Es ist ein einzigartiges Naturschauspiel, das sich im Spätsommer 1877 in der Stadt Constanta am Schwarzen Meer abspielt. Ein Schwarm bunter Wiedehopfe schwebt über dem Haus des Teppichhändlers Yakob Cohen und seiner Frau Leah. Er kündigt die Geburt eines besonderen Mädchens an, ihrer Tochter Eleonora. Noch bevor sie ihr achtes Lebensjahr erreicht, bringt sie sich selbst das Lesen bei und lernt sieben Sprachen. Eleonoras ganze Liebe gilt der Literatur, vor allem aber ihrem Vater Yakob. Als dieser geschäftlich nach Istanbul reisen muss, folgt ihm Eleonora als blinder Passagier.

Am Bosporus entdeckt sie eine vollkommen neue Welt. Die Hauptstadt des Osmanischen Reiches überwältigt Eleonora mit ihrer Farbenpracht und geheimnisvollen Eleganz. Doch selbst inmitten dieser bunten Vielfalt bleiben ihre außergewöhnlichen Gaben nicht lange unentdeckt. Die Kunde von dem Wunderkind erreicht schon bald auch den Palast des Sultans. Abdülhamid II. ist verzaubert, als er das junge Mädchen kennenlernt, und macht Eleonora zu seiner persönlichen Beraterin. Unversehens liegen Wohl und Wehe des gesamten Reiches in den Händen einer Achtjährigen.

Michael David Lukas wurde 1979 in Berkeley, Kalifornien, geboren, lebte längere Zeit in der Türkei, Israel und Tunesien. Seine Erzählungen und Reisereportagen erscheinen in Slate, National Geographic und anderen Magazinen. Das Orakel von Stambul ist sein erster Roman.

Michael David Lukas

Das Orakel von Stambul

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Ulrike Wasel und

Klaus Timmermann

Insel Verlag

Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel

The Oracle of Stamboul

bei HarperCollins Publishers, New York

© Michael David Lukas, 2011

Das Zitat auf dieser Seite folgt der Übersetzung: Die Geschichten des Herodotos, 4. Buch, genannt Melpomene, übers. von Friedrich Lange, Berlin 1811.

Das Zitat auf dieser Seite: Die Gedichte des P. Virgilius Maro, III: Aeneis, übersetzt v. W. A. B. Hertzberg, Stuttgart 1859.

eBook Insel Verlag Berlin 2012

© der deutschen Ausgabe Insel Verlag Berlin 2011

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlagfoto: Rengim Mutevellioglu / Getty Images

Umschlaggestaltung: bürosüd, München

eISBN 978-3-458-76750-3

www.insel-verlag.de

Für meine Geschwister

Adam und Anna, Coleman und Allison

die mir stets in Erinnerung rufen,

was wirklich zählt;

und für Haley,

zum Dank für alles.

»Ah, Stambul! Von all den Namen, die mich bezaubern können, bleibt dieser der magischste.«

Pierre Loti

Kapitel Eins

Eleonora Cohen kam an einem Donnerstag im Spätsommer 1877 auf die Welt. Diejenigen, die an jenem Morgen früh aufgestanden waren, sollten sich später daran erinnern, dass sie einen Schwarm lila-weißer Wiedehopfe sahen, die über dem Hafen ihre Kreise zogen und hin und her sausten, als versuchten sie, einen Riss im Firmament zu flicken. Ob es ihnen gelang oder nicht, irgendwann verlangsamten die Vögel ihren Flug und ließen sich überall in der Stadt nieder, auf den Stufen des Gerichtsgebäudes, dem roten Ziegeldach des Constanţa-Hotels und dem Glockenturm der St.-Basilius-Akademie. Sie hockten im Laternenraum des Leuchtturms, auf dem achteckigen Steinminarett der Moschee und dem Vorderdeck eines Dampfers, der Rauchwolken in einen ansonsten klaren Horizont schnaufte. Wiedehopfe bedeckten die Stadt wie Zuckerguss, flöteten in den Regenrinnen des Gouverneurssitzes und verdreckten die goldene Kuppel der orthodoxen Kirche. In den Bäumen um das Haus von Yakob und Leah Cohen wirkten sie besonders lebhaft, zwitscherten, flatterten mit den Flügeln und hüpften von Ast zu Ast, wie eine Schar von Bauern, die bei einer kaiserlichen Parade die Straßen der Hauptstadt säumen. Die Wiedehopfe wären vermutlich als gutes Omen gedeutet worden, wären da nicht die bedauernswerten Ereignisse gewesen, die mit Eleonoras Geburt zusammenfielen.

In den frühen Morgenstunden jenes Tages kam die Dritte Division der Kavallerie Zar Alexanders II. aus dem Norden herangeritten und sammelte sich auf einem Hügel mit Blick über den Marktplatz der Stadt: 612 Männer, 537 Pferde, drei Kanonen, zwei Dutzend mattgraue Segeltuchzelte, eine Feldküche und die gelb-schwarz gestreifte Standarte des Zaren. Sie saßen seit fast zwei Wochen im Sattel, waren bei gekürzten Rationen und wenig Rast durch Kilija, Tulcea und Babadag geritten, durch die Heidelbeersümpfe des Donaudeltas und weite Weizenfelder, die seit dem Winter brachlagen. Ihr eigentliches Ziel war Plewen, ein Handelsposten im Herzen der Donauebene, wo General Osman Pascha mit siebentausend osmanischen Soldaten erbitterten Widerstand leistete. Es würde eine wichtige Schlacht werden, vielleicht sogar der Wendepunkt des Krieges, doch Plewen lag noch zehn Tage weit entfernt, und die Männer der Dritten Division waren ruhelos.

Constanţa, das sich vor ihnen ausbreitete wie ein Festmahl, hatte fast keine Befestigungen mehr. Kaum mehr als ein Dutzend Meter von der Hügelkuppe entfernt lagen die Trümmer einer alten römischen Mauer. In früheren Jahrhunderten hatten diese mattrosafarbenen Steine die Stadt vor Wildschweinen, Räubern und den thrakischen Barbaren geschützt, die regelmäßig versuchten, den Hafen zu überfallen. Zweimal war die Mauer von den Römern und noch ein weiteres Mal von den Byzantinern wiederaufgebaut worden, doch als die Osmanen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts nach Constanţa kamen, war sie dem Einsturz nahe. Also ließ man sie weiter verfallen, karrte die noch brauchbaren Steine weg, um damit Straßen, Paläste und neue Mauern um andere, strategisch wichtigere Städte zu bauen. Wäre jemand auf die Idee gekommen, die Mauer wiederherzustellen, hätte sie die Stadt vor der Brutalität der Dritten Division schützen können, doch in ihrem derzeitigen Zustand war sie kaum mehr als ein Stolperstein.

