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Nr. 2631

 

Die Stunde der Blender

 

Die Weltengeißel im Einsatz – der verzweifelte Kampf um eine Welt beginnt

 

Marc A. Herren/Christian Montillon

 

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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 1469 Neuer Galaktischer Zeitrechnung (NGZ) – das entspricht dem Jahr 5056 christlicher Zeitrechnung. Seit dem dramatischen Verschwinden des Solsystems mit all seinen Bewohnern hat sich die Situation in der Milchstraße grundsätzlich verändert.

Die Region um das verschwundene Sonnensystem wurde zum Sektor Null erklärt und von Raumschiffen des Galaktikums abgeriegelt. Fieberhaft versuchen die Verantwortlichen der galaktischen Völker herauszufinden, was geschehen ist. Dass derzeit auch Perry Rhodan mitsamt der BASIS auf bislang unbekannte Weise »entführt« worden ist, verkompliziert die Sachlage zusätzlich.

Kein Wunder, dass in der Milchstraße an vielen Stellen große Unruhe herrscht. Mit dem Solsystem ist ein politischer und wirtschaftlicher Knotenpunkt der Menschheitsgalaxis entfallen – die langfristigen Auswirkungen werden bereits spürbar. Um eine politische Führung zu gewährleisten, wurde auf der Welt Maharani eine provisorische neue Regierung der Liga Freier Terraner gewählt.

Perry Rhodan kämpft indessen in der von Kriegen heimgesuchten Doppelgalaxis Chanda gegen QIN SHI. Diese mysteriöse Wesenheit gebietet über zahllose Krieger aus unterschiedlichen Völkern und herrscht nahezu unangefochten, nicht zuletzt dank der Weltengeißel. Um sie aufzuhalten, kommt DIE STUNDE DER BLENDER ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Perry Rhodan – Der Terraner verfolgt das Werk der Weltengeißel.

Tokun Gavang – Der Dosanthi verwandelt Angst in Aggression.

Vetela – Der Xylthe verfolgt seinen Feind ein Leben lang.

Kaowen – Der Protektor will seinen Wert beweisen.

Terahyr – Der alte Xylthe befindet sich auf Meloudil auf dem Abstellgleis der Garde.

»Die Revolution ist wie Saturn: Sie frisst ihre eigenen Kinder.«

Pierre Vergniaud, kurz vor seiner Hinrichtung am 31. 10. 1793

 

 

Prolog

Protektor Kaowen

 

Innerer Frieden war nur etwas für Schwächlinge.

Diesem Credo zufolge strebte Kaowen keine Harmonie für seine Seele an. Als xylthischer Heerführer und Protektor der QIN-SHI-Garde stand ihm der Sinn nach weitaus Wichtigerem. Und doch fühlte er Erleichterung, dass seine Beunruhigung allmählich schwand.

Mehr noch, seine Angst.

Er hätte es niemals und vor niemandem zugegeben, aber nach all seinen Niederlagen fürchtete er sich, von QIN SHI für sein schändliches, wiederholtes Versagen zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Diese Angst nahm allerdings im selben Maß ab, wie sich die RADONJU dem Planeten Meloudil näherte, dem Ort seines kommenden Triumphes, der darauf wartete, all seine Fehler aufzuwiegen. Nichts vermochte sich dort der Weltengeißel in den Weg zu stellen. Die Aktivierung musste gelingen, millionenfache Lebensenergie QIN SHI zuströmen – und die Superintelligenz würde zufrieden sein.

Kaowen erwies sich erneut als fähiger Protektor, der sich selbst von einem Perry Rhodan nicht stören ließe. Der Xylthe empfand nur Abscheu, als er an seinen Feind dachte, der mit dem Raumschiff namens BASIS in die Galaxis Chanda gelangt war. Seit seiner Ankunft versagte Kaowen immer wieder aufs Neue. Ganz gewiss hatte dieser Rhodan auch seine Finger beim Versagen der Weltengeißel im Spiel gehabt!

Aber die Serie von Misserfolgen fand nun ein Ende.

QIN SHI sollte keinen Grund mehr haben, an ihm und seinen Fähigkeiten zu zweifeln. Die Bewohner von Meloudil standen bereit, um serviert zu werden. Abgeerntet.

