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Bonnie Gardener

Millionen für mein Glück!

IMPRESSUM

BIANCA erscheint im CORA Verlag GmbH & Co. KG,
20350 Hamburg, Axel-Springer-Platz 1

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Brieffach 8500, 20350 Hamburg
Telefon: 040/347-25852
Fax: 040/347-25991

© 2003 by Harlequin Books S.A.
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V., Amsterdam

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA
Band 1727 2010 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Meike Stewen

Fotos: gettyimages

Veröffentlicht im ePub Format im 01/2011 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-86295-297-7

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

 

PROLOG

Ruby Cade zitterte vor Aufregung, als sie in ihren Gemischtwarenladen stolperte. In der Kleinstadt Jester, Montana, ging er schon als eine Art Kaufhaus durch. Sie drehte das Schild am Eingang so um, dass die Seite mit dem Schriftzug „Geschlossen“ nach außen zeigte, dann verriegelte sie die Tür.

Draußen wehte ein eisiger Wind, deswegen war Ruby sich nicht sicher, ob sie nicht auch vor Kälte zitterte. Egal! Was sie eben erfahren hatte, war einfach unglaublich. Das musste sie unbedingt Sam erzählen, ihrem Mann!

Und zwar sofort.

Sie hatte gewonnen! Wenn auch nicht als Einzige. Seit Jahren kauften sie und ein paar Freunde und Bekannte aus Jester sich jede Woche ein Lotterielos … und auf einmal hatte die Glücksfee zugeschlagen, aber so richtig: Jetzt waren sie reich.

Vierzig Millionen Dollar hatten im Jackpot gelegen, die durften sie unter zwölf Personen aufteilen. Im Moment war Ruby noch viel zu nervös, um sich auszurechnen, wie viel genau jeder von ihnen nach Steuerabzug erhalten würde, aber Millionäre waren Sam und sie jetzt auf jeden Fall.

Hektisch durchwühlte sie die Fächer des alten Sekretärs in ihrem Büro. Auch ihrer Heimatstadt würde der Geldsegen guttun, Jester hatte nämlich schwer unter der Finanzkrise gelitten. Da, endlich! Der Zettel, auf dem Ruby Sams Telefonnummer für den Notfall notiert hatte.

Ihr Mann war Flugsicherungsoffizier in einer Eliteeinheit der Air Force und gerade in einem Sondereinsatz im Nahen Osten. Normalerweise wartete sie darauf, dass er von seinem Militärstützpunkt aus anrief, zweimal die Woche sprachen sie miteinander. Doch jetzt konnte sie auf keinen Fall bis Samstag warten, um ihm von dem vielen Geld zu erzählen.

Sam flippt aus vor Glück!, dachte sie. Der Gewinn krempelt unser ganzes Leben um! Jetzt kommt er endlich wieder zu mir nach Hause. Für immer.

Gewissenhaft tippte sie die scheinbar endlos lange Zahlenreihe ein, die sie mit Sams Militärstützpunkt verbinden sollte. Dann drückte sie den Kopf gegen den Hörer und wartete ungeduldig darauf, dass jemand abnahm. Endlich, eine Männerstimme! Aber es war nicht Sam, sondern offenbar sein befehlshabender Offizier.

Ruby atmete tief durch und schluckte, doch der dicke Kloß blieb. Es kostete sie ihre ganze Willenskraft, die Worte klar und deutlich auszusprechen: „Hallo, hier spricht Ruby Cade. D-dürfte ich bitte mit C-Captain Sam Cade sprechen?“ Hoffentlich ist er gerade in der Nähe, dachte sie.

Aber die gesichtslose Stimme am anderen Ende der Leitung hatte keine guten Nachrichten für sie. Ruby zuckte zusammen: Sam war zurzeit nicht am Stützpunkt, er hatte sich freiwillig für einen Einsatz gemeldet, über den ihr sein Vorgesetzter leider keine weitere Auskunft geben durfte. Erst in ein paar Tagen würde er wieder am Stützpunkt sein.

