image

Rache der Verbannten

Michael Marcus Thurner

Rache
der Verbannten

Roman

1 Die Larve

Wie heißt du?«, fragte Alebin und zog sich sein Hemd vom Leib.

»Cyrwyth, Herr«, antwortete die kleine Elfe.

»Und wie gefällt es dir in Lyonesse?«

»Gut, Herr.«

»Natürlich, denn du kennst ja auch nichts anderes als Fanmórs Domäne und dieses halb versunkene Inselreich.«

Alebin zupfte am Träger des dünnen, von Wunschraupen gewebten Gazeschleiers seines Gegenübers. Das Kleid löste sich von den Schultern der Elfe. Es war so leicht wie eine Feder und rutschte im Zeitlupentempo Cyrwyths Körper hinab. »Du bist hübsch«, log er.

»Danke, Herr.«

»Beim blöden Enki!«, fluchte Alebin. »Könntest du dir wenigstens die Mühe geben, mir so etwas wie Interesse vorzuheucheln?«

»Gerne, Herr.« Cyrwyth trat näher an ihn heran. »Soll ich mich widerspenstig verhalten? Abweisend? Bösartig? Gutmütig? Launisch?«

»Ich möchte, dass du du selbst bist!«

Die Elfe schwieg und blickte betreten zu Boden. »Das kann ich nicht, wie du weißt.«

»Weil du nicht willst. Weil du dir niemals Mühe gegeben hast, eigene Gedanken in deinem leeren Kopf zu formulieren. Du bist ein dummes Geschöpf; eine Faserelfe

»Ja, das bin ich, Herr.«

Faserelfen. Wesen, deren gedankenlose Eltern sich niemals um ihre Kinder geschert und sie sich selbst überlassen hatten. Faserelfen waren im Reich der Sidhe Crain oder anderer Königshäuser aufgewachsen, ohne jemals die Chance zu erhalten, sich ihrer Identität bewusst zu werden. Anders als Menschenkinder benötigten Elfen keine besondere Hilfe, um die Jahre der Kindheit zu überstehen. Sie wuchsen fast wie von selbst auf und waren, kaum dem Krippenalter entwachsen, in der Lage, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Doch sie blieben Hüllen ohne Persönlichkeit, wenn die zwischenelfischen Kontakte ausblieben und sie nicht ein Mindestmaß an elterlicher Zuwendung erhielten.

Faserelfen waren unterprivilegiert. Meist mussten sie im Gefolge höhergestellter Elfen billige Handlangerdienste leisten. Kaum jemand kümmerte sich um sie, kaum jemand registrierte ihre Anwesenheit. Das bisschen Bildung, das sie aufschnappten, bezog sich auf die Arbeit, die sie verrichten mussten. Diese Erfahrungssprengsel waren wie dünne Grashalme im weiten Feld des Wissens. Sie halfen ihnen, irgendwie am Leben zu bleiben und sich nicht selbst zu vergessen, um zu brüchigem Tuff-Stein zu werden.

»Ich möchte, dass du mich liebst!«, forderte Alebin.

»Liebe, Herr?« Cyrwyth sah ihn verwirrt an.

»Ich rede von Leidenschaft und Hingabe.« Er berührte die Elfe, fuhr mit beiden Händen ihre Körperlinien abwärts. Dann schloss er die Augen und dachte an andere Frauen. An eine ganz bestimmte Frau. An ihr kastanienbraunes Haar und diesen verführerischen Blick, den sie wie eine Waffe einsetzte und dessen Wirkung sie sich dennoch kaum bewusst war.

Alebin spürte Cyrwyths erste zögerliche Berührungen. Ihre Hände waren so kalt wie der Rest ihres Körpers. Die Faserelfe begann, ihn mechanisch zu streicheln. So, wie sie es irgendwo, irgendwann gelernt haben musste.

Alebin packte sie fester, drückte sie an sich und küsste sie – mit geschlossenen Augen, denn er wollte ihrem starren, teilnahmslosen Blick unter keinen Umständen begegnen. Er zog Cyrwyth zur Bettstatt, die auf seinen Wunsch hin mit Rosenblüten aus einem der Zuchtbetriebe von Lyonesse bedeckt worden war. Das Licht Dutzender Kerzen flackerte im Luftzug rings um das Lager.

Noch fester presste er seine Lippen auf die ihren. Er wollte Cyrwyths Leidenschaft spüren, wollte fühlen, wie sie ebenfalls von der Erregung gepackt wurde.

Sie aber zögerte. Dachte sie nach und suchte nach Erinnerungssplittern, die ihr sagten, wie sie sich verhalten sollte?

Alebin schob ihre Beine auseinander und begann, ihren nackten Körper zu liebkosen. Cyrwyth stöhnte nun mit jeder Berührung; ihr Becken hob und senkte sich.

Sie tut, was man von ihr verlangt, sagte sich der Elf. Sie funktioniert auf Knopfdruck. Aber sie empfindet nichts.

Alebin konzentrierte sich abermals auf die Erinnerung an jene Frau, neben der er viel lieber gelegen hätte. Es half nur wenig. Unter ihm bewegte sich ein kaltes, uninteressiertes Geschöpf, das nicht einmal einen Grund für seine eigene Existenz kannte.

Fast fühlte er Mitleid mit Cyrwyth. Sie ertrug ein grausiges Schicksal und war darüber hinaus mit dem Fluch der Beinahe-Unsterblichkeit belegt.

Die Unsterblichkeit hat ein Ablaufdatum, dachte Alebin düster und erinnerte sich all der körperlichen Wehwehchen, die er immer deutlicher spürte. Die Zeit der Elfen geht zu Ende, wenn wir nicht bald den Quell der Unsterblichkeit finden. Dann ist es vorbei mit meinem eigenen Reich, vorbei mit der Rache an Bandorchu und Fanmór – und vorbei mit Cyrwyths Leid.

Er sah an sich hinab. Seine Männlichkeit versagte. Alebin, der Frauenheld, der im Reich der Menschen über Jahrtausende hinweg Herzen gebrochen hatte, scheiterte an sich selbst und seinen trübseligen Gedanken.

Nein! Er richtete sich auf und konzentrierte sich auf einen Hypnosezauber, den ihn Enki, der sumerische Gott der List, der Weisheit und der Unersättlichkeit, gelehrt hatte. »Ki-sigil ug hé-mu-ù-zu«, murmelte er, »ki-sigil ug hé-mu-ù-zu.«

Alebin wiederholte den Spruch mehrere Male. Bis er fühlte, wie seine Hemmungen verschwanden und seine Körperlichkeit wieder jenen Stellenwert einnahm, den er sich wünschte. Er fiel über Cyrwyth her und beglückte sie nach allen Regeln der Kunst. Irgendwann meinte er gar zu fühlen, dass die Faserelfe auftaute und ein gewisses Interesse an dem zeigte, was er mit ihr anstellte. Ihrer beider Bewegungen fanden zu einem naturgegebenen Gleichklang, und manche Worte, die sie stöhnte und seufzte, klangen ehrlich gemeint.

Alebin hingegen blieb stumm. Erst als er den Höhepunkt des Liebesaktes erreichte, rief er laut: »Nadja!« – und bewirkte den Zauber, den er für seinen perfiden Plan benötigte. Der Liebesakt endete so, wie er es sich vorgestellt hatte.

