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Michael Marcus Thurner

Die

wandernde Seele

Roman

Die

wandernde Seele

1 Flughafenzauber

Ein Blitz zerriss den Himmel. Er kam aus dem Nirgendwo, glitt durch dunkle Quellwolken, verästelte sich und fuhr unweit einer kleinen, schäbigen Baracke in den Boden.

Die am Flughafen übliche Hektik endete mit einem Mal. Menschen blieben stehen, wo sie waren, und stellten ihre Gespräche ein. Irritiert beobachteten sie das Schauspiel, das mehrere Sekunden in Anspruch nahm.

Seltsam.

Merkwürdig.

Eigenartig.

Diese Worte nahmen seit mehreren Monaten einen breiten Raum in Nadjas Leben ein. Sie hatte angefangen, sich für die kleinsten Ungereimtheiten zu interessieren und sie zu hinterfragen. Vieles, was sich als seltsam, merkwürdig und eigenartig darstellte, bekam mit dem Wissen um die Existenz mehrerer paralleler Welten eine ganz andere Bedeutung.

Donner folgte dem Blitz. Er übertönte selbst den Lärm der startenden Flugzeuge und ängstigte die Menschen. Überall sah sie eingezogene Köpfe, panische Blicke, zitternde Hände. Ein Kind weinte, dass die Tränen nur so über die pausbäckigen Wangen liefen. Es deutete mit einem Zeigefinger in die Richtung jener Baracke, die das scheinbare Ziel des Blitzes geworden war.

Der Donner rollte aus, langsam und mit einem Nachhall, den Nadja im Magen zu spüren vermeinte. Danach trat ein Moment unheimlicher Stille ein. Erst allmählich fingen sich die Menschen, lächelten einander zu, als müssten sie sich davon überzeugen, dass dies alles nur ein Traum gewesen sei, ein kurzer Riss in der Wirklichkeit, der etwas offenbart hatte, was nicht auf diese Erde gehörte. Sie gingen ihren Beschäftigungen nach, als sei nichts geschehen. Das Kind lachte breit, die Mutter stopfte ihm einen Keks in den Mund und wischte die Tränen hastig beiseite.

War dies ein kleiner Vorgeschmack auf das, was den Menschen drohte, wenn die Grenzen zwischen den Welten endgültig verschwammen und Bandorchu ihre Finger nach der Erde ausstreckte?

Nadja atmete tief durch, hob den Koffer und betrat das Flughafengebäude. Auch sie verdrängte. In gewissem Sinne war sie eine Meisterin des Verdrängens; wie sonst hätte sie es verwinden können, ohne Mutter aufzuwachsen?

Menschen hasteten an ihr vorbei: Pärchen, die ihre Kleidung einem Urlaub in der Karibik angepasst hatten; Geschäftsreisende im Nadelstreifenanzug, an Ohr und Mund verkabelt. Sie gingen geistesabwesend durch die Halle und plauderten mit unsichtbaren Gesprächspartnern. Braun gebrannte Touristen trugen voluminöse Rucksäcke auf den Schultern; verliebte Wochenendreisende, die ihre Köpfe hinter Städteführern verbargen, schnatterten aufgeregt miteinander. Nikotinsüchtige drängten sich an den Ausgängen, sogen gierig an ihren Zigaretten und diskutierten lautstark über ihre Diskriminierung ...

Nadja sah auf die Uhr. Es war kurz vor eins. Fabio hatte ihr am Telefon mitgeteilt, dass das Flugzeug nach Palermo um 14:40 Uhr startete.

»Wo, zum Teufel, bist du?«, murmelte Nadja. Warum, so fragte sie sich, hielt sich Fabio nicht an seine eigenen Abmachungen?

»Na endlich! Ich befürchtete schon, du hättest dich verspätet!«

Nadja drehte sich um und blickte in das grinsende Gesicht ihres Vaters. Sein wallendes weißes Haar war zerzaust, die Haut gerötet. Er wirkte entspannt und irgendwie ... erleichtert.

Nadja trat auf ihn zu, drückte ihm hastig Küsschen auf beide Wangen und umarmte ihn. »Ich dachte, du wolltest mich im Airbräu treffen?«, fragte sie.

»Ich bin erst gestern aus Venedig zurückgekommen und habe die Nacht im Kempinski verbracht«, antwortete ihr Vater. »Man wollte mir partout eine dieser unverschämt luxuriösen De-luxe-Junior-Suiten aufdrängen, und wer bin ich, dass ich mich gegen ein derartiges Angebot wehre?«

»Du hast deinen ganz besonderen Elfencharme benutzt, um im Luxus schwelgen zu können«, unterbrach Nadja. Empört, aber ohne besonderen Nachdruck.

»Soviel ich weiß, hast du selbst ein ganz besonderes Geschick entwickelt, das zu bekommen, was du willst.« Fabio lächelte zurück. »Es freut mich, dass sich mein Erbgut zumindest ein wenig bemerkbar macht.« Er wurde wieder ernst. »Nachdem wir miteinander telefoniert hatten, fühlte ich mich ... angespannt. Die Decke fiel mir auf den Kopf. Ich wollte nachdenken, den Kopf klar bekommen. Also habe ich einen kleinen Spaziergang unternommen, hinaus ins Moor ...«

»Ins Moor?«

Fabio griff nach ihrem Koffer, nahm sie am Arm und führte sie auf eine Batterie von Bildschirmen zu, welche die Abflugdaten anzeigten.

»Wusstest du, dass der Flughafen auf uraltem Kulturboden errichtet wurde?«, fragte er. »Auf dem Erdinger Moos, früher Isaarmoos genannt. Bereits im zehnten Jahrhundert als Weidefläche urbar gemacht, vor zweihundert Jahren für die Torfstecherei genutzt. Heute ist leider nicht mehr allzu viel von dem erkennbar, was einstmals das Land ausmachte.«

»Warst du ... früher schon einmal hier?«, fragte Nadja interessiert.

»Kann sein. Ich habe ein recht langes Leben hinter mir. Leider erinnere ich mich nicht mehr an alles. Ein Elf ist nicht dafür geschaffen, jedes Erlebnis in seinen Gedanken zu behalten. Ich musste ... selektieren, um die wichtigsten Dinge zu bewahren.« Fabio atmete tief durch. »Viele Menschen wissen nicht einmal mehr, wie es ist, den Boden unter den Füßen zu spüren, im wahrsten Sinne des Wortes. Mit den Zehen das Gras zu fühlen, sich in die Erde zu wühlen. Zu erkennen, dass wir nicht allein sind, dass es im Erdreich von Leben nur so wimmelt und dass wir alle Bestandteil eines viel, viel größeren Etwas sind.«

Fabio seufzte. »Sieh dich nur um, Nadja; sind sie nicht alle blind, diese Menschen? Sie wollen das unterirdische Reich der Würmer, Käfer und Spinnen nicht sehen, dieses ungemein kraftvolle, überbordende Biotop. Sie vergessen, dass es existiert. Genauso, wie sie vor langer Zeit verdrängt haben, dass es Elfen gibt.«

»War es denn tatsächlich Verdrängung?«, hakte Nadja nach. Sie wies auf einen der Bildschirme. Ihr Flug mit der Lufthansa nach Palermo startete in etwas mehr als einer Stunde von Gate 38 in Terminal Zwei. Der Fußweg dorthin war lang.

