Danksagung

Ein herzliches Dankeschön geht an alle Kolleginnen und Kollegen in meiner Schule, die meine Arbeit wohlwollend unterstützt haben durch das Lesen des Manuskriptes, manche Formulierungsvorschläge gemacht haben und mir weitere Anregungen für Spiele gegeben haben. Ein besonderer Dank gilt Martin Carle für Anregungen bei der Ausarbeitung der Texte und für die Übernahme einiger Spielideen, die aus seinem Manuskript oder seinen Fortbildungen stammen. Ebenso bin ich den Kollegen der Bochumer Rudolf Steiner Schule dankbar für die jährlichen Treffen, die mich angeregt haben, den Weg des bewegten Klassenzimmers weiter zu gehen.

Der größte Dank jedoch gebührt meiner Ehefrau Christel Dhom, die meine Arbeit stets durch zahlreiche Anregungen, kritische Anmerkungen und vor allem mit viel Geduld unterstützt hat.

Das bewegte Klassenzimmer am Beispiel der Otterberger Waldorfschule

Ein Vormittag im bewegten Klassenzimmer

Eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn ist der Klassenlehrer in seinem Raum. Die ersten Kinder kommen schon früh, weil die Eltern arbeiten müssen, einige auch, weil sie morgens nichts verpassen möchten. Der Lehrer begrüßt die Kinder an der Tür. Er hat zwei Bänkchen umgedreht, ein zwei Meter langer Balancierbalken ist entstanden, der die Kinder schon beim Betreten des Raumes zu einer ersten Gleichgewichtsschulung herausfordert. Freudig überqueren sie mit der Schultasche in der Hand den Balken. Nachdem der Schulranzen auf seinen Platz im Regal abgestellt ist, beginnen die Kinder, mit den Bänkchen und Kissen eine Bewegungslandschaft zu bauen. Eine «Burg» mit einer Auffahrrampe entsteht, ein Wassergraben mit schmaler Brücke, ein Fluss mit Steinen (Kissen). Fast alle Kinder, die nach und nach kommen, beteiligen sich an Aufbau und Spiel. Nur wenige setzen sich in eine Ecke, schauen zu, holen das Frühstück nach oder erzählen sich etwas. Immer wieder kommt der Lehrer in den Kreis der Konstrukteure, gibt kleine Anregungen oder Hilfestellungen beim Aufbau. Dabei hat er stets alles Geschehen im Blick, damit keinem Kind beim Bauen und Klettern etwas zustößt. Alle halten die gelernten Regeln für das Benutzen der Möbel ein:

Bänke müssen mit Teppichstoppern gesichert werden.

Das Betreten ist nur mit Gymnastikschläppchen oder barfuß gestattet.

Anstoßen und Antreiben anderer Kinder ist nicht erlaubt.

Jeder achtet auf den anderen und nimmt Rücksicht.

Den ganzen Klassenraum durchzieht eine «schaffige» Atmosphäre. In einer Ecke wird es recht laut. Ein Mädchen hält sich die Ohren zu. Der Lehrer hebt die Hand. Alle Kinder verharren einen Moment im Tun. «Ein bisschen leiser, bitte, damit sich niemand die Ohren zuhalten muss!» Die Kinder haben verstanden. Fleißig wird weiter gebaut.

