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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

WILLKOMMEN IN DER GENERATION ERFOLG!
Dieses Buch bietet reinste Frauenpower. 14 Autorinnen, alle gestandene Frauen aus Weiterbildung und Coaching, verraten hier ihre besten Methoden und Tipps zum Thema Persönlichkeitsentwicklung. Sie schreiben für Frauen, die sich aufmachen oder bereits aufgemacht haben, in ihrem Beruf das Beste zu geben, ihre Talente einzubringen und Dinge zu verändern – also für Sie!
Das ist das Coachingbuch für Sie, wenn Sie Karriere machen wollen. Für Sie, wenn Sie eine starke Rolle in Wirtschaft und Gesellschaft spielen möchten. Es ist aber auch dann das richtige Buch für Sie, wenn Sie einem Unternehmen den Rücken kehren und sich selbstständig machen wollen. Für Sie, wenn Sie noch souveräner auftreten, noch wirkungsvoller handeln und noch klarer entscheiden wollen. Für Sie, wenn Sie ein selbstbestimmtes Leben führen wollen, das Sinn, Erfolg und Zufriedenheit verbindet.
Dieses Buch ist der Erfolgsbegleiter für Frauen, die fachlich bereits Spitze sind und ihre Führungspersönlichkeit für den Weg an die Spitze stärken wollen.
 
Nie standen die Chancen für Frauen, im Beruf aufzusteigen, noch mehr Einfluss und Verantwortung zu übernehmen, so gut wie heute, zu Beginn der »Zehner-Jahre« des 21. Jahrhunderts:
002 Frauen steigen in die Vorstandsetagen deutscher Weltkonzerne auf – bisher hieß es dort überwiegend: »Wir müssen draußen bleiben« -, wie bei Henkel, E.ON, SAP oder Siemens.
003 Eine breite Front von Politiker/innen, Manager/innen und Medienfrauen pushen die Forderung, die Zahl von Frauen in den Aufsichtsräten zu erhöhen.
004 Auch konservative Firmen, für die Frauen bisher gar kein Thema waren, entwickeln plötzlich Weiterbildungsangebote speziell für Frauen, um sie fit fürs Management zu machen.
005 Und die Telekom, eines der traditionellsten deutschen Großunternehmen, beschließt in Gestalt des Personalvorstands Thomas Sattelberger, vormals profiliert als Hardliner, und seines Vorstandsvorsitzenden René Obermann, den Anteil von Frauen in Führungspositionen bei den T-Unternehmen bis zum Jahr 2015 auf mindestens 30 Prozent zu steigern – mindestens!
Andere Unternehmen werden mit Sicherheit nachziehen. Das bedeutet, dass mehrere Hunderttausend Führungspositionen in den nächsten Jahren für Frauen geöffnet werden: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts gibt es in Deutschland derzeit rund 4,9 Millionen Führungspositionen. Da der Frauenanteil derzeit bei 16 Prozent liegt, gibt es demnach heute etwa 785 000 weibliche und 4,1 Millionen männliche Führungskräfte. Durch eine 30-Prozent-Frauenquote kämen also knapp 700 000 Frauen neu auf den Chefsessel. Wow! Das ist Ihre Chance!
Auf diese Herausforderung möchte das Buch die »Generation Erfolg« einstimmen und vorbereiten, also Frauen wie Sie. Das sind Frauen, die sich jetzt anschicken, Verantwortung in Unternehmen zu übernehmen oder auszubauen. (Übrigens: Die Inhalte gelten natürlich auch für Männer, Sie dürfen Ihren Liebsten durchaus mitlesen lassen!) Das Zeug dazu haben Sie, jetzt geht es um Selbstdarstellung, strategisches Denken und Selbstmotivation.
Drei Frauen im Vorstand steigern die Erträge
Die US-Frauenorganisation Catalyst untersuchte die 500 größten Aktiengesellschaften Amerikas und kam zum gleichen Schluss wie die vergleichsweise unverdächtige Unternehmensberatung McKinsey: Gemischte Führungsgremien sind sowohl ökonomisch als auch von der Unternehmenskultur her signifikant erfolgreicher. Die Firmen mit den meisten Frauen im Vorstand erzielten im Vergleich zu solchen ohne Frauen eine bis zu 53 Prozent höhere Eigenkapitalrendite.
Wo sich mindestens drei Frauen im Vorstand finden, steigen die Erträge nachweislich. Drei allerdings müssen es sein, um die dominierende Kultur in einer Gruppe zu beeinflussen. Die klassische Einzelkämpferin, so viel steht fest, kann nichts verändern. Entweder sie passt sich dem männlichen Verhaltenskodex an – oder sie scheitert.
SPIEGEL online, 28.1.2008
Schon seit vielen Jahren haben Frauen bewiesen, dass sie die besseren Schulabschlüsse hinlegen, die besseren Prüfungsnoten in Studium und Ausbildung erzielen, oft höher qualifiziert in ihren Jobs sind als die gleichaltrigen Männer. Dass Frauen fleißig sind, daran zweifelt sowieso niemand.
Viele Jahre wurde diese Kombination aus Fleiß und Qualität nur unzureichend gewürdigt. Unternehmen waren zögerlich, Frauen ihrer Performance entsprechend zu fördern und zu befördern. Sie waren zwar als starke Leistungsträgerinnen geschätzt, als Führungskräfte aber unterschätzt. Die Vorbehalte waren immer die gleichen: Frauen sind so anders, sie führen so anders, sie denken so anders, sie reden so anders – und außerdem können sie Kinder bekommen. Immer das alte Lied.
Jetzt rücken diese tüchtigen, klugen Frauen in den Fokus. Aus welchen Gründen auch immer:
006 Der demografische Wandel mit der sinkenden Zahl jungen Nachwuchses schreit geradezu danach, das Potenzial der qualifizierten Frauen zu nutzen.
007 Krisenzeiten brauchen Führungskräfte, die Mitarbeiter integrieren und motivieren können, gerade bei sinkenden Karriereaussichten.
008 Untersuchungen beweisen, dass Unternehmen mit gemischten Führungsteams die besseren wirtschaftlichen Ergebnisse erzielen.
009 Junge Väter entscheiden sich immer häufiger, bei der Geburt eines Kindes Erziehungsmonate zu nehmen. Das heißt, das »Ausfallrisiko« durch Kinder steigt auch bei Männern.
010 Ja, und nur wer Böses denkt, erinnert sich daran, dass Frauen schließlich in Deutschland immer noch im Schnitt 23 Prozent weniger verdienen als Männer (Stand 2010). Auch so kann man Personalkosten sparen.
Wie trifft Sie die neue Frauenbewegung? Fachlich super aufgestellt, hoch motiviert, den Aufgaben verpflichtet und mit dem Wunsch, sich noch deutlicher zu positionieren und zu profilieren? Prima, dann sind Sie dabei. Denn ich muss nicht in die Kristallkugel blicken, um Folgendes zu sehen: Der Wettbewerb um Führungspositionen wird härter. Quote heißt nicht, dass Frauen der rosarote Teppich ausgerollt wird. Nein, Sie müssen knallhart beweisen, dass Sie den Erwartungen gerecht werden.
Die Stärkung wichtiger Soft Skills kann Ihnen dabei helfen, die Persönlichkeit zu entwickeln, den Auftritt zu professionalisieren und sich Respekt und Anerkennung zu erarbeiten. Und darum geht es in diesem Buch: darum, an Ihrer eigenen Persönlichkeit zu arbeiten. Und dann die Persönlichkeit anderer Menschen zu entwickeln.

