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Otto de Kat

Julia

Roman

Aus dem Niederländischen
von Andreas Ecke

Insel Verlag

Die Originalausgabe Julia erschien 2008 im Verlag Uitgeverij G. A. van Oorschot, Amsterdam





ebook Insel Verlag Berlin 2010

© 2008 Otto de Kat

© der deutschen Ausgabe Insel Verlag Berlin 2010.

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.



www.suhrkamp.de

eISBN 978-3-458-73720-9

Meiner Mutter gewidmet

1

Sonntags hatte er frei, wie montags. Obwohl, frei, natürlich war er jederzeit abrufbar, aber wenn es eben ging, kam er an den beiden Tagen nicht. An diesem Sonntagnachmittag war er doch gekommen, um den Wagen nachzusehen, der Motor stotterte. Unbestimmter Argwohn, als er Herrn Dudok nicht wie gewohnt am Schreibtisch sitzen sah. Der stille Garten, eine nicht geschlossene Terrassentür, der Liegestuhl, daneben ein Plaid, achtlos fallen gelassen. Der Weiher am Ende des Rasens war voller Teichrosen. Libellen schwebten darüber, vibrierend. Alles ganz normal, wie es schien, ein warmer Sommertag im August, nur das Läuten am Bahnübergang war zu hören, weiter weg das Geräusch von Autoreifen auf Asphalt.

Er ging um De Venhorst herum, wie Dudok sein Haus genannt hatte, schaute zum Balkon hinauf, um zu sehen, ob er vielleicht dort saß. Betrat dann die Garage, um den alten Wolseley zu untersuchen. Geistesabwesend öffnete er die Haube des dunkelgrünen Wagens, zögerte. Die Sache gefiel ihm nicht, irgend etwas war anders als sonst, irgend etwas stimmte nicht. Erst kurz Bescheid sagen, daß er da war. Er ignorierte die offene Terrassentür, nahm seinen Schlüssel und betrat das Haus durch den Vordereingang.

Niemand zu hören. Er horchte, wartete auf die Stimme, die »van Dijk« rufen würde. Nichts.

Die Küche sah auf den ersten Blick so aus, wie er sie zurückgelassen hatte, alles an seinem Platz, die Spülmaschine leer, die Klappe nicht ganz geschlossen. Aber ein Geschirrschrank stand offen. Ein kleiner Topf auf dem Herd. Und Löffel lagen auf der Anrichte. Er wußte, daß Dudok nicht öfter als nötig in die Küche kam, »Ihr Ressort, van Dijk«. Dudoks Mittagessen, zwei Butterbrote mit Käse unter einem Glassturz, stellte er wochentags im Eßzimmer bereit, Tee in einer Thermoskanne auf dem Tisch.

»Herr Dudok«, rief er vorsichtig.

»Herr Dudok«, etwas lauter. Wieder packte ihn Argwohn, diesmal noch stärker. Ein Gefühl der Bedrohung, das er schon seit Jahren kannte, eine bohrende Angst. Christiaan Dudok, der Mann, den van Dijk bediente und fuhr, für den er Butler war und Chauffeur und Mädchen für alles. Christiaan Dudok, zweiundsiebzig Jahre alt, antwortete nicht auf das Rufen seines Namens.

Er fand ihn oben, im Studierzimmer, ein paar Schritte vom Schreibtisch entfernt. Seine Hand lag auf der Schwelle, die Tür stand halb offen. Weiß und kalt war er, mitten im Sommer.

Van Dijk knurrte. Legte die Hand an Dudoks Hals, sah auf dem Schreibtisch ein Schälchen mit einem Rest Haferbrei, einen Silberlöffel daneben. Eine Tablettenschachtel von unbestimmter Farbe, mit einem unbekannten Apothekenetikett. Standesgemäßer Selbstmord. Konnte nicht anders sein, er hatte nicht den geringsten Zweifel, daß Herr Dudok sich das Leben genommen hatte, alles deutete darauf hin. Haferbrei, er hatte einmal gelesen, daß Leute Tabletten darin zerdrückten, um sie besser schlucken zu können. Der tadellose dunkelgraue Anzug von Spalton und Maas, tailors, der unterste Westenknopf geöffnet, die Uhr mit Kette, wo sie hingehörte – mit einem Blick sah man, daß hier ein Herr lag, den der Tod noch kaum in seiner Gewalt hatte. Die schwarzen, blanken Schuhe glänzten in dem Streifen Sonnenlicht auf seinen Beinen.