Um 8.00 Uhr beginnt die reguläre Unterrichtszeit. Eine Klangschale gibt einen wohlklingenden Ton. Alle Kinder setzen sich still, wo sie gerade sind. Der Lehrer nimmt den gebauten Parcours, wie ihn die Kinder gestaltet haben, und stellt für alle Schüler einfache Bewegungsaufgaben. Unter eine umgedrehte Bank werden ein, zwei blaue Kissen gelegt. Jedes Kind überquert den «Fluss» über den Holm der Bank balancierend. Manche Kinder brauchen eine stützende Hand, andere gehen ganz souverän den Weg. Für diese wird der Rückweg erschwert durch ein Säckchen, das sie auf dem Kopf oder den Schultern transportieren. Durch die gemeinsamen Bewegungsaufgaben werden auch die unsicheren Kinder, die sich beim freien Spiel zurückhielten, zur gezielten Bewegungsschulung angeregt. Weitere Aufgaben folgen. Der Weg wird durch eine zweite Bank verlängert. Es wird dunkel und Nacht. Die Kinder legen den Weg mit geschlossenen Augen zurück. Nach zehn bis fünfzehn Minuten ertönt die Klangschale zum zweiten Mal. Alle Kinder helfen nun, rasch die Bänkchen und Kissen im Kreis anzuordnen. Das dauert nicht einmal zwei Minuten, und schon sitzen alle zum gemeinsamen Beginn im Kreis. Viele Kinder gehen rasch noch zur Schultasche, holen ihre «Schätze» heraus und legen sie auf einem Tuch ab.

In der Mitte des Klassenzimmers liegt ein Teppich, darauf steht ein kleiner Hocker, bedeckt mit einem Baumwolltuch, einer Kerze und einem Edelstein, daneben das Tuch mit den mitgebrachten Schätzen. So rennen die Kinder nicht unkontrolliert durch die Mitte. Dann beginnt der Morgenkreis. Der Lehrer erzählt eine kurze sinnige Geschichte von dem Eichenblatt, das vom Fliegen träumt. Dann kommen die Kinder dran. Der Erzählball, ein gefilztes Bällchen, wird weitergereicht – so lange, bis vier oder fünf Kinder von dem erzählt haben, was sie gerade beschäftigt, was sie gestern erlebt haben.

Danach werden die Schätze angeschaut, die die Kinder auf das Tuch abgelegt haben. Eine Vogelfeder liegt da, mehrere Hausaufgabenhefte, einige von den Kindern zu Hause gemalte Bilder, ein Kieselstein, ein Papierflieger. Die Kinder stellen kurz ihren mitgebrachten Schatz vor, auch die freiwilligen Hausaufgaben gehören dazu und regen so die anderen an, zu Hause das Gelernte zu üben oder in verwandelter Form zurückzubringen. Gestern wurde die Drei im Rechnen hervorgehoben und die Ziffer gelernt. Ein Kind hat ein ganzes Blatt voller bunter Dreier gemalt, ein anderes lauter Dinge dreimal – drei Blumen, drei Tiere, drei Steine –, ein drittes hat drei Flieger gefaltet.

Nachdem alle Schätze wahrgenommen wurden, werden sie wieder eingepackt. Nach einem Schlückchen aus der Trinkflasche beginnt der Lehrer mit dem Morgenlied «Guten Morgen, lieber Sonnenschein» die bewegte rhythmische Arbeit. Mit großen Bewegungen werden gesprochene Verse begleitet, fest gestampft, leise getrippelt. Von Spruch zu Spruch werden die Bewegungen kleiner und feiner und enden schließlich mit einem Fingerspiel. Alle Kinder setzen sich, nehmen ihr Fädchen aus der Hosentasche, und in wenigen Minuten wird ein neues Fadenspiel gelernt. Dann verschwinden die Fädchen wieder. Es ist inzwischen Viertel vor neun.

