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Anselm Grün
Das kleine Buch
der Lebenslust
Herausgegeben von Anton Lichtenauer
titel
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2009
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
 
Umschlagkonzeption und -gestaltung:
R·M·E Eschlbeck / Hanel / Gober
Umschlagmotiv: © Mauritius Images
 
Datenkonvertierung eBook: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
 
ISBN (E-Book) 978-3-451-33623-2
ISBN (Buch) 978-3-451-07105-8

Vorwort

Wir hatten Urlaub. Für ihn war es ein normaler Arbeitstag. Wir wärmten uns auf einem kleinen Platz in Palermo in der Maisonne. Er war ein Textilienverkäufer, der durch die unsanierten Hinterhöfe der Vucceria zog, seine Ware auf einem Handkarren vor sich her übers Pflaster schob und sie den Hausfrauen anpries, von denen zwischendurch eine oben kurz aus einem Fenster schaute und ihm etwas zurief. Er sang halblaut meist, fast nur für sich, dann wieder aus voller Brust, und zwischendurch rief er die Namen seiner Kundinnen und seine nicht immer ganz sauberen Scherze. Nur eine kaufte eine Kleinigkeit so lange wir ihm auf dem Platz zusahen. Aber er nahm dem Leben nichts übel an diesem schönen Tag. Singend zog er weiter. Es war wie ein kitschiges Opernszenario. Aber vor allem ein Bild der Lebenslust. Nicht zu beneiden, der Mann, um seinen Job. Und irgendwie doch ...
Warum sang er? Weil er musste. Warum singt ein Vogel? Weil er muss. Er drückt in seinem Lied die Lust des Lebens zu sich selber aus.
In dieser Hinsicht sind Kinder wie Vögel. Kinder, kleinere und größere, können so sein, nach Herzenslust selbstversunken, hingegeben an den Augenblick. Wie die kleine Antonia, noch keine zwei Jahre alt, die kürzlich ins Büro kam und irgendetwas entdeckte, was sie entzückte: ein Juchzen, ein Strahlen. Ihr ganzer Körper, sie selbst, war dieser Jauchzer in diesem Augenblick. In ihr hatte nichts anderes Platz als diese Freude, und die Aktenordner fingen für einen Moment an zu tanzen. Kinder können so sein: Sie gehen nicht, sie hüpfen, rennen, schreien sich etwas zu oder flüstern sich ins Ohr. So sind sie: Spiel ist Ernst, ist intensives Leben. Ganz bei sich, selbstvergessen und gleichzeitig voller Bewegung.
Bei den Indianern wird das erste helle Lachen eines Kindes gefeiert, als Festtag der Erwachsenen. „Das erste Lachen eines Kindes“, sagt der Schweizer Clown Dimitri, ist schon „erster Ausdruck von Liebe und von Wohlempfinden“. Vielleicht lieben Kinder und Erwachsene die Clowns aus diesem Grund ganz besonders, weil sie das Lachen wieder aus uns heraus holen. Lachen, sagt man, „perlt“. Auch Lebenslust schäumt über.
„Lebenslust“, das heißt: Es ist eine Lust, zu leben. Alle Last fällt von einem ab. Alles wird leicht durch diese positive Energie, die Leib und Seele in Schwung bringt. Man denkt an Liebe und Ekstase, Lachen, Genuss. An Tanz und Fest. Musik liegt in der Luft.
„Schön zu leben, sage ich, obwohl vieles dagegen spricht“ (Detlev Block). Nicht immer ist das Leben lustig. Aber letztlich überwiegt doch die positive Sicht: Lebenslust ist eine luftige Energie: sich über den Alltag erheben, wie ein Drachen im Aufwind. Über den Niederungen wie ein Bergsteiger, dem die Sorgen im Abstand auf einmal klein werden und unerheblich, ja lächerlich: Das Leben insgesamt – eine Leichtigkeit.
Wenn Kinder in aller Regel so sein können: Wieso nicht auch wir Erwachsene? Wer blockiert, was verschüttet diese ursprüngliche Energie? Wer hat uns diese ursprüngliche Freude am Dasein ausgetrieben? Ist die Erziehung schuld? Oder die Keule der Moral? Was auch immer. Wichtiger ist: Wie können wir die verlorene Lebenslust wieder erlangen?
„Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens für jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereitliegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Namen, beim richtigen Wort, dann kommt sie.“ Franz Kafka hat das in seinen Tagebüchern notiert.
Lebenslust, so sagt auch Anselm Grün, ist etwas, was wir als Erwachsene wieder lernen und einüben können: ganz im Augenblick zu sein, mit allen Sinnen zu leben, den Moment genießen. Um diese Kunst zu lernen, muss man nichts haben, nichts wollen, sich auf keine Ziele fixieren. „Nur wer sich selbst vergisst, vermag das reine Dasein zu schmecken und die Lust daran zu empfinden.“
Gier macht lüstern. Freude macht lustig. Warum finden wir einen Clown lustig? Es ist nicht die Schadenfreude über seine Tollpatschigkeit. Es ist seine Lust, zweckfrei etwas auszudrücken, was das Leben selber ist. Dass er Widersprüche sieht und sein lässt, dass er sie darstellt, indem er mit ihnen spielt – und sie auflöst in erlösendes, zustimmendes Gelächter.
Ein guter Clown, meint Dimitri, ist wie ein Kind, das spielt – einfach weil es muss.
Werden wie die Kinder – wenn das gelänge – das Leben wäre lustiger. Für uns und für andere.