2 Stadtbegehung

Nadja glaubte platzen zu müssen. In ihr dampfte und gärte es. Sie fühlte sich hin und her geschubst, manipuliert, dirigiert und gesteuert. Dieser goldene Käfig namens Lyonesse war ein weiterer Tiefpunkt in ihrem Dasein.

Im Rückblick kam ihr das Leben, das sie vor der Begegnung mit Rian und David geführt und als aufregend empfunden hatte, ungemein beschaulich und langweilig vor. Seit diesen Tagen stand alles kopf, im wahrsten Sinne des Wortes. Nadja hatte neue Welten entdeckt, die nebenan, über- und untereinander existierten; sie hatte ein Kind empfangen, das darauf beharrt hatte, selbst zu bestimmen, wann es auf die Welt kommen wollte. Sie hatte ihre Mutter gefunden und viel zu rasch wieder verloren; ebenso den Vater, der wie andere Freunde von diesem Abgrund namens Ragnarök verschluckt worden war.

Nun bettete die junge Frau ihren Sohn Talamh in der Krippe aus Ebenholz zur Ruhe. Ihr Kind ließ es geschehen. Genüsslich nuckelte der Kleine an seinem rechten Daumen, und mit einem seligen Lächeln auf den Lippen schlief er ein. Nadja nickte Margarethe, der fürsorglichen Amme, zu und schlich sich aus dem Schlafgemach.

An der Tür blickte sie zurück. Rings um die Krippe sprossen frische Triebe aus dem jahrhundertealten Holzboden; selbst die gepolsterte Liegestatt Talamhs war von Ranken bedeckt. Hellgrüne Blätter entrollten sich und tasteten zärtlich nach dem Kleinen, betörender Duft erfüllte den abgedunkelten Raum.

»Möchtest du einen Spaziergang unternehmen, Herrin? Hinab in die Stadt?« Der bucklige Doolin erwartete sie im Gang. Er war nur eine der vielen kruden Gestalten, die Alebin um sich geschart hatte. Schaum spritzte aus seinem Mund und klatschte auf den Boden.

Doolin war ihr einer der liebsten Aufpasser. Er war unaufdringlich, verfügte über Charme und Humor, und er brachte Nadja trotz der unangenehmen Lage, in der sie sich befand, zum Lachen.

»Talamh wird nicht lange schlafen«, sagte sie zögernd. Obwohl … Es reizte sie, ein wenig mehr von Lyonesse zu sehen. Immerhin erlaubte man ihr selten genug, den Rosen-Palast zu verlassen.

»Komm schon!«, drängte Doolin. »Der Kleine würde sich wehren, wenn er etwas gegen einen kleinen Ausflug hätte. Nicht wahr?«

Der Bucklige hatte recht. Talamh wusste sich sehr wohl zu artikulieren, und er besaß eine Willenskraft, die weit über alles hinausging, was Nadja jemals gesehen und erlebt hatte.

»Also gut«, sagte sie und deutete dem Kleinen voranzugehen. Doolin folgte der Einladung ächzend.

Sie wanderten labyrinthische Gänge entlang, bis sie die Vorhalle erreichten und den Rosen-Palast durch ein Nebentor verließen. Grazil gebaute Elfen, die Wache standen, blickten ihnen hinterher. Viele Bewohner von Lyonesse brachten Nadjas Anwesenheit in erster Linie mit dem Auftauchen Alebins in Verbindung. Nadja wurde geduldet, aber kaum einer der Burginsassen mochte sie.

Doolin geleitete sie ins Freie. Geblendet schloss sie die Augen. Die Sonne, die es in dieser Zwischenwelt gar nicht geben durfte, warf ihre Winterstrahlen flach übers Land.

Es war kalt. Nadja zog ihren Umhang fröstelnd enger. Soeben schob sich ein schwarzer Schatten vor die Sonnenkorona, und im selben Augenblick fühlte sie die Kälte auch in ihrem Herzen. Schmetterlinge, besser gesagt: Schmetterlingsflügel, trieben im kalten Wind dahin. Die schwarze Masse umrundete das Königreich immer wieder und schuf einen Teil jener Grenze, die den Getreuen und Bandorchu davon abhielt, in Lyonesse einzufallen.

»Es war einmal schön hier«, sagte Doolin.

»Es ist noch immer atemberaubend schön«, betonte sie.

»Nur ein Abklatsch dessen, was einmal war. Zu jeder Zeit des Jahres tönte Musik durch die Gassen, der Rosenduft war betörend, die Bewohner feierten und waren glücklich. Aber nun …«

Doolin schwieg. Nadja wusste, worauf er abzielte – und warum er seinen Ärger nicht in Worte fassen konnte. Alebin hatte Macht über ihn, so wie auch über ein Dutzend weiterer Gesellen, die im Rosen-Palast Dienst versahen. Allerdings nahmen der Bucklige und die alte Hexe Koinosthea eine herausragende Position im Gefolge des Elfen ein. Seit geraumer Zeit fragte Nadja sich, wie dieses Naheverhältnis zu erklären war. Wenn sie einen Fluchtplan entwickeln wollte, benötigte sie so viele Informationen wie möglich.

Stumm wanderten sie den schmalen, ausgetretenen Weg hinab in die Stadt. Links und rechts reihte sich ein Prachtbau an den nächsten. Rosen in allen Farben und Schattierungen hingen in Büscheln über gekalkten Mauern, Speerlinge zwitscherten vor sich hin, golden schimmernder Efeu rankte sich an Hauswänden nach oben. Moosiger Boden dämpfte den Klang ihrer Schritte. Es war ruhig. Zu ruhig.

Am Ende des Weges blieb Doolin stehen und deutete auf das Zentrum jenes Platzes, der sich vor ihnen ausbreitete. Es wurde von einem runden, mehr als zwei Meter durchmessenden Ziehbrunnen beherrscht, in dessen Stein unzählige Runen und Zeichen geritzt waren.

»Der Wünschelbrunnen«, sagte der Bucklige andächtig.

»Man wirft eine Münze ins Wasser, denkt an einen Wunsch, und mit ein wenig Glück geht er in Erfüllung.« Nadja wusste ganz genau, um was sie bitten würde, hätte sie die Gewissheit, dass dieses Ding funktionierte.

»Das ist eine typisch menschliche Auslegung eines alten Mythos«, widersprach Doolin. Er lächelte schief, sein Buckel wanderte langsam von der linken zur rechten Schulter. »Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus: Du stellst sich zum Brunnen und wartest. Mitunter musst du ganz schön viel Geduld aufbringen. Siehst du den Tropfstein dort drüben? Das ist der alte Gaewych. Er kam hierher, als Tristan noch ein junger Knabe war.« Ein kurzes Räuspern, dann fuhr Doolin fort: »Aber zurück zum Prozedere: Du musst dich konzentrieren und zu begreifen versuchen, welch ein Wunder unten im Brunnen vor sich geht. Was für ein Geschenk der Natur es ist, dass wir kurzlebigen Wesen mit frischem Wasser versorgt werden, mit eiskaltem Nass, das sich mithilfe der Götter einen Weg durch Erdreich und Fels gebahnt hat, um uns am Leben zu erhalten. Wenn du dies verinnerlicht hast und beginnst, das Geheimnis der Lebenswerdung wirklich, wirklich zu begreifen – dann wird der Brunnen mit dir sprechen. Er wird einen Wunsch äußern …«

»Der Brunnen wird etwas von mir verlangen?«, unterbrach Nadja entgeistert.

