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Elfenzeit
Band 2

Michael Marcus Thurner

Königin
des Schattenlandes

1 Gofannon
Ein unwiderstehliches Angebot

Gwynbaen erhob sich. Schwerer Stoff, von Seidenelfchen über Jahrhunderte hinweg gesponnen, gewebt und genäht, raschelte leise über den Boden. Sie ging ans Thronfenster und öffnete es einen Spaltbreit. Trübe Lichtstrahlen, die nicht von der hinter Nebelschwaden verhangenen Sonne stammten, verfingen sich in den Blutsteinen ihres Diadems. Reflexionen leuchteten den Thronsaal stellenweise aus. Kleiespinnen und kleine Saturinengeister zogen sich vor den unerwarteten Störenfrieden zurück und gingen woanders ihren dunklen Beschäftigungen nach.

»Du verehrst mich seit Jahrhunderten«, sagte die Königin plötzlich. »Du tust es still und leise. Ohne jemals gewisse ... Grenzen zu überschreiten.« Sie lächelte Gofannon spöttisch an. »Galanterie ist eine Tugend, die ganz und gar nicht zu deinem Charakter passt.«

»Selbst ein Gott, dessen Bestimmung es ist, seinen Untertanen Schmerz und Leid zu bringen, unterliegt gewissen Naturgesetzen. Nicht allen – aber immerhin ein paar.«

»Du bezeichnest die Liebe als Naturgesetz? Und das sagst du mir – einer Königin der Elfen?«

»Auch wenn Ihr als Elfin nicht daran glauben wollt, weil Ihr keine Seele habt – es steckt etwas in Euch, was ich hervorkitzeln könnte.«

»Du wirst unverschämt!« Das Feuer der Blutsteine in ihrem Haar strahlte mit einem heller, lichter. Und schmerzhafter.

Gofannon verbeugte sich erneut. »Eure Worte und Eure Offenheit haben mich verwirrt. Verzeiht mir bitte.«

Er fühlte Angst. War er zu weit gegangen? Würde sie ihn vom Hof jagen, ihn für immer von hier verbannen? Hatte sie ihn gerufen, um ihm das zu sagen?

Immerhin war er ein Gott – zumindest für manche Wesen in anderen Weltenkreisen.

Eine Schar von Zwergen gehörte zu seinen gelehrigen Dienern. Sie würden eines Tages alle Geheimnisse des Schmiedehandwerks in ihre heimatlichen Erdlöcher zurücktragen und von dort aus die Geschicke ihres Volkes verändern.

Den zweigedanklichen Sums war er Vater und Mutter zugleich. Er würde ihr spiritualistischer Mentor sein, bis sie sich ausgerottet hatten, gemäß ihrer selbst auferlegten Bestimmung. Er fand großes Vergnügen daran, ihnen bei diesem Vorhaben behilflich zu sein.

Den Namenlosen brachte er bei, wie sie sich an ihren Unterdrückern aus dem Reich der Swynks würden rächen können. Danach würden sie für alle Zeiten in der Verdammnis ihres strengen Glaubens büßen.

Und die Menschen? – Nun, sie brachten ihm Feueropfer dar und beteten ihn in Demut an. Auch wenn Gofannon an diesen erbärmlich schwachen Wesen am allerwenigsten lag, so schätzte er doch ihre treue Ergebenheit, die seit langer Zeit anhielt.

»Du bist ein Tagträumer«, unterbrach die Königin seine Gedanken. Sie hatte zur inneren Ruhe zurückgefunden und ging nicht mehr auf seine beleidigenden Worte ein.

»Verzeiht mir meine Unaufmerksamkeit, Gwynbaen.« Er trat aus dem Halbschatten des Vorhofs und beugte sein Haupt. So tief, dass er den steinernen Boden berührte. Er fühlte sich warm an.

»Lass es gut sein und setz dich zu mir, Gofannon.«

Sie winkte ihn heran.

Er erhob sich, stieg die Stufen zum Heiligsten hinauf und ließ sich zögernd auf dem holzgeschnitzten Thron nieder, der den Gerüchten nach seit Jahrhunderten für den ungeborenen Sohn der Königin reserviert war.

»Krieg ist etwas Fürchterliches«, sagte Gwynbaen. »Er bringt nicht nur Vernichtung und Elend – er streicht die Toten darüber hinaus aus der Erinnerung der Überlebenden.« Tränen rannen aus ihren Augen. Sie zogen schmale Linien über die blassen Wangen der Frau und fielen schließlich in ihren Schoß, wo sie klirrend zerbarsten. »Unzählige Wesen geraten in den Strudel des Vergessens. Sie werden niemals wieder genannt werden und damit aus dem Gedächtnis aller Lebenden gestrichen.«

Sie blickte ihn an; so tief, so sorgenvoll war ihr Blick, dass es schmerzte. »Erinnerst du dich etwa noch an die Sechs Katagryphen, die über meinem Thron schwebten und für mich bei der Schlacht von Farwynn in den Tod gingen? Oder an Locas, die Gliedlose, die sich aus der Zeit vor der Zeit herübergerettet hatte? Ihre Gesänge versetzten die Elfen in nie gekannte Ekstase ... Oder denkst du noch an das Volk der Onoigh, deren Väter es aus Algenfasern und dem Schweiß, den sie bei ihren Tänzen absonderten, geformt hatten? – Treue Diener waren sie alle. Und heute ...« Die Königin Gwynbaen schwieg und schüttelte langsam, traurig den Kopf.

Gofannon dachte nach. Er suchte nach Erinnerungen, die sich wie zarte Gespinste irgendwo in seinem alten, müden Kopf abgelagert hatten. Er kratzte an ihnen, versuchte tiefer in sie vorzudringen.

Vergeblich.

Nur noch Schatten waren geblieben. Namen. Zusammenhanglose Bilder, die keinen Sinn mehr ergaben.

Und er befürchtete, dass es noch mehr gewesen waren, die einstmals die Hallen der Königin bevölkert und für kunterbuntes Treiben gesorgt hatten. Grüppchen aus allen Weltenläufen, Delegationen aus fernen Reichen – und oftmals auch die Letzten ihrer Art. Gwynbaen hatte ihnen Zuflucht geboten, hatte mit ihnen getanzt und sich amüsiert. Früher einmal, im Baumreich Crain ...

Doch das waren andere Zeiten gewesen. Damals hatten Buntheit und Freude und Lustbarkeiten den Tageslauf bestimmt. Heute beherrschte Krieg die endlosen Tage im Reich Crain.

»Sobald ich sie vergessen habe«, führte Gwynbaen ihren Gedanken zu Ende, »sind meine toten Freunde für immer und ewig verloren. Die Erinnerung an sie wird endgültig aus den Köpfen aller Wesen gestrichen sein.«

Die Königin seufzte. Glockenhell war ihre Stimme. Sanft und von tiefer Traurigkeit. »Wir müssen die Tatsachen akzeptieren, treuer Gofannon: Wir verlieren nicht nur die Schlachten, sondern auch den Krieg. Fanmórs Truppen rücken immer weiter vor, zerschlagen unsere Verteidigungslinien, brechen den Widerstand meiner letzten Verbündeten. Es ist bloß noch eine Frage der Zeit, bis sie dies alles hier ...« Sie machte eine weit ausladende Bewegung über den prächtigen Thronsaal. »... einnehmen und mit ihren schmutzigen Fingern entweihen.«

Ihr Gesicht, ätherisch blass und wunderschön, wie aus einem glänzenden Kristall gehauen, wurde zur Grimasse. Tiefe und breite Falten zeigten für einen Moment ihr wahres Alter.