»Zum Großteil«, antwortete Fabio. Er lächelte traurig und wechselte abrupt das Thema. »Und jetzt sollten wir uns beeilen, mia bella.«

Nadja ließ sich mitziehen. Sie genoss die ruhige, bestimmende Stärke ihres Vaters, die sich durch seine Berührung übertrug.

»Hast du Blitz und Donnerschlag bemerkt?«, fragte sie ihn.

»Waren weder zu überhören noch zu übersehen«, sagte Fabio kurz angebunden. »Warum?«

»Ich dachte ... nun ... ach, gar nichts!«

»Lass dich nicht verrückt machen, Fiorellina. Nicht alles, für das man keine Erklärung findet, hat mit der Elfen- oder Schattenwelt zu tun. Kümmern wir uns lieber um die Flugtickets.«

»Haben wir etwa noch keine?«

Fabio blickte sie erstaunt an. »Natürlich nicht!«, sagte er. »Erwartest du etwa, dass ich mich um solch profane Dinge kümmere? Dass ich Tickets kaufe? Dass ich mich in einer Reihe mit schwitzenden und laut krakeelenden Touristen anstelle und mich unfreundlich abfertigen lasse?« Er seufzte abermals. »Früher war das etwas anderes. Da wurden Reisende noch wie Könige behandelt ...«

»Du wirst doch nicht etwa sentimental werden? Und was meinst du mit früher?«

»Vor zwei- oder dreihundert Jahren.«

»Wie alt bist du eigentlich?«, fragte Nadja. Ein mulmiges Gefühl befiel sie. Sie wusste so wenig über ihren Vater ... Er war ein Elf, der aus Liebe zu seiner Frau eine Seele entwickelt hatte und im Menschenreich geblieben war, verbannt von Fanmór, dem König der Sidhe Crain.

»Alt, aber nicht zu alt«, antwortete Fabio nichtssagend. »Wir können über diese Dinge gerne plaudern, sobald wir im Flugzeug sitzen.«

Nadja blieb abrupt stehen. »Ho, mein Guter!«, sagte sie. »Dein Charme greift bei mir nicht. Ich habe keine Lust, mich auf ein weiteres Abenteuer einzulassen, wenn ich nicht wenigstens ein paar Informationen von dir bekomme. Mit deinen mageren Andeutungen über unsere Reise nach Sizilien hast du mich in Teufels Küche gebracht. Benötige ich formelle Kleidung, ist Sandalen-Look angesagt, ist der kleine rote Mini nötig oder doch das knielange Blumenröckchen ...«

»Ich wusste gar nicht, dass du so viel Wert auf Kleidung und Etikette legst.«

»Leg ich auch nicht, werter Herr Papa. Aber in manchen Situationen kann es von Vorteil sein, den Körper ins rechte Licht zu rücken. Du erinnerst dich an Venedig? An den Conte del Leon?«

»Wie könnte ich Cagliostros Sohn jemals vergessen?«

»Mit meinem Kleid und meinem Auftreten habe ich ihn damals auf mich aufmerksam gemacht. Es war ein hartes Stück Arbeit, David zu befreien.«

»Erinnere mich nicht daran.« Fabio schüttelte sich. »Du hast dich unvernünftig wie ein kleines Kind verhalten und dein Leben riskiert.«

»Ich habe mit meinen Waffen gekämpft. Mit einem Lächeln, einem Hüftschwung, ein wenig nackter Haut und ein paar freundlichen Worten.«

»Und einem kühlen Verstand, den du zweifellos deiner Mutter verdankst.«

Scheinbar erschrocken über sich selbst, blieb Fabio stehen. Er blickte beiseite, als müsste er sich neu orientieren. Nadjas Vater vermied es tunlichst, von seiner Frau zu sprechen. Doch diesmal schien alles ein wenig anders zu sein ...

»Diese elfische Raffinesse hast du von mir«, fuhr er schließlich fort, »auch jene Leichtigkeit, mit der du den Problemen des Lebens begegnest. Aussehen, Charme und dein unnachahmlicher Drang, den Dingen auf den Grund zu gehen, sind allerdings ein Erbteil deiner Mutter.«

Schweigend gingen sie weiter. Zwei Polizisten patrouillierten an ihnen vorbei, die Waffen im Anschlag. Die Zeit sorgloser Reisen war längst vergangen. Sowohl in der Menschen- als auch in der Elfenwelt.

»Sizilien also«, sagte Nadja. Sie wollte weg von einem heiklen Thema. Weg von diesem Tabu zwischen Fabio und ihr, das meist in Sprachlosigkeit mündete.

»Ja.«

»Und warum?«

»Es handelt sich um eine Familienangelegenheit, aber nicht nur.«

»Geht es Großmama und Großpapa gut?«, fragte Nadja besorgt. »Sie sind – lass mich nachdenken – beide an die neunzig Jahre alt.« Sie erinnerte sich an Natalia, die Mutter ihrer Mutter. An ihre Kochkünste. An selbst gemachte Fettucine, an frischen Salat mit Olivenöl, an die Cassata alla siciliana.

Großvater Antonio war ein knorriger, alter Mann. Schon in ihrer frühesten Erinnerung war er ein verhutzelter Greis gewesen, allerdings mit einem scharfen Verstand und einem besonderen Sinn für Humor.

»Ich wusste nicht, dass du noch Kontakt zu Mamas Eltern hältst«, sagte Nadja. »Oder gibt es da etwas, das ich wissen sollte?«

»Es gibt eine ganze Menge von Dingen, die du wissen solltest, Nadja.« Fabio lächelte, wurde aber gleich wieder ernst. »Aber mach dir um ihre Gesundheit keine Sorgen. Die beiden sind unverwüstlich. Und jetzt müssen wir uns um die Tickets kümmern.«

»Ich bin mal gespannt, wie du das anstellen willst.«

Fabio richtete seinen Krawattenknopf und ordnete mit den Händen notdürftig sein Haar. »Dafür brauche ich weder den kleinen roten Mini noch das knielange Blumenkleidchen. Sieh zu, wie der Meister mit einer solchen Situation umgeht«, sagte ihr Vater theatralisch. Er ließ Nadja stehen und marschierte mit festem Schritt auf einen Schalter zu, den eine verkniffen dreinblickende Blondine soeben schließen wollte. Sie verwies die Vordersten aus der langen Reihe Wartender an eine Kollegin. Die Frau machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter, man konnte ihren Frust über ihre mühselige Arbeit deutlich erkennen.

»An dieser Fregatte beißt selbst du dir die Zähne aus, Paps«, murmelte Nadja.

Fabio stellte sich vor die Frau, sagte etwas zu ihr. Sie bedeutete ihm mit einer unwirschen Handbewegung, dass er weggehen solle. Ihr Vater griff galant nach ihren Fingerspitzen, hauchte einen Kuss darauf, deutete eine knappe Verbeugung an.

Irritiert blickte ihn die Lufthansa-Angestellte an. Ihr griesgrämiges Gesicht lockerte sich ein wenig auf. Sie taxierte ihn mit mildem Interesse. Aus drei Tagen Regenwetter wurden nur noch zwei.

Und Fabio redete weiter. Nadja konnte seine Stimme hören, seinen fein verschliffenen italienischen Akzent, aber nur wenige Worte verstehen. »Charmant«, hörte sie, »carissima« und »herzallerliebst«.

Der Erfolg seines Vortrags war deutlich zu erkennen: Frau Griesgram setzte sich zurück an ihren Arbeitsplatz, strich den Rock glatt, richtete in einer unbewussten Bewegung ihr Haar und lächelte Nadjas Vater an.