Bislang hatte QIN SHI niemals die Lebensenergien der Bevölkerung eines Planeten aufgenommen, den seine Diener bewohnten; aber Dinge änderten sich eben. Zudem hatte der Verzweifelte Widerstand bisher noch nie eine Aktivierung unterbrochen und gestört.

Warum sich QIN SHI ausgerechnet eine Welt der Dosanthi aussuchte? Kaowen vermochte es sich nur so zu erklären, dass Meloudil kosmisch gesehen in geringer Entfernung zu Cruny lag, dem letzten Einsatzort der Weltengeißel. Und dass die dortigen Bewohner außerdem den Anforderungen entsprachen: einfache, leichte Beute.

Der Protektor wartete gespannt auf das, was ihnen bevorstand. Wie bei jeder Aktivierung standen Dosanthi-Horden bereit, über den Planeten herzufallen und die Bevölkerung in Angst und Panik zu versetzen. Nur diesmal bedeutete es, dass Dosanthi gegen ihresgleichen kämpften.

Kein Grund jedoch, sich auf irgendwelche Schwierigkeiten vorzubereiten. Seine Soldaten würden ihm gehorchen, ihren Befehl ausführen und ihre Aufgabe erfüllen. Das System funktionierte. Es war perfekt; notfalls unterstützten xylthische Heerführer es mit etwas Gewalt.

Noch vor Jahren war Kaowen der Überzeugung gewesen, dass die Dosanthi nichts so sehr fürchteten wie ihre Furcht; ein Kreislauf, der diese erbärmlichen Wesen immer tiefer in ihre Ängste und jämmerliche Schwachheit riss. Inzwischen jedoch ängstigten sie sich vor allem vor den Xylthen, weil diese in QIN SHIS Machtgefüge über ihnen standen, weil sie stärker waren als sie selbst.

Dosanthi mochten in QIN SHIS Sinne Verbündete sein, doch sie stellten das Fußvolk. Mehr noch, sie dienten als Kanonenfutter, zwar nützlich, aber auch lästig. Man musste sie mit übermächtiger Willenskraft und der nötigen Gewalt führen und sie an ihren Platz zwingen.

Falls das mit sich brachte, dass sie einen Planeten ihres eigenen Volkes der Weltengeißel überließen, sollte es eben so sein.

Kaowen ließ sich zufrieden in die Sitzmulde seines Privatquartiers sinken und schloss die Augen. Seine Serie aus Versagen und Scheitern gehörte schon bald der Vergangenheit an.

Alles war gut.

Alles ... war ... gut.

0.

Tokun Gavang

 

Er war kein Agal-Atimpal mehr.

Tokun schrie.

 

*

 

Vergangenheit, 1379 NGZ

Tokun Gavang klebte wochenlang an seiner Wand.

Ärzte und Geistheiler untersuchten ihn, gaben ihm alle möglichen Medikamente, injizierten ihm sogar eine Tinktur aus der Dosedo-Pflanze; allein: Sein Zustand besserte sich nicht.

Tokun bemerkte meist nicht einmal, wenn jemand kam, um ihn zu versorgen. Das Fieber schmolz seine Welt zusammen.

In den wenigen klaren Momenten zwischen den Schüben überkam ihn die Angst, dass er Dinge verraten könnte, die er mit aller Gewalt für sich behalten musste.

Geheimnisse des Verzweifelten Widerstands.

Wenn er daran dachte, dass er mit jedem unbedachten Wort die Geschicke der Doppelgalaxis Chanda beeinflussen könnte, kam die Furcht umso stärker zurück. Als Stratege der Dosanthi an Bord der XYLTHIA bekleidete er eine Position, die für den Verzweifelten Widerstand von enormer Bedeutung war.

Tokun suchte fieberhaft nach Lösungen. Er wollte sich umbringen, fand aber die Kraft nicht, sich von der Wand zu lösen und sein Leben unter missbräuchlicher Verwendung eines der Untersuchungsinstrumente zu beenden.

