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Alfred Bekker

Zweimal Provinzmord: Zwei Romane in einem Buch

Cassiopeiapress Krimi





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Mercator, Mord und Möhren

 

Albert Baeumer

Alfred Bekker

 

 

***

 

 

 

Biographie

 

Albert Baeumer

 

geboren 1952 in Gangelt, Internatsschüler am Franziskanerkolleg in Sittard (NL), Volontariat und Ausbildung bei einem Zeitungsverlag, nebenberuflicher Redakteur, Kaufmann, Direktmarketing-Fachwirt und Videojournalist, lebt mit seiner Familie in Geilenkirchen, direkt vor den Toren des Selfkants. Als Co-Autor und Mitherausgeber zweier Heimatbücher über Gangelt hat er bereits erste Erfahrungen mit dem Schreiben und Gestalten von Büchern gesammelt.

 

 

Alfred Bekker

 

wurde 1964 geboren und veröffentlichte zahlreiche Spannungsromane, die auch in verschiedene Sprachen übersetzt wurden. Unter anderem ist er Mitautor der Krimi-Serie „Jerry Cotton” sowie einer Reihe von Thrillern und Science Fiction-Romanen. In letzter Zeit wandte er sich verstärkt dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo es ihm gelang, zugkräftige Buchserien wie „Tatort Mittelalter” zu etablieren. Außerdem verfasste er den Fantasy-Bestseller „Das Reich der Elben”, der mit den Bänden „Die Könige der Elben” und „Der Krieg der Elben” fortgesetzt wird.

 

 

 

 

 

 

Mercator, Mord und Möhren

© 2012 der Digitalausgabe AlfredBekker/CassiopeiaPress

Ein CassiopeiaPress E-Book.

Www.AlfredBekker.de

Copyright der Print-Original-Ausgabe2007 by Selfkant-Verlag Ltd., Geilenkirchen

Umschlaggestaltung: MWD-Konzept, Geilenkirchen

Alle Rechte vorbehalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fakten und Tatsachen

Die Handlungen in diesem Roman sind rein fiktiv. Zahlreiche agierende Personen sind jedoch nicht frei erfunden, haben aber ihr schriftliches Einverständnis gegeben.


Kryptographie wurde bereits durch den Einsatz von unüblichen Hieroglyphen bei den Ägyptern um 1900 v. Chr. eingesetzt. Im Mittelalter waren in ganz Europa vielfältige Geheimschriften u. a. zum Schutz des diplomatischen Briefverkehrs in Gebrauch, so etwa das Alphabetum Kaldeorum. Kryptographie und Kryptoanalyse spielen sowohl wie im vorliegenden Roman als auch während der Blütezeit von Mercators Schaffen eine wesentliche Rolle. Die Anfänge der mathematischen Kryptographie wurden in dieser Zeit mit der Erzeugung von schlüsselgestützten Zeichenaustauschalgorithmen gesetzt. Auch Kryptographiescheiben nutzte man schon im Mittelalter für den Austausch von geheimen Informationen.


Bis zum heutigen Tage ist es der Wissenschaft nicht genau gelungen zu erforschen, woher Mercator die Informationen zur Herstellung seiner winkeltreuen Karten erhalten hat. Dies wird wohl immer sein Geheimnis bleiben.



***



Anno 1554


Rumpelnd rollte der Messwagen über den von Schlaglöchern übersäten Weg. Gerhard Mercator saß hinten bei den wertvollen Messinstrumenten und es tat ihm in der Seele weh, wie sein kostbarster Besitz durchgeschüttelt wurde.

„So fahr doch etwas weniger grob!”, ereiferte sich der Kartograph. Müde schaute er auf die flache Landschaft, die sich noch weit bis zu seinem Ziel nach Gangelt streckte.


Seit zwei Jahren schon hatte er in Duisburg eine neue Heimat gefunden. Im Herzogtum Wilhelms des Reichen von Jülich-Kleve-Berg herrschte religiöse Toleranz und er musste dort nicht fürchten, noch einmal wegen „Lutherei” angeklagt zu werden. Sechs Monate Kerkerhaft, die auch nur auf Grund einflussreicher Fürsprache hatten beendet werden können, reichten ihm. Jetzt hatte er sein unbehelligtes Auskommen und konnte sich ganz dem Handwerk widmen, das ihn über die Grenzen seiner Heimat hinweg berühmt gemacht hatte – dem Zeichnen von Karten. Ihm war es gelungen, anhand von Längen- und Breitengraden die genaue Positionierung von Ländern, Orten und Flüssen graphisch im richtigen Verhältnis darzustellen, deren Winkeltreue die Länder erstmals so zueinander ordnete, wie es den tatsächlichen Verhältnissen entsprach.


Sein Grundgedanke: „Ein gerader Weg auf der Karte ist auch ein gerader Weg über Land”, war für seine Zeit eine revolutionäre Idee. Nie zuvor war das gelungen und entsprechend zahlreich waren die Aufträge, mit denen man ihn bestürmte. Die europäischen Herrschaftshäuser hatten auch schon gierig ihre Finger nach seinen maßstabsgerechten und winkelgetreuen Land- und Seekarten ausgestreckt. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihm breit, wenn er daran dachte, dass seine Karten oft über Krieg oder Frieden entschieden.

