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Buch

Helmer Klotz, Anfang 50, betreibt die schwule Ferienanlage Rainbow Inn auf Sardinien. Ein nahezu wertloses Stück Felsküste unweit einer Autobahnabfahrt hat er in ein gut laufendes Homo-Resort verwandelt. Als bärbeißiger Eigenbrötler und Grantler, aber mit der Raison des professionellen Hoteliers führt er Resort wie Personal, verachtet aber insgeheim das bunte Treiben in seinem Haus. Ilka, Mitte 30, Schulsekretärin aus Hannover, hat eine überstürzte Trennung hinter sich, zwei Kinder auf der Rückbank und eine Motorpanne inmitten einer heftigen Gewitternacht. Das Rainbow Inn ist die nächstgelegene Unterkunft. Gegen den Widerstand des schockierten Rezeptionisten finden sie und ihre Kinder dort Aufnahme. Damit treffen zwei Welten aufeinander, denn auf eine Konfrontation mit so viel Heterosexualität sind Helmers Hotelgäste nicht vorbereitet. Und die aufgeweckte Kleinfamilie stiftet ordentlich Unruhe und Chaos. Am Ende sind es aber ausgerechnet die von der Liebe enttäuschte Heterofrau und ihre Kinder, die den mürrischen Hotelchef aus der Reserve locken – und ihm vor Augen führen, dass es unter Homosexuellen durchaus auch liebenswerte Exemplare gibt.

Autor

Volker Surmann ist Autor, Satiriker und Exil-Ostwestfale in Ostberlin. Er stand zwanzig Jahre als Kabarettist und Comedian auf der Bühne und ist einer der Hausautoren des Berliner Kabaretts »Die Stachelschweine«. Er schrieb für diverse TV-Comedyformate (z. B. »Mensch Markus«, »Was guckst Du?«) und rechnete in seinem ersten Roman »Die Schwerelosigkeit der Flusspferde« (2010) mit dem Comedybusiness ab. 2012 erschien seine Geschichtensammlung »Lieber Bauernsohn als Lehrerkind«, 2014 sein zweiter Roman »Extremely Cold Water«. Er schreibt Beiträge für das Satiremagazin »Titanic«, Kolumnen für das queere Hauptstadtmagazin »Siegessäule« und betreibt seit 2011 den Berliner Satyr Verlag für Humor und Satire. Seit 2003 liest er jeden Donnerstag bei der Berliner Vorlesebühne »Brauseboys« und tritt regelmäßig bei Poetry Slams in ganz Deutschland auf.

VOLKER SURMANN

Mami, warum sind hier nur Männer?

Roman

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1. Auflage

Originalausgabe Oktober 2015

Copyright © 2015 by Volker Surmann

Copyright © 2015 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Gestaltung des Umschlags: UNO Werbeagentur München

Umschlagfoto: FinePic®, München

Redaktion: Friederike Arnold

BH · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-16165-1
V002

www.goldmann-verlag.de

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TAG 1

HELMER

Ich hasse Schwule. Ich dachte, bevor Sie das hier als irgendein emotionales Toleranzgeschwafel missdeuten, stell ich das lieber klar. Schwule gehören zu den nervtötendsten Zeitgenossen unter der Sonne. Ich weiß das, ich betreibe ein Gay-Resort auf Sardinien.

Als Gott überlegte, welche Kreaturen er nach Schlange, Schwan und Schweinchen noch so schöpfen konnte, hat er die Schwulen geschöpft. Er wird sich was dabei gedacht haben. Die Wege des Herrn sind unergründlich, die Wege der Herren indessen äußerst vorhersehbar. Sosehr sie auch nach öffentlicher Teilhabe und Gleichberechtigung krähen, im Grunde bleiben die Schwulen doch lieber unter sich – vor allem im Urlaub. Davon lebe ich, und das gar nicht schlecht.