Eine positive Energie – Was uns alle beflügelt

Eine positive Energie
Was uns alle beflügelt
Drache

Wer hat Lust am Leben?

„Wer ist der Mensch, der Lust hat am Leben und gute Tage zu sehen wünscht? Wenn du das hörst und antwortest: ,Ich‘, dann sagt Gott zu dir: Willst du wahres und unvergängliches Leben, bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tu das Gute; suche Frieden und jage ihm nach.“ Dieser Satz steht ganz am Anfang der Regel des Heiligen Benedikt (Prolog 15– 17). 25 Jahre lang habe ich in der Abtei Münsterschwarzach die Jugendarbeit geleitet. Unser Motto für die Jugendarbeit war dieses Wort Benedikt im Prolog seiner Regel, in der er junge Männer mit der Frage ins Kloster einlädt: „Wer hat Lust am Leben?“ Unser Ziel war, die jungen Menschen Lust am Leben zu lehren. Doch Lust am Leben ist etwas anderes als das, was die Spaßgesellschaft möchte. Es ist etwas anderes als oberflächlicher Fun. Es ist die Kunst, ganz im Augenblick zu leben, mit allen Sinnen zu leben, das wahrzunehmen, was gerade ist. Die Kunst, präsent zu sein, verlangt einmal Achtsamkeit, zum anderen Loslassen der vielen inneren Stimmen, die ständig etwas von mir wollen oder mich hierhin und dorthin treiben. Ich kann mich nur auf den Augenblick einlassen, wenn ich alles Haben-wollen loslasse, wenn ich mich selbst vergessen kann. Loslassen muss ich vor allem die ständige Frage: Was bringt es mir? Was fühle ich dabei? Nur wer sich selbst vergisst, vermag das reine Dasein zu schmecken und die Lust daran zu empfinden.
Drache