Die Arbeit mit den Zahlen beginnt. Alle stehen auf. Im Kreis laufen wir, Schritt für Schritt bis zwanzig und wieder zurück. Wir betonen den rechten Fuß, die Zwei, sprechen die ungerade Zahlen nur leise, so wird die Zweierreihe vorbereitet. Wer kann sie allein sprechen, mit seinem Freund laufen? Wir lernen, auf den anderen zu hören, innerlich mitzubewegen, was zwei Schüler äußerlich bewegen. Dann legen alle vierzehn Jungen ihr Kissen in die Mitte. Wir zählen nach. Zwei Kinder ordnen sie, immer zu zweit. Wie viel mal zwei ist vierzehn? Eine andere Anzahl Kissen wird genommen, ebenso geordnet, bis mehrere Aufgaben gerechnet wurden. Der Flötenton erklingt – das Zeichen für die Kinder, rasch aus dem Kreis die Schreibstube zu stellen. Jeder hebt mit seinem Nachbarn das Bänkchen, rückt es auf den neuen Platz und legt das Kissen dahinter. Jedes Kind weiß genau, wo die Bank zu stehen hat. Nun holen alle Kinder aus ihrer Schultasche das Rechenheft und die Stifte. Sie sitzen auf den Kissen, das Bänkchen wird zum Schreibtisch. Welche Aufgaben hatten wir zuerst, welche dann – die Kinder erinnern sich, die Aufgaben werden an die Tafel geschrieben und dann in die Hefte eingetragen. Und noch drei neue Aufgaben dazu, die die Kinder selbst ausrechnen. Außerdem noch zwei für jene, die schneller schreiben als die anderen. Fünf Minuten dauert das schriftliche Rechnen an diesem Vormittag.

Nach dem Hefteintrag ist kurze Pause für alle. Ein Schlückchen trinken, die Hungrigen müssen rasch einmal ins Brot beißen, Gang zur Toilette. Eine kleine Geschichte sammelt die Kinder wieder. Denn gleich erwarten wir Besuch. Es ist 9.30 Uhr, und der Englischlehrer kommt. Gern beginnt er den Unterricht frontal. So stellen die Kinder rasch die Bänkchen in drei Reihen, jeder kennt den Platz seiner Bank, heute zählt der Klassenlehrer nur bis 22, und alle Bänkchen stehen schon auf dem neuen Platz.

Mit einem «Good morning, class one» beginnt die bewegte Englischstunde. Alle Kinder stehen auf. Mit dem Lied «Spring is coming …» ahmen sie die Gesten des Lehrers nach. «From head to toe» … mit diesem Spruch geht es zur Körpergeografie auf Englisch. Dank der kleinen Bänkchen können sich die Kinder richtig bücken bis zu den Zehen.Tische und Stühle hindern nicht. Es gibt Platz genug. Dann wird wiederholt. Alle Kinder stehen dazu auf den Bänkchen. Anschließend werden die Präpositionen geübt. «Stand on, … in front of, go under …» unter die Bänkchen, vor die Bänke, auf den Bänken. «Jump off …» Die Freude steht den Kindern im Gesicht. Nun wird es schwieriger. Mit geschlossenen Augen geht es weiter: «Shut your eyes! – Put your hands on your head! – Wave your right hand! – Put your right hand on your left knee! – Put your left hand on your right elbow!»

Alle Kinder setzen sich. Ein Kind wird ausgewählt (gegebenfalls mit einem Auszählvers, z.B. «Little beggar comes to dinner …») und beginnt, bei dem Lied «Francis Fleet runs down the street …» den Hufeisenweg durch die Bankreihen zu laufen. Schließlich gilt es, auf ein Signal des Lehrers hin schnell stehenzubleiben – Impulssteuerung wird ganz nebenbei mitgeübt. Dann dürfen sich mehrere Kinder anschließen, zuletzt machen alle den Weg von Francis Fleet. Auf dieser Hufeisenform oder auch im Außenkreis lässt sich dann üben: «I am running, I am jumping, I am skipping, I am hopping, marching, walking on tiptoes» etc. Etwas ruhiger wird es wieder, wenn die Kinder sich auf den Bänken gegenübersitzen, sich die Hände geben und gemeinsam singen «Row, row, row the boat» und sich dazu rudernd bewegen. Wird eine Geschichte erzählt, vielleicht illustriert durch ein Bilderbuch, dürfen sich die Kinder ganz nah zum Lehrer auf den Boden setzen, lauschen und schauen. Rasch sind dreißig Minuten bewegter Sprachunterricht vergangen, und mit einem kleinen Gedicht, das die Kinder mit Gesten begleiten («The sun descending in the west …»), kommen sie noch einmal zur Ruhe, und der Sprachunterricht endet (s. die Beispiele auf S. 113ff.).