Er sondierte sein Inneres, aber da war kein Calanda mehr. Die aggressive Aufladung, die ihn früher zu dem gemacht hatte, was er war.

Ein Agal-Atimpal. Ein Dauererregter.

Geachtet und gefürchtet von den normalen Dosanthi. Widerwillig geschätzt von den Xylthen, weil er als Agal-Atimpal in punkto emotioneller Stabilität, strategischen und vor allem technischen Verständnisses allen anderen seines Volkes weit voraus war.

Seit er als Kind während einer Re'blicht-Prozession in den Agalaria-Zustand gewechselt hatte, war diese urtümliche, wunderbare Kraft in ihm gewesen und hatte ihm einen Weg gewiesen. Tokun hatte viele Fehler, viele unerledigte Dinge in seinem Leben. Er hatte seinen Heimatplaneten Meloudil verlassen, ohne einmal zurückzublicken, hatte seinen besten Freund getötet.

Tokun hatte im Namen QIN SHIS im wahrsten Sinne des Wortes Furcht und Schrecken verbreitet, hatte ganze Völker den Waffen der Heimatflotte und später der Garde ausgeliefert. Er hatte mit seinen eigenen Händen Leben beendet – für QIN SHI ebenso wie für den Verzweifelten Widerstand. Manchmal auch nur, um sich selbst zu schützen.

Die Aggression hatte ihm geholfen, diesen Weg zu gehen, ohne sich von den eigenen, furchtbaren Gedanken zerstören zu lassen. Er war ein Agal-Atimpal! Die Aggression war seine Kraft, sein Motor.

Sie war es gewesen.

Seit er in den Normalzustand, das Ogokaria, zurückgefallen war, fehlten ihm alle Waffen und Möglichkeiten, die eigenen Ängste zu bekämpfen.

Wie hatte sein früherer Trainer Xoren Ferup die anderen Dosanthi genannt?

Die Ordinären.

Tokun Gavang fiel es erst in diesem Moment auf, dass sich Ferup damals selbst ordinär genannt hatte. Und nun war Tokun ebenfalls ein Ordinärer.

Falsch, dachte er verzweifelt, solange ich es nicht schaffe, durch die Dosedo-Wand Heimatkristalle aufzunehmen, bin ich nicht einmal mehr ein ordinärer Dosanthi. Ich bin ein Ogok-Atimpal, ein Dauerängstlicher!

Ogok-Atimpal.

Das Wort rotierte in seinem Kopf, ließ die Angst zur Panik anwachsen, bis sein Bewusstsein brach wie eine brüchige Wand.

 

*

 

Als er das nächste Mal aufwachte, bemerkte er eine kräftige Gestalt, die sich unweit von ihm in der Schlafhöhle aufgebaut hatte. Tokun zwinkerte, um den Schleim der Nacht loszuwerden, der sich über seine Augen gelegt hatte.

»Ich wollte mich persönlich von deinem Zustand überzeugen«, sagte eine wohlbekannte Stimme. Wie ein heißer Stachel durchbohrte sie Tokuns träge Gedanken.

Vetela!

Der Xylthe hatte jahrelang zu beweisen versucht, dass Tokun geheime Absichten verfolgte; zuerst als vermuteter Gesandter Kaowens, der Vetela ausspionieren sollte, später als Mitglied des Verzweifelten Widerstands.

Tokun formte die tauben Lippen, versuchte etwas zu sagen.

Vetela kam näher. »Was hast du gesagt, Agal-Atimpal?« Er lachte heiser. »Was sage ich da? Du bist ja jetzt wie die anderen. Klebst wie ein Stück Elend an deiner Wand, unter dir türmt sich der Unrat, der dir entspringt.«

Der Xylthe kam noch näher. Sein Atem strich über Tokuns Gesicht. Er roch nach gewürztem Fleisch.

»K... Kao...wen«, brachte Tokun heraus.