Den ganzen Morgen und bis spät in den Nachmittag hinein ritten die Männer der Dritten Division marodierend durch die Straßen von Constanţa. Sie schlugen Schaufenster ein, quälten streunende Hunde und stürzten sämtliche Statuen um, auf die sie trafen. Sie steckten den Gouverneurssitz in Brand, verwüsteten das Gerichtsgebäude und zerschmetterten das Buntglas über dem Eingang der St.-Basilius-Akademie. Der Laden des Goldschmieds wurde geplündert, die Schusterwerkstatt leergeräumt und die Kurzwarenhandlung verwüstet. Sie zerschlugen das Schaufenster von Yakob Cohens Teppichgeschäft und stachen mit ihren Bajonetten Löcher in die Wand. Neben der orthodoxen Kirche, die unberührt blieb, als hätte Gott selbst sie beschirmt, war die Bibliothek das einzige städtische Gebäude, das die Dritte Division unbeschadet überstand. Der Grund dafür war nicht etwa ein besonderer Respekt vor Gelehrsamkeit. Dass Constanţas Bibliothek erhalten blieb, verdankte sie allein der Beherztheit ihres Leiters. Während die übrigen Bewohner der Stadt sich unter ihren Betten verkrochen oder sich in Kellern und Schränken duckten, stellte sich der wackere Bibliothekar auf die Stufen des ihm anbefohlenen Gebäudes und hielt eine lädierte Ausgabe von Eugen Onegin hoch wie einen Talisman. Die Männer der Dritten Division waren zwar fast allesamt des Lesens unkundig, erkannten aber das Schriftbild ihres heimischen Kyrillisch, was ihnen offenbar genügte, um die Bibliothek zu verschonen.

Unterdessen lag Leah Cohen in einem kleinen grauen Steinhaus unweit der Kuppe des Osthügels in heftigen Wehen. Im Wohnzimmer roch es nach Zaubernuss, Alkohol und Schweiß. Die Wäschetruhe war aufgerissen worden, und auf dem Tisch lag ein Stapel jodbefleckter Laken. Da der einzige ausgebildete Arzt der Stadt anderweitig zu tun hatte, kümmerten sich zwei tatarische Hebammen aus einem Nachbardorf um Leah. Die Vorsehung hatte sie just in dem Augenblick, als sie am ärgsten gebraucht wurden, an die Tür der Cohens geführt. Sie hatten die Zeichen gedeutet, sagten sie: ein Meer von Pferden, eine Ansammlung von Vögeln, der Nordstern in Konjunktion mit dem Mond. Es war eine Prophezeiung, so sagten sie, die ihr letzter König auf dem Totenbett ausgesprochen hatte, doch es blieb keine Zeit für Erklärungen. Sie baten, ins Schlafzimmer geführt zu werden. Sie baten um saubere Tücher, Alkohol und heißes Wasser. Dann schlossen sie die Tür hinter sich. Etwa alle zwanzig Minuten kam die Jüngere der beiden mit einem leeren Topf oder einem Armvoll schmutziger Tücher herausgeeilt. Abgesehen von diesen kurzen Ausflügen blieb die Tür verschlossen.

Da er zum Nichtstun verurteilt war und sich auch durch nichts ablenken konnte, gab Leahs Gatte Yakob sich der Sorge hin. Er, ein kräftiger Mann mit widerspenstigem Haar und leuchtend blauen Augen, vertrieb sich die Zeit damit, an seinen Bartspitzen zu zupfen, seine Quittungen hin und her zu schieben und seine Pfeife zu stopfen. Dann und wann hörte er einen Schrei, gedämpfte Ermutigungen, jetzt zu pressen, oder den fernen Klang von Gewehrschüssen und Pferdehufen. Er war weder besonders fromm noch abergläubisch. Dennoch murmelte er das Gebet, das bei Geburten gesprochen wurde, jedenfalls soweit er sich daran erinnerte, und klopfte dreimal dreimal hintereinander auf Holz, um den bösen Blick abzuwehren. Er versuchte, so gut es ging, sich keine Sorgen zu machen, aber was blieb einem werdenden Vater sonst übrig?

Kurz nach Einbruch der Dämmerung, in der flüchtigen Stunde, wenn der Himmel sich erst lila färbt und dann ganz verdunkelt, verstummten die Wiedehopfe. Die Gewehrschüsse erstarben und das Getrappel von Pferdehufen verklang. Es war, als wäre die ganze Welt stehen geblieben, um Luft zu holen. In diesem Augenblick drang ein müdes Stöhnen aus dem Schlafzimmer, gefolgt von einem klatschenden Schlag und dem Schrei eines neugeborenen Kindes. Sogleich tauchte die ältere Hebamme, Frau Damakan, mit einem Bündel in der Armbeuge auf. Bis auf ein leises Säuglingsglucksen war es still im Raum.

»Gott sei Dank«, flüsterte Yakob, und er beugte sich vor, um seiner Tochter einen Kuss auf die Stirn zu geben. Sie war prächtig, frisch und glühend vor neuem Leben. Er streckte die Arme aus, um sie zu nehmen, doch die Hebamme gebot ihm Einhalt.

»Herr Cohen.«

Er blickte auf und sah die straffe Linie ihres Mundes.

»Es gibt Komplikationen.«

Die Blutung wollte nicht aufhören. Leah war gefährlich schwach. Nur wenige Stunden nach der Niederkunft verschied sie. Ihr letztes Wort war der Name, den ihre neugeborene Tochter haben sollte, und als sie ihn aussprach, tat sich der Himmel auf.

Es war ein Wolkenbruch, wie niemand in Constanţa je zuvor einen erlebt hatte, eine endlose Kavalkade aus Regen und Donner. Mit Sturzbächen, Wellen und stahlgrauen Regenwänden erstickte das Unwetter Brände, riss Straßen mit sich und hüllte den Marktplatz in eine Decke aus nassem Rauch. Während es mit voller Kraft wütete, suchten die Wiedehopfe Schutz in Eingängen und hohlen Bäumen. Die Männer der Dritten Division wiederum ritten weiter nach Süden Richtung Plewen, ihre Beute wie Spinnennester auf den Rücken ihrer Pferde verschnürt. Es regnete vier Tage ununterbrochen, und die ganze Zeit kümmerten sich Frau Damakan und die junge Frau, ihre Nichte, um das Neugeborene. Zusammen mit rund einem Dutzend Männern, die getötet worden waren, als sie ihre Häuser verteidigten, wurde Leah in einem Massengrab beigesetzt, und Yakob erfüllte das Haus mit Wehklagen. Als die Woche zu Ende ging, verstopfte Abfall den Hafen und der Marktplatz war mit durchnässter Asche übersät.

Gleichwohl, das Leben muss weitergehen. Als sich die Wolken schließlich verzogen, fuhr Yakob Cohen mit einer Kutsche nach Tulcea und verschickte zwei Telegramme: eines an Leahs Schwester in Bukarest und das zweite an seinen Freund und Geschäftspartner in Stambul, einen Türken namens Moncef Barcous, dem unlängst der Titel Bey verliehen worden war. Das erste Telegramm setzte seine Schwägerin von der Tragödie in Kenntnis und bat sie um jedwede Hilfe, die sie leisten konnte. Die zweite Nachricht erfolgte auf Bitten von Frau Damakan und empfahl sie und ihre Nichte zur Anstellung in seinem Haushalt, falls Moncef Bey Bedarf habe. Wie die meisten Tataren, die in den Dörfern rings um Constanţa lebten, trugen sich Frau Damakan und ihre Nichte mit dem Gedanken, bald fortzugehen und ein neues Leben in Stambul zu beginnen, wo Muslime willkommener waren. Derweil erklärten sie sich bereit, bei Yakob zu bleiben und ihn nach Kräften zu unterstützen.

