen waren, machten wir eine Ausfahrt nach Toulon u. Hières. Eine junge Engländerin, Miss Nichols, hatte sich uns zur Reisegesellschaft angeboten: da sie in ihrem zweysizigen Wagen allein war, nahm ich den andern Platz ein, u. fuhr mit ihr. Wir kamen durch eine sehr bergige Gegend: fuhren fast immer zwischen zwey Reihen hoher Felsen, die zur Hälfte nackt, u. übrigens mit Fichten u. Rosmarin bewachsen waren. Wir waren um Mittag ausgefahren, u. gegen Abend sahen wir Cuge im Thale, von hohen Bergen umringt, unter uns liegen: wir brachten daselbst die Nacht zu. Es wachsen in dieser Gegend erstaunlich viel aromatische Kräuter, u. Rosmarin in so großer Menge, daß man nichts Anderes brennt: ein solches Rosmarinfeuer verbreitet einen sehr angenehmen Geruch im Zimmer.

Am andern Morgen fuhren wir früh aus um zu Mittag in Toulon zu seyn. Die Gegend wird, je weiter man kömmt, immer felsiger, immer wilder u. sonderbarer: die Berge werden kahler, große Fels-Massen ragen zwischen den Fichten hervor, das Thal wird immer enger, u. endlich, Eine Post vor Toulon, schlängelt sich der Weg nur noch dicht zwischen zwey Reihen aufeinandergethürmter Felsen, längst einem schmalen Waldstrohm der sich schäumend durch die Felsen drängt. Hier sieht man keinen Baum, kaum hin u. wieder ein Gräschen; alles ist Fels, in den sonderbarsten Gestalten ragen die hellgrauen Massen übereinander hervor, bilden Spitzen u. Höhlen, und seltsame Figuren, u. hängen über den Weg herab. Selbst der Weg ist lauter Fels, u. geht in solchen Krümmungen, daß man den Ausgang zwischen den Felsen nicht sehn kann, u. es scheint als wäre man ganz eingeschlossen. Nachdem wir eine halbe Stunde zwischen diesen schauerlichen Felsen gefahren waren veränderte sich plötzlich die Gegend u. wir kamen in die fruchtbaren Fluren von Toulon, u. nahe vor der Stadt sahen wir schon Gärten mit Orangen-Bäumen in freier Erde. – Sobald wir angekommen waren gaben wir unsre Addreß-Briefe ab. Die größte Merckwürdigkeit konnten wir heute nicht sehn, das Arsenal, weil dazu eine besondere Erlaubniß gehört. Indessen führte uns Hr. Aguillon an den wir addressirt waren, herum. Toulon ist nicht groß, noch sehr gut gebaut, die Straßen sind meistentheils eng. Wir besahen den Theil des Hafens der nicht zum Arsenal gehört, u. die Kauffahrten-Schiffe enthält: er ist sehr leer, u. still. Der schönste Platz von Toulon ist der Champ de battaille, er ist sehr groß, u. von schönen Häusern u. Alleen umgeben; in der Mitte werden die Soldaten exercirt.

Wir machten am andern Tag die Ausfarth nach Hières um die Orangen-Gärten zu sehn. Wir fuhren früh weg. Der Weg nach Hières ist ganz entsetzlich, bald Steine die den Wagen zu zertrümmern drohen, bald Moräste, in die er bis zur Axe versinckt. Wir kamen durch eine äußerst fruchtbare Gegend. Das Klima ist hier schon viel milder wie in Marseille. Wir fanden durchaus alles grün: die Weinfelder waren ausgeschlagen, u. die Feigen- u. Maulbeer-Bäume, die in Marseille noch größtentheils keine Blätter hatten. Auch gedeiht hier alles auffallend besser, was man besonders an den Oliven-Bäumen mercken kann; bey Narbonne, wo ich diese zuerst sah, sind sie klein u. krüpplich: je weiter man kömmt desto schöner werden sie; hier findet man sie von der Größe einer gewöhnlichen Linde: auch Feigen u. Granaten-Bäume die wir hier in allen Feldern u. Landstraßen sahen, sind außerordentlich schön und groß. Die Granaten-Bäume wachsen hier auch wild, doch haben die wilden weniger große Blumen u. Früchte. Die Felder duften hier von wilden wohlriechenden Blumen, Timian, Mayoran, u. wildem Lavendel. Wir kamen um zwölf Uhr in Hières an. Dicht davor hat man eine sehr schöne Aussicht, auf den Berg an dem Hières liegt, die Orangen-Gärten, u. die See mit den Hièrischen Inseln, die nah am Ufer liefen.