»Das hättest du nicht gedacht, dass er eine Klonkopie besitzt, in die sein Bewusstsein zurückkehren kann, nicht wahr, mein Freund?« Vetela ließ ein leises Knurren hören. »Ich weiß immer noch nicht, wie du es gemacht hast, aber dein Plan hat zumindest ausreichend funktioniert, sodass ich als Einziger weiß, dass du hinter dem Mord steckst. Deshalb habe ich alles unternommen, um Kaowen zu beschützen. Ich werde aus dem Hintergrund darüber wachen, dass du keine zweite Gelegenheit erhältst, ihm etwas anzutun.«

Der Xylthe legte ihm eine Hand auf den bebenden Rücken. »Was hast du, Stratege? Dein Buckel zittert ja wie ... wie ein Dosanthi!«

Vetela lachte laut und hässlich. Dann flüsterte er direkt in Tokuns linkes Ohr: »Keine Angst. Ich werde dich nicht umbringen. Davon habe ich nichts. Stattdessen werde ich warten, bis du einen Fehler machst. Ich werde dich auf frischer Tat ertappen, sobald du mit deinen Freunden in Kontakt trittst oder etwas unternimmst, was dem Widerstand hilft. Dann werde ich da sein und dich auffliegen lassen, Tokun Gavang.«

»Wes...halb?«, stammelte Tokun.

»Weshalb?«, echote Vetela. »Weshalb ich dich vernichten will? Weil ...«

Der Xylthe stockte.

Tokun verdrehte schmerzhaft das linke Auge, um zu sehen, was Vetela unternahm. Sein Körper zog sich in der Erwartung eines Schlages krampfhaft zusammen.

Aber Vetela schlug nicht zu. Der Reparat drehte sich abrupt um und verließ die Schlafhöhle. Tokun blieb ängstlich keuchend zurück.

 

*

 

Tokun vegetierte in der Halbwelt aus Realität und Angstträumen dahin, bis er irgendwann feststellte, dass die Phasen der Klarheit länger wurden. Das Fieber klang ab.

Ein xylthischer Arzt namens Bunion spritzte ihm zweimal täglich das Dosedo-Serum. Es brachte ihm zwar das Calanda nicht zurück, dafür aber die Gewissheit, das Schlimmste überstanden zu haben.

Dann kam der Tag, an dem er die Wand verließ und seine ersten Schritte als Ogok-Atimpal unternahm. Ein Medoroboter der Badakk musste ihn stützen, weil er mit seinen krummen Beinen kaum vorwärtskam. Sein Muskelgewebe entsprach dem Zustand des Agalaria, wenn die Beine gerade und der Rücken gestreckt war.

Tokun schickte den Medoroboter fort. Er aktivierte das Kommunikationsterminal und wartete, bis die Verbindung zu seinem Kontakt stand. Tokun schaltete den Bildkanal nicht ein, um die Anzahl Datenpakete dieses Gesprächs möglichst tief zu halten.

Tiza Zempars Stimme erklang. »Wie geht es dir?«

»Es geht nicht um mich«, murmelte Tokun rasch. Er hatte Angst, dass es den Badakk in der Zwischenzeit gelungen war, die geheimen Datenpakete aufzuspüren, die sich in den normalen Funkverkehr der Garde mischten. »Es geht um Kaowen. Mir wurde bestätigt, dass sein Bewusstsein in eigene Klonkopien zurückkehren kann. Weißt du, was das bedeutet? Es bedeutet, dass wir ihn so lange nicht töten können, bis wir entweder alle Kopien ...«

»Das wissen wir schon alles «, gab Tiza zurück. »Du hast uns diese Vermutung bereits mitgeteilt. Sie wurde durch unsere Verbindungsleute bestätigt.« Zempar räusperte sich. »Tokun, mir ist wirklich wichtiger zu erfahren, wie es dir geht. Ich weiß, dass du das Agalaria verloren hast. Wirst du weiterhin als Stratege tätig sein können?«

»Die Garde hält mich am Leben«, flüsterte Tokun. »Ich werde sogar ärztlich versorgt. Sie müssen davon ausgehen, dass ich noch als Stratege wirken kann.« Ein Schauer lief durch Tokuns Körperfalten. »Aber das stimmt nicht! Ich kann kein Calanda mehr aufnehmen. Ich bin ein Ogok-Atimpal geworden! Weißt du, was das bedeutet? Sobald Salandin das herausfindet, werde ich in den nächsten Konverter geworfen.«

»Du bist kein Dauerängstlicher!«

»Was?«

»Du bist kein Ogok-Atimpal«, flüsterte Zempar eindringlich.

