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1. Auflage September 2011

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über:
http://dnb.d-nb.de

Inhalt

Vorwort Heiko Werning, Volker Surmann

Rückfällig werden Thilo Bock

Nie wieder Fleischtomaten! Wiglaf Droste

Vom Essen kann man sich ernähren Isabella Renitente

Von der Liebe Martin Betz

Is’ keen Fleisch, is’ Pute! Maik Martschinkowsky

Fleisch: ja! Salat: nein! Uli Hannemann

Vom Fachmann für Fleischwarenkenner Mark-Stefan Tietze

Zwischen Flower Power und dem Rio Osalla Kersten Flenter

Zwiegespräche mit Gott – heute: Proteine Ahne

Waidmannsheil Heiko Werning

Fleisch! Toni Mahoni

Schweine im April Udo Tiffert

Auf Messers Schneide Konrad Endler

Wursttheorie Katharina Greve

400 Schweine/Stunde Kathrin Hartmann

Ein Tag am Grill Nils Heinrich

Erste Herbsthilfe Fritz Eckenga

Wurst Volker Strübing

Der Duft der Opferwurst Jan Gympel

Weil es Landliebe ist Volker Surmann

Die Melone Felix Jentsch

Tag des Milchleids Heiko Werning

Fleischsaft – frisch gepresst Mirco Drewes

Bei Pferderennen gibt es wenigstens mehrere Durchläufe Jakob Hein

Die Kathedrale des Fleisches Leo Fischer

Der Neandertaler in mir lebt, aber er ist inzwischen ein verwöhntes Arschloch geworden Micha Ebeling

Fleischliche Gelüste Barbara Rademacher

Zweifelhaftes Weltverbessererlied Frank Sorge

China Food Ilka Schneider

Das Schweigen der Hennen Volker Surmann

Bio in Ostwestfalen Bernd Gieseking

Essen ist Leben Klaus Pawlowski

Diese krankhaft politisch korrekten Menschen können mir aber so was von auf die Nerven gehen Daniela Böhle

Vegetarier werden? Vergessen Sie’s! Oliver Nagel

Tagebuch eines Vegetariers Peter Parkster

John Travolta und ich Spider

Iss cool, Man Stefan Gärtner

Die Autorinnen und Autoren

Vorwort

Wenn man wie wir in Westfalen aufgewachsen ist, kann einen gastronomisch auf der Welt nicht mehr viel erschrecken. Anfangs lachte der argentinische Wirt noch, als wir die Gaucho-Platte geordert hatten und er mit einem Tablett wiederkam, auf dem ein riesiger Fleischberg schwabbelte. Als wir zwei Stunden später aber noch etwas von der gegrillten Schwarte, dem Stierhoden und den gefüllten Dickdarm-Kringeln nachforderten, ließ er ein respektvolles Schnalzen erklingen. Er konnte ja nicht wissen, dass es in unserer Heimat einen Rinderhirn-Eintopf namens »Töttchen« gibt oder »Möppkenbrot«, eine mit Roggenschrot und Rosinen angedickte Blutwurst mit ordentlich Schweineschwarte und Speck, die man vor Genuss in Fett und Pfanne aushärten lässt. – Einige Lebensmittel erfreuen sich eben regional sehr unterschiedlicher Beliebtheit.

In Südostasien isst man gerne Skorpione oder Wasserwanzen, und nicht einmal die Tatsache, dass man bei einem Weichschildkrötengulasch dauernd auf irgendwelchen Knorpelplatten herumkaut, hält den Chinesen davon ab, seine Sümpfe schildkrötenfrei zu futtern. Und die Affen gucken von oben mit wachsender Sorge zu, wohl ahnend, wer danach an der Reihe ist. In den Andenländern werden Meerschweinchen verspeist, auch wenn der europäische Besucher sich irritiert die Augen reibt, wenn sie so ohne Fell ganz klein und nackt mit ihren riesigen Nagezähnen am Spieß über dem Feuer rotieren. In Indien wiederum gibt es eine religiöse Strömung, die mit Mundschutz herumläuft, um nicht versehentlich Fruchtfliegen oder Mücken einzuatmen, und in Berlin müssen sich die ersten Hauptstadthunde auf einen Evolutionssprung vorbereiten, da ihre vegan lebenden Herrchen sie nur noch mit Tofuleckerli und Gemüsepampe füttern – aus Liebe zum Tier natürlich.