Und plötzlich hielt sie die Hand vor den Mund; sie kicherte und errötete wie ein junges Mädchen. Fabio lachte ebenfalls, mit einem Timbre, so erotisch und knisternd, dass der Ton seinem weiblichen Gegenüber unter den Rock zu kriechen schien.

Sie schaltete ihren Buchungscomputer wieder ein, deutete mehrmals mit erhobenem Zeigefinger auf Anzeigen – und auf Fabio Oreso. Von ihren Lippen konnte Nadja die Worte »Sie Schlimmer!« ablesen.

Fabio redete einfach weiter. Er gestikulierte mit den Händen, zeichnete irgendwelche Figuren in der Luft, die möglicherweise obszön, sicherlich aber anzüglich waren. Das Regenwetter im Gesicht der Frau wurde endgültig von einer Schönwetterfront verdrängt. Sie bat Fabio um etwas; wahrscheinlich um Ausweise, damit sie die Buchungen vornehmen konnte. Er kramte aus seiner Hosentasche zwei Supermarkt-Kassenbelege hervor. Die Lufthansa-Angestellte nahm die Zettel in die Hand und gab sie ihm nach oberflächlicher Betrachtung zurück.

Nadja drehte sich beiseite. Sie konnte und wollte diesem Schauspiel nicht mehr länger zusehen. Ihr Vater bekam, was er wollte.

»Fregatte versenkt«, sagte Nadja und zuckte die Achseln.

»Wie war ich?«, fragte Fabio.

»Gerissen. Schleimig wie eine Nacktschnecke. Unwiderstehlich. Willst du mir nicht verraten, wie du das angestellt hast?«

»Ein Zaubermeister verrät seine Geheimnisse nie. Nur so viel: Es hat damit zu tun, den Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass man sie ernst nimmt. Man gibt ihnen Wert und macht sie für ein paar Augenblicke zum Mittelpunkt des Universums.«

»Das hört sich sehr einfach an.«

»Ist es aber nicht«, erwiderte Fabio ruhig, fast traurig. »Viele Menschen sind so verschlossen, dass sie kaum jemanden an sich heranlassen. Sie haben Angst davor, sich zu offenbaren. Liese ...«

»Liese?«

»Die reizende Dame mittleren Alters, die uns zu zwei Tickets in der Businessclass verholfen hat. Liese ist so sehr in ihrem Ärger über ein frustrierendes Leben mit einem lieblosen Ehemann und über ihre nervenzerrüttende Arbeit gefangen, dass es mir kaum gelang, sie aufzumuntern. Es war ein hartes Stück Arbeit.«

»Sah aber nicht so aus.«

Nacheinander passierten sie die Sicherheitskontrollen. Niemand scherte sich um den laut schrillenden Alarmton, zu dem Fabio den Security-Scan durchschritt. Ein vierschrötiger Mann in Uniform reichte ihm einfach seinen Handgepäckskoffer, lächelte freundlich und wünschte ihm einen guten Flug.

»Es muss leicht aussehen, damit es funktioniert«, fuhr ihr Vater fort. »Sonst wäre es ja keine Kunst – oder?«

»Wird ... Liese Probleme bekommen, wenn sie bemerkt, dass sie uns zwei Tickets und Bordkarten gratis ausgestellt hat?«

»Aber nein! Im chaotischen Durcheinander eines Flughafens passieren doch täglich Fehler. Und ohnehin ist unsere Maschine nicht ausgelastet. Selbst wenn Liese von ihrem Vorgesetzten einen Rüffel erhält, wird sie das sehr entspannt hinnehmen. Denn ich habe ihr im Gegenzug etwas sehr Wichtiges geschenkt.«

»Deinen Elfencharme.«

»Nein!«, sagte Fabio fast ärgerlich. »Aufmerksamkeit. Ich habe mich mit ihr unterhalten. Ihr zugehört. Das ist nicht alltäglich in dieser verrückt gewordenen Welt.«

»Verrückt? Ich würde eher kompliziert sagen.«

»Das trifft nicht den Kern des Wortes. Ich meine verrückt im Sinn von verschoben.« Fabio schwieg, als wäre damit alles gesagt.

Sie erreichten Gate 38. In diesem Augenblick begann die Boarding-Prozedur. Wie selbstverständlich gingen sie an der langen Reihe der Wartenden vorbei und nahmen die vordersten Plätze ein. Protestierende Rufe ertönten, die sofort verstummten, als sich Vater und Tochter wie auf Kommando umdrehten und im Duett lächelten.

Ich bin ihm ähnlicher, als ich bislang dachte, stellte Nadja erschrocken fest.

Ledersitze. Ausreichend Beinfreiheit. Ein Gläschen Schampus zur Begrüßung. Zuvorkommende Behandlung. Eine Auswahl von drei Menüs, die Nadja allesamt das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen.

»Das ist das wahre Leben!«, schwärmte Nadja.

»Vor einer halben Stunde hast du mir noch Empörung über meine Methoden vorgeheuchelt.« Fabio goss ihr den Rest aus einer Champagnerflasche ins Glas.

»Was interessiert mich, was ich vor einer halben Stunde gesagt habe?« Nadja rekelte sich entspannt in ihrem Sitz und studierte oberflächlich das Filmprogramm, das während des Flugs geboten wurde.

Sie fühlte sich wohl. So wohl wie schon lange nicht mehr. Fabio gab ihr ein Gefühl von Sicherheit und Stärke. Es war fast wie früher. Als sie noch ein kleines, sommersprossiges Mädchen mit zwei weit abstehenden Zöpfen gewesen war und viel Zeit mit ihrem Vater verbracht hatte. Wann immer er konnte, hatte er sie in den alten, von unzähligen Dellen übersäten Fiat gepackt, um mit ihr von Ort zu Ort zu reisen. Unstet, ruhelos, immer auf der Suche nach einem kleinen Abenteuer. Auf einer moosbewachsenen Burgruine, von der sich eine atemberaubende Sicht auf das bayerische Oberland bot; über schmale, kaum erkennbare Wege zum Watzmann; Baden in einem kleinen, versteckten Tümpel.

Fabio hatte viel unternommen. Er hatte erklärt, beschrieben und durch ungewöhnliche Betrachtungsweisen neue Fragen aufgeworfen, für die sie oftmals keine Antworten gefunden hatte. Um ihre Neugierde zu wecken und eine schier unstillbare Sehnsucht nach ... – ja, wonach eigentlich?

»Wir sollten reden«, sagte Nadja.

»So ist es.« Er sah sie an, ernst und konzentriert. Jede Leichtigkeit war von ihm abgefallen. »Es wäre mir recht, wenn du beginnst.«

Sie nickte. Gedanken schossen ihr kreuz und quer durch den Kopf. Wo sollte sie anfangen; wie sollte sie es ihrem Vater sagen?

