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Lisa Nienhaus

Die Weltverbesserer

66 große Denker, die unser Leben verändern

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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© 2015 Carl Hanser Verlag München

Internet: http://www.hanser-literaturverlage.de

Lektorat: Martin Janik

Herstellung: Andrea Reffke

Umschlaggestaltung:

Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung dreier Fotos von © ullstein bild: TopFoto, Granger Coll., ullstein, Reuters und sechs Fotos von © Getty Images: Universal History Archive, Bloomberg, Imagno, Robert Lackenbach, Walter Stoneman, Leonard McCombe

Datenkonvertierung E-Book: Kösel Media, Krugzell

ISBN 978-3-446-44308-2

E-Book-ISBN 978-3-446-44322-8

Inhalt

Vorwort

John Maynard Keynes
Der Bezwinger der Weltwirtschaftskrisen

Gary Becker
Gegensätze ziehen sich an

Friedrich List
Der Feuerkopf der Globalisierung

Joan Robinson
Normale Zeiten gibt es nicht

Adam Smith
Der Segen des Egoismus

Korekiyo Takahashi
Der japanische Keynes

Ludwig von Mises
Der letzte liberale Ritter

Robert Lucas
Die Leute sind nicht verrückt

Hermann Heinrich Gossen
Immer mehr bringt immer weniger

Nikolaj Kondratjew
Der Herr der Wellen

Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff
Die Historiker der Krisen

Friedrich August von Hayek
Wider die Anmaßung von Wissen

Deirdre McCloskey
Die Poetin der Ökonomie

Walter Eucken
Der wahre Neoliberale

Paul Krugman
Der Popstar unter den Ökonomen

Richard Musgrave
Des Guten zu wenig

Lorenz von Stein
Der Mann, der den Sozialstaat erfand

Karl Marx
Die Entzauberung des Kapitalismus

Douglass North
Es lebe die Kleinstaaterei

Anne Krueger
Die »Grand Old Lady« der Ökonomie

Reinhard Selten
Der Spieler

James Tobin
Herr Tobin und seine Steuer

János Kornai
Der Verräter des Sozialismus

Robert Shiller
Der Prophet von Gier und Panik

Ben Bernanke
Der Mann für die Geldschwemme

John Stuart Mill
Das Glück im Kapitalismus

Harriet Taylor Mill
Die Kämpferin für die Freiheit der Frauen

Kaspar Klock
Der Vater der guten Staatsfinanzen

Thomas Malthus
Der traurige Pastor

Wilhelm Röpke
Der Markt braucht Moral

Hyman Minsky
Der Krisenprophet

Elinor Ostrom
Vom Segen des Teilens

Platon
Griechenlands bester Ökonom

Heinrich von Stackelberg
Zu viel Macht verdirbt den Markt

Charles Dickens
Gänse, Wild und Austern für die Armen

Martin Feldstein
Das Geheimnis des richtigen Sparens

Paul Samuelson
Bahnbrechend in allen Disziplinen

Rüdiger Dornbusch
Wieso spielen die Währungen verrückt?

Amartya Sen
Anwalt der Armen

Anthony Atkinson
Der Erforscher der Ungleichheit

Rosa Luxemburg
Die Ikone der Antikapitalisten

Ludwig Erhard
Der Meister

Vernon Smith
Der scheue Menschenversteher

Richard Easterlin
Geld allein macht auch nicht glücklich

Christina Romer
Die Spezialistin für Krisen

Thorstein Veblen
Spott auf die feinen Leute

Lars Peter Hansen
Der Börsenversteher

John Nash
Genie und Wahnsinn

Silvio Gesell
Der Erfinder des Schrumpfgelds

John Kenneth Galbraith
Wider die Diktatur der Konzerne

Hans-Ulrich Wehler
Der Historiker

Carl Menger
Die Preise richten sich nicht nach den Kosten

Ibn Khaldun
Was Weltreiche zusammenhält

Eugene Fama
Niemand kann den Markt schlagen

Milton Friedman
Konsequent liberal

Mancur Olson
Der Abstieg der Nationen

Karl Polanyi
Enttäuscht vom entfesselten Kapitalismus

Ayn Rand
Die Hohepriesterin des Egoismus

Wu Jinglian
Chinas Mister Marktwirtschaft

James Buchanan
Politiker sind Egoisten

Henry Hazlitt
Starkolumnist des Kapitalismus

John Rawls
Der Philosoph des Fairplay

Albert O. Hirschman
Lob der Aufmüpfigkeit

Michail Bakunin
Der erste Anarchist

Jean Tirole
Seid nicht so streng mit Google

Joseph Schumpeter
Vergesst mir die Banken nicht!

Die Autoren dieses Buches

Vorwort

Wenn längst verstorbene Denker der Ökonomie sich eine Schlacht auf Youtube liefern – inszeniert als Rap-Battle, professionell verfilmt –, dann kann man das als Spinnerei für ein Nischenpublikum abtun. Wenn sich aber 5 Millionen Menschen dieses Video anschauen, dann geht das nicht mehr. Denn der Erfolg zeigt: Diese Männer liegen im Trend.

Die Männer auf dem Video, von dem hier die Rede ist, sind die beiden wohl berühmtesten Ökonomen des vergangenen Jahrhunderts: John Maynard Keynes und Friedrich August von Hayek, dargestellt von zwei Schauspielern. Und die 5 Millionen Menschen, die seit dem Jahr 2010 ihre musikalische Abrechnung in der weißen Stretchlimousine auf dem Weg zur »Party at the Fed« sehen wollten, waren sicherlich nicht nur Studenten der Volkswirtschaftslehre. Nein, auf einmal wollen viele Menschen die großen Ökonomen kennenlernen.

Das liegt paradoxerweise daran, dass die Wissenschaft der Ökonomie im Staube liegt. Die Finanzkrise und die daraus folgende Wirtschaftskrise hat kaum ein damals einflussreicher Vertreter des Faches vorhergesehen. Sogar das Gegenteil war der Fall. Viele der bekannten Wirtschaftsforscher hatten geglaubt, die Zeit, in der es große Krisen gab, sei vorbei. Nicht zuletzt sei das dem Fortschritt ihrer eigenen Wissenschaft zu verdanken, so die übliche Argumentation. Ökonomen hätten der Politik gezeigt, wie sie Wirtschaftszusammenbrüche verhindern könne.

