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CHRISTOPHER KEPPEL UND JOACHIM BARTHOLOMAE

«SCHLAFFE GHASELEN »
UND «KNOBLAUCHSGERUCH »

Platen, Immermann und Heine streiten über
freche Juden, warme Brüder und wahre Poesie

Männerschwarm Verlag Hamburg 2012

EINFÜHRUNG

In den Jahren 1827 bis 1829 tragen drei deutsche Dichter eine Fehde aus, die sich an literarischen Gegensätzen entzündet, jedoch in kürzester Zeit voller Hass persönliche Merkmale ins Visier nimmt: Heinrich Heine ist «getaufter Jude», August von Platen ein unmännlicher «Schönheitsfreund» – die Schläge gehen gezielt unter die Gürtellinie, und das, obwohl die streitenden Parteien einander gar nicht kennen. In einer Zeit, in der politische Auseinandersetzungen von einer autoritären Obrigkeit unterdrückt werden, eskaliert der Streit über wahre Dichtung zu einem unappetitlichen Gemetzel unter Außenseitern. Als Dritter ist Karl Leberecht Immermann als Freund Heines beteiligt. Die Auseinandersetzung findet in aller Öffentlichkeit statt und prägt das Image der Beteiligten bis heute. Es ist diese Gemengelage, die dem Streit seinen besonderen Charakter verleiht und die Kombattanten gewissermaßen in den Rang literarischer Figuren erhebt.

Der Streit beginnt mit der Veröffentlichung einer Xenie Karl Leberecht Immermanns. Solche kurzen Gedichte waren in der römischen Literatur liebenswürdige «Begleitschreiben» zu Gastgeschenken. Goethe wendete diese Bedeutung ironisch ins Gegenteil und bezeichnete seine polemischen Angriffe auf zeitgenössische Dichter als Xenien; zum Ende des 18. Jhdts. war es in der Folge zu einem wahren «Xenienkampf» gekommen, den Immermann wohl allzu gern neu aufleben lassen möchte. Er pflegt seit ein paar Jahren mit Heinrich Heine eine enge Literatenfreundschaft, und im Oktober 1826 hatte ihn Heine darum gebeten, ihm einen Beitrag zum zweiten Band seiner Reisebilder zu senden. Immermann willigt ein.

Fünf Xenien Immermanns sind in den Reisebildern enthalten, gut fünfzehn Dichter werden mit deutlichen Worten polemisch abgefertigt. Offenbar haben die Angesprochenen diese Kritik mehr oder weniger gelassen zur Kenntnis genommen; es sind nur zwei Verse der Xenie Östliche Poeten, mit denen Immermann in ein Wespennest sticht:

Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von Schiras

stehlen,

Essen sie zu viel, die Armen, und vomieren dann Gaselen.

Seit der Veröffentlichung von Goethes Westöstlichem Divan im Jahr 1819 war orientalische Literatur in Deutschland in Mode gekommen. August Graf von Platen folgte 1821 mit einen Band Ghaselen und Friedrich Rückert 1822 mit Östliche Rosen. Die Liedform des Ghasels oder der Ghasele entstand im 8. Jhdt. im indisch-persischen Raum. Im Arabischen bezeichnet ghazal das erotische Sprechen in der Lyrik, erst später wurde daraus ein klar definierter Begriff. Das Gedicht besteht aus Verspaaren, wovon der zweite Vers stets auf demselben Reim endet, das Schema sieht so aus: aa – ba – ca – da – ea und so weiter. Viele Dichter, auch Goethe, der es bei wenigen Versuchen in dieser Gattung bewenden ließ, kritisieren die strenge Form des Ghasels als Vergewaltigung der deutschen Sprache und Wortgeklingel ohne tiefere Bedeutung. Ganz in diesem Sinne schildert Immermanns Xenie Platen und Rückert als Diebe, die sich in einem fremden Garten überfressen: Immermann, der wie Heine für eine deutsche Nationalliteratur kämpfte, hatte für Anleihen bei den Kulturen ferner Länder nichts übrig.