Zu den Autorinnen

Sie haben es sicher schon bemerkt – hier schreiben lauter Frauen. Ja, sage ich Ihnen, und was für welche! Ich habe einige der besten Trainerinnen und Coaches Deutschlands gebeten, ihr Wissen und ihre Erfahrungen für dieses Buch beizusteuern. Ich arbeite seit Jahren mit diesen Kolleginnen zusammen und schätze ihre Arbeit, ihre Kreativität und Einzigartigkeit sehr. Freuen Sie sich jetzt schon auf den Fragebogen, den jede Autorin im Anschluss an ihr Kapitel ausgefüllt hat.
Jeder der hier abgedruckten Beiträge bildet einen wichtigen Puzzlestein zum Gesamtbild der Persönlichkeitsentwicklung. Die Autorinnen beschreiben echte Coachingfälle, die zu klugen Lösungen geführt haben, beschreiben bewährte Erfolgsstrategien und verraten die besten Methoden für Veränderungen.
 
Dies sind die Autorinnen und ihre Erfolgsthemen:
 
ANDREA LIENHART, Managementtrainerin und Coach aus Freiburg, plädiert in ihrem Kapitel »Begeistert von Stärken reden – geht doch!« dafür, sich an dem zu erfreuen, was man kann – und damit sichtbar zu werden.
 
CHRISTINE WEINER, Bestsellerautorin und Businesscoach in Mannheim, zeigt in ihrem Kapitel »Herzensbildung«, was diese mit Führung zu tun hat und warum sie auf den Stundenplan jeder Lebensschule gehört.
 
LIZ HOWARD, Stimmtrainerin aus New Orleans/München, gibt Ihnen in ihrem Beitrag »Ihre Stimme, Ihr Auftritt, Ihr Erfolg!« wertvolle Tipps, wie Sie Ihre Stimme zu Ihrer starken Freundin machen, damit Sie gehört werden.
 
ELVIRA HASLINGER, Topcoach aus Zell am See, Österreich, erklärt in ihrem Kapitel »Mach dich stark für deine Zukunft – Erfolg mit Selbstmotivation«, warum Handeln die Selbstmotivation entfacht.
 
MELANIE VON GRAEVE, Gründerin einer Eventagentur und Businesscoach in Frankfurt, zeigt in ihrem Beitrag »Think Business«, warum unternehmerisches Denken für den Schritt in die Selbstständigkeit genauso wichtig ist wie für den Schritt nach oben auf der Karriereleiter.
 
EVA LOSCHKY, Energie- und Körpersprachetrainerin aus München, erzählt im Kapitel »Wir waren locker, wir haben gelacht, wir haben gewonnen – Die Geschichte eines Blitzcoaching« die spannende Geschichte eines Blitzcoaching mit sichtbaren Folgen.
 
RENATE WEISS-KOCHS, Kommunikationstrainerin und Coach aus München, zeigt in ihrem Kapitel »Entfalten Sie Ihre Wirkung«, wie Sie Ihre Ausstrahlung von innen nach außen optimieren können.
 
CHRISTA SCHIFFER, Businesscoach und Schwertkämpferin aus Köln, verrät Ihnen in ihrem Kapitel »Souverän wie ein Samurai«, wie persönliche Souveränität zum Erfolg führt.
 
BARBARA GRABER, Erfolgscoach aus Klagenfurt/Österreich, beschreibt in ihrem Kapitel »PePPer Your Life!« sieben scharfe Ideen, um Ihr persönliches Erfolgsrezept zu verfeinern.
 
CORDULA NUSSBAUM, Zeitmanagement-Trainerin aus Sauerlach bei München, stellt in ihrem Beitrag »Zeitmanagement für kreative Chaoten« klassische Organisationsratschläge auf den Kopf, denn, so meint sie, kreative Chaoten sind wichtiger denn je.
 
ROSWITHA VAN DER MARKT, MBA (Harvard), Unternehmensberaterin und Führungskräfte-Coach aus Hebertshausen bei München, erklärt in ihrem Beitrag »Ein rundes, volles Leben – und ich lebe es auf meine Weise!«, warum es die größte Herausforderung des Lebens ist, sich selbst zu führen.
 
MONICA DETERS, erfahrene Vorstandsassistentin und der Hamburger Coach für die »Sehnsucht nach dem Mee(h)r«, beschreibt in ihrem Beitrag »Such dir einen Lotsen«, warum Frauen mehr Raum einnehmen sollten.
 
ICH SELBST schreibe in meinem Beitrag »Ich bin, wie ich bin« über die schwierige Balance zwischen Authentizität und Professionalität im Job und gehe der Frage nach: Wie weit müssen Frauen sich verbiegen, wenn sie Karriere machen wollen?
 
BILEN ASGODOM, seit vielen Jahren Projektleiterin der Asgodom Training Group (und meine Tochter), beschreibt im letzten Kapitel »Mutmacher gesucht – Wie Sie Unterstützer finden« aus ihrer Erfahrung mit der Vermittlung von Trainerinnen, Rednerinnen und Coaches, worauf es bei der richtigen Wahl eines Coachs ankommt.
 
Und ganz am Schluss bieten wir Ihnen einen einzigartigen Service: Diskutieren Sie mit den Autorinnen. In regelmäßigen Abständen werden die Erfolgscoaches per Internet für Ihre Fragen zur Verfügung stehen. Die Details finden Sie am Ende des Buches.
Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre. Und denken Sie daran: Immer noch sind Frauen in Führungspositionen Pionierinnen, die Neuland erkunden, den richtigen Weg finden und sich immer wieder als verlässliche Partnerin beweisen müssen. Ich wünsche Ihnen dabei viel Erfolg!
 
Sabine Asgodom

Andrea Lienhart
BEGEISTERT VON STÄRKEN REDEN – GEHT DOCH!