»Du bist mir immer wieder ein spannender Unterhalter«, sagte sie. »Deine Ideen sind so herrlich erfrischend.«

Er hob den Blick und sah dieses wunderschöne, herzlose Geschöpf an. Beherrscht und von wahrlich königlicher Erhabenheit erfüllt, stand sie da: eine Verlockung, die ihn unbarmherzig in ihren Bann zog. Sie reizte und verführte ihn mit kleinen Gesten, spielte mit seinen ungeordneten Gefühlen. Jede einzelne ihrer Bewegungen war Mittel zum Zweck, das wusste er. Nichts, was sie tat, geschah unwillentlich. Auch nicht das leichte Aneinanderreiben ihrer Oberschenkel, das er dank seines feinen Gehörs nur allzu gut wahrnahm.

»Warum habt Ihr mich hergebeten, teure Königin?« fragte er mühsam beherrscht. »Etwa, um mich wegen meines Leids zu verspotten? Um mir die Sinnlosigkeit meines Tuns unter die Nase zu reiben?« Gofannon atmete tief durch. »Oder um mich im Angesicht der drohenden Niederlage zu bitten, weitere Teile meiner Völker in den Kampf zu schicken? Ich werde es tun, wenn Ihr darauf besteht ...«

»Der Krieg ist verloren«, wiederholte Gwynbaen. »Ich werde Fanmór meine Niederlage eingestehen und mich seinem Urteil unterwerfen müssen. Außer ...«

»Ja?«

»Außer es gelingt mir, ihn zu überlisten.«

»Ich verstehe. Und Ihr dachtet dabei an mich.« Sie wollte ihn in der Tat ausnutzen, wie schon so oft.

Die Königin verließ den Platz am Thronfenster und ging mit leisen Schritten zu einem der halbmannsgroßen Schatzsteine. Dreimal klopfte sie darauf. Mehrere juwelenbesetzte Ringe an ihrer Rechten sprühten Feuer. Grollend schob sich die Abdeckung des Steins beiseite. Erschreckend grelles Licht quoll hervor und badete das Gesicht der Königin.

Gofannon konnte nicht sehen, was sich im Schatzstein verbarg, und es interessierte ihn herzlich wenig. Niemals hatte er auch nur einen Augenblick darauf verwendet, die Geheimnisse des Kampfschlosses zu lüften. Ihn kümmerte allein der größte Schatz, den es zu heben gab. Die Königin.

Gwynbaen wühlte eine Zeit lang herum, bis sie schließlich mit zufriedenem Gesichtsausdruck ein kleines Holzetui ans Tageslicht brachte. Sie hielt es gestreckt von sich. Der Deckstein des Verstecks glitt daraufhin wie von selbst zurück in die plumpe Fassung, das unheimliche Licht erlosch.

»Es ist lange her, seit ich diese ... Dinge in meinen Händen hielt«, sagte sie, während sie die Schatulle öffnete. »Sie wurden von mächtigen Wesen erzeugt, die schon lange den Weg in die Dunkelheit angetreten haben.« Besorgnis trat in ihr Gesicht. »Man sagte mir, dass sie wiederkommen würden, wenn man ihre Hinterlassenschaften zu oft einsetzte.«

»Ich kann nichts sehen.« Gofannon kniff die Augen zusammen. Da war nichts. Lediglich ein silberner Schimmer hatte sich über die Hände der Königin gelegt.

»Das ist der Woyn«, sagte Gwynbaen. »Gewonnen aus dem Sud einer Million Flüchen aus dem Menschenreich und an einem unbekannten Ort mit unbekannten Mitteln zu diesem Gespinst gewoben.« Sie zog das schimmernde Nichts auseinander. »Der Woyn ist ein spinnenähnliches Netz, in dessen Fasern Morpheussand eingestreut wurde. Wirf ihn über dein Opfer – und es wird augenblicklich einschlafen.«

Gofannon fühlte die besondere Wirkung, die von dem Gespinst ausging. Er war froh, als die Königin es vorsichtig in die Holzschatulle zurücklegte. »Ich sehe nicht, was ich mit dem Woyn anfangen könnte.«

»Alleine ist er wertlos«, sagte Gwynbaen mit einem bösen Lächeln, »aber er bekommt seinen Sinn, wenn du diesen Mantel überstreifst.« Sie nahm ein Nichts von ihrem ausgestreckten Arm und hielt es hoch.

»Wiederum kann ich nichts erkennen, meine Königin.«

Sie stockte und setzte mehrmals zum Reden an, bevor sie die Worte hervorbrachte: »Dies ist der Mantel des Vergessens.«

Biá! Jenes Stück Stoff, dessen Herkunft ebenso von Legenden umwoben war wie die Umstände, unter denen es aus König Fanmórs Gemächern gestohlen worden war.

Nun, da er sich darauf konzentrierte, konnte Gofannon die leichte Wellenkräuselung erkennen, die Biá warf. Man sagte, dass auf seiner Oberfläche Wasser ruhte, welches spiegelnd die Umgebung wiedergab. Nicht starr wie einer der in der Anderswelt verbotenen Glasspiegel, welche die Menschen verwendeten. Das eingesponnene Wasser floss mit seinem Träger mit und verbarg ihn vor den Augen aller. Darüber hinaus war es gegen elfische Zaubermacht immun.

»Ihr habt Biá gestohlen!«, sagte Gofannon.

»Das stimmt nicht!«, widersprach die Königin mit ungewohnter Heftigkeit. »Fanmór hat mir den Mantel des Vergessens für eine ... Gefälligkeit gegeben. Nur würde er es niemals zugeben, der alte Tattergreis.« Sie beruhigte sich rasch wieder, kam näher und legte ihm den Stoff vorsichtig über den Arm.

Er fühlte sich kalt und feucht an und war unerwartet leicht. Gofannon schloss die Augen. Er fühlte den Hauch dunkler, böser Gedanken, die in Biá steckten. Die Stimmen flüsterten ihm seltsame Dinge in alten Sprachen zu. Dinge, die er lieber nicht gehört hätte.

»Was erwartet Ihr also, dass ich tun soll, meine Königin?«

»Wir wollen zuerst über deine Belohnung sprechen.« Gwynbaen war nun ganz nahe. Sie benetzte die Lippen mit ihrer Zunge und atmete tief durch. Er roch ihren betörenden Atem, konnte die Hitze ihres Körpers spüren. Mit einer fahrigen Bewegung strich sie eine Locke ihres roten Haares aus der Stirn. Das Lächeln, das sie ihm schenkte, war das eines hungrigen Raubtiers. Sie rückte noch ein Stückchen näher und hauchte ihm ins Ohr: »Elfen können nicht lieben – aber sie schenken Leidenschaft jenseits jeglicher Vorstellung. Ihrer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, musst du wissen.«

Aus dem Mund jeder anderen Frau wären diese Worte billig gewesen. Hundertfach hatte er bereits Angebote wie dieses erhalten. Viele hatte er abgelehnt, manche angenommen. Doch hier und jetzt gab es kein Zögern. Sein Traum, sein sehnlichster Wunsch schien wahr zu werden.