Van Dijk begann zu zittern, vor Schreck vielleicht, aber vor allem vor Abscheu. Dieser verfluchte Dudok. Da lag sein so überaus korrekter, reservierter Chef in einer für seine Verhältnisse einladenden Pose. Die Arme ausgebreitet, ein Bein angewinkelt unter dem anderen, die Hände geöffnet, den Kopf zur Seite geneigt.

Dies war ganz und gar nicht sein Ressort.

Mit drei Schritten war er am Telefon, wählte die Nummer des Hausarztes. Während er die Freizeichen zählte, glitt sein Blick über den Schreibtisch, auf dem nicht die gewohnte Ordnung herrschte. Dudok hatte in Büchern gelesen, schien etwas gesucht zu haben. Mit knappen Worten verständigte van Dijk den Arzt, der sofort zu kommen versprach. Die Bücher waren ungeduldig aufgestapelt worden, manche geöffnet, auf einigen Seiten sah er Anstreichungen am Rand. Und eine alte, vergilbte Zeitung, die Buchstaben auf den ersten Blick nicht zu entziffern. Hier mußte Dudok gesessen haben, als er seinen Tablettenbrei aß. Ob es einen Abschiedsbrief gab? Er suchte kurz, fand nichts und schämte sich plötzlich seiner Neugier. Irrte er sich, war vielleicht einfach Dudoks Herz stehengeblieben? Er hockte sich neben ihn, hätte ihm gern das Jackett glattgezogen, die Krawatte geradegerückt, die ein bißchen schief saß. Eine Krawatte an einem warmen Sommertag, vornehmer ging es nicht. Ein einziges Mal hatte er Dudok dabei ertappt, daß er ein kurzärmeliges Oberhemd ohne Krawatte trug; der Gipfel der Ungezwungenheit. Aber an jenem Tag war das Wetter auch wirklich tropisch gewesen, »unzivilisiert warm«.

Nein, bestimmt nicht das Herz, das hier war Absicht. Dudok war gesund gewesen, das heißt bis auf den Kopf, wie sich nun zeigte. Van Dijk versuchte, eine plötzlich aufsteigende Wut zu unterdrücken, Wut, weil Dudok sich einfach so davongemacht hatte, ohne Vorwarnung, ohne Dank. Auf diese Weise zu sterben, das war kein Stil. Nicht der eines Gentleman wie Dudok, dachte er. Aber was wußte er schon, vielleicht war es doch sehr mutig und vornehm. Ihm selbst stand jedenfalls der Sinn nicht nach einem solchen Tod.

Es dauerte lange, bis der Arzt kam. Van Dijk wollte nicht die ganze Zeit bei Dudok bleiben und begann, hin und her zu wandern, in den Flur und zurück ins Arbeitszimmer, wobei er jedesmal einen großen Schritt über das ausgestreckte Bein machte. Einen Augenblick setzte er sich an den Schreibtisch, auf den zerbrechlichen Stuhl mit dem feinen Geflecht im Rücken und den schlanken Armlehnen. Er paßte kaum hinein, das Ding war für Stadtleute ohne Muskeln oder Bauch gemacht. Bücher, wohin man schaute in diesem Zimmer, Stapel auf Tischchen, in einer Ecke ein antikes Drehregal, die Wände um das große Fenster vollgepackt, zum Verrücktwerden. Viele graue, braune, dunkelrote, dunkelgrüne Einbände, schwarze Buchstaben auf den Rücken. Ter Braak, las er langsam, Vestdijk, Du Perron, Nijhoff, Marsman, ein Friedhof unbekannter Namen. Er nahm die Zeitung, eine alte, fast schon zerfallende Ausgabe mit Buchstaben, die er schlecht lesen konnte. Lübecker General-Anzeiger, entzifferte er schließlich, 2. April 1942. Auf der Titelseite hatte irgend jemand ein paar Namen angestrichen.