Die Reaktionen auf das Verspeisen diverser Tiere sind ebenso interessant wie unterschiedlich. In unserem Kulturkreis zählen eine Menge recht unterschiedlicher Mitgeschöpfe zum gastronomischen Common Sense: Kühe, Schweine, Hühnervögel, allerlei Fische, Krebs- und Schalentiere sind bei der Bevölkerungsmehrheit willkommener Teil der Tafel. Bei Pferden gehen die Meinungen schon deutlich auseinander. Die in vielen Kneipen Hamburgs und des Ruhrgebiets ganz offen auf den Kreidetafeln draußen angepriesenen Pferdewürste werden nur wenige Dutzend Kilometer entfernt im Westfälischen wohl nur noch unter dem Ladentisch gehandelt, obwohl angesichts der exzessiven Reiterei in der Region eigentlich genug bereits gut durchgeklopfte Rohstoffe vorhanden wären. Auch bei Kaninchen scheiden sich die Geister. Wenn das auf der Karte steht, zaubert irgendwer am Tisch sicher ein schlechtes Gewissen aus dem Hut. Darf man denn essen, was einen niedlichen Puschelschwanz hat?

Als vor einigen Jahren der Verdacht ruchbar wurde, man erhielte im Supermarkt statt des erhofften Rindfleischs auch mal ein Känguru, war das Geschrei der Empörung riesig, obschon unseres Wissens nie ein stichhaltiges Argument gegen den Verzehr der Beuteltiere vorgebracht werden konnte. Und schon bei der puren Vorstellung, Riesenspinnen oder Insekten zu essen, wird zarten Gemütern oft speiübel, obschon der substanzielle Unterschied zwischen dicken, prallen, nahrhaften Engerlingen und zarten Schnecken oder zwischen gebratenen Krabben und krossen Heuschrecken nicht so recht ersichtlich ist. Arthropode ist schließlich Arthropode.

Von einer logischen Betrachtungsweise her ist es gar völlig unverständlich, warum einerseits der Verzehr reichlich vorhandener, knurriger, stinkender, flohverseuchter Hunde und ungezogener, vogelfressender, räudiger Katzen als derart unschicklich gilt, dass Südkorea zur Abwehr von Boykottaufrufen seiner olympischen Spiele seinerzeit die kulinarische Verwertung dieser nutzlosen Parasitenträger unter Strafe stellte, während andererseits und ohne mit der Wimper zu zucken gigantische Mengen kugeläugiger, unschuldig blökender Kälbchen, sympathisch grunzender Schweinchen samt lustiger Ringelschwänzchen oder kuschelige, lebensfroh umherspringende Lämmer bedenkenlos verputzt werden.

Aber nicht nur die Wahl des Nährtieres stößt auf heftige emotionale Reaktionen, auch die Tatsache, dass es von Kuh oder Schwein bis zu Steak oder Wurst ein Schritt ist, der nun mal nicht zu überleben ist, führt zu heftigen weltanschaulichen Auseinandersetzungen. »Speziezist!«, ruft die Vegane, »dumme Kuh!«, denkt der Bulettenfreund, und »Igitt« sagen beide, wenn ihnen mal jemand zeigt, woher ihr Essen denn in Wirklichkeit kommt. Doch über stetig steigende Preise klagen beide, obwohl die industriell zusammengepanschten Kohlenstoffketten doch stetig billiger und billiger werden.

