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Inhaltsverzeichnis

Widmung
EINLEITUNG - Die bedeutungsschwangere Vergangenheit
KAPITEL EINS - Die Römer erobern den Germanenmythos
Schlechte Kaiser erziehen gute Schriftsteller
Eine Lehnstuhl-Ethnografie
Die Pathologie der Macht
KAPITEL ZWEI - Überleben und Wiederaneignung
Eine stille Fahrt
Das nicht zu fassende Manuskript
Rückkehr nach Rom
KAPITEL DREI - Die Geburt der deutschen Ahnen
Einstmals Flegel, heute Gentlemen
Autochthone deutsche Krieger
Noahs neuer Sohn
KAPITEL VIER - Jahre der Entwicklung
Seit undenklichen Zeiten
Frei, tapfer, treu und – vergessen
Das bessere Leben eines einfachen Volkes
KAPITEL FÜNF - Heldenlieder
Teuto – wiederhergestellt
Lasst die Barden singen
Wie der Charakter, so die Sprache
KAPITEL SECHS - Das Volk von frei gesinnten Nordländern
Der Nationalgeist
Die Bauernrepublik
Nordische Folklore
KAPITEL SIEBEN - Weißes Blut
Nationalismus in Ermangelung einer Nation
Die Schönsten der arischen Rasse
Die völkische Bewegung, »bevor Hitler kam«
KAPITEL ACHT - Eine Bibel für Nationalsozialisten
Die germanische Revolution
Blut und Boden
Mission(en) nicht erfüllt: Der Reichsführer und seine SS
NACHWORT - Eine andere Lektüre, ein anderes Buch
Danksagung
Anmerkungen
Einleitung Die bedeutungsschwangere Vergangenheit
Kapitel eins Die Römer erobern den Germanenmythos
Kapitel zwei Überleben und Wiederaneignung
Kapitel drei Die Geburt der deutschen Ahnen
Kapitel vier Jahre der Entwicklung
Kapitel fünf Heldenlieder
Kapitel sechs Das Volk frei gesinnter Nordländer
Kapitel sieben Weißes Blut
Kapitel acht Eine Bibel für Nationalsozialisten
Nachwort Eine andere Lektüre, ein anderes Buch
Personen- und Werkverzeichnis
Abbildungen
Copyright

Danksagung

Groß ist die Zahl derer, die auf die eine oder andere Weise zur Entstehung dieses Buchs beigetragen haben.

Zuallererst möchte ich, aufrichtig und verspätet, meinen Lehrern danken. Ich hatte das Glück, schon früh Latein zu lernen, zunächst inspiriert durch Elke Steinkrauß an der Grundschule am Weinmeisterhorn, dann herausgefordert durch Walter Fietz am Kant-Gymnasium (beide Berlin-Spandau). Dort belegte ich auch, etwas naiv, einen Altgriechisch-Kurs unter der Leitung von Elisabeth Krause. Als ich mich nach einer Pause wieder den klassischen Sprachen zuwandte und sie an der Universität studierte, wurde mir klar, wie sehr ich ihnen verpflichtet war. Englisch kam in meiner Sprachenfolge zwar als Letztes, aber ich hatte das Glück, den Unterricht von Gabriele Zigann (heute Tapphorn) zu erhalten, und dadurch wurde es mir schließlich möglich, in England zu studieren und in den Vereinigten Staaten zu leben, zu arbeiten und zu schreiben. In anderen Bereichen habe ich eine ebenso große Dankesschuld abzutragen: Durch 450 Jahre europäischer Geschichte hätte ich mich erheblich weniger sicher bewegt, wenn ich nicht im Lauf jahrelanger Geschichtsstunden einen großen Teil des Territoriums schon früher besucht hätte. Bildung sollte kein Privileg sein, aber ich fühle mich sehr privilegiert.