Mein Hotel liegt mehr oder minder im Nichts. Vor der Tür liegt die stark befahrene Küstenstraße, einen halben Kilometer weiter eine Art Autobahnkreuz, von dem die Hälfte eine immerwährende Baustelle ist. Das ist wohl die sardische Lebensart, von der die Reiseführer gerne sprechen. Hier gibt’s nicht viel. Auch keinen Strand. Hauptsächlich Felsküste, von der beliebten Costa del Sud sind wir eine Autostunde entfernt, von der berühmten Costa Smeralda mehr als zweihundert Kilometer. Aber Schwule brauchen keinen Strand. Schwule brauchen andere Schwule. Und eine Dusche, bei der man den Brausekopf garantiert abschrauben kann (sprechen Sie mich an, wenn Sie Fragen dazu haben). Beides finden Sie in meinem Hotel. Hier gibt’s so viele Schwule wie andernorts auf dieser Insel Sand. Es ist schrecklich.

Schwule bewegen sich am liebsten unter ihresgleichen. Zumindest die, die bei mir Urlaub machen, von niemand anderem spreche ich, wenn ich von »den Schwulen« rede. Es gibt andere Schwule, gewiss. Die interessieren mich aber nicht. Ich interessiere mich für die, die Gay-Travel-Magazine aufschlagen, ob Print oder im Netz, die meine Anzeigen dort lesen: »Rainbow Inn. Gay-Resort an der malerischen Südküste Sardiniens, verkehrsgünstig gelegen in der Nähe zur pulsierenden Inselmetropole Cagliari. Eigener Pool, Sauna, Cruising Area. Alle Zimmer mit Meerblick. Duschköpfe garantiert abschraubbar. 100 % gay – keine Frauen, keine Kinder.«

Dass alle Zimmer Meerblick haben, stimmt. Das Rainbow Inn liegt auf einer kleinen Landzunge. Ich habe sie für ’n Appel und ’n Ei gekauft, samt einigen Gebäuderuinen. Felsküste in dieser Lage ist nahezu wertloses Land. Der sardische Bauer, dem dieser Klumpen gehörte, konnte sein Glück kaum fassen. Letztes Jahr hat er sich besoffen totgefahren.

Das Hotel ist gut. Da lass ich nichts auf mich kommen. Das habe ich von der Pike auf gelernt. Drei Sterne superior, natürlich nach deutschem Standard. Die hiesige Standardisierung ist so belastbar wie eine italienische Nachkriegsregierung.

Vater hat mich ausgelacht, als ich mir mein Erbe ausbezahlen ließ, meinen Anteil am Zweihundert-Betten-Haus am Titisee, das längst meine ältere Schwester führt. Widerwillig hat er mir das Startkapital überwiesen, das ich brauchte für die weiteren Kredite, um ein eigenes Haus auf wertlosem Geröll in Sardinien zu errichten.

»Vadder«, hab ich gesagt. »Das hab ich von dir gelernt« – und zwar bis zum Abwinken. Als Azubi im eigenen Haus durfte ich immer nur Touristenbusladungen niedersächsischer Landfrauen einchecken. »Man muss seine Klientel kennen. Und meine Klientel ist nun mal dumm genug, in einem wertlosen Haufen Steine, eingekeilt zwischen Mittelmeer, Autobahn und dem Industriegebiet Cagliaris, ein Paradies auf Erden zu sehen.«

Ich sollte recht behalten. Seit zwölf Jahren betreibe ich das Rainbow Inn und hab ’ne Auslastung, bei der mein alter Herr Pipi in die schwachen Augen kriegt.

In der schwulen Welt läuft das eben so: Häng irgendwo ’ne Regenbogenfahne dran, und die Tunten rennen dir die Bude ein. Vorausgesetzt, du machst deinen Job gut, und das mache ich. Ich weiß, wie man mit Gästen umzugehen hat. Mögen gehört nicht dazu.

Das hab ich im Schwarzwald gelernt. Nicht von Vater, sondern vom Bauern nebenan. Kluge Bauern behandeln ihre Milchkühe gut, und seien es auch noch so dumme Rindviecher.

Auf die einschlägigen Symbole ist der gemeine Schwule durch jahrzehntelanges Community-Training perfekt konditioniert. Wenn Sie es so wollen, bin ich Rattenfänger. Ich halte die Regenbogenfahne hoch, und die darauf abgerichteten Biester folgen mir in meinen Bau, in meine Fallen. Und meine Fallen kosten ab einhundertsechzig Euro aufwärts – je nach Saison und Ausstattung. Vor- und Nachsaison sind meine Hauptsaison. Schwule verreisen nicht in den Schulferien (ausgenommen die armen Schweine, die Lehrer sind). Sie glauben, davor und danach sind die Preise günstiger. Als ob ich nicht wüsste, dass sie das glauben. Außerdem sind dann keine Kinder da. Und es gibt nicht viel, was Schwule mehr hassen als Kinder. Außer Türken und Frauen vielleicht.

