Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Kapitel I
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
  6. Kapitel II
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
  7. Kapitel III
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
  8. Kapitel IV
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
  9. Kapitel V
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
  10. Kapitel VI
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
    10. 10
  11. Kapitel VII
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
  12. Kapitel VIII
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
    5. 5
    6. 6
    7. 7
    8. 8
    9. 9
    10. Epilog
  13. Nachwort: Geisterbücher und Schriftmagie
    1. Abt Trithemius und das Buch der »Planetengeister«
    2. Das »Schottenkloster« in Würzburg
    3. Sieben Geister und das »Buch Gottes« in der Bibel
    4. »Heidnische« Schriftmagie
    5. Falsche Nonnen im Kloster Mariä Schiedung
    6. Magie und Maschinenzauber

Über den Autor

Andreas Gößling, geboren 1958, lebt und arbeitet als freier Autor in Coburg. Der promovierte Literatur- und Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich seit vielen Jahren mit mythen- und kulturgeschichtlichen Themen, insbesondere mit der alten Maya-Kultur, mit Drachenmythen sowie mittelalterlicher Magie und Alchimie. Neben Romanen für erwachsene und junge Leser hat er auch zahlreiche Sachbücher publiziert.

Andreas Gößling

Opus

Die
Bücher
jäger

BASTEI ENTERTAINMENT

Kapitel I

1

LEGT AMOS VON HOHENSTEIN in Ketten! Verbindet seine Augen und knebelt ihn! Und was auch geschehen mag – ihr dürft ihm die Fesseln auf keinen Fall lösen. Hast du das verstanden, Waldo?«

»Jawohl, Euer Gnaden.«

»Und du, Franz – was ist mit dir?«

»Wie befohlen, Herr.«

»Ihr seid meine treuesten Soldaten«, sagte der, den die beiden anderen »Herr« und »Euer Gnaden« genannt hatten, und stieß mit lautem Pusten die Atemluft aus. »Ich vertraue euch voll und ganz. Ihr bringt den Gefangenen auf sicheren Nebenwegen nach Nürnberg, wie wir es besprochen haben. Und kein Wort zu irgendwem!«

»Jawohl, Euer Gnaden.«

Amos hatte diesen Wortwechsel wie durch eine Nebelwand mit angehört. Die drei Männer mussten irgendwo da draußen in dem dunklen Gang sein – jenseits der beiden Pechfackeln, die bei Tag und Nacht vor seiner Kerkertür brannten. Die Stimmen kamen ihm allesamt bekannt vor, aber hier unten im Felsverlies konnte man sich seiner Sinneseindrücke selten sicher sein.

Das Fauchen der Flammen verfolgte ihn bis in den Schlaf. Der schwarze Qualm brannte ihm in den Augen, sodass er ständig wie durch einen Tränenschleier sah. Die kleinsten Geräusche, selbst Räuspern oder Hüsteln, wurden hier unten durch vielerlei Echos verfremdet. Vor allem aber war es im immerwährenden Halbdunkel schwer, Einbildungen und wirkliche Geschehnisse auseinanderzuhalten. Wie lange er schon in diesem Verlies unter der Bamberger Bischofsburg festsaß, hätte Amos gar nicht sagen können. Drei Tage oder genauso viele Ewigkeiten. Längst hatte er jedes Zeitgefühl verloren. Hunger und Durst quälten ihn unaufhörlich. Er fühlte sich matt und schwindlig, doch schlimmer als alles andere war die Hoffnungslosigkeit.

Der kurzatmige Herr da draußen schien noch immer nicht ganz beruhigt. »Lasst euch von dem harmlosen Aussehen dieses Jünglings nicht täuschen«, sagte er in beschwörendem Tonfall. »Amos von Hohenstein ist wie ein gefräßiger Wolf, der die wehrlosen Lämmer zerfleischt – vergesst es niemals!« Er unterbrach sich, um neuerlich pustend auszuatmen. »Schwört mir – Waldo, Franz«, fuhr er fort, »dass ihr euren Gefangenen zur Heiligen Inquisition in Nürnberg bringen werdet – und wenn sich die Hölle vor euren Füßen auftut, um euch daran zu hindern.«

»Wir schwören es!«, riefen die beiden Wächter aus.

»So ist es gut, meine Kinder«, sagte »Euer Gnaden« daraufhin. »Brecht jetzt unverzüglich auf.«

»Wie befohlen«, erhielt er neuerlich zur Antwort – und gerade in diesem Moment erwachte Amos aus seiner Erstarrung.

»Bitte, Herr!«, rief er und seine Stimme klang in seinen eigenen Ohren zittrig und schwach. Der anscheinend wohlbeleibte Mann, der bei jedem Aus- und Einatmen wie ein Blasebalg pustete und keuchte – das konnte ja niemand anderes als Fürstbischof Georg sein, dem er vor seiner Verhaftung Das Buch der Geister hatte überbringen wollen. Aber aus welchem Grund bemühte sich der Herrscher höchstselbst in diese modrige Unterwelt hinab? Und die beiden Soldaten, denen Fürstbischof Georg eben seine Befehle erteilt hatte – waren das nicht dieselben Burgwächter, die Amos bei jenem unseligen Zusammentreffen überwältigt hatten? Wie eigenartig, dachte er – bisher hatte er hier unten außer einem greisen Kerkerwärter keine Menschenseele zu sehen bekommen. Anfangs hatte er den Alten immer angefleht, ihn zum Herrn Fürstbischof zu bringen, aber schließlich war ihm klar geworden, dass der Wärter taub und mit Blödigkeit geschlagen war.

Amos sprang auf und taumelte zur Zellentür. »Bitte, hört mich an!« Er umfasste zwei der rostigen Gitterstäbe mit seinen Händen. »Herr Fürstbischof, so glaubt mir doch – ich wurde genauso wie Ihr selbst getäuscht!«

Anstelle einer Antwort vernahm er unverständliches Gemurmel. Gleich darauf entfernte sich mit schweren Schritten einer der Männer. Das konnte nur der Fürstbischof sein – offenbar hatte er nicht die Absicht, seinen Gefangenen noch einmal anzuhören. Ganz im Gegenteil: Er wollte sich Amos so schnell wie irgend möglich vom Hals schaffen, und er hatte seine Soldaten angewiesen, den Häftling zu knebeln, damit er an niemanden auch nur ein einziges Wort richten konnte. Jedenfalls so lange, bis ihn die Inquisitoren in Nürnberg in ihrem Folterverlies befragen würden.

Amos ließ die Eisenstäbe los und tappte zurück zu der Steinbank, die als Bett, Tisch und Stuhl in einem diente. Er ließ sich wieder darauf fallen, lehnte sich mit dem Rücken gegen die kalte Felswand und schloss die Augen. Es machte kaum einen Unterschied, ob er seine Lider öffnete oder schloss. So wie es wohl auch keinen Unterschied machte, ob er um Gnade winselte oder sich in sein Schicksal ergab. Wen die Inquisition erst einmal in ihren Fängen hatte, dessen Leben war verwirkt. Wie oft hatte er früher von Unglücklichen erzählen gehört, die von den Hexen- und Ketzerjägern verhaftet worden waren! Solche Geschichten wurden stets nur mit ängstlich gedämpfter Stimme weitergegeben und sie gingen ausnahmslos grässlich aus.