Van Dijk hörte Schritte auf der Treppe, anscheinend hatte er die Haustür offengelassen. Rasch legte er die Zeitung zurück, hüstelte und begrüßte den Arzt.

»Gestern abend hab ich noch mit ihm gesprochen, Herr Doktor. Ungefähr um zwölf Uhr hab ich ihn am Veldweg abgesetzt, gleich hinter der Bahn, und heute nachmittag um vier hab ich ihn dann gefunden. Die Uhr unten im Flur schlug gerade, deshalb weiß ich es so genau.«

Der Hausarzt arbeitete im Schneckentempo, aber das war so üblich bei den Menschen in diesem Teil des Landes. Und recht hatte er, dachte van Dijk, bei dieser Hitze beeilte man sich besser nicht allzusehr. Das Ergebnis der Untersuchung lautete, nicht unerwartet: selbstverschuldeter Tod.

»Schmerzlos.«

Aber wieviel Schmerz war dem wohl vorangegangen, mußte er denken. Dudok mit seinem ebenso wehmütigen wie sarkastischen Blick war kein Mensch, der einem Impuls nachgab. Er mußte das lange vorbereitet haben.

»Hier, Vesparax. Diese Tabletten hat er mindestens ein paar Monate lang gesammelt. Kommen aus Belgien, hier sind sie nämlich verboten. Er muß genau Bescheid gewußt haben über ihre Wirkung und die nötige Menge, fachkundig gemacht«, bemerkte der Arzt trocken.

Van Dijk war ratlos. Warum hatte Dudok nicht einmal den Mund aufgemacht bei einer ihrer langen Fahrten von der Fabrik nach Hause. Tausende Kilometer Schweigen über soviel Qual dicht unter der Oberfläche. Dudok, rechts im Fond, mit seiner ewigen Zeitung, Leselampe an, Zigarette im Anschlag. Alles in allem waren sie Monate auf der Straße gewesen, Tage und Nächte in ihrer fahrenden Behausung. Aber mal reden, reden über das, was einem die Kehle zuschnürt, was in einem tobt, was einen innerlich auffrißt, nein danke!

»Nein, danke, van Dijk, setzen Sie mich bitte hier ab. Ich möchte das letzte Stück gern zu Fuß gehen.«

Das war gestern abend gewesen, er hatte sich sehr gewundert, Dudok hätte sich sonst am liebsten bis in sein Zimmer fahren lassen – als wäre es unter seiner Würde, zu Fuß zu gehen. Das finstere letzte Stück, auf einem Sandweg an Maisfeldern vorbei. Im Weiterfahren hatte er von der engen Kurve aus Dudok noch einmal gesehen: Er hatte nur dagestanden und in den Himmel geschaut, der fast weiß war von Sternen. Seine Gestalt hatte sich kaum von dem Mais abgehoben, es wehte kein Wind, ein regloser Abend.

Er hatte den Wagen in die Garage gefahren und war nach Hause gegangen. Dudok hatte gesagt, daß er nicht warten sollte. Beim Aussteigen hatte er ihm einen kurzen Moment die Hand auf die Schulter gelegt, ganz leicht. Tat er sonst nie; wenn möglich, vermied er es, jemanden zu berühren.

»Noch wunderbar warm. Gute Nacht, van Dijk.«

Beim Schließen der Wagentür hatte van Dijk auf dem Rücksitz ein Büchlein liegen sehen.