Gofannon räusperte sich und bemühte sich, das letzte Restchen Würde aufrechtzuerhalten, das er in sich spürte. »Was soll ich also tun?«, fragte er heiser.

»Du legst dir Biá über deine Schultern«, antwortete Gwynbaen und biss ihn zärtlich ins Ohrläppchen. »Du marschierst ins Lager Fanmórs, wirfst ihm den Woyn über, sodass er einschläft. Dann tötest du ihn mit deiner Waffe und kehrst zu mir zurück, um deine Belohnung abzuholen.«

Die Hände der Königin tasteten über seinen Leib, glitten tiefer und tiefer. Gofannons Knie wurden weich, seine Hände schwitzten.

»Ich bringe Euch seinen Kopf auf einem Tablett«, sagte er.

2 Nadja und Robert
Ankunft

Du kannst jetzt meinen Arm loslassen und dich losschnallen, Robert.«

»Bist du dir absolut sicher, dass wir gelandet sind?«

»Mach endlich deine Augen auf, verdammt noch mal! Vier nervöse Flugbegleiter warten darauf, endlich nach Hause gehen zu dürfen, können es aber nicht. Und der Grund für die Verzögerung bist du

»Du klingst ein wenig gereizt, Nadja.« Robert öffnete das linke Auge einen Spaltbreit und blickte sie an.

»Aber nicht doch! Das taube Gefühl in meinem rechten Unterarm macht mir überhaupt nichts aus; auch nicht, dass du mir mit deinem Angstschweiß die neue Bluse vollgetröpfelt hast. Und erst recht nicht, dass du deinen ersten von vier Whiskys während des Steigflugs über mich gekleckert hast.« Ihre Stimme, bis jetzt sanft, gewann an Schärfe. »Aber wenn ich nicht augenblicklich aufstehen kann, werde ich wohl oder übel den Sitz anpinkeln.«

Unter Mühen brachte es Robert fertig, die Hand von Nadja zu lösen und die Augen endgültig zu öffnen. Er atmete mehrmals tief durch, vertrieb die Ängste in seinem Inneren. Geräusche, Bilder, Gerüche – ein wildes Durcheinander seltsamster Sinneseindrücke machte der Wirklichkeit Platz.

»Du hast keine Ahnung, wie schlimm diese Flugangst ist«, murmelte er. »Ich verstehe nicht, wie ich mich von dir habe überreden lassen, gleich nach den Ereignissen in Paris wieder einen Auftrag anzunehmen und eineinhalb Stunden in diesem wackligen Dingsda Todesängste auszustehen.«

»Du kannst mir nun mal keinen Gefallen abschlagen.«

Robert wurde die Schweißnässe seines Körpers mit unangenehmer Plötzlichkeit bewusst. Hose und Hemd klebten schwer an ihm, ebenso wie die Haare an seiner Stirn. »Ich habe dieses Martyrium auf mich genommen, um auf dich aufzupassen. Damit du ja keinen Unsinn mehr anstellst. Diese Elfengesch...«

»Scht!«, zischte Nadja, hieb ihm auf die Finger und deutete auf eine Flugbegleiterin. Die schlanke Blondine überprüfte soeben die geöffneten Reihen der Handgepäckfächer und schenkte ihnen ein gequältes Lächeln.

»Mir geht’s gut!«, sagte Robert übertrieben laut. »Alles bestens. War ein toller Flug. British Airways: The way to fly. Ha. Ha.«

»Du bist unmöglich, wenn du getrunken hast«, sagte Nadja leise. »Komm jetzt endlich!«

Robert stand auf, packte seine speckige Lederjacke und begab sich zum hinteren Ausgang. Der Boden schwankte leicht. Vielleicht war er es auch selbst, dessen Gehirnzellen vom Alkohol benebelt waren. Kalter Wind wehte ihm entgegen und der hässliche Geruch halb verbrannten Kerosins.

»Soll ich dir hinabhelfen, alter Mann?«, fragte Nadja spöttisch.

»Es geht schon«, murmelte Robert. »Ich muss mich bloß an die wunderbare englische Luft gewöhnen.«

Ein voller Bus erwartete sie. In dicke Mäntel verpackte Briten blickten Robert an, pikiert wegen der Wartezeit, schwiegen aber höflich. Sie versenkten ihre Nasen in bunte Gazetten oder plauderten über das Wetter.

»Es sind etwas mehr als fünfzig Kilometer vom Leeds-Bradford International Airport nach York«, sagte Nadja. »Sieht so aus, als ob ich fahren müsste.«

»Warum? Ich schwimme gerade auf der richtigen Welle.« Roberts Augen verliefen. Nur mühsam gewann er die Kontrolle über seine Sehkraft zurück. »Kommt mir gelegen, dass die Jungs hier auf der falschen Seite fahren. Da brauche ich mich nicht anzustrengen, um auf der linken Seite zu bleiben. Oder war’s doch die rechte?«

»Du wirst unter keinen Umständen das Lenkrad anrühren.« Nadja wandte sich von ihm ab und atmete tief durch. Stank er denn tatsächlich so?

Der Zubringerbus hielt am Terminal und entließ die Passagiere. Beide hatten sie lediglich Handgepäck mit sich. Die Kameras hätte Robert ohnehin niemals aus seinen Händen gegeben, und für den geplanten zweitägigen Aufenthalt reichten eine Zahnbürste und eine Garnitur Unterwäsche.

Schweigend lotste ihn Nadja durch die Gänge des Flughafens. Routiniert übernahm sie die Auswahl eines Leihautos und bezirzte dabei den völlig überforderten Schalterbeamten. Sie plapperte fröhlich vor sich hin, klimperte ein paarmal mit den Wimpern und schenkte dem Briten schließlich ein strahlendes Lächeln, als sie die Fahrzeugpapiere für ein Auto gehobener Kategorie in Händen hielt.

»Wie machst du das bloß?«, fragte Robert, während sie zum Abstellplatz der Verleihfirma marschierten. »Du zahlst für Kategorie C und erhältst Kategorie A. Und auf die Zusatzversicherung bekommst du auch noch einen Rabatt von fünfzig Prozent.«

»Ich bin ja so ein armes, schüchternes Mäuschen«, sagte Nadja fröhlich. Sie stülpte die Unterlippe ein wenig vor und setzte ein unsicheres Lächeln auf. »In jedem Mann mittleren Alters erwacht das unbedingte Bedürfnis, mir zu helfen, wenn er mich so sieht.«

»In mir nicht«, sagte Robert und gähnte.

»Warum begleitest du mich dann?«, fragte Nadja und grinste schelmisch.

»Weil ich ... Ach, was soll’s.« Alles in seinem Kopf drehte sich. Es fiel ihm schwer, irgendeinen Gedanken zu Ende zu verfolgen. »Es ist vielleicht wirklich besser, wenn du fährst«, wechselte Robert abrupt das Thema. Er zog die Lederjacke enger um seinen Körper. Es begann zu nieseln.