Das war ein Irrtum. Der amerikanische Ökonom Paul Krugman spricht sogar davon, dass ein Großteil der Makroökonomie der vergangenen 30 Jahre »bestenfalls spektakulär nutzlos, schlimmstenfalls schädlich« gewesen sei. Andere fragen sich, ob Ökonomie überhaupt eine Wissenschaft ist. Denn man erkenne keinerlei Fortschritt ihrer Erkenntnisse.

Doch während auf der einen Seite die Skepsis so groß ist wie nie, ist auf der anderen Seite der Bedarf an Beratern mit wirtschaftlichem Sachverstand in den vergangenen Jahren noch größer geworden. Die Schwierigkeiten, denen sich die Welt gegenübersieht, sind groß, die Wirtschaft ein vorrangiges Thema. Wer ist der richtige Ratgeber in dieser Lage?

Die Antwort ist so einfach wie überraschend: Es sind die großen Wirtschaftsdenker, die wir als Ratgeber brauchen. Diejenigen der Geschichte und die aktuellen, die berühmten und die zu Unrecht fast Vergessenen, die Ökonomen und diejenigen, die von außen auf die Wirtschaft blicken. Denn bei aller Kritik an der Ökonomie als Wissenschaft haben wir in den vergangenen Jahren eines gelernt: Dieses Mal ist nicht alles anders. Vieles von dem, was wir heute erleben, ist schon früher erkannt, bedacht, beschrieben worden. Die Wirtschaftsberater und -politiker hatten es nur vergessen, verdrängt oder für veraltet gehalten.

Welch ein Irrtum! Nun werden alte Weisheiten hervorgekramt, berühmte Bücher entstaubt und unter dem Eindruck der aktuellen Geschehnisse neu gelesen. Hayeks »The Road to Serfdom«, auf Deutsch: »Der Weg zur Knechtschaft« eroberte kurzzeitig Platz eins der Bestsellerlisten in Amerika. Wieder gelesen werden Keynes’ »General Theory« ebenso wie die Werke der Krisenkenner, etwa John Kenneth Galbraiths »Kurze Geschichte der Spekulation« oder Charles Kindlebergers »Manias, Panics and Crashes«.

Wer sich einlässt auf die Begegnung mit den großen Wirtschaftsdenkern, der wird solche Schriften finden, die die Finanzkrise erschreckend gut erklären. Aber auch Denker, die das Problem des Euro nicht nur vorausahnten, sondern prognostizierten. Und Menschen, die ideenreich die großen Fragen der heutigen Zeit behandeln: Brauchen wir Wirtschaftswachstum zu unserem Glück? Sind die Zentralbanken zu mächtig? Wie befreien wir die Menschen aus der Armut? Sind Abkommen über freien Handel gefährlich?

Die großen Wirtschaftsdenker wollen die Welt nicht nur besser verstehen, sondern tatsächlich verbessern. Sie wollen Krisen verhindern, Armut beseitigen und die Welt gerechter machen. Viele von ihnen haben es tatsächlich geschafft, sie sind echte Weltverbesserer oder werden es künftig sein. Andere gerieten auf Abwege, entwickelten weltferne Theorien, die die Wissenschaft in die falsche Richtung trieben, oder wurden glühende Nationalsozialisten. Alle 66 in diesem Buch Versammelten aber haben mindestens eine bahnbrechende Idee gehabt, die die Welt weiterbringt.

Das ist die Zeit für die Rückkehr der Weltverbesserer, der großen Denker der Ökonomie. Das ist die Zeit der Rückkehr von John M. Keynes und Friedrich A. Hayek. Die Zeit, in der man neu blickt auf Walter Eucken und Karl Marx, auf Paul Krugman und Ben Bernanke, auf Ayn Rand und Adam Smith.

Für dieses Buch haben wir 66 große Denker der Wirtschaft neu entdeckt. Dabei steht im Mittelpunkt, was die Forscher und Denker uns heutzutage noch zu sagen haben, bei welchen aktuellen Schwierigkeiten sie uns helfen. Wir präsentieren Berühmte und clevere Außenseiter, Männer und Frauen, Amerikaner und Deutsche, Japaner und Russen. Kurz und knapp sind die Texte, für Jedermann geschrieben. Es ist eine Einführung in die Gedankenwelt der Wirtschaft in 66 Kurz-Lektionen.

Keynes lehrt uns, wirtschaftliche Depressionen zu verstehen. Hayek erklärt die Bedeutung der Zinsen der Notenbanken für die Übertreibungen an Märkten. Richard Musgrave begründet, wozu es eine staatliche Schulpflicht braucht. Ayn Rand beschreibt enthusiastisch den Segen der individuellen Freiheit. Douglass North lehrt uns die Vorteile des Wettbewerbs kleiner Staaten. Der Schriftsteller Charles Dickens beschreibt in seinen Büchern den Fortschritt als Weg aus der Armut der Massen. Anthony Atkinson erklärt, wie der Staat den Reichen am sinnvollsten ihr Geld abnimmt. Rüdiger Dornbusch weiß, warum Währungen verrücktspielen. Und Ibn Khaldun seziert erschreckend genau, wie Staaten fett werden und untergehen.

Noch vor wenigen Jahren war die Ökonomie eine Wissenschaft, von der die Leute nicht viel erwarteten: höchstens Rezepte gegen die kleinen Widrigkeiten der Wirtschaft. Jetzt genügt das nicht mehr. Jetzt sollen Ökonomen die Welt der Wirtschaft neu ordnen – und die Menschen wollen verstehen, wo ihre Rezepte herkommen und wer sie weshalb erfunden hat. Die Idee ist relevant, aber genauso der Kontext, in dem sie geboren wurde. Wieso entwickelte gerade Keynes so viele Therapien der Weltwirtschaft, die heute wieder aktuell sind? Wieso hat gerade Hayek begriffen, welche Ineffizienzen der Sozialismus birgt? Welche Lebensumstände brachten Ayn Rand dazu, zur radikalsten Liberalen aller Zeiten zu werden?