Tag und Nacht hätte er zeichnen können und er hatte bereits eine Reihe von Hilfskräften in seiner Werkstatt beschäftigt, die dort jedoch zumeist als Kopisten tätig waren. Und auch seine Söhne könnten hier ihr Auskommen finden, sobald sie alt genug wären. Aber Grundlage des Erfolgs war die Genauigkeit und Wirklichkeitstreue. Das war es, was die Karten von Mercator von denen so vieler anderer Kartenzeichner unterschied. Und dafür war es notwendig, genaue Messungen durchzuführen.

Gegenwärtig arbeitete Gerhard Mercator an einer neuen Karte der Deutschen Lande. Besser und genauer als all ihre Vorgängerinnen sollte sie sein. Doch dazu musste erst eine recht mühselige Vorarbeit geleistet werden.

„So fahr doch etwas langsamer!”, herrschte er seinen Kutscher erneut an.

„Es sind die Pferde, Meister! Sie ziehen so!”

„Ach, so red’ doch nicht einen solchen Unsinn! Es kommt nicht darauf an, dass wir das Jülicher Land durchrasen, sondern darauf, dass alles in Ruhe geschieht und die Instrumente nicht zu Schaden kommen!”

Der Kutscher hieß Johann und war in manchen Dingen etwas ungehobelt. Aber Mercator war froh, dass er diese Hilfe hatte. Mit Pferden konnte Johann vorzüglich umgehen. Und das Wichtigste war, dass er bei den manchmal recht langwierigen Messungen nicht ungeduldig wurde. Johann ließ die beiden Pferde etwas langsamer vorangehen und drehte sich um.

„Es kann nicht mehr weit bis Gangelt sein, Meister Gerardus!”, sagte er, als sie gerade an dem Städtchen Heinsberg vorbeifuhren. Gerhard Mercator schätzte es, auch beim Vornamen mit der latinisierten Form angeredet zu werden. Die Form des Namens stellte ihn in gewisser Weise in eine Reihe mit den römischen und griechischen Geistesgrößen. Einen neuen Ptolemäus, so nannten ihn so manche seiner gelehrten Kollegen, weil er das Bild, das sich die Menschen durch die Karten des Ptolemäus von der Welt machten, erheblich korrigiert hatte. Es gefiel ihm, wenn man so von ihm redete.

„Na, erkennt Ihr die Gegend wieder, Meister Gerardus?”, fragte Johann und wandte sich erneut seinem Herrn zu.

„Und ob!”, murmelte Mercator. Ihm kam es mit einem Mal so vor, als hätte er sich auf eine Reise in die eigene Vergangenheit begeben. In dem Ort, den er nun ansteuerte, hatte er seine Kindheit verbracht.

Lange war es her …

Seine Eltern stammten aus dem kleinen Ort Gangelt, bis sie nach Rupelmonde in den Habsburgischen Niederlanden übergesiedelt waren. Aber die ersten Jahre hatte er hier gelebt.

„Es hat sich wenig in den letzten Jahren verändert”, meinte er mehr zu sich selbst als zu Johann. Ein kleiner, mit einer Mauer umgebener Ort und einem mächtigen Burgturm, die dem Herzog von Jülich als Bastion zur Verteidigung seiner Ländereien dienten. Wenige Häuser und eine erhöht stehende Kirche befanden sich innerhalb der Mauern. Ein Ort, wie es ihn zu Dutzenden im Jülicher Land gab. Mit einer Besonderheit – Gangelt besaß die Stadtrechte. Hier war also die Gerichtsbarkeit vertreten.

Gerhard Mercator hatte sich vorgenommen, seiner Heimat ein Denkmal zu setzen. Man würde noch Jahrhunderte später diesen Flecken sofort auf jeder Karte markiert finden, selbst wenn der Name Gangelt vielleicht zu unbedeutend war, um verzeichnet zu werden. Gerhard Mercator lächelte still in sich hinein. „Wer das Privileg besitzt, der Welt als Erster ein Gesicht zu geben, hat die Möglichkeit, sie zumindest im kleinen Detail nach seinem eigenen Bild zu prägen!“

„Genau hier ist der Punkt!”, stellte der Kartograph ein paar Stunden später fest. Sie befanden sich auf einem Acker nur ein paar Steinwürfe von Gangelt entfernt. Hie und da beäugten die Bauern aus der Umgebung misstrauisch, was sie dort taten. Es hatte sich herumgesprochen, dass der große Mercator wieder unterwegs war, um mit seltsamen Apparaturen Messungen durchzuführen, die zu noch seltsameren Berechnungen führten. Für die Leute war er nichts anderes als ein Magier oder Alchimist. Jemand, der eine Geheimlehre beherrschte, von der sie nichts verstanden.