Als der Englischlehrer sich verabschiedet hat, freuen sich die Kinder auf ihr Frühstück. Alle Bänkchen werden zu einer großen Tafel zusammengeschoben, die Kinder holen ihre Platzdeckchen und ihr Frühstück heraus. Dann gehen alle die Hände waschen und setzen sich schließlich um die Tafel. Mit einem Tischspruch beginnt das gemeinsame Frühstück. Einige Kinder kennen das gemeinsame Essen in großer Runde nur von der Schule. Schön zu beobachten, wie hier ein Keks gegen eine Mandarine getauscht wird oder dort ein Wurstbrot gegen eine Brezel. Nach fünfzehn bis zwanzig Minuten ausgiebigen Frühstücks werden die ersten unruhig, haben schon alles wieder eingepackt und wollen endlich nach draußen. Die Bewegungszeit ist angesagt.

Heute geht es auf den Pausenhof. Ein gemeinsamer Tanz mit der zweiten Klasse – «Jakob hat kein Geld im Haus» – wird zu Beginn der Spielzeit von den Klassenlehrern angeleitet, danach ist Freispielzeit. Pedalo, Springseile, Bälle stehen zur Verfügung. Pünktlich um 10.40 Uhr geht der Klassenlehrer an die Eingangstür, winkt mit einem Finger. Die ersten Kinder beenden ihr Spiel, laufen zur Tür. Alle anderen nehmen die Bewegung wahr und kommen dazu, bis alle, zwei und zwei, versammelt sind. Zurück im Klassenzimmer, findet nun eine Fachstunde statt. Handarbeit, Musik, Malen, Eurythmie oder Religion steht auf dem Stundenplan. Die Klasse ist geteilt in zwei Gruppen. Nach dem Fachunterricht treffen sich wieder alle Schüler, eine kurze Pause zum Trinken, manchmal auch Obstessen. Dann ist eine halbe Stunde Erzähl- und Abschlusszeit.

Gibt es noch etwas zu klären vom Vormittag? Beschwert noch ein Stein das Herz eines Kindes? Jetzt kann es ausgesprochen und erleichtert werden. Dann folgt das Märchen. Das haben wir gestern auch schon gehört. Denn der Lehrer erzählt immer eine Woche lang dasselbe Märchen. So werden die Bilder vertieft, die Kinder freuen sich, wenn Rapunzel wieder die Haare herunterlassen kann. Die Kinder sitzen mit leuchtenden, erwartungsvollen Augen still auf ihren Plätzen oder liegen still in der Mitte des Raumes auf dem Teppich. Manche kuscheln sich leise aneinander. Sitzen, liegen, anlehnen – zum Ausklang des Vormittags ist jede Position erlaubt, die aufmerksames Zuhören ermöglicht und für die Kinder entspannend ist. Mit den Bildern des Märchens endet um 12.00 Uhr der Schulvormittag für die Erst- und Zweitklässler.

Fünf Motive zur Veränderung des Unterrichtskonzeptes

Unterschiedliche Motive führten dazu, ein neues Unterrichtskonzept in den Waldorfschulen zu entwickeln. Jede Schule arbeitet dabei selbstständig und entwickelt verschiedene, der eigenen Schule, den eigenen Möglichkeiten angepasste Schwerpunkte.

Für die Otterberger Schule waren es fünf Motive, die zu einer Änderung des Konzeptes führten.

