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Nr. 2626

 

Suche im Sektor Null

 

Ronald Tekener auf Spurensuche – sie führt zum Forschungsraumer GEMMA FRISIUS

 

Michael Marcus Thurner

 

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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 1469 Neuer Galaktischer Zeitrechnung (NGZ) – das entspricht dem Jahr 5056 christlicher Zeitrechnung.

Seit dem dramatischen Verschwinden des Solsystems mit all seinen Bewohnern hat sich die Situation in der Milchstraße grundsätzlich verändert.

Die Region um das verschwundene Sonnensystem wurde zum Sektor Null ernannt und von Raumschiffen des Galaktikums abgeriegelt. Fieberhaft versuchen die Verantwortlichen der galaktischen Völker herauszufinden, was geschehen ist. Dass derzeit auch Perry Rhodan mitsamt der BASIS auf bislang unbekannte Weise »entführt« worden ist, verkompliziert die Sachlage zusätzlich.

Kein Wunder, dass in der Milchstraße an vielen Stellen große Unruhe herrscht. Mit dem Solsystem ist schließlich ein politischer und wirtschaftlicher Knotenpunkt der Menschheitsgalaxis entfallen – die langfristigen Auswirkungen werden bereits spürbar. Um eine politische Führung zu gewährleisten, wurde auf der Welt Maharani eine provisorische neue Regierung der Liga Freier Terraner gewählt.

Die Hoffnung, das Solsystem wiederzuentdecken, gibt aber niemand auf. Und so begibt sich der Zellaktivatorträger Ronald Tekener auf die SUCHE IM SEKTOR NULL ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Sichu Dorksteiger – Die Ator misst sich mit einem Unsterblichen ganz in Weiß.

Ronald Tekener – Der »Smiler« steht vor dem Nichts.

Mohanram Tivelani – Der Kommandant der GEMMA FRISIUS wird gefordert.

David Campese – Ein Nexialist versucht, unheimliche Vorgänge aufzuklären.

1.

Ronald Tekener,

13. Oktober 1469 NGZ

 

Ich muss ihnen etwas begreiflich machen. Ich muss ihnen zeigen, worum es wirklich geht.

Also befehle ich, sich im Ringwulst-Hangar 1 einzufinden. Fünfzig Wesen aus allen Teilen der JULES VERNE machen sich auf den Weg. Es dauert viel zu lange, bis der letzte meiner Gesprächspartner den Weg zum Versammlungsort findet.

Immerhin: Allesamt haben sie ihre Raumanzüge bei sich. Harman Ligwilan Braunell, Leiter der Abteilung Positroniken JV-1, nestelt nervös am Verschluss. Iris Shettle hilft ihm und redet beruhigend auf ihn ein. Der Hasproner ist unruhig, wie so oft. Er ist ein Mann des Wissens, eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Doch sobald er sich aus dem gewohnten Arbeits- und Lebensumfeld entfernen muss, entpuppt sich der Geistesriese als verklemmter, kleiner Mann.

»Was soll das alles?«, fragt die Frau. »Ich habe wichtigere Dinge zu tun, als die kahlen Wände eines Hangars anzustarren. Das hätten wir in jedem beliebigen Konferenzraum haben können.«

»Nur die Ruhe«, sage ich und lächle. »Du wolltest mich ohnehin sprechen.«

»Nicht hier. Nicht in aller Öffentlichkeit. Ich habe dich um ein Gespräch unter vier Augen gebeten.«

»Dann wirst du dich wohl noch ein wenig gedulden müssen.«

Ist sie beeindruckt von meinem Lächeln? Weiß sie, wofür ich stehe, wer und was ich wirklich bin?

Vermutlich. Wir haben bereits einige Unterhaltungen geführt – und sind bei einem ganz bestimmten Thema kräftig aneinandergeraten. Ich denke nur ungern an unsere Auseinandersetzungen zurück. Denn ich weiß, dass sie recht hat. Ich drücke mich vor einer Entscheidung. Weil ich Angst habe.