Ja, sie verstanden wahrscheinlich nicht einmal, weshalb es so wichtig sein sollte, sich ein Bild von der Welt als Ganzes zu machen. Ihre Welt endete meistens schon wenige Meilen hinter dem Horizont. Auf jeden Fall aber dort, wo sich die Grenzen ihres Herzogtums befanden. Kaum einer von ihnen kam je wirklich über die Grenzen dieses Landstrichs hinaus.


Auch in dieser Hinsicht war Gerhard Mercator eine Ausnahme gewesen. Während Mercator noch im Nachdenken versunken war, sah Johann seinen Herrn und Meister verwirrt an.

„Von welchem Punkt sprecht Ihr, Herr?”, fragte er.

„Von einem Punkt, der von nun an auf jeder Karte verzeichnet sein wird – und zwar als Schnittpunkt des 51. Breitengrades und des 6. Längengrades der Erdkugel.” Er lächelte. „Große Städte mögen zu kleinen Flecken schrumpfen oder sogar ganz ausgelöscht werden, sodass niemand mehr ihre Namen auf einer Karte verzeichnet. Aber dieser Punkt lässt sich nicht auslöschen! Er ist immer da!” Von seiner eigenen Begeisterung übermannt, blickte der Kartograph zu einem der Bauern hinüber, der schon mindestens seit einer Stunde dastand, die Forke mal in der rechten und mal in der linken Hand, und Mercator bei seinen Berechnungen zusah – wie einem Jahrmarktsmagier bei seinen Kunststücken.

„Wir müssen diesen Ort markieren”, stellte Mercator sachlich fest.

„Wie wäre es mit einem Stein?”, fragte Johann.

„Am besten, du fährst mit dem Wagen los und besorgst einen! Aber das muss schon ein ziemlich großer Brocken sein, damit man ihn nicht einfach verschiebt.”

„Meister, ich …”

„Lass dir von den Leuten hier helfen! Wenn man ihnen ein paar Münzen gibt, machen sie das sicher gerne!”

Johann wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit Mercator über diese Dinge diskutieren zu wollen. Der Kartograph erwartete einfach nur, dass gemacht wurde, was er gesagt hatte. Alles andere, abgesehen von den Messungen, zählte dann ohnehin nicht.

Während Johann mit dem Wagen losfuhr, um einen Stein zu besorgen, behalf sich Mercator zunächst einmal damit, dass er eines seiner Instrumente genau dort ablegte, wo er den Schnittpunkt berechnet hatte.

Dann blickte er auf und sah sinnierend zum Gangelter Burgturm hinüber, der einen idealen Bezugspunkt für seine Peilungen bot.

Zwei Stunden später kehrte Johann mit einem veritablen Felsbrocken auf dem Wagen zurück. Ein paar Knechte hatten ihm geholfen, den Brocken auf den Wagen zu laden. Jetzt musste der Wagen so an die Stelle herangefahren werden, dass man den Stein nur noch von der Ladefläche herunterschieben musste, sodass er an der richtigen Stelle zu liegen kam.

Nachdem der Stein auf dem errechneten Schnittpunkt abgelegt war, ritzte Mercator die Zahl 51 mit einem Feuerstein in die raue Oberfläche.

„Für unsere Messungen setzen wir noch einen Holzpflock mit einer Fahne daneben”, sagte er. „Dann findet man die Stelle schneller. Und langfristig wird man hier gewiss eine deutlichere Markierung setzen!”

„Ich weiß nicht, ob der Bauer, dem dieses Feld gehört, wirklich so begeistert ist, wenn wir ihm Steine auf den Acker tragen”, meinte Johann. Doch Mercator winkte nur müde lächelnd ab und wandte sich wieder seinen Messgeräten zu.

Gerhard Mercators Messarbeiten in und um Gangelt zogen sich tagelang hin. Er hatte sich im Dorfgasthof einquartiert, während Johann in einem Stall schlief, in dem gegen ein paar Münzen auch die Pferde des Nachts untergebracht wurden.

Abends saß der Kartograph oft noch bei flackerndem Kerzenlicht vor dem Kartentisch, den er auf seinem Wagen mitführte und sich in das angemietete Gastzimmer hatte stellen lassen. Er machte dann Skizzen für seine Berechnungen, bis die Kerzen zu weit heruntergebrannt waren.

Zweiunddreißig Jahre alt war Mercator inzwischen, aber er sah durch den langen, bereits von ersten grauen Strähnen durchzogenen Bart deutlich älter aus. Schatten tanzten unruhig auf seinem Gesicht, weil es durch die Fensterläden seines Gastzimmers zog. Sich Glas einsetzen zu lassen, das konnten sich nur reiche Patrizier in Colonia oder Anwers leisten – aber nicht ein Wirt in Gangelt. Mercator seufzte, denn ihn fröstelte ein wenig, dennoch waren seine Augen vollkommen ruhig und konzentriert. Während er zeichnete und den Zirkel schwang, wirkte er in seiner Versunkenheit fast wie ein verklärter Heiliger, für den die Welt um ihn herum keine Bedeutung hatte. Nur Punkte, Winkel und Geraden zählten dann noch.