Schade nur, dass die Ideengeschichte in der Wissenschaft immer noch als ein Verliererthema gilt. »Mit Dogmengeschichte kann man keine Karriere machen«, sagt etwa ein in Deutschland bekannter Professor hinter vorgehaltener Hand. »Deshalb beschäftigen sich damit nur Emeritierte.«

Die Ökonomie sah sich jahrzehntelang als Wissenschaft, die wie eine Naturwissenschaft Gesetze entdeckt und diese dann lehrt, höchstens noch versehen mit dem Namen des Entdeckers, aber losgelöst von dessen Leben und Geschichte. Den Studenten der Volkswirtschaftslehre wurde das Interesse an der Geschichte der Ideen bislang gezielt abtrainiert. Das kann man sehr schön in einer Untersuchung von David Colander, einem amerikanischen Forscher, nachlesen. Er befragte im Jahr 2004 amerikanische Ökonomiestudenten zu ihren Interessen. Im ersten Studienjahr war noch jeder Fünfte interessiert an der Geschichte ökonomischer Ideen, im zweiten Jahr nur noch jeder Sechste und im dritten Jahr und später nur noch jeder Dreiunddreißigste.

Man kann davon ausgehen, dass die meisten Menschen eher so ähnlich denken wie die Studenten im ersten Jahr. Sie wollen die Ideengeschichte der Wirtschaft kennenlernen und die Menschen, die dahinter stehen. Denn die Ökonomie ist keine Wissenschaft, die nur bestimmte Regelmäßigkeiten und ewige Gesetze findet. Nein, sie speist sich zuallererst aus Ideen. Guten Ideen, die die Welt verändern können, wenn sie zum rechten Zeitpunkt ausgesprochen werden.

Ja, der Titel »Die Weltverbesserer« dieses Buches ist ernst gemeint. Wir wollen hier zeigen, was Wirtschaftsdenker wirklich vermögen: die Welt erklären, nicht vorhersehen; alte Theorien auf den Kopf stellen, wenn die Wirklichkeit nicht mehr dazu passt; Therapien entwickeln für die oft hochkomplexen Probleme der Wirtschaft. Diese Ideen und Therapien sind keine Naturgesetze, sie stammen von Menschen, die sich etwas dabei gedacht haben. Und darüber sollte jeder etwas wissen. Nur wer die großen Denker kennt, kann die aktuelle Wirtschaftspolitik hinterfragen. Wie Keynes schrieb: »Die Männer der Tat, die sich frei wähnen von jeglichem intellektuellen Einfluss, sind für gewöhnlich Sklaven irgendeines längst verblichenen Ökonomen.«

Deshalb gibt es dieses Buch.

Lisa Nienhaus, 2015

JOHN MAYNARD KEYNES

Der Bezwinger der Weltwirtschaftskrisen

⁄ ⁄ John Maynard Keynes vertraute seinem eigenen Kopf mehr als der herrschenden Meinung. Das machte ihn zum mächtigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts.

Er ist vielleicht der größte Ökonom des 20. Jahrhunderts: John Maynard Keynes. Die Weltwirtschaftskrise war die Stunde seiner außergewöhnlichen Ideen. In einem Cambridger Diskussionskreis mit jungen Ökonomen entwickelte er die Gedanken, die er 1936 unter dem Titel »The General Theory of Employment, Interest and Money« veröffentlichte. Dieses Buch wurde das wohl wichtigste ökonomische Werk des 20. Jahrhunderts – und das mächtigste. Es veränderte die Wirtschaftspolitik in aller Welt.

Schon vor der Weltwirtschaftskrise war Keynes bekannt für starke Ansichten, die er gegen große Widerstände vertrat. Als Sohn eines Professors an der Universität Cambridge erhielt er die bestmögliche Erziehung in Eton und an der Universität Cambridge. Nach dem Studium der Philosophie, Mathematik und Ökonomie arbeitete er im India Office der britischen Regierung, dann im britischen Finanzministerium und kehrte später zum akademischen Leben zurück.

1919 war Keynes schon einflussreich genug, um Mitglied der britischen Delegation bei den Versailler Friedensverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg zu sein. Doch er trat von dieser Position zurück, weil er mit der restlichen Delegation uneins war. Er war sicher: Die Deutschland auferlegten Reparationszahlungen waren eine wirtschaftliche und politische Katastrophe. Seine Gedanken hierzu publizierte er in dem brillant geschriebenen Buch »The Economic Consequences of the Peace«. Es wurde ein Bestseller und machte Keynes insbesondere in Deutschland populär. Heute ist allgemein anerkannt, dass er mit seinen Bedenken richtig lag. Der Friedensschluss von Versailles war eine der wichtigsten Gründe für Hitlers Aufstieg und für den Zweiten Weltkrieg.

Auch danach blieb Keynes einer, der seinem eigenen Kopf mehr vertraute als der herrschenden Meinung. Winston Churchill führte 1926 als britischer Finanzminister den Vorkriegs-Goldstandard für das Pfund wieder ein. Keynes war darüber sehr verärgert und schrieb sein Pamphlet »The Economic Consequences of Mister Churchill«. Darin prognostizierte er für Großbritannien eine Periode der Deflation mit großer Not für die Arbeiterklasse. Die Ereignisse der Folgejahre sollten ihm recht geben. So musste fünf Jahre später auch der Goldstandard des Pfundes wieder aufgegeben werden.

In diesen Jahren gehörte Keynes der britischen Liberalen Partei an. In seinem Vortrag »Am I a Liberal?« plädiert er für einen Liberalismus, der sich von den alten Ideen des Laissez-faire, also von einer Wirtschaft an der langen Leine, verabschiedet und dem Staat eine ordnende Funktion zuweist.

Seine größte Zeit kam aber kurz darauf, in Folge der Weltwirtschaftskrise, die 1929 mit dem Schwarzen Donnerstag an der New Yorker Börse begann und sich in der ganzen Welt ausbreitete. Damals gab es eine hitzige Debatte über die Ökonomie. Denn die herrschende Theorie schien nicht mehr geeignet, die Welt der Wirtschaft zu erklären und sinnvolle Politikempfehlungen zu geben. Keynes’ »General Theory«, die 1936 erschien, markierte eine Wende, denn er schlug eine andere Art zu denken vor.