Sichu Dorksteiger mustert mich kühl. Ihr silbernes Haar ist wie immer zu einem Zopf zusammengefasst. Sie öffnet den Mund, will noch etwas sagen, schweigt dann aber. Die Ator belässt es dabei, mir einen letzten Blick von oben herab zuzuwerfen und sich dann mit einer Bewegung, die Grazie und Arroganz gleichermaßen ausdrückt, von mir abzuwenden.

Von oben herab ... Kein Wunder, verdammt! Sie ist sogar eine Handbreit größer als ich und kratzt damit an der Zweimetermarke.

Ich besinne mich meiner Aufgaben. Die Nervosität einiger Leute steckt die anderen an. Also hebe ich den Arm und räuspere mich. Augenblicklich gilt mir die Aufmerksamkeit aller Anwesenden.

»Wir gehen hinaus!«, sage ich.

»Wie bitte?!«, fragt Braunell irritiert.

Ja, ist er denn so dumm oder tut er bloß so? Was hat der Hasproner erwartet? Dass ich meine wichtigsten Mitarbeiter und Berater in ihren Raumanzügen an diesen Ort zitieren würde, um Gesellschaftsspielchen zu veranstalten?

»Hebt euch die Fragen und Beschwerden für später auf.« Ich hoffe, dass keine kommen werden. Was ich ihnen zeigen möchte, sollte für sich sprechen.

Ich bemühe mich, aus dem Klangteppich, der mich umgibt, die irritierten, gehässigen und verärgerten Untertöne auszufiltern. Ich muss wissen, wem meine ganz besondere Überzeugungskraft gelten muss.

Viele meiner Begleiter ahnen, was ich vorhabe. Und verstehen dennoch nicht, was der Zweck dieses kleinen Raumspaziergangs ist.

Blo Rakane und der Strukturpilot, Kempo Doll'Arym, bleiben still. Sie kennen den mitunter gewaltigen Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Zwischen dem, was man weiß, und dem, was man mit eigenen Augen zu sehen bekommt.

»Ausstieg in einer halben Minute.«

Verschlusssysteme klacken ineinander, die Raumanzüge unterziehen sich einer letzten Selbstüberprüfung. Ringsum ertönt das sattsam bekannte Geräusch der sich aufblähenden Schutzhelme. Dieses Zischen, das ich schon in- und auswendig kenne.

Wir treten vor zur kleinen Hangarschleuse. Blo Rakane duckt sich unter der Torfassung durch. Er muss sich fast immer und überall an Bord der JULES VERNE ducken. Dabei gilt er als besonders kleinwüchsiger Haluter ...

Das äußere Schleusentor öffnet sich, hinter uns verhindert ein Schirm das Entweichen wertvoller Atemluft. Wir werden nach draußen gerissen; Traktor- und Prallfelder sorgen dafür, dass wir nah beieinanderbleiben.

Jemand atmet rasch. Zu rasch. Ich habe die Gesundheitswerte aller meiner Begleiter auf einem winzigen, auf die Innenseite meines Helms gespiegelten Display. Mit mehrmaligem Zwinkern des linken Auges vergrößere ich die Darstellung jenes Personenschemas, das leicht beunruhigende Daten vermittelt: Es handelt sich um den Hasproner. Natürlich. Doch nur wenige Sekunden später messe ich eine Stabilisierung seines Metabolismus an. Die Medoeinheit seines Raumanzugs hat unterstützend eingegriffen.

Wir schweben und schweben. Immer weiter weg vom Hantelraumschiff. War anfänglich bloß eine Wand aus Metall zu sehen gewesen, zeigt sie sich bald als die Rundung des Ringwulstes, die dem viel größeren Kugelkörper der JV-1-Zelle weicht. Wir fallen nach »unten« weg. Schräg hinter dem an sich schon riesigen Raumer wird der Hantelteil sichtbar, an dem ein weiteres Kugelelement steckt.

Die Dimensionen verschwimmen, je weiter wir uns vom heimatlichen Schiff entfernen. Größe wird zum abstrakten Begriff. Ringsum ist Unendlichkeit. Scheinbar gefrorener Raum, der keine Zeit und keinerlei Bewegung kennt.