Moncef Beys Antwort ließ nur wenige Tage auf sich warten. Ja, so schrieb er, er würde Frau Damakan sehr gerne kennenlernen und suche tatsächlich gerade eine neue Magd.

Die Antwort auf das andere Telegramm traf eine Woche später ein, und zwar in Gestalt von Leahs älterer Schwester Ruxandra. Es war sechs Uhr am Abend, als ihre Kutsche im Hafen hielt. Ruxandra, eine knochige Frau, angetan mit Reisegarderobe und einem dunkelgrünen Filzhut, hatte eine spitze Nase, ein fliehendes Kinn und ein Muttermal mitten auf der linken Wange, das aussah wie der Gipfel eines Vulkans kurz vor dem Ausbruch. Mit einem Koffer in der linken Hand und einem schweißfeuchten, zerknüllten Telegramm in der rechten stieg sie aus, bezahlte den Fahrer und stapfte den Hügel zum Haus ihres Schwagers hinauf.

Auf der Vordertreppe von Cohens Haus rückte Ruxandra ihren Hut zurecht und schielte nach hinten auf die dünne Schicht Vogeldreck, die den Plattenweg bedeckte. Sie bedachte den Schwarm lila-weißer Wiedehopfe, die in der Platane darüber hockten, mit einem missbilligenden Blick, wandte sich dann wieder der Tür zu und klopfte. Als niemand öffnete, klopfte sie erneut und beugte sich vor, um zu lauschen, ob sich drinnen etwas rührte. Wieder machte niemand auf. Statt noch länger in der Kälte zu warten, schob sie ihren Hut gerade und trat einfach ein.

Das Haus der Cohens war in seiner Gesamtheit nicht viel größer als das Esszimmer in Ruxandras und Leahs Bukarester Elternhaus. Es hatte drei Schlafräume, eine Vorratskammer, eine Küche und ein Wohnzimmer, dessen Wände bis auf eine Kohlezeichnung von Leah über dem Kamin völlig kahl waren. In einer Ecke dieses Hauptraumes standen ein Schrank und ein verkratzter Esstisch, der mit schmutzigem Geschirr vollgestellt war. In der anderen bewachten zwei abgewetzte Ledersessel den offenen Kamin. Der Boden des Wohnzimmers ertrank in einem Meer von Orientteppichen, die ohne erkennbare Berücksichtigung von Farbe oder Stil ausgelegt waren, mitunter bis zu drei übereinander, wie eine alte Stadt, die auf den Ruinen noch älterer Zivilisationen erbaut worden war. Ruxandra trat behutsam über die Schwelle, stellte den Koffer ab und schloss die Haustür hinter sich.

»Hallo«, rief sie. »Jemand zu Hause?«

Yakob hatte die ganze Zeit am Tisch gesessen, den Kopf hinter einem Stapel Papiere auf die Arme gelegt. Als er aufstand, um sie zu begrüßen, war unübersehbar, wie dringend Ruxandras Hilfe benötigt wurde. Sein Gehrock war voller Flecken, sein Bart ungepflegt, und seine Augen waren rot unterlaufen.

»Ruxandra«, sagte er, schockiert, sie in seinem Wohnzimmer stehen zu sehen. »Bitte setz dich.«

Sie zog einen Stuhl am Kopfende des Tisches hervor und nahm Platz.

»Du hast um Hilfe gebeten«, sagte sie und strich zum Beweis sein Telegramm auf dem Tisch glatt. »Da bin ich.«

»Natürlich«, sagte er. »Wie geht es dir?«

»In Anbetracht der Umstände geht es mir gut. Danke. Aber es war eine lange Reise, und ich könnte eine Tasse Tee gebrauchen.«

Während Ruxandra sprach, schob sich Frau Damakan rückwärts aus der Küche und hatte die in Windeln gewickelte Eleonora auf dem Arm. Sie schlief, die Kleine, ihre Lider flatterten wie Libellenflügel und die Hände waren friedlich mitten auf der Brust gefaltet.

»Sie hat den Mund ihrer Mutter«, sagte Ruxandra, die sich über das Bündel beugte. Dann sah sie auf. »Das ist ihre Amme, nehme ich an.«

»Ja, in gewisser Weise«, sagte Yakob. »Frau Damakan und ihre Nichte haben bei Eleonoras Geburt geholfen, und sie waren so nett, mir in den vergangenen Wochen zur Seite zu stehen.«

»Ich verstehe«, sagte Ruxandra. »Frau Dalaman, nicht wahr? Würden Sie mir wohl eine Tasse Tee machen? Stark, wenn ich bitten darf. Es war eine lange Reise.«

Ruxandra nahm wieder Platz und beobachtete, wie Frau Damakan den Raum verließ.

»Im Allgemeinen«, sagte Ruxandra, »komme ich gern ohne Umschweife zur Sache, auch wenn das vielleicht nicht immer die höflichste Art ist. Das solltest du von mir wissen.«

Yakob nickte.

»Ich habe dein Telegramm erhalten«, begann sie. »Und ich bin hierhergekommen, um dir die gewünschte Hilfe anzubieten. In dieser Funktion bin ich bereit, mindestens einen Monat in Constanţa zu bleiben, um bei der Haushaltsführung und dergleichen behilflich zu sein.«

Sie ließ den Blick durchs Wohnzimmer schweifen.

»Du hast angedeutet, dass Frau Dalmatan nicht mehr lange bleiben wird?«

»Ja«, sagte Yakob. »Sie und ihre Nichte ziehen nach Stambul.«

»Eine dreckige Stadt«, fauchte Ruxandra. »Voller Türken.«

»Die beiden sind selbst Türken«, sagte Yakob. »Tataren, um genau zu sein.«

»Nun, was auch immer sie sind«, sagte Ruxandra. »Sie werden bald fort sein, nicht wahr?«

»Sie beabsichtigen, Ende der Woche abzureisen, obwohl sie noch kaum Vorbereitungen getroffen haben.«

»Wie ich bereits sagte, bin ich gern bereit, einen Monat zu bleiben, vielleicht sogar zwei, um dir die gewünschte Hilfe zu bieten«, erklärte Ruxandra. »Aber falls du möchtest, dass ich länger als ein paar Monate bleibe, halte ich es für erforderlich, dass wir heiraten.«

Ruxandra war immer die Uneigennützige gewesen, die pflichtbewusste Tochter. Als ihre Eltern krank und alt wurden, hatte sie sie bis zum Tode gepflegt, während ihre Schwester zur Schule ging und heiratete. Als ihr Vater vor etwas mehr als einem Jahr starb, war Ruxandra den Dreißig schon gefährlich nah, vom Leben erschöpft und zutiefst verbittert. Trotz der ansehnlichen Mitgift, die sie geerbt hatte, war es ihr nicht gelungen, einen angemessenen Ehegatten zu finden. Inzwischen hegte sie keinerlei romantische Ambitionen mehr. Sie wollte lediglich ein eigenes Heim und einen tüchtigen Mann, mit dem sie nach dem Abendessen Höflichkeiten austauschen konnte.