Zentral ist bei Keynes, dass er das traditionell angenommene Saysche Gesetz negiert. Dieses besagt, kurz gefasst: Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst. In der Wirtschaft insgesamt kann es demnach nicht weniger Nachfrage als Angebot geben und damit auch keine Arbeitslosigkeit. In der herkömmlichen Theorie ist es der Zins, der die Funktion hat, Gesamtangebot und Gesamtnachfrage nach Gütern zu jedem Zeitpunkt zur Deckung zu bringen. Er sorgt dafür, dass die Menschen nicht mehr Geld horten (sparen), als sie investieren.

Keynes glaubt, dass das nicht funktioniert. Denn das Geldsystem der Marktwirtschaft erlaubt keinen negativen Zins. Es kann aber sein, dass Angebot und Nachfrage erst bei einem negativen Zins zur Deckung kommen. Wenn nun selbst bei einem Zins von null das Gesamtangebot der Volkswirtschaft über der Gesamtnachfrage liegt, dann kann die Zentralbank noch so viel Geld anbieten, das Gleichgewicht der Wirtschaft kann sie nicht herstellen. Denn statt zu investieren, halten die Bürger Bargeld, weil andere, weniger liquide Anlagen auch keine höhere Rendite bieten als die Nullrendite des Bargeldes. Dies bezeichnete Keynes als eine Situation des »Liquidity Trap«, auf Deutsch »Liquiditätsfalle«. Das Perfide an dieser Falle: Es kommt zu Massenarbeitslosigkeit.

In genau solch einer Situation steckten Keynes zufolge viele Länder in der Weltwirtschaftskrise. Und genau solch eine Situation erkennen viele seiner Anhänger auch seit der Finanzkrise im Jahr 2008. Dass das plausibel ist, begründet Keynes anhand einer psychologischen Theorie des Investitionsverhaltens, bei der die Unsicherheit und Stimmungen eine große Rolle spielen. Daraus leitet er ab, dass eine für Vollbeschäftigung ausreichende private Investitionstätigkeit nur erreicht wird, wenn die »Animal Spirits« der Menschen nicht allzu düster sind.

Seine Politikempfehlung lautete: Der Staat solle in die Bresche springen und die Gesamtnachfrage stärken – durch schuldenfinanzierte Staatsausgaben. Dieser Gedanke revolutionierte die Politik. Es führte nach dem Zweiten Weltkrieg zum Konzept der staatlichen Globalsteuerung, das sich auf der ganzen Welt verbreitete.

In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts kam es allerdings zur Abkehr von dieser Idee. Denn die Praxis zeigte, dass die Globalsteuerung politisch immer dann versagte, wenn es darum ging, die staatliche Nachfrage zurückzufahren, also dann, wenn der Staat sparen sollte. Das war in der damaligen Zeit sinnvoll, um die überbordende Inflation zu bekämpfen. Angeführt von Milton Friedman, Friedrich August von Hayek und in Deutschland Herbert Giersch kam es zu einer antikeynesianischen Wende.

Seit der Großen Rezession im Jahre 2008 ist Keynes allerdings wieder zurück. Wohl auch wegen der großen Ähnlichkeit der Finanzkrise mit den Anfängen der Weltwirtschaftskrise. Was würde Keynes wohl heute tun, fragt man sich. Denkt man an die Austeritätspolitik in Europa, die trotz hoher Arbeitslosigkeit den Staat zum Sparen anleiten will, dann ist sicher, dass das Keynes nicht gefallen würde. Welchen Titel hätte er einem Buch gegeben, das diese Situation beschreiben würde. Vielleicht hieße es »The Economic Consequences of Mr. Schäuble«.

Carl Christian von Weizsäcker

GARY BECKER

Gegensätze ziehen sich an

⁄ ⁄ Wir heiraten aus Liebe, glauben wir. Stimmt nicht, sagt Ökonom Gary Becker. Die Wahl des Ehepartners ist für ihn ein rationales Kalkül. Und die Familie eine kleine Fabrik, in der Arbeitsteilung Vorteile bringt.

Warum heiraten Menschen überhaupt, warum heiraten sie in der Regel paarweise, und – nicht zuletzt – wie kommt jemand an den richtigen Partner? Mögen andere Menschen Gefühle für weltbewegend halten, Ökonomen glauben, dass nur eines unser Leben bestimmt: das Verhältnis von Nutzen und Kosten. Warum sollten Menschen, die ihr Auto oder ihren Arbeitsplatz nach rationalen Kriterien aussuchen, beim Partner fürs Leben nur das Herz entscheiden lassen?

Gary Becker war überzeugt, dass die Menschen den Ehepartner mit Vernunft wählen. Anfangs wurde der Wirtschaftsprofessor aus Chicago für seine Übertragung des ökonomischen Prinzips auf andere Lebensbereiche als »ökonomischer Imperialist« verunglimpft. 1992 aber erhielt Becker mit dem Nobelpreis höchste akademische Ehren, ausdrücklich für seine »Verdienste um die Ausdehnung der mikroökonomischen Theorie auf einen weiten Bereich menschlichen Verhaltens«.

Dabei hat Becker seine Ehe-Theorie mittags zusammen mit Studenten in der Mensa entwickelt, wie er einmal erzählt hat, und anschließend immer weiter ausgefeilt. Die Kernidee: Nicht Liebe, Zuneigung oder Vertrauen sind bei der Partnerwahl entscheidend, sondern eine Abwägung der Beteiligten, ob sie gemeinsam mehr Güter produzieren können als jeder für sich allein. Dabei kann es um so unterschiedliche Dinge gehen wie Essen, Prestige, Gesundheit oder Kinder. Wer heiratet, opfert Freizeit, Zeit und oft materielle Spielräume. Er verspricht sich davon aber mehr Lebensqualität, die dieses Opfer rechtfertigt.