Sein Spott trifft exakt ins Zentrum von Platens Anliegen, dem vermeintlichen Verfall der deutschen Literatur strenge Formen entgegenzusetzen. Es ist wohl das Verb «vomieren», also erbrechen, das Platen in Rage bringt. Vor dem vergleichsweise großen Publikum der Heine‘schen Reisebilder werden seine Gedichte «für Gespieenes erklärt» – das verletzt seine Ehre zutiefst, obwohl ihm sicher bewusst ist, dass in der Gattung der Xenie solche Grobheiten erlaubt sind.

Heines Reisebilder mit Immermanns Xenien werden im April 1827 bei Hoffmann und Campe in Hamburg veröffentlicht; Platens Reaktion folgt Anfang 1829 in Gestalt des Lustspiels Der romantische Ödipus bei Cotta in Stuttgart. Darin zeigt er den «Hyperromantiker Nimmermann» bei der Arbeit: Inmitten eines Chores von Heidschnucken arbeitet Nimmermann in der Lüneburger Heide an einer romantischen Fassung des Ödipus. «Publikum» und «Verstand» treten als Personen auf und üben Kritik, woraufhin der Dichter seinen Busenfreund Heine als Retter beschwört, den er als «Petrark des Laubhüttenfests» und «Synagogenstolz» bezeichnet. Schließlich verliert Nimmermann den Verstand.

Immermann, ein sehr produktiver Autor, hatte kurz zuvor mit Cardenio und Celinde die Neubearbeitung eines Stücks von Andreas Gryphius veröffentlicht, das nach einhelliger Meinung der Zeitgenossen – mit Ausnahme Heines – einen Tiefpunkt seines Schaffens darstellte. Platen kannte das Stück, und nach eigener Aussage wählte er deshalb Immermann zum Vorbild seines «Hyperromantikers ». Falls die erhaltenen Briefe Platens ein zutreffendes Bild vermitteln, war der erste Akt des romantischen Ödipus schon geschrieben und die Figur des Nimmermann bereits erfunden, als Platen von Immermanns Xenien erfuhr. Er brauchte also lediglich die schon begonnene Arbeit fortzusetzen und dabei an Schärfe zuzulegen. Da er zu diesem Zeitpunkt bereits in Italien lebte, forderte er seine Freunde auf, ihm Informationen über Immermann zukommen zu lassen. Während Heinrich Heine im Stück beim Namen genannt wird, trägt der «Hyperromantiker» ein wenn auch leicht durchschaubares Pseudonym, und Platen macht sich nicht etwa daran, ein reales Stück Immermanns zu analysieren – er schreibt vielmehr selbst ein Theaterstück im Stil der Romantiker. Seine Stilparodie ist ohne Frage eine amüsante Fingerübung; die hinzugefügte Rahmenhandlung mit ihrer Verächtlichmachung von Immermann und Heine fällt weit weniger amüsant aus und provozierte weitere Reaktionen.

Denn nun wittert in Hamburg Verleger Campe ein Geschäft und fordert Immermann auf, auf diese Attacke zu antworten. Der veröffentlicht noch im selben Jahr die Streitschrift Der im Irrgarten der Metrik umhertaumelnde Cavalier, bestehend aus einer im sachlichen Ton verfassten Kritik an Platens Theaterstück Die verhängnisvolle Gabel und an seinen Gedichten, gefolgt von 22 Spottgedichten, die zunächst Platens Formalismus verhöhnen und mit einer recht drastischen Analmetaphorik enden. Dieses Büchlein wird in den meisten Darstellungen des Dichterstreits unterschlagen, weil Immermann als «minderer» Dichter für die Nachwelt wohl weniger interessant ist. Sein umhertaumelnder Cavalier gehört jedoch ohne Frage zu den ausgesuchtesten Bosheiten der deutschen Literatur.

Den Briefen Platens ist zu entnehmen, dass der sich bereits jetzt geschlagen gibt: Die Rezensenten haben seinen Ödipus recht ungnädig aufgenommen und loben Immermanns Cavalier; dabei hatte er gehofft, dass seine Kritik der romantischen Dichter ein glänzender Triumpf würde. Die öffentliche Meinung hat anders entschieden, was ihn darin bestärkt, ins Land der Deutschen freiwillig nicht mehr zurückzukehren.