Ich kann das alles freimütig zugeben. Meinem Hotel wird das nicht schaden. Meine Gäste lesen nicht, jedenfalls nicht solche Bücher wie dieses hier. Vielleicht mal ’nen Krimi, das Magazin Männer, eingefleischte Tunten die Vogue. Die Intellektuellen lesen Thomas Mann, die Großstadttypen, die im Urlaub nur vögeln und feiern wollen, lesen vielleicht mal einen schwulen Roman aus einem schwulen Verlag über schwule Großstädter, die genug gevögelt und gefeiert haben und nun die große Liebe suchen. Aber selbst die sind in der Minderheit. Schwule lesen nicht. Die beliebteste Ferienlektüre meiner Gäste ist ihr iPhone.

Wenn Sie mich nun für einen Schwulenhasser halten, haben Sie sicher recht. Aber ich weiß, wovon ich spreche. Ich bin selber schwul. Doch bevor Sie heiter drauflos psychologisieren: Mit Selbsthass hat das nichts zu tun. Ich bin mit mir im Reinen und mag mich. Ich mag nur die Schwulen nicht, die sich hier in meinem Haus einnisten.

Warum ich dann ein Hotel für Schwule betreibe? Nun, es ist einfach ungemein lukrativ. Denn es gibt nur eine Sache, die Schwule noch mehr lieben als sich selbst und überall rumzupimpern: sich ausnehmen zu lassen.

ILKA

Er hat mich gefragt, ob ich eine Biofrau bin!

Da stehe ich tropfnass vor ihm an der Rezeption und erkläre diesem Superschwüppi in seinem hübschen Anzug, in seinem hübschen trockenen Anzug, lang und breit und möglichst dramatisch, dass ich gerade mit meiner Karre liegengeblieben bin, Motor kaputt – Klong und heftiges Schleifen, dann abgesoffen und Ende im Gelände. Gelände gleich Straße mit heftigem Gewitterregen um kurz vor elf. Vielleicht ist die Karre auch nur einfach im wörtlichen Sinne abgesoffen. Motor aus dem Kühler weggespült, spontane Turboverrostung, was weiß ich. Es machte weiß Gott keinen Spaß, nachts auf dieser verfickten Küstenstraße abzusaufen, in Dennis’ verficktem Drecksauto, in diesem verfickten Gewitterregen! Seit Stunden kübelte es wie aus Eimern, kaum war das Gewitter abgezogen, machte es dem nächsten Platz, dessen Regenfäuste einem wieder so richtig schön in die Fresse schlugen!

Mir läuft also die Suppe nur so aus den Haaren, und was macht die blöde Tresentunte in ihrem hübschen, trockenen Anzug? Fragt, ob ich eine Biofrau bin!

»Biofrau?«, hab ich gefragt. Herrgott, ich war scheiße nass! Aber ich sah doch nicht aus wie ’ne Ökotussi vom Bioland-Hof! Wie diese Uschi bei uns auf dem Wochenmarkt am Stand von Biohof Schlagstiertot-Abersanft. Senffarbene Kleidung aus naturgefuchteltem Flachs oder gedrechseltem Hanf, Frisur aus Makramee und ihr Deo aus Kartoffelblüten selbst extrahiert. Das ist ’ne Biofrau. Aber ich doch nicht!

Ich muss geguckt haben wie Dennis’ kaputtes Auto, jedenfalls fragte mich dieses Ding am Tresen doch allen Ernstes, ob ich eine biologische Frau sei, und ich hab geantwortet: »Nein! Ich bin ein Android von der Enterprise und nur aus dem Regen geflohen, damit ich nicht roste.«

Ich solle nicht so sarkastisch sein, sie seien eben ein Gay-Resort und auf die schwule Community als Kundschaft spezialisiert, Transvestiten und Transgender wär’n natürlich willkommen, aber bei biologischen Frauen könne er leider nichts machen.

Dass er bei mir nichts machen könne, sei mir schon klar, erwiderte ich, aber danach stehe mir gerade eh nicht der Sinn. Von Männern hätte ich einstweilen die Schnauze gestrichen voll.