SICH SELBST PRÄSENTIEREN LEICHT GEMACHT

Silvia G. ist eine attraktive junge Frau, Mitte 30, mit langen, schwarzen Haaren. Sie arbeitet als Projektleiterin in einem großen Pharmaunternehmen am Ort.
Als sie zu mir kommt, merke ich gleich, wie aufgeregt sie ist. »Stellen Sie sich vor, Frau Lienhart«, sprudelt es aus ihr heraus, »unser Geschäftsführer, Herr W., hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, stellvertretende Personalleiterin zu werden!«
»Herzlichen Glückwunsch, Frau G.!«, antworte ich. »Sie haben natürlich Ja gesagt«.
»Hab ich nicht!«, ruft sie. Sie setzt sich hin und streicht mit den Händen über ihr dunkelblaues Kleid. »Ich weiß nicht, ob ich mir das überhaupt zutrauen kann. Herr W. hat mich gebeten, ihm in einiger Zeit Bescheid zu geben, wie ich über die Sache denke.«
»Und wie denken Sie darüber?«
»Na ja«, sagt sie. »Ich habe bisher ja eigentlich nur Teams geleitet. Als Personalverantwortliche müsste ich einen Einblick in sämtliche Abteilungen haben. Ob ich das schaffe? Ich müsste bei vielen Personalangelegenheiten mit dabei sein und mich insbesondere in juristische Fragen noch stärker einarbeiten. Bei dem Gedanken graust es mir so richtig, glauben Sie mir! Ich weiß nicht, ob ich dem Ganzen gewachsen bin. Als stellvertretende Personalleiterin wird ein großer Teil der Arbeit des Personalchefs auf mich fallen. Da müsste ich vieles selbstständig entscheiden.«
»Hm, aber offensichtlich hält Ihr Chef doch große Stücke auf Sie. Er scheint Ihnen mehr zuzutrauen als Sie sich selbst. Was hindert Sie?«
Frau G. schaut mich mit ihren großen Augen an. »Na ja, vielleicht denkt er, dass ich ganz gut organisieren kann. Er sagt mir oft, dass meine Teams immer ordentliche Arbeit abliefern. Im letzten Jahr hat eine Gruppe, die ich geleitet habe, sogar einen Preis gewonnen – na, da hab ich eben Glück gehabt! Doch wenn ich mehr Verantwortung übernehmen soll, sieht jeder, was mir noch alles fehlt zur Chefin …« Frau G. zuckt die Schultern und blickt traurig zu Boden.
»Aber ich bin sicher, dass dieses alles kein Zufall sein kann, Frau G.: Der Preis im letzten Jahr, die Anerkennung Ihres Chefs, das Stellenangebot jetzt. Wenn Sie sich selbst einschätzen würden: Worin liegen denn Ihre besonderen Stärken?«, frage ich.
»Ach, Frau Lienhart«, ruft sie. »Ihnen kann ich es ja sagen, weil Sie Coach sind. Es fällt mir nämlich total schwer, im Mittelpunkt zu sein. Unser Personalchef mit all seiner Erfahrung steht in der Abteilung da wie ein fester Pol, um den alles kreist – sehr beeindruckend. Das bring ich einfach nicht! Außerdem bin ich zu den meisten Leuten viel zu gefällig – ich kann eben nicht Nein sagen, verstehen Sie? Geschweige denn, dass sie bei der Arbeit auf meine Anweisungen hören. Ich mache es dann einfach lieber selbst. Dann kann ich auch sicher sein, dass die Arbeit richtig gemacht wird. Ich kann niemanden richtig überzeugen, glaube ich.«
Ich beobachte Frau G. aufmerksam. Während ihrer kleinen Rede ist sie richtig in Fahrt gekommen. Jetzt glänzen ihre Augen, sie sitzt hoch aufgerichtet, und ihre Stimme hat einen lebhaften, angenehmen Klang. Sie unterstreicht ihre Worte mit energischen Handbewegungen. Sie wirkt authentisch, absolut überzeugend!
Ob ihr bewusst ist, dass sie die ganze Zeit nur von ihren Schwächen spricht, obwohl ich sie nach ihren Stärken gefragt habe?
Plötzlich muss sie lachen. »Wissen Sie, woran ich oft denken muss, seit Herr W. mir heute Nachmittag das Stellenangebot gemacht hat?« Sie kichert. »An einen Spruch, den mir meine Mutter vor 30 Jahren auf die vorderste Seite meines Poesiealbums geschrieben hat: ›Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein. Nicht wie die stolze Rose, die stets bewundert will sein.‹«
Da muss ich ebenfalls lachen. »Dieser Spruch stand auch in meinem Poesiealbum«, sage ich. »Ich habe mich glücklicherweise nie daran gehalten. Vergessen Sie den Spruch! Ihr Chef traut Ihnen eine Menge zu. Beweisen Sie ihm, dass er damit recht hat!«
»Glauben Sie denn, dass ich das schaffe?« Mit einem Mal ist Frau G. wieder das kleine verängstigte Mädchen, auf dem die Last einer ganzen Welt liegt. Ich denke bei mir: Vor allen Dingen muss sie lernen, an sich selbst zu glauben; wir müssen unbedingt an ihrem Selbstbewusstsein arbeiten.

WAS IST DAS EIGENTLICH: SELBSTBEWUSSTSEIN?

Selbst-Bewusst-Sein bedeutet nichts anderes als: bewusst auf sich selbst zu blicken – Klarheit zu gewinnen über sich selbst.
Im Grunde weiß Frau G. doch sehr genau, wie sie andere Menschen überzeugen kann. Sie war kaum zu bremsen, als sie über ihre (vermeintlichen) Schwächen gesprochen hat. Sie sprach so voller Leidenschaft und unterstrich ihre Worte eindrucksvoll durch Mimik und Gestik. Wenn das mal nicht überzeugend war … am liebsten hätte ich sie gefilmt!
Frau G. ist nicht die Einzige, die so begeistert über ihre Schwächen spricht. Immer wieder mache ich in meinen Seminaren und Coachings die Beobachtung, dass viele Menschen eine merkwürdige Zurückhaltung an den Tag legen, wenn sie über ihre Stärken sprechen sollen. So als sei das peinlich. Dabei gibt es niemanden – wirklich niemanden! -, der überhaupt keine Stärken hätte. Jeder Mensch beherrscht irgendetwas besonders gut – so wie auch jeder auf seine Weise einzigartig ist.
Warum fällt es dann so schwer, darüber zu sprechen? »Ich kann das nicht«, höre ich dann zum wiederholten Male von meinen Seminarteilnehmer /innen. »Ich weiß nicht, wie man das macht.«
»Stimmt nicht«, antworte ich in solchen Fällen. »Legen Sie doch innerlich einfach mal den Schalter um! Sie müssen nur damit beginnen, von Ihren Stärken ebenso begeistert zu sprechen wie von Ihren Schwächen.«
 
Übung
Beobachten Sie sich einfach einmal selbst, wenn Sie über Ihre Schwächen sprechen. Schildern Sie diese lebendig? Wirken Sie dabei selbstbewusst? Erzählen Sie dazu kleine Geschichten? Untermauern Sie Ihre Schilderungen durch die entsprechende Körpersprache?
Prima! Dann machen Sie es doch einfach genauso, wenn Sie über Ihre Stärken sprechen.
 
