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Jan Grossarth

Vom Aussteigen & Ankommen

Besuche bei Menschen, die ein einfaches Leben wagen

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Für Eva

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3. Auflage

Originalausgabe

© 2011 Riemann Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Lektorat: Ralf Lay

Satz: Barbara Rabus

ISBN 978-3-641-05485-4
V003

www.riemann-verlag.de

Inhalt

Warum aussteigen?

1 Ostvorpommern: Auf der Suche nach Alternativen

Berlin verloren, Grünz gewonnen: Siedler in der Uckermark

Feigen aus dem Garten, Botschaften aus dem Jenseits

Die rot-grün gestreifte Selbstversorgertomate

2 Ein politisches Ökodorf in der Altmark

Ulkige Ute, grüner Gisi

Ein Bauer macht Ernst

Wir schwitzen gern für die Pferde

Die Pferde schwitzen gern für uns

Hirnwichsen? Mitfühlen!

3 Der Waldmensch aus dem Westerwald

Staub und Fett halten sich die Waage

Schafe sind Vegetarier, Städter sind Blutsauger

4 Das Kloster in der Kölner Altstadt

Jesus guckt

Der heilige Martin guckt

5 Im Hausboot auf dem Rhein

Ein ganz normaler Kölner

Im Bauch des Schnabeltiers

6 Eine esoterische Gemeinschaft im Piemont

Die glückliche Familie Dendera

Gräber im Berg, Leben auf Bäumen

Ascona: Aussteiger um 1900

7 Allgäu: Beim Stamm der Likatier

Der Hippie hinkt, der Lambrusco perlt

Auf den Spuren der Muttergöttin

8 Ein mittelalterliches Gehöft in Thüringen

Speck ist tot, Schinken lebt

Noch pflügt der Jeep, bald der Ochse

Meine Hände sind kalt, weil ich mich so klein fühle

9 Heidelbeeren aus der Oberpfalz

Bezahlen mit Blaubeeren

Das Modell Frank & Emmi

10 Mit dem Gaukler aus Telgte im Odenwald

Bier trinken, Kinder werden

Frankfurter Würstchen

11 Nürnbergs junge Jesuiten

Wir essen den Armen die Suppe weg

Vom freien Kapitalmarkt in den Gehorsam

Von der Sommerromanze in die Keuschheit

Ignatianische Exerzitien

12 Leben ohne Geld in München

Wir finden Puffreis im Müll

Träumen auf Nacktschnecken

13 Edelgastronom mit Schweizer Almhütte

Schlappin in den Wolken

Über die Berge zum Schinken

Warum ankommen?

Dank

Literatur im Reisegepäck

Auf dem Klo des Münchner Studentenwerks trank ich am Wasserhahn eine Minute wie ein Kalb am Euter seiner Mutterkuh, denn es war Nachmittag, und wir hatten heute überhaupt noch kein Wasser gefunden, nur etwas Essigsoße, zum Essen hatte es eine Kidneybohne gegeben, ein Melonenstück und die übliche Puffreisschokolade.

Wir gingen über die Leopoldstraße zum Lidl. Um fünf erreichten wir ihn, und wieder hatten wir Glück: Alle Container auf dem Parkplatz waren offen und voll. Doch leider hatte sich das Waschpulver einer aufgeplatzten Packung über Früchte und Camemberts gelegt wie Neuschnee über eine Almwiese. Die Brote hatten das Waschmittel aufgesogen. Vermeintliche Joghurts entpuppten sich bei genauerem Hinsehen als Becher mit abgelaufener Katzenmilch. Aber wir fanden auch genießbare Äpfel und einen Käse und gingen damit wieder zum Friedhof.

Dort setzten wir uns an den Rand eines Bassins aus Marmor und wuschen mit dem klaren Wasser, das für die Grabpflanzen gedacht war, das Obst. Mit Blick auf das Grab der Familie Westermeier aßen wir Äpfel und Käse mit dem Toastbrot von gestern. Einen Zehnerpack Eier versteckte Pavlik, der sich als Elfen bezeichnete, hinter einem Busch. Er wollte sie tags darauf wieder abholen und für die Studenten braten, die zu seinem Workshop kommen würden.

»Der Grund, warum ich kein Geld mehr benutze, ist einfach«, sagte er, »weil ich klar sehe, dass es keine Zukunft hat.« Manchmal kam er mir vor wie der heilige Franziskus.

Warum aussteigen?

Neulich stand in der Frankfurter Rundschau die Geschichte von einem Steward aus Amerika. Als ihm ein Koffer aus der Gepäckablage auf den Kopf fiel, hatte der Steward genug, und als das Flugzeug auf der Landebahn abgebremst hatte, machte er sich eine Dose Bier auf und ließ die Rutsche, die für Notlandungen über dem Meer vorgesehen ist, aus dem Ausgang des Fliegers rollen. Er nahm einen Schluck und rutschte. Er war ausgestiegen. Angekommen war er auf einer Landebahn.