Doch das menschliche Auge trügt. Nur wenige Wesen wissen das besser als ich. Wir, die relativ Unsterblichen, haben über die Jahrtausende hinweg festgestellt, dass nichts in dieser Endlosigkeit wirklich endlos ist.

Der aus dem Hangardeck hervordringende Lichterschein wird zusehends schmaler. Diese beruhigende Verbindung zur JULES VERNE scheint gekappt.

Die Beherrschung des Lichts ist untrennbar mit der Verstandeswerdung des Menschen verbunden. Die Dunkelheit des Weltalls erschreckt uns, umso mehr, als die winzigen Pünktchen weit entfernt leuchtender Sterne uns unsere Bedeutungslosigkeit bewusst macht.

Ich schweife ab. Meine Gedanken beschäftigen sich mit Dingen, die momentan keinerlei Bedeutung haben dürfen.

Das Traktorfeld schiebt uns vorwärts. Es bringt uns in Position, Hunderte Kilometer von der JULES VERNE entfernt. Die Geschwindigkeit, mit der wir bewegt werden, ist atemberaubend. Doch wir bemerken nichts davon. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte zur Orientierung. Das Schiff ist längst zu einem Punkt von vielen zusammengeschrumpft.

Sichu Dorksteiger schwebt unmittelbar neben mir. Selbst hier wirkt sie groß.

Wie kann eine Frau in einem plump geformten Raumanzug bloß eine derartige Ausstrahlung haben?

»Jetzt sag uns endlich, was das soll!«, fordert Uturan Kook, Chefwissenschaftler der JULES VERNE, über Funk. Der Ärger in der Stimme des selbst für siganesische Verhältnisse ungewöhnlich klein geratenen Mannes ist unüberhörbar.

»Geduld. Wir sind gleich da.«

Letzte vom Schiff ausgehende Lichtreflexe verschwinden in der Bedeutungslosigkeit. Wir sind dort, wo ich uns haben wollte: im absoluten Nichts. Dort, wo alles gleich aussieht und alles gleich ist.

Das Traktorfeld bringt uns sanft zum Stillstand und schiebt uns enger zueinander, wie eine altertümliche Terraplaning-Bulldozerkette, die den Rodungsschutt zusammenschiebt.

Ich erlaube NEMO eine synchrone Steuerung unserer Anzüge. Gemeinsam blicken wir nun in dieselbe Richtung. Dorthin, wo es geschehen war. Dorthin, wo sich einstmals das Sonnensystem befunden hat.

Wir sind etwa zwei Lichtjahre von Terra entfernt. Ein hochauflösender Projektor produzierte virtuell jene Welt, auf der ich geboren wurde, in unsere unmittelbare Umgebung. Aufmerksam verfolge ich die Körperwerte meiner Begleiter. Ich sehe, wie Erregung sie erfasst. Mit diesem Anblick haben sie nicht gerechnet.

Die virtuelle Erde ist bald so groß, dass sie fast den gesamten Blickhorizont ausfüllt. Ich sehe Kontinente. Städte. Grüne, braune und blaue Flächen. Ich spüre Übelkeit, meine Knie zittern. Auch ich kann mich der Wirkung dieser Bilder kaum entziehen.

Das Feld suggeriert, dass Terra noch da wäre, wo es sein sollte. Aber es sind bloß Bilder aus der Vergangenheit. Ich nutze eine physikalische Gegebenheit, um unser aller Sinne zu betrügen. Die im Vergrößerungsfeld gezeigten Bilder sind vor mehr als zwei Jahren entstanden. Als das Solsystem noch an seinem Platz war.

Ich höre Menschen aufstöhnen, seufzen, ächzen. Sie wollen ihre Heimat nicht sehen, wollen sich abwenden. Es schmerzt zu sehr. Doch ich gewähre keine Gnade. Alle sollen sich ihrer Verpflichtung bewusst werden. Sie gehören einem erlauchten Kreis von besonders begabten Wissenschaftlern und Raumfahrern an, wie er nur selten zusammenfindet. Sie sind Hoffnungsträger von Milliarden Terrageborenen und Kolonisten, die das geheimnisvolle Verschwinden des Sonnensystems aufklären sollen.