Das rationale Kalkül vor einer Heirat geht deshalb wie folgt: Vorteile einer Heirat werden gegen Suchkosten abgewogen. Jemand wäre demnach bereit zu heiraten, wenn er es für unwahrscheinlich hält, durch eine weitere Suche einen Partner zu finden, mit dem er sich besserstellen könnte.

Das gilt natürlich auch für den jeweils anderen. Es wird daher zu einer Hochzeit kommen, wenn entweder einer glaubt, besonderes Glück bei der Suche gehabt, also gleichsam ein Schnäppchen gemacht zu haben – oder wenn sich zufällig zwei gefunden haben, die meinen, dass ihre Attraktivitätswerte im weitesten Sinne ausgeglichen sind.

Auch das Phänomen der Verbindung reicher Männer und schöner Frauen hielt Gary Becker durch seinen Ansatz für erklärbar: Geld und Aussehen sind komplementäre, also sich ergänzende Faktoren der Haushaltsproduktion – ihr gemeinsames Auftreten sichert ein Wohlfahrtsoptimum. Die Familie sieht Becker als eine Art kleine Fabrik an. Es wird deshalb zur Arbeitsteilung zwischen Haushalt und Erwerbsarbeit kommen, wenn die Spezialisierungsgewinne höher sind als die Erträge einer gemeinsamen Ausführung beider Tätigkeiten. Je ähnlicher dabei die Einkommen sind, die Männer und Frauen erwirtschaften, desto geringer sind die Spezialisierungsgewinne und umgekehrt.

Die Zahl der Kinder, die ein Paar bekommt, hängt nach Beckers Theorie von den Kosten und dem Nutzen des Großziehens von Kindern ab. Deshalb hätten Paare tendenziell weniger Kinder, wenn die Frau berufstätig sei und eine gutbezahlte Stelle habe.

In armen Ländern seien Investitionen in Kinder hingegen oft lebensnotwendig, weil nur die eigenen Nachfahren für die Altersvorsorge aufkommen. Die Einführung von Sozialversicherungen für Alter und Krankheit und die wachsenden Verwendungsmöglichkeiten für die Zeit wie Reisen minderten den Nutzen von Kindern – und erklärten den Geburtenrückgang in den reichen Ländern.

Ebenso lassen sich Paare nach Beckers Ansatz scheiden, wenn sie nicht länger davon überzeugt sind, dass sie besser dran sind, wenn sie verheiratet blieben. Auch das ist ein Kosten-Nutzen-Kalkül: Nimmt etwa der Reiz des Partners mit den Jahren ab, oder wird die Konkurrenz attraktiver, kommt es zur Scheidung. Dies gilt zumindest, wenn keine Regulierungen von außen den Wettbewerb stören. Strenge Scheidungsgesetze etwa oder religiöse Regeln, die eine Scheidung erschweren, teuer machen oder ausschließen. Becker widersprach damit der einst verbreiteten Auffassung, Scheidungen seien ein Nebenprodukt des Wohlstands. Die Scheidungsziffern sind Becker zufolge vielmehr dann gestiegen, als die Einkünfte der Frauen im Vergleich zu denen der Männer aufholten; der Vorteil für Frauen, verheiratet zu bleiben, sei kleiner geworden.

Bei der farbigen Bevölkerung in Amerika seien die Scheidungszahlen sogar noch höher als bei der weißen, schrieb Becker. Das liege daran, dass farbige Frauen auf dem Arbeitsmarkt in den Vereinigten Staaten besser dastünden als farbige Männer, bei denen die Arbeitslosigkeit höher und die Einkommen geringer seien.

Ein »Siegeszug des ökonomischen Paradigmas« in Standesämtern, Kirchen und Schlafzimmern? Immer wieder musste Becker für seine Theorien Spott einstecken. Der Princeton-Ökonom Alan S. Blinder etwa führte 1974 in einem Aufsatz für das »Journal of Political Economy« Beckers Theorie ad absurdum, indem er sie zur »Theorie des Zähneputzens« weiterentwickelte. Blinder, der im Gegensatz zum konservativ-liberalen Becker als eher linksliberal gilt, stellte ein künstlich aufgeblähtes mathematisches Modell vor, das sich mit der Optimierung der täglich auf das Zähneputzen verwendeten Zeit beschäftigt. Dabei ging er – Becker persiflierend – von der Annahme aus, dass das Einkommen einer Person eine von Arbeitszeit und Zahnhygiene abhängige Funktion sei.

Becker selbst verwies dagegen darauf, wenn er mit »nicht so intellektuellen« Menschen über seine Thesen spreche, finde er oft Bestätigung. Diesen erscheine die Absicht der Besserstellung durch Heirat oder Scheidung »ganz natürlich«. Der Ökonom, der im Mai 2014 gestorben ist, war selbst übrigens zum zweiten Mal verheiratet, allerdings verlor er seine erste Frau nicht durch Scheidung, sie starb.

Auch noch im hohen Alter forschte und lehrte Becker weiter an der University of Chicago. Außerdem baute er gemeinsam mit dem Juristen Richard Posner einen Online-Blog auf, in dem beide vor allem über wirtschaftspolitische Fragen diskutierten. Hin und wieder widmeten Becker und Posner sich auch der ökonomischen Theorie der Ehe: So sprach sich Becker dort gegen Steuervergünstigungen für Eheleute aus und bekam sogar Zustimmung von Posner. Als liberaler Ökonom meinte Becker, es sei die Pflicht des Staates, auf Eingriffe und lenkende Subventionen zu verzichten. Das gelte für Firmen und für Ehen.

Christian Siedenbiedel

FRIEDRICH LIST

Der Feuerkopf der Globalisierung

⁄ ⁄ Friedrich List kämpfte schon im 19. Jahrhundert dafür, Handelsschranken niederzureißen. Aber nur zwischen Nationen mit ähnlicher Leistungskraft. Armen Ländern gestand er Zölle zu. Die Debatte tobt bis heute.