Geradeheraus!, beschloss Nadja. Sie trank ihr Glas aus, stellte es aufs Tablett, atmete tief durch und murmelte: »Ich bin schwanger.«

»Ich weiß.«

»Wie bitte?«

Fabio lächelte, wurde aber gleich wieder ernst. »Elfenpost ist rasch, effektiv und günstig. Ich habe von deinen Abenteuern in Annuyn und in Earrach gehört.« Besorgnis mischte sich in seine Stimme. »Du hättest niemals ins Reich des Grauen Mannes vordringen dürfen; nicht einmal deine Freundin Rian ist dieses Wagnis wert. Niemand kann sagen, welche Konsequenzen sich aus deiner ... Reise ergeben.«

Nadja wollte etwas einwenden, sich verteidigen und auf den Wert von Freundschaft hinweisen; doch ihr Vater ließ sie nicht zu Wort kommen. »Wir werden ein anderes Mal darüber reden, cara.« Er küsste sie auf die Stirn, schwächte seine strengen Worte dadurch ab. Anschließend fuhr er mit verwunderter Stimme fort: »Als wäre es nicht genug, dem Herrn November ein Leben zu entreißen, hast du – sozusagen in einem Aufwasch – den alten Sturkopf Fanmór dazu gebracht, den Bann über mich aufzuheben. Ich kann es noch gar nicht fassen. Ich ... ich ... Die Familie Oreso ist frei. Endlich; dank dir.«

Nadja senkte den Kopf. Sie hasste es, wenn sie rot wurde. »Wie hast du das alles erfahren?«, wunderte sie sich.

»Erlaube deinem alten Vater, dass er manche seiner Geheimnisse für sich behält. Sonst könnte man ihn für langweilig und uninteressant halten.«

Nadja schüttelte den Kopf. Fabio gab sich rätselhaft wie immer. Er schien tausendfach in Geheimnisse verstrickt zu sein. So tief und so komplex, dass er kaum noch in der Lage war, seine eigene Persönlichkeit hervorzukehren und jenen Mann darzustellen, der er tatsächlich war.

Oder einmal gewesen war.

Die Stewardess kam und bat sie, sich anzuschnallen. Weit hinter ihnen heulten die Turbinen zum Probelauf auf, und das Flugzeug verließ sanft ruckelnd seine Parkposition. Beide stellten sie ihre Gläser beiseite und legten die Gurte an.

Fabio tastete sanft nach ihrem Bauch. »Nicht so eng«, sagte er und lockerte das Band ein wenig. Er klang zufrieden. »Ich kann das neue Leben bereits fühlen. Es wächst, ist gesund. Und es ist zufrieden mit dir.«

»Das alles willst du spüren?« Nadja lachte freudlos. »Weißt du etwa auch schon, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird?«

»Selbstverständlich. Soll ich’s dir sagen?«

»Nein!«, sagte sie erschrocken. »Manchmal bist du mir unheimlich, Fabio. Es ist eine mehr als seltsame Erfahrung, einen Elfen zum Vater zu haben.«

»Ich bin ein Mensch«, sagte er ernst. »Einer, der bewusst den Schritt von einem Dasein zum anderen getan hat – und ihn bis heute nicht bereut. Aber ich bin froh, dass ich mir manche Tugenden aus meinem früheren Leben bewahrt habe.«

Nadja schob seine Hand beiseite und tastete selbst über ihren Bauch. War er bereits gewachsen? Hatte sich ihr Körper verändert? War dieses Ziehen, das sie manchmal zu spüren glaubte, ein erstes Lebenszeichen des Ungeborenen? Wo blieben dann die morgendliche Übelkeit, die Stimmungsschwankungen und hormonellen Probleme?

»Kannst du mir auch sagen, von wem das Kind ist?«, fragte sie leise. »Ist David der Vater oder ... dieser verdammte, bösartige ...«

Darby O’Gill, der Verräter, der Mörder, der Heuchler und Meineidige. Der vom Getreuen für tabu erklärt und von Fanmór verurteilt worden war, doch floh, bevor es zur Vollstreckung kam. Ewige Folterqualen in der Hölle wären noch zu gut für ihn.

»Ich weiß einiges«, sagte Fabio, »aber ich bin kein Hellseher. Ich fühle das Elfenblut in deinem Kind. Mal stärker, mal schwächer. Es wird deine ganze Kraft erfordern, um es zu ... zu bändigen. Ich weiß, wovon ich rede.«

»Willst du damit sagen, dass ich dir als Kind Schwierigkeiten gemacht habe?«

»Du nimmst mich wohl auf den Arm, wie?« Fabio lächelte. »Du warst ein Schatz. Zuckersüß, mit einem Lächeln, das die Sonne aufgehen ließ. Aber auch unstet. Wie Quecksilber. Oder wie sagt man so schön: mit Hummeln im Hintern.«

»Ich habe mich nie für ein besonders aufgewecktes Kind gehalten.«

»Ach ja? Was glaubst du denn, woher ich meine weißen Haare habe?«

»Jetzt übertreibst du aber ...«

Fabio wurde wieder ernst. »Was den Vater des Kindes betrifft: Ich kann dir nicht sagen, von wem es ist. Dazu reichen meine Kräfte nicht aus.« Er seufzte. »Es fällt mir schwer, mich als Großvater zu sehen. Du weißt, dass mein Verhältnis zu Fanmór angespannt ist und ...«

»Und das ist noch harmlos ausgedrückt. Er scheint dich zu hassen.«

»Mag sein. Aber der Zorn zweier alter Männer soll dich nicht kümmern. Ich mache mir nur Sorgen, dass du mit David nicht glücklich wirst. Er ist sehr ... elfisch. Er muss noch viel lernen, bevor er versteht, was dieses Kind bedeutet.«

»David entwickelt eine Seele«, warf Nadja ein. »Er gibt sein Bestes.«

»Sein Bestes?« Fabio schnaubte. »Ich weiß nicht, ob das genügt. Er hat keine Ahnung, was auf ihn zukommt. Und solange er keine endgültige Entscheidung getroffen hat, ist er unstet, wie Elfen eben so sind.« Er seufzte. »Natürlich mag ich den Jungen. Ich sehe so viel in ihm, was ich selbst einmal war. Aber es kostete mich Jahrhunderte, bis ich begriff, was es bedeutet, eine Seele zu besitzen.«

»Ach ja? Das ist ein gutes Stichwort: Du wolltest mir deine Lebensgeschichte erzählen ... und die meiner Mutter. Erinnerst du dich?«

Gemurmelte Anweisungen des Kapitäns kamen über den Bordfunk. Alles war für das Abheben bereit, das Flugzeug bog auf die Startpiste ein. Die Stewardessen setzten sich nun selbst auf ihre Plätze. Flache Strahlen der niedrig stehenden Sonne kitzelten Nadja in der Nase; aus Düsen drang laut zischend zusätzlicher Sauerstoff, die Aggregate brummten auf.

»Ja, es ist an der Zeit«, wiederholte Fabio, was er am Telefon gesagt hatte, als er Nadja zum Flughafen bestellte. Er lehnte sich zurück, blickte starr geradeaus auf die Rücklehne des Vordersitzes.

»Wir fliegen zwei Stunden, das genügt für den Anfang«, forderte Nadja ihn zusehends ungeduldiger auf.

Fabio nickte. »Es bedarf der richtigen Zeit und des richtigen Ortes, um gewisse Dinge ansprechen zu können. Oberflächlich reden kann man jederzeit. Aber um Wahrheiten zu offenbaren, die tiefer gehen, braucht es mehr. Viel mehr.«

Sie hoben ab. Es ging steil nach oben. Der Flieger schüttelte sich ein wenig durch, als sie eine dünne, niedrig liegende Wolkenschicht durchdrangen. Nadjas Magen hob und senkte sich, doch sie achtete nicht weiter darauf.