»Ich bin übrigens wirklich böse auf dich«, sagte Nadja, plötzlich schmallippig. »Wir brauchen das Geld und dürfen diesen Auftrag unter keinen Umständen vergeigen. Morgen will ich dich nüchtern, sauber und in Bestform haben.«

»Ist ja gut, Chefin.«

Nadja öffnete ihm die Beifahrertür des neuen Vauxhall. Er ließ sich in den Sitz gleiten und genoss die bequeme Lederpolsterung.

»Schlafe eine Runde«, sagte sie, während sie neben ihm Platz nahm und den Motor startete. »Wenn wir in York sind, wecke ich dich.«

»Ich bin überhaupt nicht müde«, erwiderte Robert, gähnte ausführlich – und schlief im selben Moment ein.

Er träumte und er wusste, dass er träumte.

Erinnerungen an das Pariser Abenteuer vermengten sich mit Dingen, die normalerweise tief in seiner Psyche begraben lagen. Nadjas Erzählungen über den Getreuen, der im Auftrag der Königin Bandorchu die Welt, wie er sie kannte, heimsuchte, um seinen Opfern Lebenskraft zu rauben und für seine Herrin einzusammeln, brachten Kindheitsängste ans Tageslicht zurück.

Die böse Hexe aus »Hänsel und Gretel« hatte ihm früher schweißdurchnässte Nächte und nasse Hosen beschert; ihre abgrundtiefe Boshaftigkeit und Unmoral waren in der Welt seines sechsjährigen Ichs irritierend und verstörend gewesen. Erst als ihm seine Eltern glaubhaft versicherten, dass dies nur ein Märchen sei und er sich keine Sorgen machen müsse, und nachdem seine Mutter wochenlang über seinen Schlaf gewacht hatte, waren die Erinnerungen verschwunden.

Verdrängt, besser gesagt. Denn nun waren sie zurückgekehrt. Die Traumgestalten besaßen die Fratzen von Cor und dem Kau, und sie vermittelten die schrecklichsten inneren Ängste durch den Kapuzenmann. Robert hatte diese seltsamen Wesen zwar nicht selbst gesehen, doch Nadjas lebhaft vorgetragene Erzählungen genügten ihm als Wahrheitsbeweis.

Die Verbündeten Bandorchus tanzten und schlichen durch Roberts Träume, sprachen schreckliche Flüche aus, machten sich mit all ihrer Grausamkeit über Rian und David her. Hinter den beiden Elfen lauerten weitere Wesen in einer ungreifbaren Schwärze. Es waren solche, die nicht einmal Namen besaßen, weil es niemand wagte, auch nur über sie nachzudenken.

Königin Bandorchus Atem war über allem zu spüren. Finger mit langen, verkrümmten Nägeln drohten auf ihn, den Träumenden, herabzufahren und ihn in Scheiben zu schneiden. Ihr hohes, schrilles Gelächter war deutlich zu hören, während sie ihre Horden vorwärtsdrängte, sie durch breite Tore auf eine ahnungslose Erde losließ, die nicht an Elfen, Feen und Dämonen glaubte.

Er begann zu laufen, auf einen endlos weit entfernten Horizont zu. Weg, nur weg von Bandorchu und dem Kapuzenmann. Und dennoch kam der Getreue immer näher, so schnell sich Robert auch bewegte. Nirgendwo gab es Sicherheit; überall starrten ihm gierige, lüsterne, tote Augen entgegen. Hände griffen nach ihm, während er letzte Energiereserven aus seinem erschöpften Körper herausholte. Dinge streichelten sanft wie Spinnweben über sein Gesicht hinweg und kitzelten ihn am Nacken, so unglaublich grausam angenehm, dass er am liebsten geschrien hätte ...

»Ist alles in Ordnung?«, fragte eine vertraute Stimme.

Nadjas Stimme.

Robert schreckte hoch und sah sich irritiert um. Er saß im Auto, zusammengerollt wie ein Embryo. Schweißnass, mit einem teuflisch schlechten Geschmack im Mund.

Nadja strich ihm beruhigend über die Wange und schenkte ihm einen besorgten Seitenblick, während sie das Mietauto durch den englischen Nachmittagsverkehr lenkte.

»Es geht schon«, hörte sich Robert sagen. »Ich hatte wohl doch ein Glas zu viel.«

Nadja erwiderte zu seiner Erleichterung nichts. Er legte momentan keinen besonderen Wert darauf, auf sein Alkoholproblem angesprochen zu werden, das besonders in den Herbstmonaten zutage trat.

Robert atmete tief durch, entkrampfte seine verspannten Glieder und setzte sich aufrecht hin. Hemd und Hose klebten an seinem Leib.

Nadja verließ die A 64 und wählte bei einem mehrspurig angelegten Roundabout die Ausfahrt Richtung Stadtzentrum.

»Na, wieder nüchtern?«

»Halbwegs.« Robert sah auf die Uhr. Keine Stunde war vergangen, seitdem sie das Flughafengebäude verlassen hatten. Noch immer spürte er den üblichen pelzigen Belag auf der Zunge. Der Fusel hatte ihm zwar über seine Flugphobie hinweggeholfen, aber seine Ängste im Schlaf wahrscheinlich noch weiter gesteigert.

»Wohin geht’s denn jetzt wirklich?«, fragte er und räusperte sich. »Eine Modenschau zum Thema Guy Fawkes wird’s wohl kaum sein.«

»Schau zum Fenster hinaus«, riet ihm Nadja, ohne in ihrer Konzentration aufs Autofahren nachzulassen.

»Ich sehe triste Leute vor tristen Backsteinhäusern, die bei tristem Wetter tristen Beschäftigungen nachgehen.«

»Das ist der Robert, den ich kenne und schätze«, sagte Nadja. »Du bist eine Quelle des Optimismus und der Lebensfreude. Mein Rückhalt und meine Inspiration.«

»Überlasse gefälligst mir die Rolle des Zynikers. Das ist mein Metier.« Übergangslos wechselte er das Thema. »Ich habe schrecklichen Hunger.«

»Gib mir ein paar Minuten. Ich habe ein Schild gesehen. ›The Goblins’ Yard‹. Restaurant, Pub, Bed and Breakfast. Alles in einem. Ein richtiges Hotel können wir uns angesichts unseres angespannten Budgets nicht leisten.«

»Ist schon in Ordnung.« Robert schaute nach draußen.

Worauf wollte ihn Nadja aufmerksam machen? Würden sie etwa einen Bericht über Menschen in einer typisch englischen Vorstadt machen, die Guy Fawkes feierten? Über solche, deren tagesfüllende Beschäftigung der Besuch bei Hunderennen, beim örtlichen Buchmacher oder in einem der von Presbyterianern geleiteten Bingosäle war?

Sie passierten einen kleinen Park. Ein fettleibiger Mann mit herabgezogener Kapuze trabte seinem Hund hinterher. Fast wäre er in eine Laterne gelaufen, als er eine dunkelhaarige Schönheit in kurzem Schottenröckchen und High Heels passierte, deren Haar trotz des Unwetters wundersamerweise in der passenden Form blieb. Robert kicherte lautlos.

Sofern Nadja und er das miesepetrig machende Wetter der englischen midlands in Wort und Bild festhalten sollten, brauchte er all sein Können, um mit Grauschleiern, Weichzeichnern und intensiver digitaler Nachbearbeitung Schönheit aus dieser banalen Umgebung zu zaubern.