»Ihr Terminkalender, Herr Dudok.«

»Egal, brauche ich nicht mehr, später.«

Der mußte also noch dort liegen, überlegte er und ließ den Arzt allein. In der Garage schloß er die Motorhaube und schaute durchs hintere Türfenster. Da lag der Kalender. Er steckte ihn ein, um einen Blick hineinzuwerfen, sobald der Arzt fort war. Diesmal ging er über die Terrasse ins Haus. Das Wohnzimmer: die Sessel, die Gemälde, der Flügel, die Lampenschirme, es kam ihm so vor, als wären sie schon mit Tüchern bedeckt, alles wirkte wie mit Binden umwickelt, unirdisch still, eingefroren. Bereit für Umzug und Verkauf. Er schlich durch den Raum, fühlte sich plump und schwerfällig zwischen den gesammelten Altertümern. Von oben hörte er den Arzt telefonieren. Ruhige Stimme, leise, als würde er auf etwas horchen, während er sprach. Alles mögliche mußte jetzt organisiert werden. Mit wem telefonierte er so lange, sollten sie nicht bald die Angehörigen verständigen?

»Die Polizei kommt sofort, ich muß noch zu einem Patienten, bleiben Sie hier?«

Natürlich tat er das. Er fragte, ob er den Bruder und die Schwester schon benachrichtigen dürfe. Nicht gleich, sagte der Arzt, erst müsse die Polizei dagewesen sein, anschließend könne er dann versuchen, die Verwandten zu erreichen.

Der Arzt fuhr weg, sein Wagen rasselte über den Kies. Van Dijk schaute ihm nach, schlenderte zum Rand des Wassers. Ein schmaler Streifen Gras säumte den Weiher. Er war verwirrt, verstört, ließ Steinchen übers Wasser schnellen, zählte die Sprünge. Manche Steine sprangen weiter und weiter, gaben dann doch auf und waren verschwunden. Plötzlich warf er wütend eine Handvoll Kies in den Weiher. Dudok hatte sich aus dem Staub gemacht, und er, er durfte sich jetzt eine neue Stelle suchen. Alles hatte er für ihn getan, seine Sachen in die Reinigung gebracht, sein Essen gekocht, ihn den ganzen Tag durch die Gegend gefahren. Sein Schweigen ertragen, die leeren Blicke. Hatte sich Mühe gegeben, ihm über den Tod seiner Frau hinwegzuhelfen. Wie lange war das jetzt her, daß Frau Dudok gestorben war? Sieben Jahre – sieben Jahre lang war er wie ein Schatten gewesen, Dudoks Stütze und Halt. Medikamente geholt, Holz gehackt, alles repariert. Und nur, um am Ende in einer solchen Lage zu sein, weil sein Chef in Haferbrei gemanschte Todespillen gefressen hatte. Ekelhaft, egoistisch, dumm. Heimlich gesammelt, das Mistzeug, und genau ausgekundschaftet, wieviel nötig war. Sein Umriß vor dem Maisfeld, es war ihm komisch vorgekommen, daß er Dudok dort absetzen sollte. Jetzt war es ihm klar, sein letzter Spaziergang, sein letzter Sternenhimmel, vielleicht sogar ein letzter Versuch, wieder Luft zu bekommen. Verloren hatte er gewirkt, wie er da stand und nach nichts Ausschau zu halten schien, vielleicht nach anderen Milchstraßen in diesem unbegreiflichen All. Ob ihm das Brummen des Traktors aufgefallen war, der noch bis spät in die Nacht Heu eingefahren hatte?

Van Dijk ballte die Faust, wollte nicht weinen, hielt die Tränen dann aber nicht zurück. Er weinte. Weil das nicht seine Art war, riß er sich schnell wieder zusammen. Es hatte ein bißchen geholfen, die Dinge ordneten sich wieder halbwegs in seinem Kopf. Der Terminkalender, darin mußte etwas zu finden sein. Er nahm den kleinen dunklen Lederband, der ihm so vertraut war, aus der Tasche. Lesezeichen beim Samstag. Also bis zuletzt in Gebrauch. Unter Sonntag stand nichts. An den folgenden Tagen sah er allerlei Termine, Aktionärsversammlung, Essen bei Jenny, Mittagessen Rotterdam. Keine Spur von irgendwelchen Vorbereitungen, nicht eine einzige verdächtige Notiz, nichts, das auf eine verhängnisvolle Wendung hindeutete. September: Termine bei der Bank, beim Zahnarzt, zwei Geburtstage. Oktober: dreimal in den Westen. Im November eine einzige Eintragung. Am 9., klein in Dudoks klarer Handschrift geschrieben: Die Nacht – sonst nichts. Die Nacht, auch das Die groß geschrieben. Van Dijk blätterte weiter, die Tage blieben leer, unausgefüllt bis zum Ende des Jahres.