Die beiden Soldaten, die der Fürstbischof mit Waldo und Franz angeredet hatte, traten in den Fackelschein vor seiner Kerkertür. Erstaunt sah Amos vom einen zum andern. Kein Wunder, dass ihre Stimmen ihm so bekannt vorgekommen waren – es waren wahrhaftig die Gardisten, die das Tor der Bischofsburg bewacht hatten, als Klara und er Einlass begehrt hatten. Warum hatte der Herr Georg gerade diese beiden beauftragt, ihn nach Nürnberg zu bringen? Schließlich hatte Amos mit eigenen Augen gesehen, dass hier in der Burg auch ein Trupp Kirchenkrieger stationiert war. Wenn ihn der Fürstbischof doch nach Nürnberg schaffen lassen wollte – warum nicht durch diese päpstlichen Soldaten in den purpurroten Uniformen, die dem Inquisitor direkt unterstellt waren? Sonderbar, dachte Amos. Doch weit mehr noch erstaunte ihn, dass die beiden Torwächter wie fahrende Händler gekleidet waren. Anstelle ihrer Uniformen trugen sie eng anliegende Hosen, darüber weite Hemden und Umhänge, unter denen allerdings ihre Kurzschwerter hervorblitzten.

Der Jüngere der beiden nestelte einen Schlüssel aus der Gürteltasche und stieß ihn ins Türschloss. Das musste Waldo sein, der schnauzbärtige, hochgewachsene Wachsoldat, der Klara und Amos bei ihrer Ankunft so grimmig gemustert hatte. »Kein Wort, sonst …«, sagte Waldo in drohendem Tonfall und zeigte Amos seine Faust.

Amos nickte ihm zu. Er wusste genau, wovor die beiden Wächter sich fürchteten, und er konnte es ihnen wahrlich nicht verdenken. Ihm selbst erging es ja kaum anders – wenn er daran dachte, wie er bei jenem Treffen alle Versammelten in die magisch beschworene Vergangenheit zurückgerissen hatte, dann wurde auch ihm noch immer ganz unheimlich zumute.

»Und sieh auf den Boden!«, fuhr ihn Franz an – der ältere Wächter, der Klara und ihn damals zu den Gemächern des Hofkaplans gebracht hatte.

Franz war von stämmiger Gestalt und nicht mehr ganz jung an Jahren – das Haupthaar gelichtet, das runde Gesicht wie von einem geheimen Kummer zerfurcht. Während sie dem Wachsoldaten durch das Burggelände gefolgt waren, hatte Amos noch geglaubt, dass sie ihm vertrauen dürften und er vielleicht sogar selbst der Bruderschaft Opus Spiritus angehörte. Allerdings hatte derselbe Franz ihn bei seinem missglückten Fluchtversuch unerbittlich festgehalten, während Waldo ihm von hinten seinen Knüppel auf den Kopf geschlagen hatte. Und gerade in dem Sekundenbruchteil, bevor Amos in den Abgrund der Ohnmacht hinabgestürzt war, hatte ihn eine Erkenntnis durchzuckt, die ihn immer noch tief erschreckte, sobald er auch nur flüchtig daran dachte.

Bei dem ganzen mörderischen Verwirrspiel, in das die Bruderschaft Opus Spiritus sie alle verwickelt hatte, musste es um etwas sehr viel Mächtigeres und sehr viel Gefährlicheres gehen, als er bisher geglaubt hatte. Um die Erweckung magischer Kräfte weit jenseits jener Fähigkeiten, die in ihm selbst und in Klara durch die ersten beiden Geschichten aus dem Buch der Geister bereits wach geworden waren. Gefühlsmagie und Gedankensprache – das waren nur die allerersten Stufen auf einer Treppe, die bis in schwindelnde Höhen führte. Oder bis in höllische Tiefen – je nachdem.

Woher ihm diese Erleuchtung gekommen war, hätte Amos nicht sagen können, aber er spürte genau, dass es die reinste Wahrheit war. Seitdem fürchtete er sich vor den magischen Kräften, die durch das Buch der Geister in ihnen erweckt worden waren – und er verspürte sogar zuweilen ein leises Unbehagen, wenn er Klara Gefühls- und Gedankenbotschaften schickte oder von ihr auf dem gleichen Weg Nachrichten erhielt. Welche Fähigkeiten die dritte und die vierte Geschichte zusätzlich in ihren Lesern erwecken konnten, hatte Valentin Kronus ihm niemals verraten wollen – und manchmal fragte sich Amos, ob der alte Mann sich in diesem Punkt vielleicht deshalb so hartnäckig ausgeschwiegen hatte, weil es dunkle, zerstörerische Gaben waren. »Ein wenig wie die Engel« werde Amos sein, wenn er erst das ganze Buch der Geister gelesen und zuinnerst verstanden hätte – das hatte Kronus einmal zu ihm gesagt. Aber »wie die Engel« konnte mancherlei bedeuten – schließlich kamen in der Bibel auch Engel der Verheerung vor, die Menschen töten oder zu Steinsäulen verwandeln konnten.

»Du sollst uns nicht anstarren, Teufelsbursche!«, schnauzte Waldo.

Folgsam senkte Amos den Kopf. Offenbar glaubten die Wächter, dass er die teuflische Gabe des »eindringenden Blicks« besäße, und auch in diesem Punkt hatten sie wohl nicht ganz unrecht. In den Tagen, die er hier unten verbracht hatte, hatte sich Amos mehr als einmal gefragt, ob er mittlerweile genauso brennende Flammenaugen hatte wie der furchtbare Magier Faust.

Aber an Faust und an jene magische Reise in dunkelste Vorzeit, auf die ihn der mächtige Zauberer geschickt hatte, wollte er jetzt wirklich nicht denken. In seinem Kopf erhob sich dann immer ein sausender Schwindel, und ihm war, als ob er kopfüber in einen schwarzen Abgrund stürzen müsste – einen bodenlosen Schlund, der sich unter seinen Füßen und gleichzeitig in seinem eigenen Innern befand.

Mit rostigem Kreischen drehte sich der Schlüssel, und zum ersten Mal, seit Amos eingekerkert worden war, ging seine Zellentür auf. Unter halb gesenkten Lidern sah er zu, wie Franz und Waldo in sein Gefängnis traten, wie der eine ein Tuch und der andere einen breiten Lederriemen unter seinem Umhang hervorzog. Sie verbanden ihm die Augen und knebelten ihn mit dem Riemen, der widerlich schmeckte – aber auch nicht ekelhafter als die Suppe, die ihm der uralte Verlieswärter immer durch die Luke am Fuß seiner Kerkertür geschoben hatte. Eine schlammtrübe Brühe, in der Kartoffelschalen und weitaus ärgere Brocken schwammen – doch nach anfänglichem Sträuben hatte Amos die gräuliche Tunke immer bis auf den letzten Tropfen in sich hineingeschlürft.