1. Kinder brauchen mehr Bewegung – auch beim Lernen.

2. Kinder brauchen verlässliche Betreuung – auch in der Schule.

3. Kinder brauchen einen gleichmäßigen Rhythmus – möglichst jeden Tag

4. Kinder brauchen eine Gemeinschaft – auch im Klassenzimmer.

5. Kinder brauchen weniger Frontalunterricht – auch in der Unterstufe.

Kinder brauchen mehr Bewegung – auch beim Lernen

Klagten Pädagogen schon in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts über den Bewegungsmangel der Kinder, so kam verstärkend hinzu, dass immer mehr Kinderärzte die mangelnde Bewegung und deren Folgen bei Kindern feststellten. Übergewicht, Bluthochdruck, orthopädische Schwierigkeiten, Diabetes mellitus und ähnliche Zivilisationskrankheiten bei Kindern benennt Bernd Kalwitz.5 Untersuchungen belegen, dass Kinder sich um die Hälfte weniger bewegen als noch vor dreißig Jahren. Häufiges Sitzen im Auto, im Buggy, Freizeitgestaltung vor dem Fernseher oder PC, eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten durch fehlende Spielplätze – viele weitere Gründe ließen sich aufzählen.

Mangel an Bewegung im kindlichen Alter führt zu Mängeln in der Bewegungsfähigkeit– balancieren, das Gleichgewicht halten, hüpfen können, einen sicheren Stand haben: das alles ist nicht mehr selbstverständlich. Sich im Raum bewegen zu können ist aber notwendige Voraussetzung, um auf unserer Erde heimisch zu werden, um sich orientieren zu können. Wo oben, unten, vorne, hinten, rechts und links sind, muss ein Kind intuitiv erfassen können, wenn es sich in der Welt orientieren will. Es benötigt die Fähigkeit der Orientierung aber auch, um Schreiben, Lesen und Rechnen zu lernen, denn auch im Zahlenraum muss man sich bewegen können.

Das Gehen geht dem Lernen des Sprechens voraus, das wiederum die Grundlage für das Denken bildet. Kinder mit mangelnder Bewegung zeigen häufig Mängel in der Sprachfähigkeit und können ihre Ressourcen in der Denkfähigkeit nicht zur Geltung bringen. Schulamtsdirektor Hartmut Schrewe stellt im Vorwort des Buches Das bewegte Klassenzimmer fest, dass die Zahl der auffälligen Kinder von 20 auf 30 Prozent, mancherorts sogar auf 40 Prozent gestiegen sei. 6 Dorothea Beigel spricht im selben Buch davon, dass nicht nur Kinder in Schulen für Lernhilfe starke Auffälligkeiten zeigen, sondern 25 Prozent der Kinder an den Grundschulen mit Wahrnehmungsschwierigkeiten, motorischen Auffälligkeiten, Sprachdefiziten und Konzentrationsproblemen eingeschult werden.7 Bei der Einschulung der Kinder in den städtischen Schulen in Darmstadt von 1996 bis 2001 wurde festgestellt, dass jedes zehnte Kind verhaltensauffällig sei, Sprachstörungen habe oder Probleme mit der Feinmotorik oder der Koordination.8 In der Regionalzeitung Die Rheinpfalz wird berichtet, dass 26 Prozent der Kinder maximal einmal pro Woche im Freien spielen, Kinder aus Städten oder sozialen Brennpunkten noch seltener. «Ich weiß gar nicht, ob Kinder heute noch einen Baum hoch klettern können», formuliert der Autor.9

Laut einer Meldung der Tageszeitung Freies Wort in Thüringen können mehr als ein Viertel der Erstklässler nicht richtig sprechen. Der Anteil sprachgestörter Erstklässler erhöhte sich seit 1998 von knapp 17 Prozent auf 25,3 Prozent im Jahre 2008.Auch der Anteil der Kinder mit Bewegungsstörungen, Übergewicht, Verhaltensauffälligkeiten und Allergien nahm teils deutlich zu. Auf knapp 12 Prozent verdreifachte sich innerhalb von zehn Jahren der Anteil der Sechsjährigen mit Defiziten in der Motorik.10

Mehr Bewegung also in der Schule, aber nicht nur durch Erweiterung von Turn- und Bewegungsstunden, sondern durch bewegtes Lernen in jedem Unterrichtsfach, im Rechnen-, Schreiben- und Lesenlernen, das sollte durch neue Unterrichtsmethoden und durch eine neue Einrichtung des Klassenraumes ermöglicht werden. Aber gerade die unruhigen Kinder, die mit den Händen und Füßen ständig in Bewegung sind, nicht stillhalten können, immer wieder aufstehen, herumlaufen, zeigen uns, dass Bewegung eine Richtung braucht, um dem Lernen zu dienen.