Aber der Streit ist noch nicht vorbei; den letzten Schlag führt Heinrich Heine im dritten Band der Reisebilder, dem Abschnitt Die Bäder von Lucca. Heine liebt das Genre der Reisebilder, weil es ihm jede Freiheit der inhaltlichen Gestaltung lässt. In den Bädern von Lucca macht er von dieser Freiheit reichlich Gebrauch, indem er auf Reisebeschreibungen fast gänzlich verzichtet und stattdessen von der Begegnung mit zwei lächerlichen Personen erzählt, dem konvertierten Juden Gumpelino und seinem ebenfalls konvertierten Diener Hyazinth. Gumpelino hat nach der Einnahme eines Abführmittels das lang ersehnte Rendezvous mit einer jungen Dame verpasst und die Nacht stattdessen auf der Toilette verbracht, wo er sich mit die Lektüre der Gedichte des Grafen Platen über die entgangenen Freuden hinweg tröstete. Anders als Immermann setzt Heine die Analanspielung schon als Auftakt seiner Erwiderung, er kann es gar nicht abwarten: Natürlich sei dem Gedichtband olfaktorisch anzumerken, wo er gelesen wurde ... Gern zitiert wird sein Wortspiel, Platens Gedichte zeichneten sich vor allem durch Sitzfleisch aus, und zwar nicht nur aufgrund der investierten Mühe und Genauigkeit, sondern auch «in Betreff des Inhalts».

Mit Gumpelino und Hyazinth demonstriert Heine, dass er durchaus in der Lage ist, Platens Judenklischees um Längen zu überbieten; damit antwortet er auf Platens Kunstgriff, sich selbst im Genre der romantischen Komödie zu versuchen. Schließlich tritt Heine dann aus der Handlung heraus und erklärt dem Leser ex kathedra, wer dieser Graf Platen nun eigentlich sei. Hier finden sich im Wesentlichen die gleichen Argumente wie bei Immermann, den er mehrmals zitiert und dem das Buch zudem gewidmet ist. Nur in einer Hinsicht geht Heine über Immermann hinaus: Er diskutiert offen die Homosexualität Platens. Die Männerliebe ist Gegenstand zahlreicher Sonette und Ghaselen Platens, was von den Rezensenten bisher wenig erfreut zur Kenntnis genommen oder ignoriert wurde. Heine beschränkt sich jedoch nicht darauf, dieses literarische Motiv zu erörtern, er liest die Texte vielmehr als autobiografische Bekenntnisse eines Homosexuellen.

Damit ist der Streit in der Hauptsache beendet; Heine veröffentlicht zwanzig Jahre später im Romanzero noch das Gedicht Plateniden, Platen wiederum verfasst einige Epigramme auf Heine, die er zu Lebzeiten nicht veröffentlicht. Immermann gönnt Platen in seinem berühmtesten Werk, dem Münchhausen, die Ehre, in die Walhalla einzuziehen, während er Heine in einem Brief an seinen Bruder als «Hans Wurst» bezeichnet. Zehn Jahre später wird Heine mit Ludwig Börne einen langjährigen «Mitstrebenden» zu erledigen versuchen. Hatte er sich gegenüber Immermann, dem «Richter» über Platen, als «Scharfrichter» in Szene gesetzt, greift er Börne an, weil dieser in den politischen Ränken des Vormärz als «Dampfguillotine» agiere, während der Feingeist Heine sich «nur» als «gewöhnliche Guillotine» sah.