An einem der folgenden Tage befand sich Gerhard Mercator in der Nähe des Schanzberger Hügels vor den Toren Gangelts. Es war diesig, leichter Nebel schien aufzuziehen und der Himmel wirkte wie ein graues Leichentuch. Mercator hoffte, dass sich das Wetter nicht allzu sehr eintrübte und es zu regnen begänne.

In der Nähe stand der Wagen mit dem Arsenal an selbst gebauten Messinstrumenten, deren fachmännischer Gebrauch letztlich das Geheimnis seiner außerordentlichen Kartendarstellungen war. Viele sprachen von den Werken eines Genies, wenn sie seine Karten mit denen verglichen, die man andernorts erwerben konnte. Aber ihm selbst war sehr wohl bewusst, dass deren Qualität mit Genialität sehr wenig zu tun hatte. Es war Handwerk. Einfaches, solides Handwerk, mit großer Sorgfalt ausgeführt; so seine feste Überzeugung.

Während Johann die meiste Zeit geduldig herumsaß und darauf wartete, dass er Mercator bei irgendeiner Sache zur Hand gehen musste, war der Kartograph wie üblich ganz in seine Arbeit vertieft.

Vom Schanzberg aus peilte er die Spitze des Gangelter Kirchturms an. Dann suchte er einen Bezugspunkt in der Landschaft. Er ging etwas herum, ließ den Blick in die Ferne schweifen und suchte den Horizont nach auffälligen Gebäuden oder Bäumen mit hervorstechenden Merkmalen ab. Dabei fiel ihm ein knorriger Baum auf, der vom Blitz gespalten worden war und jetzt sehr verwachsen wirkte.

Einen Moment lang überlegte er, ob er den alten Baum zum Eckpunkt eines gedachten Dreiecks machen sollte, dessen Entfernungen er über Winkel abmessen konnte. Dann entschied er sich aber dagegen, denn der Baum trug jetzt schon kaum noch Blätter. Das bedeutete, er war morsch und vielleicht schon in wenigen Jahren nur noch Futter für die Borkenkäfer.

Er ließ den Blick weiter schweifen und bemerkte plötzlich durch einige Sträucher hindurch einen auffallenden roten Fleck, der sich zu bewegen schien und deshalb Mercators Aufmerksamkeit erregte.

Dieser rote Fleck war der Umhang eines Mannes, wie sich einige Zeit später herausstellte. Mercator konnte die Gestalt zunächst nur schemenhaft erkennen, wie sie im morgendlichen Nebel aus dem Gestrüpp hervortrat und vor einem halb zugewachsenen Gesteinsbrocken stehen blieb.

Allein, dass der Mann einen roten Umhang trug, sprach schon sicher dafür, dass er kein einfacher Bauer war, deren Kleidung zumeist dunkelbraun, grau oder leinenfarben blieb. Traditionellerweise war es dem einfachen Volk untersagt, farbige Kleidung zu tragen - abgesehen von den Gauklern.

Also war der Mann entweder ein Adeliger oder ein Gaukler, was Mercator jedoch nur beiläufig bedachte, schließlich war er ganz und gar auf die Suche nach einem Messpunkt konzentriert.

In der Ferne öffnete der Unbekannte seinen Umhang. Offenbar hatte er zwei Gegenstände in seinen Händen - eine Hacke und etwas, das wie eine Kiste aussah.

Mercator überlegte mittlerweile, ob er vielleicht jenen Gesteinsbrocken zum Bezugspunkt für seine Messungen nehmen sollte. Was der Mann in der Ferne tat, bemerkte er nur, wenn er ab und an von seiner Arbeit aufsah und so achtete er auch nicht weiter auf den Umstand, dass normalerweise weder Gaukler noch Adelige mit einer Grabhacke in der Hand herumliefen.

Während noch einige Nebelschwaden über das Feld waberten, legte der Unbekannte seinen Umhang ab. Auch darunter war er recht bunt gekleidet, sodass er noch immer auffiel. Er drehte sich ständig um, so als fürchtete er, beobachtet zu werden.

Dann begann er damit, ein Loch zu graben. Die Kiste, die er bei sich getragen hatte, war ebenfalls rot. Mercator schätzte trotz der großen Entfernung, dass die Kiste eine Kantenlänge von anderthalb Ellen haben müsse, was er aufgrund ihres Größenverhältnisses zu dem Mann und einem in der Nähe befindlichen Baum grob überschlug. Solche Schätzungen waren ein Sport für den Kartographen. Er freute sich dann, wenn er sie später mit der Wirklichkeit vergleichen konnte und dachte für sich, dass er den Mann gelegentlich ansprechen könnte, falls er ihn in Gangelt träfe.

Später bemerkte Mercator noch, dass der Mann die rote Kiste offenbar neben dem Gesteinsbrocken vergrub. Anschließend schüttete dieser das Loch mit Erde zu und bedeckte die Stelle mit Gestrüpp. Dann machte er sich eiligst davon. Der Fremde schien nicht bemerkt zu haben, dass er beobachtet wurde.