Historische Bauten kamen in Sicht. Eine Kirche, durch einen breiten Grünstreifen von der Straße getrennt. Eine Reihe im Wind knatternder Fahnen, blau und weiß gestreift, versperrte ihm fast zur Gänze die Sicht.

»Die ganze Stadt ist mit Werbung zugepflastert«, sagte er. »Springwater – bottled pleasure«, las er. »Hast du schon mal davon gehört?«

»Nein. Scheint so etwas wie ein neuartiges Alcopop zu sein«, antwortete Nadja knapp.

»Also schön – würdest du mir bitte endlich sagen, was wir hier suchen? Ich bin zu dumm, um deine Hinweise zu kapieren.«

»Du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht. Schau einmal, welches Ereignis von diesem Springwater-Zeugs gesponsert wird.«

Wieder bogen sie in einen Roundabout ein. Schwarze Cabs drängten sich rücksichtslos an ihnen vorbei; ebenso grimmig dreinblickende Motorradkuriere. Die Verkehrsinsel, gut fünfzehn Meter im Durchmesser, war mit weiteren Werbebannern beladen.

»York – home town of Guy Fawkes«, las Robert. Und weiter: »Springwater – proud sponsor of the Guy Fawkes Festival.«

»Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen«, sagte Nadja mit einem kurzen Seitenblick auf ihn.

»Ist ... ist heute schon der fünfte November?«

»Der vierte«, antwortete sie und konzentrierte sich wieder auf den Verkehr.

Morgen ist Guy Fawkes, dachte Robert. Der Tag, an dem sich alles änderte. Und hier feiern sie ihn auf Teufel komm raus ...

Sie überquerten den Ouse. Ein trübes Gewässer, vielleicht zwanzig Meter breit. An der Flusszeile zum Zentrum hin befanden sich mehrere Pubs. Hässliche Neon-Leuchtreklamen machten in der beginnenden Dunkelheit auf Bier und Whisky aufmerksam.

»Wir sind da«, sagte Nadja. Sie deutete auf ein altes, niedriges Gebäude, von dessen Vorbau ein grün schillernder Kobold leuchtete.

»Das ist aber kein Fünfsterneetablissement.«

»Du hast so etwas ohnehin noch niemals von innen gesehen. Wir müssen nehmen, was wir bekommen.«

Nadja parkte das Auto in einer Nebenstraße. Robert stieg aus. Er verspürte fürchterlichen Durst. »Hast du was dagegen, wenn ich mich ein wenig umsehe, bevor wir einchecken?«

»Keinesfalls. Ich werde dich begleiten. Tut sicherlich gut, sich die Füße zu vertreten.«

Sie schloss das Auto ab, hakte sich bei ihm unter und setzte sich augenblicklich in Bewegung, das schmale Gässchen Richtung Stadtzentrum entlang.

Verdammt.

Nadja war normalerweise eine selbstständige Person, stets hungrig nach Abenteuer und Attraktionen, die auf eigene Faust losmarschierte und ihr entzükkendes Näschen liebend gerne in Dinge steckte, die sie nichts angingen. Nicht umsonst war sie in ihrem Beruf als Journalistin so erfolgreich. Aber heute schien sie aus irgendeinem Grund entschlossen zu sein, ihn nicht allein zu lassen.

Es hatte aufgehört zu nieseln. Die untergehende Sonne schickte vereinzelte Strahlen über die eng beieinanderstehenden Häuser.

»Sieht toll aus, nicht wahr?« Nadja lächelte.

»Ja.« Robert schoss lustlos ein paar Fotos mit der Digitalkamera, während sie weiter in die Innenstadt vordrangen. Die uralten Ziegelbauten, ineinander verschachtelt und wie aus einer untergegangenen Welt stammend, boten Motive en masse. Das musste er insgeheim zugeben. Angelernte Reflexe ließen ihn die besten Blickwinkel erkennen.

Er sog auf, was er sah. Machte sich über Lichteinfall Gedanken, speicherte witzige und skurrile Details. Egal, wie der Auftrag aussehen würde, den er morgen erfüllen musste – er konnte auch jetzt nicht aus seiner Haut.

Zwei Betrunkene torkelten ihnen entgegen. Rotweiße Schals waren um ihre Handgelenke geknotet. Sie brüllten in kaum verständlichem Dialekt ihre Begeisterung über irgendein Sportergebnis hinaus, tranken dunkles Bier aus Kunststoffbechern – und taten dies meist gleichzeitig, was nicht unbedingt schön anzusehen war.

Robert steckte die Kamera beiseite und betrachtete die Gesichter der Sportsfreunde. Ihre Nasen waren gerötet, die Wangenhaut unrein und grobporig. Fans, dachte Robert, die sich anlässlich der Spiele ihrer Lieblingsmannschaft ein- oder zweimal die Woche volllaufen lassen.

Anders gesagt: Alkoholiker. Solche, die nicht einmal wussten, dass sie welche waren.

War dies seine Zukunft? Würde er ebenfalls in irgendwelchen Spelunken verkommen, einen Schnaps nach dem anderen zwitschern, um lediglich an manchen Tagen einem halbwegs geregelten Leben nachzugehen?

Nein, dachte er erschrocken, dies ist meine Gegenwart! Jahr für Jahr sitze und warte ich auf irgendwelche belanglosen Aufträge und vertreibe mir die leeren Tage dazwischen, indem ich die Kneipen Münchens durchkämme und nach irgendetwas suche. Würde es doch wenigstens mit dem Schreiben funktionieren ...

In Gedanken hatte er seinen Roman bereits fertiggestellt, hatte Ideen und Erfahrungen längst in Worte gegossen. Pointiert, witzig und mit aller Leidenschaft. Doch sobald er sich an den Computer setzte, war alle Konzentration weg. Hunderttausend Gründe fielen ihm dann ein, mit denen er sich von der Schreibarbeit ablenken konnte. Kartenspiele; eine besondere Dokumentation, die er schon vor Jahren im Fernsehen sehen wollte; die Wäsche, die in die Reinigung gebracht werden musste; ein dringendes Telefonat mit einem Kumpel, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte; die Steuererklärung.

Irgendwann des Nachts landete er dann oft in der Kneipe. Frustriert darüber, dass er einen ganzen Tag seines Lebens verloren hatte, trank er ein Weißbier, einen Korn oder einen Whisky und manchmal alle drei Getränke gleichzeitig. Und aus Frust darüber, dass er seinen Schwur, zu Hause zu bleiben und zu arbeiten, gebrochen hatte, bestellte er die nächste Runde ...

»Du bist ruhiger als sonst«, sagte Nadja. Sie hängte sich bei ihm ein und lehnte sich an seine Schulter. Er konnte ihre Wärme, ihre tief empfundene Zuneigung spüren.

»Ich muss über etwas nachdenken.« Robert blickte sich um. Er hatte längst die Orientierung verloren.

Sie standen auf einem kleinen Platz. Ringsum drängten junge Menschen in Pubs. Kleine Männerrunden hatten sich vor den Eingängen versammelt; sie sogen an Zigaretten und tauschten mit jedem Neuankömmling ein paar Worte. Sie hatten sich wohl in eine Ecke abseits der Touristenströme verirrt.