»Was dachtest du denn?« Doolin kicherte. »Er wird dir die Möglichkeit geben, deine Dankbarkeit für das Wunder der Schöpfung zu beweisen, und so ein besseres Wesen aus dir machen.«

Nadja versuchte zu verstehen. »Ich glaube, dass mir die Geduld dafür fehlt, stehend zu warten, bis der Brunnen Hallo! zu mir sagt.«

»Ein, zwei Jahre könnten reichen, meine Hübsche. Wenn du dann noch bei klarem Verstand bist und über ausreichend Vermögen verfügst, suchst du dir einen Stellvertreter und platzierst ihn stellvertretend für dich am Wünschelbrunnen.«

Nadja stutzte. »Machst du dich etwa über mich lustig?«

»Wer weiß, wer weiß …« Der Bucklige lächelte erneut, betrat den Platz und passierte den Brunnen in respektvollem Abstand. Als er jenen patzig wirkenden Massehaufen passierte, den er als versteinerten Gaewych bezeichnet hatte, streichelte er mit einer Hand über das bunt bemalte Objekt. Es steckte in einer metallenen Fassung. Runenzeichen waren in Bodennähe eingeritzt.

Nadja fröstelte und machte, dass sie weiterkam. Spielte ihr die Fantasie einen Streich, oder hatte sie tatsächlich eine Art Hand gesehen, die aus dem Stein herausragte und Doolins Gruß erwiderte?

Die Masse schwarzer Schmetterlingsflügel stand nun hoch am Firmament. Sie verharrte dort für eine Weile, um dann Richtung Festland weiterzuziehen, Richtung Cornwall. Einige dunkle Flocken fielen vom Himmel; irgendwo, irgendwann lösten sie sich in nichts auf, nicht ohne eine Wirkung auf die Bewohner der Stadt auszuüben. Von einem Augenblick zum nächsten machte sich Angst in den Gesichtern der Menschen und Elfen breit. Selbst Nadja spürte, wie etwas nach ihr griff. Es zeigte ihr ein Panoptikum von Bildern, die so rasch an ihr vorüberzogen, dass sie sie kaum erfassen konnte – und dennoch wusste, dass sie an Schrecklichkeit kaum zu überbieten waren.

Der Hauch von Anspannung und Panik löste sich binnen weniger Sekunden auf. Die wenigen Wesen, die die Straßen bevölkerten, gingen gleich wieder ihrem Tagwerk nach, als wäre nichts geschehen. So als wollten sie keinesfalls darüber nachdenken, was passiert war.

»Ich bin hungrig und durstig«, sagte Nadja.

»Gehen wir ins Merry Maidens«, brummte Doolin in seinen zotteligen Bart. »Die Bedienung ist manchmal freundlich, manchmal nicht; aber die Speisekarte hält, was sie verspricht. Wir werden unser Glück auf die Probe stellen.« Er zog Nadja in eine Seitengasse, deren Trittsteine kupferrot eingefasst waren.

Mehrere Elfen lungerten vor einem Lokal, dessen Außenfront in bunten, fröhlichen Farbtönen gehalten war. Sie hielten die Hände vor die Münder und redeten gedämpft miteinander. Sicherlich beschäftigten sie sich mit der Situation im Rosen-Palast. Längst machten sich die Auswirkungen des »politischen Umsturzes«, wie es die Menschen ausgedrückt hätten, auch in den Dörfern und Weilern von Lyonesse bemerkbar. Das Reich war von der Außenwelt isoliert. Der Getreue, Liebhaber und treuester Anhänger der schwarzen Königin Bandorchu, verlangte immer wieder Einlass. Er klopfte, pochte, hieb und donnerte gegen die Bannmauer, die Lyonesse umgab – ungestüm und in nahezu regelmäßigen Abständen. Im Auftrag seiner Herrin drängte er danach, Alebin zu vernichten. Und er wollte Nadja für seine eigenen Bedürfnisse vereinnahmen.

Doolin betrat die Schenke. Mit seinen breiten Schultern bahnte er sich einen Weg durch die Gäste. Nadja spürte die taxierenden Blicke der Anwesenden über sich gleiten. Ihre Rolle war den Bewohnern von Lyonesse unklar. Immer wieder tauchte sie in unmittelbarer Nähe Alebins auf. Der gar nicht mehr so heimliche Herrscher des Landes behandelte sie mal wie eine Fürstin, mal wie eine Gefangene. Nur zu gerne hätte Nadja ihre Geschichte erzählt. Doch dazu hätte sie weit, weit ausholen müssen. Und im Grunde genommen war sie sich ihrer Rolle noch immer nicht klar.

»Ihr wünscht?«, fragte der bärbeißige Wirt. Seine Eckzähne ragten wie Hauer aus Unter- wie Oberkiefer.

»Einen Rosensaft für die Lady, einen Bunsenbrenner für mich.«

»Den Bunsenbrenner scharf oder ganz scharf?«

»Die Hausmischung. Und frisch gemischt, bitte schön.«

Der bucklige Doolin reichte gerade mal einige Zentimeter über die Thekenkante. Er leckte sich mit sichtlicher Vorfreude über die wulstigen Lippen, während der Wirt die Getränke vorbereitete.

Unter anderen Umständen hätte Nadja über ihren so harmlos und tollpatschig wirkenden Begleiter gelacht; doch sie wusste nur zu gut, was der Kleine draufhatte. Er war ihr Betreuer, Leibwächter und Aufpasser.

Der Wirt schob sich eine Maske übers Gesicht, schüttete einen guten Liter anthrazitfarbenen Gebräus in eine Art Holztränke und wich geschickt den hochwirbelnden Ätzwolken aus. Danach mischte er mehrere Tropfen dicksämiger Flüssigkeit dazu. Mithilfe zweier Zangen entkorkte er eine weitere Flasche und schüttete nun auch deren Inhalt ins hölzerne Gefäß, um zu guter Letzt schwarzes Pulver aus einem elfenbeinernen Horn hinzuzufügen.

»Das sieht aus wie Schwarzpulver!«, rief Nadja. Sie musste schreien, sonst wäre ihre Stimme in dem prall gefüllten Lokal untergegangen. Ein paar Sekunden lang war die Halbelfe der Mittelpunkt des Geschehens gewesen, nun aber verhielten sich die Bewohner von Lyonesse wieder so abweisend wie üblich.

»Das ist Schwarzpulver«, brüllte Doolin zurück, »und ich hoffe, dass es von ausreichender Qualität ist! Sonst …«

Der Bucklige ließ offen, was dieses »sonst« zu bedeuten hatte. Nadja hakte nicht nach.

»Weg da, ihr Hunde!«, brüllte der Wirt.

Die Gäste reagierten augenblicklich. Sie zeigten gehörigen Respekt vor dem Mann hinter der schmuddeligen Theke. Angesichts der Muskelberge, die sich unter seinem fetttriefenden, zerrissenen Hemd abzeichneten, war dies kein Wunder.

Plötzlich packte Doolin Nadja und zog sie zurück. Rings um den Wirt entstand ein Freiraum von gut und gern zwei Metern, den der Herr des Hauses nun nutzte. Er schob einen Holzspan unter die Herdplatte, wartete geduldig, bis er Feuer fing, und tauchte ihn in die Holztränke. Gleich darauf sprang er von der Theke zurück – dennoch entging er der Stichflamme, die hoch zur Decke schoss, nur um Haaresbreite. Es krachte im Gebälk; eine vorsorglich an den Holzbohlen über ihm angebrachte Metallplatte knisterte und knackste.