»Mitkommen!«, befahl Waldo. Sie packten ihn bei den Armen und zerrten ihn mit sich. Ein gutes Dutzend Schritte weit, dann wurde er zurückgerissen und mit dem Rücken gegen eine raue Steinwand gedrückt. »Stehen bleiben!«, kommandierte der schnauzbärtige Wächter.

Eine Tür wurde geöffnet und kurz darauf ertönte lautes Klirren. Amos erschauerte – schon der dunkle, scheppernde Klang ließ erahnen, wie schwer und rostig die Ketten waren, die sie ihm jetzt um seine Hand- und Fußknöchel schlingen würden.

»Sieh nach, ob die Pferde angeschirrt sind«, sagte Waldo, der bei den beiden offenbar den Ton angab, obwohl er so viel jünger war als Franz. »Wenn die Karre fertig ist, gib mir ein Zeichen – dann komme ich mit dem kleinen Teufel hoch.«

Schritte entfernten sich nach links, die Treppe hinauf – das musste der Wächter Franz mit dem gramzerfurchten Gesicht sein, dessen Stimme immer so bekümmert klang.

»Versuch am besten, bald einmal zu fliehen, Teufelchen«, hörte er Waldos raue Stimme an seinem Ohr. »Du tust mir damit einen großen Gefallen. Und weißt du auch, warum?« Er unterbrach sich und schien darauf zu warten, dass sein Gefangener eine Antwort durch seinen Knebel stöhnte. Doch Amos zuckte nicht einmal mit den Schultern. »Ganz einfach«, fügte der Wachsoldat schließlich hinzu und sein stinkender Atem fuhr Amos in die Nase. »Dann kriegst du meine Axt ins Kreuz und ich brauche nicht tagelang Straßenstaub fressen.«

Er wand eine Kette um Amos’ Handgelenke, eine zweite um seine Fußknöchel und schloss die losen Enden jeweils mit einem Vorhängeschloss zusammen. Eine dritte Kette hängte er in die Handfesseln ein, und als von irgendwo über ihnen ein Pfiff ertönte, schlang sich Waldo das klirrende Ende um eine Hand. »Auf geht’s, Teufelsjunge!«

Wie einen Hund an der Leine zog er Amos hinter sich her.

2

DIE BEIDEN SOLDATEN saßen vorn auf dem Kutschbock, die meiste Zeit schweigend. Ab und an ließ Franz ein grämliches Gemurmel hören, doch Waldo fuhr ihm jedes Mal grob übers Maul. »Halt die Augen offen, Waschweib, und die Schnauze zu.«

Amos spürte die Anspannung der beiden Männer, auch wenn er nach wie vor nicht verstand, wovor sie sich eigentlich fürchteten. Und noch weniger, weshalb sie als reisende Kaufleute verkleidet waren, obwohl sie im Auftrag des Landesfürsten einen Gefangenen nach Nürnberg bringen sollten.

Es ergab einfach keinen Sinn, so wie allerdings nur allzu vieles in diesem Verwirrspiel keinen Sinn zu ergeben schien. Wen auf dieser Erde hatte der Fürstbischof von Bamberg denn überhaupt zu fürchten – wenn er doch laut Klara einer der mächtigsten Herrscher im Deutschen Reich war?

Sosehr sich Amos auch den Kopf zerbrach, er kam einfach nicht darauf. Wahrscheinlich konnte ja die päpstliche Inquisition selbst einem so gewaltigen Mann wie Fürstbischof Georg Schwierigkeiten bereiten. Aber gerade dem Inquisitor Leo Cellari sollten die beiden Soldaten doch ihren Gefangenen überbringen – ihn, Amos von Hohenstein, der in den Augen des Fürstbischofs zweifellos ein besonders gefährliches Mitglied der Bruderschaft Opus Spiritus war. Dabei hatte dieselbe Bruderschaft vor drei Jahren Amos’ Eltern ermorden lassen, und erst als er selbst längst unrettbar in die Machenschaften der mysteriösen Loge verstrickt war, hatte Amos erfahren, dass es diesen geheimen Orden namens Opus Spiritus überhaupt gab.

Amos schnitt wilde Grimassen, um die Binde über seinen Augen zu lockern. Er runzelte die Stirn, riss die Augen auf, kniff sie wieder zu und versuchte sogar, mit den Ohren zu wackeln. So schaffte er es tatsächlich, die Binde um anderthalb Zoll nach oben zu verschieben. Aber wie er seine Augen auch verdrehte – sehen konnte er nach wie vor so gut wie nichts.

Allem Anschein nach fuhren sie ihn in einem Planwagen durchs Land. Er lag auf einer Schicht aus Tuchballen und sonstigen Bündeln, die mit Vogelfedern oder irgendeinem anderen weichen Zeug vollgestopft waren. Weitere Ballen und Rollen waren um ihn herum aufgeschichtet – auch ohne die elenden Eisenfesseln, die ihm Hände und Füße zusammenschnürten, hätte er sich kaum von der Stelle rühren können.

Wenn er die Augen weit genug verdrehte, um unter der Binde hindurchzuschielen, konnte er verschwommene Schatten wahrnehmen, die einer nach dem anderen vor der Wagenplane vorübertanzten. Riesenhafte Bäume, schien es ihm – offenbar fuhren sie auf holprigen Wegen durch dichten Wald. Seit einer geraumen Weile ging es überdies steil aufwärts – der Wagen ächzte zum Erbarmen, die Kutschpferde kamen nur noch im Schritttempo voran und alle paar Augenblicke ließen die Soldaten vorne die Peitsche schnalzen und feuerten die Gäule mit dumpfen Zurufen an.

Allem Anschein nach mieden Waldo und Franz die Handelsstraße, die durch Täler und Ebenen über Forchheim nach Nürnberg führte. »Auf sicheren Nebenwegen«, hatte der Fürstbischof angeordnet, sollten sie ihre menschliche Fracht zum Inquisitionskerker am Nürnberger Liebfrauenplatz bringen – und wieder fragte sich Amos, weshalb der Landesherrscher seine eigenen Soldaten angewiesen hatte, sich wie lichtscheues Gesindel auf mühseligen Umwegen durchzuschlagen.

Er dachte darüber nach und versuchte gleichzeitig, den ekelhaften Geschmack des vielfach zerkauten Lederriemens in seinem Mund zu ignorieren. Genauso wie den nagenden Hunger, den noch quälenderen Durst und die Ketten, die ihm die Haut an den Handgelenken wund scheuerten. In seinen Füßen kribbelte es, als ob tausend Ameisen auf seinen Fußsohlen herumkrabbeln würden – da unten hatte Waldo seine Fesseln viel zu eng zusammengezurrt, aber Amos war klar, dass er durch lautes Stöhnen und Kettenklirren seine Lage nur noch verschlimmern würde.