»Und ausgerechnet jetzt ist also einer dieser Momente?«, hakte sie nach. »Zwischen Himmel und Erde?«

»Ja, cara. Zwischen Himmel und Erde. Frei, aber doch nicht frei. Fliegend wie ein Vogel und dennoch eingefangen von der Erdanziehungskraft. Es ist ... passend.«

»Na, dann mal los, Fabio.«

»Es wird nicht ganz einfach sein. Damit du mich verstehst, werde ich wohl oder übel ganz vorne beginnen müssen. In jener Zeit, als ich noch ein kleiner, unbedarfter Elf namens Fiomha war. Im Reich Escur des Königs Golpash, der wiederum Fanmór und dem Reich Earrach untertan war. Golpash hatte eine bezaubernde Frau an seiner Seite, Eirinya. Die Prächtige, wie sie am Hof genannt wurde. Nun – meine Freunde und ich hatten einen anderen, weniger schmeichelhaften Namen für sie ...«

2 Auf der Jagd

Es polterte gegen die Tür meines Luderzimmers. Mein Kopf war schwer vom Wein, dem ich während der letzten Stunden allzu heftig zugesprochen hatte. Mühsam stützte ich mich auf, taumelte zur Tür und öffnete.

»Frischauf, mein treuer Geselle!«, brüllte Laetico. »Mach dich fertig für die Jagd. Die Sauen grunzen im Wald. Sie verspotten uns, weil wir uns so lange nicht mehr um sie gekümmert haben.« Er stürmte zu den abgedunkelten Fenstern und riss die Leinentücher herab, eines nach dem anderen. Das diffuse Licht Earrachs drang ins Zimmer und brachte mir weitere Kopfschmerzen. Mit einem Fingerschnippen öffnete er ein kleines, metallenes Ei in seiner Hand. Seltsame, scheppernde Musik erklang. Laetico sammelte mechanisch betriebene Gegenstände aus der Menschenwelt, die mich immer wieder in Erstaunen versetzten. Er ließ das Ding zuschnappen und in seiner Hosentasche verschwinden.

»Ich fühle mich gar nicht wohl«, sagte ich schwach.

»Kein Wunder!« Laetico fuhr durch mein Haar. Magischer Flitterstaub fiel zu Boden. »Du hast mehr als genug von dem Zeugs auf deinem Kopf, um diese bezaubernden jungen Damen für lange Zeit mit deinen männlichen Qualitäten zu beeindrucken.« Er zog das kühle, von Glitterfeen gewebte Bettlaken mit einem Ruck beiseite. Suidhan, Levelle und Crosspartit kamen zum Vorschein, eng aneinandergeklammert und schlaftrunken.

Das rote, blonde und braune Gift, wie ich die drei Freundinnen insgeheim nannte, hatte mich ganz schön rangenommen. Wer wollte es mir verdenken, dass ich auf magische Hilfe zurückgegriffen hatte, um der Unersättlichkeit der Elfinnen etwas entgegenzusetzen?

»Wenn du von meinen nächtlichen Höchstleistungen sprichst, klingt es so ... so profan«, murmelte ich. »Warum bewunderst du nicht meinen Charme, mit dem ich die drei holden Damen dazu brachte, mich in meinem Luderzimmer zu besuchen?« Ich tunkte meinen Kopf in die bereitstehende Schüssel. Die Kopfschmerzen ließen augenblicklich nach. Noch bevor ich zu Bett gegangen war, hatte ich das Wasser mit einem Wohlfühl-Präparat vermengt. Meine Voraussicht machte sich nun bezahlt.

»Levelle und ihre Freundinnen gelten als besonders leichte Eroberungen, wie du eigentlich wissen solltest«, sagte Laetico tadelnd. »Ein einziger Wink reicht, und sie kommen kichernd angerannt, um sich dir anzubiedern. Also bilde dir nicht allzu viel darauf ein.«

»Stimmt ja gar nicht«, flüsterte die rothaarige Suidhan schlaftrunken. Sie richtete sich ein wenig auf. »Wir sind Damen von Ehre und legen viel Wert auf unseren Ruf. Wir haben so etwas niemals zuvor gemacht, niemals ...« Sie drehte sich nach beiden Seiten, drückte ihren Freundinnen zärtliche Küsse auf den Mund, fiel dann wieder zurück auf ihr Polster und begann leise zu schnarchen.

»Was ist nun?«, fragte Laetico. »Willst du dich weiterhin mit diesen jungfräulichen Damen von Ehre abgeben? Oder gelüstet dir nicht doch nach der Aufregung einer Sauhatz?«

»Red doch nicht so geschwollen, Prinz! Deine Erzieher haben dir eine zu große Dosis dieses höfischen Geschwafels beigebracht.« Ich seufzte. »Also meinetwegen. Mit ein wenig Glück bleiben mir diese drei Grazien erhalten, bis ich zurückgekehrt bin.« Ich griff nach Hose und Hemd, gürtete das Schwert Guirdach um und pfiff nach Cucurr, meinem Bluthasen. Er kam herangehoppelt und schmiegte sich an meine Beine. Alles an ihm war Anspannung. Er fühlte, was ich vorhatte, und er war durchaus damit einverstanden, seine Jagdtalente einmal mehr unter Beweis zu stellen.

»Los geht’s«, sagte ich.

»Und du bedauerst nichts?«, fragte Laetico zweifelnd.

»Ich bedaure nichts«, log ich und warf einen letzten Blick auf die drei Mädchen, die sich entspannt in meinem Bett rekelten.

Die Jagdgesellschaft war klein und erlesen. Jukho und Cybraim hatten ihre Spurbären losgelassen. Mit behäbigen Sprüngen eilten sie auf den Wald zu. Zwei der Tiere ließen ihre Losung bei Cairlach fallen; jenem uralten Elfen, der vor zwei- oder dreitausend Jahren beschlossen hatte, »für eine Weile zur Eiche zu werden«. Ab und zu knarzten seine weit ausladenden Astarme, wie um zu beweisen, dass noch Elfenblut durch seinen Körper floss. So auch jetzt; er protestierte mit Geraschel gegen die respektlose Tat der Spurbären.

»Verzeih die Unverschämtheit unserer Tiere, edler Cairlach«, sagte ich. »Wenn die Jagd erfolgreich ist, werden wir dir opfern, wie immer. Ein Hirn. Ein Herz. Eine Leber. Wir werden die Teile zwischen deine Wurzeln legen. Damit du dich daran erinnerst, wie es ist, zu denken, zu leben und zu saufen.«

Laetico kicherte hinter mir. Für ihn waren diese Rituale unnützer Tand. Spielereien, deren Sinn ihm die Feme-Lehrer erzählt hatten, den er aber nicht verstand. Mehr noch als bei vielen meiner Kameraden und Freunde vermisste ich bei ihm ein Gefühl für Verantwortung.

»Weiter«, rief er, »weiter!« Leichtfüßig lief er an mir vorbei, den anderen Teilnehmern der Jagdgesellschaft hinterher. Trunken vor Lust und Freude, atemlos angesichts der Hatz, die uns erwartete.

Ich blickte zurück.

Schloss Tiollo hinter mir ragte fast hundert Meter hoch. Die feinen Arme der Korallenburg verästelten sich in beängstigender Vielfalt zu einem dicken, nahezu undurchdringlichen Stamm. Einzelne Ausleger, manche von ihnen in Blüte stehend, ragten weit in den Himmel. Ich wusste, dass Teile der Anlage tief in die Erde hineinreichten und ich nur einen Teil des Gesamtkomplexes sehen konnte. Mehr als tausend Getreue hatte König Golpash um sich versammelt. Um sich und seine teure Gemahlin, die prächtige Eirinya ...