Ich habe sie an diesen Ort im Nichts bringen lassen, weil sie bislang nicht zur Einheit zusammengefunden haben. Sie sind nicht auf das Ziel eingeschworen.

Also sollen sie nochmals sehen und erleben und fühlen, was am 5. September, vor etwas mehr als zwei Monaten, geschah. Und sie sollen es an diesem Ort sehen, erleben und fühlen. Inmitten der größten Bühne, einer Bühne aus Schwärze, Kälte, Einsamkeit und Erhabenheit.

Ich sende das nächste Signal an den Bordrechner der JULES VERNE. NEMO beginnt mit der Vorstellung. Übergangslos werden wir in ein Schauspiel von wahrhaft gewaltigen Dimensionen geworfen.

 

*

 

Ich lasse die passenden Daten auf die Helmdisplays spiegeln. Die Zuseher behalten indes die Darstellung Terras vor Augen. Niemand wagt es nun, seine Blicke abzuwenden.

Sichu Dorksteiger neben mir wirkt konzentriert. Ahnt sie, was in vielen von uns vorgeht? Was in mir vorgeht?

Weitere Projektionsflächen intensivieren das Schauspiel und versehen es mit noch mehr Realität. Die Systemgrenzen, die Oortsche Wolke und der hyperphysikalische »Wetterbericht« sind bedeutsame Parameter an diesem 5. September 1469 NGZ.

Eine dunkle, raue Stimme beginnt zu erzählen. Eine derartige Show mag kitschig wirken – doch sie verfehlt ihre Wirkung nicht.

»Um 13.52 Uhr Terrania-Standardzeit tritt erstmals ein Phänomen auf, das die Wissenschaftler im Solsystem als Gravospaltung definieren«, sagt der Erzähler. »Die Solare Residenz sackt um einige Meter ab, obwohl sämtliche Antigrav- und Prallfeldprojektoren zu diesem Zeitpunkt einwandfrei funktionieren.«

Ein Bild entsteht. Monumental groß. Irgendwann, in Jahrmillionen, wird das Licht dieses Schauspiels womöglich einmal von Intelligenzen eingefangen werden und sich jeglicher Deutung entziehen. Was für eine seltsame Vorstellung ...

»Nicht nur in der Solaren Residenz tritt eine derartige Störung auf. An vielen Stellen im Solsystem geschehen unerklärliche Dinge. Meldungen treffen ein, dass es in näherer galaktischer Umgebung zu Raumbeben von geringer Stärke gekommen sein soll, wie auch der Hypersturm unweit des Antares-Riffs erhöhte Aktivität zeigt.«

Die meisten Beobachter des Schauspiels rücken näher zusammen. Instinktiv suchen sie die Nähe von ihresgleichen. Einzig Blo Rakane bleibt außen vor. Der weiße Haluter hält sich abseits. Er verfolgt nicht nur meine Vorstellung – sondern er achtet auch auf uns.

»Das Epizentrum des Hypersturms nahe des Antares-Riffs befindet sich bloß 172 Lichtjahre von der Erde entfernt. Raumschiffkapitäne und -besatzungen fürchten die Unberechenbarkeit des immer wieder auffrischenden Sturms. Er bewirkt mitunter extreme Verzerrungen der Raum-Zeit-Struktur und löst absonderliche Phänomene höherdimensionaler Herkunft aus, die Technik wie Raumfahrt beeinflussen. Wissenschaftler sind sich uneinig, ob dieser Hypersturm für die Gravospaltungen verantwortlich ist. Auch NATHAN vermag kein endgültiges Urteil abzugeben.«

Der geliebte Heimatplanet dreht sich allmählich weiter. Erste Sonnenstrahlen tauchen die Ostküste Nordamerikas in Licht, breite Wolkenwirbel ziehen davor auf. Es wirkt alles so grausam real! Mir ist, als bräuchte ich meinem Raumanzug bloß einen Kursbefehl zu geben, um binnen weniger Stunden auf die Erde zurückzugelangen.