Der schnauzbärtige Soldat war sowieso schon wütend, weil er diese beschwerliche und gefahrvolle Reise auf sich nehmen musste. Waldo wartete bloß darauf, dass ihr Gefangener ihm einen Vorwand bot, um seinen Zorn an ihm auszulassen. Aber das alles, sagte sich Amos, spielte sowieso keine Rolle mehr.

Morgen, spätestens übermorgen würden sie ihn in die Hände des Inquisitors Cellari geben. Weshalb also sollte er sich heute über zu eng geschnürte Fesseln beklagen – wenn er in allenfalls zwei Tagen im Folterkeller sitzen würde? Cellaris Schergen ausgeliefert, die ihn mit glühenden Nägeln und Zangen martern würden, bis er endlich gestand, wer die Hintermänner des Opus Spiritus waren? Dabei wusste er selbst noch weniger als der Inquisitor, was es mit diesem Geheimorden auf sich hatte, von wem er gegründet worden war und was diese dunklen Brüder mit dem Buch der Geister letzten Endes bezweckten.

Aber natürlich würde Cellari ihm kein Wort glauben. Und so würden sie ihn weiter und weiter martern, ihn aufs Rad flechten und an der Seilwinde emporziehen, bis ihm die Knochen aus den Gelenken sprangen, und andere Grässlichkeiten mehr. Auf dem eisernen Streckbett würde er sich voller Sehnsucht an diese Fahrt zurückerinnern, dachte Amos, er würde sich wünschen, wieder in Ketten, geknebelt, mit verbundenen Augen umhergerüttelt zu werden.

Angst flutete in ihm empor. Warum gerade ich?, dachte er. Wie kam diese Bruderschaft dazu, ihn und Klara wie Spielfiguren hin und her zu schieben – und jetzt auch noch sein Leben zu opfern, als ob er ein Schachbauer wäre, bei dem es nicht weiter drauf ankam? Ich will nicht sterben, dachte Amos, und ich habe schreckliche Angst vor den Schmerzen, die der Inquisitor Cellari mir zufügen wird, um alles aus mir herauszuquetschen, was ich über das Opus Spiritus weiß.

Aber ich weiß nichts, ich weiß gar nichts. Ich weiß nicht einmal, warum Valentin Kronus, der Mann, den ich wie einen zweiten Vater verehrt und geliebt habe – warum er zugelassen hat, dass mich die Ketzer- und die Bücherjäger wie eine Meute blutgieriger Jagdhunde durchs Land hetzen. Warum nur, geliebter Herr, warum? Wenn Ihr am Leben seid, gebt mir ein Zeichen! So flehte Amos im Stillen, zum ungezählten Mal, seit er Valentin Kronus’ Haus in Flammen vorgefunden hatte. Die kostbare Bibliothek des alten Gelehrten von den Ketzer- und Bücherjägern niedergebrannt und von Kronus selbst keine Spur. Ausgenommen nur das Original des Buchs der Geister, das Kronus an einem Ort versteckt hatte, den außer ihm selbst nur Amos kannte. In diesem Buch hatte Kronus nach seinen eigenen Worten das kostbarste Wissen aus heidnischer Vorzeit destilliert und in vier Geschichten geborgen, die jedermann leicht lesen und verstehen konnte. Und die ebenso viele magische Gaben in all jenen Lesern erweckten, die sie mit wachem Geist und offenem Herzen lasen und zuinnerst in sich aufnahmen.

Amos lauschte in sich hinein. Seit er die erste und die zweite Geschichte aus dem Buch der Geister gelesen hatte – Vom Ritter, der seine Liebste hinter dem Spiegel fand und Von der Frau, die im Brunnen wohnte –, konnte er mit jedem anderen Leser, der sich diese beiden Erzählungen gleichfalls zuinnerst angeeignet hatte, auf dem Gefühls- und auf dem Gedankenweg in Verbindung treten – ganz egal, wie weit sie räumlich voneinander entfernt waren. Er brauchte sich nur auf sein Innerstes zu konzentrieren, dann erblickte er dort einen geheimnisvollen Lichtquell – sein magisches Herz oder seinen »inneren Stern«, wie Kronus sich ausgedrückt hatte. Von diesem magischen Gestirn gingen Strahlen zu all jenen aus, die über die gleichen Fähigkeiten wie er selbst verfügten. Doch seit die Purpurkrieger des Inquisitors und die Bücherjäger der kaiserlichen Zensurbehörde Valentin Kronus’ Haus verwüstet hatten, war es Amos niemals mehr gelungen, mit dem alten Gelehrten Kontakt aufzunehmen. Was höchstwahrscheinlich nur eines bedeuten konnte – dass Kronus nicht mehr am Leben war.

Er lauschte neuerlich in sich hinein. Ihre Kutsche hatte unterdessen offenbar den höchsten Punkt des steilen Anstiegs erreicht. Auf der anderen Seite der Kuppe ging es nun holterdiepolter wieder bergab. Klara, dachte Amos beschwörend, hörst du mich?

In all der Zeit, die er im Kerker unter der Bischofsburg gesessen hatte, war es sein einziger Trost gewesen, dass nicht auch noch Klara in die Fänge der Inquisition geraten war. Sie hatte im allerletzten Moment fliehen können und sie hatte auch das Buch der Geister in Sicherheit gebracht. Wenn es nach ihr gegangen wäre, dann hätte sie von morgens bis abends und auch noch die halbe Nacht hindurch auf magischen Wegen mit ihm Gefühls- und Gedankenbotschaften ausgetauscht. Sie hatte sogar vorgeschlagen, dass sie ihm ja auf dem Gedankenweg die dritte Geschichte aus dem Buch der Geister vorlesen könnte – Vom Felsen, der ein Fenster war. Aber Amos hatte nichts davon wissen wollen. Es war viel zu gefährlich – solange sie nicht zumindest ungefähr wussten, welche magischen Gaben die dritte und die vierte Geschichte in ihnen erwecken würden, so lange durften sie auf keinen Fall im Buch der Geister weiterlesen. Und bis dahin durften sie auch die Fähigkeiten, die in ihnen bereits wach geworden waren, nur möglichst selten einsetzen.

Seit Amos im Kerker zu sich gekommen war, hatte er deshalb nur ein paar Mal mit Klara Kontakt aufgenommen und auch das jedes Mal nur kurz. Er hatte ihr einen warmen Gefühlsstrahl geschickt, damit sie spürte, dass er noch am Leben war. Und dass er sie immer noch so sehr liebte wie an ihrem ersten Tag. Doch bevor sie ihn beschwören konnte, den Mut nicht sinken zu lassen, oder bevor sie anfangen konnte, ihn mit verzweifelten Befreiungsplänen zu bestürmen, hatte Amos die magische Verbindung schnell wieder unterbrochen.