Mein Privileg war es auch, in neuerer Zeit an zwei ausgezeichneten Bibliotheken zu arbeiten: an der Harvard College Library, deren Kern die Widener Library mit ihren großartigen Freihandbeständen bildet, sowie fast ein Jahr lang an der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Für die Recherchen zur Wirkungsgeschichte der Germania des Tacitus musste eine große Zahl von Büchern, Zeitschriften und anderen Dokumenten durchgesehen werden, die im Lauf von Jahrhunderten an weit verstreuten Orten erschienen waren, und diese beiden Bibliotheken hatten die Texte, die ich brauchte, entweder in ihren Beständen oder sie beschafften sie mit ihren gut funktionierenden Fernleihsystemen. Besonders dankbar bin ich den Mitarbeitern von Widener and Houghton, der Bibliothek der Harvard University für seltene Bücher und Manuskripte: Ganz gleich wie entlegen oder rar das Dokument war, für das ich mich interessierte, und ganz gleich an wen ich mich auf der Suche nach Hilfe wandte, man begegnete mir nur mit Freundlichkeit und Kompetenz. Weitere Institutionen, die meine Bitten um Informationen oder um Dokumente zügig erfüllten, waren das Archiv des Erzbistums München und Freising, das Hoover Institute, das Bundesarchiv Koblenz, das Bundesarchiv Berlin, die Biblioteca Nazionale Centrale di Roma, das Ufficio Turismo  – Comune di Jesi und das Ufficio Informazione e Accoglienza Turistica in Osimo.

Als ich auf der Suche nach Verweisen auf Tacitus’ höchst gefährliches Buch und nach Zitaten aus diesem Werk die Bestände von Widener durchging, wagte ich mich wiederholt in Bereiche, die jenseits meines Spezialgebiets lagen. Ich bin dankbar für die Beratung, die ich von folgenden Personen erfahren habe: Giovanni Baldeschi-Balleani zur Geschichte seiner Familie und zum Codex Aesinas; Dr. Michael Carhart (Old Dominion University) zu Christoph Meiners; Professor Andreas Gardt (Universität Kassel) und Dr. Nicola McLelland (University of Nottingham) zu sprachwissenschaftlichen Theorien des 17. Jahrhunderts; Professor Roger Chickering und Björn Hofmeister (beide Georgetown University) zu den Alldeutschen Blättern. Mein besonderer Dank gilt Dr. Brian Vick (Emory University), der mir nicht nur im Zusammenhang mit verschiedenen Problemen des 18. und 19. Jahrhunderts half, sondern auch zwei meiner Kapitel las und mit zahlreichen Anmerkungen versah, sowie Dr. Allan A. Lund und Heather Pringle für ihre großzügige Hilfe und ihre sorgfältige Lektüre meines Kapitels über den Nationalsozialismus.

Spuren von Tacitus ausfindig zu machen war die eine Herausforderung; die andere bestand darin, sie in einer lesbaren Form vorzustellen. Zahlreiche Freunde, darunter ehemalige und gegenwärtige Studierende meiner Lehrveranstaltungen, haben einzelne Kapitel gelesen und kommentiert oder mir während des Entstehungsprozesses auf andere Weise geholfen. Mein aufrichtiger Dank geht an Sean Braswell, Tiziana D’Angelo (die häufig mehrere Versionen ein und desselben Abschnitts hörte), Caitlin A. Donovan, Christian Flow, Edward A. Gargan, Christopher D. Johnson, Elizabeth D. Mann, Alex Rehding, Ryan Rowberry (der auch bei vielen fröhlichen Mahlzeiten ein offenes Ohr für meine Ideen hatte) sowie an meinen Agenten Steve Wasserman. Andrew C. Johnston und Ryan B. Samuels lasen nicht nur Teile des Manuskripts, sondern überprüften auch zahlreiche Verweise, Rebecca A. Katz übernahm die Aufgabe, den Gesamttext, von der Einleitung bis zum Nachwort, zu lesen, mich auf Ungenauigkeiten und Merkwürdigkeiten aufmerksam zu machen und mich so vor Fehlern zu bewahren. Sie alle trugen in erheblichem Maß dazu bei, diese Arbeit zu einem besseren Buch zu machen, aber keiner tat dies mehr als meine Lektorin Amy Cherry, die mich mit viel Humor und großer Geduld von Anfang bis Ende in diesem Unternehmen begleitet hat.

NACHWORT

Eine andere Lektüre, ein anderes Buch

Nicht genug kann ich mich über jene übereifrigen Lobredner der Germanen wundern, die Germanien strahlende Siege [anderer Völker] zuzuschreiben suchen.

Beatus Rhenanus, 1531 (gekürzt)

Dem Wasser gelang, wozu Heinrich Himmlers SS-Männer nicht in der Lage gewesen waren: Es fand den Codex Aesinas. Nach dem Zweiten Weltkrieg deponierte Graf Aurelio Baldeschi Guglielmi Balleani den Codex in einem Safe beim Banco di Sicilia in Florenz. Als der Arno im November 1966 über die Ufer trat und die Stadt mit größeren Wassermassen überschwemmte als je zuvor seit der Mitte des 16. Jahrhunderts, war der Codex einer der zahlreichen Kunstgegenstände, die Schaden nahmen. Man brachte ihn in das in der Nähe von Rom gelegene Kloster Santa Maria di Grottaferrata (auch Abbazia di San Nilo genannt), wo Mönche Löschpapier zwischen die Blätter legten. Die Operation glückte. Das kostbare Stück war zwar beschädigt, aber nicht zerstört, und man brachte es wieder nach Florenz.