Teichhühner nahmen vor ihm Reißaus und liefen pfeilschnell über den Weiher, ihre Füßchen schaufelten durchs Wasser. Jedesmal, wenn er ihren Fluglauf sah, wunderte er sich über ihre nervöse Leichtigkeit, sie erweckten den Eindruck, schwerelos zu sein.

Die drückende Hitze trieb ihn gegen seinen Willen ins Haus. Ein Stuhl an dem langen Tisch mit den gedrechselten Beinen, vor dem breiten Wohnzimmerfenster – dort saß Herr Dudok, wenn er nicht oben studierte oder was er da tat. Eine flache Schale als Aschenbecher, der Spectator daneben, ein Foto seiner verstorbenen Frau auf der Fensterbank, ein Foto von seinem Freund Edmond van Stoetwegen, »Stoetje«, und ein Porträt seiner Schwester; die Kulisse der letzten Jahre. Dudok saß oft hier. Zu jeder Jahreszeit, kaum war er nach Hause gekommen, setzte er sich an dieses Fenster. Da hatte einer so eine Aussicht und sah doch nichts.

Er wollte auf Dudoks Stuhl Platz nehmen, eine plötzliche Anwandlung, aber er widerstand ihr. Auf einmal zuviel Scheu, zuviel Respekt vor dem Toten da oben, nie hatte er hier gesessen. Er spürte Dudoks Anwesenheit in jedem Winkel des Hauses. Anscheinend machte sich ein Toter gleich überall breit, veränderte die Atmosphäre in allen Zimmern. Saugte Stille und Unbehagen an.

Van Dijk ging schnell weiter, die Treppe hinauf, stieg wieder über Dudoks Bein und blieb am Schreibtisch stehen. Noch einmal griff er nach der Zeitung mit den altdeutschen Hieroglyphen. Ja, Lübecker General-Anzeiger, 2. April 1942. Wie war diese Zeitung hierhergekommen, und was für Namen waren da angestrichen? Damit konnte er nichts anfangen. Er schaute auf, die Zeitung in der Hand, es hatte an der Tür geklingelt. Vom Fenster des Arbeitszimmers aus sah er unten zwei Männer, der eine trug einen Hut, der andere hatte eine Aktentasche unterm Arm. Doch wohl keine Zeugen Jehovas, nicht ausgerechnet jetzt. Er ging hinunter und öffnete, auf Abwimmeln eingestellt.

»Kriminalpolizei«, sagte der Mann mit dem Hut.

2

Das Plakat über dem Kinoeingang zeigte riesengroß Emil Jannings in Der Herrscher: bester Darsteller bei den Filmfestspielen von Venedig. Eine unangenehme Visage hat der Kerl, dachte Dudok, als er durch die Mühlenstraße zur Arbeit radelte. In der Lübecker Innenstadt herrschte frühmorgens ein dichtes Gedränge von Radfahrern und Fußgängern, Straßenbahnen und Bussen. In diesen Straßen war der Arbeitseifer mit Händen zu greifen, eine ungezügelte Lust an Pünktlichkeit. Handel und Industrie blühten, wurde behauptet, und es stimmte.