Er wollte nicht, dass sich Klara unerfüllbare Hoffnungen machte. Wer einmal in die Fänge der Inquisition geraten war, hatte sein Leben verwirkt. Und noch weniger wollte er, dass sie sich in Gefahr begab, dass sie womöglich ihr eigenes Leben und ihre Freiheit riskierte, um ihn durch einen waghalsigen und von vornherein aussichtslosen Angriff zu retten. Deshalb hatte er ihr auch nicht gleich berichtet, dass der Fürstbischof sich auf einmal entschlossen hatte, ihn nach Nürnberg schaffen zu lassen – und überdies auf so eigentümliche Weise.

Klara? Nun spürte er schon das vertraute Ziehen von seinem Nabel bis in den Hals hinauf und zugleich ein Sausen hinter seiner Stirn – das Zeichen, dass die magische Verbindung hergestellt war. Doch er zögerte immer noch, ihr jetzt schon von seiner plötzlichen Reise zu erzählen. Wenn er erst in Nürnberg im Inquisitionskerker säße, wäre es immer noch früh genug. Allerdings hielt sich Klara ja wohl nach wie vor im Dickicht unweit der Bamberger Bischofsburg versteckt – wenn sie jetzt von ihm erfuhr, dass er seit Stunden auf dem Weg nach Nürnberg war, konnte sie ihn unmöglich noch einholen und sich dadurch selbst in Gefahr bringen.

In seinem Inneren erklang ihre Stimme – hell, fast zart und doch kräftig. Amos? Wie froh ich bin, endlich von dir zu hören. Ich versuche seit Stunden, dich zu erreichen.

Ich weiß, Klara. Das Herz zog sich ihm zusammen. Wie sehr er sie liebte! Niemals in seinem ganzen Leben hatte er irgendeinen Menschen in dieser Weise geliebt. Nicht seine Eltern, die von der Bruderschaft Opus Spiritus ermordet worden waren. Auch nicht seine Schwester Oda, die der Inquisitor Cellari auf dem Gewissen hatte. Und nicht einmal Valentin Kronus.

Aber gerade deshalb, weil ihm Klara der liebste Mensch auf der ganzen Welt war – gerade darum durfte er auf gar keinen Fall auch noch ihr Leben und ihre Freiheit gefährden. Waldo würde nicht einen Augenblick lang zögern, mit seiner Axt oder seinem Kurzschwert jedermann zu erschlagen, der sich ihnen in den Weg zu stellen wagte. Nicht einmal, wenn ihm ein wunderschönes Mädchen von gerade mal sechzehn Jahren entgegentreten würde, mit langen blonden Haaren und leuchtend grünen Augen, die vor Zorn oder Trauer beinahe schwarz werden konnten.

Klara, hör mir bitte zu, begann er. Der Fürstbischof lässt mich nach Nürnberg bringen – ich bin schon unterwegs und werde wohl

Weiter kam er nicht. So ist es also wahr!, fiel ihm Klara ins Wort und sogar ihre Gedankenstimme klang atemlos.

Aber woher weißt du denn davon? Vor Verblüffung verschlug es Amos fast die Sprache. Hat irgendwer aus der Burg dir davon erzählt?

Nicht irgendwer, gab Klara zurück. Und auch nicht aus der Bischofsburg. Ich kann es selbst noch kaum glauben – aber es war Mutter Sophia.

Mutter Sophia? Sie lebt also? So allmählich verstand Amos gar nichts mehr. Aber woher konnte sie denn wissen, was der Fürstbischof mit mir vorhat?

Ich weiß es nicht, Amos, antwortete Klara. Jedenfalls ist sie am Leben, sie hat sich letzte Nacht auf dem Gedankenweg bei mir gemeldet und mir ganz genau beschrieben, was ich heute in aller Frühe tun sollte.

Mutter Sophia war die Äbtissin des Klosters Mariä Schiedung nahe Nürnberg, in dem Klara einige Jahre lang gelebt hatte, nachdem ihre Eltern von Mordbrennern umgebracht worden waren – nicht anders als Amos’ eigene Eltern kurz darauf. Die Äbtissin war für Klara wie eine zweite Mutter gewesen. Sie hatte Klara getröstet, wenn sie nachts aus dem Schlaf aufgeschreckt war, weinend und vollkommen verstört, weil sie wieder mal von jenem schrecklichen Tag geträumt hatte, als ihre Eltern ermordet worden waren. Mutter Sophia hatte ihr beigebracht, sich im Gebet vertrauensvoll an Jesus Christus und seine Mutter Maria zu wenden. Durch ihr gütiges Vorbild hatte Klara überhaupt erst erfahren, dass der Gottessohn seine Jünger gelehrt hatte, barmherzig zu sein und stets für die Schwachen und Armen einzutreten – ganz im Gegensatz zu den heutigen Kirchenfürsten, ihren Inquisitoren und Soldaten, die mit Feuer und Schwert überall im Land Angst und Schrecken verbreiteten.

Allem Anschein nach gehörte auch Mutter Sophia dem Opus Spiritus an – sie hatte Klara die ersten beiden Geschichten aus dem Buch der Geister vorgelesen, und sie hatte ihr angekündigt, dass Amos auf magischem Weg mit ihr Verbindung aufnehmen würde, damit sie zusammen Das Buch der Geister vor den Ketzer und Bücherjägern retteten. Dann jedoch war sie von der Nürnberger Inquisition verhaftet worden, und kurz danach war Klaras Kontakt zu der weisen und gütigen Äbtissin abgerissen. Eigentlich hatten sie beide geglaubt, dass Mutter Sophia genauso wie Valentin Kronus nicht mehr am Leben war.

Amos ließ sich das alles durch den Kopf gehen. Diese unerwartete Wendung gefiel ihm überhaupt nicht. Er hätte nicht sagen können, was ihm daran so wenig behagte, aber er hatte ein äußerst ungutes Gefühl dabei. Und was solltest du machen?, fragte er.

Das Buch der Geister einpacken und beim ersten Morgenlicht losreiten, antwortete Klara – und zwar in Richtung…

Mehr bekam Amos von ihrer Gedankenbotschaft nicht mehr mit. Um ihn herum brachen mit einem Mal mindestens fünf Dutzend Leute in lautes Geschrei aus. Beunruhigt lauschte Amos nach draußen und so riss seine magische Verbindung zu Klara unvermittelt ab. Es war ein Gefühl, als ob sich die Magendecke mit einem Ruck zusammenziehen würde, und mit dem Sausen hinter seiner Stirn erstarb auch ihre Stimme so plötzlich, als ob eine innere Tür zugefallen wäre.

Die Erde um ihn herum erzitterte von stampfenden Schritten. Dazu knirschte und krachte es, wie wenn ein riesengroßer Baum umstürzen würde. Die Kutsche kam so abrupt zum Stehen, als ob sie gegen eine Felswand gefahren wären. Was um Himmels willen war da draußen nur los?