Das tue ihm sehr leid, sagte er da, auch für Lesben sei sein Gay-Resort leider nicht offen.

Wie er denn jetzt drauf komme, dass ich Lesbe sei, habe ich gefragt.

Weil, dazu schaute er verwirrt aus der Wäsche, und es bestätigte sich wieder einmal, dass Schwule mit dem anderen Geschlecht eigentlich immer überfordert sind, das hätte ich doch eben gesagt.

»Nichts habe ich gesagt!«, habe ich gerufen, »Ich habe mich gerade von meinem Mann getrennt!« Die Lust auf Männer gehe mir gerade maximal bis zu den Fußsohlen, und außerdem sei ich gerade sehr gut darin, Männer anzuschreien. Ob er das wolle? Oder ob er sich nicht erbarmen und wenigstens nachschauen könne, ob noch ein Zimmer frei sei, nur für eine Nacht, denn wenn nicht, könne ich mir’s sparen, ihn weiter anzupampen.

Kein Problem, meinte er, ein paar Zimmer seien bestimmt frei, sei ja Hauptsaison auf Sardinien und weniger los, aber sie seien nun mal ein Gay-Resort.

Dann solle er bitte so tun, als ob ich Transe wäre, habe ich gesagt, ich könne sogar den Text von It’s Raining Men auswendig, zumindest den Refrain. Da musste er auf einmal lächeln und erwiderte: »Na ja, für eine Nacht …«, aber er wolle sicherheitshalber kurz mit seinem Chef sprechen.

»Gut so«, sagte ich. »Tun Sie das, ich hol nur schnell die Kinder.«

Da bin ich wieder rausgerannt in den Regen, die Tresenschnitte guckte mir nach wie ’ne blöde Kuh, wenn’s donnert. Und es donnerte tatsächlich gerade, und ich hab gemacht, dass ich zurück zum Auto kam, wo Felix sich wahrscheinlich schon eingekackt hatte vor Angst.

HELMER

»Guten Tag, ich bin transsexuell, und das sind meine beiden Kinder Thea und Felix, ihre Biomutter arbeitet auf einem Biobauernhof bei Hildesheim, ich habe mich gerade von meinem Kerl getrennt, einem Biomann, hatte ’ne Autopanne und möchte ein Hotelzimmer!« Die klatschnasse Biofrau mit dem klatschnassen Kind auf dem Arm und der klatschnassen Tochter daneben schaute mich herausfordernd an. Gemeinsam tropften sie mir das Foyer voll. Ich durfte nachher nicht vergessen, Gregor aufzutragen, hinter dieser familiären Flutkatastrophe einmal herzufeudeln. Schadet ihm weiß Gott nicht, tut in dieser Schicht ja eh nichts anderes, als dekorativ am Tresen rumzustehen und auf dem Hotelrechner mit seinem Fickfreund in Olbia zu chatten.

»Dass Sie nass sind, sehe ich«, habe ich gesagt. »Ansonsten glaube ich Ihnen kein Wort.«

»Das mit der Panne stimmt«, sagte das Mädchen. Alter schwer zu schätzen, wahrscheinlich schon zweistellig, Post-Lillifee jedenfalls.

Die klatschnasse Frau nickte. »Ich weiß, wir passen nicht hierher, aber wo sollen wir denn hin? Ihr Rezeptionist meinte, Sie hätten noch Zimmer. Es ist ja nur für eine Nacht.«

Ich schaute Gregor an. Der hob entschuldigend die Schultern: »Sorry, aber ich hab ihr erklärt, dass wir ein Gay-Resort sind!« Angewidert deutete er auf die beiden Kinder. »Und die wollte sie uns dann einfach unterschieben.«

Ich betrachtete die tropfende Familie. Die Frau hatte den Jungen auf dem Arm. Im Grunde war er zu alt dafür, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, schmächtig, aber zu schwer. Er sah erschöpft aus. Sie auch. Draußen krachte wieder ein Donner, und der Junge zuckte sichtlich zusammen.

»Hast du Angst vor Gewittern?«, fragte ich ihn. Er nickte scheu.