Selbst in diesem teilweise entstellten Zustand zog der Codex immer noch die Aufmerksamkeit auf sich. Interesse am Ankauf des Manuskripts zeigte nicht nur die Bibliothek in Wolfenbüttel, in der Justus Georg Schottelius mehrere Jahrhunderte zuvor gearbeitet hatte, sondern es wurde auch jenseits des Atlantiks bekundet. Mason Hammond, ein Professor für klassische Philologie, der an der Harvard Universität lehrte, berichtet in einem Brief an den damaligen Vorsitzenden des Departments, wie er Graf Baldeschi-Balleani im Spätsommer 1979 zu einem Essen getroffen hatte. Im Lauf des Gesprächs gewann Hammond den Eindruck, der Graf erwäge, einen Teil seiner Besitztümer zu Geld zu machen, und der Universität könnte es vielleicht gelingen, sich den historischen Codex zu verschaffen. Diese Transaktion kam allerdings nie zustande, was letztlich kaum nennenswerte Folgen hatte, da die Widener Library der Harvard Universität bereits Fotografien des Manuskripts besaß (denen eine Kopie von Hammonds Brief beigefügt war). Doch das Pergament war eine Last: Die Baldeschi-Balleanis verfügten nicht über die technischen Mittel zur angemessenen Lagerung und die Einsichtnahme durch interessierte Forscher bereitete allen Beteiligten Ungelegenheiten. Nach dem Tod des Grafen beschloss die Familie, das Manuskript dem italienischen Staat zu übereignen. Seit 1992 liegt es in der Biblioteca Nazionale in Rom, wo es jetzt als Codex Vittorio Emanuele 1631 katalogisiert ist. Vor nicht allzu langer Zeit, im Sommer 2009, kam es als Leihgabe nach Detmold, wo man den 2000. Jahrestag von Arminius’ Sieg über die römischen Legionen des Varus wenn auch nicht feierte, so doch mit einer Ausstellung beging.1

Die metallene Stille des Safes im Banco di Sicilia symbolisiert vielleicht die plötzliche Stille, die sich nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes 1945 über den Text des Tacitus legte. Nach Jahrzehnten herausragender Bedeutung in völkischen und nationalsozialistischen Bearbeitungen innerhalb und insbesondere außerhalb der akademischen Sphäre verschwand die Germania aus der Populärkultur und fand nur noch äußerst sporadisch Erwähnung in wissenschaftlichen Zeitschriften. Als sich Altphilologen zögernd und tastend wieder der einzigen erhaltenen ethnografischen Monografie der Antike zuwandten, mussten sie sie aus dem Schutt der Ideologie bergen, nicht als verehrungswürdige Gründungsurkunde des deutschen Volkes und auch nicht als ethischen oder rassischen Führer in eine bessere Zukunft, sondern als Gegenstand philologischer und historischer Untersuchungen. Sie entwickelten zunehmendes Interesse daran, die Germania als Produkt ihrer Kultur und ihrer Zeit zu verstehen: herauszufinden, was sie über das Lateinische im Allgemeinen und über den Stil des Tacitus im Besonderen verriet, ob der überlieferte Text an der einen oder anderen Stelle verderbt sein könnte, welches Licht er möglicherweise auf die Einstellungen der Römer zu fremden Völkern warf und in welchem Verhältnis seine Informationen zu anderen historischen und archäologischen Quellen standen. Dieser nüchterne, wissenschaftliche Ansatz, den man seit den 1980er-Jahren mit Gewinn verfolgt und der zu einer neuen, weitgehend ideologiefreien Würdigung des taciteischen Textes geführt hat (wie das Erscheinen dreier gründlicher Kommentare innerhalb von zehn Jahren zeigt), schätzt Umsicht mehr als Enthusiasmus. Ein solcher Ansatz entwickelte sich nach 1945 jedoch nicht aus dem Nichts. In Wirklichkeit hatte er schon beinahe seit Mitte des 15. Jahrhunderts, als der Codex Hersfeldensis wiederentdeckt wurde, neben dem ideologischen Ansatz existiert.