»Du wirst verstehen«, sagte Yakob nach langem Schweigen, »wenn ich mir eine gewisse Bedenkzeit erbitte.«

»Durchaus.«

»Und was ist mit deinen Sachen? Ist das alles?«

Ruxandra lächelte und warf einen Blick auf den kleinen Lederkoffer zu ihren Füßen.

»Mach dir über meine Sachen keine Gedanken«, sagte sie. »Ich habe bereits alles geregelt.«

Am nächsten Morgen trafen zwei Schiffskoffer aus Bukarest ein, und Ruxandra begann, sich häuslich einzurichten. Nachdem sie ihre Koffer im zweiten Schlafzimmer ausgepackt hatte, machte sie sich mit Hilfe von Frau Damakans Nichte daran, die Arbeitsflächen in der Küche zu scheuern, die Fenster zu putzen, die Teppiche zu klopfen, die Bücherschränke abzustauben und den Kamin auszufegen. Als sie damit fertig waren, schrubbte Ruxandra die Platten vor dem Haus und versuchte, den Schwarm Wiedehopfe zu verscheuchen, die sich auf der Platane eingenistet hatten. Doch sie konnte noch so heftig mit den Armen wedeln und noch so viele Steine werfen, die Wiedehopfe blieben ihrem Stammplatz treu. Und drei Tage später war der Weg erneut voller Vogeldreck. Trotz dieses kleineren Ärgernisses lebte Ruxandra sich einigermaßen gut in ihrer neuen Umgebung ein. Sie kochte, putzte, und wenn Frau Damakan und ihre Nichte keine Zeit hatten, weil sie ihre Reise nach Süden entlang der Schwarzmeerküste planen mussten, kümmerte sie sich um Eleonora. Als die Hebammen am Ende von Ruxandras zweiter Woche in Constanţa schließlich abreisten, übernahm sie sämtliche im Haushalt anfallenden Aufgaben. Am Ende ihrer dritten Woche klopfte Yakob an die Tür ihres Zimmers und teilte ihr mit, dass er ihrer Meinung sei und es im Interesse aller Beteiligten für das Beste hielt, wenn sie beide heirateten.

Die Vermählung fand in Tulcea statt, da die Synagoge in Constanţa noch nicht vollständig wiederaufgebaut war. Yakob und Ruxandra standen vorne im Raum beim Rabbiner, einem jungen Mann mit rotem Rauschebart. Die beiden jüngsten Brüder des Rabbiners dienten als Zeugen, und hinten im Raum schrie Eleonora auf den Armen der Frau des Rabbiners. Nach der Trauung erledigte Yakob noch einige Geschäfte in Tulcea, und um sechs Uhr fuhren sie mit der Droschke zurück nach Constanţa. Die Wiedehopfe folgten in respektvoller Entfernung über ihren Köpfen.

Kapitel Zwei

Der Sultan des Osmanischen Reiches, Diener der Heiligen Städte, Kalif des Islam, Herrscher der Gläubigen und Höchster Padischah mannigfacher Reiche, Seine Exzellenz Abdülhamid II., starrte nach oben auf ein Meer aus verschachtelten grünen und blauen Deckenfliesen, während der Palastbarbier ihm das Gesicht einseifte. Er hörte, dass in einem Nachbarraum eine Ud gezupft wurde und Konkubinen gelangweilt miteinander plauderten. Ein Bülbül sang in seinem Käfig, und die Vormittagssonne, die in Streifen durch das Gitterwerk fiel, sammelte sich zu seinen Füßen. Abdülhamid schloss die Augen, atmete den seifigen Jasminduft ein und lauschte, wie die Klinge sich seinen Hals emporarbeitete.

Seit dreißig Jahren, seit der erste männliche Flaum an seinem königlichen Kinn gesprossen war, wurde Abdülhamid jeden Morgen von demselben Mann rasiert. Davor hatte dieser sieben Jahre lang am Hof von Abdülhamids Vater gedient. Der Barbier war ein alter Mann, doch seine Hände waren so ruhig wie die eines Kalligraphen, und selbst nach so vielen Jahren der Übung führte er die allmorgendliche Rasur noch genauso durch, als wäre es die wichtigste Aufgabe seines Lebens. Abdülhamid wusste die Feierlichkeit, die der Mann an den Tag legte, überaus zu schätzen. Bei all den Ränken und Verschwörungen, mit denen er es im Palast zu tun hatte, musste er seinem Barbier voll und ganz vertrauen können. Schließlich hatte es am Hofe des Sultans schon Königsmorde gegeben. Genau genommen waren drei seiner Vorfahren – Murad II., Mustafa Dösme und Ibrahim I. – von angeblich treuen Höflingen gemeuchelt worden: Murad von seinem Koch, Mustafa von seiner Leibwache, Ibrahim von seinem Barbier.

Abdülhamid öffnete die Augen und sah zu, wie der Barbier sein Messer über einen Lederstreifen zog. Dann schloss er sie wieder und rutschte noch tiefer in seinen Sessel, ließ die leisen Klänge des Oud über sich hinwegspülen wie Meerwasser. In diesen Saiten schwang eine solche Traurigkeit, so viele Jahre des Leides. Wenn er sich recht entsann, hatte Al-Farabi die Geschichte von der Erfindung des Oud überliefert, dessen abgeknickter Hals angeblich von einem Skelett, das an einem Johannisbrotbaum hing, inspiriert war. Um wessen Skelett es sich handelte, wollte Abdülhamid nicht mehr einfallen – Lamech vielleicht oder einer von Noahs Söhnen. Jedenfalls war es ein uraltes Instrument, das in Trauer wurzelte.

In derartige Gedanken versunken, spürte der Sultan, dass jemand vor ihm stand.

»Euer Exzellenz?«

Es war der Großwesir Jamaluddin Pascha, mit vor Anstrengung gerötetem Gesicht und einem Schnurrbart, in dem etwas klebte, das ganz nach einem Speichelfaden aussah.

»Euer Exzellenz«, sagte er und wischte sich übers Gesicht. »Verzeihen Sie, dass ich Sie bei der Rasur störe, aber ich habe eine höchst bestürzende Nachricht.«

»Bitte«, sagte der Sultan und bedeutete dem Barbier, weiterzumachen. »Nachrichten aus meinem Reich sind keine Störung.«

»Euer Exzellenz, Plewen ist vor drei Tagen an die Russen gefallen. Osman Pascha hat sich mit dem Rest seiner Truppen nach Gabrowo zurückgezogen.«

Diese Nachricht war in der Tat höchst bestürzend, nicht besonders überraschend, aber gleichwohl beunruhigend. Der Sultan seufzte und sah am Rande seines Gesichtsfeldes den Barbier die Haare entlang seines Wangenknochens mit der Pinzette auszupfen. Plewen war die jüngste in einer langen Reihe militärischer Blamagen. Höchstwahrscheinlich bedeutete das das Ende des Krieges, dann eine weitere Konferenz der Großmächte, einen weiteren Vorwand, sein Reich zu zerstückeln. Nicht dass es ihm etwas ausmachte, Bulgarien oder Rumänien zu verlieren. Diese Länder konnten seinetwegen ruhig im Erdboden versinken, zusammen mit Griechenland und dem Balkan. Nicht der Gebietsverlust machte ihm zu schaffen, sondern die Schmach, die geifernden Lefzen der Großmächte, die sein Haus umkreisten wie Wölfe. Nichts scherte ihn weniger als Bulgarien und Rumänien, aber er wusste, dass es damit nicht aufhören würde. Die Russen wollten Kars, die Franzosen hatten seit Langem ein Auge auf die Levante geworfen, und die Griechen würden nicht eher ruhen, bis sie Stambul in ihre dreckigen Pfoten bekommen hatten.