Das alles sind nun wahrlich keine neuen Erkenntnisse, doch trotzdem kochte in den letzten Monaten eine Diskussion um moralisch korrekte Ernährung hoch, während der sich das halbe deutsche Feuilleton in eine Achtzigerjahre-Studenten-WG verwandelte, gepfefferte Predigten für und wider fleischliche Ernährungsweisen geführt wurden und sich in unserem Umfeld gleich mehrere Menschen von Jonathan Safran Foer zum Vegetarismus bekehren ließen – nur um sich wenige Wochen später, während der EHEC-Krise, ausschließlich von Pasta und Fritten zu ernähren. Die Karnivoren-Fraktion jubilierte da mit Hohn: Endlich bekam das Gammelfleisch eine zünftige Beilage aus Gammelgemüse. Doch auch manch Veganer wurde käseweiß, als er sah, auf welchem Mist eigentlich die Sprossen in seinem Salat gediehen.

Kurzum: Die derzeitigen Diskussionen um die Ernährungslage der Nation tragen bizarre Züge. Es fehlt an nüchterner Betrachtung, wissenschaftlicher Analyse, überlegener Klugheit, charmanter Herzenswärme, lässigem Humor und vor allem: gutem Geschmack. Bisher. Nun wird das anders. Denn jetzt gibt es ja dieses Buch.

35 handverlesene Autorinnen und Autoren – Vegetarier wie Fleischesser – berichten à point über Fleischkonsum und Vegetarismus, über Rotwildjagd und Zartgemüse, über Grillgut und die Grenzen des guten Geschmacks.

Genießen Sie dieses Buch wie ein auf den Punkt genau gegrilltes, saftiges, nur im Kern noch ganz zart blutiges Steak von einem Rind, das sich nach einem erfüllten Leben im Glücksrausch eigenhändig das Bolzenschussgerät an die Schläfe gesetzt hat, oder wie eine sonnengereifte, verführerisch marinierte und dann kunstfertig geschmorte, perfekt gewürzte und aus glücklicher Beethaltung stammende Auberginenscheibe.

Wir warten so lange auf Sie am Imbiss zur Mittelpromenade.

Heiko Werning & Volker Surmann

Berlin im August 2011

Prolog

Rückfällig werden

Thilo Bock

Seit zehn Jahren ernähre ich mich vegetarisch und interessiere mich für das, was ich esse. Die Renner der vergangenen literarischen Saison waren Bücher übers Essen, geschrieben nicht von Wissenschaftlern, sondern von Schriftstellern, quasi von Menschen wie du und vor allem ich. Na ja. Karen Duve zum Beispiel hat mal ’ne Weile auf dieses und jenes im Kochtopf verzichtet, ein Buch drüber geschrieben, wie sich das anfühlt – und ist nun Bestsellerautorin.

Ich dachte ja, Ernährung sei Privatsache. Plötzlich aber werden Vegetarier bewundert. Gelten als Vorreiter. Überlege kurz, ebenfalls ein Buch zu schreiben. Arbeitstitel: Ich war zwar noch nicht immer Vegetarier, doch länger als manch anderer, allerdings esse ich gelegentlich Fischstäbchen.

Fraglich, ob ich dafür einen Verlag fände. Nicht nur wegen des sperrigen Titels. Der Markt ist schlichtweg gesättigt. Und zwar mehr als so manche Fettsäure. Und ehe ich fertig mit dem Schreiben bin, ist das Thema ohnehin durch. Besser, ich bereite ein Buch vor für die Zeiten des Abfallens. Wenn alle festgestellt haben, dass Currywurstessen doch leichter ist als die Zubereitung von Getreidebratlingen. Rückfällig werden könnte mein Buch heißen. Untertitel: Über die Leiden eines betrunkenen Vegetariers vor einer Dönerbude.