Eine Frauenstimme erklang. Sie sang. Ein Lied, das Sehnsucht und Liebe ausdrückte, und das möglicherweise in gälischer Sprache.

Die Männer verstummten, blickten sich so wie Robert und Nadja suchend um. An einer Straßenecke sah er zwei glänzende Augen aus dem Halbdunkel auftauchen. Abrupt endete der Gesang, der Zauber des Moments brach.

»Eine tolle Stimme«, sagte Nadja. »Die Dame hat sich wohl auf ihren morgigen Auftritt vorbereitet. Allerlei spielendes und singendes Volk wird auftreten, wie man so schön sagt.«

»Wie bei einem spätmittelalterlichen Jahrmarkt?«

»Anzunehmen. Der Guy-Fawkes-Tag bietet dafür den besten Anlass. Ich werde mir das Programm durchsehen, sobald wir ein Zimmer haben.«

Robert schluckte schwer. Schon die Nennung des Namens bereitete ihm Unwohlsein. Guy Fawkes war jener Mann, der untrennbar mit dem Anschlag auf James I., König von England und Schottland, im Jahr 1605 verknüpft war. Die Geschichte der dreizehn zu allem entschlossenen Männer, die die Houses of Parliament in London mithilfe von Schießpulver in die Luft hatten sprengen wollen, war nach wir vor noch im englischen Sprachraum in aller Munde. Doch für ihn hatte dieser Tag, der fünfte November, eine andere, viel bedeutsamere Note.

»Alles klar bei dir?« Nadja drückte seinen Arm.

»Ja«, antwortete er leise. »Du kennst mich. Ab und zu überkommt mich die Melancholie.«

»... die du dann in Alkohol ertränkst.« Sie rückte ein Stück von ihm ab und sagte bestimmt: »Ich möchte, dass du morgen in Topform bist. Deswegen werden wir jetzt eine Kleinigkeit essen und dann gleich ins Bettchen gehen.«

»Aber ...«

»Keine Widerrede, Mann! Ich habe den Auftrag aufgerissen, also bestimme ich. Wenn du nicht spurst, nehme ich das nächste Mal Eugen als Fotografen mit.«

»Eugen? Ausgerechnet diesen aufgeplusterten, angeberischen Nichtskönner, der dir noch dazu schöne Augen macht?«

»Genau den. Und wer weiß – vielleicht gehe ich sogar auf seine Avancen ein ...«

»Unterstehe dich! Der Kerl hat nur eines im Sinn, wenn du weißt, was ich meine. Wäre ja noch schöner, wenn du dich mit so einem abgibst.«

Nadja kicherte. »Manchmal hörst du dich an wie mein Vater.«

»Und du wie ... wie ...«

»Ja?«

»Ach, nichts.« Wiederum kamen die Erinnerungen hoch. Rasch verdrängte er sie. »Lass uns zurückgehen«, sagte er müde. »Ich habe mächtigen Hunger.«

The Goblin’s Yard entpuppte sich als sauberes, kleines Hotel. Es gehörte einem älteren Pärchen, das während der Depressionsjahre der Achtziger aus Liverpool zugewandert war. Ian sorgte für gute Laune und leitete das Pub, während Sheila mit britischer Gründlichkeit Hotel und Restaurant sauber hielt. Mit viel Glück und dem wie eine Wunderwaffe wirkenden Lächeln Nadjas ergatterten sie zwei Einzelzimmer in dem ansonsten völlig ausgebuchten Etablissement.

»Das Essen ist für englische Verhältnisse sogar akzeptabel«, sagte Robert, an einem gebratenen Stück Frühstücksspeck kauend. Sie saßen in einem im viktorianischen Stil eingerichteten Zimmer, umringt von weiteren Frühstücksgästen. Die meist englischen Seniorenpärchen aus dem Süden des Landes unterhielten sich leise. Guy Fawkes war in aller Munde.

»Ein Lob – von dir?« Nadja lächelte. »Den Tag muss ich mir merken.«

»Werde bloß nicht übermütig, Mädel. Sonst gieße ich einen Schwall dicker, fetter Depressionen über dir aus.« Robert lächelte. Er fühlte sich angenehm ausgeruht. Er hatte Nadjas Rat befolgt und war zeitig zu Bett gegangen. Vielleicht würde er den Tag doch ohne größere Probleme überstehen.

»Iss endlich auf«, forderte Nadja. »Ich möchte so schnell wie möglich loslegen. Ich habe schon ziemlich konkrete Vorstellungen, wie wir heute vorgehen.«

»Seit wann machst du Pläne?«

»Ab und zu versündige selbst ich mich.« Sie kümmerte sich nicht weiter um ihn und legte einen kleinen Stadtplan auf den Tisch. Mit einem Bleistift zog sie Kreise und Linien, verglich das Gekritzel mit ihren Aufzeichnungen und murmelte ab und zu Unverständliches.

Amüsiert sah Robert zu. Wenn sich Nadja in etwas verbiss, tat sie es mit aller Hingabe. Die Erinnerungen an die Suche nach den vermeintlichen Feen und dem Igelwesen namens Pirx waren noch frisch. Ihre Belohnung war letztlich das unglaublichste Abenteuer ihres Lebens gewesen.

Nadja rutschte aufgeregt auf dem Stuhl hin und her und warf ihm immer wieder fordernde Blicke zu, endlich das Frühstück zu beenden. Er ließ sich Zeit. Nicht nur, um seine Freundin zu ärgern, sondern aus Prinzip. Er hielt eine kräftige erste Mahlzeit für lebensnotwendig.

»Ich bin fertig«, sagte er schließlich und rülpste leise hinter vorgehaltener Hand. Bedauernd blickte er auf Tabak und Papier. Im Goblin’s war Rauchen nicht erlaubt.

»Wird auch Zeit. – Ich hoffe, du hast festes Schuhwerk an? Komm schon, wir müssen los.«

Nadja sprang hoch, strich sich am offenen Buffet einen letzten Toast und biss herzhaft ab, während sie das Hotel verließen. Sheila warf ihr einen vorwurfsvollen Blick ob ihrer unenglischen Eile zu, sagte aber kein Wort.

Frischer Westwind hatte das gestrige Niederdruckwetter weggeweht. Die schwache Novembersonne streckte ihre Fühler aus. Das Licht reichte nicht bis zu den ebenerdigen Geschossen der Häuser herab. Nur da und dort glitzerte ein verirrter Strahl in einer Geschäftsauslage.

Die Straßen sahen so ganz anders aus als am Vorabend. Geschäftigkeit herrschte entlang der Tower Street. Polizisten regelten den Verkehr, Helfer errichteten Straßensperren, erste Maskierte liefen umher. Besonders beliebt, so bemerkte Robert, waren die Guy-Fawkes-Masken, die Hugo Weaving im Film »V for Vendetta« getragen hatte.