 

Beatus Rhenanus, ein Freund des Erasmus von Rotterdam, verbrachte sein Leben (1485–1547) damit, seine Studien zu betreiben. Zeitgenossen kommentierten seine Hingabe mit einem Wortspiel: Sie erklärten, Beatus (der lateinische Name bedeutet »glücklich«) sei beatus  – zumindest für sich allein. Geboren in Schlettstadt im Elsass und gründlich in den klassischen Sprachen ausgebildet, verfügte er schon bald über ein scharfsinniges philologisches Verständnis für lateinische wie griechische Werke sowie über historische Kenntnisse, die ihn dazu befähigten, zur ersten Standardausgabe der Werke des Tacitus im Spätsommer 1519 beizutragen. In diesem Jahr hatte er die Germania bereits separat veröffentlicht, begleitet von einem kurzen Kommentar über »die alten Völkernamen in Germanien«. Dies war der erste Kommentar, der in deutschsprachigen Ländern erschien.2

Während seine Zeitgenossen die Germania wegen der Dinge studierten, die sie ihnen möglicherweise über ihre Gegenwart und die Aussicht auf eine bessere Zukunft erzählte, interessierte sich Rhenanus für das Werk als Dokument der Vergangenheit. In dieser frühen Phase der Rezeption der Germania steht er abseits von seinen humanistischen Zeitgenossen, von denen die meisten den Wunsch hatten, Tacitus möge die Großartigkeit ihrer Vergangenheit bestätigen und als Kronzeuge für ihre panegyrischen und pädagogischen Geschichtsdarstellungen dienen. Auch Rhenanus war nicht frei von patriotischer Leidenschaft, aber trotz gelegentlicher Ausflüge in diese Richtung lehnte er es ab, seine Gewissenhaftigkeit als Forscher seinem Patriotismus unterzuordnen. Philologisch streng und historisch umsichtig konzentrierte er sich darauf, Tacitus’ eigene Worte wiederherzustellen; herauszufinden, was er geschrieben hatte und was er gemeint hatte. So heißt es bei Tacitus beispielsweise : »Kaum jemand  – vielleicht einer oder zwei  – hat einen Metallhelm oder einen Lederhelm [cassis aut galeae].« Im überlieferten lateinischen Text des Manuskripts stehen die beiden Helme in unterschiedlicher Zahl: der erste im Singular (cassis), der zweite im Plural (galeae). Rhenanus stieß sich an dieser Diskrepanz. Er zweifelte nicht, »dass es galea sein müsse«, also die Singularform, und dass »das darauffolgende Wort, das mit dem Buchstaben e anfängt«, den Anlass zu dem Fehler gegeben hatte. Die nachfolgenden Ausführungen des Tacitus zu Pferden (equi) hatten den Schreiber, der diese Abschrift der Germania erstellte, dazu veranlasst, den Buchstaben e zweimal zu schreiben (ein gängiger Schreibfehler, den man als Dittografie bezeichnet).3 Das Motiv, das Rhenanus für diese Korrektur hat, ist ein ganz anderes als das des Celtis, dessen Herumpfuschen am Text dazu führte, dass die germanischen Menschenopfer verschwanden.

Diese Strenge bewies Rhenanus auch beim Studium antiker historischer Informationen. Man sollte die Vergangenheit, so meinte er, aus sich selbst heraus verstehen: »Es lässt sich nicht sagen, von wie großen Veränderungen Reiche und Völker [von damals bis heute] betroffen sind … Erwäge immer wieder [die folgenden Fragen]: zu welcher Zeit ist das geschrieben worden, was du liest, von wem und über welche Dinge; [erst] dann vergleiche das Neue mit dem Alten.«4 Mit anderen Worten, man sollte die Germania des Tacitus nicht umstandslos auf die Gegenwart beziehen. Die Mahnung, die Rhenanus ausspricht, steht in deutlichem Kontrast zu den Worten Johann Eberlins von Günzburg, der bei seiner Tacitusübersetzung den Kommentar von Beatus Rhenanus verwendete. Er forderte seine Leser ebenfalls zu besonderer Aufmerksamkeit auf und fügte sogar hier und da ein »Merke« in den Text ein, vor allem aber deshalb, um auf den zeitgenössischen Bezug hinzuweisen. Die alten Deutschen, schreibt Tacitus, lassen sich Zeit, wenn es darum geht, sich zu einer Versammlung einzufinden, und das veranlasst Eberlin zu einem »Merke«: Zu seiner Zeit war es beim Reichstag ganz genauso.