Sie stand am Ende eines vor Alter braun gewordenen Korallenauslegers und ließ ein Tüchlein im Wind flattern. Ich winkte zurück; bis ich verstand, dass das Zeichen ihrem Sohn, dem Prinzen, galt.

»Komm endlich!«, schallte Laeticos Ruf zu mir herüber. »Die Spurbären haben Witterung aufgenommen! Willst du, dass man uns nachsagt, wir wären zu spät zum Ersten Blut gekommen?« Seine Wangen waren gerötet, und mit der Rechten fuhr er immer wieder über die schartige Kerbe seines meterlangen Widerspießes, seines liebsten Jagdwerkzeugs. Er hatte seine Mutter nicht bemerkt, hatte nur noch Augen und Ohren für die Jagd.

»Bin schon da!«, rief ich zurück und eilte ihm mit langen Schritten hinterher.

Täuschte ich mich, oder konnte ich tatsächlich die prüfenden Blicke Eirinyas in meinem Rücken spüren?

Cucurr schlug an. Er hüpfte hoch, krallte sich in einen jungen Baum und zog eine lange Spur in das frische Holz, bis er wieder auf dem moosigen Erdboden landete.

»Hast du was gerochen, mein Kleiner?«, fragte ich sanft. »Eine Beute, welche die anderen noch nicht gewittert haben?«

Cucurr fuhr sich mit einem seiner Vorderläufe über die erdbedeckte Nase und nieste zur Bestätigung.

Wie verabredet imitierte ich den Brunftschrei des Amstelrattlers. Es dauerte nicht lange, bis ich Laetico nahen hörte.

»Du bewegst dich wie ein Kamorhin durch den Wald!«, beschwerte ich mich leise, als er an meine Seite trat. »Kein Wunder, dass die Sauen dich auslachen.«

»Red nicht so großspurig«, sagte der Erbprinz gut gelaunt. »Ohne deinen Bluthasen wärst du ein Nichts bei der Jagd.« Er seufzte theatralisch. »Warum willst du ihn mir nicht verkaufen, Fiomha? Ich schenke dir Land. Magisches Geschmeide. Verbotene Preziosen aus dem Menschenreich. Ich vermittle dir Frauen, deren Liebeskünste jene deiner drei Freundinnen bei Weitem übertreffen.«

»Manche Dinge kann man eben nicht kaufen«, sagte ich. »Aber still jetzt! Cucurr ist schon ganz aufgeregt. Die Sau muss sich in unmittelbarer Nähe befinden.«

Ich konnte sie riechen und fühlen. Mein Bluthase schmiegte sich eng an meine Beine. Die raue Haut rieb über meine Hose. Ich fühlte, wie sich Cucurrs Muskeln anspannten, wie er auf die Beute loshetzen wollte und nur auf meinen Befehl wartete.

Hab ein wenig Geduld!, gab ich ihm mit ein paar Streicheleinheiten zu verstehen. Du bekommst deine Chance.

Ich sichtete das Gelände und schätzte unsere Möglichkeiten ein. Wir standen am Rand einer kleinen Lichtung, die ausreichend Platz zum Taktieren ließ. Guirdach lag fest in meiner Hand. Die Klinge freute sich ebenfalls auf Arbeit, obwohl ich daran zweifelte, dass sie mir ausreichend gute Dienste leisten würde. Wahrscheinlich musste ich mich aufs Fangnetz und auf Laeticos Geschicklichkeit im Umgang mit dem Widerspieß verlassen.

Es knackte im Unterholz, links von uns. Ich bedeutete dem Prinzen, ruhig zu sein und sich in den Schatten eines Baumes zu ducken. Alles verlief so, wie ich es mir erhofft hatte. Wir standen schräg zum Wind, die Dunkelminzfelder überdeckten den Rest unseres ohnehin schwach ausgeprägten elfischen Körpergeruchs.

Die Sau war groß. Gewaltig. Mit ihren Stichhörnern fegte sie Gebüsch und Niedrigholz beiseite. Wahrscheinlich handelte es sich um ein Muttertier, das schon mehrmals geworfen hatte. Laetico neben mir spannte seine Muskeln an. Ich spürte seine Aufregung. Vor fiebriger Erwartung konnte er sich kaum noch beherrschen. Ungeduld war eine seiner größten Schwächen.

Ein junger Baum fiel dicht neben mir zu Boden, und die Sau brach zwischen den Büschen zur Lichtung durch. Sie sah sich mit ihren kurzsichtigen, schmalen Äuglein um. Hinterlist funkelte in den stechend schwarzen Pupillen. Sie tat so, als hätte sie uns nicht gesehen, doch ich war mir sicher, dass sie auf unseren Fehler wartete.

Und Laetico tat ihr den Gefallen.

Er schrie laut auf, stürmte mit weit vorgerecktem Widerspieß auf die Sau los. Ohne lange darüber nachzudenken, dass das Tier mit seiner überlegenen Reichweite in diesem offenen Terrain deutlich im Vorteil war.

»Bleib stehen, du Narr!«, rief ich Laetico hinterher und versuchte, ihn zurückzuhalten.

Vergeblich.

Er stach mit aller Kraft auf die Sau ein. Sein Hieb war gut geführt – doch nicht gut genug. Die Klinge prallte an den Knochenplatten des linken Schultergelenks ab und blieb in der Flanke stecken. Die Sau schüttelte sich unwillig, als hätte eine Stechfliege sie gebissen, und schleuderte Laetico, der den Griff des Widerspießes fest umklammert hielt, gegen einen der alten, krummen Bäume. Der Prinz stöhnte laut auf und fiel wie ein nasser Sack zu Boden.

»Los jetzt!«, drängte ich Cucurr. »Zeig, was du kannst!«

Ich hätte lieber noch gewartet, bis alle Vorteile auf meiner Seite gewesen wären. Doch die vorzeitig geführte Attacke des Prinzen warf meine Pläne über den Haufen. Nun ging es darum, die Sau davon abzuhalten, Laetico zu zermalmen.

Mit weiten Sprüngen hetzte Cucurr los. Ein reizend anzusehendes Fellknäuel, weiß, mit schwarzen Läufen, das überhaupt nicht in diese Umgebung zu passen schien. Doch der Bluthase hatte gelernt, selbst in dieser ungewohnten Umgebung seine Vorteile zu nutzen. Er schlug Haken, folgte keinem bestimmten Bewegungsmuster und umtanzte die Sau, die sich mittlerweile zu ihrer vollen Größe aufgerichtet hatte. Ihre Zitzen waren schwer und teilweise vereitert. Wahrscheinlich war ein Großteil ihres letzten Wurfs verendet, und der Schmerz ihres Verlustes machte sie nochmals aggressiver.

Cucurr erreichte sein Ziel. Er sprang der Waldsau in den Nacken, öffnete das schrecklich breite Maul, verbiss sich im weichen Fleisch der Halsregion. Er packte zu und würde nicht mehr loslassen. Mit seinem ganzen Gewicht würde er würgen und beißen und beißen und würgen, mit unfehlbarem Instinkt immer näher an die faltige Kehle des Muttertiers heranrutschen. Und mochte Cucurr auch sterben: Seine Kiefer würden sich nicht mehr öffnen.