Manchmal bitte ich Seminarteilnehmer/innen, vor den anderen irgendetwas zu präsentieren oder vorzutragen. Dann frage ich die anderen: »Was hat uns gut gefallen an der Präsentation?« Und danach, in einer zweiten Runde, frage ich: »Welche Tipps könnten Sie Ihrem Kollegen geben, damit er noch besser wird?«
Oft notieren die Teilnehmer/innen das Feedback, das sie von der Gruppe bekommen – aber erstaunlicherweise nur dann, wenn es um die Schwächen geht. Dabei könnten sie doch ebenso gut notieren, was ihnen gelungen ist. Sie könnten doch auch aus ihren Erfolgen lernen – nicht nur aus ihren Fehlern.
 
Praxistipp
Wenn Sie das nächste Mal Feedback erhalten, notieren Sie sich nicht nur die Punkte, die Sie verbessern wollen. Schreiben Sie sich auch alles auf, was Ihnen gut gelungen ist.
Sie lernen nicht nur aus Ihren Fehlern, sondern auch aus Ihren guten Erfahrungen!
 
Tendenziell trauen sich besonders Frauen zu wenig zu und sind allzu bescheiden. Manche Männer dagegen tragen eher dick auf. Frauen muss ich im Seminar gelegentlich stärken; Männer manchmal ein bisschen auf den Boden herunterholen. Meistens ist weder den Frauen noch den Männern ihr Verhalten bewusst. Obwohl es – von außen betrachtet – sofort ins Auge springt. Dabei ist beides gleichermaßen karrierehinderlich, das allzu dicke Auftragen und das Niedrigstapeln.
Im Job ist es sehr wichtig, die eigenen Stärken genau zu kennen und darstellen zu können. Nicht um anzugeben. Es gibt so viele Situationen im beruflichen Alltag, in denen es erforderlich ist, über die eigenen Stärken zu sprechen:
011 im Mitarbeiter-Jahresgespräch beispielsweise
012 bei einer Gehaltsverhandlung
013 in einem Feedbackgespräch
014 wenn zu Beginn eines neuen Projektes die Teilnehmer/innen zusammenkommen und sich alle kurz vorstellen
015 wenn Sie in eine neue Abteilung möchten
016 wenn Sie eine neue Aufgabe erhalten wollen
017 wenn Sie mit Ihren Kunden telefonieren – Ihre Kunden möchten ja nicht allein vom Angebot, das Sie ihnen offerieren, überzeugt werden, sondern auch von Ihnen als Persönlichkeit …
Reichlich Gelegenheiten also, wo Sie auf sich aufmerksam machen können – auf das, was Sie besonders gut können.
Dabei geht es nicht nur um das Üben auf der Verhaltensebene. Es nutzt gar nichts, sich zum Beispiel vorzunehmen, mit lauter Stimme zu sprechen, gerade zu sitzen oder lebhaft zu gestikulieren. Wenn ich mir selbst nicht glaube, was ich sage, dann wirken solche gestischen und mimischen Mittel aufgesetzt. Aber wenn ich von mir selbst überzeugt bin, dann geht die Körpersprache von ganz allein mit.
Wie gut es doch tut, sich an dem zu begeistern, was mir gelungen ist! Sich an dem zu erfreuen, was ich kann und was ich bewirke – an dem, was andere gut an mir finden!
Doch geben wir uns auch wirklich immer selber die Erlaubnis dafür, die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten bewusst auszukosten?
 
Praxistipp: Wechseln Sie öfter die Perspektive!
Gelegentlich sollten Sie ganz bewusst einmal die Perspektive wechseln.
018 Etwa indem Sie sich vorstellen, Sie wären Ihre eigene Personalchefin: Aus welchen Gründen würden Sie sich selbst einstellen?
019 Oder stellen Sie sich vor, Sie wären zehn Jahre älter als jetzt und würden zurückschauen: Wie würden Sie sich dann wohl beurteilen in Ihrer aktuellen Situation?
020 Sie könnten auch zu sich selbst sagen: Mal angenommen, meine frühere Chefin oder mein Klassenkamerad oder auch mein Kollege wäre jetzt da – was würden die mir raten?
021 Oder Sie sehen sich selbst in einem Vorstellungsgespräch: Würden Sie sich wohl selber gern einstellen wollen?
Solche Vorstellungen verändern die Perspektive und weiten den Blick.
 
Praxistipp: Mein 360-Grad-Feedback
Wenn Ihnen dieser Perspektivenwechsel noch schwerfällt, probieren Sie es doch einfach mal mit Ihrem persönlichen 360-Grad-Feedback, um sich besser mit den Augen anderer sehen zu können.
Gewöhnlich wird ein 360-Grad-Feedback in großen Unternehmen eingesetzt, um die Kompetenzen von Führungskräften aus unterschiedlichsten Blickrichtungen zu beleuchten. Vorgesetzte, Mitarbeiter, zuweilen auch Kunden und Geschäftspartner, werden dabei um ihre Meinung gefragt. Professionell durchgeführt, ist ein 360-Grad-Feedback eine recht aufwendige Methode zur Persönlichkeitsanalyse. Doch kann es jeder – und jede – im Kleinen auch für sich selbst organisieren.
Überlegen Sie sich einige Fragen, die Rückschlüsse über Ihre Persönlichkeit ermöglichen. Stellen Sie diese Fragen – drei oder vier an der Zahl – unterschiedlichen Menschen in Ihrem Umfeld: Menschen, die Sie beruflich kennen; Menschen, die Sie privat kennen; Menschen, die Sie besonders gut – und auch solchen, die Sie weniger gut kennen. Ihre Fragen können etwa lauten:
022 »Welche drei Stärken verbinden Sie mit mir?«
023 »Welche drei Berufe könnten Sie sich für mich vorstellen außer dem, den ich bereits ausübe?«
024 »Welche drei Tipps würden Sie mir geben in Hinblick auf meine Karriere?«
025 »Aus welchen drei Gründen würden Sie mich beruflich weiterempfehlen?«
Die Antworten, die Sie bekommen, schreiben Sie auf. Dieses persönliche 360-Grad-Feedback wird Ihnen zeigen, wie andere Menschen auf Sie blicken. Betrachten Sie das Ganze als eine Art tiefsinniges Spiel und bewahren Sie eine gewisse Distanz gegenüber den Antworten, die Sie hören werden. Sie müssen nicht gleich einen der vorgeschlagenen Berufe ergreifen. Doch in jedem Fall erfahren Sie eine Menge über sich selbst.
 