Die Vergangenheit war in der Tat ein anderes Land: Während die Mehrzahl seiner Zeitgenossen an  – tatsächlichen und gesuchten  – Ähnlichkeiten zwischen ihrer Gegenwart und der Vergangenheit interessiert war, konzentrierte sich Rhenanus auf die Unterschiede. In seinem 1531 erschienenen dreibändigen Werk Rerum Germanicarum führte er diesen Gedanken an sein natürliches Ziel. Er trennte das antike Germanien (Germania vetus) vom zeitgenössischen Deutschland. Er verwarf die im Motto dieses Abschnitts kritisierte Praxis, den Germanen (deren Taten, so fügte er in einer Anwandlung von Stolz hinzu, solcher Tricks nicht bedurften) fremde Leistungen zuzuschreiben. Und was am dramatischsten war, er zog sogar die unkritische Auffassung in Zweifel, man könne die Bevölkerung einer bestimmten Region als die Nachfahren eines von Julius Caesar und Tacitus erwähnten Stammes ansehen. »Wenn jemand das, was Tacitus … über die Sueven schreibt, denen zuschreiben will, die wir heute Schwaben nennen, dann irrt er völlig.«5 Rhenanus’ Lektion war, dass die deutsche Gegenwart nicht einfach die germanische Vergangenheit für sich in Anspruch nehmen konnte.

 

Die philologische und historische Deutung der Germania, mit der Rhenanus so überzeugend und kompetent begonnen hatte, entwickelte sich über die Jahrhunderte hinweg neben der ideologischen Betrachtungsweise und in teilweiser Auseinandersetzung mit ihr. Immer wieder wurden Stimmen laut, welche die simple Gleichsetzung der Germanen mit den Vorfahren der Deutschen oder, noch stärker vereinfacht, mit den Deutschen kritisierten. Neben Heinrich Heine, dessen sarkastisches Frage- und Antwortspiel in der Einleitung zu diesem Buch zitiert wurde, stehen nicht nur viele weniger bekannte Autoren, sondern auch Christoph Martin Wieland (1733–1813), der zum »Viergestirn« der Weimarer Klassik zählte. Von ihm stammt die trockene Bemerkung, angesichts der Veränderungen, die sich im Lauf der Jahrhunderte abgespielt hätten, erschiene es »unrätlich«, »die Teutschen des achtzehnten Jahrhunderts für Enkel Tuiskons anzusehen«.6 Würde jemand im Ernst, so fragte Wieland, die Sprache Hermanns reden und die Lebensweise der germanischen Stämme annehmen wollen? Zu diesen kritischen Stimmen gesellten sich die, welche wie Kardinal Faulhaber behaupteten, die in der Germania beschriebenen Germanen seien primitive Barbaren gewesen, und solche, die wie Eduard Norden die Authentizität der taciteischen Schilderung infrage stellten. Sie wurden jedoch durch die unzähligen Enthusiasten übertönt, welche die germanische Vergangenheit als die Verheißung deutscher Zukunft und die Germania als ein »goldenes Büchlein« verherrlichten  – bis 1945.

Auch wenn der Germanenmythos und seine wichtigste Quellenschrift nach 1945 ihre moralische Autorität einbüßten, verloren sie nicht ihren Reiz. Im Jahr 1979 veröffentlichte der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll in der Wochenzeitung Die Zeit einen Essay über die Germania. Er gestand, der Text des Tacitus komme ihm »überraschend aktuell«7 vor. Selbst wenn er das nicht wäre, könnte man ihn aber immer noch jedem Deutschen empfehlen, da er »eine der ältesten, wenn nicht die älteste Auskunft über unsere ›Vorfahren‹« sei. Mit Behagen las Böll die Beschreibung, die Tacitus von germanischen Gesängen gibt, und bemerkte dazu: »Das klingt nicht so ganz unvertraut, im Beben so mancher Männerbrust könnte sich da noch ›echt‹ Germanisches erhalten haben.« Der Rest des Aufsatzes liest sich ähnlich.

Bölls Deutung der Germania, die von einem führenden Altphilologen der damaligen Zeit schon bald und zu Recht als naiv verurteilt wurde, ist verständlich, schließlich hatte sie eine lange Geschichte. Doch gerade diese belastete Geschichte ist es, die eine derart naive Deutung als gefährlich entlarvt. Schließlich schrieb nicht der römische Historiker Tacitus ein höchst gefährliches Buch; dazu machten es erst seine Leser.