Verzweifelt warf Amos seinen Kopf hin und her. Er rieb seine Schläfen abwechselnd an den Tuchballen zu seiner Linken und zur Rechten und schaffte es endlich, sich die elende Augenbinde bis in die Stirn hinaufzuschieben. Mühsam setzte er sich auf und versuchte, sich darüber klar zu werden, was da draußen überhaupt vorging. Aber durch die verdammte Plane, die an gebogenen Stangen über den Karren gespannt war, konnte er nach wie vor nur ein wildes Durcheinander zuckender Schatten sehen.

Vorn auf dem Kutschbock fluchten Waldo und Franz um die Wette. Mittlerweile hatten etliche Angreifer offenbar ihr Gefährt geentert. Der ganze Wagen wankte und ächzte und in das Kampfgeschrei mischte sich das Klatschen von Backpfeifen und Faustschlägen. Mit einem Ruck wurde die Plane über Amos entzweigefetzt und im nächsten Moment halb von ihrem Gestänge heruntergerissen. Mehr noch verwundert als erschrocken, sah er, dass es sich bei den Wegelagerern um eine Horde wilder Leute handelte, die anscheinend hier draußen im Dickicht hausten.

Es mussten mindestens fünfzig Wegelagerer sein, die sich auf dem engen Waldweg um ihre Kutsche herum drängten. Männer und Frauen, auch Halbwüchsige und Kinder – allesamt ausgemergelte Gestalten mit verfilzten Haaren, in zerlumpten Gewändern, Hände und Arme und sogar die Gesichter über und über mit Schlamm beschmiert. Noch immer schrien alle wüst durcheinander und dazu schwenkten sie furchterregende Waffen – Sauspieße, riesenhafte Äxte und sogar Krummsäbel. Soweit Amos das erkennen konnte, hatten sie die Straße vor ihnen mit einem gewaltigen Baumstamm blockiert. Und das Knirschen und Krachen, das er vorhin gehört hatte, war offenbar von einem zweiten Baum ausgegangen, der keine fünf Schritte hinter ihrem Wagen auf die Straße gekracht war.

Ein perfekter Hinterhalt, dachte Amos. Aber wie gewöhnliche Räuber und Wegelagerer sahen diese wilden Leute eigentlich nicht aus. Ganz abgesehen davon, dass auf diesem abgelegenen Weg höchstwahrscheinlich nur alle paar Wochen einmal ein Wanderer oder eine Kutsche vorbeikam, die auszuplündern sich lohnte. Wer aber waren diese Leute sonst?

Sie zerrten Waldo und Franz von dem Kutschbock herunter, und wie verzweifelt die beiden Soldaten sich auch sträubten – im Nu hatten die Räuber sie bis aufs Hemd ausgezogen und wie zum Ausgleich von den Füßen bis zum Hals mit daumendicken Seilen umschnürt. Knebeltücher wurden in ihre Münder gestopft, nur noch die rollenden Augen sahen darüber hervor und bei Waldo zwei Zipfel von seinem Schnauzbart.

Ein junger Räuber, eher noch Knabe als Mann, turnte währenddessen auf dem Sparrwerk über Amos herum. Er war eben dabei, sich zu ihm ins Innere des Karrens zu schwingen – zweifellos, um nachzuschauen, was all die Bündel und Rollen an Stehlenswertem enthielten. Doch noch bevor er sich ganz hereingeschlängelt hatte, ertönte aus dem Dickicht zur Rechten der Straße ein krachender Schuss.

Der junge Räuber erstarrte, seine Augen wurden weit vor Schreck. Ein zweiter Schuss, diesmal schon ganz in der Nähe. Der Junge warf sich herum, und vielleicht war es weniger sein Aussehen – die blonden Haare, die grünen Augen, die dreckigen Hände – als dieses katzenhafte Herumfahren, an dem Amos ihn mit einem Mal wiedererkannte.

»Bleib stehen!«, schrie er durch seinen Knebel hindurch und heraus kam nur ein dumpfes Gurgeln.

Der Junge lachte auf, sprang mit einem Satz vom Wagen herunter und verschwand aus Amos’ Blickfeld.

Er kannte diesen blonden Dreckskerl, kein Zweifel – es war derselbe Junge, der ihn vor Wochen, bei seiner ersten Reise nach Nürnberg, vor den Toren des Marktfleckens Pegnitz schon einmal fast bestohlen hätte – in einem sehr ähnlichen Tumult wie diesem. Der verdammte Bursche hatte versucht, ihm den Brief zu entwenden, den Amos im Auftrag von Valentin Kronus nach Nürnberg bringen sollte – und vielleicht war sogar diese ganze abgerissene Horde, die sie heute umzingelt hatte, dieselbe wie damals.

Aber wie sollte das möglich sein?, überlegte er dann. Auch wenn er keine genaue Vorstellung hatte, wo sie diesmal in einen Hinterhalt geraten waren – sie mussten fünfzig oder noch mehr Meilen von dem Städtchen Pegnitz entfernt sein. Ganz bestimmt war es kein Zufall, dass er schon zum zweiten Mal mit derselben Horde und vor allem mit diesem diebischen Dreckskerl aneinandergeraten war. Aber wenn nicht der blinde Zufall, wer oder was sonst hatte die abgerissene Schar gerade jetzt an diesen abgelegenen Ort geführt?

So angestrengt dachte Amos darüber nach, dass er kaum mitbekam, wie die ganze Räuberschar linker Hand wieder im Dickicht verschwand. Die Kutschpferde hatten sie abgeschirrt und führten sie am Zaumzeug mit sich fort, und über jeden Gaul hatten sie einen Wachsoldaten geworfen – verschnürt vom Hals bis zu den Füßen und zum Überfluss auch noch mit einem Hafersack über dem Kopf.

Nach all dem Geschrei und Getöse kam Amos die plötzliche Stille fast unwirklich vor. Von der wilden Horde war schon nur noch leises Trappeln und Knacken im Unterholz zu hören. Viel lauter klirrten die Ketten an seinen Händen und Füßen, als er so tief wie irgend möglich unter die Tuchballen kroch. Wer auch immer die Wegelagerer gewesen mochten – noch weit gefährlicher waren doch offenbar diese anderen im Dickicht oberhalb der Straße, die die Räuber mit Gewehrschüssen vertrieben hatten. Und wer waren nun wieder diese Bewaffneten? Jäger vielleicht oder womöglich … Sein Herz setzte für einen halben Schlag aus. Die Purpurkrieger des Inquisitors? Diese furchtbare Heerschar hatte Burg Hohenstein und Kronus’ alten Mühlhof in ein Schlachtfeld verwandelt und alles mit Leichen und Ruinentrümmern übersät.