Bewegungen, die nur aus Herumtoben und Herumspringen bestehen, machen das Kind noch lange nicht klug und geschickt. Ein Kind braucht Gegenstände, die es bewegt, Werkzeuge, verschiedene Materialien, Bälle, Figuren. Geschickt wird das Kind erst dann, wenn es in der Lage ist, sich auf das Material, auf einen Gegenstand einzulassen. So lernten einige Erstklässler vom Klassenlehrer, wie man mit einem Schlüssel die Tür aufschließt. Wie muss ich den Schlüssel in das Schloss stecken? Wie muss ich ihn anfassen, um drehen zu können? In welche Richtung muss ich drehen? Sachgemäßer Umgang will gelernt sein und bedeutet zugleich, dass das Kind lernt, sich auf etwas anderes einzulassen. Das wird eine soziale Fähigkeit, die später im Leben gebraucht wird.

Anspruchsvoller noch wird es, wenn das Kind sich nicht nur auf einen anderen Gegenstand, sondern auf eine andere Bewegung einlassen muss. Das klassische Beispiel ist das Springen im Seil. Das Seil schwingt in einem bestimmten Rhythmus. Wenn ich mich darauf einlassen kann, habe ich es leicht, schön rhythmisch Seil zu springen. Immer wieder konnte ich beobachten, wie Kinder, denen das Springen im Seil schwerfiel, es auch nicht leicht hatten, mit dem Rhythmus der Klasse mitzuschwingen, bei allen rhythmischen Tätigkeiten sich ausklinkten. War aber das Seilspringen gelernt, so zeigten sich auch Verbesserungen im Verhalten in der Gruppe. Mitschwingen zu können in einer Gruppe bedeutet nicht, zu angepassten Menschen erzogen zu werden, sondern erfordert, meine Bewegung auf etwas einzustellen, das sich bereits in Bewegung befindet. Leicht einzusehen, dass diese Fähigkeit auch später in anderen Situationen gebraucht wird.

Kinder brauchen verlässliche Betreuung – auch in der Schule

Immer häufiger kommen Kinder heute aus zerbrochenen FamilienVerhältnissen. Bis zur Hälfte der Kinder einer Klasse erleben geschiedene, alleinerziehende Eltern oder Patchworkfamilien in ihrem Zuhause. Schule kann nicht das Elternhaus ersetzen. Sie kann aber – soweit es möglich ist – verlässliche, gleichbleibende Beziehungen ermöglichen, die länger als ein oder zwei Schuljahre dauern. Schule kann den Kindern, zumindest in den ersten Schuljahren, einen ständigen Ansprechpartner zur Seite stellen, der den ganzen Vormittag für sie da ist und sich um die kleinen und großen Nöte kümmern kann – auch im Unterricht. Der Klassenlehrer in der Waldorfschule ist in der Regel acht Jahre lang Bezugsperson für die Schüler einer Klasse. Er gibt jeden Morgen den Hauptunterricht, die ersten zwei Stunden des Vormittags. Dann übernehmen in der Regel Fachlehrer die weiteren Stunden. Wir haben die Anwesenheit des Klassenlehrers in den beiden ersten Klassen verlängert. Den ganzen Vormittag begleitet er in seiner 1. oder 2. Klasse den Unterricht, auch dann, wenn ein anderer Fachlehrer unterrichtet. Und er beschließt mit der Erzählzeit den Unterricht des Tages. Den Schultag mit der Klasse zu beschließen ergibt die Möglichkeit, vor dem Nachhausegehen noch einmal zurückzublicken: Was haben wir heute gelernt? Gab es Streit, der noch zu schlichten ist? Wo gab es Licht und Sonnenschein im Miteinander? Wo gab es Schatten, die noch aufzuhellen sind?