Ich tat einen Schritt vor, schlug mit Guirdach zu, traf den rechten Hinterlauf der Sau und wich sogleich wieder zurück. Beinahe hätte es mir die Waffe aus der Hand gerissen. Das monströse Tier folgte mir! Ungerührt von Cucurr in seinem Nacken, ungerührt von meinem Hieb, den es zumindest als unangenehm empfunden haben musste.

Schwaches Licht drang hinter mir durch Blattwerk auf die Lichtung und erzeugte unangenehme Reflexe, die meinen Gegner weiter irritieren mussten. Ich bewegte mich, so gut es ging, auf dem feuchten, tiefen Boden, deutete einen Ausfall an und zog mich weiter zurück.

Nur nicht zu nahe kommen!, sagte ich mir. Waldsauen zeigten mitunter phänomenale Reflexe im Nahkampf. Sie umarmten ihre Gegner, umschlangen sie mit ihren Krallpfoten, mit denen sie selbst Wiedhopfen zerreißen konnten. War man einmal in diese Umarmung geraten, gab es kein Entkommen mehr. Die Waldsauen ließen sich auf das Opfer fallen und erdrückten es mit ihrem Körpergewicht, um es daraufhin in aller Gemütsruhe aufzufressen.

»Ich ... komme!«, stotterte Laetico. Er hatte sich hochgerappelt und taumelte nun ebenfalls auf die Lichtung, mit dem Fangnetz in den Händen.

Er sah fürchterlich aus; eine Fleischwunde zog sich quer über Wangen und Mund, unter dem feinen Tuch seines Hemdes trat Blut hervor, und seine Hände zitterten unkontrolliert. Dutzende Widerhaken von wilden Rosen hatten sich in Beine und Arme gebohrt.

»Bleib, wo du bist!«, rief ich ihm zu.

Die Sau witterte meinen Freund. Sie drehte sich beiseite, weg von mir. Der Widerspieß in ihrer Flanke bewegte sich mit der Drehung, prallte gegen einen Baum und zersplitterte. Cucurr hatte sich zentimeterweise vorgearbeitet und hing bereits unmittelbar neben der Gurgel des Tieres. Der Bluthase atmete schwer und gierig. Er wusste, dass er seinem Ziel nahe war. Roter Lebenssaft troff ihm aus dem Maul, das breiter und breiter zu werden schien.

Dann stürmte die Sau auf Laetico zu! Wie hypnotisiert starrte der Erbprinz seinen Gegner an. Wahrscheinlich war er noch benommen und registrierte nur mangelhaft, was rings um ihn vorging. Er hielt das Fangnetz vor sich, dieses lächerlich wirkende Gespinst, als könnte es ihn vor der Wut und Wucht des um ein Vielfaches schwereren Gegners retten.

Ich riskierte alles. Von der Seite kommend, näherte ich mich der Sau, sprang ihr auf den Rücken und hielt mich an den Rückgratborsten und den metallenen Resten des Widerspießes fest. Guirdach hatte ich beiseitegeworfen. Die Klinge war viel zu lang und für den Nahkampf ungeeignet. Mein Messer, das ich noch nicht mit einem Namen ausgezeichnet hatte, glitt wie von selbst in meine Rechte. Ich wusste, wo ich treffen musste. Doch wie sollte ich diesen winzigen Fleck anvisieren, dieses zentrale und durch massive Muskelstränge geschützte Nervenbündel, angesichts der Wucht, mit der mich die Waldsau hin und her schleuderte?

Immer wieder stach ich auf sie ein, mit aller Macht, mit aller Verzweiflung. Laetico stand mit dem Rücken zu einem alten und ehrwürdigen Baum, von jeglicher Kraft verlassen. Er starrte mich, das Tier und Cucurr an, als könne er nicht glauben, was da vor sich ging. Wann hatte man schon davon gehört, dass ein Elf auf einer Sau ritt?

Es war vielleicht der zwanzigste Stich, mit dem ich das Ziel im Rückenmarksbereich meines tierischen Gegners erwischte. Die Sau tat vor Schmerz einen Satz in die Höhe wie ein bockendes Pferd. Sie drehte sich in der Luft um die eigene Achse, bewies unglaubliche Gelenkigkeit. Ich musste loslassen, konnte mich nicht mehr länger auf dem Rücken des tödlich getroffenen Tiers halten. Ich wirbelte durch die Luft und landete mit dem Rücken in einer Lache. Der Aufprall raubte mir den Atem. Ich schluckte Wasser und musste angestrengt husten.

Ein breiter und massiver Schatten fiel über mich. Die Sau taumelte über die Lichtung auf mich zu. Blut quoll aus ihrem Maul, tröpfelte an den Reißhauern entlang zu Boden. Sie stieß ein erbärmliches Quieken aus, das der Aggressivität, die sie nach wie vor ausstrahlte, widersprach.

Sie hatte mich als ihren letzten Gegner ausgemacht. Sie wusste, dass ich sie tödlich verletzt hatte, und wollte sich rächen. Mit zitternden Beinen kam ich auf die Knie und kroch auf den Waldrand zu, so rasch ich nur konnte. Die Schmerzen in der Brust waren schier unerträglich. Jeder Atemzug brachte mich an den Rand einer Ohnmacht. Sicherlich hatte ich mir eine oder mehrere Rippen gebrochen.

Wenn mir doch nur ein Schutz- und Heilzauber eingefallen wäre! Ich beherrschte nur wenig Heilmagie; doch wenn ich mich zumindest des Glaubens an die eigene Stärke hätte besinnen können ...

Ich verfluchte meine Faulheit; immer wieder hatte ich während der letzten Jahre die Atem- und Sammlungsübungen vernachlässigt, hatte sie auf später verschoben ...

Das hässliche Quieken war nun direkt hinter mir. Ich fühlte den fauligen, Übelkeit erregenden Gestank des Ungetüms in meinem Nacken. Und ich wusste, dass ein einziger Hieb mit einer Vorderklaue der Sau genügte, um meinen Körper von oben bis unten aufzuschlitzen ...

Jetzt!, sagte ich mir und sprang, meinem Elfeninstinkt folgend, so weit wie möglich beiseite. Und keinen Moment zu früh: Die Sau hatte sich auf mich gestürzt – beziehungsweise dorthin, wo ich noch vor wenigen Augenblicken gewesen war. Sie platschte ins schlammige Wasser. Lehm, Gras und Erde spritzten fontänenartig hoch und verbargen das sterbende Tier vor meinen Blicken. Das Quieken wurde leiser, bis es nur noch wie ein nachhallendes Echo klang. In der sterbenden Stimme lagen kein Zorn und keine Wut mehr, sondern Verwunderung ... und schließlich Gleichgültigkeit.

Ich blieb liegen, wo ich war. Endlich gelang es mir, mich der Atemübungen zu besinnen und die Schmerzen aus meinen Gedanken zu verbannen. Nach geraumer Zeit richtete ich mich auf. Schwankend stand ich da, lediglich eine Körperlänge von der erlegten Sau entfernt. Letzte Nervenzuckungen ließen das Tier sachte zittern.

Etwas bewegte sich neben ihm. Cucurr wühlte sich aus dem Schlamm und hoppelte mit wenigen Sprüngen an meine Seite. Der Bluthase wirkte unverletzt. Er mümmelte mit seiner Schnauze und begann, sich das Blut aus dem Fell zu putzen. Sehr bald schon würde Cucurr wieder wie ein etwas zu groß geratenes Kuscheltier wirken und die holde Damenwelt mit unschuldig wirkenden Blicken aus tiefroten Augen entzücken.

»Laetico?«, rief ich leise, hoffend.