»Was hast du vor, Nadja? Wohin geht’s?«

»Wir werden zuallererst einen Spaziergang durch die Stadt machen, werden uns treiben lassen. Ich möchte, dass du so viel wie möglich fotografierst«, sagte Nadja eindringlich. »Lass dich von den Menschen inspirieren. Ich möchte zuallererst herausfinden, wie ›echt‹ dieses Festival ist. Ob es die Leute annehmen oder ob es sich bloß um einen touristischen Herdenauftrieb handelt.« Sie klatschte in die Hände, marschierte vorneweg. »Mach schon, du lahme Schnecke. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

Clifford’s Tower kam bald in Sicht. Bereits um diese frühe Zeit wurde der Turm, der viele Jahrhunderte überdauert hatte, von Touristenschwärmen belagert. Angewidert wandte sich Robert ab. Und wenn ihn der mehr als zwölf Meter hohe Steinbau noch so sehr beeindruckte – er hasste Touristenaufläufe. In eng gesteckte Zeitpläne eingebunden, hetzten die Menschen von einem Ort zum anderen, schossen ein paar Fotos, kauften Souvenirs und heuchelten Interesse vor, um ein paar Minuten danach die nächste Sehenswürdigkeit erklärt zu bekommen. Kaum jemand nahm sich die Muße, sich anhand alter Relikte in längst vergangene Zeiten zurückzuversetzen und zu spüren, was hier vor langer Zeit geschehen war.

»Du urteilst schon wieder voreilig«, unterbrach Nadja seine Gedanken.

»Ist mir mein Widerwille so sehr anzusehen?«

»Und ob! Du siehst aus, als hättest du in eine Zitrone gebissen. Und immer, wenn dir etwas nicht passt, summst du leise vor dich hin.«

»Du machst mir Angst, Nadja. Du kennst mich besser als meine Eltern.«

»Also komm – mach dich an die Arbeit«, sagte sie ungeduldig.

Robert atmete tief durch. Zögernd griff er nach der Digitalkamera und knipste erste Fotoserien. Willkürlich, ohne lange nachzudenken. Er ließ sich von Gefühlen und Ahnungen treiben, zoomte näher an Personen heran, analysierte Alltagssituationen auf der Straße und hielt sie fest. Immer weiter drängte er sein Ich in den Hintergrund, wurde selbst zum Objektiv. Zum Auge der Kamera, das beobachtete und den Zauber des Moments festhielt.

Das Geschehen rings um ihn wurde nebensächlich, war lediglich die Staffage dessen, was er eigentlich sah. Menschen. Emotionen. Begegnungen. Zufälligkeiten. Augenblicke des Schicksals.

Eine Melodie begleitete ihn. Ein Gesang, hoch und fast schrill. Die Stimme blieb unverständlich. Sie klang so wie jene gestern Abend, war bloß noch um eine schreckliche Nuance intensiver.

Nur kurz schreckte er aus seiner Arbeit hoch und wechselte den Speicher. Wie ein Rausch war es; er vergaß die Person Robert Waller, vergaß die Zeit, vergaß den Ort. Es blieb nur noch die Suche nach dem Motiv, nach dem perfekten Bild ...

»Es reicht vorerst«, unterbrach ihn Nadja und schob die Kamera von seinen Augen.

»Wie bitte? Ich habe doch gerade erst angefangen!« Er sah sich um. Sie standen neben dem Einstieg zur Kabine eines Riesenrades, das gut und gerne fünfzig Meter in die Höhe ragte.

»Du knipst seit fast zwei Stunden. Das müssen tausend oder mehr Aufnahmen gewesen sein.«

»Tatsächlich?« Robert wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es fiel ihm schwer, in die Wirklichkeit zurückzukehren.

»Wir werden eine Runde mit dem Ding da drehen.« Nadja deutete auf eine lange Schlange wartender Menschen, die sich eineinhalbfach um das Riesenrad zog. »Dort oben kannst du dich nochmals kräftig austoben. Anschließend suchen wir uns eine Fish-’n’-Chips-Bude, einverstanden?«

Robert nickte. Er spürte plötzlich Heißhunger.

Der seltsame Gesang war nach wie vor zu hören. Er verebbte nur allmählich und ließ einen Hunger nach mehr, nach viel mehr zurück.

3 Gofannon
Täuschung und Tarnung

Gofannon überlegte während des langen Fußmarsches, inwiefern Fanmórs Tod der Königin nutzte. Immerhin besaß er als Hoher Herr das Recht, den Grauen Herrn von Annuyn um drei Prüfungen zu bitten, um in seinen Lebensbereich zurückkehren zu dürfen.

Zweifelsohne war der alte, erfahrene Elfenriese dazu in der Lage.

Aber, so dachte Gofannon, spekulierte Gwynbaen damit, in der Abwesenheit ihres Widersachers das Reich der Sidhe Crain vollends zu erobern und ihre Machtansprüche so weit einzuzementieren, dass Fanmór ihr nicht mehr gefährlich werden konnte? Ja – so musste es sein.

Er nutzte die alten Wege. Sie führten ihn sicher über Schlachtfelder, an Ruinen und Heldendenkmälern vorbei. Die Gesänge der Erynnen, die um die Gefallenen beider Seiten trauerten, rührten ihn nicht. Er hatte einen Auftrag zu erfüllen. Nichts und niemand würde ihn davon abhalten.

Biá trug sich angenehm. Das Wasser an seiner Oberfläche zeigte keinerlei Auswirkung auf seine eigene Befindlichkeit.

Nun – er war kein Elf. Er war ein Gott. Seine Schwachstellen lagen ganz woanders. Bereits vor Jahrtausenden hatte er sie in den Hinterkämmerchen seiner Erinnerungen abgelegt. Nur ein einziges Wort, das vielleicht eine Handvoll Wesen der Weltenkreise noch sprechen konnte, würde ihn dazu bringen, sich diese Erinnerungen bewusst zu machen – und damit seine Schwächen zu offenbaren.

Kentauren, die an Fanmórs Seite kämpften, blähten ihre Nüstern auf und witterten. Sie blickten in seine ungefähre Richtung, während er unsichtbar zwischen ihren Reihen hindurchglitt. Sie mochten mit ihren phänomenal gut ausgeprägten Riechorganen seine Witterung aufnehmen, ihn aber sicherlich nicht entdecken.

Zwerge aus einer verhassten, abtrünnigen Sippe sicherten den äußeren Lagerkreis Fanmórs ab. Sie grölten laut vor sich hin, schlugen schartige Bronzeschwerter gegeneinander und spuckten sich gegenseitig in die Bärte. So, wie sie es taten, wenn sie schlechter Laune waren. Und Zwerge waren fast immer schlechter Laune.

Es war ihm ein Leichtes, ihre Sperre zu durchdringen. Gofannon trat den Anführer der Knollennasigen in den Hintern und flüsterte ihm ein paar unflätige Bemerkungen über den Kinnbart seiner Schwester ins Ohr. Der Zwerg zog sein Breitschwert, tat einen mächtigen Brüller und hieb mehreren Umherstehenden die Flachseite der Klinge über das Haupt. Binnen Kurzem war eine heftige Auseinandersetzung im Gange. Das Lager geriet in Aufruhr. Schlafende schreckten hoch, sinnlose Kommandos wurden gebrüllt, erste Steine geworfen.

Gofannon marschierte unberührt weiter. Leider waren nicht alle Völker, die Fanmór zur Seite standen, derart blöd wie die Zwerge dieser Sippe.