„Nein!“ Ruby schnappte nach Luft. Das konnte doch wohl nicht wahr sein, nicht schon wieder! Dabei hatte Sam ihr doch versprochen, er würde sich nie wieder freiwillig für einen gefährlichen Einsatz melden – weil er ganz genau wusste, was für schreckliche Sorgen sie sich dann um ihn machte.

Er hatte sie also angelogen! Sie sank in sich zusammen, das Telefon glitt ihr aus der Hand und fiel mitten in das Durcheinander auf dem Schreibtisch.

„Kann ich ihm etwas ausrichten, Mrs. Cade?“, klang es blechern aus dem Hörer.

Schnell fischte Ruby das Gerät zwischen der Zettelwirtschaft hervor. Mit spitzen Fingern hielt sie es ans Ohr, als könnte sie sich daran verbrennen. „Nein danke, ist schon gut“, murmelte sie. Dann legte sie den Hörer zurück auf die Ladestation und ließ sich in den Drehstuhl fallen.

Eben hatte sie noch in erster Linie Angst um Sam gehabt – aber jetzt wurde sie richtig wütend. Was macht er da eigentlich mit mir? Er hat mir doch fest versprochen, dass er diese gefährlichen Einsätze seinen jüngeren Kollegen überlässt und am Stützpunkt bleibt!

Aber wenn ihm dieser Nervenkitzel wichtiger ist als seine Ehe, dann soll das eben so sein, dachte Ruby. Mir langt’s. Ich habe keine Lust mehr, mich mit leeren Versprechungen vertrösten zu lassen und auf ihn zu warten. Ich habe keine Lust mehr, immer die zweite Geige zu spielen.

Seine Lüge war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Wenn ihm also seine Freiheit so wichtig war, dann bitte schön: Von jetzt an konnte er tun und lassen, was er wollte. Ihr war das jedenfalls egal.

Durch den Lotteriegewinn stand Ruby finanziell auf eigenen Füßen, auf Sam war sie nicht mehr angewiesen – sosehr sie ihn immer noch liebte. Inzwischen waren sie zehn Jahre verheiratet, und die meiste Zeit hatte Ruby zu Hause auf ihn gewartet und sich schreckliche Sorgen gemacht, während er von einer Gefahrenzone in die andere reiste.

Manche seiner Einsätze waren so geheim, dass er noch nicht mal mit ihr darüber reden durfte. Eigentlich hatte sie gehofft, dass ihr Lotteriegewinn alles verändern würde, dass er endlich ganz bei ihr bleiben würde.

Aber dieser Traum war wie eine Seifenblase zerplatzt: Sam hatte sie angelogen und damit das wichtigste Versprechen gebrochen, das er ihr seit der Hochzeit gegeben hatte. Wenn sein Versprechen nicht gewesen wäre, hätte sie diesen Zustand gar nicht erst so lange ausgehalten.

Jetzt ist endgültig Schluss, dachte Ruby. Ich bin es leid, mich weiter an der Nase herumführen zu lassen. Gleich morgen reich ich die Scheidung ein!

Sie stützte beide Arme auf den Schreibtisch, ließ den Kopf auf das Papierchaos sinken und brach in Tränen aus.

1. KAPITEL

Sam Cade biss die Zähne zusammen, während sein schnittiger Sportwagen über die Zufahrtsstraße holperte, für die man eigentlich einen Geländewagen brauchte. Endlich kam das Farmhaus in Sichtweite, das seine zukünftige Exfrau Ruby gekauft hatte – nachdem sie beschlossen hatte, ihrer zehnjährigen Ehe ein Ende zu setzen. Was genau dahintersteckte, wusste er zwar noch nicht, aber er hatte fest vor, es herauszufinden. Und zwar heute noch.

Immerhin hatte er sich schon unauffällig in der Stadt umgehört. Die Farm hatte früher der Familie Tanner gehört, die dort Schweine gezüchtet hatte. Inzwischen solle das Anwesen völlig heruntergekommen sein. Sein erster Eindruck bestätigte das Gerücht. Was also wollte Ruby mit dieser Bruchbude?