Ein schwaches Wimmern antwortete mir.

Ich folgte dem Geräusch – und fand den Erbprinzen ausgestreckt im Moos nahe dem Waldrand liegen. Er hatte sich nicht auf den Beinen halten können. Blut pochte aus einer tiefen Wunde in der Brust, und der linke Arm stand in einem unmöglichen Winkel vom Rumpf ab.

»Wie sehe ich aus?«, fragte Laetico mit brechender Stimme. »Ich befürchte, mein Haar ist ein wenig durcheinandergeraten.«

»Da ist nichts, was sich nicht mit ein wenig Melkfett reparieren ließe«, gab ich so ruhig wie möglich zur Antwort. »Bleib liegen und konzentriere dich aufs Atmen; ich sorge dafür, dass Hilfe kommt.«

Die Jagdgesellschaft konnte das schrille Todesquieken der Sau unmöglich überhört haben! Die Sammler und Schlächter mussten sich bereits auf dem Weg hierher befinden, und in ihrem Gefolge befand sich sicher ein Heilkundiger.

Oder?

Ich tat ein paar Schritte in den Wald hinein und blieb stehen. Es fiel mir von Augenblick zu Augenblick schwerer, mich zu konzentrieren. Und meine Verletzungen schienen schwerer zu sein, als ich mir eingestehen wollte.

In weiter Ferne hörte ich die Treiber gegen Felltrommeln klopfen, gefolgt vom lang gezogenen Gebrüll der Spurbären. Ein Jagdschrei erschallte. Er klang fröhlich und siegesgewiss. Offenbar hatte der Rest der lustigen Gesellschaft seinen Spaß mit einem Beutetier.

Ich zog das Horn aus dem Futteral und blies Alarm, so laut ich konnte. Der Ton klang erbärmlich, kläglich. Ich schaffte es kaum, genügend Luft aus meinen Lungen zu pressen, um irgendein Geräusch zu erzeugen. Es versandete und drang sicherlich nicht weiter als ein paar Dutzend Meter durch den Wald.

Gab es eine andere Möglichkeit, Hilfe herbeizulocken?

Nein.

Ich war zu schwach, um auch nur ein paar Schritte zu tun. Klopfte ich mit einem Prügel gegen einen hohlen Holzstamm, würde das Geräusch in jener Kakofonie, die die Treiber und Jäger verursachten, untergehen.

Ich musste mich zusammenreißen. Wollte ich Laetico retten, blieb mir keine andere Möglichkeit, als über alle Grenzen hinauszugehen.

Elfen sind belastbar. Weit mehr als Menschen, und manche von uns besitzen die Gabe, jegliches Empfinden auszuschalten. Man kann, wenn man bereit ist, alles zu riskieren, sogar den Tod betrügen. Doch die Konsequenzen sind unabsehbar. Krankheit oder Siechtum können die Folge sein.

Also konzentrierte ich mich auf mein Inneres und dachte den Schmerz beiseite. Er war nicht mehr wichtig. Es gab nur das eine Ziel: Kraft zu sammeln, die Lungen mit Luft aufzupumpen und in das Horn zu blasen, so laut es ging.

Keine Angst mehr. Kein Körper mehr. Kein Denken mehr. Nur noch das Horn und der Wunsch, das Leben meines Freundes zu retten.

Ich blies. Der Ton klang erbärmlich, doch ich ließ mich nicht beirren und presste das letzte Restchen Sauerstoff aus den Lungen.

Die Beine versagten mir den Dienst. Sie waren zu Fremdkörpern geworden; zu steifen, unbeweglichen Holzklötzen. Ich kippte zur Seite, prallte gegen irgendetwas, fiel zu Boden. Ich sah nur noch mit einem meiner Augen. Das zweite war von Moos und Erdreich bedeckt. Ein Käfer krabbelte gemächlich über meine Nase, und ich musste lachen. Die Situation erschien mir so abstrus, so lächerlich ...

Alles entfernte sich von mir, wurde kleiner und unbedeutender. Ich empfing die Ohnmacht mit offenen Armen.

Das Erwachen war schrecklich. Ich lag nicht in meinem Bett, wie ich insgeheim gehofft hatte. Neben Suidhan, Levelle und Crosspartit, die sich darin überboten, mich gesund zu pflegen und mir mit ihren ausgefeilten Liebestechniken die Lust am Leben zurückzugeben.

Nein; ich fühlte harten Stein unter meinem Rücken, und es roch nach verfaulenden Blumen. Meine Sinne waren wie betäubt. Nur mein Kopf war einigermaßen klar.

»Bleib ruhig«, sagte jemand zu mir. Ich erkannte Sidhacs Stimme. Der Heilkundige galt als der Schlächter seines Berufsstandes; besonders dann, wenn er etwas getrunken hatte.

Er beugte sich zu mir herab, bis sein dünner Kinnbart mein Gesicht kitzelte. Er stank nach Kräutern und Vergorenem.

»Du stirbst«, sagte er leise, »genauso wie der Erbprinz. Die Verletzungen sind zu schwer, um sie mit meinen Mitteln zu heilen.«

»Und deswegen weckst du mich?«, krächzte ich mit rauer, in meinen eigenen Ohren seltsam klingender Stimme. »Um mir zu sagen, dass es vorbei ist?«

»Du und deine Vorfahren – ihr seid eine merkwürdige Sippe«, fuhr der Heilkundige fort. »Du ähnelst deinem alten Herrn sehr. Ich frage mich, ob du es überhaupt wert bist, gerettet zu werden.«

Ich lachte und musste husten. Flüssigkeit füllte meinen Mund. »Bist du etwa mit dir selbst nicht einig?«

»Mach dich nicht lustig über mich, Fiomha, sonst lasse ich dich verbluten.« Sidhac tastete mit seinen knochigen Fingern unter meinen Kopf und hob mich hoch, mit einer Kraft, die ich ihm nie zugetraut hätte. »Erkennst du den Ort?«, fragte er mich.

Ich sah mich um. Mein Sehsinn war gestört, und ich konnte die Umrisse der Steine, Bäume und Sträucher kaum voneinander unterscheiden. Ich schüttelte den Kopf – bereute es im nächsten Moment jedoch bitterlich. Der Schmerz, den diese einfache Bewegung verursachte, war schier unerträglich.

»Dies ist der Eingang zu Vonlants Refugium«, sagte Sidhac laut und deutlich, als spräche er mit einem Idioten. »Erinnerst du dich an den Namen?«

»Vonlant, der Eremit«, murmelte ich. »Ein Mann, der beschlossen hatte, Weisheit zu finden, indem er die Zeit bezwang.«

Sidhac lachte. »So hast du es in den Schriften und Büchern gelesen. In Wirklichkeit aber ist Vonlant ein Narr von besonderer Qualität.« Er hob mich wie ein Spielzeug hoch und führte mich an breiten Stachelsträuchern vorbei, einen Weg entlang.

Nach wie vor spürte ich meinen Körper kaum. Da waren lediglich Taubheit und unendliche Müdigkeit. Gleichgültig ließ ich Sidhac tun und lassen, was immer er wollte.

Wir gelangten ins Zentrum eines von Felswänden eingeschlossenen Areals. Totenstille herrschte hier. Im Zentrum der Anlage stand ein einzelner Stein. Mannsgroß, von weißem Moos bewachsen.

»Dies ist Vonlant«, sagte Sidhac. »Er versteinerte vor ... Wie lange ist es her?«