»Ab 16.23 Uhr werden erneut Phänomene der Gravospaltung angemessen; diesmal nicht mehr lokal begrenzt, sondern rings um den Globus.« Die Stimme klingt nun höher. Aufgeregter. »Um 17.26 Uhr erschüttert ein kräftiges Raumbeben das Solsystem. Perry Rhodans Versuch, den Transferkamin vom Polyport-Hof GALILEO zum Handelsstern JERGALL zu nutzen, scheitert.«

Pause.

»Um 18.31 Uhr verschwindet das Solsystem.«

In diesem einzigen Satz ist unser gesamtes Unglück verpackt. Ich blinzle. Ich blinzle die Tränen weg.

Die Darstellung der Erde erlöscht, das künstlich projizierte Licht Sols ebenso. Rings um mich zucken Terraner zusammen. Ich auch, obwohl ich auf diesen Augenblick vorbereitet gewesen bin. Wir schweben nun wieder inmitten von Schwärze.

Ich fürchte mich. Ich möchte zurück zur JULES VERNE.

 

*

 

Ich fange mich schnell wieder. Reden hilft. Der Klang einer vertrauten Stimme – und mag es auch die eigene sein – vertreibt die Angst.

»Rings um das Solsystem, in einer Entfernung von etwa einem Lichtjahr, kam es kurz davor zu Raumverzerrungen«, sage ich und lasse die dazu passenden Bilder von NEMO erzeugen. »Die Verzerrungen verdichteten sich in relativ kurzer Zeit. Sie drifteten nach innen, vereinigten sich, bildeten eine violett pulsierende Energieblase, die das Solsystem in jeglicher Hinsicht abschottete.« Meine Stimme hört sich schwach an. Bemerken es die anderen? »Die Blase pulsierte heftiger und implodierte schließlich mit vielfacher Überlichtgeschwindigkeit.«

Ich lasse ihnen zeigen, wie es geschieht. Immer wieder. Die realen Bilder werden durch solche ersetzt, die ich habe vorbereiten lassen. Violette Lichtblasen, die pulsieren, sich vereinigen, das heimische Sonnensystem einhüllen, es mit grellen Schlieren überziehen. Eine Art Kontraktion passiert. Dann ist nichts mehr. Nur Schwärze, begrenzt von der als Hauch erkennbaren Oortschen Wolke. Sie ist wie ein Gazetuch, das sich um die Dunkelheit gelegt hat.

Ich höre zwei Frauen schluchzen. Atemzüge kommen viel zu rasch, viel zu heftig. Ein Mann flucht, ein anderer summt eine einfache Melodie, wie, um sich von den Bildern abzulenken.

Es ist genug. Ich befehle NEMO, die Vorstellung zu beenden. Ich denke, dass nun jeder verinnerlicht hat, worum es geht. Wir treiben zurück zur JULES VERNE.

Niemand spricht ein Wort.

2.

GEMMA FRISIUS,

2. September 1469 NGZ

 

Blütenblatt 37 liegt auf der Lauer. Es wartet. Geduldig. Wie immer.

Die Opferkriterien sind vorgegeben. Blütenblatt 37 hat alle Parameter einer möglichen Beute verinnerlicht. Sie betreffen ein Mindestmaß an Größe, ein bestimmtes Level an Energieproduktion sowie einen allgemeinen Stand der Technik, der sich wiederum aus einer Vielzahl von Faktoren berechnen und beurteilen lässt. Und das Opfer muss allein sein.

Erst wenn all diese Merkmale erkannt und durch Prüfmechanismen bestätigt werden, handelt Blütenblatt 37. Erst dann werden die notwendigen Handlungen gesetzt. Erst dann wird es sich aus einer Kugelform heraus entfalten, im wahrsten Sinne des Wortes.

Blütenblatt 37 wartet geduldig.

 

*

 

Die Oktirische Fliegenfalle bewegte sich mit einer Anmut, die David Campese immer wieder aufs Neue faszinierte. Ihre fein verästelten Blätter imitierten jede Bewegung, jede Drehung, jeden Schwung seiner Hand mit einer Verzögerung von zwei bis drei Sekunden.