Gründe dafür, auszusteigen, werden zahlreiche genannt, etwa Endzeiterwartungen in einer Welt, in der Rohstoffe knapp werden und deren immer komplexere städtische Strukturen mit einem Computervirus ins Chaos gestürzt werden können. Es gibt ideologische, lebenspraktische oder religiöse Motive. In der bürgerlichen Welt sind meist die praktischen ausschlaggebend: Wenn der Frust der Menschen, die eine gute Ausbildung und Wohlstand anvisieren oder erreicht haben, aber dafür mehr und mehr Freiheit aufgeben müssen, groß genug ist, denken sie plötzlich darüber nach, Ziegenhirt in den Pyrenäen zu werden oder einen Warsteiner-Treff in Dubai zu eröffnen. Es werde doch immer schlimmer: Die Konzerne verlangten von ihren Angestellten die totale Mobilität und Vierzehn-Stunden-Tage, schließlich hinterließen sie den Psychologen und Selbstfindungs-Seminarleitern die ausgequetschten Zitronenschalen, etwa die fünfundvierzigjährige Betriebswirtin, die schlimmstenfalls ohne Gummirutsche aus dem Fenster steigt.

Je mehr Firmen-Kontaktabende und Karrieremessen man zum Beispiel während eines Wirtschaftsstudiums besucht, desto eher könnte man geneigt sein, den Einstieg in diese Welt zu vermeiden. Die Sprache der Stellenanzeigen, die Lebensläufe ohne Ecken und Kanten einfordern, scheinen lebensfern, wie auch die Rhetorik der Manager, die von »Highperformern« sprechen, für die in ihrem Unternehmen immer ein Platz frei sei, und die unter den besorgten Blicken der unteren neunzig Prozent im Hörsaal ihren eigenen Glanz sehr genießen. Da kann man schon einmal auf die Idee kommen, dass es vielleicht besser sei, sich von diesen Leuten gar nicht erst abhängig zu machen, sondern etwas Einfaches zu arbeiten, einen Imbiss aufzumachen oder einen Waffelstand, Hauptsache, ich darf ich selbst bleiben. Diese Karrieremessen sind eine Ausprägung unserer Gesellschaft, die Neuorientierung selten toleriert, die in den meisten Bereichen immer noch Linearität fordert im Lebenslauf und in den Einstellungen. Da ist ein Ausstieg oft eine tragische Abnabelung, ein Bruch mit der bürgerlichen Welt, wenn keine Alternative mehr gesehen wird.

Neben den Aussteigern, die vor der Entfremdung flüchten, gibt es aber auch die radikal Konsequenten. Sie müssen nicht erst in den Tretmühlen stecken, sondern machen per se das, was sie selbst richtig finden. Narzissten, Fanatiker, die sowieso nur als Einsiedler leben könnten, womöglich. Oder Charaktere, die einen so starken Eindruck hinterlassen, dass eine Begegnung mit ihnen nachwirkt und Konsequenzen für das eigene Leben verlangt. Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte ich im Jahr vor dieser Reise, im Sommer, solch einen Menschen besucht, einen Selbstversorger. Wir lebten einige Tage zusammen, ernteten Heu und pflückten Kirschen. Erst bekam ich von unseren Gesprächen Migräne. Alle seine Gedanken kreisten um die Idee, dass nur die Landarbeit mit Muskelkraft nachhaltig sei und wir alle bald dahin zurückmüssten. Seine Welt war eine ganz andere. Die Begegnung ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Jetzt bin ich von einer Reise zu vielen Menschen zurück, deren Lebensformen und Motive für ein einfaches Leben sehr unterschiedlich waren. Unangepasst zu leben ist fast immer mit materiellem Verzicht verbunden, das einte alle: das einfache Leben. Auch wenn für jeden Einzelnen »einfach« etwas anderes bedeutet.

Die Kopfschmerzen kamen wieder, aber auch die Bereicherungen. Foucault schreibt in seinem Werk Wahnsinn und Gesellschaft, wenn der Vernünftige nicht mehr mit dem Wahnsinnigen kommuniziere, sei er mit Sicherheit selbst ein Wahnsinniger. »Man wird sich seinen eigenen gesunden Menschenverstand nicht dadurch beweisen können, dass man seinen Nachbarn einsperrt« – so zitiert er Dostojewski. Von April bis Juni habe ich den Wahnsinn des Büroalltags verlassen und einfach mit Leuten gelebt, die immer einfach leben. Die Reise in den Alltag der Kleinbauern, Mönche und vom »Peak Oil« oder »New Age« inspirierten Siedler, die für mich ein Selbstversuch war, vielleicht eine Reise in die Zukunft, in jedem Fall auch ein Abstecher in die lebendig gebliebene Ideengeschichte, beginnt mit einer Suche nach einfachem Leben in Mecklenburg-Vorpommern.