Praxistipp: Das Alphabet
Wenn es Ihnen zunächst schwerfällt, Ihre eigenen Stärken zu bestimmen, dann rate ich Ihnen zu folgender Kreativitätstechnik: Notieren Sie einige Dutzend Eigenschaften von sich – Eigenschaften, so wie sie Ihnen gerade einfallen, in bunter Fülle. Sie können zum Beispiel versuchen, zu jedem Buchstaben des Alphabets eine Eigenschaft von sich zu finden. Das sieht dann vielleicht so aus:
 
Meine Stärken:
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Sammeln Sie diese Eigenschaften – und dann erst, in einem zweiten Schritt, bewerten Sie sie:
027 Das finde ich positiv:
028 Das finde ich negativ:
Dabei werden Sie höchstwahrscheinlich feststellen, dass es Eigenschaften gibt, die sowohl Stärken als auch Schwächen sein können, je nach Situation. Wenn ich also zum Beispiel zielorientiert bin – kriege ich dann nicht manchmal einen Tunnelblick? Und bei perfektionistisch? Dann erledige ich meine Dinge sehr exakt und sehr genau – habe aber den Nachteil, dass ich unter Umständen selbst für einfache Aufgaben mehr Zeit brauche als unbedingt nötig.
Sehen Sie dieses Sammeln als kontinuierlichen Verbesserungsprozess an – und achten Sie darauf, insgesamt möglichst viele Stärken von sich zu sammeln!
 
Praxistipp: Der Postkartenständer
Wenn Sie das nächste Mal durch die Innenstadt bummeln, gehen Sie zu einem Laden, der Postkarten anbietet, eine schöne, große Auswahl in bunten Ständern. Greifen Sie hinein und suchen Sie sich intuitiv ein paar Motive aus, die Sie mit sich selbst verbinden. Zu Hause können Sie sich die Postkarten noch einmal vor Augen führen und darüber nachdenken, was die abgebildeten Motive mit Ihnen persönlich/mit Ihrem Job etc. zu tun haben. Auf diese Weise wird es Ihnen mit Leichtigkeit gelingen, einige Ihrer Eigenschaften aufzuspüren und zu benennen – und möglicherweise werden Sie am Ende ganz überrascht sein, was Ihnen alles zu sich selbst eingefallen ist!
Ich sehe noch die bunte Sammlung von Postkartenmotiven vor mir, die Frau G. bei einer unserer nächsten Coaching-Sitzungen vor mir ausgebreitet hat! Da tummelten sich Tiermotive neben Abbildungen von Landschaften aller Art, Sternbilder, Orchideen usw.
Frau G. war beinahe etwas verwirrt, welch unterschiedliche Motive sie aus der Stadt mitgebracht hatte. Aber je länger wir die Bilder gemeinsam betrachteten und darüber nachdachten, desto mehr bestätigte sich ihre ursprüngliche Intuition: Jedes der Motive stand tatsächlich in einem Zusammenhang mit ihrer Person; in jedem einzelnen fand sie sich zum eigenen Erstaunen selber wieder …
Sich seiner eigenen Stärken bewusst zu sein, ist das Normalste der Welt. Darin liegt nichts Peinliches. Ihre Vorgesetzten, Ihre Kollegen und Ihre Kunden werden ein Zeichen von Professionalität darin erkennen, wenn Sie in Zukunft Ihre Fähigkeiten und Erfolge immer wieder einmal zur Sprache bringen werden.
Ich wünsche Ihnen dabei viel Erfolg!
(Was übrigens Frau G. betrifft: Die ist inzwischen längst Personalleiterin im örtlichen Pharmaunternehmen geworden. Sie ist bei den Mitarbeitern und Kollegen sehr beliebt und – nach allem, was ich höre – äußerst erfolgreich in ihrem Job.)
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WER IST ANDREA LIENHART?
Diesen Beruf/diese Berufe habe ich bereits ausgeübt: Erzieherin und Pädagogin
Meine Berufung ist: Menschen Mut zu machen und Stärken zu mobilisieren
Meine Themen als Trainerin und/oder Coach sind: Führung, Kommunikation, Beruf und Karriere, Selbstmanagement
Am Coaching schätze ich besonders: Wenn die Augen der Coachees funkeln …, zum Beispiel, wenn sie über ihre Visionen sprechen oder Ideen entwickeln oder wenn sie ein Aha-Erlebnis haben
Meine hilfreichste Erfahrung, die mir die Begleitung von Menschen ermöglicht: Meine Arbeit mit Kindern. Durch sie habe ich gelernt, Dinge zu vereinfachen und Themen klar und verständlich zu benennen. Und ich habe immer wieder erfahren, dass man sehr viel zurückbekommt, wenn man echt ist und eine Beziehung zu kleinen oder auch großen Menschen eingeht.
Eine ausschlaggebende Situation/ein wichtiger Faktor in meiner Persönlichkeitsentwicklung war/ist: Als ich mir erlaubt habe, mich auf Aufgaben zu konzentrieren, die ich am besten kann und die mir am meisten Spaß machen. Ich bin davon überzeugt, dass dies ein wichtiges Erfolgsgeheimnis ist. Wir sind immer froh, wenn wir einen Menschen treffen, der seine Aufgabe liebt.
Das will ich noch lernen: Theater spielen, insbesondere Improvisationstheater. Für meine eigene Lebendigkeit und für meine Bühnenperformance.
In diesen Situationen empfinde ich Glück: Wenn mein kleiner Kater (der Beste von allen …) schnurrend auf meinem Schoß liegt
Ein Mensch ist reich, wenn er zufrieden ist. Was immer das für die/den Einzelne/n bedeutet.
Diese Eigenschaften schätze ich bei anderen Menschen am meisten: Leidenschaft, Zuversicht und Geduld
Diese drei Stärken habe ich: Klarheit, Herzlichkeit und Humor
Diese Fehler entschuldige ich am ehesten (bei mir und bei anderen): Schokolade!
Meine Lieblingstugend: Respekt
»Es ist viel wertvoller, stets den Respekt der Menschen als gelegentlich ihre Bewunderung zu haben.« (Jean-Jacques Rousseau)
Mein Buchtipp zum Thema Persönlichkeit: Halten Sie gerade in Ihren Händen ☺
Mein Lebensmotto: Denke in Möglichkeiten!