»Osman Pascha hält es für das Beste, seine Männer nach Adrianopel zurückzuziehen, aber das wird er nicht ohne Ihre Zustimmung tun.«

Der Sultan betrachtete seinen Berater. Jamaluddin Pascha war ein untersetzter Mann mit einem tomatenroten Gesicht und einer kolossal großen Nase, neben der die Augen wirkten wie hastig mit Füllfederhalter hingekleckste Punkte und die von einem dünnen Schnurrbart unterstrichen wurde.

»Und was ist Ihre Ansicht?«

»Ich muss Osman Pascha in diesem Fall beipflichten. Adrianopel ist ein vorzüglicher Standort, um die Hauptstadt zu schützen, falls das erforderlich ist. Und ich fürchte, es könnte erforderlich sein.«

»Das ist Ihre Ansicht.«

»Das ist meine Ansicht, Euer Exzellenz. Eine andere habe ich nicht.«

Das war Jamaluddin Paschas großes Manko. Obschon er Abdülhamids vorherigem Großwesir bei Weitem überlegen war, was die Klugheit seiner Ratschläge und seine Loyalität anging, ließ er sich doch zu stark vom jeweiligen Fortgang der Ereignisse mitreißen, hatte zu sehr seinen eigenen Platz in der Geschichte vor Augen. Für ihn war jede Revolte der Anfang einer Revolution, jeder Spion ein Hinweis auf einen Putsch, jeder Krieg eine Verlagerung im Gleichgewicht der Kräfte. So intelligent er auch war, Jamaluddin Pascha fehlte der Weitblick, die Fähigkeit, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. In diesem besonderen Fall hatte er jedoch recht. Stambul musste um jeden Preis geschützt werden.

»Also schön«, sagte Abdülhamid. »Osman Pascha steht es frei, seine Truppen nach Adrianopel oder zu irgendeinem anderen Stützpunkt seiner Wahl zurückzuziehen. Aber lassen Sie hören, Jamaluddin Pascha, was gibt es sonst noch für Neuigkeiten?«

Der Großwesir rückte seinen Turban zurecht, holte das kleine schwarze Notizbuch hervor, das er immer in der Brusttasche trug, und las daraus vor, was sich in den letzten Tagen ereignet hatte.

»Wir setzen unsere Untersuchung der Offiziersrevolte fort. Der neue Rektor des Robert’s College ist vor zwei Tagen in Stambul eingetroffen. Zwischen den Gemeinden im Sandschak Novi Pazar soll es zu Unruhen gekommen sein.«

Abdülhamid spürte das Kitzeln der Klinge unter der Nase und blinzelte, um ein Niesen zu unterdrücken.

»Erzählen Sie mir mehr über diesen neuen Rektor.«

»Auf Ihren Wunsch hin, Euer Exzellenz, haben wir uns bemüht, ihm weder Unannehmlichkeiten zu bereiten noch Argwohn zu erregen. Daher hat sich unsere Untersuchung nicht so gründlich gestaltet, wie es sonst der Fall gewesen wäre. Wir kennen allerdings die wesentlichen Fakten, und die sind wie folgt: Er wurde in einem US-Staat namens Connecticut geboren, wo er auch zur Schule gegangen ist und studiert hat, die letzten sieben Jahre hat er an der American University in Beirut gearbeitet, zuletzt als Studiendekan.«

Der Großwesir stockte, um sein Notizbuch zu konsultieren.

»Es kursieren Gerüchte«, fuhr er fort. »Sie sind jedoch noch unbewiesen. Einige unserer Kontakte haben angedeutet, dass er ein amerikanischer Spion, andere, dass er homosexuell ist.«

»Das eine schließt das andere nicht aus.«

»Nein, Euer Exzellenz, allerdings nicht.«

»Aber beides passt nicht ganz zu seiner beruflichen Tätigkeit.«

»Fürwahr, Euer Exzellenz. Zudem schwört Madame Corvel, eine unserer Kontaktpersonen im amerikanischen Konsulat, dass sie ihm schon einmal begegnet ist, als sie in New York lebte, und dass er damals völlig anders hieß. Sie kann sich jedoch weder daran erinnern, wie er sich nannte, noch an die Umstände ihrer Begegnung.«

»Lassen Sie ihn weiterhin überwachen«, sagte der Sultan. »Und benachrichtigen Sie mich, wenn Sie etwas Interessantes herausfinden.«

»Das werde ich, Euer Exzellenz.«

Während der Barbier eine frische Schüssel Rasierschaum anrührte, lehnte Abdülhamid sich zurück und schlug die Beine übereinander. Dabei fiel ihm auf, dass er noch immer seine Hausschuhe trug. Es war ein leichter Verstoß gegen die Etikette, in diesem Teil des Palastes Hausschuhe zu tragen, doch falls der Großwesir das bemerkt hatte, so ließ er sich jedenfalls nichts anmerken.

»Bevor ich mich zurückziehe, Euer Exzellenz. Da wäre noch eine weitere Angelegenheit, die von Interesse sein könnte.«

»Bitte.«

»Es gibt Berichte, dass Moncef Bey unlängst einen neuen Geheimbund gegründet hat. Es handelt sich um denselben Moncef Bey, der sich, wie Sie bestimmt noch in Erinnerung haben, aktiv für die Verfassungsreformen stark machte, die Ihr Vorgänger in die Wege geleitet hat.«

»Moncef Bey«, sagte der Sultan nachdenklich. »Ja, ich erinnere mich an den Namen. Ich dachte, wir hätten ihm irgendeinen Posten in Diyarbakir übertragen.«

»Das ist richtig, Euer Exzellenz. Sie erinnern sich vielleicht auch, dass er im letzten Moment nach Constanţa versetzt wurde.«

»Das inzwischen von den Russen gehalten wird.«

»Genau. Doch Moncef Beys Amtszeit endete leider im letzten Jahr, und er ist nach Stambul zurückgekehrt.«

Abdülhamid, der beobachtete, wie das Licht einen gelb-roten Bilderteppich auf seine Augenlider webte, nickte unbestimmt und atmete aus.