Er lachte leise, als er sich an seine diskreten Nachforschungen in Jester erinnerte. In der Kleinstadt kannte ihn kaum jemand, schließlich hatte er sich seit seiner Hochzeit mit Ruby vor zehn Jahren nicht besonders häufig dort blicken lassen. Also brauchte er sich bloß ein paar Tage lang nicht zu rasieren und eine alte, schmutzige Arbeitsjeans anzuziehen, und schon war er inkognito und bekam jede Menge von dem mit, was die Leute sich so erzählten.

Monatelang hatte er sich darauf gefreut, zu Ruby nach Hause zu kommen. Aber jetzt wusste er, dass er sich auf eine bittere Enttäuschung gefasst machen musste.

Vor dem weitläufigen Ranchhaus hielt er an. Von den Wänden blätterte die Farbe, und die vordere Veranda hing in der Mitte durch. Darauf standen zwei funkelnagelneue Schaukelstühle aus Holz. Das Gebäude befand sich auf einer kleinen Anhöhe und war von Wildblumen umgeben, neben dem Haus wuchsen Baumwollbüsche.

Sam verstand sofort, was seiner Frau an dem Grundstück gefallen hatte: Es war wirklich sehr malerisch gelegen. Blieb bloß die Frage, wie lange sie noch ein Dach über dem Kopf haben würde, wenn er sich das Haus so ansah. Obwohl das Dach immerhin frisch gedeckt war, wie er feststellte, als er ein Stück näher heranfuhr. Wahrscheinlich sollten als Nächstes die Außenwände gestrichen werden.

Hinter dem Haus befanden sich ein verfallener Schuppen, aber auch einige neue Anbauten. Daneben standen ein riesiger zerbeulter Wohnwagen und ein mindestens ebenso zerbeulter Transporter. Sam umrundete das Gebäude und parkte neben einem nagelneuen Geländewagen. Hatte Ruby sich das Auto etwa von ihrem Lotteriegewinn gekauft?

Das fragte er sie am besten selbst. Umständlich schob er sein steifes Bein aus dem tief gelegten Auto, das zugegebenermaßen nicht gerade das ideale Gefährt für die unebenen Straßen von Montana war.

Aber bevor er seinen über alles geliebten Sportwagen hergab und sich etwas Praktischeres zulegte, musste er erst mal herausfinden, wie es um ihn und Ruby stand. Eigentlich war sie ja diejenige, die er über alles liebte … allerdings sah es nicht so aus, als würde sie seine Gefühle noch erwidern.

Vielleicht konnte er das ja wieder ändern? Vielleicht konnte er sie davon überzeugen, ihm doch noch eine Chance zu geben? Genau deswegen war Sam nach Jester gereist. Immerhin hatte er monatelang Zeit gehabt, in Ruhe über alles nachzudenken. Über das, was zwischen ihnen falschgelaufen war. Und er war fest entschlossen, für ihre Liebe zu kämpfen, koste es, was es wolle. Als Erstes musste er sie davon überzeugen, die Scheidung zurückzuziehen.

Natürlich wäre ihm schon gedient, wenn er wüsste, warum sie sich überhaupt von ihm trennen wollte. Dass Ruby manchmal sehr impulsiv reagierte, war für ihn zwar nichts Neues. Doch normalerweise beruhigte sie sich auch schnell wieder.

Früher hatte er sie bloß leidenschaftlich zu küssen brauchen, dann waren sie übereinander hergefallen, und alles war vergessen gewesen.

Sam wurde das ungute Gefühl nicht los, dass das diesmal nicht funktionieren würde. Mit all seiner Willenskraft konzentrierte er sich darauf, nicht zu hinken, während er auf das Haus zuging und die Stufen zur Veranda hochstieg. Hier waren einige Bodenbretter ausgetauscht worden, ganz offenbar kümmerte sich jemand darum, dass das Haus renoviert wurde.

Bei seinen verdeckten Ermittlungen in der Stadt hatte er erfahren, dass ein fremder Mann bei ihr eingezogen war, allerdings wusste niemand Genaueres über ihn. Dass sie eine neue Beziehung eingegangen war, konnte sich Sam beim besten Willen nicht vorstellen.