Die fleischfressende Pflanze lockte ihre Opfer in ihr Reich, indem sie deren Neugierde ausnutzte. Kaum ein Tier auf Oktirus konnte den Suggestionen der Fliegenfalle widerstehen, zumal sie auch mit Duftstoffen und Schillereffekten auf den Blattoberflächen zu arbeiten wusste.

Ihre Vormachtstellung auf dem merkurgroßen Planeten, den die Besatzung der GEMMA FRISIUS vor gerade mal sechs Monaten entdeckt und vermessen hatte, stand exemplarisch für all das Unbekannte, das die raumfahrenden Wesen der Milchstraße zu entdecken und zu erforschen trachteten. Blues, Arkoniden, Menschen, Haluter – wie auch immer sie hießen: Sie kannten trotz Vermessungstätigkeiten, die zum Teil mehr als zehntausend Jahre in die Vergangenheit reichten, ihre Nachbarn viel zu wenig – oder hatten längst vergessen, was sie einst erforscht hatten. Sie, gleichermaßen Konkurrenten und Partner, suchten stets nach den großen Auffälligkeiten. Nach Welten, die eine Kolonisierung erlaubten. Oder nach Planeten, die reich an wertvollen, ungewöhnlichen Rohstoffen waren.

Selten genug sahen sie in den Nischen, Spalten und Ritzen dieser so vielfältig gestalteten Sterneninsel nach. Viele Sternenballungen waren ihnen nicht als wichtig genug erschienen.

»Lass das Grünzeug endlich in Ruhe, David!«, mahnte ihn Mohanram Tivelani. »Vor uns liegt ein neues Ziel. Eine neue Aufgabe. Eine neue Herausforderung.«

»Selbstverständlich, Kommandant.« David steckte beide Hände langsam in die Hosentaschen. Die Oktirische Fliegenfalle ließ den Fresskopf ebenso bedächtig vornübersinken. Ein wenig Blütensaft drang aus der nahezu geschlossenen Nahrungsklappe und tropfte auf den Boden des reichlich gedüngten Biotops, das unter einer schützenden Glaskugel verborgen war.

David Campese verließ den ihm überantworteten Wissenschaftsbereich der Schiffszentrale und setzte sich neben Mohanram Tivelani in den Stuhl des Stellvertretenden Kommandanten. So, wie es von ihm erwartet wurde und es mittlerweile Tradition war.

»Ankunft Zielgebiet dreißig Minuten«, meldete Paro Dusenstein, der ertrusische Pilot in der ihm eigenen Arbeitssprache. »Beendigung Linearraumflug gemäß Vorgaben.«

»Wie sieht's mit der Negativbeschleunigung aus?«

»Manöver ist vorbereitet.«

Towa Ormaject, die Leiterin der Abteilung Funk und Ortung und in ihrer Weitschweifigkeit das genaue Gegenteil zum Piloten, meldete sich zu Wort: »Es sieht alles so weit gut aus. Wir können mit der guten alten GEMMA FRISIUS zufrieden sein.«

Mohanram Tivelani verzog das Gesicht. Er und die Orterin konnten einander nicht ausstehen.

David Campese fragte sich nicht zum ersten Mal, wann die Spannungen zwischen den beiden Offizieren ein Ventil finden würden. Die Psychotherapeuten an Bord hatten längst Alarm geschrien und eine Versetzung der Ortungschefin befürwortet. Doch die Frau weigerte sich. Aus gutem Grund: Sie tat einige Monate länger Dienst an Bord der GEMMA FRISIUS als der Kommandant und hatte sich als überaus kompetente Leiterin ihrer Abteilung erwiesen. Ihr Verhalten hatte sich erst geändert, als Tivelani das Schiff betreten und einen neuen Führungsstil gezeigt hatte.

»Gibt es Funkkontakt zur TYCHO BRAHE oder zur NICOLAUS REIMERS?«

»Nein, Herr Kommandant.«

Wieder eine dieser kleinen, völlig unnötigen Spitzen.

Tivelani gab sich ungerührt. »Wie sieht es im Zielgebiet aus?«

»Habe ich das nicht schon klar und deutlich dargelegt, Herr Kommandant? –