Hières ist ein kleiner Flecken, der Berg an dem die Stadt liegt ist ehemals ein Vulkan gewesen, doch seit langer Zeit verloschen; die Stadt scheint ehemals auf dem Berge gelegen zu haben, da die Festungswercke bis an die Spitze gehen, u. man noch viele alte Thürme darauf sieht.

Nachdem wir gefrühstückt hatten, giengen wir sogleich in die Orangen-Pflanzungen. Dieser Anblick muß jeden Bewohner des Nordens entzücken: die edlen Bäume tragen immer Blätter, Früchte u. Blumen zugleich, kein Winter entlaubt sie: doch da man kürzlich geerndtet hatte, hatten sie jetzt grade fast keine Früchte, ausgenommen in einem Paterre, wo man sie gelassen hatte, u. wo wir die Bäume mit den großen goldnen Orangen u. Zitronen über u. über so beladen sahen, daß sich die Zweige zur Erde bogen. Diese Pflanzungen sollen den Besitzern erstaunlich viel eintragen; es sind nicht Gärten, sondern Wälder von Orangen-Bäumen, wo sie dicht nebeneinander stehn, von Gängen durchkreuzt, in denen man lauter Wohlgerüche einathmet. Wir besahen verschiedene Pflanzungen, sie sehn sich alle sehr ähnlich: in Einer fanden wir viele fremde Bäume; unter andern eine herrliche Dattel-Palme. Sie war hundert Jahr alt, schnurgrade u. so hoch wie die höchsten Eichen: sie hatte viele Früchte, die aber noch nicht reif waren, u. einen unangenehmen Geschmack hatten, indessen sollen sie im Sommer reif werden: auch sahen wir hier einen Kokosbaum der viel Ähnlichkeit mit dem Platanen-Baum hat. Nachdem wir uns an den schönen Orangen- Pflanzungen genug ergötzt hatten fuhren wir ohne weiteren Aufenthalt nach Toulon zurück, wo wir um fünf Uhr ankamen, u. schon Hrn. Bastianelli, einen der Inspektors des Arsenals, an den wir addressirt waren, vorfanden, mit dem wir sogleich ins Arsenal giengen, um es ganz zu besehn ehe es dunkel ward. Das Arsenal ist gar nicht, was man sonst unter dem Namen versteht, ein Zeughaus: das Arsenal ist so groß wie die ganze Stadt: es ist eigentlich eine Abtheilung des Hafens, mit einer Menge Gebäude, in denen alles was zur Marine gebraucht wird verarbeitet wird. Wir sahen die große Schmiede, ein ungeheures gewölbtes Gebäude; man glaubt hier in der Werckstätte Vulkans zu seyn: auf vier u. zwanzig großen Heerden glühte Eisen. In einer andern großen Abtheilung werden blos Nägel, von allerhand Größen u. Gestalten gemacht; in noch einer andern alle scharfe Werckzeuge, Beile, Meißel, Messer, Säbel u.s.w. – Von hier giengen wir zur Corderie, wo alle Stricke und Ankertaue zu den Kriegs-Schiffen gemacht werden: dies Gebäude hat inwendig zwey Reihen steinerner Pfeiler, die es tragen u. drey Gänge bilden, in denen die Stricke gedreht werden, u. die einen sehr hübschen Anblick gewähren, da das Gebäude 1250 Fuß lang, u. von Einem Ende zum andern beinahe unabsehbar ist. Hierzu gehört wieder ein andres Gebäude in welchem die Stricke zu Strickleitern, Flaschenzügen etc. verarbeitet werden. Auch sahen wir die Kanonen u. Mörser, die zur Ausrüstung neuer Schiffe fertig liegen: man will jetzt keine andern wie eiserne Kanonen haben, weil der Knall der bronzernen zu starck ist, u. die Soldaten taub macht.