Mit einem Auge spähte Amos zwischen Tuchballen und den Fetzen der Wagenplane nach draußen. Mit krachendem Getöse brach dort ein Reiter aus dem Dickicht. Das fuchsrote Pferd setzte schnaubend über einen Felsbrocken hinweg und sprang neben dem Wagen auf die Straße. Amos starrte die Gestalt auf dem Pferd ungläubig an.

Der Reiter war eine Reiterin. Die blonden Haare wehten wie ein Lichtschweif hinter ihr her und ihre grünen Augen blitzten vor Triumph und Angriffslust.

Klara, brachte Amos hervor. Klirrend und keuchend arbeitete er sich aufs Neue aus dem verdammten Tuch- und Federzeug heraus. Wie um Himmels willen kommst du hierher?

Sie lenkte ihre Füchsin näher an den Karren heran. Genau hier sollte ich mich auf die Lauer legen, antwortete sie und ihr ganzes Gesicht strahlte vor Glück und Zufriedenheit. Und die Räuberhorde sollte ich durch ein paar donnernde Warnschüsse mit diesem Gewehr hier vertreiben. Sie klopfte auf den Lauf der Flinte, die aus ihrer Satteltasche ragte. Mutter Sophia hat mir auch die Jagdhütte einige Meilen waldeinwärts beschrieben, wo ich das Gewehr finden würde. Und tatsächlich ist alles ganz genauso gekommen, wie sie es vorhergesagt hat.

Klara glitt von der Füchsin und ihr Gesicht nahm einen schuldbewussten Ausdruck an. »Aber du Ärmster«, fuhr sie mit ihrer gewöhnlichen Stimme fort, »ich rede und rede – anstatt dich als Erstes von diesen grässlichen Fesseln zu erlösen!« Sie schwang sich zu Amos auf den Wagen. »Ich habe es immer gespürt«, sagte sie, »dass es uns glücken würde, dich wieder zu befreien.«

Sanft löste Klara die Augenbinde auf seiner Stirn und den abscheulichen Knebel. Wie köstlich es für ihn war, ihre Lippen zu schmecken anstelle des hundertfach zerbissenen Lederriemens. »Mein Auserwählter«, flüsterte Klara nah an seinem Ohr, »nie mehr werde ich zulassen, dass irgendwer uns trennt.«

Sie zog Das Buch der Geister unter ihrem Gewand hervor. Der Einband aus schwarzem Kaninchenleder sah mittlerweile stumpf und verfleckt aus, und die halb herausgerissenen Blätter, die an der Längsseite heraushingen, erinnerten Amos mehr denn je an die Zunge eines hechelnden kleinen Tieres.

Mit den Fingerspitzen fuhr er über die Vorderseite des dünnen kleinen Buchs, und ihm war, als ob ein heißer, heller Strahl von dem Buch bis in sein Innerstes hineinführe. Kronus selbst hatte das Manuskript in diesen Lederfetzen gebunden und den Buchtitel eigenhändig mit einem Messer eingeritzt. Das Buch der Geister, stand da in schwer leserlicher Schrift, und darunter, viel kleiner, Von Valentin Kronus.

»Willst du es wieder an dich nehmen?«, fragte Klara.

Amos schüttelte den Kopf und seine Ketten klirrten. »Erst muss ich diese vermaledeiten Fesseln loswerden.«

3

EIN PAAR HABSELIGKEITEN von Waldo und Franz lagen noch neben dem Kutschbock auf der Straße verstreut – ein ausgeplünderter Geldbeutel, ein leerer Wasserschlauch, die untere Hälfte von einem zerbrochenen Holzkruzifix. Aber den Schlüssel, mit dem der schnauzbärtige Wachsoldat die Schlösser an Amos’ Ketten zugeriegelt hatte, fanden sie nicht.

»Und was machen wir jetzt?«, sagte Amos. »Mit diesen Fesseln komme ich keine zwei Meilen weit – schon weil sie so elend schwer sind.« Überdies konnte er nur Trippelschritte machen, solange seine Füße mit der Kette umwunden waren, und seine Arme mit den unbeweglich gegeneinander gepressten Händen hingen vor ihm herab wie ein Bündel totes Holz.

Klara machte schmale Augen, wie immer, wenn sie angestrengt nachdachte. »Wir müssen zurück zur Hütte – zu dem kleinen Jagdhaus«, erklärte sie, weil Amos sie verständnislos ansah. »Du weißt doch – Mutter Sophia hat mich dorthin geschickt, damit ich das Gewehr an mich nehmen konnte. Bestimmt finden wir da auch irgendwelches Werkzeug, mit dem wir die Kette auseinanderbekommen.«

»Wie weit ist es bis dahin?« Nach den Tagen im Kerker fühlte er sich ziemlich schwach auf den Beinen. Mit den Fesseln um seine Fußknöchel konnte er sich nicht einmal auf die Füchsin schwingen. Und sowieso fühlte es sich für ihn noch ganz unwirklich an, wieder frei zu sein. Ängstlich schaute er sich alle paar Atemzüge um – so als ob im nächsten Moment die Purpurkrieger des Inquisitors herbeigeprescht kämen.

Klara sah mit besorgter Miene von Amos zu dem unwegsamen Waldstück oberhalb der Straße. »Zwei Meilen«, sagte sie, »vielleicht drei.«

»Dann reite du allein zurück und ich verstecke mich so lange irgendwo da oben im Gebüsch.«

Doch davon wollte Klara nichts wissen. »Und wenn die Räuber zurückkommen?«, wandte sie ein. »Der größte Teil ihrer Beute ist ja noch auf dem Wagen.«

Amos schüttelte den Kopf. »Das waren keine Räuber«, sagte er. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese ganze wilde Horde irgendwie zum Opus Spiritus gehört. Oder zumindest kann die Bruderschaft diese Leute durch die Gegend dirigieren und immer da einsetzen, wo es ihr gerade passt.«

Klara machte große Augen. »Wie kommst du denn da drauf?«

»Das erkläre ich dir später. Hilf mir bitte erst mal die Böschung hoch.«

Klara schob und stützte ihn nach Kräften, aber es war eine mühselige Plackerei, mit den Eisenfesseln steil aufwärts durchs Dickicht zu kraxeln. Schon nach kaum einem Dutzend Schritten war Amos nass geschwitzt. Seine Arme und Beine fühlten sich so schwer an, als ob sie mittlerweile selbst aus Eisen bestünden. Andauernd verfing sich eine Kette im Geäst und außerdem klirrte und schepperte er bei jedem Schritt wie eine ganze Waffenkammer.

Außer Atem ließ er sich auf einen bemoosten Felsbrocken fallen. »Bis zur Hütte schaffe ich es nie«, brachte er keuchend hervor. »Und das Geschepper muss meilenweit zu hören sein. Lass es uns machen, wie ich es vorgeschlagen habe«, fuhr er fort, nachdem er ein wenig zu Atem gekommen war. »Ich warte hier auf dich – mit der Füchsin bist du im Nu bei der Hütte und wieder zurück.«

Klara war hinter ihm den Hang hinaufgeklettert und hatte die Stute am Zügel mit sich gezogen. Sie machte das Pferd an einem tief hängenden Ast fest und setzte sich neben ihm auf die Felsbank. Liebevoll lächelte sie Amos an und schmiegte sich für einen Moment an ihn. Aber gleich darauf wurde sie wieder ernst.