Christine Weiner
HERZENSBILDUNG
»Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.«
Antoine de Saint-Exupéry
 
Wenn Sie ein wirkliches Puzzle vor sich hätten, das den Menschen, seine Persönlichkeit und seine Wirkung abbildet, dann wäre das Herz der zentrale und letzte Puzzlestein, der das ganze Bild abrundet und zu einem Ganzen macht. Können Sie die Befriedigung und den Stolz spüren, mit denen Sie diesen Stein in Ihr Puzzle einfügen würden? Um genau diese Sehnsucht, Erfüllung und Hingabe geht es, wenn wir von Herzensbildung sprechen.
Ist Ihr Herz in Topform oder braucht es ein wenig Bildung? Bitte kreuzen Sie an, ob Sie zustimmen oder ablehnen.
ich stimme eher zu ich lehne eher ab
030031 1. Ich kann früh spüren, wenn um mich herum die Stimmung zu kippen droht.
0320332. Solange niemand etwas Gegenteiliges sagt, ist für mich alles in Ordnung.
0340353. Die Resultat von heute ist für mich die Basis, wenn es um morgen geht.
0360374. Wenn es einem Menschen nicht gut geht, dann sehe ich es ihm an.
0380395. Bei neuen Projekten schaue ich nicht nur darauf, was dabei herauskommt, sondern ich spüre auch hin, ob das Resultat sinnvoll ist.
0400416. Jeder ist ersetzbar.
0420437. Ich wage, Gedanken auszusprechen, die ich für richtig halte, auch wenn ich dafür noch keine Belege habe.
0440458. Ich kann bei Menschen berufliche Talente und charakterliche Stärken wahrnehmen.
0460479. Die Menschen vertrauen mir.
04804910. Ich kann gut und geduldig zuhören.
05005111. Was nicht in fünf Minuten zusammengefasst werden kann, braucht gar nicht gesagt werden.
Wenn Sie sich für die Statements der Liste entschieden haben, die über Verstand und Sachkenntnis hinausgehen, dann ist Herzensbildung für Sie längst Lebens- und Führungsalltag.
Für alle anderen eine kleine Geschichte aus meiner Coachingpraxis:
 
»Es ist ganz einfach: Ich will, dass mein Team besser funktioniert«, erklärte mir Peter B., ein Abteilungsleiter, der zu mir ins Coaching gekommen war. Seine Mitarbeiter beschrieb er zwar als motiviert, aber eben nicht hoch motiviert, die Kundenanfragen als zufriedenstellend, aber eben nicht wirklich richtig gut. Projekte wurden abgewickelt, und nach 17.00 Uhr war niemand mehr im Büro.
»Die machen nur Dienst nach Vorschrift«, beschwerte er sich bei mir. »Wir wären viel erfolgreicher, wenn meine Mitarbeiter sich mehr engagieren würden.«
»Wenn Sie selbst für etwas brennen, woran merken Sie das?«, wollte ich wissen und sah, wie Unwillen und leichter Ärger über Peter B.s Gesicht huschten. Über sich hatte er hier eigentlich nicht sprechen wollen.
»Na ja, ich spüre Freude«, entgegnete er verhalten.
»Was denken Sie?« Ich ließ nicht locker. »Spüren Ihre Mitarbeiter Freude?«
Peter B. schnaufte genervt durch und rollte mit den Augen.
»Eigentlich ist mir das egal. Die sollen für mich arbeiten, mehr nicht.«
Darüber hinaus seien private Dinge und berufliche Aufgaben für ihn getrennte Bereiche.
»Da mache ich auch bei mir keine Ausnahme«, erklärte er mir. »Ich frage mich auch nicht, wie es mir geht und ob mich ein Schuh drückt oder nicht, sondern ich gehe meiner Pflicht nach. Motivation ergibt sich für mich aus der Notwendigkeit der Dinge. Ich bin verantwortungsvoll und zuverlässig. Das erwarte ich auch von anderen. Nicht mehr und nicht weniger. Meine Abteilung ist kein Streichelzoo.«
052 Wie empfinden Sie das?
053 Hätten Sie Lust, sich bei Peter B. zu bewerben?
054 Würden Sie sich in seinem Team wirklich engagieren?
055 Möchten Sie als Frau mit Peter B. ausgehen?
056 Oder als Mann mit ihm eine Bergtour machen?
Pflichtbewusst, verantwortungsvoll und zuverlässig zu sein, ist für eine gemeinsame Arbeit, eine Partnerschaft oder eine Klettertour in den Bergen unerlässlich, aber alles ist es eben nicht. Es fehlt der letzte Puzzlestein. Der Herzschlag, das Bumbedibumm, um das die Welt sich dreht, das Menschen begeistert, mitzieht und in der Arbeit zu wirklich engagierten Mitarbeitern macht. Ohne Herzschlag geht gar nichts. Mit Verstand allein werden Sie scheitern, wenn es um die Führung oder die Begeisterung von Mitarbeitern geht. Das Herz ist viel schlauer und schneller als Ihr Verstand, deswegen sollten Sie auch in diesen Bereich des Körpers investieren.
 
Ein kleiner Versuch
Denken Sie eben mal an Ihr Kind oder an eine Nichte oder einen Neffen oder ein Kind in Ihrer Nachbarschaft. Sehen Sie das Kind vor sich? Vielleicht sogar eine süße Episode? Und … lächeln Sie?
Natürlich! Es geht nicht anders. Kinder erreichen unser Herz in Lichtgeschwindigkeit. Wir sehen Kinder vor uns und fühlen Wärme und Zugewandtheit. Ihr Herz hat auf diese Bilder sofort regiert, und es war eben nicht der Verstand, der Sie durch seine Argumente lächeln ließ. Denn Sie haben bei dem kleinen Fantasieversuch ganz sicher nicht gedacht: »Der kleine Nachbarsjunge, der ist wirklich ein freundlicher Geselle, und wie er immer so drollig geht, das ist wirklich amüsant. Deswegen entscheide ich mich jetzt zu lächeln. Der Junge hat diese Reaktion wirklich verdient.«
Ihr Herz entschloss sich zu lächeln und der Verstand hinkte nach. Wir wissen gleich, wenn wir etwas mögen, und der Verstand liefert uns dann verzögert die passenden Argumente. Beides, Gefühl und Verstand, ist wichtig, wollen wir erfolgreich sein. Nur Gefühl ist chaotisch und nur Verstand ist kalt. Zusammen ergeben die beiden aber ein Dreamteam.
Das verführt zu der Annahme, dass das Leben mit ein bisschen Lächeln, Charme und Gefühl besser laufen könnte. Kann es auch.
Doch Herzensbildung ist mehr. Es ist ein persönliches Weiterbildungsprogramm, das sich dem Lebensalter und den Lebenserfahrungen anpassen sollte. Gefühle haben eine Art Architektur, auf die wir Einfluss nehmen können. Herzensbildung ist Selbstcoaching.
Korrektheit, Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit machen aus einem Menschen noch keine Persönlichkeit – erst recht keine bemerkenswerte. In diesem Wort steckt das Wort »merken«. Das heißt, es muss etwas geben, an das sich andere erinnern, wenn sie Ihren Namen hören, und die Erfahrung zeigt: Fakten sind es nicht. Wir spüren, wenn wir einen Menschen bemerkenswert finden, und beschreiben dies mit Worten wie: »Er hat eine gute Ausstrahlung«, »Sie ist charismatisch«.
Zum Vergleich gab das Team von Herrn B. folgende Rückmeldungen:
057 »Man weiß nicht, wie man bei ihm dran ist.«
058 »Ich werde unsicher, wenn er da ist.«
059 »Oft sieht er mich nicht, ich bin für ihn nicht wichtig.«
060 »Er ist korrekt, aber ich fühle mich unwohl, wenn ich mich mit ihm allein vor dem Kaffeeautomaten treffe.«
061 »Ich spüre keine Verbindung.«
062 »Nein, ich glaube nicht, dass er sich für mich interessiert.«
Und auf die umgekehrte Frage, ob sich denn die Mitarbeiter für den Chef interessieren:
063 »Ich weiß nicht.«
064 »Ich kann es nicht sagen.«
065 »Ich glaube eher nicht.«
Menschen spüren Engagement und geben darauf eine Resonanz. Sie beschreiben einen Menschen mit Herzensbildung folgendermaßen – ach, wäre es nicht interessanter, wenn auch Sie zuerst Ihre persönliche Definition von einem Menschen mit Herzensbildung notieren würden?
 