Sowieso: Suff. Saufen ist ja ähnlich verbreitet wie Fleischessen und wird weitaus stärker kritisiert. Nie steht jemand auf und sagt: »Wir müssen dafür sorgen, dass die Jugend kein Fleisch mehr isst!« Mit dem Trinken dagegen sollen sie keinesfalls beginnen. Und das nicht etwa, weil Erwachsene befürchten, es gäbe dann nicht mehr genug für sie, sondern aus Gründen, die ich vergessen habe. Gestern in der Kneipe wusste ich sie noch.

Fakt ist trotzdem: Die Jugend säuft. Nicht mehr so viel, aber sie säuft. Vor allem das Rauschtrinken gilt als Problem. Mag sein, wer allerdings nur so viel Alkohol trinkt, dass er auf keinen Fall was davon merkt, hat das Konzept dieses Wirkstoffs nicht verstanden. Ein Lied von Element of Crime hat es mal auf den Punkt gebracht: »Ich möchte so gerne berauscht sein und werde doch immer nur breit.« Der Wille ist beim Trinken ja stets da, es geht bloß meistens schief. Deswegen trinkt man ja stetig weiter in der Hoffnung, einmal wieder den wohligen, angeschickerten Rauschzustand zu erreichen, den man bei seinen ersten nachhaltigen Alkoholerfahrungen gemacht hat.

Im Grunde sind vegetarische und antialkoholische Lebensweisen miteinander vergleichbar. Ganz krasse Charaktere verzichten sogar auf beides. Und sind oftmals als Langweiler verschrien. Oder als Massenmörder. Wobei diese Hitler-Nummer nervt. Attila der Hunne hat zum Beispiel ganz viel Fleisch gegessen, als angenehmer Zeitgenosse ist er trotzdem nicht in die Geschichtsbücher eingegangen. Gestorben ist er an Nasenbluten, Folge eines jahrelangen massiven Alkoholmissbrauchs. Könnte man den Kids ja mal verklickern: Trinkt lieber keinen Schnaps, sonst sterbt ihr an Nasenbluten. Und das ist voll uncool.

Klar, wer verzichtet, ist nicht automatisch heilig. Zumal auch Heilige nur wirklich heilig sind, wenn sie eine dunkle Seite haben. Ohne Kontrast ist nichts als Licht, und reines Licht blendet die Menschen, macht ihnen Angst. Und stolpert so eine Lichtgestalt über in der Vergangenheit gemachte Fehler, sind alle heilfroh. Gleichwohl sagen sie: »Ich könnte das ja nicht, ein Essen ohne Fleisch, das ist ja kein Essen.« Und eine Party ohne Alkohol, was ist das denn für ’ne Party? Genau. Kein Alkohol ist zwar keine Lösung, fällt jedoch stärker auf. Wer kein Fleisch verzehren mag, lässt es eben weg. Alternativen finden sich. Notfalls isst man bloß die Beilagen und bleibt dennoch Teil der Tischgesellschaft. Wer indes versucht, vom Wodka-O den O-Saft abzutrinken, kann damit zwar im Fernsehen auftreten, tanzt hinterher aber nicht auf dem Tisch.

Fleischkonsum verändert die allgemeine Stimmung nicht so extrem, dass man als Vegetarier plötzlich das Gefühl bekommt, ausgeschlossen zu sein. Okay, ja, das Schwelgen. Wie butterzart das Fleisch wieder gelungen sei, so rosa, oh, köstlich, und hast du die Soße ...? Was für ein Gedicht!

Vegetarismus ist ja nicht allein für den eigenen Körper gut. Er rettet auch die Welt. Die Behauptung aus dem Ärzte-Song »Ich ess Blumen«, die Fäkalien eines Vegetariers würden weniger stinken, kann ich leider nicht bestätigen. Trotzdem: Dank vegetarischem Verzicht wird weniger Wasser verbraucht und weniger CO2 produziert. Und die Welternährungsschieflage könnte auch waagerechter werden, würden mehr Menschen das tägliche Schnitzel weglassen. Jemand, der nicht trinkt, wird von den Trinkenden zwar bedauert, doch er verbessert durch das Nichttrinken nicht die Welt. Vielmehr schädigt er die Alkoholindustrie und zahlt zugleich weniger Steuern, was letztlich staatsgefährdend ist.