»Und das nennst du frisch, du Sohn eines linksdrehenden Haggis-Bocks?«, schrie Doolin über das Getöse hinweg. »Weißt du nicht, wen du vor dir hast?«

Für einen Augenblick zeichnete sich so etwas wie Angst im Gesicht des Wirts ab. »Verzeih mir, Doolin«, rief er. »Ich vergaß die Würze.«

Er öffnete eine Metalldose, holte eine Messerspitze grünblauen Pulvers hervor und ließ es zwischen zittrigen Fingern in den Holztrog rieseln.

Nun wurde es richtig laut, und diesmal kam der Wirt nicht ohne Verbrennungen davon.

Nach einem Essen, das wesentlich besser schmeckte, als es aussah, kehrten Nadja und Doolin um. Der Bucklige wählte einen Weg, der über meist offenes Gelände führte. Also lustwandelten sie durch Parklandschaften, die eine großartige Aussicht auf die Ländereien rings um den Rosen-Palast erlaubten. In weiten Teilen der Umgebung schien die Welt noch in Ordnung zu sein. Viele Zuchtrosenstöcke standen selbst in der Winterszeit in Hochblüte. Manche waren von dickem Reif überzogen, manche gediehen ungeachtet der Kälte. Es war, als hätte Talamh seine Blicke auf sie gerichtet und ihre Schönheit mit einem Lächeln erweckt.

»Lyonesse ist bezaubernd«, sagte Nadja. Sie widerstand dem Impuls, ihren Kopf an Doolins Schulter zu lehnen. Erstens reichte die Körpergröße des Buckligen dafür nicht aus, und zweitens war ihr seine Rolle in diesem Spiel nicht klar.

»Lyonesse ist bezaubernd«, echote ihr Begleiter.

»Lebst du schon immer hier?«

»Ich stamme aus Ballinalaken Castle, nahe der Dorfschaft Doolin im irischen Clare County«, sagte der Bucklige in redseliger Laune. Vermutlich war sie dem dritten Bunsenbrenner geschuldet, den er kurz vor dem Aufbruch im Merry Maidens in einem Zug geleert hatte. »Ich bin der uneheliche Sohn des Erdgespenstes Carwyn von Saxon. Aufgrund meines Familienstatus hatte ich keinerlei Anrecht darauf, im Land meines Vaters zu bleiben. Also ging ich auf die Wanderschaft …«

»Du bist der Sohn eines Erdgespenstes?«, hakte Nadja nach.

»Der uneheliche Sohn«, betonte Doolin. »Meine Mutter war eine Herumtreiberin. Ein Wirrlicht …«

»Du meinst ein Irrlicht!«

»Unterbrich mich nicht ständig! Ich habe zwar ein paar Liter Alkohol und ein knappes Pfund Schwarzpulver getankt, aber ich weiß immer noch recht gut, was ich sage. Sie war ein Wirrlicht, das aus einem Polarlicht-Streifen entsprungen und südwestlich abgedriftet war. Jedenfalls fand mein Vater Gefallen an ihr. Während ihrer Vereinigung kam es zu einer ektoplasmischen Verstofflichung. Und das Resultat bin ich, in all meiner Pracht und Größe.«

Er warf sich in eine Pose, die, wie Nadja fand, jämmerlich geriet. Nur mit Mühe verkniff sie sich ein Lächeln. »Schwindelst du mich wirklich nicht an, Doolin?«

»Können Gespenster schwindeln?«, stellte er eine philosophische Gegenfrage, um gleich darauf ernst zu werden. »Alebin hat ein gewisses Faible für Mischwesen wie mich. Er hat mich vor langer Zeit angeworben und an sich gebunden.« Doolin rang mit sich. Er schien mehr sagen zu wollen, doch es gelang ihm nicht. Alebin besaß zweifellos Macht über ihn, die der Bucklige nicht zu brechen in der Lage war. »Er parkte mich in Lyonesse und jetzt, da er mich benötigt, muss ich … muss ich …«

Schweißüberströmt brach er ab. Lag es am Alkohol oder an den Gedanken an seinen Herrn und Meister?

Sie erreichten die Zugbrücke, die über den mit brackigem Wasser und Seerosen gefüllten Burggraben führte.

Cunomorus zeigte sich auf der Wehr oberhalb des Haupttores. Unruhig ging er auf und ab. Sein helles, langes Haar flatterte im Wind. Jemand schien nach ihm zu verlangen, denn plötzlich zuckte er zusammen und wandte sich ab.

Nadja und Doolin nutzten diesmal den Weg über die Zugbrücke. Wiederum wurden sie von Elfen empfangen, die die Besucherin mit kritisch-missbilligenden Blicken bedachten.

»Es hat sich viel geändert im Rosen-Palast«, sagte Nadja, um das Schweigen zwischen ihr und dem Buckligen zu brechen. Sie deutete auf die ehernen Verteidigungswerke und klobigen Steinmauern, die so ganz anders wirkten als jene fragilen Wehren, die Nadja kurz nach ihrer Ankunft in der »City of the Lioness« wahrgenommen hatte.

»Alebin liebt Veränderungen«, bestätigte Doolin. »Er ist ein unruhiger Geist. Mich wundert allerdings, dass er so viel Mühe aufbringen ließ, um das äußere Bild der Burg nach seinen Vorstellungen zu verändern. Wäre ich an seiner Stelle, würde ich meine Energie in die Außenverteidigung von Lyonesse stecken.«

In der Tat blieb der schottische Elf rätselhaft. Er war gleichermaßen bösartig, großzügig, hinterhältig, liebenswert, weltmännisch und spießig. Jede seiner Eigenschaften fand sich in seinem Charakterbild gespiegelt. Wer, so fragte sich Nadja, ist Alebin wirklich?

Sie musste Ohren und Augen offen halten – und ihr gefährliches Spiel, das sie mit Alebin am Laufen hatte, noch ein Stückchen weiter treiben. Interesse an ihm zeigen und sich im nächsten Moment distanziert geben – wie lange wird er da noch mitspielen?, dachte sie. Ich muss es riskieren. Vielleicht findet sich in seiner Vorgeschichte der Schlüssel, den ich benötige, um meine Familie zu befreien.

Kaum hatten sie den Fuß in den Palas gesetzt, trat eine alte Hutzelfrau aus dem Schatten eines Säulengangs. Koinosthea, Nadjas offizielle Gesellschaftsdame. »Alebin wünscht dich zu sehen«, sagte sie. »Du sollst dich einkleiden.«

»Aber Talamh …«

»Für deinen Sohn ist gesorgt. Margarethe kümmert sich um ihn.« Die Alte entblößte ihr mangelhaftes Gebiss. »Husch, husch – lass deinen Herrn nicht warten!«

Nadja nickte Doolin dankbar zu und folgte Koinosthea. Der Bucklige hatte ihr ein paar Stunden geschenkt, während deren sie ihr Elend vergessen hatte. Nun aber war es an der Zeit, wieder in die traurige Realität zurückzukehren. Koinosthea stand für all das Schlechte, das mit Alebins Ankunft im Rosen-Palast Einzug gehalten hatte. Sie hätte seine Mutter sein können …

3 Stadtgespräche

Alebin ließ den Rosen-Palast, den Regierungssitz des Königs Cunomorus, nach seinen Vorstellungen verändern. Der Rosenthron zeigte Anzeichen steinerner Verwesung. Verwelkte Blütenblätter aus Granit umgaben den Sitz. Mit jedem Schritt trat Alebin auf die Reste der Schönheit, die dieses einmalige Kunstwerk einst ausgezeichnet hatte.