»Wie ... wie willst du das wissen?«

»In der Geschichte der Dosanthi gab es immer wieder Agal-Atimpal, die aufgrund von Stresssituationen aus dem Agalaria fielen. Alle von ihnen haben sich so weit erholt, dass sie wieder Calanda aufnehmen konnten. Mir ist sogar ein Fall bekannt, in dem der Dosanthi wieder zu einem Dauererregten wurde.«

Tokun stockte. »Ich glaube dir nicht«, flüsterte er dann. »Du willst mich manipulieren, damit ich euch weiterhin mit Informationen ...«

»Wie viele Dosanthi halten sich in deiner unmittelbaren Umgebung auf?«, unterbrach Zempar ihn mit ungerührter Stimme.

Verwirrt blickte Tokun sich um. »Keiner«, sagte er. »Ich konnte meine Fäkalien nicht halten. Deshalb haben sich die anderen zurückgezogen.«

»Du bist allein«, wiederholte Zempars Stimme genüsslich. »Tokun, weißt du, was mit einem Ogok-Atimpal geschieht, der allein gelassen wird?«

Tokun schwieg verblüfft.

»Ganz recht, Tokun: Sie sterben vor Angst. Du bist kein Ogok-Atimpal. Der Verlust des Agalaria-Zustands hat dir einen Schock versetzt. Sobald du aufhörst, ein derartiger Weichlameller zu sein, wirst du wieder zu dir selbst finden. Vielleicht ein neues Selbst, aber sicher kein dauerängstliches.«

Tokun schüttelte verwirrt den Kopf. »Selbst wenn das stimmen sollte, kann ich unmöglich weiterhin als Stratege walten. Vetela ist derart auf mich fixiert, dass er mich früher oder später enttarnen wird.«

Ein hustendes Geräusch erklang. »Es gäbe da eine weitere Einsatzmöglichkeit. Eine, die wie auf dich zugeschnitten ist.«

Der Dosanthi spürte, wie sein Herz schneller schlug.

»Wie meinst du das?«

Kurz war es still am anderen Ende der Linie, dann sagte Zempar: »Es ist etwas geschehen. Auf einer unserer Rekrutierungs- und Ausbildungswelten ... Unser wichtigster Agent ist ausgefallen. Ein Unfall, ein tragischer Unfall.«

Tokun horchte auf. Irgendetwas in der Stimme Zempars alarmierte ihn. »Wovon sprichst du?«

»Du könntest seine Position übernehmen, falls du Reparat Salandin von einer Rückkehr überzeugen kannst.«

Er schluckte mühsam. »Von einer ... einer Rückkehr? Eine Rückkehr wohin?«

»Ins Pytico-System. Nach Meloudil.«

Eiskalte Furcht durchdrang Tokuns Hautfalten. »Weshalb ... weshalb hast du gesagt, dass die Aufgabe wie auf mich zugeschnitten sei?«

Zempar zögerte, ehe er sagte: »Es tut mir leid, dass ich es dir auf diese Weise sagen muss, aber dein Vater, Vorsteher Karun Gavang, ist bei der Explosion eines Energiemeilers ums Leben gekommen.«

Mehrere Sekunden lang fühlte sich Tokun, als würde ihn eine höhere Kraft aus seinem Körper zerren. Er sah sich selbst, wie er fassungslos vor dem kleinen Kommunikationsterminal saß, in sich gesunken, die Körpersilhouette dominiert von diesem lächerlichen Buckel. Wie eine traurige Karikatur seiner selbst.