Entschlossen klopfte er gegen den Rahmen der Fliegengittertür. Während er wartete, ließ er den Blick zum Fenster schweifen. Da stand sie … und umarmte gerade einen anderen Mann!

Einen Moment lang war Sam wie gelähmt. Dann ließ er den Arm sinken und kehrte der Tür den Rücken. Also stimmte es doch, was die Leute in der Stadt erzählt hatten: Es gab wirklich einen neuen Mann im Leben seiner Frau … oder besser: seiner Exfrau. So, wie es aussah, waren sie bald geschiedene Leute.

Ruby drückte Nick fest an sich und wünschte sich insgeheim, es wäre Sam. Aber weil sie schon so lange nicht mehr in den Armen eines Mannes gelegen hatte, genoss sie selbst Nicks brüderliche Geste.

„Du brauchst dich nicht bei mir zu bedanken, das war doch selbstverständlich“, sagte sie zu ihm. „Und falls du keinen Sponsor für dein Projekt findest … springe ich sofort ein, und zwar gern.“

Nick trat einen Schritt zurück, um Ruby in die Augen zu sehen. „Vielen Dank, Süße, aber das nehme ich nicht an. Ist schon schlimm genug, dass du mich für meine paar Handgriffe hier bezahlst, obwohl ich das gern für dich tue.“ Er schaute hoch und ließ sie sofort los. „Oh, hoppla, wir sind nicht mehr allein.“

Ruby fuhr herum – gerade noch rechtzeitig, um ihren Besucher von hinten zu sehen. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. „Das ist ja … Sam!“, stieß sie aus. „Dann hatte Shelly O’Rourke also doch recht. Sie meinte nämlich, er sei vor ein paar Tagen bei ihr im Coffee Shop gewesen, aber sie war sich nicht sicher.“ Sie hielt inne und schluckte. „Glaubst du, dass er uns eben gesehen hat?“, erkundigte sie sich und lief zur Tür.

Darauf reagierte Nick gar nicht erst. „Ich gehe jetzt lieber und lasse euch beide allein.“ Er verschwand in Richtung Hintertür.

Aber Ruby hörte schon gar nicht mehr zu, sie hatte nur noch Augen und Ohren für Sam. Sie stieß die Fliegengittertür auf und rannte nach draußen, das Herz schlug ihr bis zum Hals. „Sam!“, rief sie ihm verzweifelt hinterher. „Warte doch, bitte!“

Ganz langsam drehte er den Kopf und sah über die Schulter zu ihr, sodass ihm die helle Maisonne direkt ins Gesicht schien. Erst jetzt fiel Ruby auf, wie unglaublich blass er war. Während er weiter zu seinem Sportwagen ging, merkte sie auch, dass er das rechte Bein nachzog, als hätte man ihm ein schweres Gewicht darangebunden. Außerdem hatte er deutlich abgenommen.

„Sam! Komm bitte zurück!“

Jetzt blieb er immerhin stehen und musterte sie. Hinter der Pilotenbrille war sein Gesichtsausdruck allerdings kaum auszumachen.

„Bitte, Sam“, wiederholte Ruby. „Geh nicht gleich wieder weg.“

Gerade wollte er die Fahrertür seines Sportwagens öffnen, da zögerte er doch und ließ die Hand wieder sinken. „Okay“, sagte er schließlich gedehnt und kam langsam auf Ruby zu. „Ich glaube, wir müssen uns mal unterhalten.“ Seine tiefe Stimme und sein melodischer Südstaatenakzent jagten Ruby wohlige Schauer durch den Körper – wie immer. Genussvoll atmete sie den Duft seines Aftershave ein.

Damals, als er zu seinem Einsatz geflogen war, hatte sie sich eine Flasche des gleichen Aftershave auf den Nachttisch gestellt. Und jedes Mal, wenn sie sich ganz besonders einsam gefühlt hatte, hatte sie den Geruch des Mannes eingeatmet, den sie liebte. Ein bisschen hatte das immer geholfen.

Bis sie gemerkt hatte, dass er sie angelogen hatte – da hatte sie das Aftershave ins Klo gekippt und die Flasche in den Müllcontainer geschleudert. Danach hatte sie wenigstens einen kurzen Augenblick lang ihre Genugtuung genießen können.