Steinmetzger einer uralten Zwergen-Dynastie hatten während der vergangenen Wochen zwei weitere Throne aus schwerem, dunklem Mondstein geschlagen. Der eine, glatt und schmucklos, überragte die anderen. Er war über zwölf Stufen zu erreichen, von denen jede höher als die vorherige lag. Tiefe Kratzspuren zeigten sich im Fels. Sie waren Zeugnis jener Langeweile, die Shumoonya von Zeit zu Zeit befiel.

Alebin bestieg den Dunkelsitz und hieß die Bestie, auf dem kleinsten Thron neben ihm Platz zu nehmen. Sie gehorchte dem Kommando, rollte sich auf der breiten Sitzmulde ein und schloss die Augen.

»Wie geht es dir, Cunomorus?«, fragte Alebin den düster vor sich hin brütenden Elfen zu seiner Rechten.

»Wie soll es mir schon gehen … Herr?«, antwortete der König mit einer Gegenfrage, ohne sein Haupt zu heben. »Du kontrollierst mich und mein Reich, das Volk verachtet mich. Wir werden zwischen Bandorchus und Fanmórs Heertruppen aufgerieben.«

»Das siehst du ein wenig zu schattig. Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, werden wir bald unserer Probleme ledig sein. Dann kannst du abdanken und mir die schwere Last der Regierungsarbeit auch formell übertragen. Ich sorge dafür, dass du einen deinen Verdiensten um Lyonesse angemessenen Alterssitz zur Verfügung gestellt bekommst. Eine kleine Kate, ein oder zwei Diener und ein paar Säckchen mit Rosensamen werden’s tun, nicht wahr?«

»Wenn du es sagst …«

Alebin griff nach rechts, packte eine der steinernen Rosenranken und pflückte mehrere Granitblätter ab, die er zwischen seinen Fingern zerbröselte. Er ärgerte sich. Cunomorus machte ihm diesmal nicht allzu viel Freude. Der König gab sich abweisend und reagierte nicht auf seine Sticheleien.

Nein, er benötigte Aufmunterung. Die Mußestunde mit Cyrwyth hatte ihm in keinerlei Hinsicht Befriedigung verschafft. Sie war vom säuerlichen Geruch der Arbeit übertüncht gewesen.

Alebin dachte nach. »Ist denn heute nicht der Tag der Rechtsprechung in Lyonesse?«, fragte er lauernd.

Cunomorus zuckte zusammen. Wie schön.

»J… ja«, antwortete er zögernd.

»Ich wäre hocherfreut, wenn ich dir bei deiner Arbeit zusehen dürfte. Willst du mir diesen klitzekleinen Gefallen tun?«

Die Bitte war ein Befehl. Alebin wusste es, und der Elf an seiner Seite wusste, dass er es wusste.

Cunomorus drückte mit einem seiner langen, zartgliedrigen Finger auf den Rücken des Gongschlägers. Der derb aussehende Zwerg erwachte aus seinem Halbschlummer. Kupferne Patina, die er während der letzten Stunden angelegt hatte, blätterte von ihm ab. Verwirrt blickte er sich um und machte sich mit verdrießlichem Gesicht an die Arbeit. Die tiefe Furche, durch die er Anlauf nahm, zeugte vom häufigen Gebrauch seiner Dienste. Hart rammte der Zwerg den Schlegelkopf gegen den Messing-Körper des Gongs. Ein dumpfer, tiefer Ton erfüllte den Thronsaal. Dann drehte sich das kleine Dienerwesen taumelnd um, grinste dümmlich und trabte zurück zu seinem Sitzplatz, um gleich darauf wieder einzuschlafen.

Das breite Haupttor des Hauptsaals öffnete sich. Ein hochgewachsener Elf, den Alebin als den Truchsess Nymen erkannte, trat ein. »Du wünschst?«, fragte er nach einer angedeuteten Verbeugung.

»Gibt es Volk, das der Rechtsprechung bedarf?«, fragte Cunomorus.

»Es ist niemand gekommen, Herr.« Der verächtliche Unterton in Nymens Stimme war nicht zu überhören. »Die Bürger von Lyonesse wälzen derzeit andere Sorgen.«

»Und dennoch geht das Leben weiter«, sagte Alebin anstelle des Königs. »Willst du mir weismachen, dass das Getreide nicht mehr wächst und dass der Bäcker nicht mehr bäckt? Brennt kein Feuer mehr in den Stuben, wird nichts mehr gegessen?«

»Natürlich, Alebin, aber …«

»Wo Mensch und Elf miteinander auskommen müssen, gibt es immer Streitigkeiten!«, unterbrach Alebin schroff. »Der König möchte sich dem Volk zeigen und seine Weisheit unter Beweis stellen. Dieses stolze Land mag von äußeren Kräften bedroht sein. Wir mögen uns fürchten, aber wir werden niemals akzeptieren, dass jemand anders als wir selbst unser Leben bestimmt. Habe ich recht, Cunomorus?«

»Ja«, sagte der König verdrießlich und winkte ab. »Folge dem Wunsch meines Beraters, Nymen.«

»Wie du wünschst, Herr.« Erneut verbeugte sich der Truchsess.

Bevor er den Saal verließ, warf er einen besorgten Blick auf die Bestie, deren Krallen mit einem grässlichen Geräusch aus den so sanft scheinenden Pfoten hervorglitten.

»Du hast gute und treue Gefolgsleute, Cunomorus«, sagte Alebin. »Sie gehorchen wie treue Hunde.«

Der König schwieg – wie auch der schottische Elf.

Er hatte einen Fehler begangen und sich selbst an die irische Wolfshündin Cara erinnert, die ihm so viele Jahre lang zur Seite gestanden hatte.

Ein Bauer, dem ein gewisser Anteil an elfischem Blut ins blasse Gesicht geschrieben stand, beklagte sich über einen Nachbarn, der ihm einen schmalen Grenzstreifen und den Zugang zu einer Quelle streitig machte. In sich versunken hörte Cunomorus zu, dann fällte er ein salomonisches Urteil: Beide Parteien mussten auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten.

Eine Rosenzüchterin mit Grazie und bemerkenswerter Schönheit deutete auf einen mitgebrachten Strauß ihrer Blumen. Er war verdorrt und von Läusen befallen. »Das war die Sippe der Lypex-Zwerge, die unter meinem Land haust und es mit ihren Gängen unterminiert!«, klagte sie. »Sie sammeln wertvolle Insekten, um mit ihnen ihre Mahlzeiten zu würzen, und sie lassen Schädlinge zu, die sich ungehindert vermehren.« Die Dame zog eine Schnute. »Ich habe nichts gegen die Lypex; aber sie vermehren sich wie die Nickel, und sie halten sich nicht an die alten Abmachungen.«

»Ich werde mich mit Charastys, dem Oberhaupt der Lypex, unterhalten«, sagte der Elfenkönig unverbindlich und warf einen Blick auf den Gongschläger.

Der wieder versteinerte Zwerg entstammte dem Geschlecht der trägen Lypex. Er und einige weitere Haushaltshilfen waren Teil einer Abmachung zwischen Cunomorus und Charastys gewesen. Der König würde mit seinen Forderungen vorsichtig sein müssen, wollte er den gesellschaftlichen Frieden in Lyonesse wahren.