Februar, der Morgen war unverhofft schön und mild, mit einem Duft nach Frühling. In diesem Jahr 1938 wohnte Chris Dudok in einem altehrwürdigen Gebäude an der Musterbahn. Alles war altehrwürdig in Lübeck. Er fuhr ohne Hut und Schal und mit offenem Mantel zur Arbeit. Lubecawerke hieß die hochmoderne Fabrik für Kühlanlagen und Milchpulvermaschinen, Konkurrentin der Firma seines Vaters. Trotzdem ließ man ihn hier arbeiten. Vielleicht hoffte man, durch ihn etwas mehr über das holländische Werk zu erfahren. Nächstes Jahr sollte er die Nachfolge seines Vaters antreten. Er durfte gar nicht daran denken. Er las lieber Menno ter Braak oder Arthur van Schendel als die trockenen betriebswirtschaftlichen Berichte der väterlichen Fabrik. Wenn er sich vorstellte, daß er Nietzsche gegen die Wirtschaftsseiten der Zeitungen würde eintauschen müssen, hatte er das Gefühl, zu ersticken. Er hatte ohnehin das Gefühl, zu ersticken. Diese Zeit ließ ihn nicht frei atmen. Durchgedrehte Massen, zu allem möglichen aufzustacheln. Geübt im disziplinierten Marschieren und Demonstrieren. Lübeck dröhnte von der Begeisterung für die Lehren des Führers. Der Mann war allgegenwärtig. In den Niederlanden wurde er zu blaß dargestellt, seine Worte klangen schon sanfter, bevor sie die Grenze bei Lobith passierten. Aber der Kunstmaler aus Wien war gerissen, fand Dudok, ein Irrer, aber sehr schlau. Das Radio war für ihn erfunden worden, ständig platzte er in alle Wohnzimmer hinein, in denen diese spottbilligen Apparate standen. Und niemand drehte ab.

»Die Ingenieure arbeiten hier zwölf Stunden am Tag«, schrieb er nach Hause – zum Lesen würden sie vermutlich kaum kommen. Es kostete ihn große Mühe, sich für die Neuerungen auf dem Gebiet der Lohnbuchhaltung zu interessieren, für Diktiergeräte und Rechenmaschinen, alles dazu bestimmt, Arbeitsabläufe zu straffen, die Produktivität zu steigern.

Am Anfang hatte er sich in seinen Tagträumen ausgemalt, daß er fortgehen würde. Die Fabrik vergessen. Sein Vater, plötzlich erkrankt, hatte ihm mitgeteilt, daß er das Geschäft bald übernehmen müsse. Er, Chris. Großer Gott, er würde Direktor einer Maschinenfabrik werden, eines Familienunternehmens, mit Bruder und Schwester und einem Vater im Hintergrund.

Die Tage und Wochen, die hinter ihm lagen, hatten seine Gedanken in eine andere Richtung gelenkt, der väterliche Betrieb verblaßte, die Panik legte sich. Die morgendliche Fahrt zu den Lubecawerken war nicht mehr bloße Pflicht, er sehnte sie herbei. Trotzdem trat er weniger eilig als die anderen in die Pedale, ließ das Rad ab und zu rollen, solange der Schwung vorhielt. Wie um sich Zeit zu verschaffen, sich auf sie vorzubereiten. Als hätte er Angst davor, sie wiederzusehen, mit ihrem Tempo nicht mithalten zu können, Angst, sie zu enttäuschen. Julia.

Februar in Lübeck. Eine Stadt wie eine Auster. Schwierig zu öffnen, aber wenn man es geschafft hatte, nahm sie einen auf. Alt war sie und kindisch jetzt. Dudok wohnte im Souterrain eines hellgelb gestrichenen Hauses am Rand der Altstadt. Aussicht auf das Straßenpflaster und pausenlos vorübergehende Beine. Er brauchte nur aus dem Fenster zu schauen, um den Zustand des Landes zu erspüren. Die Eile, die festen Schritte, diese entschlossene Art zu gehen. Schon beim Aufstehen bekam er seine tägliche Portion Optimismus. Gratis.