Das geht nicht, Amos – es ist zu gefährlich, brachte sie auf dem Gedankenweg hervor. Sie schaute sich nach links und rechts um, so als ob auch sie befürchtete, dass sie bereits von irgendwelchen Verfolgern entdeckt worden wären. Doch außer Bäumen und Gestrüpp war weit und breit nichts zu sehen. Vielleicht hast du recht, was die wilden Leute da unten angeht, fuhr sie fort. Aber es ist trotzdem viel zu gefährlich – mit den Fesseln kannst du dich weder wehren noch wegrennen.

Amos zuckte mit den Schultern. Sogar durch eine Bewegung wie diese rief er vernehmliches Klirren hervor. »Wovor hast du Angst, Klara?«, fragte er. »Glaub mir, die Wegelagerer da unten müssen auf der Seite der Bruderschaft sein. Ich habe einen von ihnen wiedererkannt – so ein dreckiger kleiner Bursche, der schon mal versucht hat, mich zu bestehlen.«

Er erzählte ihr mit raschen Worten, was damals vor dem Stadttor von Pegnitz passiert war. »Das gehörte also auch schon zu der Prüfung«, schloss er, »die Kronus damals mit mir angestellt hat – ob er sich auf mich verlassen kann und ich mir Schriftstücke, die er mir anvertraut hat, nicht einfach so wegnehmen lasse. Bei Pegnitz hat die Bruderschaft diese wilde Horde auf mich losgelassen – und fast hätte der Junge es auch geschafft, mir Kronus’ Brief zu entreißen, aber nur fast. Und in Nürnberg haben Kronus und deine Mutter Sophia dann am nächsten Tag dich ins Rennen geschickt. Und du hast mir den Brief tatsächlich abgeluchst, aber ich …« Er sah ihr tief in die Augen und vergaß einige Atemzüge lang, weiterzureden. »Ich bin dir wie verrückt hinterhergerannt und hab ihn dir schließlich wieder abgejagt.« Er grinste sie an.

Klara grinste mindestens genauso frech zurück. »Aber nur, weil ich an dem Brunnen auf dich gewartet habe. Wenn ich es drauf angelegt hätte – du hättest mich niemals gefunden. Und den Brief noch viel weniger.«

Er beugte sich zu ihr herüber und küsste sie sanft auf ihren Mund. »Ich kann sehr hartnäckig sein, weißt du?«

»Oh ja«, gab Klara zurück, »das weiß ich allerdings.« Sie löste sich von ihm, und er spürte, dass sie immer noch voller Angst war. Sie wechselte auch gleich wieder in die Gedankensprache, obwohl sie in diesem abgelegenen Dickicht doch bestimmt niemand belauschen konnte. Seit ich heute früh in Bamberg losgeritten bin, sagte sie, kommt es mir immer wieder vor, als ob mich irgendjemand verfolgen würde. Oder irgendetwas, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu und schüttelte sich wie bei einem Gruselschauder. Und deshalb kann ich dich auf gar keinen Fall allein hier zurücklassen. Ihre Augen wurden ein paar Schattierungen dunkler. Hast du nicht gehört, was ich vorhin zu dir gesagt habe, mein Auserwählter: Ich werde niemals mehr zulassen, dass wir getrennt werden.

Du könntest mir ja das Gewehr hierlassen, und wenn dann … Er brach ab, ohne seinen Einwand zu Ende zu bringen. Klara hatte recht. Er bekam seine Hände nicht einmal weit genug auseinander, um das Gewehr anzulegen. Falls hier wirklich irgendwelche Verfolger auftauchen würden, während er allein auf diesem Felsbrocken saß, wäre er hilf- und wehrlos. Allerdings glaubte Amos nicht, dass der Inquisitor Cellari oder der Unterzensor Skythis mit seinen Bücherjägern ihnen schon wieder so dicht auf den Fersen sein könnten. Der Inquisitor würde morgen oder wahrscheinlich sogar erst übermorgen Verdacht schöpfen, wenn Fürstbischof Georgs Wachsoldaten ihren Gefangenen nicht in Nürnberg ablieferten. Und Klaras Spur hatten sie allem Anschein nach sowieso verloren, seit sie mitsamt dem Buch der Geister aus der Bischofsburg geflohen war – da konnte Cellari jetzt erst recht nicht ahnen, wohin Klara heute in aller Frühe aufgebrochen war. Und dass irgendein geisterhaftes Wesen ihr gefolgt wäre, hatte sie sich bestimmt nur eingebildet.

»Also gehen wir weiter«, sagte Amos und wollte schon aufstehen, aber Klara legte ihm ihre Hand auf den Arm.

Hörst du das nicht? Sie konnte mit ihrer Gedankenstimme sogar flüstern. Hör doch, wisperte sie in seinem Kopf, wie es da drüben im Buschwerk heult und winselt. Das ist wieder dieser … dieses Etwas, das mich seit Bamberg verfolgt.

Amos lauschte angespannt und schließlich hörte er es auch. Ein Jaulen und Fiepen, das sich überhaupt nicht nach Mensch anhörte, aber genauso wenig wie ein Tier. Ein Frösteln lief ihm den Rücken hinunter. Es klang wie nichts, was er jemals vorher vernommen hatte.

»Ein Geist«, flüsterte Klara, »vielleicht vom Zauberer Faust erschaffen, damit er immer weiß, wo Das Buch der Geister gerade ist?« Sie sah mit großen Augen von Amos zu dem Gebüsch einige Dutzend Schritte linker Hand, aus dem gerade in diesem Moment wieder ein gräuliches Heulen erklang.

Es war ein gewaltiger Hollerbusch, groß genug, um einer ganzen Gespensterschar Unterschlupf zu bieten – aber Amos glaubte nicht einen Augenblick lang, dass in diesem Gestrüpp ein Geist lauern könnte. »Ein Dämon, von Faust erschaffen?« Er sprach absichtlich laut und in wegwerfendem Tonfall, um Klara aus ihrer ängstlichen Erstarrung aufzuwecken. »Ich habe ja selbst erlebt, dass der Herr Faust so einiges durcheinanderrütteln kann. Aber einen dienstbaren Geist aussenden, um dich und Das Buch zu überwachen – das kann bestimmt nicht mal er.«

Scheppernd wie ein Ritter in voller Rüstung erhob sich Amos von dem Felsbrocken und machte Anstalten, zu dem Hollerbusch hinüberzustapfen. Nicht, Amos, bitte geh nicht dorthin!, flehte Klara mit einem solchen Entsetzen in ihrer Gedankenstimme, dass er gleich wieder stehen blieb. Ich weiß etwas viel Besseres, fuhr sie fort,