Mercator schüttelte verwundert den Kopf und machte sich wieder an seine Arbeit. Er hatte schon längst die Stelle, an der er den Mann im roten Umhang gesehen hatte, als Bezugspunkt ausgesucht. Ein Dreieck mit den Eckpunkten Gangelter Kirchturmspitze, der Grabungsstelle des Unbekannten und dem von ihm ermittelten Schnittpunkt zwischen 51. Breitengrad und 6. Längengrad entstand in seinem Kopf.

Mercator begann zu rechnen.

Er schrieb mit einem Stift aus Graphit auf einem Pergament, das er auf ein Brett gespannt hatte, sodass er es als tragbares Schreibpult immer mitnehmen konnte.

„51 … Meine Glückszahl!“, dachte er.

Der Gedanke war plötzlich da und ließ ihn lächeln. Beim ersten Anschein machte die Natur manchmal den Eindruck absoluter Willkür, aber dann gab es wiederum Momente, in denen sich eine so tief gehende Ordnung zu offenbaren schien, dass man es kaum glauben konnte. Man musste sie eben nur erkennen. Insofern gab es für Mercator auch keinen Widerspruch zu dem Glauben an Gott und den Erkenntnissen der Wissenschaft, der Logik und der Mathematik …

„51 …

Vor den Toren des Ortes, in dem ich aufwuchs, kreuzen sich der 51. Breitengrad und der 6. Längengrad. 2800 Schritte sind es zwischen der Kirchturmspitze und dem Schnittpunkt. Und vom Schnittpunkt aus bis zu dem Ort, wo der Kerl seine Kiste vergraben hat, sind es genau 5100 Schritte!

5100 …

51 …

Wer soll da an Zufall glauben?“

Diese Gedanken gingen Mercator durch den Kopf und seine sonst so konzentrierten Gesichtszüge wirkten jetzt plötzlich sehr viel weicher.

„Was mag das nur für eine Magie sein, die von der Ziffernfolge 51 ausgeht?“, fragte er sich.

Aber er beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken, denn er wusste genau, dass man sich in der Analyse solcher mathematischen Muster genauso verlieren konnte wie im Zählen der Sterne am Firmament. Über all diesen Gedanken, mathematischen Überlegungen und Berechnungen vergaß Mercator den Umstand, dass ein ungewöhnlich gekleideter Mann eine geheimnisvolle Kiste vergraben hatte. Es war für den Wissenschaftler in diesem für ihn so wichtigen Moment keine beachtenswerte Sache.

In dieser Nacht arbeitete Mercator wieder sehr spät. Aber zwischendurch nickte er dabei ein und lag nun vornüber gebeugt auf dem Schreibpult. Plötzlich schreckte er hoch. Stimmen hatten ihn geweckt. Seine Kerze war erloschen. Es war ziemlich dunkel.

Mercator ging zum Fenster, von wo aus er die Stimmen jetzt deutlicher hörte.

Er öffnete die Läden, um sich durch das einfallende Mondlicht wenigstens etwas orientieren zu können. Ein kalter Hauch wehte herein. Es war feucht und dunstig draußen. Nebelschwaden sanken in die engen Gassen zwischen den Häusern und vom Mond war nichts weiter zu sehen als ein blasser, verwaschener Fleck, der immer in der Gefahr stand, vom Dunst so sehr überlagert zu werden, dass man gar nichts mehr von ihm wahrnehmen konnte.

Plötzlich hastige Schritte! Gestalten rannten durch die Nacht.

Sie liefen über die Straße, die vor dem Gasthaus herführte.

Waffengeklirr war zu hören. Aufgeregte Stimmen, Wortfetzen.

„Zum Südtor!”, rief ein Mann mit heiserer Stimme.

Im Schein einer schwankenden Laterne, die einer der Männer trug, glaubte Mercator zu erkennen, dass es sich um Mitglieder der Stadtwache handelte. Augenblicke später waren sie verschwunden und die Stille legte sich wieder über das kleine Städtchen.


Als der Kartograph am nächsten Morgen den Wirt danach fragte, was sich in der Nacht wohl zugetragen haben mochte, wusste dieser von nichts.

„Aber bis heute Abend bin ich informiert, werter Herr! Darauf könnt Ihr Euch verlassen!”

Der nächste Tag verging ereignislos – sah man einmal davon ab, dass der wieder aufkommende Nebel Mercator im Zeitplan zurückwarf. Schließlich ließen sich bei Nebel manche Bezugspunkte einfach nicht erkennen, die er jedoch für seine Berechnungen brauchte. An diesem Tag hatte er sich vorgenommen, den Burgturm, der gleichzeitig auch als Stadttor genutzt wurde, zu vermessen, um weitere Koordinaten für eine Karte zur Verfügung zu haben.

„Wir können nur hoffen, dass es bald wieder klarer wird”, meinte er zu Johann gewandt, dem das alles ziemlich einerlei war.

Als Mercator am Abend zu seinem Quartier innerhalb der Stadtmauern von Gangelt zurückkehrte, hörte er, wie die Stadtwachen sich aufgeregt mit einigen Bewohnern unterhielten. Ein richtiger kleiner Auflauf aus Männern, Frauen und Kindern hatte sich gebildet.