»Wissen wir, womit wir es bei dieser neuen Gruppe zu tun haben? Ist sie gefährlich? Oder bloß ein weiterer theosophischer Lesezirkel?«

»Das ist schwer zu sagen, Euer Exzellenz.«

»Warten wir ab, wie sich die Dinge entwickeln.«

»Nun gut, Euer Exzellenz. Ich bitte noch einmal um Verzeihung, Sie bei Ihrer Rasur gestört zu haben.«

»Keine Ursache.«

Ehe Jamaluddin Pascha den Raum verließ, teilte er dem Sultan noch eine letzte wichtige Nachricht mit. Ihre Majestät, sagte er vorgebeugt und im Flüsterton, die Mutter Seiner Exzellenz, suche schon den ganzen Morgen nach ihm und sei offensichtlich äußerst aufgebracht. Abdülhamid berührte die glatte Wölbung seiner Wange, dankte seinem Berater für diese Information und erhob sich jäh, um einen diskreteren Ort aufzusuchen. Nicht, dass er seiner Mutter aus dem Weg gehen wollte. Er wollte lediglich in aller Ruhe über den Fall von Plewen und dessen mögliche Auswirkungen nachdenken, ehe er sich die Sorgen von jemand anderem anhörte. Der Sultan verließ den Bäderbereich durch eine Seitentür und ging außen um die Haremsgärten herum, vorbei an den Mauern des Palastgefängnisses und durch die nördlichen Stallungen hindurch, um sich in den Garten des Elefanten zu begeben, dessen Name ihm schon immer Rätsel aufgegeben hatte.

Sein Ziel war ein schmaler Streifen mit Aprikosen- und Sauerkirschbäumen in der nördlichsten Ecke des Gartens, ein abgeschiedener Hain, den er oft zum Nachdenken aufsuchte. Die fast zweihundert Jahre zuvor auf Geheiß von Sultan Ahmed II. gepflanzten Bäume waren mit der Zeit ein Tummelplatz für Eichhörnchen und kleine Vögel geworden. Abdülhamid hatte den Hain, der fast immer menschenleer war, als junger Prinz am Hofe seines Vaters entdeckt. Jetzt, da er selbst Sultan, da sein Wort von Salonika bis Basra Gesetz war, zog sich Abdülhamid häufig dorthin zurück, um zu lesen und die Vögel am Wasser zu beobachten.

Während er über die Folgen von Osman Paschas Rückzug nachdachte, schirmte er die Augen gegen die Sonne ab und schaute hinaus auf den glitzernden Bosporus, weil er hoffte, eine frühe Ansammlung von Störchen oder, noch unwahrscheinlicher, von Sturmtauchern zu entdecken. Seine Augen folgten einem Schwarm Mauersegler, die über der Meerenge kreisten, von der Galatabrücke bis zum neuen Bahnhof Haydarpaşa in Kadiköy. Abgesehen von den Mauerseglern entdeckte er nichts von besonderem Interesse, bloß die übliche Mischung aus Möwen, Kormoranen und Schwalben.

»Da sind Sie ja.«

Sich umzudrehen wäre nicht nötig gewesen. Die Stimme seiner Mutter war unverkennbar. Er drehte sich dennoch um und küsste ihr die Hand, rückte dann auf der Bank zur Seite, um Platz für sie zu machen. Denn obgleich sie ihn mutwillig aus seinen Gedanken gerissen, obgleich sie es erneut unterlassen hatte, ihn mit seinem förmlichen Titel anzusprechen, war sie schließlich seine Mutter.

»Guten Morgen, Mutter. Es ist ein herrlicher Morgen, nicht wahr?«

»In der Tat«, sagte sie und blieb weiterhin stehen. »Und ich bedauere es aufrichtig, Sie bei dessen Genuss zu stören.«

»Bitte, Mutter, setzen Sie sich. Mit Ihnen genieße ich ihn nur noch mehr.«

»Euer Exzellenz«, sagte sie. »Ich habe nur eine kleine Bitte, und dann bin ich auch schon wieder weg.«

Seine Mutter war eine wirklich schöne Frau, selbst in ihrem Alter. Sie hatte natürlich nicht mehr die Figur, die sie einst hatte, und ihr Gesicht trug die Falten der Erfahrung, aber er konnte noch immer die Überreste dessen erkennen, was seinen Vater damals so leidenschaftlich zu ihr hingezogen hatte.

»Wie Sie wissen«, begann sie, die Hände auf dem Rücken verschränkt, »gibt der Palast am kommenden Wochenende ein Diner zu Ehren des französischen Botschafters und seiner Gattin.«

Abdülhamid legte die Stirn in Falten. Der französische Botschafter war ein derart überheblicher Mann, seine Absichten so quälend durchschaubar. Und seine Frau war nicht besser, eine dralle, einfältige Pute, die ihr Leben damit verbrachte, Feste zu geben und sich für gesellschaftliche Beleidigungen zu revanchieren.

»Ich weiß, Sie machen sich nicht viel aus ihm«, sagte sie. »Aber das Diner ist lange überfällig, und wir brauchen jede Unterstützung, die wir finden können, wenn wir den Russen Paroli bieten wollen.«

»Ja«, sagte der Sultan. »Fürwahr, ja.«

Er konnte den Worten seiner Mutter nicht entnehmen, ob sie von Osman Paschas Niederlage in Plewen erfahren hatte. Für den Fall, dass dem nicht so war, behielt er seine Gedanken für sich.

»Wenn Sie sich erinnern«, fuhr sie fort, »der Botschafter hat eine besondere Vorliebe für Beluga-Kaviar. Er erwähnt das des Öfteren in seinen Briefen an mich und den Großwesir.«

»Ja, ich meine in der Tat, mich zu erinnern, dass er einmal etwas von Kaviar erwähnt hat. Ich nehme an, Sie werden dafür sorgen, dass welcher beim Diner serviert wird.«

»Er steht bereits auf der Speisekarte, Euer Exzellenz. Leider hat mir Musa Bey heute Morgen eröffnet, dass unser Vorrat an Beluga-Kaviar aufgebraucht ist. Er sagte, eine neue Lieferung sei bestellt, doch da es aufgrund von Kampfhandlungen in der Region zu Verzögerungen kommt, werde diese wohl erst nach dem Diner eintreffen.«

»Das ist äußerst bedauerlich, Mutter.«

Der Streit zwischen der Mutter des Sultans und Musa Bey, dem Aufseher über die Vorratskammern des Palastes, gärte bereits, seit er ein junger Prinz war. Im Vergleich zu manchen anderen Streitigkeiten innerhalb der Palastmauern war es eine recht harmlose Auseinandersetzung, ein Zermürbungskrieg, in dem beide Seiten auf kaum mehr aus waren, als sich gegenseitig zu kränken. Kürzlich war Abdülhamid der Verdacht gekommen, dass die generelle Abneigung seiner Mutter gegen Juden möglicherweise aus ihrem jahrelangen Kampf mit Musa Bey herrührte, obwohl es genauso gut auch umgekehrt sein konnte.

»In der Vorratskammer sind noch zehn Dosen Sterlet-Kaviar.«

»Sterlet sollte auch genügen.«

»Im äußersten Notfall«, fuhr seine Mutter fort. »Und gemessen am Leid der Welt wäre es keine Katastrophe. Doch angesichts der Tatsache, dass der Botschafter den Beluga-Kaviar ausdrücklich gelobt hat und wir die Unterstützung seiner Regierung in naher Zukunft möglicherweise benötigen werden, dachte ich, ich sehe in Ihrer privaten Speisekammer nach, ob dort nicht noch einige Dosen zu finden sind. Musa Bey gewährt mir jedoch keinen Zutritt. Er behauptet, dazu sei eine ausdrückliche Bitte von Euer Exzellenz persönlich erforderlich.«

Der Sultan fuhr mit den Fingern über die Maserung der Bank. Wieso kam man ständig mit solchen Lappalien zu ihm? Musste sich der Sultan des Osmanischen Reiches wirklich mit ein paar Dosen Kaviar befassen? Er hatte sich um wichtigere Angelegenheiten zu kümmern, um Staatsangelegenheiten, um Kriegsangelegenheiten und um Fragen internationaler Diplomatie.