»Ein Sachwalter wird sich die Schäden ansehen, die durch die Arbeit der Zwerge entstanden sind«, fuhr Cunomorus fort. »Sollten sie tatsächlich so groß sein, wie du sagst, erhältst du eine Entschädigung aus der königlichen Schatulle.«

Die Frau verbeugte sich, murmelte ein »Dankeschön« und mischte sich rückwärtsgehend unter die Zuhörer. Sie wirkte zufrieden mit dem Urteil.

Alebin sah sich aufmerksam um. Er entdeckte Nadja. Sie stand gegen eine Säule gelehnt. Ihre Miene wirkte verdrießlich wie so oft in letzter Zeit. Aufmerksam beobachtete sie das bunte Treiben, ohne das Gespräch mit einem der Anwesenden zu suchen.

Mittlerweile hatten sich mehr als fünfhundert Wesen – manche waren Adlige, Diener oder Bittsteller, andere schlicht zwischen Elfen- und Menschenwelt stecken gebliebene Reisende – rings um die drei Throne versammelt, um der Rechtsprechung des alten Königs zu lauschen. Ihre Stimmung verbesserte sich mit jedem Urteil, das er sprach, und auch Cunomorus selbst gewann an Sicherheit.

Alebin gönnte den Zuhörern diese kleine Freude. Sollten sie sich doch für eine Weile der Illusion hingeben, dass alles in Lyonesse war, wie es sein sollte. In diesem kleinen Übergangsreich, das auf dem Meeresgrund vor der Küste Cornwalls lag – und dann doch wieder nicht. In dem man keine Schatten mochte – sie aber dennoch akzeptierte. In dem Menschen und Elfen, aber auch Minderheitengruppen aus Götterkreisen, Zwerge und Pixies ihren Platz gefunden hatten, genau wie die seit Jahrhunderten fröhlich vor sich hin sterbenden Miniszipeln, die groß gewachsenen Karawankler, Tratten, Habergeißen, Fuß- und Armschnepfen, Mischwesen und selbst die meist ungelittenen Steinbeißer.

Viel Zeit verging. Die Schlange der Wartenden wurde allmählich kürzer. Ein Pixie beklagte sich über einen eingewachsenen Zeh, den ihm ein Nachtmahr angeblich angehext hatte; elfische Drillinge stritten so heftig miteinander, dass Cunomorus ihre Körpertrennung veranlassen musste. Ein bärbeißiger Menschenmann verlangte Ersatz für eine Brosche, die ihm ein luftiger Göttergeist vom Hals gerissen hatte, und ein würdevoll daherschreitender Elf, der nahe dem Palast in einem kleinen Schlösschen lebte, beschwerte sich über die »Unmoral nicht einmal fünfhundert Menschenjahre alter Halbwüchsiger«, die immer wieder seinen labyrinthisch angelegten Rosen-Park aufsuchten, um dort »Unzucht zu treiben«.

Cunomorus gab sich größte Mühe. Stets suchte er auf fast krankhafte Art nach Ausgleich und Gerechtigkeit. Es war … es war … widerlich.

»Schluss jetzt!« Alebin stand auf und bedeutete der Bestie, sich ebenfalls von ihrem Thron zu erheben. Shumoonya streckte sich und gab einen nervös klingenden Laut von sich. »Mir wird übel, wenn ich euch zuhöre!«, rief der schottische Elf. »Habt ihr nichts anderes zu tun, als bedeutungslose Problemchen zu wälzen? Ihr streitet euch um Grenzlinien und um verloren gegangenen Schmuck, um verletzte Herzen und um nichtssagende Schmähungen, während vor den Toren von Lyonesse ein Krieg tobt, der uns bald auch im Inneren zu erfassen droht! Seid ihr euch der Ernsthaftigkeit der Situation denn nicht bewusst?« Alebin ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen. Da und dort sah er Wesen, meist Elfen, die verständnisvoll nickten. Er prägte sich ihre Gesichter ein. »Geht jetzt nach Hause und macht euch klar, was ihr geschaffen habt und was ihr besitzt. Und dann überlegt euch, was schon morgen passieren könnte, wenn diese Hexe Bandorchu oder der nicht minder bösartige Fanmór beschließen, über unser Reich herzufallen.«

Cunomorus wagte einen Einspruch. »Aber du sagtest doch selbst, ich sollte …«

»Seht ihn euch an, euren König!«, unterbrach Alebin den Herrscher mit dröhnender Stimme. »Er versteht sich gut darauf, die kleinen Geplänkel zwischen euch zu schlichten. Aber ist er der Richtige, um Lyonesse in diesen Stunden großer Not vor dem Fall zu retten?«

Gemurmelte Kommentare hallten von den Wänden des Saales wider. Die meisten waren voll unterdrückten Zorns, weil er es gewagt hatte, dem König ins Wort zu fallen. Weil er seine Macht über den Herrscher ungeniert zur Schau stellte. Aber auch diesmal meldeten sich Widerredner zu Wort. Elfen, die sich seinen Argumenten zugänglich zeigten und die es in diesem Land des Stillstands nach Taten dürstete.

Alebin unterdrückte ein Lächeln. Diese wenigen mochten den Knetstoff bilden, den er benötigte, um Lyonesse nach seinen eigenen Vorstellungen von innen umzuformen. Was er sagte, war letztlich egal. Es kam vielmehr darauf an, wie er es sagte. Wie und ob sein Auftreten im direkten Vergleich mit Cunomorus Anklang fand.

»Seht ihn euch doch an!« Erneut deutete Alebin auf den König. »Er tut, als ginge das Leben wie immer weiter, als hätten wir nicht dringendere Aufgaben zu erledigen. Wir sollten uns auf die Invasion dieser schändlichen Feinde vorbereiten, viel mehr Leute unter Waffen stellen, Zauberkreise bilden und den Bann rings um Lyonesse verstärken.«

Cunomorus wollte aufbegehren, wollte sagen, dass die Idee, einen Tag der Rechtsprechung abzuhalten, in Wirklichkeit von Alebin ausgegangen war. Doch er schaffte es nicht. Ihm fehlte die Kraft, den ehernen Willen des schottischen Elfen zu brechen. Er beugte sein Haupt, so, wie Alebin es von ihm wollte, und gab sich zerknirscht.

Fünfhundert Gäste aus allen Bevölkerungsschichten sahen zu, wie der König seine Schwäche zur Schau stellte. Morgen würde es jedermann in Lyonesse wissen: Cunomorus ist ein Schwächling, ein Feigling, ein Versager. Er benötigte eine Stütze. Es ist gut, dass er einen wie Alebin an seiner Seite hat.

»Geht jetzt!«, forderte Cunomorus von den Anwesenden. »Seid versichert, dass ich mich mit all meiner Kraft um einen Ausweg aus dieser schier aussichtslosen Situation bemühe.« Er setzte einen traurigen Seufzer hinterher – Ausdruck seiner Verzweiflung und der Last, die auf seinen Schultern ruhte.

Die Tore öffneten sich prompt. Stumme Diener schoben die Anwesenden aus dem Saal.

Alebin war zufrieden. Er war auf dem besten Weg, einen neuen Mythos zu schaffen, mit sich selbst im Zentrum. Wenn sein Plan Erfolg hatte, würde kein Hahn mehr nach dem König krähen.