Mehr Vergnügen – weniger Freude

Die Sprache hat ihre eigenen Erfahrungen mit Freude und Vergnügen. Das Wort Freude kommt von der Wurzel „froh“ und meint eine innere Erregung. Wenn ich mich freue, hüpft das Herz in mir. Freude hat mit Lebenslust zu tun. Lust ist eine Empfindung des Herzens. Im Wort Vergnügen steckt „genug“. Ich habe genug bekommen. Ursprünglich kommt das Wort Vergnügen aus der Rechtssprache. Wenn der andere mir genug bezahlt hat, dann bin ich zufrieden gestellt, dann bin ich vergnügt. Die Sucht nach Vergnügen hat etwas von dem Äußerlichen der Bezahlung. Ich bezahle Geld, damit ich mein Vergnügen habe, damit ich genug bekomme von Unterhaltung. Aber solches Vergnügen erreicht nur selten das Herz. In der Freude hüpft das Herz, im Vergnügen hat es das Gefühl, genug an Gegenwert bekommen zu haben. Hermann Hesse, der viel über diesen Zusammenhang nachdachte, hat gesagt: „Die hohe Bewertung der Minute, die Eile als wichtigste Ursache unserer Lebensform, ist ohne Zweifel der gefährlichste Feind der Freude. Möglichst viel und möglichst schnell ist die Losung. Darauf folgt immer mehr Vergnügung und weniger Freude.“ Hesse hat seine Umwelt immer genau beobachtet, und er ist auch ein heftiger Kritiker der hektischen Jagd nach immer neuen Vergnügungen. Wer immer in Eile ist, vermag sich nicht zu freuen. Hesses Überzeugung: Die Vergnügungen, denen die Menschen heute nachjagen, um ihren Spaß zu haben, sind letztlich Ersatz. Und sie sind Zeichen einer inneren Unfähigkeit, Freude zu empfinden. Freude braucht den Augenblick und die Langsamkeit. Wer von einem Event zum anderen eilt, erlebt höchstens ein kurzfristiges Vergnügen. Hermann Hesse hat über diesen Zusammenhang nachgedacht. Er sieht in der Eile den Feind der Freude und die Ursache, statt Freude nur noch Vergnügen zu suchen, das man sich kurzfristig kaufen kann. Wer Freude lernen will, muss offensichtlich langsamer treten. Er muss sich darin üben, ganz im Augenblick zu sein, anstatt immer wieder neu allen Vergnügungen nachzulaufen, die er erhaschen kann, um genug zu haben. Seinem Herzen und seiner Sehnsucht wird das nie ganz genügen.

Kein Spaßzwang

„Die Mutter der Ausschweifung ist nicht die Freude, sondern die Freudlosigkeit.“ Friedrich Nietzsche, der Philosoph der Ekstase, hat dies ganz nüchtern konstatiert: Wenn jemand ausschweifend lebt und kein Vergnügen auszulassen vermag, dann – so meint er – hat das seinen Grund nicht in der Freude, die nach Ausdruck sucht, sondern ganz im Gegenteil in der Freudlosigkeit. Wer unfähig ist zur Freude, der muss ständig unterwegs sein, um nach Vergnügungen zu suchen. Er wird sein Maß nicht finden. So paradox es klingt: Die Freudlosigkeit ist die Mutter der Vergnügungssucht. Die Spaßgesellschaft spiegelt die Tristesse unserer Zeit wider. Es ist eine freudlose Zeit, in der man seinen Spaß sucht, weil man die Freude im Herzen verloren hat. Oft genug geht dann der Spaß auf Kosten anderer. Man macht andere lächerlich, um sein Vergnügen zu haben. Doch dann merkt man gar nicht, wie verletzend und damit inhuman die Spaßgesellschaft ist. Sie ist nicht eine Einladung an alle, sich des Lebens zu freuen, sondern ohne Rücksicht auf die anderen seinen eigenen Spaß zu haben, die anderen sogar für den Kitzel des eigenen Lachens zu missbrauchen.
Wenn ich Menschen beobachte, nachdem sie das gehabt haben, was sie Spaß nennen, dann sehe ich oft in traurige und leere Gesichter. Wenn sie sich unbeobachtet fühlen, dann tritt die ganze Traurigkeit in ihnen ans Tageslicht. Sie wollen die dunkle Stimmung ihres Herzens vertreiben. Aber es gelingt ihnen nicht. Der Spaß bleibt an der Oberfläche. Er dringt nicht in den Grund des Herzens ein. Am Grund des Herzens aber liegt die Freude in jedem Menschen bereit: ein Schatz, den wir heben können.
Drache

Glücksfresser

„Die Vergnügungssucht ist unersättlich und frisst am liebsten – das Glück.“ Die österreichische Erzählerin Marie von Ebner-Eschenbach bringt es auf den Punkt: Es gibt Vergnügungssucht. Eine Sucht nach Freude gibt es nicht. Vergnügen kann krank machen. Man wird unersättlich. Man bekommt nie genug und muss immer noch mehr haben. Man wird abhängig davon. Sucht ist Krankheit. Im Wort steckt „siech“, d. h. krank sein. Wer von einem Vergnügen zum andern hetzt, der wird unfähig zur Freude. Marie von Ebner-Eschenbach hat den destruktiven Charakter einer solchen Haltung mit der Krankheit der Fress-Sucht in Beziehung gesetzt: Vergnügungssucht frisst das Glück auf. Vergnügen bringt nicht Glück mit sich, sondern vertreibt es. Daher braucht es Genügsamkeit, Beschränkung auf den Augenblick und die Freuden, die der Augenblick mit sich bringt.