Immer wieder konnte ich erleben, wie für Kinder, deren Elternhaus auseinanderbrach, in der Krisenzeit die Schule ein Ort der Beständigkeit war. Dazu schreibt der Kinderarzt Georg Soldner im Alnatura Newsletter: «Für die Gesundheit des Kindes wesentlich ist der Aufbau einer guten Beziehung zwischen Kind und Eltern, möglichst zu Mutter und Vater – wenn das nicht möglich ist, zu stellvertretenden Bezugspersonen.»11 Soldner beschreibt, wie die Erkrankungen der Kinder sich heute weg von den klassischen Kinderkrankheiten hin zu Symptomen verschoben hätten, die auf Stress, familiäre und soziale Belastungen zurückzuführen seien. Hier kann der Klassenlehrer oder die Klassenlehrerin als beständige Bezugsperson ein wichtiger Gesundungsfaktor für die Kinder bilden.

Die Anwesenheit des Klassenlehrers am ganzen Vormittag birgt aber noch weitere Möglichkeiten. Während des Unterrichts eines anderen Kollegen kann sich der Klassenlehrer um ein einzelnes Kind kümmern, das seine Hilfe in besonderem Maße nötig hat, sei es, weil es Krisen zu Hause gibt, weil ein Kind Lernprobleme oder soziale Probleme in der Klasse hat und eine Einzelbetreuung einfach guttut und gesundend wirkt.

Kinder brauchen einen gleichmäßigen Rhythmus – möglichst jeden Tag

Die Stundenplangestaltung hängt von vielen Faktoren ab – den Lehrern, den Fächern, den Räumen. Für die erste und zweite Klasse ist ein ruhiger, wiederkehrender Stundenplan mit täglich denselben Elementen wichtig. Das gibt den Kindern Sicherheit und Vertrauen. Will man das erreichen, muss bei der Aufstellung des Stundenplanes der Plan der unteren Klassen Priorität vor dem der oberen haben. Zudem sind die Schulanfänger – die durch staatliche Verordnung immer jünger werden – oft überfordert vom Geschehen in den Pausen. So erschien es sinnvoll, die Pausen der Kleinen von denen der Großen abzukoppeln. Auf diese Weise haben die Erst- und Zweitklässler den ganzen Hof zur Verfügung und werden bei ihren Spielen nicht vom Pausengeschehen der größeren Schüler tangiert.

Neben dem wiederkehrenden Rhythmus des täglichen Hauptunterrichtes in den ersten zwei Schulstunden sollten auch die Fachunterrichte möglichst jeden Tag zur selben Zeit im Stundenplan erscheinen. So wird der Tag für die Kinder vorausschaubar, der Ablauf gibt Sicherheit und Geborgenheit. «Ein weiteres Mittel, um den divergierenden Entwicklungstendenzen zu begegnen, ist die bewusste Gestaltung der Tages-, Wochen- und Jahresrhythmen, der Feste und Feiern. Hier werden gemeinsame Gewohnheiten veranlagt, die auf das seelisch-leibliche Gefüge eine stabilisierende, harmonisierende Wirkung ausüben und das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler fördern. Rhythmische Wiederholung ist in einer so zerrissenen, hektischen Zeit wie der unseren wichtiger denn je, um gesundheitsstiftend und entwicklungsfördernd auf die Kinder zu wirken. Das gilt schon für die Kindergartenzeit, … aber auch in der Schulzeit beweist dieser pädagogische Kunstgriff seine wohltätige Wirkung.» So fasst Rainer Patzlaff die gesundende Wirkung der rhythmischen Wiederholung zusammen.12

Kinder brauchen eine Gemeinschaft – auch im Klassenzimmer