Wir stellen die literarischen Texte in den Kontext vielfältiger Resonanzen in Form von Briefen, Rezensionen und literarischen Repliken und präsentieren damit ein ebenso lebendiges wie atemberaubendes Stück Literaturgeschichte. Alle Beteiligten zeigen sich wie berauscht von der Möglichkeit, ihre Fehde öffentlich und in hochartifizieller Form austragen zu können, sie radikalisieren sich über die Maßen, obwohl sie kaum etwas voneinander wissen, und ziehen es vor, dem anderen die Ehre abzuschneiden, anstatt zur Sache zu argumentieren. Es ging ihnen um die «wahre Poesie», doch argumentieren sie eher kurzsichtig – weil sie selbst, im Auge des Sturms großer Veränderungen, nicht wussten, wohin die Reise gehen sollte? Manche Merkmale des Streits sind einer Situation geschuldet, in der das Denkmal Goethe und die «Kunstperiode» vor ihrem Ende stehen, die Romantik nur wenig

Perspektiven bietet und das Junge Deutschland noch nicht in Erscheinung getreten ist. Wir stellen fest, dass Platens Angriffe auf den «frechen Juden Heine» nicht auf ihn selbst zurückfielen – der Antisemitismus war zu jener Zeit selbst in den Köpfen aufgeklärter Zeitgenossen tief verankert. Heines Angriff auf den «warmen Schönheitsfreund» Platen galt dagegen als Skandal – das Sexuelle war ein Tabu, man konnte und sollte nicht darüber reden. Unabhängig von diesen Nuancen offenbaren diese drei ebenso selbst- wie sendungsbewussten Herren am Beginn der Moderne vor allem ihre menschlichen Stärken und Schwächen, und deshalb bleiben die Ereignisse auch über einen Zeitraum von zweihundert Jahren faszinierend und rätselhaft.

Um die Lesbarkeit der Texte zu erhöhen, haben wir die Orthografie weitgehend der heutigen Schreibweise angepasst, mit Ausnahme des komplett wiedergegebenen Cavaliers Immermanns, der eine Reihe zeittypischer Eigenheiten aufweist und die Schreibweise jener Zeit auf besonders charmante Weise verkörpert. Auf Fußnoten haben wir verzichtet; wenn auf fremdes Gedankengut zurückgegriffen wurde, sind die benutzten Werke am Ende des jeweiligen Texts aufgeführt.

DER SCHAUPLATZ – POLITISCHES UND KULTURELLES LEBEN UM 1830

STAAT UND GESELLSCHAFT

Zwischen dem Ende des Wiener Kongresses im Jahr 1815 und der französischen Julirevolution von 1830 (und dem Hambacher Fest 1832) scheint die Zeit stillzustehen; die Heilige Allianz aus Russland, Österreich und Preußen hat mit den Karlsbader Beschlüssen ein System der Zensur und Bespitzelung errichtet, das jede politische Meinungsäußerung im Keim erstickt. Wenn auch die Gesellschaft in mancherlei Hinsicht bereits stark im Umbruch begriffen ist, herrscht im geistigen Leben noch weitgehend Stillstand, und es ist Heinrich Heine, der seinen biedermeierlichen Mitmenschen das «Ende der Kunstperiode» verkündet: Nicht allein die Suche nach dem Kunstschönen, sondern die Probleme des wirklichen Lebens sollten die Dichter beschäftigen. Die «bleierne Zeit» endet jedoch erst mit Goethes Tod im Jahr 1832.

Die Situation von Homosexuellen hatte sich zur Zeit der französischen Herrschaft deutlich gebessert, weil der von Napoleon eingeführte Code pénal homosexuelle Handlungen straffrei stellte. Nach der Niederlage Napoleons kehrt Preußen zum Allgemeinen Preußischen Landrecht zurück; das französische Recht bleibt nur in den Rheinprovinzen erhalten. Das Königreich Bayern führt jedoch schon 1813 ein eigenes Strafgesetzbuch ein, in dem Homosexualität nicht mehr erwähnt wird.

Ebenso uneinheitlich ist die Rechtsstellung der Juden in den deutschen Ländern geregelt. Bis durch die Reichsgründung 1871 die jüdischen Einwohner rechtlich gleichgestellt werden, schaffen Länder und Stadtstaaten seit 1815 in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Entschlossenheit alte Sonderregelungen wie jüdische Gemeindeverfassungen, eigene Gerichtsbarkeit, aber auch die Pflicht zur Schutzgeldzahlung ab und führen dafür Wahlrecht, Schulpflicht und Hochschulzugang ein. Wohnberechtigte Juden müssen sich zumeist noch registrieren lassen, und die Zahl jüdischer Familien ist an vielen Orten begrenzt. Die weitestgehenden Integrationsversuche zielen, allerdings erfolglos, auf die Anpassung des jüdischen Kultus an die christliche Lebensweise ab.