»Et la Patrie, et l’Humanité.« Sowohl das Vaterland als auch die Menschheit stellte Friedrich List in den Mittelpunkt seiner Überlegungen, als er das französischsprachige Motto einer im Jahre 1838 in Paris verfassten Schrift für die Französische Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften voranstellte. Der Platz des Nationalstaates in einer sich internationalisierenden Wirtschaft ist eines der großen Themen dieses württembergischen Feuerkopfes gewesen, der 1789 in Reutlingen zur Welt kam und seinem Leben 1846 in Kufstein selbst ein Ende setzte.

In deutschsprachigen Geschichten des ökonomischen Denkens findet List noch immer seinen Platz, aber insgesamt scheint sein Name in den Vereinigten Staaten und in Schwellen- sowie Entwicklungsländern heute bekannter zu sein als in seinem Heimatland. »Freihandel ja, aber ...« lautet die bekannteste These aus seinem reichen Werk – eine These, die noch heute für viele Diskussionen sorgt.

List betrachtete Freihandel als eine grundsätzlich vorteilhafte Organisationsform internationalen Wirtschaftens. Als Deutschland nach den Napoleonischen Kriegen in fast 40 Staaten mit fast ebenso vielen Zollgrenzen unterteilt war, verfasste er ein Manifest zur Beseitigung dieser Handelsschranken.

Auch mit seinem Eintreten für Gewerbefreiheit, ein möglichst einfaches Steuersystem und einen effizienten Staat vertrat List liberale Perspektiven. Allerdings befürwortete List Freihandel nur zwischen Staaten mit einem vergleichbaren wirtschaftlichen Entwicklungsniveau. Da das im frühen 19. Jahrhundert fragmentierte Deutschland aus überwiegend agrarisch geprägten Staaten bestand, ließ sich für Deutschland die Abschaffung der Handelsgrenzen befürworten. Ganz anders sah es im Handel mit England aus, das als erste große Nation in die Industrialisierung eingetreten war und im Vergleich zu Deutschland wie zu den damals jungen Vereinigten Staaten von Amerika eine deutlich höhere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit besaß, die sich aus technischem Fortschritt erklärte. Länder auf einer niedrigeren wirtschaftlichen Entwicklungsstufe sollten nach Ansicht Lists das Recht haben, sich durch Handelsbeschränkungen gegen die Exporte aus dem fortgeschrittenen Land zu wehren, bis das zurückgebliebene Land den Vorsprung des Konkurrenten, zum Beispiel durch fleißiges Kopieren der ausländischen Innovationen, aufgeholt hatte.

Diese Idee des Schutzzolls oder Erziehungszolls verbindet sich bis heute mit dem Namen Friedrich Lists, obgleich sie bei früheren Autoren nachgewiesen werden kann. Anders als es die damals führende klassische Wirtschaftslehre britischer Autoren wie Adam Smith und David Ricardo postulierte, besaßen aus Lists Sicht nicht nur Individuen legitime Interessen, sondern auch Nationen.

List war zeitlebens ein Mann, der mit seinen Ideen lauthals hausieren ging. Er war ungeheuer fleißig und begeisterungsfähig bis zur Besessenheit, aber auch unbequem, halsstarrig und verletzend. Als junger Mann im Staatsdienst brachte er, der Reutlinger »Generalsyndikus der deutschen Zukunft« (Theodor Heuss), es ohne akademische Ausbildung kurzzeitig zum Professor an der Universität in Tübingen. Als Abgeordneter im Parlament in Stuttgart geriet er in Händel mit dem Königshaus, worauf er nach Zwischenstationen in Straßburg und in der Schweiz in die Vereinigten Staaten emigrierte. Dort vertrat er die Schutzzollidee und schrieb viel über Politische Ökonomie, was dazu führt, dass »Frederick List« unter Amerikas Ökonomen kein unbekannter Name ist.

In den Vereinigten Staaten entdeckte List aber auch eine andere große Leidenschaft: die Eisenbahn als junges Verkehrsmittel, die mit ihren Transportmöglichkeiten die Voraussetzung für wirtschaftlichen Wohlstand schuf. List ist als »Eisenbahnpionier« ebenso in die Geschichtsbücher eingegangen wie als Ökonom und als Befürworter eines politischen Nationalliberalismus.

Als List in seinen späten Jahren nach Europa zurückkehrte, bemühte er sich um eine Beschäftigung als Planer von Eisenbahnstrecken und Manager von Eisenbahnen. Lists Kompetenz wurde geschätzt, ihm aber nicht vergolten – der Württemberger scheiterte immer wieder wegen seiner komplizierten Persönlichkeit, aber auch an Vorbehalten des deutschen Adels gegenüber dem nunmehr amerikanischen Staatsbürger. Am Ende sah List, körperlich und seelisch erkrankt und von Armut bedroht, im Selbstmord den letzten Ausweg.

Die Idee des Schutzzolls ist bis heute populär – und umstritten. Anhänger finden sich in Schwellen- und Entwicklungsländern. Sie begründen mit der Idee den Wunsch nach Handelsbeschränkungen gegenüber den Industrienationen. Bei Widerständen aus den Industrienationen verweisen sie auf deren eigene Geschichte: Kurz vor dem Ersten Weltkrieg hatten auch damals wirtschaftlich weit entwickelte Nationen wie das Deutsche Reich zur Zollpolitik gegriffen. Generell aber sind die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Zeit der Liberalisierung des Welthandels gewesen; Zölle spielen heutzutage kaum noch eine Rolle.

Die Debatte, ob der Freihandelsgedanke einer Zähmung bedarf, ist niemals verstummt. Sie reicht heute weit über die Zollfrage Lists hinaus. Eine prominente Rolle in dieser Debatte spielt der aus der Türkei stammende Ökonom Dani Rodrik, der lange in Harvard lehrte und jetzt am Institute for Advanced Studies in Princeton arbeitet. Rodrik wirft nicht nur konkrete Fragen auf wie jene, ob eine finanzielle Globalisierung auch für Länder mit wenig entwickelten Banksystemen und Kapitalmärkten vorteilhaft sein muss, wenn diese massiven Zuströmen und Abflüssen ausländischen Kapitals ausgesetzt sind. Er geht das Thema auch grundsätzlich an.