Sein Plan … Er wusste, wie er Bandorchu und Fanmór von diesem seinem Reich fernhalten und sie besiegen konnte. Über kurz oder lang würden ihm Menschen- und Elfenwelt gehören. Er benötigte lediglich ein wenig Zeit, um ein gewisses Objekt an sich zu bringen.

»Wie hat dir die Vorstellung gefallen?«, fragte er Nadja.

»Willst du ein ehrliches Urteil von mir hören?«

Die junge Frau gab sich reserviert wie so oft. Er hätte sie zu mehr Hingabe zwingen können; angesichts seiner noch frischen Erfahrungen mit der Faserelfe verzichtete er jedoch.

»Lassen wir das.« Alebin winkte ab und stieg von seinem Thron. Die Raubkatze folgte ihm im Abstand von wenigen Schritten. Cunomorus hatte den Saal längst verlassen und sich auf Alebins Geheiß in seinen Wohnbereich zurückgezogen. »Es tut mir leid, dass ich mich während der letzten Tage nicht ausreichend um dich kümmern konnte. Ich hoffe, meine Diener haben sich dir gegenüber respektvoll verhalten und dir gegeben, was du benötigst.«

»Spar dir dein salbungsvolles Gequatsche, Darby O’Gill!« Nadja stampfte zornig mit einem Fuß auf. »Wir beide wissen, was Sache ist …«

»Ich weiß es, aber du hast keine Ahnung, meine Liebe! Und nenn mich gefälligst nicht Darby O’Gill! Diese Zeiten sind vorbei. Ich bin Alebin; heute herrsche ich über Lyonesse und bald über die Reiche der Menschen und der Elfen.« So, wie es mir prophezeit wurde, fügte er in Gedanken hinzu.

Nadja schien eine weitere Erwiderung anbringen zu wollen, verkniff sie sich aber. Mit Mühe, wie Alebin feststellte. Änderte sie ihre Taktik?

»Hör mal, D… Alebin.« Sie kam näher. Ihr Kleid raschelte, ihre Bewegungen erweckten unbändige Lust in ihm. »Da war einmal etwas zwischen uns; damals, in York. Ich gebe zu, dass ich bis heute nicht weiß, mit welcher Art Zauber du mich verführt hast – oder ob es diesen Zauber überhaupt gab. Es ist mir jetzt einerlei.« Sie trat einen weiteren Schritt auf ihn zu. Ihr unverschämt guter Geruch stieg ihm in die Nase. »Willst du leugnen, dass du etwas für mich empfandest? Du warst zärtlich, wie ich es selten zuvor bei einem Mann erlebt habe. Du warst charmant, verführerisch, sexy, hingebungsvoll. Du hast mich glauben lassen, ich sei die einzige Frau im Universum …«

Nadja hielt inne. Sie sammelte sich, offensichtlich erregt. War da wahre Leidenschaft, oder gab sie ein Schauspiel zum Besten?

»Du kannst mir unmöglich erzählen, dass der Darby von damals nichts mit dem Alebin von heute gemein hat. Dass nichts mehr von dem in dir steckt, der du einmal warst.«

Er riss sich zusammen. Willentlich kontrollierte er seinen Atem und zügelte seine Lust. »Lassen wir die Spielchen, Nadja. Wir beide wissen, dass wir auf verschiedenen Seiten stehen. Die Ereignisse auf Island haben es mehr als deutlich gezeigt. Du hast Angst um deinen Sohn und den Vater deines Kindes. Du würdest alles tun, um die beiden in Sicherheit zu wissen, weit weg von mir.« Bedauernd fügte er hinzu: »Fast alles, vermute ich.«

Sie nickte. Zuerst zögernd, dann immer heftiger.

»Na also. Damit bleibt alles, wie es ist. Ich erlaube dir, Talamh regelmäßig zu sehen und ihn zu betreuen. Ich nehme an, das Balg spricht auf deine Liebesbezeigungen an. Was Dafydd betrifft: Du wirst ihn nicht wiedersehen. Ich benötige seine Dienste, und er darf bei seiner Arbeit nicht gestört werden.« Alebin unterdrückte ein Lächeln. »Es steht dir frei, Ausflüge ins Reich Lyonesse zu unternehmen. Doolin wird sich um dich sorgen, als hinge sein Leben von deiner Zufriedenheit ab.«

Was, wie sich Alebin erinnerte, ja auch zutraf.

»Versuch unter keinen Umständen, den Buckligen zu beeinflussen und auf deine Seite zu ziehen. Es würde misslingen, und es hätte unangenehme Konsequenzen für dich. Verstanden?«

Nadja nickte. Er konnte ihr ansehen, wie schwer es ihr fiel, ruhig zu bleiben. Am liebsten wäre sie über ihn hergefallen, um ihm die Augen auszukratzen oder noch Schlimmeres anzutun. Erinnere dich, was er dich lehrte: »Der Mensch ist, auch wenn er einen Mund zum Sprechen und dieses unleidige Ding namens Seele entwickelt hat, noch immer dem Tier näher als allen anderen Wesen, die unsere Welten bevölkern. Die Tünche der Zivilisation ist dünner, als man glauben sollte. Und nimm dich vor allem vor Müttern in Acht: Sie werden zu reißenden Bestien, wenn es um das Leben ihrer Kinder geht …«

»Von Zeit zu Zeit werde ich dich zu offiziellen Anlässen an meine Seite rufen«, fuhr Alebin fort. »Du wirst dich so kleiden, wie ich es dir befehle, und du wirst den herrschenden Usancen Tribut zollen. Es gibt keine beleidigte Schnute, kein Aufbegehren, keine Zwischenrufe.«

»Einverstanden.« Nadja presste die Lippen fest aufeinander. »Aber sag mir«, bat sie nach einer Weile, »wie du deine Ziele erreichen willst! Draußen, vor den Toren von Lyonesse, stehen die Armeen von Fanmór und Bandorchu. Beiden Seiten bin ich viel wert, wie du weißt.«

»Du meinst: Talamh ist ihnen viel wert.«

»Einerlei. Du musst damit rechnen, dass sie ihre Kräfte bündeln, um dich zu besiegen.«

»Sie sind zerstrittener denn je.« Alebin verschränkte die Arme vor der Brust und gab sich selbstbewusst. »Selbst wenn sie zu einem Arrangement finden, kann es nur von kurzer Dauer sein. Ihr Hass aufeinander ist einer meiner wertvollsten Verbündeten.«

»Mehr wirst du auch kaum finden.«

»Sei dir da bloß nicht zu sicher. Und jetzt wird es Zeit, dass ich mich um andere, wichtigere Dinge kümmere. Du darfst gehen, Nadja.«

Sie öffnete den Mund, doch er verschloss ihn ihr mithilfe eines kleinen Tricks, den er ihm beigebracht hatte. Die Menschenfrau drehte sich ruckartig um und verließ den Saal ohne ein Wort des Grußes.

Frauen … Er begehrte und hasste sie alle.

4 Alebins Erinnerungen, Teil 1

Hässliches, böses Geschöpf!«, kreischte die Mutter, nachdem sie ihn aus ihrem Leib gepresst hatte. »Schafft ihn mir aus den Augen. Ich will dieses Balg nie mehr sehen!« Sie ließ ihren Kopf zurückfallen, ächzte und wand sich unter den Schmerzen der Nachgeburt.