Eine der interessantesten Sachen im Arsenal ist das Modell-Haus. Es enthält eine sehr große Anzahl von kleinen hölzernen Modellen, von allen verschiedenen Bauarten der Schiffe, u. von allen Maschinen die im Hafen, oder zur Erbauung der Schiffe gebraucht werden, besondere Modelle von Schiffen die besonders schnell gesegelt haben; endlich alles, im Kleinen, was auf das Seewesen den entferntsten Bezug hat, bis auf alle Sorten Nägel die an Schiffen gebraucht werden. Alle diese Modelle sind außerordentlich fein, u. nach den genauesten Verhältnissen, gearbeitet. Junge Leute die sich dem Ingénieur-Stande widmen, werden nach diesen Modellen unterrichtet.

Im Hafen sahen wir nur zwey Linienschiffe, die auf ihre Mannschaft warten; wir giengen nicht hinein, weil sie von Innen noch in Unordnung sind. Zwey andre wurden gebaut. Und ein fünftes wurde ausgebessert: es lag zu dem Behuf in einem kleinen Bassin der mit ungeheuren Kosten dazu eingerichtet ist, u. von dem das Wasser durch eine Schleuse abgehalten wird, so daß das Schiff trocken liegt. Im Modellhaus ist der Plan dieses Bassins, durch den man eine deutliche Idee davon bekömmt. Erst wenn man ein Kriegs-Schiff in diesem engen Raume, u. da es im Trocknen liegt, ganz u. gar übersieht, lernt man die ganze Größe der ungeheuren schwimmenden Maschine einsehn. Vom Hafen aus kann man sehr deutlich sieben Linien-Schiffe u. einige Fregatten sehn, die auf der Rhede liegen, bisweilen soll man sogar die englische Flotte unterscheiden können. Alle schweren Arbeiten im Arsenal werden durch die Galeeren-Sklaven verrichtet, deren Anblick für Fremde sehr auffallend ist. Sie werden in drey Klassen getheilt: die Erste machen diejenigen, die nur für leichte Verbrechen und kurze Zeit da sind, Deserteurs, Soldaten die gegen die Subordination gefehlt haben u. s. w.: sie haben nur einen eisernen Ring am Fuß, u. gehn frey umher, d. h. im Arsenal, denn in die Stadt darf kein Forçat kommen. Die zweyte Klasse besteht aus größern Verbrechern: sie arbeiten zwey u. zwey mit schweren Ketten an den Füßen zusammengefesselt. Die dritte Klasse, die der schwersten Verbrecher, ist an die Bänke der Galeere geschmiedet, die sie garnicht verläßt: diese beschäftigen sich mit solchen Arbeiten, die sie im Sitzen verrichten können. Das Loos dieser Unglücklichen halte ich für bey weiten schrecklicher, wie Todes-Strafen. Die Galeeren, die ich von außen gesehn habe, scheinen der schmutzigste ekelhafteste Aufenthalt der sich dencken läßt. Die Galeeren gehn nicht mehr zur See: es sind alte kondemnirte Schiffe. Das Lager der Forçats ist die Bank an die sie gekettet sind. Ihre Nahrung bloß Wasser und Brod: u. ich begreife nicht wie sie, ohne eine kräftigere Nahrung u. von Kummer verzehrt, bey der starcken Arbeit, nicht eher unterliegen; denn während ihrer Sklaverey werden sie ganz wie Lastthiere behandelt: es ist schrecklich wenn man es bedenckt, daß das Leben dieser elenden Galeeren-Sklaven, was viel sagen will, ganz freudenlos ist: u. bey denen, deren Leiden auch nach fünf u. zwanzig Jahren kein Ziel gesetzt ist, auch ganz hoffnungslos: läßt sich eine schrecklichere Empfindung dencken, wie die eines solchen Unglücklichen, während er an die Bank in der finstern Galeere geschmiedet wird, von der ihn nichts wie der Tod mehr trennen kann! – Manchem wird sein Leiden wohl noch durch die unzertrennliche Gesellschaft dessen erschwert, der mit ihm an Eine Kette geschmiedet ist. Und wenn dann nun endlich der Zeitpunkt herangekommen ist, den er, seit zehn od. zwölf, od., was selten kommt, zwanzig ewig langen Jahren, täglich mit verzweifelnden Seufzern herbeywünschte: das Ende der Sklaverei: was soll er werden? er kommt in eine Welt zurück, für die er seit zehn Jahren todt war: die Aussichten die er vielleicht hatte, als er zehn Jahr jünger war, sind verschwunden: keiner will den zu sich nehmen, der von der Galeere kommt: u. zehn Jahre Strafe haben ihn von dem Verbrechen des Augenblicks nicht reingewaschen. Er muß zum zweyten Mal ein Verbrecher werden, u. endet am Hoch-Gericht. – Ich erschrak als ich hörte, daß hier sechstausend Galeeren-Sklaven sind. Die Gesichter dieser Menschen können einen hinlänglichen Stoff zu physionomischen Betrachtungen geben. –