In einem 2009 erschienenen Buch postuliert Rodrik, der sich als Marktwirtschaftler und nicht als linker Globalisierungsgegner versteht, ein »fundamentales politisches Trilemma« der Weltwirtschaft: »Wir können nicht gleichzeitig Demokratie, nationale Selbstbestimmung und wirtschaftliche Globalisierung betreiben. Wenn wir die Globalisierung weiterführen wollen, müssen wir entweder den Nationalstaat oder die demokratische Politik aufgeben. Wenn wir die Demokratie behalten und vertiefen wollen, müssen wir zwischen dem Nationalstaat und internationaler wirtschaftlicher Integration wählen. Und wenn wir den Nationalstaat und Selbstbestimmung bewahren wollen, müssen wir zwischen einer Vertiefung der Demokratie und einer Vertiefung der Globalisierung wählen.«

Gerald Braunberger

JOAN ROBINSON

Normale Zeiten gibt es nicht

⁄ ⁄ Ökonomen sollen das Leben erklären, sagt Joan Robinson. Ausbeutung und Arbeitslosigkeit waren die Themen der mächtigsten Frau in der Ökonomie.

Es gibt ein Zitat von Joan Robinson, das fast alles darüber sagt, was sie als ihre Lebensaufgabe ansah. »Ökonomie sollte man nicht mit dem Ziel studieren, eine Reihe von fertigen Antworten auf ökonomische Fragen zu erlangen«, schrieb sie 1978, »sondern um zu lernen, wie man es vermeidet, von Ökonomen getäuscht zu werden.« Zu dieser Zeit war Robinson 75 Jahre alt und jahrelang die einflussreichste und mächtigste Ökonomin der Welt gewesen, das Zentrum des Zirkels einflussreicher Ökonomen in Cambridge.

Das Zitat zeigt, welchen Eigenschaften sie ihren Erfolg zuallererst verdankt: einer steten Skepsis gegenüber geltenden Dogmen und dem Mut, sie laut in Frage zu stellen. Nein, schüchtern war Joan Robinson, Tochter eines britischen Generals, nicht. Sie war vielmehr bekannt dafür, ihre Meinung rigoros zu vertreten, auf eine fast schon unerbittliche, militärisch schneidige Art. Eine Meinung über Menschen bildete sie sich schnell, völlig unabhängig von deren Bedeutung. So musste sich ein berühmter amerikanischer Ökonom nach einem Vortrag bei ihr anhören, seine Gedanken seien schlicht »nicht interessant«, woraufhin Robinson in der »Buttery« verschwand, der Cafeteria, wo sie sich lieber mit Studenten unterhielt. Einige ihrer mittlerweile berühmten Studenten nennen sie hingegen eine »brillante Lehrerin«, die viele Studenten förderte, für die sie sehr zugänglich war.

Geboren 1903, war es ungewöhnlich, dass Joan Robinson überhaupt studierte. Jahrzehnte, bevor Frauen vollen Zugang zur Universität erhielten, lernte sie Ökonomie an einem College nur für Frauen, dem Girton College in Cambridge. Sie wusste kaum etwas über das Fach, aber sie hoffte, etwas darüber zu lernen, wie Armut entsteht.

Schnell erkannte sie jedoch, dass die noch junge Wissenschaft der Ökonomie so, wie sie damals in Cambridge im Sinne des schon emeritierten Professors Alfred Marshall gelehrt wurde, kaum etwas bot, um diese Frage zu beantworten. Ja, sie hatte sogar wenig mit dem wirklichen Leben zu tun, fand Robinson. Die Vorstellung, dass die Wirtschaft stets in Richtung eines statischen Gleichgewichts steuert, erschien ihr absurd. Denn einen Zustand der Normalität und des Gleichgewichts konnte sie in der Realität nicht beobachten. »So etwas wie eine normale Zeit in der Geschichte gibt es nicht«, schrieb sie später. »Normalität ist eine Fiktion der Ökonomie-Lehrbücher.«

Nach ihrem Abschluss 1925 heiratete sie den Studienkollegen Austin Robinson, ging mit ihm für zwei Jahre nach Indien, um nach Cambridge zurückzukehren, als Austin dort eine Anstellung bekam. Das Ehepaar war sofort Teil der akademischen Gemeinschaft, die sich rund um den 20 Jahre älteren John Maynard Keynes bildete, der damals sein berühmtestes Werk aber noch nicht geschrieben hatte.

Aber Robinson hatte auch eigene Ambitionen. Obwohl sie jahrzehntelang als Frau keine Professorenstelle erlangte, wollte sie nicht weniger als die Ökonomie revolutionieren. Zur Frauenbewegung hielt sie Distanz. »Männer sind nicht so schlimm«, pflegte sie zu sagen. Die Schwierigkeiten, Beruf und Familie zu kombinieren, kannte sie hingegen bestens. Zunächst verschob sie Kinderpläne wegen eines geplanten Buchs nach hinten, dann bekam sie schnell hintereinander zwei Töchter. In den fünf Jahren rund um deren Geburten schrieb sie drei Bücher.

1933 veröffentlichte sie ihr erstes Buch: »The Economics of Imperfect Competition«, und wurde damit sofort bekannt. Denn es revolutionierte die Vorstellungen über Wettbewerb und Preisbildung. Ökonomen lehrten damals gerne die vollständige Konkurrenz als Normalfall. Das ist eine Situation, in der viele kleine Firmen hart miteinander konkurrieren, was dazu führt, dass sie einen geringen oder gar keinen Gewinn machen. Neben diesem Marktmodell spielte nur noch das Monopol eine Rolle. Robinson fand das absurd, da es die vollständige Konkurrenz ihrer Meinung nach in der Wirklichkeit gar nicht gab. Vielmehr bestimmten damals wie heute in vielen Branchen große oder mittelgroße Konzerne das Geschehen, die nicht unbedingt Monopolisten waren, aber noch viel weniger dem Bild des kleinen Unternehmens unter vollständiger Konkurrenz entsprachen. Sie betrieben nach Robinsons Meinung Ausbeutung, um ihren Gewinn zu steigern.