Sicher haben Sie ähnliche Merkmale und Charakterzüge gefunden wie andere Menschen. Ein Mensch mit Herzensbildung kann
066 auf andere zugehen
067 und eingehen,
068 anregen,
069 verzeihen,
070 glaubt an sich
071 und an andere,
072 ist mutig,
073 ehrlich,
074 großzügig im Wesen,
075 bereit,
076 uneitel,
077 achtsam,
078 respektvoll,
079 hat Einfühlungsvermögen,
080 Mitgefühl,
081 kann zeigen, was ihn selbst begeistert
082 und für was er sich einsetzt und engagiert.
Als Führungskraft mit Herzensbildung erachten Sie es als Ihre Bringschuld, auf Ihr Team zuzugehen und eine Grundlage für Begegnung zu schaffen.

HERZENSBILDUNG BEDEUTET NOCH NICHT DIE GARANTIE FÜR EINEN HEILIGENSCHEIN

083 Herzensbildung bedeutet nicht, dass diese Menschen Heilige sind. Ganz im Gegenteil, oft finden sich unter Menschen mit Herzensbildung launische, ungeduldige und aufbrausende Zeitgenossen. Mit dem kleinen Unterschied, dass sie bei Fehlverhalten um Entschuldigung bitten können, ihre unerzogenen Seiten sehen und permanent an einem angemesseneren Auftreten und Verhalten arbeiten.
084 Herzensbildung ist das Gegenteil von »Helfersyndrom«. Mit einem Helfersyndrom brauchen Sie die Bedürftigkeit anderer Menschen, um sich selbst einen Wert zu geben. Ihrem Persönlichkeitspuzzle mangelt es dann an mehreren Teilchen und nicht nur an einem.
085 Herzensbildung respektiert andere Menschen in ihrer Größe und ihrem Können.
086 Es ist eine Freude, mit herzensgebildeten Menschen zusammen zu sein, mit ihnen ein Team zu bilden. Es erfüllt Menschen mit Herzensbildung dann mit Zufriedenheit, wenn sie mit anderen Menschen gemeinsam etwas bewegen – und nicht, wenn eine Anzahl Menschen etwas für sie bewegt.
087 Menschen mit Herzensbildung sind beispielsweise karitativ tätig – allerdings, weil es zu ihrem Leben und ihrer Persönlichkeit gehört, und nicht, weil es eine gute PR für sie ist.
088 Herzensbildung ist ein Seelenausdruck, der sich in Begegnungen, Unternehmenszielen und in der tagtäglichen Arbeit ausdrückt.
089 Es gehört Mut dazu, Herzensbildung zu leben, denn keine Zahlen werden belegen, dass es Ihr Charisma war, das etwas in Bewegung gebracht hat. Sehr wohl aber wird sich zeigen, dass Sie es sind, die oder der Menschen und Prozesse in Bewegung zu bringen versteht.
Gefühle lassen sich nicht berechnen und man kann keine schöne PowerPoint-Präsentation mit ihnen gestalten. Vielleicht erleben gerade deshalb Herzensbildung, Bauchgefühl und Instinkt eine Renaissance. Unter Überschriften wie »Emotionale Intelligenz« und »somatische Marker«, ja sogar in der Hirnforschung finden sich immer mehr Artikel und Bücher, die belegen, dass erst Hirn und Herz aus einem Menschen eine Persönlichkeit machen.
In den Unternehmen, in denen Herzensbildung gelebt und vorgelebt wird, ist all dies spürbar. Und nachweisbar. Denn es werden Unternehmensziele mit Menschenzielen abgeglichen. Und so etwas macht kein Unternehmer, wenn es der Produktivität schaden würde.

HERZENSBILDUNG AM ARBEITSPLATZ EINSETZEN

»Und wie soll ich das alles umsetzen?«, fragte mich Peter B. »Ich kann doch nicht in die Köpfe sehen.« Hier meine Antworten:
090 Mitgefühl können Sie nur entwickeln, wenn Sie sich auch selbst spüren und als Wesen mit Gefühlen achten und respektieren. Und Sie müssen zuvor anerkennen, dass es so etwas wie Seele und Gefühle gibt.
091 Es ist ein »In-Kontakt-gehen«, auch vergleichbar mit Wellen, die von Ihrem Herz ausgehen und die andere Menschen erreichen: im Gespräch mit der Familie, in Zufallsbegegnungen, im Büro, bei Konferenzen, im Mitarbeitergespräch, bei der eigenen Karriereplanung und mit Kunden. Dafür brauchen Sie Ihren Verstand, Ihr Wissen, Know-how – und auch Ihr Herz braucht einen aktuellen Bildungsstand.
Vielleicht denken Sie sich nun, dass Sie schon mit Ihrem Verstand genug zu tun haben. Der soll frisch, aufnahmefähig und trainiert sein, denn jeden Tag gibt es etwas, das zu verstehen, zu lernen und zu behalten ist. Jetzt sollen Sie auch noch Ihr Herz bilden, als wäre der Kopf nicht schon überstrapaziert.
Dass wir Emotionen haben, sagt leider noch nichts über den Bildungsstand unseres Herzens aus. Wenn Ihr Herz den Bildungsstand eines Sechsjährigen hat, dann sind Sie zwar liebenswert und bestimmt auch warmherzig, aber noch lange keine Persönlichkeit.

WIE KÖNNEN SIE IHR HERZ BILDEN?