Nicht zum Vergnügen

„Der Mensch ist nicht zum Vergnügen geboren, sondern zur Freude,“ sagt Paul Claudel. Schon die Sprache zeigt es: Das deutsche Wort Vergnügen kommt aus der Geschäfts- und Rechtssprache und meint ursprünglich die Bezahlung und die Zufriedenstellung. Der Mensch ist nicht dazu geboren, zufrieden gestellt zu werden, genug zu haben, in seinen Ansprüchen befriedigt zu werden. Der Mensch ist zur Freude geboren. Freude kommt von „froh“ und hat zu tun mit: „hurtig, erregt, bewegt“. Es kommt von hüpfen. Wer sich freut, der hüpft innerlich auf. So hat es Lukas in der Begegnung zwischen Maria und Elisabeth beschrieben: Das Kind in Elisabeth hüpft vor Freude in ihrem Leib auf. Das althochdeutsche Wort für Freude „frewida, frouwida“ ist verwandt mit dem schwedischen „fröjd“, das Lebhaftigkeit, Lebenslust bedeutet. Die Freude steht der Lust näher als das Vergnügen. Das Vergnügen ist nur eine Befriedigung meiner Wünsche, die Freude dagegen macht lebendig. Sie macht mich hüpfen. Sie erfüllt mich mit Lust.

Entzücken der Augen

„Es ist so eine Ironie, solch ein Widerspruch, dass wir ständig nach Höhepunkten des Erlebens suchen, wenn die Höhepunkte doch in all den Dingen um uns vorhanden sind, die unser Auge entzücken.“ Das hat die Dichterin Anais Nin schon vor der Erfindung der so genannten Spaßgesellschaft geschrieben. Die Suche nach außerordentlichen Ereignissen versucht heute eine ganze Vergnügungsindustrie zu befriedigen. Sie hätte nicht so großen Erfolg, wenn die Sehnsucht danach nicht so tief in der menschlichen Seele verankert wäre. Aber was ist ein Höhepunkt?
Der Psychologe Abraham Maslow spricht von „Gipfelerfahrungen“. Solche Erfahrungen aber kann man nicht machen oder künstlich inszenieren. Sie geschehen, wenn wir ganz im Augenblick sind. Dann kann ein Sonnenaufgang eine solche Gipfelerfahrung sein. Oder die Geburt eines Kindes. Oder das Schauen in eine herrliche Bergwelt.
Die Höhepunkte sind schon in den Dingen vorhanden. Wir brauchen nur offene Augen, um sie wahrzunehmen.

Positive Antriebskraft

Die griechische Philosophie hat die Lust durchaus als positive Antriebskraft des Handelns bejaht. Allerdings differenziert Platon, der größte griechische Philosoph, die verschiedenen Formen von Lust je nachdem, worauf sie sich richten. Wenn sich die Lust auf hohe ethische Werte oder auf ein vernünftiges und sittlich hoch stehendes Ziel richtet, dann ist sie dem Menschen angemessen. Rein irdische Lust dagegen ist für ihn eher suspekt. Für Platon stellt die Lust das innere Gleichgewicht des Menschen wieder her. Sie ist also für seine innere Gesundheit heilsam. Aristoteles hat ein anderes Verständnis von Lust entwickelt. Er versteht Lust als Bestandteil einer vollkommenen Tätigkeit. Wenn der Mensch vollkommen in einer Tätigkeit aufgeht, erfährt er immer auch Lust. Lust begleitet also unser Tun. Wenn wir unsere natürlichen Fähigkeiten vollkommen ausüben, dann erleben wir Lust.

Lustverlust