Mein Buch Rückfällig werden begänne mit einer harmlosen Episode, einem Erlebnis, das jeder kennt. Wenn ich damit nämlich auf den Markt komme, wird es noch mehr Vegetarier geben als heute, und meine Leser werden es sowieso sein. Viele haben das Buch womöglich heimlich erstanden, verschlingen es mit anfänglichem Entsetzen bei hohem Gruselfaktor und wachsender Begeisterung.

Ich fange mit der versehentlichen Wurst an, dem untergeschobenen Hackfleisch. Denn was macht ein Vegetarier, wenn er in seinem Mund Fleisch bemerkt? Das kann bei Essenseinladungen passieren. Vor allem bei Büfetts. Gelegentlich wirkt es hysterisch, wenn man ständig nachfragt, was was ist und vor allem, womit gefüllt. Die tückische Teigtasche, die präparierte Pastete. Der orthodoxe Fleischverächter würde den ungewollten Bissen sofort ausspucken, möglichst auffällig angewidert. Es ist ja auch eine Zumutung, dass Fleisch weiterhin angeboten wird! So bin ich nicht. Ich mag Fleisch, finde jedoch den Umgang mit Tieren vor und nach ihrem Tod abstoßend.

Wie verhält es sich aber mit versehentlich auf die Zunge geratener Fleischware? Diese nicht herunterzuschlucken, wäre ja zutiefst kontraproduktiv. Jenes Tier hätte umsonst gelitten, jedenfalls Teile von ihm. Es wäre gemästet und geschlachtet worden, um von mir ausgespuckt auf der Müllkippe zu landen. Und der Rest von meinem Teller wahrscheinlich genauso. Dann lieber alles mit Genuss aufessen. Vegetarier kann man ja sonst immer sein.

Im nächsten Kapitel würde ich von dem Reh im Kofferraum erzählen. Nehmen wir an, meine Mutter hätte nachts ein die Straße überquerendes Tier erwischt. Mit dem Auto, nicht mit der Flinte. Das muss man ja melden. Macht aber Stress und das Reh nicht wieder lebendig. Es kommt in die Tierkörperbeseitigungsanlage. Schade um das Fleisch aus freier Wildbahn. Also wuchtet meine Mutter das Tier in den Kofferraum und bittet mich um Hilfe. Als Dank lädt sie mich zum Rehbraten ein. »Ich ess doch kein Fleisch!«, würde ich sagen. »Ja, wegen der Massentierhaltung«, so die Antwort, »und hast du nicht gesagt, Fleisch von Menschen, die ins Fitnessstudio gehen, würdest du essen, die quälen sich schließlich selbst?«

Rückfällig werden würde deshalb zum Bestseller, weil ich darin das Motto ausgebe: Nur der Inkonsequente kann die Konsequenzen ziehen. Ich würde davon berichten, wie es ist, wenn man nach jahrelanger Abstinenz wieder Alkohol trinkt. Das muss doch wunderbar sein. Endlich spürt man wieder was. Ich würde Tricks verraten, wie man unauffällig Fleisch isst und ohne dass es einer merkt. Nicht einmal der Lebenspartner oder die engsten Freunde. Klar muss man vehement darauf bestehen, kein Gramm Tier auf den Teller zu bekommen. »Aber macht euch bitte keine Umstände! Die Beilagen reichen vollkommen, ich liebe Kartoffen mit Gemüse und Soße. Oder ist die auf Fleischbasis? Nee, dann lieber nicht. Ach, und die Bohnen sind im Speckmantel? Na ja, Kartoffeln sind ja sowieso das Beste, was Mutter Natur zu bieten hat ...«

Niemand ist erpicht auf einen Abend unter Freunden, von denen einer in trockenen Kartoffeln herumpickt, während sich die anderen an saftigem Braten delektieren. Niemand und schon gar nicht der Vegetarier. Und wenn man ihn nicht auslädt, gibt es entweder für niemanden Fleisch oder ein Extragericht für die Tofuwurst. »Das wäre wirklich nicht nötig gewesen, vielen Dank, schmeckt super!« Was leider selten stimmt. Na ja, satt essen kann man sich notfalls dann an den Resten in der Küche. Man sollte sich dabei bloß nicht erwischen lassen.