Leni Riefenstahl hätte bestimmt etwas daraus machen können. Beine für das Reich, Füße auf dem Weg zur Arbeit, Menschen im Eilschritt und ohne Zögern auf dem Weg in eine bessere Zeit. Bürgersteig, Sonnenlicht, Kamera ab! Chris ging ins Kino, sooft er Zeit fand, oder ins Theater. Er war nicht der einzige, überall gab es endlose Schlangen. Betäubung, Flucht, Ausbruch aus dem festen Takt des Fortschritts. Psychologie für Anfänger, zugegeben, aber auf ihn traf es zu. Betäubung suchte er, vor allem die Abende waren sonst Stunden quälender Einsichten, Stunden des Zweifels, ob er Julia jemals würde lieben dürfen.

Durch die Breite Straße, die Große Burgstraße, durchs Burgtor, und hinter der Brücke kam schon die ländliche Umgebung in Sicht, roch es nach Wald und nach Dünger. Alte, vernachlässigte Empfindungen. Auf dem Weg zu Julia, als wäre er unterwegs zu dem, was ihm in seiner Kindheit geraubt worden war. Was genau man ihm geraubt hatte, hätte er kaum sagen können. Nur die Leere, die ihm geblieben war, die kannte er sehr gut.

Die Lubecawerke, das war nun Julia. Das Betreten der Büroetage und des langen Flurs, an dem ihr Zimmer lag, richtete ihn auf, oder besser gesagt, gab ihm ein Gefühl der Erfüllung. Als würde er sein Leben nachholen. Als würde sein Fall gebremst, weil der Boden unter seinen Füßen fest geworden war. Seit Wochen schon ging es ihm so.

Zuerst hatte er sie nur von weitem gesehen, in dem Flügel mit den Büros der Ingenieure. Aber begegnet war er ihr nicht, und eine Gelegenheit zum Gespräch hatte sich erst recht nicht ergeben.

Chris hatte ein kleines Zimmerchen in der Direktion, neben der Sekretärin von Herrn Knollenberg. Jeden Morgen rief der Direktor ihn kurz zu sich, fragte ihn, wie es ihm gehe, erzählte die letzten Firmenneuigkeiten, wünschte ihm einen nutzbringenden Tag.

Bei einem dieser Gespräche war es geschehen. Sie war hereingekommen, um Knollenberg etwas zu fragen. Der Direktor hatte ihr Chris vorgestellt und ihr dann seine ganze Aufmerksamkeit gewidmet. Chris hatte Zeit gehabt, sie zu betrachten. Niemals hatte er eine Frau wie sie gesehen. Beherrscht, befreit, bestimmt im Auftreten. Seine Phantasie war mit ihm durchgegangen: Sollen wir tanzen, geh mit mir ins Theater, ich umarme dich, berühre mich, wer bist du. Seltsame Art, zu schauen und zu denken, Chris, ohne jedes Maß, überdreht.

An den Tagen danach hatte er ihre Nähe gesucht. Hin und wieder gelang es ihm, ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Sein Akzent, seine fast träge Höflichkeit, seine verhaltene Bewunderung ließen sie offenbar nicht gleichgültig. Sie sprachen über ferne Städte und Menschen, über vergangene Zeiten. Manchmal über das, was die Zeitungen schrieben und verschwiegen, ein paarmal über den Radiomann. Doch niemals allzuernst, eher mit einer gewissen Leichtigkeit, als wären sie gerade an Bord eines Ausflugsdampfers gegangen. Chris schaute sie an, sie sah ihn schauen. Sie plauderten, plänkelnd, spielerisch, immer darauf aus, dem anderen etwas Nettes zu sagen. Seine Blicke, ihre Blicke. Chris hielt ihr die Tür auf. Sie ging vor ihm her.

War es Zufall, daß sie jetzt häufig zu Knollenberg mußte? Nach einer ihrer Besprechungen schaute sie bei ihm zur Tür herein.

»Arbeiten Sie nicht zuviel? Man braucht in Holland nicht all unsere Geheimnisse zu kennen«, sagte sie und lachte.

»Solange ich Sie noch nicht entschlüsselt habe, werde ich soviel arbeiten.«

Wieder lachte sie. »Dieser Code ist nicht leicht zu knacken, Chris, das werden Sie schon merken.«