Jetzt kamen mit dem Aftershave, das sich mit Sams eigenem Duft mischte, alle Erinnerungen zurück … die guten ebenso wie die schlechten.

Ruby sah hoch. Sein Gesicht lag jetzt im Schatten, sie konnte seine Züge nicht richtig ausmachen. Trotzdem wirkten sie eingefallen, fast verhärmt. Seine Haut wirkte extrem blass im Kontrast zu dem raspelkurzen dunklen Haar, das an den Schläfen ergraut war. Als sie ihn zuletzt gesehen hatte, war das noch nicht so gewesen.

Wo hatte er bloß gesteckt? Und warum hatte er sich monatelang nicht bei ihr gemeldet, nachdem sie die Scheidung eingereicht hatte? Es hatte sich angefühlt, als wolle er ihre Ehe einfach so aufgeben.

Ihr Puls hämmerte wie verrückt. Sie schluckte, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und holte tief Luft. „Komm doch rein“, sagte sie schließlich und wünschte sich, sie würde dabei nicht so atemlos klingen. „Wir müssen noch eine ganze Menge bereden.“

Sam sah sich vorsichtig im Haus um. Nachdem sich seine Augen an das etwas düstere Innere gewöhnt hatten, erkannte er die Möbel wieder, die sie von Militärstützpunkt zu Militärstützpunkt mitgenommen hatten und die jedes Mal dazu beigetragen hatten, dass sie sich in ihren neuen Wohnräumen schnell heimisch gefühlt hatten. Jetzt standen dieselben Möbel in Rubys neuem Zuhause – er selbst gehörte nicht mehr hierher.

„Ich wollte nicht stören“, sagte Sam schließlich. Ruby hatte die ganze Zeit geschwiegen. „Du warst ja nicht allein.“

„Wie bitte?“ Das klang ehrlich erstaunt. Dann wurde ihr offenbar klar, was er gemeint hatte. „Oh, ach so. Das war doch bloß Nick.“

Bloß Nick also. Von wegen „bloß“. Als er die beiden eng umschlungen sah, hatte sich das angefühlt, als würde man ihm das Herz herausreißen.

Er betrachtete Ruby eindringlich, und sie erwiderte seinen Blick, als erwartete sie eine Erklärung von ihm. Aber hatte nicht eigentlich sie ihm etwas zu erklären? „Ich hätte nicht gedacht, dass unser Wiedersehen so … schwierig wird“, sagte er schließlich.

Ruby zuckte mit den Schultern. „Es gibt einiges, woran du nicht gedacht hast.“

„Wahrscheinlich.“ Dabei hatte er sogar sehr lange und intensiv über alles nachgedacht, während er nachts allein in seiner Schlafkoje gelegen und immer wieder von Ruby geträumt hatte. Und immer wieder hatte er die Tage gezählt, die er noch hinter sich bringen musste, bis er endlich zu ihr nach Hause kommen und für immer bei ihr bleiben konnte.

Jetzt wäre der Moment eigentlich da gewesen. Aber statt ihren Mann mit offenen Armen willkommen zu heißen, stand Ruby mit verschränkten Armen vor ihm und schien eine Erklärung zu erwarten. Warum?

„Ach, tut mir leid, Sam“, sagte sie schließlich. „Du siehst wirklich müde aus, möchtest du dich nicht setzen?“ Sie zog ihn zum Sofa. Als sie seine Hand nahm, wurde ihm am ganzen Körper warm … wie früher.

Erschöpft ließ er sich in die Polster fallen. In den letzten Wochen hatte er seine ganze Willens- und Körperkraft in sein verletztes rechtes Bein gesteckt, damit es ihn tragen würde, wenn er wieder vor Ruby stünde. So weit hatte das auch ganz gut funktioniert. Allerdings fühlte er sich immer noch sehr schwach und hatte bis eben befürchtet, jeden Moment vor ihrer Nase zusammenzubrechen.