In ihrem Buch entwickelte Robinson eine Theorie der unvollständigen Konkurrenz. Darin stellte sie fest: je größer eine Firma, desto größer ihre Möglichkeit und die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihren Gewinn auf zwei Arten erhöht: auf Kosten der eigenen Angestellten, denen sie weniger zahlt als unter vollständiger Konkurrenz, und auf Kosten der Konsumenten, denen sie höhere Preise abverlangt.

Robinsons politische Wertung dieses Verhaltens als Ausbeutung muss man nicht teilen. Aber man muss sich nur Konzerne wie Apple anschauen, um zu sehen, dass ihre Theorie die Wirklichkeit auch heute noch beschreibt. Dass Apple seine iPhones zu Billiglöhnen in China herstellen lassen kann, um sie im Westen zu sehr hohen Preisen zu verkaufen, verdankt der Konzern auch seiner Marktmacht und also der Abwesenheit von vollständiger Konkurrenz.

Obwohl Robinsons Werk eine Kritik an der herrschenden Theorie war, verwendete es doch die alten Analyseinstrumente, von denen die Autorin sich bald distanzierte. Sie betrachtete später andere Werke als ihre originären Schöpfungen. Keynes beeinflusste sie stark. Mit der Zeit erkannte sie allerdings auch Defizite. Vernachlässigt wurde auch von Keynes das wirkliche Leben, fand Robinson. Nämlich dass die Wirtschaft nicht statisch, sondern dynamisch ist. Deshalb erweiterte sie schließlich seine Theorie in die lange Frist.

Von den sechziger Jahren an – da war sie um die 60 Jahre alt – merkt man ihren Schriften allerdings an, dass sie grundsätzliche Zweifel bekam an ihrer Profession. Werden Ökonomen je das Leben erklären können? Sie glaubte nicht mehr daran. Zu wenig änderte sich, zu viele Dogmen blieben lebendig, zu mathematisch wurde es, was Robinson verachtete. »Weil ich nie Mathematik gelernt habe, musste ich denken«, sagte sie gerne.

Robinson führte den fehlenden Fortschritt auf intellektuelle Trägheit zurück. »In einem Fach, das sich nie auf ein Verfahren geeinigt hat, wie man Fehler beseitigt, haben alte Glaubenslehren ein langes Leben«, schrieb sie 1962. Ob Robinson begeistert davon gewesen wäre, dass die Welt im Zuge der Finanzkrise von 2008 ihren alten Lehrmeister Keynes wiederentdeckt hat? Vielleicht ein wenig. Doch sie forderte Neues – was diese Krise bislang nicht hervorgebracht hat.

Politisch rückte Robinson mit der Zeit immer weiter nach links. Sie schrieb ein Buch über Marx, bereiste die sozialistischen Länder. In ihren letzten Lebensjahren zu Zeiten des Kalten Krieges war sie fasziniert von Nordkorea und China. Viele sehen das als Grund dafür, wieso sie trotz ihres großen Einflusses den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften nie erhielt.

Lisa Nienhaus

ADAM SMITH

Der Segen des Egoismus

⁄ ⁄ Adam Smith hat als Erster den Wert des Ego-Kapitalismus erkannt: Der Eigenliebe des Bäckers ist es zu danken, dass wir satt werden.

Adam Smith gehört zu den Riesen der Volkswirtschaftslehre, auf deren Schultern die heutigen Ökonomen als dankbare Zwerge stehen. Dabei beschäftigte er sich erst spät mit ökonomischen Fragestellungen. Nach einer wissenschaftlichen Karriere als Professor für Logik und Moralphilosophie stellte er sein volkswirtschaftliches Opus Magnum »Der Wohlstand der Nationen – eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen« erst im Alter von 53 Jahren fertig.

Der Erfolg war schon damals groß, und er erwies sich als äußerst nachhaltig. In den fünf Büchern des »Wohlstands der Nationen« legt Smith die Basis für die Volkswirtschaftslehre als eigenständige Wissenschaft. Er beschreibt die Prinzipien der Arbeitsteilung, der Bestimmung von Löhnen und Preisen, Gewinnen und der Bodenrente. Er erklärt die Funktionen des Geldes und des Finanzsystems. Kritisch setzt er sich mit den damals üblichen Handelsschranken auseinander. Das fünfte Buch widmet sich den öffentlichen Einnahmen und Ausgaben sowie dem Problem der Staatsverschuldung.

Auch 237 Jahre nach seinem Erscheinen ist der »Wohlstand der Nationen« ein gut zu lesendes und in einigen Punkten nach wie vor hochaktuelles Buch. So setzt Smith sich intensiv mit der Angst vor der Globalisierung der Märkte auseinander, die damals so verbreitet war wie heute. Smith kommt dabei zu einem – zumindest für das 18. Jahrhundert – alles andere als selbstverständlichen Schluss: Der ungehinderte Austausch von Waren über die Landesgrenzen hinweg ist keine Gefahr für den Wohlstand der Nationen, sondern vielmehr eine entscheidende Quelle des Wohlstands.

Adam Smith leitet dies aus der Arbeitsteilung ab, deren Ergebnisse ihn beeindruckten. »Ein Arbeiter, der noch niemals Stecknadeln gemacht hat und auch nicht dazu angelernt ist (erst die Arbeitsteilung hat daraus ein selbständiges Gewerbe gemacht), so dass er auch mit den dazu eingesetzten Maschinen nicht vertraut ist (auch zu deren Erfindung hat die Arbeitsteilung vermutlich Anlass gegeben), könnte, selbst wenn er fleißig ist, täglich höchstens eine, sicherlich aber keine zwanzig Nadeln herstellen.«

Durch die Aufteilung der Herstellung auf 18 unterschiedliche Arbeitsvorgänge komme es zu einem unglaublichen Produktivitätsgewinn: »Ich selbst habe eine kleine Manufaktur dieser Art gesehen, in der nur zehn Leute beschäftigt waren, so dass einige von ihnen zwei oder drei solcher Arbeiten übernehmen mussten. Obwohl sie nun sehr arm und nur recht und schlecht mit dem benötigten Werkzeug ausgerüstet waren, waren die zehn Arbeiter imstande, täglich etwa 48 000 Nadeln herzustellen.«