Ein mystischer Flammenteppich war das nächste Hindernis, das es zu überwinden galt. Achtarmige Wächter zeichneten auf der anderen Seite des Schutzwalls seltsame Bilder in die Luft und stabilisierten Schutzgeister, die auf dem Feuermeer dahintrieben. Die ektoplasmischen Wesen flüsterten gefährliche Flüche, die selbst in ihm, dem Gott, Gefühle des Unbehagens erzeugten.

Nun galt es, sich in Geduld zu üben. Die Aerins genannten Wächter galten als unzuverlässig. Irgendwann würde einer von ihnen in seiner Aufmerksamkeit nachlassen und seinen Posten verlassen. Besonders, wenn er ...

Ja. Die Idee schien ihm durchführbar.

Er ließ ein wenig Ohrenschmalz zu Boden träufeln und tränkte es mit einer Träne der Trauer. Gofannon massierte den Sud in den vom Blut der Kämpfenden roten Boden ein und murmelte ein paar Worte. Der Ermunterungsspruch beschleunigte das Wachstum des herbeibeschworenen magischen Dornengewächses, ließ es rasch dem Himmel entgegenwachsen.

Eine halbe Stunde musste Gofannon warten. Dann entfaltete sich der Geruch der dunkeldunkelschwarzen Blüten. Pollenknäuel zerplatzten, verteilten weiteren Samen über das ehemalige Schlachtgelände.

Er blies die Wangen auf und erzeugte Wind. Die Brise glitt über den Flammenwall hinweg, erreichte binnen Kurzem die achtlöchrigen Riechorgane der Aerins.

Der Klangteppich ständiger Beschwörungen verlor an Kraft. Die ektoplasmischen Schutzgeister versanken fluchend im Feuer und vergingen dort leise zischend.

Grollen erklang. Fürchterliches, unüberhörbares, erschreckendes Grollen, das aus den achtgeteilten Mägen der Aerins stammte. Die Wächter mussten stets knapp gehalten werden. Waren sie satt, starben sie an der Seuche der Zufriedenheit, versanken im Boden und wurden zu stinkendem Wurzelwerk.

Die Samen, die Gofannon verteilt hatte, trugen weitere Pflanzen. Ein mehrere Meter breiter Gürtel an Blüten reckte sich in den Himmel. Er musste den Atem anhalten, um nicht selbst der sinnesbetäubenden Wirkung seines Erzeugnisses zum Opfer zu fallen.

»Kommt!«, lockte er leise und blies die Worte mit dem Wind zu den Aerins, »kommtkommtkommt ...«

Der Beschwörungsteppich erlosch. Der erste Wächter zog stöhnend und ächzend seine Beinwurzeln aus dem Boden und taumelte schweren Schritts auf die Feuerwand zu. Er glitt hinein, fächelte sich mit seinen knorrigen Händen begierig den Duft der schwarzen Blüten ins warzige Gesicht. Er ging weiter, obwohl er bereits bis zur Hüfte in Flammen stand. Und er starb mit weit ausgestreckten Armen, ein einziges dunkeldunkelschwarzes Blütenblättchen vor die Nase gepresst.

Seine Artgenossen folgten ihm. Sie marschierten in einer Reihe. Ihre Glieder zuckten konvulsivisch, wie in Ekstase.

»Dumme, dumme Aerins«, sagte Gofannon zu sich selbst und schüttelte den Kopf. »Sie mögen mächtige Zauberwesen sein, sind aber auf der anderen Seite so dumm wie Fischfutter. Würde mich nicht wundern, wenn sie irgendwann aussterben.«

Der letzte Wächter verbrannte in einer knisternden Lohe. Der Flammenteppich wurde träger, immer träger. All das magische Flussmaterial – die Flüche, die Beschwörungen, die Bannsprüche – verfestigte sich zu einem glasierten Einerlei. Eingekapselte Schutz- und Gedankenbilder wollten die Trennfläche von unten her durchbrechen. Sie klopften mit ihren weit verästelten Fühlern dagegen und suchten sich einen Weg zurück in die Wirklichkeit zu bahnen – vergebens. Sie vergingen, fielen der Vergessenheit anheim.

Vielleicht würde das magische Gestein in ein paar Jahrtausenden zerbröseln und einige wenige Zauberspruchrelikte freigeben. Ahnungen der alten Kraft oder seltsame Melodien, die empfindsame Wesen in den Irrsinn treiben konnten.

Gofannon stieg auf die glasierte Fläche und rutschte darüber hinweg; anfangs vorsichtig, dann immer schneller werdend. Es war wie Schlittschuhlaufen.

Das Zelt Fanmórs kam in Sicht. Seine Giebel, von denen kichernde Basiliskenbabys ihr Wasser herabtropfen ließen, ragten spitz in den Himmel. Ringsum befanden sich kleine Lagerkälter; stetig aus sich selbst herauswachsende Eisblumen, an denen sich die Frostsöldner eines fernen, ihm unbekannten Landes die klobigen Körper kühl hielten. Das gemäßigte Klima des Elfenlandes behagte ihnen nicht allzu sehr.

Gofannon hatte sie bei der Schlacht von Farwynn kämpfen sehen. Sie kannten keinen Tod und fürchteten sich bloß vor einem Zustand, den sie selbst Schmelze nannten. Wenn sie während des Kampfes zu Boden gestreckt und nicht innerhalb einer gewissen Frist von Artgenossen ausreichend gekühlt werden konnten, zerrannen sie durch die Berührung mit der Erdwärme. Jene Tröpfchen, in denen die Bewusstseine und Partikelchen ihrer Persönlichkeit gespeichert waren, verbanden sich mit Quell- und Flusswasser. Im Laufe der Jahre trieben die Teilchen in die Ozeane, um dort, weit voneinander getrennt, in fürchterlichem Scheinleben weiterzuexistieren. Ohne Erinnerung, ohne Lebensfunken, ohne Selbstgefühl.

Gofannon achtete nicht weiter auf die Frostsöldner. Er war ein Gott, und er war unsichtbar.

Das Zelt war durch einen Sicherungszauber geschützt, der ihm einen gewaltsamen Zutritt verbot. Die Seitenplanen glänzten und glitzerten von magischem Staub. Das Pulver bereitete ihm leichte Übelkeit, da es seine bösen Absichten spürte und bereits aus einer Entfernung von gut und gern zwanzig Schritten auf ihn reagierte.

Er musste es also durch den Eingang des Giebelzelts probieren. Schnurstracks hielt er darauf zu. Zwei junge Crain-Elfen mit angespannten Gesichtern standen Wache. Sie rochen nach Lauch und Gras, hatten also gerade gegessen. Goldglänzende Epauletten hingen von ihren Schultern, als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zum innersten Kreis der Wächter.

Gofannon war geschickter, als man es anhand seiner Körperfülle annehmen konnte. Und er besaß Intuition. Just im richtigen Moment, als sich einer der Jungen hustend ein wenig zur Seite drehte, schlüpfte er durch die entstandene Lücke. Er verharrte vor dem schweren Tuch des Eingangs, blies die Wangen ein wenig auf und erzeugte eine natürlich wirkende Luftbrise. Keiner der Kindersöldner, die den Zeltzugang im Auge behielten, wunderte sich über die schmale Lücke zwischen den beiden sich überlappenden Stoffbahnen. Gofannon glitt hindurch, rollte sich geschickt ab – und blickte erschrocken zur Zeltwand.