Jetzt setzte sie sich nicht neben ihn aufs Sofa, sondern auf den Zweisitzer gegenüber. Wahrscheinlich war das erst mal ganz gut so: Er brauchte ihr ja bloß in das ebenmäßige Gesicht mit den goldbraunen Sommersprossen zu schauen, und schon wollte er sie berühren und ihr durch das leuchtend rote Haar fahren.

So, wie sie jetzt vor ihm saß, hatte sie früher oft dagesessen: im Schneidersitz, die Hände im Schoß gefaltet. Sie trug ausgeblichene Jeans und ein Arbeitshemd und sah darin einfach umwerfend aus. Wie immer. Ob sie nun ein maßgeschneidertes Kostüm anhatte, wie damals in Kalifornien, als sie sich kennengelernt hatten … oder auch gar nichts. Sein Pulsschlag beschleunigte sich.

Verdammt, ich muss mich dringend zusammennehmen, wies er sich zurecht und räusperte sich mit Nachdruck. „Ich bin aus der Air Force ausgeschieden“, verkündete er.

Ruby blinzelte. „Heißt das, dass du jetzt im Ruhestand bist? Freiwillig? Du hast einfach alles aufgegeben?“

Sam schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin verletzungsbedingt ausgeschieden.“ Mit dem Kopf wies er auf sein rechtes Bein. „Damit kann ich nicht mehr Fallschirm springen.“ Das war eine gewaltige Untertreibung. Die Ärzte hatten sich mächtig ins Zeug legen müssen, um das Bein einigermaßen zusammenzuflicken. Fast hätte er es ganz verloren.

Aber das musste Ruby nicht unbedingt wissen, jedenfalls jetzt noch nicht. Er wollte kein Mitleid von ihr. Falls sie ihm doch noch mal eine Chance geben sollte, dann aus freien Stücken, nicht aus Erbarmen.

„Das tut mir leid“, sagte sie leise. „Ich weiß doch, dass dir das Fallschirmspringen immer am besten gefallen hat. Der Nervenkitzel …“ Sie ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder. Auch das kannte Sam von ihr, es bedeutete, dass sie aufgewühlt war. Hieß das etwa, dass ihr immer noch etwas an ihm lag?

„Das braucht dir nicht leidzutun, Ruby“, erwiderte er. „Es war doch bloß ein Job zum Geldverdienen, keine Herzensangelegenheit.“ Seine Stimme klang belegt.

Fassungslos sah sie ihn an. „Und das soll ich dir glauben.“

„Ja. Habe ich dich etwa schon mal angelogen?“

Plötzlich blitzte etwas in ihren Augen auf. „Allerdings. Also, du hast ein Versprechen gebrochen, und das ist so ziemlich das Gleiche. Oder spielt es ohnehin keine Rolle, was man der naiven Ehefrau zu Hause erzählt?! Du hast mich angelogen, Sam. Ich hab’s aber doch mitbekommen, und damit hast du mir das Herz gebrochen.“

Auf einmal wusste er überhaupt nicht mehr, was los war. Die ganze Zeit war er davon ausgegangen, dass ihr Verhalten etwas mit dem Lottogewinn zu tun hatte. Als er sie vor fünf Monaten zu erreichen versucht hatte, war ihre Geschäftspartnerin am Telefon gewesen – Honor Lassiter, die Mitinhaberin des kleinen Kaufhauses in Jester. Honor hatte ihm von dem Gewinn erzählt und ihn im selben Atemzug darüber informiert, dass Ruby auf keinen Fall mit ihm sprechen wolle.

Ein paar Wochen später war dann der Brief von ihrem Anwalt eingetroffen. Sam vermutete, dass sie sich von ihm scheiden lassen wollte, um das Geld ganz für sich zu behalten. Dabei hätte er nie Ansprüche auf den Gewinn angemeldet, ihn interessierte bloß Ruby. Aber sie wollte ihn nicht mehr.

Auf einmal hatte sein Leben keinen Sinn mehr. Also meldete er sich freiwillig für mehrere lebensgefährliche Einsätze. Einen Monat später hätte das Schicksal ihm seinen Todeswunsch fast erfüllt, aber dann hatte er doch überlebt. Und beschlossen, dass er alles versuchen würde, um Ruby zurückzugewinnen – bloß ihr Mitleid wollte er nicht.