Niemand achtete auf Mercator, obwohl er allein für die Einheimischen durch den Wagen mit den recht seltsam wirkenden Messinstrumenten schon jemand war, der normalerweise ständig angegafft wurde, wo auch immer man seiner ansichtig wurde.

Es musste also etwas geschehen sein, was das Interesse der Leute noch mehr in seinen Bann zog, als die merkwürdigen und für das gemeine Volk völlig undurchschaubaren Aktivitäten eines wunderlichen Mannes mit langem Bart.

Es interessierte Mercator, was dort wohl los sein mochte. Gleichzeitig scheute er sich aber davor, sich einfach zu der Menschenmenge zu stellen. Also wies er Johann an, dies zu tun, während er schon mit dem Wagen zur Herberge fuhr.

Der Kartograph hatte seine wertvollen Instrumente bereits eigenhändig ausgeladen, als Johann endlich erschien.

„Nun, was redet man hier in Gangelt?”, fragte ihn Mercator.

„Es ist hier in der Nähe etwas Furchtbares geschehen!”, berichtete Johann völlig außer Atem und mit hochrotem Kopf. Die Aufregung, die den ganzen Ort erfasst zu haben schien, hatte offensichtlich auch von ihm Besitz ergriffen.

Er schnappte nach Luft.

„Nun fahr schon fort und spann mich nicht so auf die Folter!”, verlangte Mercator.

„In der Nähe des Südtores wurde gestern am späten Abend ein Mann tot aufgefunden!”, erklärte Johann. „Jedenfalls berichten das die Stadtwachen. Den Schädel hatte man ihm eingeschlagen. Er trug einen roten Umhang und es soll sich um einen hohen Herrn gehandelt haben!”

„Wer sollte denn ein so abscheuliches Verbrechen begehen?”

„Darüber wird noch gerätselt und es gibt wohl allerhand Gerüchte darüber.”

Wenig später erfuhr Mercator dann von seinem Wirt weitere Einzelheiten. Der Wirt war völlig außer sich. Es kam äußerst selten vor, dass in Gangelt etwas geschah, worüber man sich so trefflich das Maul zerreißen konnte. Normalerweise mussten da schon Spekulationen über den Diebstahl eines Huhns ausreichen – oder darüber, dass eine Bettlerin mit vielen Runzeln und unappetitlichen Geschwüren vielleicht den bösen Blick hatte.

So ein Verbrechen sprengte einfach das normale Leben in den Mauern des Ortes.

„Ich weiß es aus sicherer Quelle”, begann der Wirt im Tonfall eines Verschwörers. „Der Tote ist der Adjutant des Herzogs von Jülich!”

„Nein!”, entfuhr es Mercator.

„Es ist die Wahrheit! Ihr könnt es mir glauben und ich weiß es von offizieller Stelle, aus berufenem Munde. Nur musste ich halt demjenigen versprechen, nicht darüber zu reden. Aber es spricht sich ja sowieso früher oder später alles herum.”

„Das ist allerdings wahr.” Mercator zögerte, bevor er seine nächste Frage stellte. Es lag ihm nämlich ganz und gar nicht daran, irgendwie aufzufallen.

„Trug der Adjutant einen roten Umhang?”, erkundigte er sich dann.

„Ist er Euch vorher also auch schon mal aufgefallen!”, meinte der Wirt. „Ja, Ihr habt recht, es ist der Kerl mit dem roten Umhang. Hier in meinem Gasthaus am Tisch dahinten in der Ecke hat er gesessen, seine Mahlzeit gehalten und sein Bier getrunken. So wahr ich hier vor Euch stehe! Und ein großzügiges Trinkgeld hat er mir auch noch gegeben!”

„Er muss es gewesen sein!“, überlegte Mercator und dachte an den Mann im roten Umhang, den er dabei beobachtet hatte, wie er eine Kiste vergrub.

„Ist bekannt, weshalb der Adjutant ermordet wurde?”, fragte Mercator.

„Nein. Das ist ein Rätsel. Im Moment gehen die Stadtwachen von Haus zu Haus und suchen nach Zeugen. Leute, die den Adjutanten in den letzten Tagen gesehen und vielleicht irgendetwas Verdächtiges beobachtet haben.”

Einen Moment lang erwog Mercator, sich vielleicht auch zu melden. Schließlich war es ja nicht ausgeschlossen, dass die Beobachtung, die er gemacht hatte, etwas mit dem Tod des Adjutanten zu tun hatte.

Aber dann entschied er sich dagegen. Die Zeit, da man ihn in Rupelmonde wegen „Lutherei” festgenommen und ein halbes Jahr im Kerker hatte schmachten lassen, war ihm noch zu lebhaft in Erinnerung. Besser, man hielt sich von der Obrigkeit fern – auch auf die Gefahr hin, dass dann ein feiger Mord vielleicht ungesühnt blieb.