Es gibt viele gute Möglichkeiten.
092 Wählen Sie sich ein Vorbild. Einen Menschen, der Klarheit lebt, der seine eigenen Ziele und Themen verwirklicht, der andere begeistern kann und Menschen respektiert. Betrachten Sie diesen Menschen genau. Was macht er? Wie erreicht er andere? Können Sie von diesem Verhalten, diesen Einstellungen etwas übernehmen und in Ihren Alltag integrieren?
093 Lassen Sie sich anregen: Lesen Sie jeden Tag einen Abschnitt Weltliteratur. Schriftsteller legen in ihre Werke viele Gefühle. Was spricht Sie an und warum? Die Antworten bringen Sie Ihrem Herz ein Stückchen näher.
094 Wünschen Sie sich etwas vom Himmel. Werden Sie kindlich und erkennen Sie an, dass auch Sie nicht allmächtig sind, nicht alles realisieren können, und dass es etwas Größeres gibt, das über Ihnen und allen anderen Menschen wirkt.
095 Wählen Sie nur Rundfunksender, die Qualität senden. Ich habe lange genug im Radio gearbeitet, um zu wissen, dass es zu viele Sender gibt, die Sie mit schlechten Moderationen, falschen Lachern und abgedroschenen Hits zumüllen. Abgedroschene Musik und belangloses Geschwätz gelangt durch Ihre Ohren direkt in Ihr Herz. Macht diese Musik Sie fühlend oder abgenervt? Schalten Sie um oder aus!
096 Zeigen Sie in Begegnungen Präsenz. Präsenz bedeutet: Sie sind ganz beim anderen und in der Situation. Führen Sie dabei in dieser Zeit keine inneren Dialoge und lassen Sie Ihre Gedanken nicht schweifen. Die Menschen werden erstaunt bemerken, dass Sie »bei ihnen sind«, denn die meisten Begegnungen werden nur mit halber oder noch weniger Energie gestaltet.
097 Abonnieren Sie keine Hochglanzmagazine, die Ihnen nur aufzeigen, wie Sie nie sein werden und die nichts anderes als ein Marktplatz für Produkte und Banalität sind.
098 Führen Sie echte Gespräche. Gehen Sie in fremden Köpfen spazieren und erfreuen Sie sich an der Andersartigkeit Ihrer Mitmenschen.
099 Welche Werte haben Sie? Erstellen Sie eine Liste und lassen Sie genügend Platz, damit immer neue Werte hinzukommen können.
100 Werden Sie deutlich. Reden Sie nicht um den heißen Brei, sondern sprechen Sie respektvoll aus, was Sie zu sagen haben.
101 Nehmen Sie sich als fehlerhaften Menschen an, der Herzensbildung übt und immer weiter üben wird. Herzensbildung ist eine Lebensschule und die Inhalte verändern sich mit Lebensalter und Lebensaufgaben.
Wenn Sie Ihre Persönlichkeit erstrahlen lassen und andere Menschen für sich gewinnen wollen, sind Fragen sehr hilfreich. Fragen, die mit echtem Interesse und Wohlwollen gestellt werden, vermitteln, dass andere Menschen Ihnen wichtig sind und Sie gemeinsame Themen finden oder Dinge lernen wollen. Fragen öffnen Türen, und Sie erfahren eine Menge, warum andere Menschen so handeln, wie sie handeln. Hintergründe werden durch Fragen deutlich und Kommunikationsschwierigkeiten nehmen erkennbar ab. Lernen Sie echte Fragen zu stellen und lauschen Sie gespannt den eigenen und fremden Antworten.
Gute Fragen sind:
102 Wie ist es Ihnen in dieser Situation ergangen?
103 Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?
104 Gibt es etwas, womit ich beitragen kann, damit Sie sich hier wohler fühlen?
105 Wofür ist das gerade gut?
106 Wofür war das gut?
107 Was hatten Sie im Kopf, als Sie das sagten?
108 Was hatten Sie im Herzen, als Sie das fragten?
109 Wie fühlt sich diese Situation an?
110 Wie könnte es anders sein?
Gute Fragen benötigen
111 den Wunsch zu erkennen,
112 Offenheit,
113 Einfühlungsvermögen,
114 den Wunsch, andere Menschen in ihrer Entwicklung zu unterstützen,
115 inspirierende Führung,
116 Motivation,
117 den Glauben an den Wandel,
118 Lösungsorientierung,
119 Beziehungspflege,
120 Teamgefühl,
121 Engagement
122 und die Voraussetzung, keine Antworten im Kopf zu haben, die man gerne hören würde.
Durch Fragen kommen Sie ins Gespräch. Fragen sind wie Sudoku für Ihr Herz. Es strahlt dann und macht sich unter den Rippen breit.
Herzensbildung ist Selbsterfahrung, Herzensmanagement und eine Uni. Ständig kommen neue Kompetenzen hinzu, und immer geht das Lernen weiter, denn das Herz kennt viel mehr Gefühle als Freude, Trauer, Liebe, Stolz. Wir können uns in Gefühlen üben oder uns einmal ein Gefühl vornehmen, das wir lange nicht mehr bewusst gespürt haben und das wir wieder mehr beachten wollen.

TÄGLICHE BILDUNG FÜR IHR HERZ

Schließen Sie die Augen und lassen Sie Ihren Zeigefinger über die folgenden Emotionen kreisen. Dann tippen Sie wahllos auf eine dieser Emotionen und machen Sie diese zum Motto von diesem Tag oder zum Schirm über einer Begegnung oder spüren Sie nach, wie vertraut Ihnen diese Emotion ist, ob Sie das Gefühl häufig leben, genug leben, oder zu selten und welche Wirkung diese Emotion auf Ihren Alltag hat.
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UNSER HERZ KANN VIEL

Unser Herz kann viel. Viel mehr als nur pochen. Wenn Sie damit beginnen, Ihr Herz zu schulen, wird sich die Qualität Ihrer Beziehungen verändern. Die Beziehung, die Sie mit sich pflegen, und die Beziehung zu Ihren Mitmenschen.
Sie werden immer mehr Qualität in den Begegnungen suchen und in sie hineingeben. Immer mal wieder werden Sie vielleicht persönliche Verhaltensausrutscher erleben und genervt sein, dass Sie noch immer ungehalten, scheu, fordernd oder mürrisch sind. Aber Sie werden es bemerken, und das ist der Anfang. Und wenn Sie dann in diesen weniger schönen Momenten in sich gehen und überlegen, was der Auslöser war und wie Sie zukünftig besser reagieren können, dann sind Sie genau auf dem Pfad, über dem »Herzensbildung« steht. Ihre eigene Fehlerhaftigkeit wird Sie verständnisvoll und großzügig gegenüber anderen fehlerhaften Menschen machen.
 
Wie ging es mit Peter B. und seinem Team weiter? Eine hilfreiche Übung war die Gefühlsschulung. Jede Woche nahm er sich eine vergessene Emotion vor und kam so wieder »ins Gefühl«. Dadurch ging er auf seine Mitarbeiter anders zu, es verbesserte sich das Klima in der Abteilung, die Mitarbeiter fühlten Wertschätzung, zeigten mehr Freude und Engagement, Missverständnisse glichen sich aus.
Peter B. wurde privater, erzählte gelegentlich von sich und stellte viele interessierte Fragen. Das tat der gemeinsamen Aufgabe und dem Miteinander gut und im selben Jahr machte die Abteilung einen Sommerausflug. Es war der erste für dieses Team. Danach folgte das erste Fest, das diese Abteilung seit ihrem Bestehen gemeinsam gefeiert hat. Und wissen Sie, wer spät in der Nacht noch wie Alexis Sorbas auf dem Tisch tanzte? Peter B.