Sam atmete tief durch. „Ruby, das tut mir schrecklich leid“, erwiderte er. „Mir war damals nicht klar, wie schlimm es für dich sein würde.“

„Wirklich nicht?“ Ruby sah ihn herausfordernd an. „Du hattest mir versprochen, dich auf so etwas nicht einzulassen. Und versprochen ist versprochen. Außerdem waren wir fast zehn Jahre verheiratet, als ich dich darum gebeten habe, endlich aufzuhören. Da hättest du ruhig mal merken können, wie ernst es mir damit war.“

„Warum hast du mir das damals nicht gesagt?“

„Weil ich es nicht für nötig gehalten habe. Wenn du mich liebst, dann spürst du das schon, dachte ich.“

„Aber, Ruby, ich kann doch keine Gedanken lesen! Wenn dich meine Einsätze so beunruhigt haben … warum hast du mich dann immer wieder so einfach gehen lassen? Manchmal kam es mir so vor, als hättest du es eilig, mich loszuwerden.“

Ruby schloss die Augen und lehnte sich zurück. „Weil ich dir keinen zusätzlichen Stress machen wollte. Ich dachte mir, dass du auch so schon genug Sorgen hattest, ohne darüber nachdenken zu müssen, wie es mir wohl in der Zwischenzeit damit geht. Immerhin war ich ja die ganze Zeit in Sicherheit, im Gegensatz zu dir.“

„Und als ich bei dir zu Hause war? Warum hast du mir da nichts gesagt?“

„Weil es dann keinen Anlass dazu gab, du warst ja bei mir. Aber du lenkst die ganze Zeit vom eigentlichen Thema ab. Du hattest mir nämlich versprochen, dich nicht für diese gefährlichen Sondereinsätze zur Verfügung zu stellen. Wenn du mir dieses Versprechen nicht gegeben hättest, hätte ich dich nämlich gar nicht erst losfliegen lassen.“

„Ruby … ich hatte mein Versprechen damals wirklich ernst gemeint. Aber unter den Umständen …“

„Diesen Blödsinn höre ich mir gar nicht erst an“, fiel sie ihm ins Wort. „Du hast dein Versprechen gebrochen … und mich damit wahnsinnig enttäuscht. Ich kann dir nicht mehr vertrauen.“

Sam krampfte sich das Herz zusammen, doch er nahm sich zusammen. „Ich hätte dir das alles gern erklärt, wenn es damals möglich gewesen wäre.“

„Und jetzt? Kannst du mir jetzt erzählen, was los war? Oder war das wieder eine deiner Top-Secret-Missionen? Und jeder, der davon erfährt, muss aus dem Weg geräumt werden?“

Eigentlich durfte er über den Einsatz wirklich nichts Genaueres erzählen, aber er konnte sich ja allgemein fassen. „Sagen wir mal so: Ein Kollege von mir brauchte dringend Unterstützung, und ich war der Einzige, der dafür infrage kam.“ Er merkte sofort, dass Ruby sich darauf nicht einließ. „Es tut mir leid, mehr darf ich dazu nicht sagen. Aber du kannst mir wirklich glauben, dass ich sonst nicht Ja gesagt hätte.“

Im Grunde musste Ruby doch wissen, dass er als Flugsicherungsoffizier seine Männer nicht so einfach im Stich lassen konnte oder wollte. Das müsste sie doch verstehen!

Zunächst schien sie noch etwas erwidern zu wollen, doch dann kniff sie bloß die Lippen zusammen und schwieg. Erst eine ganze Weile später sagte sie langsam: „Ich kann das nicht so einfach wegstecken, und diesmal will ich auch nichts übers Knie brechen. Ich brauche Zeit, um über alles in Ruhe nachzudenken.“

Sofort stand Sam vom Sofa auf. „Einverstanden“, gab er zurück und versuchte, dabei nicht allzu zuversichtlich zu klingen. „Ich muss dir erst mal beweisen, dass ich es auch wert bin, und genau das habe ich vor. Wenn du mich suchst – ich habe mich in Gwen Tanners kleiner Pension einquartiert.“