„Eine Garantie für Gerechtigkeit sind die weltlichen Herren nun wirklich nicht!“, beruhigte er sein Gewissen. „Wer sagt schon, dass sie den Richtigen zur Rechenschaft ziehen würden?“


Nach Abschluss seiner Arbeiten in der Gegend von Gangelt zog Mercator mit seinem Messwagen weiter zur Burg Millen im gleichnamigen Ort. Auch dort quartierte er sich für ein paar Tage ein, um Messungen in der Umgebung durchzuführen.

Schon bei seiner Ankunft machten in Millen Gerüchte die Runde, die etwas mit dem Tod des Adjutanten zu tun hatten.

Johann berichtete ihm darüber, nachdem er die Pferde in einen Stall gebracht und mit den dort beschäftigten Knechten gesprochen hatte. Mercator erfuhr auch davon in der Schenke, in der er seine Mahlzeit einnahm.

„Der Adjutant des Herzogs muss ein ganz krummer Hund gewesen sein”, erzählte der Wirt so laut, dass es alle Zecher im Schankraum mithören konnten. „Er war nämlich keineswegs im herzöglichen Auftrag unterwegs, wie mir einer erzählt hat, der bei den herzöglichen Landsknechten angestellt war und letzte Woche durch die Gegend zog, um sein Glück in Antwerpen zu machen.”

„Weswegen war der Kerl denn sonst in der Gegend?”, fragte einer der Zecher, ein vierschrötiger Mann mit riesigen Händen. Mercator, der in einer Ecke der Schenke am Tisch saß und aß, hatte aus dem Gespräch erfahren, dass der Mann der Schmied von Millen war.

„Er war auf der Flucht!”, behauptete der Wirt. „Es war nämlich Anklage gegen ihn erhoben worden, weil er angeblich dem Herzog eine Kiste mit 5100 Goldgulden gestohlen hat!”

„5100 … 51 … Wieder diese Ziffernfolge!“, durchfuhr es Mercator. Er dachte an seine Beobachtungen am Gangelter Schanzberg. An die 5100 Schritte zwischen dem Schnittpunkt des 51. Breitengrades mit dem 6. Längengrad und der Stelle, an welcher der Adjutant des Herzogs offenbar einen unvorstellbar großen Schatz vergraben hatte …

Einen Schatz, den zumindest der Adjutant auf keinen Fall mehr heben konnte.

Mercator verdrängte alle Gedanken an den toten Adjudanten und das vermeintliche Diebesgut. Seine Angst, selbst des Diebstahls bezichtigt zu werden, wenn er die Kiste ausgraben und dabei entdeckt würde, war viel zu groß. Er hatte ein gutes Auskommen und war auf Gestohlenes nicht angewiesen.







Vierzig Jahre später …

Duisburg, 2. Dezember 1594


Flackerndes Kerzenlicht erhellte den Raum. Die Luft war abgestanden. Der Atem des im Bett liegenden Gerhard Mercator ging schwer. Er hatte das Gefühl, dass ihm eine schwere Last auf die Brust drückte und ahnte, dass es der Tod selbst war …

Vor zwei Jahren hatte er sich in aller Unerbittlichkeit angekündigt, als den großen Kartenzeichner ein Schlaganfall ereilte und ihn weitgehend gelähmt hatte. Glücklicherweise hatte Mercator zu diesem Zeitpunkt längst seine Söhne und zum Teil auch schon einige seiner Enkel in die Abläufe seiner Kartographenwerkstatt eingebunden, sodass er nicht mehr überall selbst Hand anlegen musste. Es reichte aus, wenn nach seinen Methoden gearbeitet wurde.

In diesen zwei Jahren hatte sich der Zustand Mercators stetig verschlechtert. Ja, sein Befinden glich gar einer abfallenden Kurve und Mercator ahnte, dass er nun die Null-Koordinate fast erreicht hatte. Es war also die Zeit gekommen, um letzte Dinge zu ordnen. Zeit, um letzte Geheimnisse zu offenbaren, wenn man nicht wollte, dass sie bis in alle Ewigkeit Geheimnisse blieben.

Die Tür knarrte und fiel wieder ins Schloss. Der entstandene Luftzug hätte beinahe die Kerzen ausgeblasen. „Mein Lebenslicht ist nur noch schwach!“, ging es Mercator durch den Kopf. „Vielleicht habe ich doch zu lange gewartet. Noch ein paar Augenblicke! Länger werde ich nicht brauchen!“

In diesem Moment hörte Mercator Schritte und sah seinen jüngsten Sohn Rumold, der in die Fußstapfen seines Vaters getreten war und sich mit Leib und Seele dem Kartographenhandwerk verschrieben hatte.

„Mein Sohn”, flüsterte er.

„Ihr habt mich rufen lassen, Vater?”

„Komm näher … Das Sprechen fällt mir schwer!”

Rumold gehorchte. Er trat an das Bett und seine Gesichtszüge vermochten das Entsetzen über den Zustand des Vaters kaum zu verbergen.

„Der Herrgott wird mich sehr bald zu sich rufen”, sagte Mercator. Er sprach sehr leise. Seine Stimme war kaum mehr als ein schwaches Wispern. Manche Worte waren kaum zu verstehen und wurden durch das Knistern des Kaminfeuers überdeckt.