»Die klingen hier immer viel schlimmer, als sie sind«, sagte ich. »Wegen der Berge.«

Dieselbe Chose wie im Schwarzwald. Der Donner kommt mit seinen großen Brüdern, den Echos von gegenüber, die jedoch nur brüllen können. Der Bauer von nebenan hatte es mir erklärt, nachdem er mich mal als heulendes Bündel in seiner Tenne gefunden hatte.

Immer noch geschockt betrachtete Gregor die triefende Kleinfamilie, als hätten sich wilde Tiere in das Foyer verirrt und auf den Marmor geäpfelt.

»Hundertachtzig für eine Nacht mit Frühstück, Frühstück bis elf. Kinderbetten haben wir nicht, Sie müssen mit einem Kingsize klarkommen«, sagte ich, und Gregors Augen weiteten sich erschrocken.

Natürlich würden sie mit einem Kingsize klarkommen. Wo in gewisser Regelmäßigkeit drei Männer reinpassen, sollte Mutti auch sich und die beiden Blagen einparken können. »Alle Betten ausgestattet mit komfortablen Granlit-Matratzen (ohne Besucherritze)«, steht in meinem Prospekt, »Zimmer 23–28 sogar mit Wasserbett (50€ Zuschlag pro Nacht)«.

»Zusätzliche Bettwäsche und Handtücher legt Gregor Ihnen gleich raus.«

Gregor nickte gequält, vielleicht auch, weil gerade die Chatbimmel am Rezeptionsrechner ging.

»Was war das?«, fragte ich scheinheilig, und Gregor wurde rot. »Nichts, da ist nur ’ne E-Mail gekommen.«

Gregor ist ein schlechter Lügner, den sollte man eigentlich nicht an der Rezeption beschäftigen. Da sollten nur gewiefte Lügner Dienst tun. Aber Schwule wollen Deutsche an der Rezeption. Und knackige Sarden auf den schlecht bezahlten Stellen, Zimmerservice und Barpersonal, Poolboy. Sprich, überall dort, wo sie wuseln und man auf Ärsche schauen kann, aber an der Rezeption bitte einen strohblonden Volksfreund mit blauen Augen und attraktiver Fönwelle. Gregor hatte seinen Kopf ein paarmal zu oft geföhnt, deshalb fährt er bei mir meist die Nachtschicht und Andreas die Tagschicht. Andreas hat mehr drauf, auch auf den Hüften. Das muss er durch Freundlichkeit kompensieren. Zeigen Sie mir einen dicken Schwulen, der nicht total nett ist. Andreas ist meine Charmeschleuder, und wenn’s drauf ankommt, ein gewiefter Lügner. Ich überlasse ihm gerne die Tagschicht.

»Gregor gibt Ihnen gleich den Schlüssel. Haben Sie Gepäck?«

Die Frau nickte. »Das kann aber auch im Auto bleiben, bei dem Regen.«

»Kommt nicht in Frage. Gregor hilft Ihnen ohne Zweifel gerne, es aus dem Auto zu holen.«

Ich gestattete mir ein Lächeln. Gregor schaute, als müsse er gleich in den Gewitterregen raus. Was auch stimmte. Nachts checkt so gut wie nie jemand ein, da bezahl ich doch keinen Pagen. Das lohnt bei so einem kleinen Haus nicht.

Ich lächelte. »Geh ruhig mit der Dame mit, Gregor. Ich bleib so lange an der Rezeption und schau mal, was für eine E-Mail da gerade gekommen ist.«

Gregor warf mir einen herrlich hilflosen Blick zu. Seinen Chef vom PC wegschubsen konnte er ja schlecht. Also fügte er sich in sein Schicksal. Die Frau stellte den halbschlafenden Felix neben seine Schwester und sagte: »Bin gleich wieder da!« Dann watete sie mit Gregor hinaus ins tosende Gewitter.

In das aufgeploppte Chatfenster auf dem Rezeptionsrechner tippte ich hinein: »Gregor is temporarily not available. Please call again later. PS: Er ist dann sicher gut feucht.«

Dann schloss ich alle Fenster bis auf das Hotel-Programm.

Der Junge hielt sich an seiner Schwester fest und zuckte noch immer bei jedem Donner zusammen.

»Ich bin Thea, und wer sind Sie?«, fragte das Mädchen.

»Ich bin Helmer Klotz und Chef«, antwortete ich.

»Danke, dass wir hier schlafen dürfen, Herr Klotz.«

Ich nickte.