Gegen diese starken Emanzipationstendenzen formieren sich 1819 aus Handwerkern und Kaufleuten die sogenannten Hepp- Hepp-Krawalle, in deren Verlauf zwischen Graz und Helsinki in vielen europäischen Städten über Monate hinweg Synagogen und andere jüdische Einrichtungen beschädigt und mit Demonstrationen und körperlicher Gewalt gegen Juden vorgegangen wird, um alte christliche (Berufs-)Privilegien zu verteidigen.

Der «ritterbürtige katholische Adel» unternimmt nach 1815 starke Anstrengungen, um seine alten Privilegien zurückzuerlangen. Als sich diese Bestrebungen auch auf die Restauration kirchlicher Rechte ausdehnen, geht das preußische Königshaus jedoch deutlich auf Distanz. Allerdings behalten diese «pfäffischen Junker » vor allem in München noch einen gewissen Einfluss.

LITERARISCHES LEBEN

Auf dem Buchmarkt ist eine technische Revolution zu beobachten. 1818 wird die erste Papiermaschine mit Dampfbetrieb gebaut, wodurch der Rohstoff Papier außerordentlich preiswert hergestellt werden kann, wenn auch in sehr schlechter Qualität. Zwar gilt noch bis 1867 das «ewige Verlagsrecht» an literarischen Werken, aber die Durchsetzung dieses Rechts scheitert zumeist an der deutschen Kleinstaaterei: Verlage müssen für jeden einzelnen Staat den Schutz ihrer Rechte meist kostenpflichtig beantragen, Raubdrucke sind an der Tagesordnung. Mehrere Verlage bringen nun preiswerte Klassikerbibliotheken heraus, die zum Teil durch «Drückerkolonnen» am Buchhandel vorbei verkauft werden – in Hunderttausender Auflagen. Auch Lexika und Geschichtswerke werden in hohen Auflagen verkauft – statt wie bisher zu gut eintausend Exemplaren jetzt zu zehntausenden. Lag ein durchschnittlicher Buchpreis bisher bei drei bis vier Talern, sinken die Preise dieser Reihentitel auf 15 bis 20 Silbergroschen (1 Taler = 30 Sgr.).

Jenseits dieser Massenausgaben liegen die Auflagen literarischer Werke zumeist zwischen 600 und 800 Exemplaren. Hauptabnehmer sind die zirka 800 Leihbibliotheken – der Verleger Vieweg erklärt noch 1855 seinem Autor Gottfried Keller: «Das reiche und gebildete Publikum kauft in der Regel in Deutschland sehr selten Romane.» Neben den Leihbibliotheken sind auch Lesegesellschaften verbreitet, die ausgehend von der gemeinsamen Lektüre zu einem wichtigen Faktor des geselligen Lebens werden. Das lesekundige Publikum macht im Jahr 1800 25% der Gesamtbevölkerung aus.

1828 werden in Deutschland 423 neue Romane verlegt, bei gut 4 000 Neuerscheinungen insgesamt. Für das Jahr 1831 sind in Deutschland insgesamt 780 Zeitungen und Zeitschriften nachgewiesen. Die Blätter für literarische Unterhaltung erzielen bei einem Verkaufspreis von 12 Talern im Jahr Auflagen von zirka 600 Exemplaren, während ein Massenblatt wie die Gartenlaube für 2 Taler Jahrespreis seine Auflage von 5 000 Exemplaren im Jahr 1853 auf 382 000 Exemplare im Jahr 1875 steigern kann.