Nie wieder Fleischtomaten!

Wiglaf Droste

Es ist schon erbärmlich, was Menschenfleisch verzehrenden Wesen als Nahrung vorgesetzt und angeboten wird: Kreaturen aus Massenhaltung, den Kopf vollgestopft mit Massenmedien, großgezogen in Massenbehausungen, ungebildet in Massenschulen, Massenuniversitäten und Praktikantenmassenabwurfstellen, gekleidet in Textilien aus Massenproduktion, ernährt mit Nahrungsmittelersatz aus Lebensmittelchemie und Massentierhaltung. Obwohl chronisch vergiftet an Körper und Geist, hält sich der Mensch noch für genießbar. Doch der Protest der Endverbraucher regt sich und wird lauter. Haie oder Tiger, die auf sich und ihre Gesundheit halten, verschmähen das Billigangebot Massenmensch und verlangen Ware in Bio-Qualität.

Die Ausschlusskriterien sind streng. Wer seinen Körper regelmäßig mit Produkten von Maggi, Knorr, Pfanni, Nestlé, McDonald’s, Subway, Burger King, Pizza Hut, Kentucky Fried Chicken und anderen Denaturierungs-konzernen biochemisch-hormonell ruiniert hat, ist als Nahrungsmittel nicht mehr zumutbar. Wer sein Gehirn mit Fernsehen, Ballerbudenradio und der Berliner Kochstraßenpresse sukzessive zerstört und abgetötet hat, darf als Tierfutter ebenfalls keine Verwendung mehr finden. Die Lage ist katastrophal. »In den USA stammen 99 Prozent der Menschen aus Massenhaltung, in Deutschland sind es 95 Prozent«, klagt der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer, und seine deutsche Kollegin Karen Duve moniert, dass Anständig-Essen für Menschenfleischkonsumenten so gut wie unmöglich geworden ist.

Denn der Mensch stopft wahllos in seinen Mund hinein, was man ihm hinhält, und genauso wahllos brabbelt aus dem Mund heraus, was da gerade zwischen seinen Ohren ruckelt, zuckt, leer hallt oder brummt. Derzeit ist das nicht selten der Vegetarismus; das Marketing von Stern, Spiegel, Zeit, taz und Hastdunichtgesehn setzt auf Reden über Fleischlosigkeit, auf Moral an der Verkaufstheke, auf Tierschutzinstinkte, auf Angst vor vergifteten Lebensmitteln. Diese Themen bewegen die deutsche Bürgerjugend seit hundert Jahren, aber mittlerweile hat auch der Durchschnittsmann, der nur sein Bier trinken und ansonsten vor und von allem seine Ruhe haben will, begriffen, dass sein Bier von Dr. Oetker kommt und er seinen Kollegen also mit Backmischung zuprostet.

Das Wissen um das Unrecht schärft das Bewusstsein. Das wird als unangenehm empfunden, und zur Resedierung dessen finden nicht wenige Deutsche Gefallen daran, wie der Hecht in Christian Morgensterns gleichnamigem Gedicht »samt Frau und Sohn / am vegetarischen Gedanken / moralisch sich emporzuranken«.