»Ich werde ihn darum bitten«, sagte der Sultan, bemüht, seine Gereiztheit zu zähmen. »Ausdrücklich.«

»Da wäre noch etwas, Euer Exzellenz.«

»Was denn, Mutter?«

»Ihre Hausschuhe«, sagte sie mit Blick auf seine Füße, »haben offensichtlich unter der Feuchtigkeit im Garten gelitten. Falls Sie wünschen, dass ich Ihnen ein anderes Paar hole oder ein Paar Schuhe, stehe ich ganz zu Ihren Diensten.«

»Nein, Mutter, danke, ich glaube, im Augenblick besteht dazu keine Notwendigkeit.«

»Wie Sie meinen«, sagte sie mit einer Verbeugung und wandte sich zum Gehen.

Kapitel Drei

Trotz Ruxandras wiederholten Bemühungen, sie zu verscheuchen, ließen sich die Wiedehopfe auf Dauer in der Platane vor dem Haus der Cohens nieder, was zur Folge hatte, dass der Plattenweg ständig mit glitschigem grünweißen Vogeldreck bekleckert war. Anfänglich war nicht klar, warum der Schwarm sich ausgerechnet diesen Baum ausgesucht hatte, warum die Vögel Besen, Bleiche und kochend heißes Wasser ertrugen, wo es doch genügend gastlichere Bäume in der Nähe gab. Mit der Zeit jedoch wurde deutlich, dass ihre Vorliebe etwas mit Eleonora zu tun hatte. Es war fast so, als betrachteten sie die Kleine als Teil ihres Schwarms, als die Königin, ohne die ihr Leben keinen Sinn hätte. Sie schliefen, wenn sie schlief, hielten Wache, wenn sie badete, und wenn sie das Haus verließ, flog ein kleines Kontingent hinter ihr her. Es waren seltsame Vögel, sowohl dem Aussehen als auch dem Verhalten nach, doch irgendwann gehörte Eleonoras Schwarm zum Alltagsleben, war ein vertrauter Anblick oben auf dem Osthügel. Die Leute aus der Stadt schenkten ihnen nicht mehr Beachtung als den Tauben, die auf den Dachrinnen des Hotels Constanţa hockten, und Ruxandra fand sich letztlich damit ab, den Plattenweg einmal die Woche mit heißem Wasser und Bleiche zu schrubben.

Die Wiedehopfe hätten vielleicht noch größere Verwunderung ausgelöst, wenn Eleonora selbst nicht so ein außergewöhnliches Geschöpf gewesen wäre. Schon als sie noch ganz klein war, auf den Armen ihrer Amme, konnte man bereits die ersten Keime der atemberaubenden, ernsten Schönheit erkennen, zu der sie einmal erblühen würde, ihre hübsch geröteten Wangen, das krönende Nest aus Löckchen, die großen Augen grün wie Seeglas und die Milchzähne wie winzige Elfenbeinwürfel. Sie weinte selten, machte mit acht Monaten ihre ersten Schritte und sprach im Alter von zwei Jahren ganze Sätze. Sie nahm die Welt um sich herum mit einer kindlichen, aber erstaunlich präzisen Logik wahr, ihre starke Ausstrahlung, das unbeschreibliche innere Leuchten und ihre Klarheit lockten Menschen von der anderen Seite des Marktplatzes zu ihr herüber, die ihr unbedingt einen Kuss auf die Stirn geben wollten. Trotz dieser unbestreitbaren Einzigartigkeit verlief Eleonoras frühe Kindheit im Großen und Ganzen recht gewöhnlich. Sie verbrachte die Tage damit zu schlafen, zu essen und ihre Umwelt zu erkunden, spielte mit Holzlöffeln auf den Töpfen in der Küche oder betrachtete gedankenverloren das Muster eines der Teppiche im Wohnzimmer.

Zu Eleonoras frühesten Erinnerungen zählten die Geschichten, die ihr Vater ihr manchmal nach dem Abendessen erzählte. Dann kletterte sie bei ihm auf den Schoß und spürte die kratzige Wolle seiner Jacke am Arm. Das Feuer im Kamin prasselte, es roch nach dem Leder des Sessels, und Ruxandra saß in einer Ecke des Zimmers und nähte. Ehe Yakob mit einer Geschichte begann, griff er in seine Jackentasche, holte eine Prise Tabak hervor und stopfte sie mit dem Daumen in seine Pfeife. Der Pfeifenkopf hatte die Form eines gelbbraunen Löwenhauptes und war aus einem Stein namens Meerschaum geschnitzt. Eleonora hielt den Atem an, wenn ihr Vater ein Streichholz zur Hand nahm und es anriss, um dann die Flamme über das Löwenhaupt zu halten. Es kam ihr so vor, als wäre diese Prozedur ein uraltes Ritual und als wären sie die einzig Verbliebenen, das Geheimnis zu hüten. Wenn er dann zwei- oder dreimal gepafft hatte, legte er eine Hand auf ihre Schulter und fragte, ob sie eine Geschichte hören wolle. Natürlich sagte sie jedes Mal Ja.

Die Geschichten ihres Vaters handelten von weisen Männern, Reisenden, Kaufleuten und Dummköpfen. Sie spielten in Bukarest, Paris, Wien und all den anderen fernen Städten, die er als junger Mann besucht hatte. Städte mit Namen wie Lanzhou, Andijan, Persepolis und Samarkand; Städte mit hängenden Gärten, Türmen, die in den Himmel ragten und mehr Menschen, als man sich überhaupt vorstellen konnte; Städte mit Tigern, die im Schatten lauerten, und Elefanten, die mitten auf der Straße dahinstampften; Städte so alt wie die Berge, voller Zauberei, sowohl guter wie böser. Er hatte die ganze Welt bereist, ihr Vater, hatte mehr Orte gesehen, als sie zählen konnte, doch seine Lieblingsstadt war jenes uralte Bindeglied zwischen den Kontinenten, die Heimat von Io und Justinian, der Stolz von Konstantin und Selim, die Perle des Bosporus, das funkelnde Juwel im Herzen des Osmanischen Reiches. Seine Lieblingsstadt war Stambul, und dort spielten alle seine besten Geschichten.