Buchautoren haben die Wahl, ihre Werke in Zeitschriften zu veröffentlichen, im Selbstverlag herauszubringen oder an einen Verlag zu verkaufen. Es ist sicher damit zu rechnen, dass Nachdrucke erscheinen werden, für die es keine Honorare gibt, weshalb die Höhe der Erstauflage eine große Rolle spielt: Ein Nachdruck lohnt sich nur, wenn die Nachfrage nicht bereits durch die reguläre Ausgabe gedeckt ist. Andererseits lässt zum Beispiel Goethe zunächst nur kleine Auflagen drucken, um besser kontrollieren zu können, wie viele Exemplare seiner Bücher tatsächlich in Umlauf geraten – leider ist selbst den Abrechnungen sehr großer und renommierter Verlage nicht zu trauen.

Um einige Vergleichsgrößen zu nennen: Goethe erhält im Jahr 1797 für die Erstauflage von Hermann und Dorothea 1 000 Taler bei einer Startauflage von 6 000 Exemplaren; Klopstock bringt nach schlechten Erfahrungen mit dem Messias die Gelehrtenrepublik im Selbstverlag heraus und macht durch den Verkauf von zirka 3 500 Exemplaren einen Gewinn von 2 000 Talern. Robert Giseke, einer der beliebten Romanautoren jener Zeit, verdient mit seinen zwischen 1850 und 1866 verfassten fünf Romane in 15 Bänden gerade 630 Taler, das entspricht den Lebenshaltungskosten eines bescheidenen Junggesellen für ein Jahr. Lyrik wird dagegen sehr viel großzügiger honoriert. Ferdinand Freiligrath gibt an, bis 1846 insgesamt 10 000 Gulden (zirka 6 650 Taler) Honorar bezogen zu haben. Damit ist die Blütezeit der Lyrik in Deutschland allerdings vorbei, und die Honorare für Lyrik und Prosa gleichen sich an.

Der größte Verlag in Deutschland ist die Cotta’sche Verlagsbuchhandlung in Stuttgart und Tübingen. Geschützt vom ewigen Verlagsrecht sind trotz unerlaubter Nachdrucke die Rechte an den deutschen Klassikern eine unversiegbare Geldquelle; darüber hinaus ist Cotta sehr darum bemüht, durch großzügigen Ankauf von Manuskripten zeitgenössischer Autoren seine Monopolstellung auszubauen.

Julius Campe, der «linke Cotta», leitet die Firma Hoffmann und Campe in Hamburg seit 1823. Heinrich Heine ist gerade in der Gründungszeit einer seiner wichtigsten Autoren. Von ihm erscheinen bei Campe insgesamt zweiundzwanzig Bücher, meist in Auflagen von 3 000 Exemplaren; der erste Band der Reisebilder startet 1826 mit 1 500 Exemplaren, das Buch der Lieder 1827 mit 2 000. 1851 erreicht der Romanzero in vier Auflagen insgesamt 21 000 Exemplare. Auch der heute unbekannte Dichter Raupach, den Platen als «Juden Raupel» verächtlich macht, bringt bei Campe siebenundzwanzig Bücher heraus.

Herder, Klopstock, Schiller, Kleist, Wieland, Claudius und Hoffmann sind seit dem Beginn des 19. Jhdts. gestorben, Eichendorff, Droste-Hülshoff und von Arnim sind alt, Goethe ist sehr alt. Außer heute vergessenen Dichtern wie Houwald, Müllner oder Raupach leben und arbeiten Brentano, Tieck und Grabbe; Georg Büchner beendet gerade die Pubertät. Auch literarisch sind die 1820er Jahre eine Zwischenzeit.

Quellen:

Wilhelm Treue, Deutsche Geschichte, Stuttgart (Kröner) 1965; Elisabeth Fehrenbach (Hg.), Adel und Bürgertum in Deutschland 1770 bis 1848, München (Oldenbourg) 1994; Schwules Museum (Hg.), Die Geschichte des § 175, Berlin (Verlag rosa Winkel) 1990; Shulamit Volkov, Die Juden in Deutschland, München (Oldenbourg) 2000; Manfred Tietzel, Literaturökonomik, Tübingen (Mohr) 1995; Reinhard Wittmann, Buchhandel und Lektüre im 18. und 19. Jahrhundert, Tübingen (Niemeyer) 1982; Reinhard Wittmann, Geschichte des deutschen Buchhandels, München (C.H. Beck) 1991