Warum auch nicht; solange keiner glaubt, damit schon irgendetwas politisch gewuppt zu haben, schadet es nichts, und von seinen Sinnen wie von seinem Verstand Gebrauch zu machen und diese damit zu entwickeln, ist allemal gut. Gewisse Kapriolen und Schwierigkeiten bei der Feinjustierung sind allerdings unvermeidlich, wenn der Vegetarismus mit Eifer betrieben wird. In einem Dortmunder Lokal trug sich Folgendes zu: Eine Kundin fragte den Wirt: »Ist Ihre Tomatensuppe vegetarisch?« Die Frage klingt dümmer, als sie ist; es gibt, wie es alles gibt, auch Tomatensuppe auf Fleischbrühebasis. Der Wirt, ein Mann mit Humor, gab zur Antwort: »Leider nicht. Da sind Fleischtomaten drin.« Worauf die Kundin bedauernd sagte: »Dann kann ich sie nicht essen«, fortging und im Nirwana des Guten und Richtigen verschwand.

Vom Essen kann man sich ernähren

Isabella Renitente

In Ihrem Elternhaus pflegte man die alten preußischen Tugenden, auch bei Tisch. Man aß schweigsam und zügig.

»Hände auf den Tisch!«

Selbstverständlich wurde erwartet, dass man seine Mahlzeit beendete, sobald der Appetit des Patriarchen befriedigt war. Der Rohrstock stand in der Spülküche, gleich hinter dem Kartoffeleimer.

»Wohl nich’ jedient, wa?«

Gegessen wurde, was auf den Tisch kam, auch wenn es Graupensuppe war oder gut durchgebratenes Rindersteak mit polymerisiertem Fettrand, der sich an den Rändern immer ein wenig nach oben bog, oder Kochfisch mit Senfsoße. Kopfsalat mit einer Marinade aus gehackten Zwiebeln, Zitronensaft und Zucker, auch so ein Hit. Schmorbraten mit Funny-Klößen.

»Lieba een bisken mehr, aba dafür wat Jutet.«

Damals haben Sie gelernt, auch nahezu breiartige Speisen mindestens fünfhundertsiebenunddreißigmal zu kauen.

Frisches Obst wurde zu Kompott verarbeitet und zierte, mit maschinenschriftlichen Etiketten versehen, die Regale im Vorratskeller. Nach Größe, Jahrgang und Obstsorte sortiert. Die Etiketten alle auf gleicher Höhe. Das Kompott kam dann im übernächsten Winter auf den Tisch. Helles Kompott oder dunkles Kompott. Zum Teil noch mit Aroma. Die Vorratsregale wurden gern präsentiert, wenn Besucher durch das Haus geführt wurden. In den Jahren der Not hatte man Hamstern gelernt. Irgendwie steckte das noch in den Knochen.

»Der Mensch is so jebaut, det’s der Kopp nicht uff die Knie haut.«

Süßigkeiten waren dem Patriarchen vorbehalten, der (vergeblich) versuchte, sich das Rauchen abzugewöhnen.

»Jelobt sei, wat hart macht.«

Über das Essen wurde nicht gemeckert. Jahrelang gehungert in schlechten Zeiten. Wie hatte man sich nach Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl gesehnt. Wie schmerzlich hatte man das vermisst. Und dann das Wirtschaftswunder. Wie hatte man es gut jetzt. Konnte sich satt essen. Jeden Tag eine warme Mahlzeit. Sonntagsmorgens ein Frühstücksei und Schwartauer Brombeermarmelade auf Toast. Dazu gute Butter.

»Kind, iss deinen Teller auf!«

Wie heißt das Zauberwort? – Zack, zack!

»Vom Essen kann man sich ernähren«, pflegte Ihr Großvater zu sagen. Er hatte die Entbehrungen zweier Weltkriege erlebt. Köstlich der Muckefuck und die Stulle mit Butter und Salz. Oder Hähnchen aus dem Röhr mit Kartoffelkließla. Ihre Großmutter ritzte mit dem Messer immer ein Kreuz in die Kruste, bevor sie das Brot anschnitt. Reste wurden wiederverwertet. Unverdorbene Lebensmittel wegzuwerfen, das gab es nicht.

Ham and Egg