Abgesehen von den Geschichten ihres Vaters sollte sich ihr noch eine weitere Erinnerung aus ihrer frühen Kindheit einprägen, und zwar die an einen Vorfall kurz nach ihrem vierten Geburtstag. An jenem heiteren, strahlend blauen Nachmittag im Frühherbst nämlich wurde sie sich zum ersten Mal der Kraft ihrer Konzentration bewusst. Barfuß und mit einem schlichten roten Baumwollkittel bekleidet, saß Eleonora im Schneidersitz unter den Tomatenranken und grub mit den Fingern ein Loch in die nasse klumpige Erde. Eine warme Brise wehte den Hügel herauf, die Wiedehopfe zwitscherten miteinander, und von der Hintertreppe konnte man bis nach Năvodari sehen. Sie hatte gerade eine glänzende graue Kugelassel gefunden und studierte sie, während sie sich auf ihrer Handfläche entrollte, als sie am Rande des Gartens ein Rascheln hörte. Es war ein Rehbock, der vorsichtig den Kopf aus dem Wald streckte. Sie sah, wie er einen Schritt vorwärts auf das Zwiebelbeet machte, dann einen halben Schritt zurück. Der Anblick eines Rehs im Garten war nicht ungewöhnlich, doch etwas an diesem Bock weckte ihre Aufmerksamkeit. Nachdem sie das Tier eine Weile durch die Tomatenranken beobachtet hatte, beschloss sie, der Sache auf den Grund zu gehen.

Eleonora fegte die Assel zurück in das Erdloch, stand auf und durchquerte den Garten. Das Reh rührte sich nicht von der Stelle, wirkte aber verängstigt durch die unmittelbare Nähe zu einem Menschen. Wie sie so dastand, am Rande des Zwiebelbeetes, nicht einmal eine Armeslänge von dem Tier entfernt, konnte sie seinen warmen, säuerlichen Atem auf der Stirn spüren. Sie blickte in das polierte Granit seiner Augen und legte eine Hand ganz langsam unten an seinen Hals. Noch immer rührte der Bock sich nicht. Von seinen bebenden Nüstern und ihrem sanften Atmen abgesehen, standen beide völlig reglos da.

Dann trat der Bock in einer einzigen Bewegung zurück, senkte sein Gehörn und hob den linken Lauf an wie ein Soldat, der seine Waffe präsentiert. Eleonora sah sogleich den Grund für die Not des Tieres und wusste, was sie würde tun müssen. Knapp über dem Huf war ein Widerhaken, ein gebogenes Stück Metall tief ins Fleisch gedrungen. Es sah aus, als wäre es von einem Zaun abgerissen oder Teil einer Wildfalle. Eleonora strich sich eine Haarsträhne aus den Augen, nahm den verletzten Lauf in die Hand und betrachtete die Wunde genauer. Die Adern drum herum pulsierten fieberhaft, und ein weißlicher Schaum quoll hervor. Das Fell am Lauf des Rehs stellte sich auf, als ihre freie Hand näherkam. Sie blinzelte, packte den Widerhaken und entfernte ihn mit einer raschen Bewegung.

Als Eleonora das Reh in den Wald davonspringen sah, schauderte sie bei dem Gedanken an das, was sie soeben getan hatte. Die Wiedehopfe über ihr stießen ein kehliges Zwitschern aus, und sogar das Knistern des Unterholzes klang wie dezenter Applaus. Die Ovationen, die Eleonora zuteilwurden, sollten aber nicht lange währen. Einen Moment später fassten Hände unter ihre Achselhöhlen und trugen sie ins Badezimmer.

»Nie wieder«, sagte Ruxandra, als sie ihr den Kittel über den Kopf zog, »darfst du so etwas tun. Wenn das bekannt wird …«

Eleonora stand als zitterndes Häufchen Elend mitten im Badezimmer, während Ruxandra einen Waschlappen zur Hand nahm. So hatte sie ihre Tante noch nie erlebt. Sie wirkte aufgewühlt, fast verängstigt.

»Was ist denn, Ruxandra? Was hab ich denn getan?«

Anstatt zu antworten, schrubbte Ruxandra sie heftig mit dem seifigen Lappen ab, zuerst die Arme, dann die Hände, vor allem zwischen den Fingern.

»Bitte«, jammerte Eleonora. »Sag mir doch, was ich falsch gemacht habe. Ich kann nicht besser werden, wenn ich nicht weiß, was ich getan habe.«

Ruxandra hörte auf zu schrubben.

»Es gehört sich nicht, mit wilden Tieren herumzuspielen. Wir haben ohnehin schon genug Ärger, wo wir Juden sind und dein Vater ständig Teppiche nach Stambul verschifft. Noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen, können wir nun wirklich nicht gebrauchen.«

»Aber es war verletzt«, sagte Eleonora. »Es hatte ein Metallstück im Bein. Es wollte, dass ich ihm helfe.«

Ruxandra tauchte den Waschlappen in kaltes Wasser und schrubbte weiter.

»Es ist mir egal, was das Reh deiner Meinung nach von dir wollte. Ich möchte nie wieder sehen, dass du so etwas machst. Und erzähl bloß niemandem davon, nicht einmal deinem Vater. Hast du mich verstanden?«

Eleonora hütete sich, zu widersprechen. Als sie sauber geschrubbt war, entschuldigte sie sich bei Ruxandra und versprach, nie wieder mit wilden Tieren herumzuspielen. Und damit, so vermutete sie, war die Sache erledigt. In gewisser Weise behielt sie recht. Ihre Tante erwähnte den Vorfall nie wieder. Dennoch konnte Eleonora sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Ruxandras Ankündigung am nächsten Morgen beim Frühstück vielleicht doch etwas mit dem Reh zu tun hatte. Es sei höchste Zeit, so erklärte sie, dass Eleonora langsam die hohe Kunst der Hauswirtschaft erlerne. Derlei Fertigkeiten würden ihr ein Leben lang nützliche Dienste leisten. Sie würden ihr helfen, einen guten Ehemann zu gewinnen. Und überhaupt, Müßiggang sei aller Laster Anfang. Obwohl Yakob von dem Plan nicht unbedingt begeistert war, überließ er Ruxandra das letzte Wort in dieser Sache, und sie versicherte ihm, dass Eleonora der Aufgabe mehr als gewachsen sei. Damit war die Entscheidung gefallen.

»Als Erstes«, verkündete Ruxandra, »lernst du nähen.«

Sie griff in ihre Schürze und holte eines von Yakobs alten Taschentüchern hervor, zusammen mit einer Nadel und einer Rolle Garn.

»Siehst du das?«

Sie beugte sich über Eleonoras Schulter und deutete auf das Fischgrätmuster rund um den Saum des Taschentuchs. Eleonora nickte. Sie stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte das Kinn in die Hände.

»Wiederhol das Muster innen am Saum entlang. Wenn du Fragen hast, ich bin in der Küche.«

Eleonora blickte auf die Nadel und den Faden, der zusammengerollt mitten auf dem Taschentuch lag. Das würde nicht den geringsten Spaß machen, aber Widerworte hatten wenig Aussicht auf Erfolg. Sie nahm die Nadel zwischen Daumen und Zeigefinger und spähte durch die Öse. Mit leicht zugekniffenen Augen drückte sie das Fadenende mit Daumen und Zeigefinger der anderen Hand zusammen und fädelte es mit äußerster Konzentration ein. Nachdem das geschafft war, ging das Nähen wie von selbst. Vorsichtig, um sich nicht zu stechen, machte sie den ersten Stich und zog den Faden straff. Dann machte sie weiter, Stich um Stich. Das Muster war ganz einfach, bloß immer wieder die gleichen zwei Linien rings um das Taschentuch am Saum entlang. Es war eine langweilige Arbeit, aber nicht sonderlich schwierig.