Wir hatten jetzt alle Merckwürdigkeiten von Toulon gesehn, u. verließen es am andern Tage. Der Weg von Toulon nach Marseille ist sonst nur Eine Tagereise. Da ich aber mit der Miss Nichols fuhr, die mit ihren eignen Pferden reiste, was eine große Beschwerde ist, mußte ich mit ihr einen Tag zurückbleiben: wir schliefen wieder in Cuge, u. kamen am folgenden Mittag erst in Marseille an.

Während der ganzen Zeit unseres Aufenthalts in Marseille hatte fortwährend der kalte Vent de bise, den man hier Mystral nennt, geweht: der sich aber stets gegen Abend legt, um welche Zeit man alsdann auf der Alée du Mail, den Boulewards u. der Montagne Bonaparte spatzieren geht. Auch auf der Reise nach Toulon hat dieser Wind uns verfolgt, doch ist er dort weniger fühlbar als in Marseille. Wenn diese Geißel des südlichen Frankreichs weht, ist das Wetter so veränderlich, daß man oft alle vier Jahrzeiten an Einem Tage hat: es ist alsdann kälter wie im Winter: wenn der Wind aber eine Weile einhält, wird es plötzlich heiß: dann und wann regnet es ein wenig, u. nach einer halben Stunde sind die Straßen wieder trocken. – Da wir aus Toulon zurückkamen hatte der Mystral endlich aufgehört, u. es war jetzt auf Ein Mal sehr heiß geworden; im Hafen, u. in den Haupt- Straßen hatte man über die breiten Trottoirs große Leinwandne Markisen ausgespannt, so daß man ganz im Schatten geht: eine sehr angenehme Einrichtung welche die große Hitze hier nothwendig macht.

An einem windstillen Tage ließen wir uns ein Mal auf die Rhede rudern. Ich habe die Nordsee nie so ruhig gesehn wie ich das Mittelländische Meer fand, bisweilen soll es so still wie ein Teich seyn. Wir fuhren ohne die geringste Unannehmlichkeit auf der Rhede. Das Wasser ist außerordentlich klar, besonders in einer kleinen Bucht, in der bisweilen viertausend Menschen beyderley Geschlechts baden sollen: der großen Hitze ungeachtet fängt man hier daher im Juny zu baden an. Man kann von hier die Küste des Dauphiné's u. den engen Eingang des Hafens sehr gut übersehn. Nahe am Ufer sind zwey Felseninseln: auf der einen liegt das kleine Fort d'Iff, in welchem der Masque de Fer lange gefangen saß. – Die großen Felsen am Gestade, die in die See herausragen u. Grotten bilden, in denen Fischer ihre Netze auswerfen, gewähren einen hübschen Anblick.

Während unsers ersten Aufenthalts in Marseille machten wir ein Mal eine Ausfahrt nach dem Chateau Borelli, welches für das schönste Landhaus um Marseille gilt: das Schloß ist sehr hübsch, u. enthält eine schöne Gemählde-Sammlung: der Garten ist nichts außerordentliches. Um Marseille ist kein einziger recht schöner Garten: doch ersetzt dies die herrliche Lage u. Aussicht der Bastiden.