Er machte eine Pause und sammelte die wenigen Kräfte, die ihm noch geblieben waren.

„Kann ich irgendetwas für Euch tun, Vater?”, fragte Rumold.

„Nein”, ächzte dieser. „Nur zuhören und jedes Wort bewahren, dass ich dir jetzt sagen werde, Rumold. Ich weiß, dass ich dich früher hätte einweihen sollen und ich hoffe, dass es jetzt noch nicht zu spät ist …”

„Worum geht es?”

Wieder folgte eine Unterbrechung. Mercator schloss die Augen und sein Atem wurde so flach, dass Rumold für einen kurzen Moment glaubte, sein Vater wäre bereits entschlafen.

Aber das war nicht der Fall.

Die Augen öffneten sich wieder. Glasig waren sie und ihr Blick schien durch Rumold hindurchzugehen und ihn gar nicht mehr richtig wahrzunehmen.

Schließlich fuhr Mercator fort: „Ich werde die Tabulae Graphica nicht mehr beenden können, mein Sohn.” Vor fünf Jahren war die vierte und bisher letzte Ausgabe dieser Kartensammlung erschienen, zu der insgesamt 22 moderne Landkarten gehörten. Karten, die die Welt endlich so zeigten, wie sie war. Eine fünfte Lieferung hatte Mercator noch selbst vollenden oder zumindest beaufsichtigen wollen. 29 Karten waren bereits fertig, aber es fehlten noch fünf. Der Gedanke an deren Fertigstellung hatte Mercator wohl in den letzten Wochen auch die Kraft gegeben, nicht der Agonie des Todes nachzugeben und einfach die Augen zu schließen. Aber nun musste er sich eingestehen, dass seine Kräfte einfach nicht mehr ausreichten. Es schmerzte ihn, vor der Vollendung dieses Ziels die Augen schließen zu müssen. Aber andererseits bedeutete es auch das Ende einer langen Qual.

„Versprich mir, dass du die Tabulae Graphica vollendest, mein Sohn! Versprich es mir!” Seine zitternde Hand griff nach Rumolds Unterarm und krallte sich regelrecht darum.

„Ich verspreche es, Vater! Ihr könnt Euch darauf verlassen. Ich verbürge mich dafür – und wenn ich es Euren Enkeln auferlegen muss, falls mir etwas zustoßen sollte.”

Mercator atmete auf. „Das ist gut”, sagte er. Er schien sehr erleichtert über diese Versicherung seines Sohnes zu sein, sein Werk abzuschließen.

Mercator hatte es von jeher gehasst, auf Grund welcher Umstände auch immer, eine unfertige Arbeit hinterlassen zu müssen.

„Da ist noch etwas, was ich dir sagen muss, Rumold …”

„Was, Vater?”

„Sieh in die Schublade der Kommode!”

Rumold gehorchte.

„Dort ist ein versiegelter Umschlag! Bring ihn mir”

Als Mercator den Umschlag in den zittrigen Händen hielt, brach er das Siegel und holte den Inhalt hervor. Eine Karte, mit der es offenbar eine besondere Bewandtnis hatte. Rumold half dabei, sie auseinander zu falten.

„Es ist eine Karte, die meine Heimat zeigt”, sagte Mercator mit brüchiger Stimme. „Das Land um Gangelt … Du siehst dort ein Kreuz!”

„Ja, Vater.”

„Das Geheimnis ist verschlüsselt. Du musst…”

„Vater!”

„Bei dem Kreuz … Dort ist … dort … ist …”

Die Stimme des großen Kartographen versagte. Das Leben war von ihm gewichen, bevor er das Geheimnis hatte preisgeben können. Rumold schossen die Tränen in die Augen. Er hatte seinen Vater sehr geliebt und verehrt. Nach einer Zeit der Andacht schloss er ihm behutsam die Augen. Als man Rumold später nach den letzten Worten fragte, die Gerhard Mercator geäußert habe, erklärte er, dass sein Vater darum gebeten habe, vom Prediger in der Kirche mit einem Gebet bedacht zu werden.

Rumold nahm die Karte an sich und betrachtete sie am Abend im Schein der niederbrennenden Kerzen genauer.

Am Rand war eine merkwürdige Kombination aus Buchstaben und Zahlen zu sehen. Das musste die Verschlüsselung sein, die sein Vater gemeint hatte.

Rumold kannte verschiedene Methoden, um Botschaften zu verschlüsseln. Er selbst hatte das auch schon verschiedentlich angewendet. Oft im Auftrag von adeligen Häusern, die auf diese Weise geheime Botschaften sicher überbringen wollten.

Rumold probierte die ihm bekannten Entschlüsselungscodes aus,

aber keiner passte. Auch die Vornamen seiner Geschwister führten zu keinem Erfolg.

Die hier angewandte Art der Verschlüsselung war ihm unbekannt.

Nachdenklich faltete Rumold die Karte wieder zusammen. Es schien fast so, als hätte der große Mercator das Geheimnis der Karte mit in den Tod genommen.