Alebin verstand nicht, was sie meinte. Er wäre gerne zurückgekrochen in diese warme, dunkle und anheimelnde Höhle. Doch stark pigmentierte Hände schnappten nach seinem kleinen und schwachen Körper. Er fühlte sich unter Wasser getaucht – Wasser! Er kannte diesen Begriff! – und gleich darauf mit einem groben Tuch abgerubbelt.

»Bringt ihn weg!«, sagte die Stimme, die zu den Händen gehörte. Alebin wurde weitergereicht; von der Amme mit den Zauberpusteln im Gesicht zum Heilelfen, vom Heilelfen zur menschlichen Magd, von der Magd zu einem grobschlächtigen Gork, dem die Einfältigkeit ins Gesicht geschrieben stand.

»Armes Würmchen«, sagte der Zwergriese und legte Alebin vorsichtig in einen Weiderindenkorb. Diesen platzierte er auf dem Sitz eines Kutschengefährts, dem zwei riesenhafte Wolpertinger vorgespannt waren.

Alebin war noch nicht in der Lage, sein Köpfchen so zu drehen, dass er sah, wohin ihn der Kutscher brachte. Peitschenschläge und Flüche begleiteten die lange Reise, wie auch eintönig-gleichmäßiges Licht. Die Wolpertinger sprangen wild auf und ab, waren kaum in der Spur zu halten.

Alebin fürchtete sich. Er war klein. Winzig. Verwundbar. Selbst der schwächste Pixie wäre in der Lage, ihn mit einem Biss zu töten.

Warum hat mich meine Mutter weggegeben?, fragte er sich. Was habe ich ihr getan? Warum beschimpfte sie mich?

Vorerst musste er es akzeptieren wie so vieles.

Er spürte seine Einzigartigkeit. Seit dem Moment seiner Geburt, jenem explosionsartigen, wundersamen Moment, trug er Wissen in sich, das sich andere Wesen erst mühsam aneignen mussten. Irgendetwas, das er sich nicht erklären konnte, hatte auf ihn eingewirkt. Sein Vater? War er etwa der Grund, warum ihn seine Mutter verstoßen hatte? Erinnerte Alebin sie an ihn?

Weitere Zeit verging, und der Hunger wurde unerträglich. Er verdrängte alles andere, selbst die Sehnsucht nach Mutter verblasste. Immer noch raste die Kutsche über Stock und Stein, einem ungewissen Ziel entgegen.

Irgendwann verlangsamte sich die Fahrt. Ein seltsames Kribbeln erfasste Alebin, und er fühlte, wie ihm etwas weggenommen wurde. Etwas, das in seinem Inneren ruhte. Er wollte es behalten; doch er war nicht stark genug, gegen den Sog anzukämpfen.

Noch nicht stark genug.

Allmählich ergaben sich Änderungen, und Alebin benötigte eine Weile, bis er feststellte, was rings um ihn geschah. Es dunkelte. Man hatte ihn in die Welt der Menschen gebracht. Mutter musste einen schier unbändigen Hass auf ihn haben, dass sie ihm etwas Derartiges antat.

Die Kutsche hielt, und die Wolpertinger schrien ihren Zorn in die dampfend kalte Luft hinaus.

Das pausbäckige Gesicht einer Frau in Lumpen, die ihre besten Jahre bereits hinter sich hatte, näherte sich dem seinen. Sie drückte Alebin einen feuchten Schmatz auf die Stirn, und er beschloss, sie dafür zu töten, sobald er dazu in der Lage war.

Abermals wurde er weitergereicht. An einen Mann, dessen Nase eine einzige rote Sommersprosse zu sein schien. Er hauchte ihm alkoholgetränkte Atemluft entgegen und zeigte ein verzerrtes Lächeln. »Ein süßer Kleiner ist das«, lallte er, »und er hat dieselben feuerroten Haare wie ich.«

»Ihr wisst, was ihr zu tun habt?«, fragte der Gork, ohne auf die Worte seines Gegenübers einzugehen.

»Ja. Das Würmchen ist ab nun unser Kind. Niemand wird jemals erfahren, dass wir es von Euch erhalten haben.«

»So ist es. Ein einziges falsches Wort – und ihr könnt euch sicher sein, dass meine Herrin davon Wind bekommt. Sie ist nicht gerade für ihre Liebenswürdigkeit bekannt.«

»Selbstverständlich. Wie ich bereits sagte: Unsere Lippen sind versiegelt.«

Das dümmlich wirkende Gesicht des Gorks geriet nun ebenfalls in Alebins Gesichtsfeld.

Wenn ich doch nur Kontrolle über meinen Körper hätte und mich gezielt bewegen könnte!

»Ihr seid Menschen«, sagte der Gork, dessen beeindruckender Bart ihm bis zum Bauch hinabreichte. »Ihr könnt kein Geheimnis für euch behalten. Ich bin mir sicher, dass ich euch einen zweiten Besuch abstatten muss. Irgendwann …« Seine Hand glitt wie unbeabsichtigt zum Dolch, dessen Klinge in einer kalten Sonne glänzte.

»Habt Dank für Eure Hilfe.« Abweisend hielt der Rothaarige dem Kutscher einen Beutel vor die Nase. »Hier ist der vereinbarte Lohn für Eure Herrin. Richtet ihr bitte unseren innigsten Dank aus.«

»Sie legt keinen Wert auf Dankbarkeit.« Der Gork schwang sich auf seinen Bock, ließ die Peitsche durch die Luft knallen und setzte saftige Flüche hinterher. Die Wolpertinger reagierten auf die Worte, nicht auf die Schläge. Mit weiten Bocksprüngen rissen sie das Gefährt an – und verschwanden mitsamt der Kutsche in einer nach Schwefel stinkenden Staubwolke.

Die Frau hieß Eylidh, der Mann Cay, und ihre bescheidene Kate befand sich auf einer Insel vor der Westküste Schottlands, die irgendwann den Namen Islay erhalten würde. Seine Zieheltern nannten ihn Dary; doch sobald er in der Lage war, sich zu artikulieren, sorgte er dafür, dass er bei seinem richtigen Namen gerufen wurde.

Alebin hasste das Klima auf Islay; diesen stürmischen, stets vom Atlantik her über das Land brausenden Wind, der dafür sorgte, dass die wenigen Einwohner selbst im Inneren ihrer Hütten, die sie mit Pferden und Schafen teilten, vornübergebeugt standen. Regen wechselte zu Sonnenschein, Sonnenschein zu Regen – und das dutzendfach am Tag.

Alebin hasste auch das Essen, das meist aus Fisch und geschmacklosen Bodenwurzeln bestand. Mitunter kamen Fleischinnereien oder getrocknete Algen auf die grob behauene Steinplatte, die ihnen als Tisch diente.

Alebin musste Cay zugestehen, dass er sein Möglichstes unternahm, um die kleine Familie am Leben zu erhalten. Sein Menschenmöglichstes … Dennoch hasste er die beiden. Eylidh begrub ihn unter einem Übermaß aus Liebe. Sie küsste und liebkoste ihn, durchstrubbelte bei jeder Gelegenheit sein wild wucherndes rotes Haar, und sie erzog ihn in den Gebräuchen ihres Volkes, das vor mehreren Generationen aus dem Norden Eires kommend nach Islay geraten war. Es schien, als wolle sie ihn mit aller Gewalt zu einem der Ihren machen, ohne auch nur zu ahnen, dass sich Alebin seiner Herkunft bewusst war.