Er schüttelte irritiert den Kopf. »Ich verstehe nicht. Du hast gesagt, dass euer wichtigster Agent ...«

»Dein Vater hat für den Verzweifelten Widerstand gearbeitet.«

»Was? Weshalb ... weshalb habe ich dies nicht gewusst?«

»Wir dachten, dass es besser sei, wenn ihr es nicht erfahrt. So habt ihr euch auf eure Aufgaben konzentriert, ohne durch irgendwelche riskanten Kontaktmanöver die eigene Tarnung zu gefährden.«

Tokun fühlte, wie er plötzlich ganz ruhig wurde. »Du sprichst in der Mehrzahl, Tiza«, sagte er mit leiser Stimme. »Du hast die Wahrheit uns beiden verschwiegen? Mein Vater ging also bis zu seinem Lebensende davon aus, dass ich für die Garde arbeite? Dass wir beide Gegner wären?« Er spürte Wut in sich aufsteigen. »Ist dir klar, dass ihr mit eurem egoistischen Verhalten die einzige Gelegenheit zerstört habt, dass mein Vater stolz auf mich hätte sein können?«

»Beruhige dich.«

»Ich will mich nicht beruhigen!«

»Fein«, antwortete Zempar. »Dann unterbreche ich die Verbindung. Bis wir uns wieder sprechen, denkst du darüber nach, welches der letzte Wunsch deines Vaters gewesen sein könnte. Und wenn du bereits dabei bist, dein Hirn zu verwenden: Frag dich auch, woher die unüberhörbare Aggression in deiner Stimme kommt.«

Es klickte leise.

Verblüfft betrachtete Tokun Gavang das desaktivierte Kommunikationsterminal. Dann erst nahm er es bewusst wahr.

Das Calanda brannte in seinem Körper, als wäre es nie weg gewesen.

 

*

 

Jetztzeit, 1469 NGZ

Beunruhigt unterbrach Tokun Gavang die Verbindung mit Vorsteher Herun Kepken vom Kontinent Marbo.

Kepken hatte ihm von seltsamen Messwerten berichtet, die Badakk vom Rand des Pytico-Systems aufgefangen hatten. Anscheinend war dort etwas materialisiert, was sie mit ihren planetengebundenen Messinstrumenten nicht identifizieren konnten.

In den letzten Monaten hatte sich die Situation in Chanda weiter verschärft. Vom Informationsdienst des Verzweifelten Widerstands hatte er erfahren, dass QIN SHI nicht nur erwacht war, sondern auch zusammen mit den Xylthen offenbar die Invasion einer fremden Galaxis plante.

Die ersten Hinweise hatten die iothonischen »Seher« geliefert; anschließend hatten Spione des Widerstands von Aktivitäten der QIN-SHI-Garde berichtet, die diese Gerüchte weiter nährten.

Tokuns Spione waren aber nicht in der Lage gewesen, die genauen Absichten oder den Namen dieser Galaxis ausfindig zu machen.

Dafür wurde die Weltengeißel erneut aktiv.

Hatte Tokun sie in seinen ersten Jahren in der Heimatflotte oder der Garde nur als rätselhaften Mythos wahrgenommen, war die Geißel in den letzten Jahrzehnten zu einer überaus realen Bedrohung mutiert.

Tokun nahm Kontakt mit dem Xylthen Terahyr auf, der als Reparat die Drillingszapfen im Zentrum ihrer Stadt Dogeju verwaltete.

Das Abbild Terahyrs erschien im Display des Kommunikationsterminals. Die unzähligen blaugrünen Adern, die sich wie Wasserläufe über sein Gesicht verzweigten, ließen eine Ahnung zu, wie alt der Xylthe inzwischen sein musste. Wie für viele andere seines Volkes bedeutete der Einsatz auf Meloudil die letzte Station in seiner Laufbahn.

Innerhalb der QIN-SHI-Garde hatte man von Meloudil deswegen hinter vorgehaltener Hand von einem »xylthischen Pensionat« gesprochen – einer Altenhöhle im Sprachgebrauch der Dosanthi.

»Was gibt es?«

»Mir wurde gesagt, dass am Rand des Systems ein unbekanntes Objekt materialisiert sei. Kannst du mir diese Ortung bestätigen und mir dabei auch gleich sagen, worum es sich bei diesem Objekt handelt?«

Der Xylthe kniff die grauschwarzen Augen zusammen. »Woher hast du deine Informationen?«

»Die Raumüberwachung von Marbo hat das Bild bei der Routineüberprüfung einer Robotstation in Höhe Tyskans aufgefangen. Du hast dieselben Informationen erhalten?«